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Full text of "Ungarische Revue"

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FHUM    THE    BEl^lk.ST   OF 


SAMUEL     SHAPLEIGH, 


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l,ATR   LIHKAKIAN   OF    MARVAHXi    COLLKrtK, 


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UNGARISCHE  REVUE 


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MIT  UNTERSTÜTZUNG 

DEB 

UNGARISCHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN 


HKBAUBGKOKBieiif 


PAUL  HÜNFALVY  UND  GUSTAV  HKINKICH 


1891. 


BILFTBR   JAHKaANCi. 


^  IN  OOMMISSION  BBI 


F.  A.  BBOCKHAUS 

IN  LEIPZIG,  BERLIN  UND  WIEN 
1891. 


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MAY  10    1892 


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DRUCK  DES  FRANKLIN-VEREIN. 


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INHALTSVERZEICHNISS. 

I.  ABHANDLUNGEN. 

Seite 

;(:* ^  Graf  Julius  Andrässy ...     ...      ..     ...       273 

Alexander  Bemh,,  Petöfi's  Gattin .     ..^  .     ._.     ...     ...  843 

BaU<ufi  Aladdr^  Budapest  vor  hundertsiebzig  Jahren.     ...         75 

Berzeviczy  Alberto  Denkrede  auf  Karl  Szathm&ry    _      . ...     ...  531 

Coppee  Frangois,  üeber  die  ungarische  Literatur      .  .     ..      ...     ...     „_       262 

Csergheö  Oeza,  Mittelalterliche  Grabdenkmäler  aus  Ungarn. 

VI.  Grabstein  des  Andreas  Scolari.  XV.  Jahrhundert       .     .  .     ...        .177 

VII.  Familiengrabstein  der  Berzeviczy.  XV.  Jahrhundert 180 

Eötvös    Rolandy    Baron,    Eröffnungsrede    in   der    Jahresversammlung    der 

ungarischen  Akademie  _..       ^ .  489 

Franz  Josef-Brücke,  die,  bei  Fressburg  ..     .  .     ... 168 

Gytdai  Paul,   Eröffnungsrede   in    der   Jahresversammlung   der   Kisfaludy- 

Gesellßchaft     ...        ........     ...     ._ ...     .        ...  253 

Historische  Gesellschaft,  Jahresversammlung  1891 363 

Jankö  Johann,  Graf  Moritz  Benyovszky  als  geographischer  Forscher.     ...     97 
Jekeifalussy  Josefe  Die  Eisenbahnen  im  ungarischen  Staatshaushalte     ._       292 

Journalistik,  Ungarische  im  Jahre  1891. _     ...     ... ...  266 

Kdllay  Benjamin,  Denkrede  auf  Graf  JuUus  Andr4ssy  504 

KeleU  Karl,  Vorläufige  Ergebnisse  der  Volkszählung  189Ü.__     ...  ...  282 

jKraZy  PawZ,  Ulpia  Trajana ...      ..     ...     ...     _..     _ 743 

Kis&ludy-G^esellschaffc,  XLIV.  Jahresversammlung.     ...     ...  253 

Kvacsala  Johann,  Beiträge  zur  Geschichte  des  Slovakischen  „  . 840 

LaMts  Franz,  Die  Landnahme  der  Ungarn  und  die  Astronomie      ...     ...  732 

Majldth  Bdla,  Die  Maschenpanzer   des   National-Museums.    Mit  acht  Illu- 
strationen         .     _- -     _-.     _„     ...  608 

Meyer  Josef,  Beziehungen    des  Königs  Mathias   Corvinus   zu  Wiener- Neu- 
stadt und  der  Corvinus-Becher     .  .        .     ...     ...  _  —     ...  212 

Moldüwan   Gregor,    Eine    Antwort    auf   die    Denkschrift    der    Bukurester 
Üniversitäts-Jugend ._     , ... 377 


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VI  INHALT. 

Sete 

Munkdcsy  Michael,  Die  Qualen  des  ersten  Erfolges _  _     ...  848 

PicMer  Fritz,  Boleslaw  IL  von  Polen .__      ..        .     .  .  641,  790 

Popp  Georg,  Der  Ursprung  des  Argirus- Märchens    .-.        .  ...  223 

Pubtzky  Karl,  Auf  Ungarn   bezügliche    Renaissance -Denkmäler    Mit  sechs 

Illustrationen       ...     _.. 1 

Schmidt  Wilhelm,  Die  Kinga-Sage ...     ... 82 

Schvarcz  Julius,  Der  Aristoteles -Papyrus  des  British  Museum..     341 

Montesquieu  und  die  Verantwortlichkeit  der  Kate  der  Krone   .        .  753 

Schwarz  Ignaz,   Ungarn   betreffende  Sanitäts- Verordnungen  Josefs  11.        .49 
Schtcicker   Joh.    Heinrich,    Ungarns    Industrie,    Handel    und    Verkehr   im 

Jahre  1889  .        .     .  .     .  .     ...     -.  193,  422 

Die  Wirksamkeit  des  kgl.   ungar.  Landesverteidigungs-Ministeriums 

in  den  Jahren  1877—90  .        . 572 

Süberstein  Adolf,  Graf  Stefan  Sz^chenyi's  Briefe 119 

Szana  Thomas,  Julie  Szendrey,  Petöfi's  Gattin    .  .     .  .        .     ...     _._        .  843 

SzarvoA  Leoftold,  Graf  B^la  Sz^chenyi's  Heise  im  östlichen  Asien  ..     .  315 

Szüäyi/i  Alea^ander,  Siebenbürgen  und  der  Krieg  im   Nordosten.    Mit    fünf 

Illustrationen  ... 442 

Szily  Koloman,  Generalsecretariats-Bericht  in  der  Akademie ..       494 

Szvorenyi  , Josef,  Johann  Danielik _     185 

Tisza  Ste/an,  Das  Budget  Ungarns  für  das  Jahr  1891 .        ...        35 

Vargha  Julius,  Die  Getreide- Versorgung  Oesterreich  Ungarns  und  Deutach- 
lands      . -  241 

Die  Ernte  Ungarns  im  Jahre  1891 ..,     ...       825 

Vdri  Rudolf,  Die  Lesarten  des  Ravennas  136  Hl  D2  des  Lucanus  .  .     ...  618 

Weftfier  Moritz,  Glossen  zur  bulgarischen  Zaren-Genealogie  IL    17,  145 

Die  fürstlichen  Nemanjiden -..     .  .     .....        .     ...  536 

Thomas  von  Sz^cs^ny,  Wojwode  von  Siebenbürgen      715 

Wosinsky  Moritz,  Das  prähistorische  Schanzwerk  von    Lengyel.    Mit  zahl- 
reichen Illustrationen _  .      ..     -  .     .  .     ...     _  _     _  .      -.     .  .  463 

Zawadowski    Alfred,    Die    Hochwasser-     und    Wasserbau- Angelegenheiten 
Ungarns _     — .     _ _..     ._. —  681 


U.  KÜRZE  SITZUNGSBERICHTE. 

Akademie    der    Wissenschaften,   laufende    Angelegenheiten    95,    191,    270, 

486,    628,    638,  855 

ihr  Budfjet  pro  1891  .. _.     .  192 

LI.  Jahresversammlung...     ...     ...     ...     ...     ...     .  .     ._.     ._.     ...  489 

Ballagi  Aladdr,  Ehescbliessungen  in  Ungarn  im  XVII.  Jahrhundert  .         269 


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INHALT.  VII 

Seite 

Balassa  Josefe   Classification    und    Cliarakteristik   der    ungarischen  Mund- 
arten..    .- ...     ...     ...     _  .     _.-     -.-     -.-     ...     -  -     .  -     93 

Beöthy  Zoltdn,  Bericht  über  die  Wirksamkeit  der  Kisfahidy-Geselißchaft      259 

Berczik  Az-päd,  Bericht  über  den  Teleki-Dramenpreis _.     ..,     .-.  375 

Das  ungarische  politische  Lustspiel  der  40-er  Jahre      ..     ...     _.       857 

Csonton  Johann^  Geschichte  zweier  modenesischer  Corvina-Codices  ...     ...  632 

Dalmadii  Viktor^  Matthias'  Geburtshaus.  —  Losungswort .        ^     -.     ..-       261 

Fraknöi  Wilhelm ^  Denkrede  auf  Florian  R6mer   _ -     -..     —  368 

Gonda  Bela^  Das  Eiserne  Thor  und  die  Regulirung  seiner  Katarakte  .  .       639 

Halardts  Jnliu^%  Das  Aranyos-Gebirge  im  Comitat  Krassö.. — 

Hampel  Josef,  Denkrede  auf  Florian  R6mer     __ 485 

Historische  Gesellschaft,  Jahresversammlung  1891 .  ..  .-.  .__  .._  .-_  363 
Jekelfalumf  Josef  Die  Eisenbahnen  in  unserem  Staatshaushalte  ...     ...       190 

Joannovics  Grorrj,  Die  endlose  Frage      ... --     92 

Kisfaludy- Gesellschaft,  XLIV.  Jahresversammlung   ...     ..     ..-       253 

Kdgl  Alexander,  Studien  zur  Geschichte  der   neueren  persischen  Literatur  373 

Könif/  Julius,  I)enkrede  auf  Eugen  Hunyady  .     ... ...     95 

Kuldntji  Karl,  Die  volkswirthschaftlichen    und   Culturzustände   im  Arvder 

Comitat  .      ..     .  .     - -  .     -  -     -.. -     - 630 

Kunoss  Iffnaz,  Die  türkischen  Handschriften  der  Akademie. ...  863 

JAnczy  Juliiiff,  Dante  und  Bonifaz  VHI —     - —     -.-       373 

h'vay  Josef  Der  alte  Nussbaum     -..     ...     .-.  ^   -.     --     - 262 

Ueber  Robert  Bums ...     .-.     631 

Majldth  Be'lu,  Die  BibUothek  des  Dichters  Nikolaus  Zrinyi      .-     ...     ...  488 

Mandello  Julius,  Die  rechtliche  Bedeutung  des  Wähmngswechsels  .     ...         93 

MaÜekoiits  Alexander,  Denkrede  auf  Stefan  Apdthy    270 

Ndmethy  Geza,  Cato's  Weisheitssprüche     _..     __.     ._.     -_.     — .     -_     ...       190 

Ortvay  Theodor^  Denkrede  auf  Friedr.  Pesty.-.     -..     -. -  863 

Pör  ArUon,  Denkrede  auf  Joh.  Hyacinth  Rönay.  ...  .-  .--  .-.  -..  635 
Pulszky  Franz,  Ungarisch- heidnische  Gräberfunde.  ._.  .._  _._  -  .  .__  268 
Schvarcz  Julius^  Zur  Verfassungsgeschichte  Athens  ._.     ...     .-     .-.     ...       373 

Die  neuentdeckte  'A;^vaifüv  ^oXiteia      __ 860 

Simonyi  Sigmund,  Die  Sprachneuerung  und  die  Fremdartigkeiten ..     -..       190 

Ueber  die  ungarische  Rechtschreibung.-     ..- -     _..     .-  487 

Szarvas  Gabriel,  Das  ungarische  sprachgeschichtliche  Wörterbuch  und  die 

Kritik.     ...     ...     ...     _ -     ...     -. -     ---     —  632 

Szdsz  Karl,  Erinnerungen  an  Michael  Tompa  _..     .  .     .  .     ...     ..-     ...      260 

Szicsen  Anton  Gi-af,  EröflFnimgsrede   in    der    Ungar.    Historischen   Gesell- 
schaft.     ...     ._ -.     ...     —     —     —     -. -     —363 

Szigeti  Josef,  Bericht  über  den  Hertelendy-Dramenpreis.. --       856 

Sziläyyi  Alexander,  Siebenbürgen  und  der  Krieg  in  Nordosten  1648 — 55        93 


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VIII  INHALT. 

Seite 

SzUdgyi  Alexander^  Jahresbericht  in  der  Historischen  Gesellschaft  .--      -_  367 

Georg  n.  R4k6czy  in  Polen .  . --  627 

Szvorenyi  Josef,  Denkrede  auf  Johann  Danielik  ...     _._     _. ..  191 

Teglds  Gabriel,  Ethnographische  Verhältnisse    und   administrative  Organi- 
sation des  dacischen  Bergbaues  der  Römer ._        .  190 

Thewreick  Emil,  Griechische  Epigramme  in  ungarischer  Uebersetzung...  370 

Vadnai  Karl,  Hymen,  Erzählung  von  einem  heiratsföhigen  Jüngling      ...  262 

Vdri  Rudolf y  Schollen  zu  Nicanders  Alexipharmaca 371 

Telfy  Johann,  Kisfaludy's  Elegie  «Mohacsi  in  griechischer  Uebersetzung  .  267 

Wminsky  Moritz,  Die  älteste  Leichenbestattungsweise  der  Urzeit  ...     _..  94 

Zirhy  Anton,  An  St.  Sz^chenyi  gerichtete  Briefe  1827—35 .  .       ..267 

Bericht  über  den  Farkas-Raskö-Preis 486 


m.  DICHTXJNGEN. 

Dalmady  Viktor,  König   Matthias'  Geburtshaus,   deutsch  von  Adolf  Hand- 

mann  .     .__     _.,     ...     _ _     -..     .  .     -._     _..     -..        .     ...     ...  750 

Endrodi  Alexander,  Mädchen  räche,  deutsch  von  Stefan  R<Snay.     ...      .  .         96 

Petofi  Alexander,  Das  Lied  der  Hunde,  deutsch  von  Stefan  Rönay  ...     .271 

Das  Lied  der  Wölfe,  von  demselben       ... _     — 

Väradi  Anton,  Der  fahrende  Holländer,  von  Ad.  Handraann        .       ..     _.  853 
Vörösmarty  Micfiael,  Trauerflor,  deutsch  von  Adolf  Handmann       ..     ..        375 

We}>er  Rudolf,  Obschied,  Gedicht  in  Zipser  Mundart...     ..        ..     .  .     .  .  749 

Zichy  Geza,  Es  starb  ein  Weib,  deutsch  von  Stefan  R6nay _       75^) 

Ungarische  Bibliographie       ..     ..       ...      272,  376,  751,  864 


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PAUL  HMFALTY 


der  Begründer  dieser  Zeitschrift,  ist  am  30.  November  1891, 
nahezu  82  Jahre  alt,  unerwartet  gestorben. 

Ein  Gelehrter  ersten  Banges  von  universellem  Gesichts- 
kreise und  imponirendem  Wissen,  ein  epochaler  Forscher  auf 
den  grossen  Gebieten  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft, 
der  Qeschichtschreibung  und  der  Völkerkunde,  ein  edler  und 
guter  Mensch  ist  in  dem  Entschlafenen  von  uns  geschieden. 

Heute  kann  nur  der  Schmerz  über  den  unersetzlichen 
Verlust  zu  Worte  kommen,  die  Würdigung  seiner  grossen, 
bleibenden  Verdienste  muss  ruhigeren  Tagen  vorbehalten 
bleiben. 

Ehre  und  Segen  seinem  Angedenken ! 


Budapest,  1.  December  1891. 


Gustav  Heinrich. 


# 


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AUF  UNGARN  BEZli(;LICHE  RENAISSANCE-DENKMÄLER 


I. 

Wenn  man  die  Beschreibung  der  in  den  königlichen  Mnseen  zu  Berlin 
aufgestellten  Bildwerke  der  christlichen  Epoche  aufmerksam  durchblättert, 
wird  die  Aufmerksamkeit  ungarischer  Ikonographen  vorzüglich  durch  die 
Bestimmung  zweier  Bildnisse  gefesselt,  welche  folgenderweise  lautet  (Bode 
undTschudi:  Beschr.  der  Bildwerke.  Berlin  1888,  p.  31—33):  •Verocchio^ 
Andrea  di  Michele  de  Cioni,  gen.  Andrea  del  Verocchio.  Goldschmied,  Bild- 
hauer, Maler,  geb.  1435  zu  Florenz,  gest.  1488  zu  Venedig.  In  einem  von 
Baldinucci  eingesehenen  Manuscript,  das  noch  dem  XV.  Jahrhundert  anzuge- 
hören scheint,  ausdrücklich  als  Schüler  des  Donatello  bezeichnet.  Thätig  in 
Florenz  und  Venedig.  Hauptsächlich  als  Thonbildner  und  Bronzetechniker 
wirksam,  war  er  für  die  Entwickelung  der  Kunst  Mittel-Italiens  in  den 
letzten  Jahrzehnten  des  Quattrocento  von  der  grössten  Bedeutung 

98.  Bildniss  des  Mathias  Corvinus.  Halbrelief,  unter  der  Achselhöhle 
abgeschnitten.  Parischer  Marmor,  Spuren  von  Vergoldung.  H.  0*345, 
Br.  0*25.  Erworben  1842  von  Marchese  Orlandini  in  Florenz.  —  Tieck- 
Gerhard,  Verz.  d.  B.-W.  Nr.  741 ;  Bode,  Ital.  Porträt- Skulpt.  p.  34  (mit 
Abbildung) ;  Bode,  Ital.  Büdh.  d.  Ken.  p.  255.  —  Abb.  T.  VH. 

Im  Profil  nach  links  gewendet.  Bartloses  Gesicht,  das  Haar  mit  einem 
Eichenkranz  geschmückt.  Ueber  dem  Schuppenpanzer  auf  der  linken  Schulter 
ein  Mantel. 

Gegenstück  zu  Nr.  99.  —  Mathias  Corvinus  (Hunyady),  geb.  1443, 
1458  König  von  Ungarn,  gest.  1490,  war  eifrig  bemüht  italienische  Kunst 
und  Wissenschaft  nach  seinem  Lande  zu  verpflanzen.  Ein  ähnliches  Belief, 
das  den  König  um  10 — 12  Jahre  älter  darstellt,  in  der  11.  Gruppe  der  Kunst- 
historischen Sammlungen  des  österreichischen  Kaiserhauses.  —  Die  etwas 
oberflächliche  wenig  individuelle  Behandlung  scheint  darauf  hinzudeuten, 
dass  das  Bildniss  nicht  nach  der  Natur,  sondern  in  Italien  nach  einer  Me- 
daille oder  dergleichen  angefertigt  wurde.  Dass  dies  aber  trotz  des  Floren- 
tinischen  Charakters  der  Arbeit  nicht  in  Florenz  selbst  geschehen,  dafür 
spricht  der  Umstand,  dass  sie  in  parischem  Marmor  ausgeführt  ist.  Während 

üngttiMhe  BeTM,  XI.  1801.  I.  Haft.  ] 


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^  AUF   UNGABN   BEZUGUCHE   RENAISSANCE -DENKMÄLER. 

Florenz  seinen  Bedarf  durchweg  aus  den  Brüchen  von  Garrara  bestreitet, 
ist  es  Venedig,  das  des  leichteren  Transportes  halber  den  Marmor  der  grie- 
chischen Inseln  bevorzugt.  Eben  zu  der  Zeit,  in  die  wir  die  Entstehung 
dieses  und  des  folgenden  Reliefs  versetzen,  arbeitete  der  Florentiner  Verocchio 
am  CoUeoni-Denkmal,  dessen  stilistische  Eigentümlichkeiten  wir  in  diesem 
Eelief  und  namentlich  in  dem  Gegenstück  erkennen. 

99.  Bildniss  der  Beatrice  von  Arragonien.  Halbrelief  in  halber  Brust- 
höhe abgeschnitten.  Parischer  Marmor,  Spuren  von  teilweiser  Vergoldung 
und  Bemalung.  H.  0*38,  Br.  025.  Erworben  1842  von  Marchese  Orlandini 
in  Florenz.  —  Tieck- Gerhard,  Verz.  d.  B.-W.  Nr.  685;  Bode,  Ital.  Porträt- 
Skulpt.  p.  34  (mit  Abbild.);  Bode,  Ital.Bildh.  d.  Ben.  p.  255  (mit  Abb.).  — 
Abb.  Tafel  VH. 

Im  Profil  nach  rechts  gewendet  Auf  dem  kurzen  lockigen  Haar,  durch 
das  sich  Winden  schlingen,  ein  dicker  Perlenkranz,  der  über  der  Stime  von 
einem  reichgefassten  Edelstein  festgehalten  wird.  Eine  sechsfache  Perlen- 
schnur fällt  auf  die  Brust.  Auf  der  linken  Schulter  eine  Agraffe.  Im  Haar 
und  an  den  Schmucksachen  noch  Beste  der  Bemalung  und  Vergoldung. 

Gegenstück  zu  Nr.  98. — Beatrice  von  Arragon,  Tochter  Ferdinands  I.  Kö- 
nigs von  Neapel,  1476  mit  Mathias  Corvinus  vermählt.  Zwei  bezeichnete  Por- 
trät-Darstellungen dieser  Fürstin,  eine  Büste  in  der  Sammlung  von  G.  Drey- 
fuss  in  Paris  und  ein  Relief  in  der  11.  Gruppe  der  kunsthistorischen  Samm- 
lungen des  österreichischen  Kaiserhauses,  weisen  unter  sich  und  mit  dem 
Berliner  Belief  nicht  unerhebliche  Verschiedenheiten  auf;  indess  ist  doch 
die  Verwandtschaft  der  beiden  Beliefs  so  gross,  der  Umstand,  dass  sie  Pen- 
dants zu  den  unzweifelhaften  Bildnissen  von  Mathias  sind,  so  entscheidend, 
"dass  an  der  richtigen  Benennung  nicht  gezweifelt  werden  kann. » 

Um  nun  jene  Frage,  welche  uns  hier  beschäftigt,  ob  wir  in  diesen 
beiden  Bildnissen  auch  richtig  Mathias  L  und  seine  Gemahlin  Beatrice 
erkennen  dürfen  oder  nicht,  zu  entscheiden,  muss  ich  aus  einer  Arbeit 
des  einen  Verfassers  der  Beschreibungen,  Herrn  Wilhelm  Bode,  aus  den 
1887  erschienenen  «Italienische  Bildhauer  der  Benaissance»,  die  auf  diese 
Beliefs  bezüglichen  Erörterungen  hier  anführen  (pag.  254  u.  folg.) :  «Einen 
interessanten  Vergleich  zwischen  der  venetianischen  und  Florentiner 
Auffassung  des  Beliefporträts  gestatten  uns  die  beiden  Profilbildnisse  eines 
jungen  Ehepaares,  welches  die  Berliner  Sammlung  1842  von  Marchese 
Orlandini  in  Florenz  erwarb.  Wie  das  venetianische  Relief  bildniss  dienten 
sie  offenbar  zur  Verzierung  eines  Thür-  oder  Kaminsturzes,  in  dessen  Deco- 
ration sie  eingelassen  waren.  Wie  dies  geschah,  davon  gibt  uns  ein,  zwar 
nur  handwerksmässig  hergestelltes,  aber  doch  mit  feinem  Gefühl  erfundenes 
Florentiner  Kamingesims  im  Besitz  des  Berliner  Kunstgewerbe-Museums 
ein  Bild.  Die  Durchbildung  ist  in  diesen  Florentiner  Arbeiten  von  gleicher 
Vollendung,   wie    in  jenen   venetianischen   Reliefbildnissen.    Das   Relief, 


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ANOEBUCHES   BILDNISS   DES   MATHIAS   CORMNUS. 
Berliner  Sammlung  No  98. 


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*  AUF  UNGARN    BEZUGLICHE   RENAISSANCE-DENKMALER. 

obgleich  ebenfalls  flach  gehalten,  zeigt  eine  kräftigere  Modellirung  nach  der- 
Mitte  zu.  Die  Auffassung  trägt  jenen  der  Florentiner  Kunst  eigenen  Cha- 
rakter von  Grösse  und  Feinheit  in  der  Wiedergabe  der  Individualität,  ver- 
bunden mit  einer  Anmut,  welche  einen  Künstler  wie  Antonio  Bossellino- 
oder  Benedetto  da  Majamo  verrät. 

Diese  beiden  Bildnisse  wurden  namenlos  gekauft  und  bis  vor  Kurzem- 
als «unbekannt»  in  der  Sammlung  angeführt.  Der  eigentümliche  Kopf- 
schmuck des  Mannes,  ein  Eichenkranz  im  welUgen  Haare,  den  ich  nur  noch 
bei  einem  zweiten  italienischen  Bildnisse,  bei  dem  BeUefporträt  des  Mathias- 
Gorvinus  in  der  Ambraser  Sammlung  in  Wien,  nachzuweisen  im  Stande 
bin,  legt  die  Vermutung  nahe,  dass  auch  das  Berliner  Belief  denselben  dar- 
stelle. In  der  That  sind  die  Züge  sehr  verwandte,  nur  um  etwa  zwölf  bia 
fünfzehn  Jahre  jünger.  Noch  überzeugender  ist  die  Aehnlichkeit  mit  der- 
bekannten  Medaille  des  Fürsten,  die  ihn  gleichfalls  mit  dem  Eichenkranz 
geschmückt  zeigt.  Auch  der  Schuppenpanzer,  welchen  wir  in  beiden  Por- 
träts finden,  passt  auf  den  streitbaren  Ungarnkönig. 

Dsa  Gegenstück  müsste  dann  seine  Gattin  darstellen,  und  zwar  — 
nach  dem  Alter  des  Mathias  —  seine  zweite  Gemahlin,  Beatrice,  Tochter 
Königs  Ferdinand  von  Arragon,  welche  er  im  Jahre  1476  heiratete.  Die 
Züge  dieser  Gemalin  sind  uns  in  verschiedenen,  durch  gleichzeitige  Unter- 
schriften beglaubigten  Bildnissen  erhalten :  als  Gegenstück  jener  Beliefbüste 
des  Mathias  in  der  Ambraser-Sammlung,  sowie  als  Marmorbüste  im  Besitz 
des  Herrn  Gustave  Dreyfuss  in  Paris  mit  der  Inschrift :  DIVA  BEATBIX 
ABAGK3NIA.  Wir  haben  der  letzteren  bereits  bei  Besprechung  der  Marmor- 
büste von  Marietta  Strozzi  Erwähnung  gethan.  Während  nun  das  Wiener 
Bildniss  des  Mathias,  wie  bereits  erwähnt,  mit  dem  Berliner  BeUefporträt, 
wenn  man  von  der  Verschiedenheit  des  Alters  absieht,  sich  sehr  wohl  ver- 
einigen lässt,  weichen  die  Züge  in  der  Büste  der  Beatrice,  obgleich  augen- 
scheinlich beinahe  gleichalterig  mit  der  auf  dem  Berliner  Relief  Darge- 
stellten, nicht  unwesentlich  von  derselben  ab.  Ebensowenig  stimmt  aber 
auch  das  Wiener  Belief  zu  der  Büste,  obgleich  die  Unterschriften  auf  beiden 
Arbeiten  keinen  Zweifel  lassen,  dass  ein  und  dieselbe  Person  darin  darge- 
stellt sein  solle.  Namentlich  zeigt  das  Wiener  Belief  eine  vorspringende  und 
gewölbte  Stirn,  sowie  eine  etwas  aufwärts  gerichtete  Nasenspitze,  während 
die  Stirn  in  der  Büste  bei  Herrn  Dreyfuss  auffallend  niedrig  und  zurück- 
tretend erscheint,  auch  die  Nase  spitz  zuläuft.  Den  Zügen  des  Wiener 
Beliefs  entspricht  nun  im  wesentlichen  das  Berliner  Belief;  dasselbe  zeigt ^ 
auch  schon  die  Neigung  zur  Beleibtheit,  welche  sich  bei  der  etwa  zwölf  Jahre 
älteren  Frau,  wie  sie  in  dem  Wiener  BeUefbildniss  erscheint,  bereits  aus- 
gebildet hat.  Gemeinsam  ist  dagegen  der  Büste  wie  den  Beliefbildnissen  dai^ 
kurzgehaltene  lockige  Haar,  welches  in  dem  Berliner  Belief  in  dem  Kranz» 
von  Winden  (wohl  aus  Goldemail)  der  sich  unter  den  Locken  hindarch- 


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ANGEBUCHES   BILDNISS   DER   BEATRICE   VON   ARRAÖON. 
Berliner  Sammlung  No  99. 


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*>  AUF    UNGARN    BEZUGLICHE   RENAI8SANCE-DENKMALER. 

schlingt,  und  in  dem  dicken  Perlenkranz,  den  ein  reichgefasster  Edelsteia- 
oben  über  der  Stirn  festhält,  einen  reizvoll  angeordneten  Schmuck  erhalte» 
hat.  Als  Grattin  des  Ungarnkönigs  und  Tochter  des  stolzen  Tyrannen  von 
Süditalien  verrät  sie  sich  auch  in  dem  übrigen  Schmuck,  der  breiten  sechs- 
fachen Perlenkette  und  dem  mit  Perlen  eingefassten  Edelstein,  welcher 
an  der  linken  Schulter  als  Agraffe  befestigt  ist. 

Diese  Keliefbildnisse  geben  ein  beredtes  Zeugniss  für  das  Interesse,  wel- 
ches Mathias  Hunyady  bekanntUch  an  der  italienischen  Kunst  nahm.  Noch 
heute  ist  eine  beträchtliche  Zahl  der  Manuscripte  erhalten,  welche  der  König 
in  Italien  schreiben  und  mit  Miniaturen  von  den  ersten  Künstlern  schmücken 
liess;  im  Jahre  1480  arbeiteten  nach  urkundlichen  Nachrichten  die  Bild- 
schnitzer Andrea  und  Francesco  CelUni,  die  Oheime  Benvenutos  am  Hofe 
des  Mathias;  und  Vasari  erzählt  uns  ausführlich  von  dem  Aufenthalte  des 
jungen  Benedetto  da  Majano  in  Ungarn,  der  zuerst  als  Intarsiator,  später 
als  Bildhauer  für  den  König  beschäftigt  war.  Sollte  Benedetto  damals  viel- 
leicht jene  beiden  Profilporträts  der  Berliner  Sammlung  angefertigt  haben, 
die  dann  als  Geschenke  des  Ungarnkönigs  nach  Italien  kamen  ?  Mit  der 
Zeit  ihrer  Entstehung  würde  das  übereinstimmen,  da  Banedetfco,  nach 
Vasaris  Angabe,  unmittelbar  nach  seiner  Rückkehr  aus  Ungarn  die  Thür 
im  Audienzeaal  des  Palazzo  Vecchio  zu  Florenz  anfertigte,  welche  1481 
vollendet  war.  Doch  lässt  der  Umstand,  dass  das  Porträt  des  Mathias,  im 
Gegensatz  gegen  das  sehr  individuelle  Bildniss  der  Gattin,  etwas  Allgemeines 
und  Lebloses  hat,  eher  darauf  schliessen,  dass  das  männliche  Bildniss  nicht 
nach  dem  Leben  und  daher  beide  ßehefs  wohl  in  Italien  angefertigt  wurden.» 

Wenn  wir  die  hier  wiedergegebenen  Ansichten  des  Herrn  W.  Bode  aus 
den  Jahren  1887  und  1888  mit  einander  vergleichen,  so  stossen  wir  auf 
Abweichungen  in  wesentlichen  Punkten  seiner  Anschauungen.  Im  Jahre  1887 
hielt  er  Antonio  Rossellino  oder  noch  wahrscheinlicher  Benedetto  da  Majano 
für  den  Bildner  der  Berliner  Belief porträts ;  im  J.  1888  beschreibt  er  sie  ß\& 
sichere  Arbeiten  des  Andrea  del  Verocchi»,  ohne  diese  Meinungsänderung 
näher  zu  begründen.  Aus  der  Thatsacbe,  dass  diese  Bildnisse  aus  pariscbem 
Marmor  gehauen  sind,  zieht  er  1887  keine  Folgerung,  während  er  dies  1888 
als  entscheidenden  Umstand  anführt  für  die  Hypothese,  dass  sie  von  einem 
Florentiner  Bildhauer  in  Venedig  gearbeitet  wurden,  —  und  vielleicht  hat 
ihn  gerade  dieses  darauf  geleitet,  Bildwerke  Verocchios  in  ihnen  zu  erken- 
nen, da  es  allbekannt  ist,  dass  der  berühmte  Florentiner  Meister  in  den 
achziger  Jahren  des  XV.  Jahrhunderts  in  Venedig  thätig  war.  Die  Stich- 
haltigkeit dieses  Gedankenganges  wird  jedoch  von  Herrn  Bode  selbst  unter- 
graben in  seinem  Werke  «Italienische  Bildhauer  der  Renaissance»,  wo  er 
uns  ja  belehrt,  dass  der  Gebrauch  des  parischen  Marmors  keineswegs  aus- 
schliessliche Eigentümlichkeit  der  in  Venedig  schaffenden  Künstler  war. 
Auf  Seite  25  bespricht  er  zwei  neapolitanische  Bildwerke  aus   parischem 


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BEATRIX    VON    ARRAGONIKN. 
MarmorbÜ8te  bei  Herrn.  G.  Drevfuss  in  Paris 


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ö  AUF   UNGARN    BEZUGLICHE   RENAIS8ANCE-DENKMALER. 

Marmor  und  eine  in  Siena  —  also  Toecana  —  gleichfalls  nicht  aus  italieni- 
schem, sondern  aus  griechischem  Marmor  gearbeitete  Madonna. 

Diese  Aenderung  der  Ansichten  Herrn  Bodes,  welche  er  durch  neue 
Gründe  nicht  rechtfertigt,  kann  unser  Vertrauen  zur  Endgiltigkeit  und  Voll- 
ständigkeit seiner  Bestimmung  erschüttern  und  müsste  eingehend  gewür- 
digt werden,  wollten  wir  die  Stelle  der  Berliner  Reliefs  in  der  Reihe  der 
Monumente  italienischer  Bildhauerei  näher  bestimmen;  diese  Frage  ist 
jedoch  für  den  Zweck  dieser  Zeilen  von  untergeordneter  Bedeutung,  da 
wir  hier  nur  zu  untersuchen  haben,  mit  welchem  Recht  diese  Bild- 
nisse die  Namen  Mathias  Corvinus  und  Beatrix  von  Arragon  führen,  und 
in  wie  ferne  sie  innerhalb  der  ungarischen  Ikonographie  eine  Stelle  bean- 
spruchen können. 

Die  Reliefs  waren,  als  sie  1842  in  Florenz  gekauft  wurden,  •  namenlos» 
und  wurden  seitdem  bis  1887  als  Porträts  unbekannter  Persönlichkeiten 
aufgeführt.  Herr  Bode  taufte  sie  Mathias  und  Beatrix  auf  Grund  des 
Umstandes,  dass  der  dargestellte  Mann,  gerade  so  wie  Mathias  auf  dem 
durch  die  Inschrift  beglaubigten  Ambraser  Bildniss  und  auf  der  bekann- 
ten Medaille  —  nämlich  der  grösseren  —  mit  einem  Eichenkranz  geschmückt 
ist  und  daraufhui,  dass  wir  kein  viertes  mit  Eichenkranz  geschmücktes  italieni- 
sches Männerporträt  aus  dem  XV.  Jahrhundert  kennen.  Es  sei  nebenbei 
bemerkt,  dass  die  Behauptung,  Mathias  sei  auf  dem  Wiener  ReUef  oder  auf 
der  Schaumünze  in  Schuppenpanzer  gekleidet,  den  Thatsachen  nicht  ent- 
spricht. In  den  «Ital.  Bild,  der  Renaissance»  behauptet  Herr  Bode,  dass  die 
Gesichtszüge  des  auf  dem  Berliner  Relief  Dargestellten  sehr  verwandt  sind 
mit  jenen  des  Mathias  auf  dem  Wiener  Bildniss,  die  Verschiedenheiten  ent- 
sprächen dem  Altersunterschied  von  12 — 15  Jahren,  und  femer  sei  die 
Aehnlichkeit  der  Köpfe  auf  dem  Berliner  Porträt  und  auf  der  (grösseren) 
Medaille  des  Königs  noch  überzeugender.  In  den  Erörterungen,  welche  wir 
in  der  Beschreibung  aus  dem  Jahre  1888  leser,  betont  er  stärker,  was  er 
1887  nur  nebenbei  bemerkt:  dass  die  Behandlung  des  Berliner  Männerbild- 
nisses «etwas  oberflächlich  und  wenig  individuell  sei»  mit  anderen  Worten, 
dass  man  es  nicht  für  ein  treffendes  Bildniss  einer  bestimmten  Persönlich- 
keit halten  dürfe ;  hieraus  folgert  er  jedoch  nur,  dass  es  «nicht  nach  der 
Natur,  sondern  in  Italien  angefertigt  wurde»,  das  heisst,  dass  der  Künstler 
den  König  selbst  niemals  gesehen  hat,  sondern  nur  seine  Bildnisse  kannte. 
Er  begründet  die  Benennung  des  weiblichen  Bildnisses  durch  den  Umstand, 
es  sei  das  Pendant  eines  unzweifelhaften  Porträts  des  Mathias,  also  unbe- 
dingt das  seiner  Gattin,  trotzdem  es  von  der  Dreyfuss'schen  Büste  voll- 
ständig abweicht,  trotzdem  er  selbst  der  Ansicht  ist,  dass  die  auf  dem  Ber- 
liner Belief  und  in  der  Pariser  Büste  dargestellten  Frauen  beinahe  gleich- 
altrig sind,  und  dass  beide  sehr  individuelle,  treffend  ähnliche  Bildnisse 
von  dem  Künstler  nach  der  Natur  gearbeitet  wurden.  In  diesem  Falle  bestrebt 


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AUF   UNOARN    BEZUOUCHE   RENAISSANCE-DENKMALER.  ^ 

er  sich  die  Willkürlichkeit  der  Namengebung  dadurch  zu  mildern,  dass  er  die 
Aehnlichkeit  des  Berliner  und  Wiener  Beliefs  und  die  wesentlichen  Ver- 
schiedenheiten des  Wiener  und  Pariser  Bildes  zu  beweisen  sucht.  Hätte  er 
nun  darin  recht,  so  müsste  er  es  für  möglich  halten,  dass  ein  ausgezeich- 
neter itaUenischer  Künstler  des  XV.  Jahrhunderts  —  denn  er  hält  sowohl 
den  Bildhauer  des  Beliefs,  als  den  der  Büste  dafür  —  angesichts  der  Natur 
im  Stande  war  von  ihr  wesentlich  abweichende  Züge  darzustellen,  und  dass 
-er  nicht  vermochte  ein  treffendes  BUdniss  zu  schaffen. 

Ich  glaube,  dass  wir  die  rechte  Antwort  auf  die  uns  hier  beschäftigende 
Frage  eher  finden  können,  wenn  wir  unsere  Aufmerksamkeit  auf  jenen  Teil 
richten,  welcher  die  reichhaltigere  und  verlässUchere  Grundlage  bietet,  näm- 
lich die  Bestimmung  des  Frauenbildnisses  versuchen,  also  gerade  den  ent- 
gegengesetzten Weg  einschlagen,  als  der  verdienstvolle  Director  der  Ber- 
liner Sammlungen,  dessen  Ausgangspunkt  die  Bestimmung  des  Mannes 
bildete.  Nicht  nur  die  Thatsache  setze  ich  als  unzweifelhaft  voraus,  dass  das 
Berliner  Frauenrelief  das  Werk  eines  italienischen  Künstlers  ist,  sondern 
auch  jene,  dass  die  Dargestellte  eine  Italienerin  ist,  wofür  ja  die  Bekleidung 
und  die  eigentümliche  Haartracht  zeugen.  Ist  dies  richtig,  so  haben  wir  uns 
mit  der  MögUchkeit  nicht  zu  befassen,  als  sei  hier  die  1464  gestorbene 
Tochter  des  Böhmen  Podiebrad  dargestellt.  Wenn  überhaupt  eine  Ge- 
mahlin des  Mathias  hier  abgebildet  ist,  kann  nur  Beatrice  von  Arragon  in 
Betracht  kommen.  Abgesehen  von  den  in  den  Handschriften  erhaltenen 
Miniaturbildem,  welche  wohl  nie  nach  der  Natur  gemalt  wurden  und  des- 
halb zu  einer  ikonographiscben  Bestimmung  als  Beweise  sieb  wenig  eignen, 
sind  uns  die  Züge  der  neapolitanischen  Königstochter  sicher  in  drei  Kunst- 
werken erhalten:  in  der  Pariser  Büste,  in  der  Medaille  des  ungarischen 
National-Museums  und  im  Wiener  ReUef.  Auf  allen  dreien  versichert  uns 
die  Inschrift,  es  sei  Beatrice  dargestellt. 

Ich  glaube  mich  nicht  zu  täuschen,  wenn  ich  die  Büste  als  das  frü- 
heste Bildniss  der  Beatrix  bezeichne.  Die  lebensgrosse  Büste  ist  unter  der 
Schulter  gerade  abgeschnitten.  Den  zarten  Formen  des  Busens  entspricht 
der  schlanke  Hals,  auf  dem  das  leise  gegen  die  linke  Schulter  geneigte  Haupt 
ruht.  Die  schiefe  SteUung  der  Augen  und  die  eigentümliche  Art  ihrer  Dar- 
stellung, —  dass  nämlich  das  obere  Augenlid  den  Augapfel  bis  zur  Hälfte  ver- 
deckt, —  wiederholt  sich  bei  einer  ganzen  Beihe  Florentiner  Mädchenbüsten, 
welche  Bode  auf  Seite  227 — 228  der  «Ital.  Bildh.  d.  Ren.»  zusammen- 
gesteUt  hat  Er  erklärt  die  auffallende  Eigentümlichkeit  folgenderweise :  «Die 
Künstler  haben  damit,  so  scheint  es,  einer  allerdings  sonst  nicht  nachweis- 
baren Anschauung  ihrer  Zeit  entsprechend,  den  Ausdruck  des  jungfräulich 
Sittsamen  und  Bescheidenen  wiedergeben  wollen.»  Diese  Erklärung  würde 
meine  Hypothese,  dass  die  Büste  Beatrix  noch  als  Mädchen  darstellt, 
bekräftigen ;  man  kann  jedoch  die   merkwürdige  Modellirung  der  Augen 


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AI'F    UN(4ARN    BEZUGLICHE    RENAISSANCE- DENKMALER. 


vielleicht  richtiger  damit  erklären,  dass  die  Büsten,  bei  denen  sie  vorkommt^ 
an  einem  hochgelegenen  Platz  aufgestellt  waren,  in  welchem  Fall  ihr  Blick 
so  auf  den  Beschauer  fiel,  während  er  sich  in  die  Ferne  gerichtet  hätte, 
wäre  das  Auge  mehr  geöffnet  dargestellt  worden,  und  der  Ausdruck  des  Bild- 
werkes dadurch  an  Lebendigkeit  verloren  hätte.  Dass  die  Stirne  auf  der  Büste, 
verglichen  mit  jener  auf  dem  Relief  «auffallend  niedrig  und  zurücktretend 
erscheine,»  wie  Herr  Bode  es  behauptet,  vermag  ich  nicht  wahrzunehmen. 
Es  bleiben  ja  von  der  Stirne  nur  fünf  Millimeter  oberhalb  der  Augenbrauen 
frei,  den  übrigen  Teil  verdeckt  der  Schleier,  unter  welchem  auch  die  Haare 
verborgen  sind.  Auch  was  diese  anbelangt,  kann  ich  der  Ansicht  des  Herrn 
Bode,  dass  sie  nämlich  kurzgehalten  und  lockig  seien,  nicht  beistimmen. 
Allerdings  hängen  beiderseits  an  den  Schläfen,  wo  das  Haar  unter 
dem  Schleier  hervortritt,  je  zwei  Strähnchen,  drei  Centimeter  weit  auf  die 
Wangen  herab,  das  übrige  leicht  gewellte  Haar  aber  zieht  sich  wieder 
unter  den  Kopfputz  und  lässt  uns  klar  erkennen,  dass  es  nicht  kurzge- 
schoren, sondern  am  Hinterhaupt  in  einen  Schopf  zusammengefasst  ist.  Rück- 
wärts dagegen  dringt  das  gleichmässig  geschnittene  Haar  zwei  ein  halb  Cen- 
timeter lang  unter  dem  Schleier  hervor,  und  glatt  gekämmt  bedeckt  es  den 
Nackenansatz.  Wenn  wir  die  Büste  im  Profil  nach  rechts  gewendet  ansehen 
in  derselben  Lage,  in  welcher  Beatrix  auf  der  Medaille  und  dem  Relief  abge- 
bildet ist,  so  können  wir  beobachten,  dass  der  Nasenrücken  etwas  gebogen 
ist,  und  dass  dieser  mit  der  Stirne  einen  Winkel  von  höchstens  135  Grad 
bildet.  Wir  sehen  auch,  dass  die  obere  Linie  des  oberen  Augenlids,  also 
jene,  welche  am  tiefsten  liegt,  und  den  oberen  ümriss  des  Augapfels  andeu- 
tet, fast  parallel  mit  der  Linie  der  Brauen  läuft ;  ja  sogar  dass  der  äussere 
Augenwinkel  dem  äusseren  Ende  der  Augenbrauen  etwas  näher  kommt,  als 
der  am  höchsten  liegende  Punkt  des  oberen  Augenlids  dem  entsprechenden 
Punkte  der  Brauen.  Endlich  müssen  wir  auch  den  geschwungenen  ümriss 
des  Rückens  und  Nackens  verfolgen,  von  welchem  der  entsprechende  üm- 
riss auf  dem  Berliner  Relief  durch  seine  Steilheit  so  wesentlich  abweicht, 
während  jener  auf  dem  Wiener  Bildnisse  sich  äusserst  ähnlich  schwingt. 
Die  Vermutung,  die  Büste  sei  angefertigt  worden,  als  Beatrix  noch  nicht 
verheiratet  war,  stütze  ich  nicht  nur  auf  die  fast  unentwickelte  jungfräuliche 
Erscheinung,  sondern  auch  auf  den  umstand,  dass  die  Inschrift  ihrer  könig- 
lichen Würde  nicht  gedenkt,  sie  nur  DIVA  BEATRIX  AÜAGONIA  nennt, 
während  die  Inschrift  des  nächsten  Bildnisses,  jene  der  Medaille  DIVA 
BEATRIX  HVNGARIAE  REGINA  lautet.  Die  Formen,  besonders  die  des 
Busens  und  des  Halses  sind  hier  zwar  etwas  entwickelter,  sonst  aber 
stimmen  die  Züge  vollständig  mit  jenen  überein,  welche  uns  die  Büste 
zeigte,  die  Biegung  des  Nasenrückens  ist  dieselbe,  und  auch  der  Winkel, 
unter  dem  er  zur  Stirne  stösst,  ist  derselbe.  Auch  hier  verdeckt  ein  Schleier 
den  oberen  Teil  der  Stirne,  er  ist  jedoch  hier  nicht  hinten  aufgebunden. 


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sondern  hängt  auf  den  Bücken  herunter.  Auch  hier  wird  das  Haar  nur  bei 
der  Schläfe  sichtbar,  doch  können  wir  uns  auch  in  diesem  Fall  überzeugen, 
dass  es  nicht  kurz  gehalten  ist.  Die  Form  des  Auges  entspricht  ebenfalls 
jener,  welche  wir  bei  der  Büste  beobachteten,  nur  dass  hier,  wo  Beatrix 
geradeaus  vor  sich  hinblickt,  dessen  Kleinheit  auffallender  ist,  als  auf  dem 
Dreyfuss'schen  Bilde,  wo  wir  den  Eindruck,  dass  die  Augen  klein  seien, 
der  eigentümlichen  Art  und  Weise  zuschreiben  könnten,  mit  welcher  der 
Künstler  sie  halbgeschlossen  darstellte.  Wenn  wir  der  Abweichungen  und 
üebereinstimmungen  beider  Denkmäler  Bechnung  tragen,  so  erkennen  wir, 
dass  nur  wenig  Jahre  zwischen  der  Anfertigung  der  Büste  und  der  Medaille 
verflossen  sein  können,  so  dass,  wenn  erstere  vor  der  Hochzeit,  etwa  1474 
bis  1475  entstand,  letztere  gewiss  vor  1480  modellirt  worden  sein  wird. 

Wesentlich  später,  etwa  am  Ende  der    achziger  Jahre  wurde    da» 


Wiener  Belief  angefertigt,  dessen  Inschrift :  BEGINA  HVNGAEIAE  BEA- 
TEIX  DE  ABAGK3NIA  lautet.  Aus  dem  zierlichen,  unentwickelten  Mädchen, 
dem  Modelle  der  Büste  ist  hier  eine  mächtige,  üppige  Frau  geworden.  Der 
Schnürleib  spannt  sich  straff  über  den  hochgewölbten  Busen  und  das  Kinn 
hat  sich  im  Laufe  der  Jahre  verdoppelt.  Schon  bei  der  Medaille  lassen 
sich  die  Keime  dieser  Neigung  zum  Fettwerden  beobachten.  Der  von  der 
Stime  und  dem  Nasenrücken  gebildete  Winkel  ist  auch  hier  derselbe  wie 
bei  der  Büste  und  der  Medaille.  Die  Nasenspitze  ist  wie  sämmtliche  Gesichts- 
teile  runder  und  fleischiger  geworden,  doch  ist  der  ümriss  des  Nasen- 
rückens noch  immer  gebogen,  so  dass  ich  nicht  glauben  kann,  Herr  Bode 
habe  die  Zeilen,  in  welchen  er  behauptet  «die  Nasenspitze  sei  aufwärts 
gerichtet»  angesichts  des  Bildes  geschrieben.  Gerade  wie  auf  der  Me- 
daille hängt  hier  der  Schleier  auf  den  Bücken  herunter,  und  verdeckt  die 
Haare^  welche  nur  bei  der  Schläfe  sichtbar  werden,  jedoch  genügend  um 


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festzustellen,  dass  es  nicht  kurzgescbnitten  ist ;  dagegen  bleibt  die  Stirne 
frei.  Das  Auge  entspricht  genau  jenem  der  Medaille. 

Aus  Allem,  was  wir  hier  beobachtet  haben,  geht  hervor,  dass  die  drei 
Denkmäler  zweifellos  ein  und  dieselbe  Persönlichkeit  in  drei  Phasen  ihrer 
Entwicklung  darstellen,  dass  bei  allen  dreien  die  wesentlichen  Formen  ähnlich 
bleiben,  während  die  Unterschiede  die  durch  das  Vorschreiten  der  Jahre 
Terursacht-en  Verschiedenheiten  wiederspiegeln.  Sie  sind  richtig  beobachtete 
Merkmale  des  zunehmenden  Alters  der  Königin,  und  gerade  dadurch  beweisen 
sie,  dass  die  Künstler  die  Aehnlicbkeit  in  allen  drei  Fällen  richtig  trafen.  Unter- 
suchen wir  nun  d»8  Berliner  Relief  und  was  Herr  Bode  darauf  bezüglich 
behauptet.  Gewiss  ist  der  Umstand,  dass  es  ein  Pendant  bildet  zu  dem  Por- 
trät eines  Mannes ;  wenn  es  also  Beatrix  darstellt,  sehen  wir  sie  frühestens 
in  jener  Zeit,  wo  sie  die  Braut  des  Mathias  war,  also  ist  es  jedenfalls  später 
entstanden,  als  die  Pariser  Büste.  Wenn  wir  andererseits  Herrn  Bode  zustim- 
men, dass  das  Frauenrelief  nach  der  Natur,  während  das  Männerrelief  nach 
einem  Bilde  gearbeitet  wurde,  so  können  die  beiden  Rehefs  nur  bevor  sie 
nach  Ungarn  gieng,  in  Italien  gemacht  worden  sein,  also  früher  als  die 
Medaille.  Zwar  ist  es  nur  ein  äusserlicher  Umstand,  doch  verdient  es  be- 
merkt zu  werden,  dass  auf  den  beiden  gesicherten  Bildnissen  Beatricens, 
von  denen  das  eine  sie  etwas  jünger,  das  andere  sie  etwas  älter  darstellt, 
sie  lange  Haare  trägt,  die  jener  Dame,  die  wir  auf  dem  Berliner  Relief 
aehen,  dagegen  kurz  gehalten  sind.  Viel  wesentlicher  ist  es  aber,  dass  kaum 
ein  Zug  des  Berliner  Bildes  mit  jenen  der  Büste  oder  der  Medaille  überein- 
stimmt. Der  Hals  auf  dem  Relief  ist  fast  cylindrisch  im  Gegensatz  zu  jenem 
der  Büste,  welcher  entschieden  kegelförmig  zuläuft.  Auf  dem  Relief  bilden  die 
Umrisse  des  Kinnes  nahezu  einen  rechten  Winkel,  während  auf  der  Büste 
und  auf  der  Medaille  sie  etwa  unter  112  Grad  sich  trefifen.  Auf  dem  Relief 
ist  der  Nasenrücken  geradlinig  und  der  Winkel,  unter  dem  er  zur  Stirne 
«tösst,  mindestens  158  Grad.  Das  geradeaus  blickende  Auge  ist  gross,  der 
höchstliegende  Punkt  des  oberen  Lides  hegt  viel  näher  dem  entsprechenden 
Punkte  der  Brauen  als  der  äussere  Augenwinkel,  während  wir  bei  den 
gesicherten  Bildnissen  der  Beatrix  geradedas  Entgegengesetzte  beobachten 
konnten.  Das  Vergleichen  der  Stirne  wird  dadurch  erschwert,  dass  Beatrice 
auf  allen  ihren  beglaubigten  Bildnissen  einen  Schleier  trägt,  welcher  den 
Haar- Ansatz  verbirgt,  während  der  auf  dem  Berliner  ReUef  dargestellte 
Kopf  unbedeckt  ist ;  wir  können  nur  soviel  entschieden  wahrnehmen,  dass 
bei  dem  letzteren  die  niedrige  Stirn  mit  stark  geschwungenem  Bogen  sich 
wölbt,  auf  den  sicheren  Bildnissen  Beatricens  dagegen  der  Umriss  der  Stirn 
viel  flacher  verläuft.  Herr  Bode  betont,  dass  das  Berliner  Frauenbildniss 
sehr  individuelle  Züge  aufweist,  woraus  wohl  folgt,  dass  es  die  charakteri- 
stischen Eigentümlichkeiten  der  dargestellten  Dame  getreu  schildert ;  indess, 
da  diese  Züge  einzeln  und  im  Gesammten  wesentlich  von  jenen  der  Beatrice 


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abweichen^  mässen  wir  den  Schluss  ziehen,  dass  der  Künstler  hier  nicht 
Beatrice  darzustellen  beabsichtigte. 

Was  den  Männerkopf  anlangt,  behauptet  Herr  Bode,  er  sei  wenig 
individuell  behandelt,  also  dem  lebenden  Modell  kaum  ähnlich.  Zu  meinem 
Bedauern  kann  ich  auch  diesmal  dem  ausgezeichneten  Berliner  Gelehrten 
nicht  beistimmen.  Die  bestimmt  gegliederte  Stirne,  das  leise  Zusammen- 
ziehen der  Brauen,  wodurch  Strenge  in  den  Gesichtsausdruck  kommt; 
die  Linie  des  Nasenrückens,  welche  so  fein  geschwungen  ist,  dass  maa 
bei  oberflächlichem  Betrachten  glaubt,  sie  sei  ganz  gerade ;  der  etwas  offene 
Mund,  die  bei  der  Nasenwurzel,  bei  dem  Mundwinkel  und  an  der  Wange  sa 
mannigfaltige  Modellirung  sind  lauter  Eigenheiten,  welche  nur  auf  Grund 
von  Naturbeobachtung  gebildet  werden  konnten,  und  fast  ausschliessen, 
dass  wir  es  hier  mit  einem  Idealbilde,  und  nicht  mit  der  Darstellung  einer 
bestimmten  Persönlichkeit  zu  thun  haben.  Allerdings  ist  es  richtig,  dass  die 
Gesichtszüge  an  jene  des  Mathias  Gorvinus  überhaupt  nicht  erinnern,  so  wie 
wir  sie  auf  dem  Wiener  Belief  und  seinen  zwei  Medaillen  sehen.  Nur  betreffs 
eines  Umstandes  stimmt  das  Berliner  Belief  mit  dem  Wiener  und  der  einen 
Medaille  übereins,  —  doch  dieser  ist  ganz  äusserlich  —  dass  auf  allen  dreien, 
der  Dargestellte  mit  einem  Eichenkranz  geschmückt  ist.  Auf  der  kleineren 
Medaille  ist  Mathias  mit  Lorbeer  bekränzt.  Die  Thatsache  nun,  dass 
weder  Herr  Bode,  noch  andere  ein  eichenkranztragendes  itaUenisches  Man- 
nerbüd  aus  dem  XV.  Jahrhundert  namhaft  machen  können,  ausser  die  drei 
hier  angeführten,  berechtigt  kaum  dazu  in  jedem  so  geschmückten,  gleich- 
zeitigen Bildnisse  den  Ungamkönig  zu  erkennen. 

n. 

Haben  die  Verfasser  der  Beschreibung  der  Berliner  Bildwerke  christ- 
licher Epoche  durch  ihre  Namengebung  die  unerfüllte  Hoffnung  in  uns  wach- 
gerufen, dass  wir  Gelegenheit  haben  von  einem  ausgezeichneten  Künstler 
geschaffene  Bildnisse  des  grossen  Ungarnkönigs  und  seiner  Gattin  kennen  zu 
lernen,  und  durch  ihre  wohlverdiente  wissenschaftliche  Autorität  uns  gezwun- 
gen, mit  langwieriger  Auseinandersetzung  jede  ihrer  Behauptungen  zu  contro- 
liren,  damit  wir  mit  Beruhigung  dem  Ergebniss  entsagen  können,  zu  welchem 
sie  gelangt  sind,  so  bieten  sie  durch  das  reiche  Material,  das  sie  publicirt- 
und  die  Gründlichkeit,  mit  welcher  sie  es  bearbeitet  haben,  die  sichere 
Grundlage  zur  Bestimmung  eines  vor  längerer  Zeit  (S.  Arch.  ^rt.  X. 
p.  253)  angeblich  in  Visegräd  zum  Vorschein  gekommenen  Denkmales. 

Auf  dem  aus  rotem  Marmor  gearbeiteten  Lunettenrelief  sehen  wir 
die  Jungfrau  Maria  in  Halbfigur,  welche  mit  der  rechten  Hand  das  auf  einem 
Kissen  stehende  Jesuskind  stützt  und  mit  der  Linken  einen  Bausch  ihrea 
Mantels  erfasst.  Unter  ihrem  linken  Ellbogen  guckt  ein  Engelkopf  hervor^ 


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AUF   UNOARN   BEZÜGLICHE   RENAISSANCE -DENKMALER. 


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Das  mit  einem  Hemdeben  bekleidete  Kind  erbebt  segnend  die  Bechte^ 
^yäbrend  es  in  der  an  seine  Brost  gedrückten  Linken  ein  Yögelcben 
bält  Hinter  den  Köpfen  beider  Gestalten  sehen  wir  verzierte  Heiligen- 
scheine. Auf  dem  Hintergrund  sind  Wolken  durch  längliche  Wülstengruppen 
angedeutet.  J.  Hampel,  der  uns  auf  dieses  Bildwerk  neuerUch  aufmerk- 
sam machte^  erkannte  sofort  aus  der  Composition  und  Zeichnung,  und  aus 
dem  antikisirenden  Charakter  der  BahmengliederuDg»  dass  es  ein  Werk  eines 
italienischen  Künstlers  aus  dem  XV.  Jahrhundert  sein  müsse.  Um  seiner 
Aufforderung,  den  Platz  dieses  BeUefs  in  der  Beihe  der  italienischen  Denk- 
mäler näher  zu  bestimmen,  Genüge  zu  leisten,  muss  ich  ein  Ergebniss  der 
Forschungen  des  Herrn  Bode  zur  Hülfe  nehmen.  In  den  «Italienischen  Bild- 


MEISTER   DER   MARMORMADONNEN. 
No  76.  Berliner  Sammlung.  No  77. 

hauem  der  Benaissancet  ist  eine  lange  Beihe  von  Statuen  und  Behefs  zusam- 
mengestellt, welche  augenscheinUch  einem  und  demselben  Künstler  zuge- 
schrieben werden  müssen,  dessen  Namen  uns  aber  weder  eine  Inschrift  noch 
mit  den  Bildwerken  nachweisbar  zusammenhängende  Urkunden  verraten,, 
und  welchen  Bode  als  «Meister  der  Marmormadonnen»  bezeichnet.  Wenn 
wir  die  im  BerUner  Verzeichniss  unter  Nummer  76  und  77  aufgeführten 
Madonnen  mit  der  Visegräder  vergleichen,  gewinnen  wir  die  Ueberzeugung, 
-dass  sie  auch  eine  Arbeit  des  Meisters  der  Marmormadonnen  ist.  Das  Christ- 
kind ist  fast  ohne  Aenderung  von  Nummer  77  übernommen ;  die  Haltung 
des  Kopfes,  die  Bewegung  der  segnenden  Bechten,  die  Stellung  der  Beine, 
•die  ModeUirung  des  Unterleibes,  der  Kniee  und  der  Fussgelenke  stimmen 
^enau  überein.  Nur  die  Bewegung  des  linken  Armes  ist  verschieden :  auf 


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AUF    UNGARN   BEZUGLICHE   RENAISSANCE-DENKMALER. 


dem  Belief  Nr.  77  streckt  das  Christuskiod  auch  diesen  aus,  indem  es  mit  der 
linken  Hand  einen  Apfel  emporhebt,  auf  dem  Visegräder  hält  es  in  der 
Linken  einen  Vogel,  den  es  an  seine  Brust  drückt.  Dieses  Motiv  hat  der 
Künstler  nun  auf  dem  Belief  Nr.  76  benutzt.  Die  eigentümliche  Art,  wie  die 
Hand  der  Madonna  mit  gespreizten  Fingern  dargestellt  ist,  springt  sowohl 
bei  dem  Belief  Nr.  77  als  auch  bei  dem  Visegräder  in  die  Augen.  Auf  beiden 
Beliefs  ist  das  Unterkleid  knapp  unter  dem  Busen,  hoch  gegürtet,, 
und  sowohl  die  schweren  in  sehr  spitzen  Winkeln  zusammenstossenden 
Falten  des  Untergewandes,  als  die  feinen  Parallelfaltchen  des  Aermels 
wiederholen  sich  als  charakteristische  Eigenheit  des  Künstlers  auf  allen 
drei  Bildwerken.  Schade,  dass  sowohl  das  Gesicht  der  Maria,  als  jenes  dea 
Christkindes  so  sehr  verstümmelt  sind,  dass  wir  ihre  Behandlung  mit  den 
Gesichtern  auf  den  übrigen  Beliefs  nicht  vergleichen  und  G^wiss- 
heit  erlangen  können,  ob  das  Visegräder  Belief  auch  hierin  der  Charakte- 
ristik entspricht,  welche  die  Verfasser  des  Berliner  Katalogs  aus  dem  einge* 
henden  Studium  sämmtlicher  bekannter  Werke  des  anonymen  Künstler» 
zusammengefasst  haben.  «Meister  der  Marmormadonnen»  unter  diesem 
Namen  mag,  nach  dem  Vorgang  der  deutschen  Kunstgeschichte,  bis  auf 
weiteres  ein  anonymer  Künstler  gehen,  auf  den  sich  eine  nicht  unerhebliche 
Anzahl  von  Werken  —  mit  Ausnahme  einiger  Büsten,  durchgehends  Ma- 
donnenreliefs in  Marmor  —  zurückführen  lässt.  Der  Meister  gehört  dem 
Kreise  der  Florentiner  Marmorbildner  an  und  steht  etwa  zwischen  Antonio 
Bosselino  und  Mino,  in  der  weichen  Fleischbehandlung  dem  ersten,  in  der 
manierirten  Faltengebung  und  dem  starren,  zuweilen  karrikierten  Gresichts- 
ausdruck  den  Werken  der  früheren  Zeit  des  letzteren  nahe  kommend,  mit 
dem  er  dann  auch  im  Kunsthandel  beharrlich  verwechselt  wurde.  Dass  der 
Künstler  seine  Hauptthätigkeit  etwa  zwischen  1460 — 70  entfaltete,  wird 
ausserdem  noch  durch  die,  eng  an  Donatelleske  Tradition  anschliessende^ 
Ornamentik  wahrscheinlich  gemacht. 

Der  Umstand,  dass  die  Visegräder  Madonna  aus  ungarischem  Marmor, 
also  hier  zu  Lande  gearbeitet  ist,  bietet  uns  die  Gewissheit,  dass  wir  den 
Namen  des  anonymen  Meisters  in  der  Liste  jener  Italiener  zu  suchen  haben, 
die  am  Hofe  des  Mathias  Corvinus  beschäftigt  waren,  und  indem  dadurch 
das  zu  durchforschende  Gebiet  eng  begrenzt  wird,  wächst  die  Wahrschein- 
lichkeit, dass  es  gelingen  wird,  diese  noch  offene  Frage  zu  lösen. 

Karl  v.  Pülszky.* 

-  Ans  .Archseologiai  Ertesitö»,  1890.  S.  311  ff. 


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GLOSSEN    ZUR   BULGARISCHEN    ZAREN-GENEALOGIE.  17 

GLOSSEN  ZUR  BULGARISCHEN  ZAREN-GENEALOGIE. 
11.  Kinder  Johann  Asens  II. 

a)  Aus  der  Ehe  mit  Maria  von  Ungarn. 

Mit  Bestimmtbeit  kennen  wir  hier  nur  folgende : 

a^)  H  e  1  e  n  e. 

Geboren  im  Jahre  1225,  wnrde  sie  frühzeitig  in  das  Getriebe  politi- 
scher Gombinationen  hineingezogen. 

Als  nach  der  Flacht  des  Kaisers  Bobert  aus  Konstantinopel  die  Krone 
auf  dessen  1217/8  geborenen  knabenhaften  Bruder  Balduin  (11.)  übergieng 
und  man  dringend  der  Verwaltung  eines  kraftvollen  Mannes  bedurfte, 
rieten  einige  der  Beicbsgrossen,  man  möge  den  mit  Balduin  verschwägerten 
Johann  As£n  zum  Beichsverweser  ernennen  und  diesem  Verhältnisse  durch 
Vermählung  des  jungen  Kaisers  mit  Johann  As^ns  Tochter  Helene  die 
rechte  Weihe  geben.*  Jedoch  zerschlug  sich  die  Sache  und  man  wählte 
den  französischen  Grafen  Johann  v.  Brienne. 

Empört  über  die  erfahrene  Zurücksetzung,  verband  sich  nun 
Johann  As£n  mit  dem  Kaiser  Johann  Vatatzes  von  Nikaea,  um  gemein- 
same Sache  gegen  das  lateinische  Kaisertum  in  Koustantinopel  zu  machen. 
Das  Bündniss  wurde  durch  die  Verlobung  Helene's  mit  dem  Tronerben 
Nikaea's  äusserlich  besiegelt.  Als  nämlich  Vatatzes  im  Sinne  des  mit  dem 
Bulgarenzaren  eingegangenen  Bündnisses  im  Jahre  1 235  die  Stadt  G^li- 
poli  erobert  hatte,  kamen  beide  verbündete  Herrscher,  von  ihren  Gemahlin- 
nen begleitet,  in  der  eroberten  Stadt  zusammen.  In  Lampsakos  wurde  nun 
die  bereits  im  Vorjahre  geplante  Verlobung  der  Prinzessin  Helene  mit  dem 
im  Jahre  1223  geborenen  Prinzen  Theodor  von  Nikaea  gefeiert. 

Im  Jahre  1237  trat  zwischen  den  Verbündeten  eine  Spannung  ein; 
Johann  As^n  unternahm  mit  seiner  Gemahlin  Maria  eine  Beise  nach 
Adrianopel  und  drückte  Vatatzes  gegenüber  den  Wunsch  aus,  er  möchte 
gerne  sein  Töchterchen  an  seiner  Seite  sehen,  worauf  er  es  wieder  an  den 
nikäischen  Hof  zurücksenden  wolle.  Kaiser  Vatatzes  mochte  wohl  Johann 
Aflins  Absichten  durchschaut  haben,  denn  er  erinnerte  ihn  an  die  Hei- 
ligkeit des  Eides  und  an  den  obersten  Bichter.  Sobald  die  junge  Prinzessin 
in  Adrianopel  war,  trennte  sie  Asin  von  ihrem  nikäischen  Geleite,  setzte 
die  sich  weinend  Sträubende  unter  Gewaltandrohungen  vor  sich  auf  sein 

*  Sanndo  ap.  Bongars,  Gesta  Dei  per  Francos  11.  73. 
Ungaritehe  Beme,  XL  1801.  L  Heft.  2 


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18 


GLOSSEN  ZUR  BULGARISCHEN  ZAREN -GENEALOGIE, 


Pferd  und  ritt  nach  Timova;  als  aber  noch  im  selben  Jahre  Gemahlin  und 

Sohn  Johann  AaSns  plötzlich  starben,  sah  der  Bulgarenzar  hierin  einen 

Fingerzeig  der  Vorsehung,  worauf  er  Helene  ihrem  Verlobten  zurücksandte 

und  sich  mit  Vatatzes  versöhnte. 

Helene 's  Gemahl  bestieg  als  Theodor  II.  den  Tron  von  Nikaea,  starb 

aber  schon  im  August  1 258.  Helene's  Schicksale,  sowie  die  Zeit  ihres  Todes 

sind  unbekannt.  Ihre  Kinder  sind  gleichfalls  der  Spielball  der  Politik 

geworden  (s.  u.). 

a*)    Zar   Koloman   I. 

Geboren  im  Jahre  1232,*  folgte  er  seinem  Vater  1241.  Seine  Vor- 
münder hatten  mit  Vatatzes  Frieden  geschlossen  und  sind  aus  der  kurzen 
Begierungszeit  dieses  Zaren  keine  bemerkenswerten  Ereignisse  zu  ver- 
zeichnen. Noch  weniger  wissen  wir,  ob  er  verlobt  wurde.  Er  starb  Ende 
September  1246;  es  heisst,  er  sei  vergiftet  worden. 

a^)    Anonymer   Sohn. 

Gleichzeitig  mit  der  Zarfn  Maria  und  dem  Patriarchen  von  Timova 
ist  1237  ein  Sohn  Johann  As^ns  IL  einer  Epidemie  zum  Opfer  gefallen. 
Weder  der  Name  noch  das  Alter  dieses  Knaben  ist  bekannt. 

a*)    T  h  a  m  a  r. 

Diese  Prinzessin  wird  von  Akropolita  ausdrücklich  eine  Schwester 
Ealimans  und  Tochter  der  ungarischen  Maria  genannt. 

Engel  417  hat  folgenden  Passus:  «Jedoch  hatte  die  Wittib  (Johann 
Asins  II.)  Irene  dem  jungen  Mich.  Asan  (ihrem  Sohne)  eine  Begierde,  sie 
und  ihren  Bruder  Demetrius  an  den  griechischen  Kaisern  zu  rächen,  ein- 
geflösst.  Diese  ßachbegierde  kannte  man,  und  man  wollte  ihr  noch  bei 
Lebzeiten  des  Vatatzes  durch  eine  Heirat  zwischen  Michael  Comnenus, 
Sohn  des  thessalonischen  Statthalters  Andronicus,  und  zwischen  Thamar, 
Schwester  des  Colomann,  zuvorkommen.»  —  Jireßek  268  führt  hingegen 
auf  seiner  Stammtafel  der  As^niden  den  Michael  Komnenos  ausdrücklich 
als  Gemahl  der  Thamar  an  und  beruft  sich  hierbei  auf  Akropolita  738. 

Zur  Klärung  dieser  von  Engel  nur  angedeuteten,  von  Jire6ek  apo- 
diktisch zugegebenen  Allianz  ist  es  nötig,  die  Person  dieses  Michael  Kom- 
nenos näher  zu  beleuchten. 

Sein  Vater  ist  Andronikos  Komnenos  Palaiologos,  Gross-Domestikus, 
vom  Kaiser  Johann  Vatatzes  zum  Präfekten  von  Thessalonike  ernannt  ; 

*  Nach  Anderen  wäre  er  beim  Tode  seines  Vaters  schon  im  14.  Lebensjahre 
gestanden ;  doch  verdienen  die  Angaben  der  Byzantiner,  er  wäre  damals  ein  9j  ähriger 
Knabe  gewesen,  mehr  Glauben.  Den  Namen  Eoloman  erhielt  er  jedenfalls  über 
Antrag  seiner  ungarischen  Mutter,  die  einen  gleichnamigen  Bruder  (König  von  Halics, 
I  1^1)  hatte.  Er  kommt  auch  als  Kaliman  vor. 


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19 


^wurde  mit  einer  Flotte  and  an  der  Spitze  der  gesammien  Heeresmacht 
nach  Rhodos  geschickt,  um  den  Bebellen  «Csesar»  Gabalas  zu  unter- 
werfen.^ Seine  Mutter  ist  die  Tochter  des  Alexius  Falaiologos  und  der  Irene 
Eomnena  Angela,  einer  Tochter  des  Kaisers  Alexius  III.  (a.  d.  H.  der 
Angeli).  Beider  Sohn  Michael  (den  Akropolita  c.  46, 50  etc.  meistens  Michael 
Eomnenos,  seltener  Falaiologos  nennt)  ist  1224  geboren.  Er  wurde  poli- 
tischer Umtriebe  halber  durch  Nikolaus  Manglabites,  der  es  von  Anderen 
gehört  haben  wollte,  bei  Kaiser  Johann  Yatatzes  angeklagt  und  dessen  ver- 
dächtigt, da  SS  er  nach  dem  Tode  des  Demetrius  Tomikos  in  Thessalonika 
-eine  unabhängige  Herrschaft  errichten  wolle;  um  dies  zu  ermöglichen, 
gedenke  er  sich  mit  Thamar,  der  Tochter  Johann  As^ns  U.,  zu  vermählen 
und  auf  diesem  Wege  ein  Bündniss  zwischen  den  Bulgaren  und  seiner 
eigenen  Herrschaft  zu  Stande  zu  bringen.  Die  seitens  des  Kaisers  eingelei- 
tete Untersuchung  ergab  jedoch,  dass  derjenige,  von  dem  Manglabites  die 
Sache  gehört  haben  wollte,  Michael  für  unschuldig  erklärte  und  die  ganze 
Anklage  eine  Erfindung  des  Anklägers  sei.  Nachdem  sich  noch  von  frän- 
kischer (lateinischer)  Seite  Stimmen  zu  Gunsten  Michaels  erhoben,  fand 
«8  Kaiser  Yatatzes  geraten,  Michael  von  der  ihm  auferlegten  Probe,  eine 
glühende  Eisenkugel  in  den  Händen  zu  halten,  ohne  sich  zu  brennen,  zu 
dispensiren  und  ihn  vollständig  freizusprechen. 

Unter  Theodor  11.,  dem  Sohne  und  Nachfolger  des  Kaisers  Johann 
Yatatzes,  wurde  Michael  Gross-Gonnetable ;  unter  der  Begierung  des  jün- 
geren Johann  Laskaris,  des  Sohnes  und  Nachfolgers  Theodor's  IL,  dessen 
Yonnund  er  geworden,  erhielt  er  die  Würde  eines  Gross-Domestikus  und 
Despoten,  schliesslich  wurde  er  1260  Kaiser  in  Nikaea  und  am  25.  Juli 
.1261  Kaiser  in  Konstantinopel. 

Unser  Michael  Komnenos  ist  also  Niemand  Anderer  als  der  byzan- 
tinische Kaiser  Michael  YIII.,  der  erste  Palaiologe  auf  dem  Trone ;  er 
starb  1282.  Nach  seiner  unter  Johann  Yatatzes  erfolgten  Freisprechung  sollte 
«r  die  Enkelin  dieses  Kaisers,  nämlich  die  Tochter  des  Tronfolgers  Theodor, 
Irene  heiraten,  welche  Ehe  jedoch  vielleicht  wegen  zu  naher  Yerwandt- 
schaft  nicht  geschlossen  wurde.  Es  bestand  nämlich  zwischen  dem  Faare 
folgende  Yerwandtschaft: 

Kaiser  Alexius  m.  (Angelos  Komnenos) 
Gern«  Euphrosyne  Dukaena  a.  d.  H.  Kamateros. 

Irene  Komnena  Anna  Komnena 

Oem.  1.  Andreas  Kontostephanos,         Gern.  1.   Isak  Komnenos,  Sebastokrator  \  um  1196, 
2.  Alexias  Palaeologos.  2.  Theodor  Laskaris  I.  Kaiser  von  Nikaea. 


2.  Tochter  2.  Irene 

Gern.  Andronikos  Palaeologos,  Gross-  Gem.  1.  Andronikos  Palaeologos,  Despot, 

Domestikns.  2.  Kaiser  Johann  Yatatzes. 


Michael  Komnenos   Palaeologos  2.  Kaiser  Theodor  IL 

(Kaiser  Michael  Vlll.).  Gem.  Helene,  Tochter  des  Zaren   Johannes  Asfo  II. 

Irene. 

*  Akropolita  cap.  46.  (Seite  46  der  Pariser  Ausgabe). 

2* 


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20  GLOSSEN   ZUR   BULGARISCHEN   ZAREN -GENEALOGIE. 

Irene  war  also  gewissermassen  MicbaeFs  Nichte.  Nachdem  sich  dieseir 
Heirateplan  zerschlagen,  nahm  sich  Michael  eine  Enkelin  des  Bruders  des 
Kaisers  Johann  Vatatzes  zur  Frau. 

Ihr  Name  ist  Theodora ;  ihr  Vater  beisst  Isak  Dukas,  ist  Sebastokra- 
tor;  ihre  Mutter  ist  die  Tochter  des  Sebastokrators  Johann  Dukas. 

Wir  ersehen  aus  dem  Bisherigen,  dass  eine  Ehe  zwischen  der  Prinzessin 
Thamar  und  einem  Michael  Eomnenos  nie  existirt  bat,  ja  dass  es  Letzterem 
niemals  ernstlich  eingefallen  war,  dieselbe  auch  nur  anzubahnen.  Somit 
wissen  wir  über  die  Schicksale  dieser  As^nidentochter  nichts  Goncretes. 

Es  gibt  aber  einen  Weg,  um  sowohl  über  eine  etwaige  Allianz  dieser 
Prinzessin,  als  auch  über  einen  dunkeln  Punkt  der  AsSnidengenealogie 
einige  —  wie  ich  glaube  gerechtfertigte  —  Vermutungen  aufzustellen. 

Am  15.  Juni  1253  haben  die  Bagusaner  mit  dem  Bulgarenzaren 
Michael  AsSn  ein  Schutz-  und  Trutzbündniss  gegen  den  Serbenkönig  Stefan 
Urosch  I.  geschlossen ;  *  die  Bestimmungen  des  Vertrages  haben  aber  nicht 
nur  für  Michael  allein  Geltung,  sondern  sie  erstrecken  sich  auch  auf  die 
Person  und  auf  das  Gebiet  des  Sebastokrators  Peter. 

Die  Urkunde  nennt  diesen  Peter:  tZemle  zete  svetoho  ti  caristvo 
Petra  sebastokratora»  «tvolo  svetoho  ti  caristva. . .  Petra  visokoho  sebasto- 
kratora.»  Ich  bin  leider  nicht  in  der  Lage,  über  das  in  der  Urkunde  aus- 
gedrückte Affinitätsverhältniss  des  Sebastokrators  Peter  zum  Zaren  Michael 
As2n  mir  persönliche  Auskunft  zu  verschaffen,  muss  mich  somit  auf  die 
Angaben  Anderer  stützen.  Wenzel  übersetzt  nan  die  betreffenden  Stellen 
der  Urkunde  folgendermassen  ins  Ungarische:  «Die  Leute  und  Eaufleute 
Deiner  heil.  Zarlichkeit  und  des  Schwiegersohnes  Deiner  heil.  Zarlich- 
keit,  des  Sebastokrators  Peter  .  .  .  sollen  in  Ragusa  Schutz  finden»  «Ebenso 
die  Eaufleute  Bagusa's,  die  des  Handels  wegen  in  das  Gebiet  Deiner  heil. 
Zarlichkeit  oder  in  jenes  des  Schwiegersohnes  Deiner  Zarlichkeit,  des 
Sebastokrators  Peter  kommen.  — »  Jireßek  268  und  386  führt  den 
Sebastokrator  Peter  gleichfalls  mit  Berufung  auf  obige  Urkunde  als  Schwie- 
gersohn Michael's  an ;  doch  widerruft  er  diese  Angabe  an  anderer  Stelle,** 
indem  er  Folgendes  sagt:  «In  der  Genealogie  der  As^niden  in  meiner  .  . 
Geschichte  der  Bulgaren  p.  268  .  .  ist  u.  A.  ein  grosser  Fehler :  Peter  Sevas- 
tokrator  war  nicht  Schwiegersohn,  sondern  Schwager  des  Zaren  Michael 
AsSn.»  Nachdem  es  nun  ein  für  allemale  unmöglich  ist,  in  Peter  einen 
Schwiegersohn  Michaels  anzunehmen  —  weil  Zar  Michael   1253  ein  höch- 


■•'-  Veröffentlicht    u.    A.    in    Miklosich     Monum.     Serb.    35,    "Wenzel    11.    pag. 
358  seqq. 

-*'*  Schreiben  des  Herrn  Prof.  Konstantin  Jireöek  an  mich  do.  Prag  27.  Dezem  • 

her  1887. 


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GLOSSEN    ZUR   BULGARISCHEN   ZAREN-GENEALOGIE.  31 

«tens  ISjähiiger  JäDgling  gewesen,  —  acceptire  ich,  gestützt  auf  Jire6eks 
Autorität,  den  Sebastokrator  Peter  als  den  Schwager  Michaels. 

Zar  Michael,  ein  jüngerer  Sohn  Johann  As^ns  TL,  ist — wie  wir  unten 
sehen  werden —  bestenfalls  1238  geboren  und  1253  noch  unvermählt 
gewesen,  somit  kann  die  Schwagerschaft  Peters  sich  nur  dahin  erklären, 
-dass  Peter  der  Schwestermann  Michaels  gewesen.  Fragen  wir  nun,  welche 
seiner  Schwestern  wohl  an  Peter  vermählt  gewesen  sein  konnte,  so  ergibt 
sich  die  Antwort,  dass  es  keine  der  jüngeren  Schwestern  Michaels  gewesen, 
-da  sich  dieselben  1253  noch  in  sehr  jugendlichem  Alter  befanden,  und 
dass  sich  als  Gattin  Peters  ganz  entschieden  die  Prinzessin  Thamar  anneh- 
men lässt,  nachdem  sie  1253  sich  in  der  vollsten  Reife  weiblicher  Ent- 
wickelung  befinden  konnte  und  wir  keinen  anderen  Gatten  ihrerseits 
kennen.*  Damit  will  ich  nun  nicht  mit  absoluter  Gewissheit  gesagt  haben, 
Peter  sei  Thamar's  Gemahl,  ich  will  damit  nur  die  Möglichkeit  anbahnen, 
diesen  documentarisch  sichergestellten  Schwager  des  Zaren  Michael  AsSn 
auf  der  Stammtafel  der  As^niden  zu  unterbringen  und  dies  glaube  ich  am 
richtigsten  durchzuführen,  indem  ich  ihn  als  fraglichen  Gütten  Thamar's 
aufnehme. 

b)  Aus  der  Ehe  mit  Irene  Angela : 

a^)    Zar   Michael    I.    (Äsen). 

Da  Johann  As^n  U.  sich  frühestens  Ende  1237  mit  Irene  vermählt, 
könnte  Michael,  wenn  er  das  erste  Kind  dieser  Verbindung  gewesen, 
frühestens  1238  geboren  sein.  Jedenfalls  war  er,  als  er  1246  seinem  Bru- 
der Eoloman  in  der  Regierung  folgte,  ein  unmündiger  Knabe,  für  den 
seine  Mutter  Irene  die  Regierung  führte.** 

Die  Regierungszeit  MichaeFs  ist  eine  Kette  von  fruchtlosen  Versuchen^ 
die  Grösse  Bulgariens  in  jenem  Maasse  herzustellen,  in  welchem  sie  sich 
zur  Zeit  des  Todes  seines  Vaters  befunden.  Die  erfolglosen  Kriege,  in  die 
•er  sein  Land  gestürzt,  mögen  wohl  im  Vereine  mit  den  Tronaspirationen 
seines  Verwandten,  des  Prinzen  Koloman,  den  Ausbruch  der  Unzufrieden- 
heit einer  grossen  Partei  gefördert  haben,  als  deren  Opfer  Michael  1257 
fiel.  Er  befand  sich  ausserhalb  seiner  Residenz,  als  er  von  Koloman,  den 
eine  Schaar  Timovaer  begleitete,  erschlagen  wurde. 


*  üeber  das  Jahr  ihrer  Vermählung  stehen  uns  keine  Daten  zur  Verfügung. 
Nach  einer  Notiz  ap.  Engel  411,  bemerkt  Nikephor,  dass  Thamar  noch  nach  dem 
Jahre  1245  unverehelicht  gewesen  sei. 

**  Eine  Münze   ap.    Ljubic,    Opis  jugoslavenskih  novaca,  Agram  1875,  ^t  IE. 
^r.  17  hat  folgende  Inschiift:  c(ai)  Michail  —  c(arica)  Erina. 


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22  GLOSSEN    ZUR   BULGARISCHEN    ZAREN -GENEALOGIE. 

Michaels  Gattin  war  die  Tochter  des  «Bosses  Uros»,  in  dem  wir  den^ 
Borikiden  Bostislav,  Fürsten  von  Halles  und  Ban  von  Macsö,  Schwiegersohn 
des  Ungamkönigs  Bela  IV.  zu  erkennen  haben. 

Akropolita  ^  erzählt,  dass  sich  der  Bulgarenzar  Michael  I.  As£n  (um 
1255)  mit  der  Tochter  des  «Bossos  Uros»,  eines  Schwiegersohnes  des  Königs 
von  Ungarn,  vermählt.  Dieser  Bossos  Uros  gelangte  dadurch  in  die  Lage, 
sich  in  die  Angelegenheiten  Bulgariens  zu  mengen.  Im  Frühjahr  1257  ver- 
mittelte er  z.  B.  einen  Frieden  zwischen  seinem  Schwiegersohne  und  dem 
Kaiser  Theodor  11.  von  Nikäa. 

Als  nach  Michaels  Ermordung  der  Usurpator  Koloman  IL  sich  der 
jungen  Zarin- Witwe,  der  Tochter  Bossos  Uros',  bemächtigte,  zog  Bossos 
Uros,  der  diese  Verbindung  seiner  Tochter  nicht  billigte,  1258  nach  Bul- 
garien, rückte  mit  einer  Armee  gegen  Timova  vor,  worauf  der  Usurpator 
die  Flucht  ergriflf  und  auf  derselben  getödtet  wurde. 

Obzwar  nun  die  griechischen  Quellen  nur  den  einen  Erfolg  dieses  sieg- 
reichen Vorgehens  Bossos  Uros'  in  Bulgarien  anerkennen,  dass  er  seine 
Tochter  den  Händen  des  Usurpators  entrissen  und  nach  Hause  genommen, 
ist  es  aus  abendländischen  Quellen  sichergestellt,  das  Bossos  Uros,  in  dem 
wir  unseren  Bostislav  zu  erkennen  haben,  durch  seinen  Sieg  über  den  Usur- 
pator sich  eine  Zeit  lang  zum  Herrn  der  zerrissenen  Situation  in  Bulgarien 
gemacht,  dass  er  auf  kurze  Zeit  die  Zügel  der  Herrschaft  in  seiner  Hand 
vereinigte  und  dass  er  den  Mytzes  unter  seiner  Oberhoheit  zum  Zaren  der 
Bulgaren  einsetzte. 

Nun  existirt  aber  eine  ansehnliche  Anzahl  von  Autoren,  die  in  Bossos 
Uros  nicht  unseren  Bostislav,  sondern  jemand  Anderen  vermuten.  Nament- 
lich that  dies  1841  Palacky,*  der  den  Beweis  zu  erbringen  bestrebt  war, 
dass  sich  der  Bericht  des  Akropolita  nicht  auf  Bostislav,  sondern  auf  den 
Serbenkönig  Stefan  Urosch  L  beziehe. 

Die  kräftigsten  Verteidiger  der  Palackyschen  Hypothese  waren  der 
Busse  Golubinski  und  der  neueste  Autor  der  Geschichte  der  Bulgaren : 
Jire6ek.'  Letzterer  behauptet,  das  dass  Akropolitasche  Oupo^  die  Schreibweise 
für  das  serbische :  Uros  sei,  während  andere  Byzantiner  allerdings  dafür 
Oipeatq  schreiben. 

Dafür,  dass  wir  unter  Bossos  Uros  unseren  Bostislav  zu  verstehen 
haben,  sprachen  sich   schon  vor  langer  Zeit   Gebhardi,   Engel,   Fessler, 

*  Bonner  Ausgabe,  1836,  pa/.  1:34.  —  Hier  sei  nur  zum  Beweise  des  Behaup- 
teten angeführt,  dass  sich  Bostislav  um  die  erwähnte  Zeit  den  Titel  eines  Zaren  von 
Bulgarien  beigelegt,  wie  dies  aus  einer  Urkunde  Bd.  I  pag.  3  der  gräflich  Zichyschen 
Urknndensammlung  ersichtlich  ist  («Nos  Razlaus  Dux  Galaoinp  ac  Imperator  Bul- 
garorumi). 

*  In  seiner  Abhandlung  «lieber  den  russischen  Fürsten  Bostislav •  Radhost  II  27^w 
«  Geschichte  der  Bulgaren  1876,  pag.  266,  270. 


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23 


C.  H.  Palanzow  ^  u.  A.  aus.  Ihnen  reiht  sieh  Wenzel  in  seiner  öfter  erwähn- 
ten Abhandlung  über  Bostislav  an.  Die  Gründe^  die  er  zur  Verteidigung 
seiner  Ansicht  ins  Treffen  führt,  sind  etymologischer,  politischer  und 
genealogischer  Natur. 

1.  Wenzel  geht  von  der  Ansicht  aus,  dass  die  Bezeichnung  «dominus 
de  Machout  mit  «Herr»  oder  dem  ungarischen  tur»  gleichbedeutend  ist; 
das  Wort  «Herrt  sei  aber  sowohl  bei  abendländischen  als  morgenländischen 
Autoren  im  Sinne  des  « Führers  •  gebraucht  worden.^  Damit  stehe  nun  im 
Zusammenhange,  dass  das  AkropoUtasche  Bossos  Uros  einen  «ür»  russischer 
Abstammung  bezeichne,  was  vollständig  dem  1254  urkundlich  vorkommen- 
den «Dominus  de  Machout  im  Sinne  des  «Führers •  oder  «Herzogst 
entspreche. 

2.  Dazu,  dass  wir  einen  so  wichtigen  historischen  Akt,  wie  Bostislavs 
Intervention  in  Bulgarien,  leugnen  sollten,  hält  Wenzel  die  unbestimmte 
Sofareibweise  eines  Personeneigennamens  nicht  für  genügend,  dazu  gehören 
jedenfalls  quellenmässig  beglaubigte  Daten,  weil  Bostislavs  bulgarische 
Intervention  an  und  für  sich  mit  bewiesenen  historischen  Thatsachen  in 
Uebereinstimmung  steht.  Und  schliesslich  ist  ja  die  Unbestimmtheit  in  den 
Personeneigennamen  auch  nicht  vollständig  ausgesprochen.  Stefan  Uros 
kann  man  nicht  einen  rassisch-ungarischen  Herrn  nennen ;  auch  bezeichnen 
ihn  die  byzantinischen  Autoren  nicht  als  solchen,  sondern  immer  als 
«Uresis». 

3.  Die  präzise  Angabe  Akropolitas,  dass  Bossos  Uros  Schwiegersohn 
des  Königs  von  Ungarn  gewesen,  ist  keineswegs  auf  Stefan  Urosch  von  Ser- 
bien anzuwenden,  dessen  Gattin  Helene  zwar  abendländischer  Abstammung, 
aber  keinesfalls  die  Tochter  eines  ungarischen  Königs  gewesen. 

4.  Nicht  nur  Gomides  hält  Bostislav  bulgarischen  Ursprunges,  sondern 
noch  zahlreiche  andere  ältere  und  neuere  Autoren ;  z.  B.  Neplach,^  Pul- 
kava  *  etc.,  die,  so  oft  sie  von  Bostislavs  Tochter  Kunigunde  sprechen,  sie 


*  In  der  Abhandlung  «Rosztizlav  Macsevskit  im  71.  Bande  des  Journals  des 
mssiBchen  Unternchtsministeriums. 

*  Kinnamos  und  Niketas  Choniata  z.  £.  geben  an,  dass  Kaiser  Manuel 
Ladislans  ü.  auf  den  Thron  Ungarns  erhoben,  und  neben  ihn  seinen  Bruder  Stefan 
in  jene  Würde  eingesetzt  habe,  die  die  Ungarn  «ür»  nennen  (ti^v  Ovqov/4  inexk^- 
Qioaav);  Kinnamos,  Bonner  Ausgabe  1836,  203,  Niketas  do.  1835,  lß5.  —  Die  Abend- 
länder hingegen  (nämlich  deutsche  Chronisten)  erwähnen  gelegentlich  der  Wieder- 
gabe der  ungarischen  Geschichte  des  X.  Jahrhunderts  ungarische  Anführer  des 
Namens  tAssuri,  «Sur»,  «Surai ;  dies  sind  keine  Eigennamen,  sondern  Verballhor- 
nungen des  Wortes  «az  ür»  =  der  Herr. 

^  cFiliam  Bostyslai  Ducis  Bulgarorum»  ap.Petz  II 1083;  Dobner,  Monum.  VII  113 
^  cCnnegundem  filiam  Hostislai  Ducis  Bulgarorum,  ueptem  Bela^  Regis  Unga- 
roromt  ap.  Dobner  III  231. 


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-^  GLOSSEN  ZUR  BULGARISCHEN  ZAREN -GENEALOGIE. 

eine  Tochter  des  Bnlgarenförsten  Bostyslaus  oder  Hostyslaos  nennen.  Aach 
Dlugosz  nennt  die  Griffina^  Gemahlin  Leszeks  des  Schwarzen  Ton  Erakan, 
bulgarischen  Ursprunges.* 

5.  Bostislav  selbst  nennt  sich  «Imperator  Bulgarorumf.** 

Wir  haben  der  Wenzelschen  Auseinandersetzung  unter  voUer  Aner- 
kennung ihrer  Stichhaltigkeit  Folgendes  zuzufügen : 

1.  Was  die  etymologische  Seite  der  Sache  anbelangt,  gebe  ich  zu,  dass 
«Uros»  die  gräzisirte  Form  des  ungarischen  «ürt  sei,  doch  scheint  mir  die 
sprachliche  Erklärung  des  «Bossost  als  «russisch»  misslungen.  Mir  scheint 
«Bossos»  die  gräzisirte  Form  von  «Bos»,  der  Anfangssilbe  des  Namens 
Bostislav,  zu  sein. 

±  Politischerseits  haben  wir  zu  erwägen,  dass  Zar  Michael  I.  von  Bul- 
garien deshalb  die  Tochter  des  Bossos  Uros  zur  Gemahlin  genommen,  weil 
er  durch  diese  Ehe  ein  Gegengewicht  gegen  die  Aspirationen  des  griechischen 
Hofes  sich  verschaffen  wollte. 

Nun  liegt  es  doch  auf  der  Hand,  dass  durch  ehelichen  Anschluss  an 
den  Schwiegersohn  des  Königs  von  Ungarn  sich  dieses  Gegengewicht  viel 
sicherer  erlangen  liess,  als  durch  eheliche  Allianz  mit  den  damals  noch 
unbedeutenden  und  politisch  nicht  sehr  in  die  Wagschale  fallenden  Nema- 
njiden ;  zudem  ist  uns  ja  nichts  von  einer  solchen  Tochter  Stefan  ürosch'  I. 
überliefert. 

3.  Ganz  abgesehen  davon,  dass  ja  Akropolita  deutlich  den  Bossos  Uros 
einen  Schwiegersohn  des  Königs  von  Ungarn  nennt,  ist  nicht  zu  vergessen, 
dass  einer  Vermählung  Michaels  mit  einer  dem  Ärpädenhause  verwandten 
Prinzessin  schon  durch  die  Vermählung  seines  Vaters  ein  mächtiges  Prä- 
zedens  geboten  ward  und  dass  die  Allianz  sowohl  ungarischer-  als  bulga- 
rischerseits  genealogisch  und  politisch  gerechtfertigt  war : 

Andreas  II.  von  Ungarn, 
t  1235. 


B61aIV.,  Marie,     — ^  Johann  Asön  n., 

t  1270.  t  1237.  1220/1.  f  1241. 

Anna.  3.  Oem.  Irene  Laskara. 

Gem.:  Roatislav.  ^ | 

Tochter.  —    ,,  3)  Michael  I.  (Äsen), 

am  1255.  f  1257. 


Ich  schliesse  mich  also  ganz  üb4  &^  ^^^  Meinung  an,  dass  unter 
Bossos  Uros  ausschliesslich  Bostislav  von  Maöva  zu  verstehen  sei. 

Bostislav's  und  seiner  Gemahlin  Anna  (Todhter  Bela*s  IV.)  ungenannte 
und  um  1255  an  Michael  I.  vermählte  Tochter  ist,  da  sie  unter  ihren 
Schwestern  als  die  zuerst  vermählte  erwähnt  wird,  jedenfalls  das  älteste 


*  cMatrona  Bulgariae  ortai  ed.  Lips.  1711,  VII  858.  \ 

**  Zichysches  ürkundenbuch  I  3.  \ 


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GLOSSEN    ZUR   BULGABISCHEN    ZAREN -GENEALOGIE.  ^^ 

Kind  ihrer  Eltern.  Sie  dürfte  somit  1244  geboren  und  in  ihrem  11-ten 
Xiebensjahre  vermählt  worden  sein.  Ob  sie  nach  dem  Tode  ihres  Oatten^ 
Yon  dessen  Nachfolger,  Koloman  11.^  legitim  geehlicht  wurde^  oder  nur  als 
Erbstück  des  ermordeten  Michael  ohne  Weiteres  übernommen  wurde,  ist 
nicht  genau  bekannt.  Ueber  ihre  ferneren  Schicksale  stehen  uns  keinerlei 

Daten  zur  Verfügung. 

a*)  Maria. 

üeber  diese  Prinzessin  vgl.  13)  Mytzes. 

a')   Theodor  a. 

Diese  wird  von  Akropolita  gleichfalls  als  Irene's  Tochter  angeführt^ 
-doch  begeht  er  die  Inconsequenz,  sie  auch  Anna  zu  nennen.  Ihre  Geschichte 
ist  vollständig  unbekannt. 

Ausser  den  bisher  Angeführten  kennen  wir  noch  folgende  Töchter 

Johann  AsSnsII: 

a**)    B  e  1  o  s  1  a  V  a    (W 1  a  d  i  s  1  a  v  a). 

Die  Erörterung  ihrer  Verhältnisse  s.  unter  Stefan  Wiadislav  von 
Serbien.  (Vgl.  meine  genealogische  Geschichte  der  südslavischen  Dynas- 
tien —  ung.  — ) 

a®)    Maria. 

Natürliche  Tochter  Johann  As^ns  II.  von  unbekannter  Mutter. 

Als  Theodor  Angelos,  Despot  von  Epiros,  die  Grenzen  seines  Reiches 
mehr  und  mehr  erweiterte^  musste  es  zwischen  ihm  und  Johann  Äsen  II. 
2U  Auseinandersetzungen  kommen.  Der  Bulgarenzar  fand  es  Anfangs 
geraten  mit  Theodor  auf  freundschaftlichem  Fusse  zu  stehen  und  ein  Aus- 
fluss  dieses  Bundes  war  die  Vermählung  Maria's,  der  natürlichen  Tochter 
des  Zaren,  mit  dem  Prinzen  Manuel  Angelos,  Theodors  Bruder. 

Das  Jahr  der  Vermählung  lässt  sich  nicht  apodiktisch  festsetzen^  doch 
gehen  wir  nicht  irre,  wenn  wir  dafür  ca.  1225  annehmen.  Da  diese  Maria 
jene  Tochter  Johann  AsSn's  II.  ist,  die  sich  unter  ihren  Schwestern  am 
frühesten  vermählte,  so  ist  sie  sicherlich  ihres  Vaters  erstes  Kind  und 
muss  sie  deshalb  die  Reihe  der  Kinder  Jobann  Asens  II.  eröffnen. 

Als  Theodor  —  nachdem  er  den  Freundschaftseid  gebrochen  —  in 
<ler  Schlacht  bei  Klokotnica  im  April  1230  aufs  Haupt  geschlagen  wurde, 
Hess  Johann  AsSn  seinen  Schwiegersohn  im  Besitze  von  Tbessalonich  und 
•einigen  Stücken  von  Epiros,  worauf  Manuel  den  Kaisertitel  annahm. 

Als  nun  Johann  Äsen  1237/8  sich  mit  Irene  Angela,  der  Nichte 
ifanuers  verheiratete,  mag  ihm  die  Verschwägerung  mit  seinem  Schwieger- 
sohne denn  doch  nicht  ganz  bequem  für  sein  religiöses  Gewissen  erschie- 
nen sein.  Er  Hess  daher  seinen  Schwiegervater,  den  in  der  Schlacht  bei 
'Klokotnica  gefangenen  und  geblendeten  Theodor  frei  und  bot  ihm  genü- 
gende Hilfe,  sich  Thessalonichs  wieder  zu  bemächtigen.  Theodor  nahm  den 


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2ö  GLOSSEN   ZUR   BULGARISCHEN   ZAREN-GENEALOGIE. 

Kaiser  Manuel  gefangen,  internirte  ihn  in  dem  pamphilischen  Attalia  und 
schickte  die  Kaiserin  Maria  zu  ihrem  Vater  nach  Bulgarien  zurück.^ 


12.  Zar  Eoloman  II. 

Wie  wir  wissen  hat  Zar  Johann  As^n  I.  zwei  unmündige  Söhne  hin- 
terlassen, deren  jüngerer  den  Namen  Alexander  geführt.  Dieser  teilte  die- 
Schicksale  des  älteren  Bruders  Johann  Äsen  bis  zu  dessen  Tronbesteigung^ 
Er  dürfte  sofort  nach  dem  Begierungsantritte  desselben  die  Würde  einea 
Sebastokrators  erhalten  haben  und  es  ist  fast  sicher  anzunehmen,  dass  er 
Johann  AsSn  II.  nicht  überlebt  hat,  weil  es  sonst  unerklärlich  wäre,  dass  wir 
gelegentlich  der  Regierung  seiner  beiden  minderjährigen  Neflfen  Koloman 
und  Michael  nicht  auf  sein  politisches  Wirken  stossen. 

Aus  seinem  Leben  wissen  wir  nur  sehr  wenig.*  Aus  einer  unten  aus- 
führlicher zitirten  Urkunde  ersehen  wir,  dass  er  in  einem  gegen  Ungar» 
geführten  Kriege  das  bulgarische  Heer  kommandirte  (was  aber  vor  123S 
verfolgt  ist.)  Nichtsdestoweniger  ist  es  aber  heute  gang  und  gäbe,  ihm 
einen  Sohn  Namens  Koloman  zuzuschreiben,  denselben  nämlich,  der  den 
Zaren  Michael  I.  1258  ermordete.  Niketas  nennt  ihn  nur  einen  Verwandten 
Michael's.  Die  Provenienz  seines  ungarischen  Namens  betreffend,  ist  anzu- 
nehmen, dass  er  wahrscheinlich  gleichzeitig  oder  kurz  nach  Johann 
Asen's  11.  Sohn  Koloman  geboren  wurde  oder  dass  seine  Mutter  vielleicht 
auch  eine  Ungarin  gewesen. 

Koloman  IL  suchte  den  durch  einen  Mord  erworbenen  Tron  dadurch 
zu  kräftigen,  dass  er  sich  mit  thunlichster  Eile  zum  Gatten  der  jungen 
Zarenwitwe  aufdrängt.  Bostislav,  von  der  Wendung  der  Dinge  in  Bulgarien 
unterrichtet,  zog  mit  einem  Heere  gegen  Timova ;  bevor  er  aber  noch 
daselbst  eintraf,^  war  der  Usurpator  nicht  mehr  am  Leben.  Koloman  hatte 
(entweder  auf  die  Nachricht  von  Rostislavß  Anzüge  hin  oder  einer  ihm  feind- 
lichen einheimischen  Partei  weichend)  die  Flucht  ergriffen  und  fand  auf 
derselben  seinen  gewaltsamen  Tod. 

Mit  ihm  ist  der  Mannesstamm  der  Aseniden  ausgestorben  und  hän- 
gen sämmtliche  Herrscher  Bulgariens  bis  zu  den  Zeiten  der  jüngeren  Sis-^ 
maniden  entweder  durch  mütterliche  Abstammung  oder  nur  durch  Ver- 
schwägerung mit  den  Aseniden  zusammen. 


*  Engel  414  meint,  Johann  Aßdn  habe  Manuel's  Sturz  mir  deshalb  befördert,, 
damit  er  durch  Trennung  der  Ehe  Manuel's  die  Wirkung  der  gegenseitigen  Verwandt- 
schaft aufhebe. 

'  Der  Pomenik  erwälmt  ihn  als  Alexander,  Sebastokrator,  Bruder  des  grosseik 
Zaren  Asön. 

*  Jirecek  267. 


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GLOSSEN   ZUR   BULGAM8CHEN    ZA  REN -GENEALOGIE. 


27 


13.  «Zart  Mytzes. 

Wenn  wir  die  Berichte  der  Byzantiner  Georg  Pachymeres  nnd  Nike- 
phor  Gregoras  *  snmmiren,  so  ergeben  sich  für  die  auf  Eoloman's  II.  Tod 
gefolgten  unmittelbaren  Ereignisse  folgende  Besultate  : 

Bostislay  hatte,  als  er  nach  Michael's  und  Eoloman's  II.  Ermordung 
die  Ordnung  in  Bulgarien  hergestellt,  den  Mytzes,  den  Gemahl  der  Maria,, 
einer  Tochter  Johann  Asen's  ü.  und  der  Irene  Angela,  zum  Machthaber  in 
Bulgarien  eingesetzt.  Mjrtzes,  ein  energieloser  und  träger  Mensch,  zeigte  sich 
jedoch  nicht  gewachsen,  die  ihm  zugefallene  Aufgabe  zu  lösen  und  sa 
gelang  es  dem  von  der  nationalen  Partei  aufgestellten  Konstantin  (siehe 
Konstantin),  den  Kampf  gegen  Mytzes  siegreich  zu  Ende  zu  führen.  Der 
erste  Schritt  hierzu  war  die  Einnahme  Timova's,  aus  dem  Mytzes  floh  und 
in  welchem  sich  Konstantin  zum  Zaren  krönen  Hess.  Mytzes  gelang  es 
zwar  bald  darauf  seinem  Gegner  eine  Schlappe  beizubringen,  in  Folge- 
deren  sich  derselbe  in  das  Schloss  Stenimachos  zurückziehen  musste,  doch 
gelang  es  den  mit  Konstantin  verbündeten  Truppen  des  nikäischen  Kaisern 
Theodor  11.  den  Belagerten  zu  entsetzen.  Der  im  August  1 258  erfolgte  Tod 
Theodor's  11.  war  für  Mytzes  ein  grosser  Nachteil  und  wir  irren  wohl  nicht,, 
wenn  wir  behaupten,  dass  er  sich  nun  nur  mit  ungarischer  Hilfe  in  den 
Gebirgsgegenden  um  Tirnova  herum  gegen  Konstantin  kümmerlich  behaup- 
tete. Als  aber  um  1 264  Mytzes  auf  sich  allein  angewiesen  war,  zwang  ihn 
Konstantin  zur  Flucht.  Er  floh  nach  Meeembria  und  warf  sich  bald  in  die 
Arme  des  Kaisers  Michael  Palaiologos  von  Konstantinopel,  dem  er  Meaem- 
bria  und  Anchialus  gegen  einige  erträgliche  Güter  am  Skamander  in  Kol- 
chis  übergab.  Was  mit  Mytzes  ferner  geschehen,  ist  unbekannt;  es  scheint 
dass  er  1278  (als  sein  Sohn  zum  Zaren  Bulgariens  ersehen  wurde)  nichi 
mehr  am  Leben  gewesen;  auch  über  die  Geschicke  seiner  Gattin  Maria 
sind  wir  im  Unklaren ;  sie  hat  jedenfalls  —  gleich  ihrem  Gatten  ~  ihr 
Leben  auf  den  Gütern  am  Skamander  beschlossen. 

Jire^ek  270  leugnet  die  Herrschaft  des  Mytzes,  lässt  nach  Koloman's  IL 
Ermordung  sofort  den  Konstantin  zum  Zaren  gewählt  werden  und  hält  ea 
für  sehr  wahrscheinlich,  dass  dieser  Mytzes  Niemand  Anderer,  als  der 
durch  Sagen  entstellte  Zar  Michael  AsSn  (Mica,  Diminutiv  für  Michail)  sei. 
Er  begründet  dies  Alles  damit,  dass  der  Zeitgenosse  Akropolita,  der  doch 
1260  den  Zaren  Konstantin  persönlich  kennen  gelernt,  von  der  2jarenschaft 
des  Mytzes  Nichts  erwähne,  und  dass  wir  unsere  Nachricht  über  Letzteren 
nur  dem  späteren  Zeitgenossen  Pachymeres  und  dem  Epigonen  Nikephor 
Gregoras  verdanken.  Dem  gegenüber  haben  wir  Folgendes  zu  erwägen: 


*  Ergterer  lebte  1242—1308,  Letzterer  1295—1360. 


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1 


^8  GLOSSEN    ZUR   BULGARISCEtEN    ZAREN -GENEALOGIE. 

a)  Mytzes  ist  yon  Bostislav  sicherlich  nicht  zum  Machthaber  ganz 
Bulgariens  eingesetzt  worden. 

h)  Sofort  nach  dem  Antritt  seiner  Herrschaft  hat  die  mit  seiner  Per- 
son und  der  ungarischen  Oberherrlichkeit  unzufriedene  nationale  Partei 
<len  Konstantin  zum  Zaren  gewählt. 

c)  Mytzes  war  somit  nach  kurzer  Herrlichkeit  zur  Bolle  eines  angefein- 
deten und  verfolgten  Prätendenten  gelangt,  während  Konstantin  sowohl 
Ton  seinen  eigenen  Unterthanen,  wie  auch  vom  kaiserlichen  Hofe  zu  Kon- 
«tantinopel  als  faktischer  und  legitimer  Beherrscher  Bulgariens  anerkannt 
worden  ist. 

Somit  haben  wir  allenfalls  das  Becbt,  Mytzes  —  der  niemals  zur 
selbstständigen  und  unbeschränkten  Herrschaft  gelangt  war  —  nicht  in 
<lie  Zarenreibe  aufzunehmen  (in  der  er  als  Michael  U.  figuriren  müsste) ; 
aber  daraus,  dass  der  Weihnachten  1260  am  Hofe  Konstantins  glänzend 
empfangene  Akropolita  einzig  und  allein  nur  Konstantin  als  Zaren  Bulga- 
riens kennt  und  seine  Tronbesteigung  ohne  Berücksichtigung  der  mit 
Bezug  auf  den  in  den  Augen  des  kaiserlichen  Gesandten  illegitimen  Prä- 
tendenten Mytzes  sich  abgespielten  Ereignisse,  als  ein  Faktum  erzählt, 
welches  1258  sofort  nach  Koloman's  U.  Ermordung  sich  vollzog:  dürfen 
wir  noch  durchaus  nicht  behaupten,  dass  Pachymeres,  der  z.  B.  1265,  als 
Mytzes  sich  in  Griechenland  als  Privatmann  zurückgezogen,  schon  eia 
23jähriger  Mann  gewesen,  seinen  Mytzes  mit  dem  durch  Sagen  entstellten 
Zaren  Michael  Äsen  verwechselt  habe. 

Yon  Mytzes*  Kindern  kennen  wir  nur  folgende  zwei  mit  Bestimmtheit : 

1)  eine  ihrem  Namen  nach  unbekannte  Tochter,  die  1279  an  Georg 
Terterij  I.  (s.  d.)  vermählt  wurde. 

2)  Zar  Johann  Äsen  III.  Als  der  Usurpator  Ivajlo  auf  der  Höhe 
^seiner  Erfolge  gestanden,  fand  es  der  griechische  Hof  geraten,  ihm  in  der 
Person  eines  As^niden  einen  Gegner  aufzustellen.  Mytzes  war  damals  ent- 
weder nicht  am  Leben,  oder  hatte  er  sich  durch  die  kurze  Zeit  seiner  bul- 
garischen Herrscherschaft  als  viel  zu  untau&^lioh  erwiesen,  kurz  os  wurde 
sein  Sohn  Johann  vom  Staatsrate  dazu  aust-rsehen,  dem  mächtigen  Aben- 
teurer die  Spitze  zu  bieten.  Um  die  asSnidische  Abkunft  des  neuen  Tron^- 
hewerbers  noch  durch  einen  aktuellen  Vorzug  seiner  Person  mit  grösserem 
Nimbus  zu  umkleiden,  verlobte  man  ihn  —  den  nunmehr  designirten  Zar 
von  Bulgarien  —  mit  der  Prinzessin  Irene,  einer  Tochter  des  Kaisers 
Michael  VIII.  Nun  erhielt  er  noch  den  für  bulgarische  Ohren  besser  klin- 
genden Namen  Äsen  und  für  den  Fall  des  Misslingens  seiner  bulgarischen 
Tronbestrebungen,  die  Zusicherung  des  Titels  eines  byzantinischen  Des^ 
poten.  Die  Hochzeit  wurde  mit  grossem  Pompe  Anfangs  1278  gefeiert. 

Als  sich  Anfangs  1279  das  Gerücht  von  Ivajlo's  Tod  verbreitete, 
öflfnete  das  belagerte  Tirnoya  seine  Tore  und  Johann  Äsen  IIL  zog  unter 


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GLOSSEN    ZUR   BULGABISCHEN    ZABEN- GENEALOGIE.  21> 

Frendebeseugungen  der  Einwohner  als  Zar  ein ;  kurz  darnach  folgte  ihm 
seine  unterdessen  in  Griechenland  gebliebene  Gemahlin. 

Die  Zarenherrlichkeit  Johann  As^ns  lU.  dauerte  nicht  lange.  Er  hatte 
die  Unerfahrenheit  in  militärischen  Dingen  und  die  XJntüchtigkeit  über- 
haupt von  seinem  Vater  geerbt.  Als  der  zurückgekehrte  Ivajlo  ein  zu  Johann 
As^n's  Schutze  herbeigekommenes  griechisches  Heer  am  15.  Aug.  1280 
aufs  Haupt  schlug  und  Georg  Terterij^  Johann  Asen's  Schwager,  sich  eine 
grosse  Partei  im  Volke  und  unter  dem  Adel  erworben,  raffte  der  Zar  alle 
Schätze  seiner  Burg  zusammen  und  floh  —  eine  Strecke  unter  dem  Vor- 
wande  einer  Beise  aus  Gesundheitsrücksichten  —  über  Mesembria  nach 
Eonstantinopel.  EAiser  Michael  schalt  den  Feigen,  konnte  aber  nicht  ver- 
hindern, dass  die  Bulgaren  sich  einen  Zaren  aus  ihrer  Mitte  wählten. 

Johann  As^n's  HI.  sowie  seiner  Gattin  Schicksale  nach  1 280  sind 
unbekannt;  besser  kennen  wir  indessen  seine  Nachkommen. 

Er  hatte  vier  Söhne  und  drei  Töchter,  deren  eine  (Maria)  sich  1305/6 
mit  Boger  de  Flor,   dem  Anführer  der  katalonischen  Söldner  vermählte. 

Unter  den  Söhnen  Johann  Asßn's  III.  spielte  der  Protovestiar  Andro- 
nikos  Asän  eine  grosse  Bolle ;  seine  Tochter  Irene  Asanina  war  die  Gemahlin 
des  nachmaligen  Kaisers  Johann  Eantakuzenos. 

Einer  seiner  Enkel, "^  Johann,  erscheint  (1344)  als  Eonmuandant 
Johann  Eantakuzen's  in  Morrha. 

Mit  Andronikos,  dem  Urenkel  Johann  As^n's  IE.  hört  bei  Ducange 
114  die  genealogische  Beihenfolge  der  «Asanina  Familia»  auf  und  alle 
später  vorkommenden  gräzisirten  Nachkommen  Johann  As^n's  HI.  sind 
uns  nur  daher  als  solche  gekennzeichnet,  weil  sie  den  Namen  »Asan» 
ihrem  Taufnamen  angereiht  führen. 

Bemerkenswert  sind  unter  ihnen  : 

1.  Alexius  Asan,  beherrschte  östlich  von  Süd-Macedonien  die  Seestadt 
Christopolis  (bei  Kavala)  und  die  Insel  Thasos  bei  17  Jahre.  Nachdem  er 
den  Türken  einige  Schlösser  entrissen  und  an  seinen  Nachbarn  keinen 
Schutz  fand,  erwarb  er  1373  das  venetianische  Bürgerrecht.  Er  hatte  zwei 
Brüder,  von  denen  Johann  am  9.  März  1356  gleichfalls  die  oben  genannten 
Lehen  erhielt.  1373  ist  Johann,  ebenso  wie  der  andere  Bruder  bereits  ver- 
storben. Die  Tochter  des  Alexius  heiratete  vor  1383  einen  Baoul,  ohne 
Zustimmung  des  Patriarchen.  Nach  diesen  As^niden  erben  die  Herrschaft 
die  Familien  Baoul  und  Branas. 

2.  Isak  Asan  um  1420,  erwähnt  von  dem  Byzantiner  Phranzes. 

3.  Paul,  gleichfalls  erwähnt  von  Phranzes,  war  Präfekt  von  Konstan- 
tinopel und  +  1442.  1439  war  er  Gesandter  Johanns  VTII.  bei  Sultaa 


*  Engel  455. 


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^  GLOSSEN    ZUR    BULGARISCHEN    ZAREN- GENEALOGIE. 

Marad  11.  Seine  Tochter  Zöe  beiratete  1441  den  Prinzen  Demetrius  Palaio- 
logos,  einen  Bruder  des  letzten  griechischen  Kaisers  Konstantin.  Demetrios 
war  Herr  von  Misithra  und  Korinth,  regierte  bis  30.  Mai  1460  und  starb  1470 
als  Mönch  Dayid  in  Adrianopel.  PauFs  Sohn  Matthäus  war  Präfekt  von 
£orinth,  das  er  1458  an  die  Türken  verriet.  Er  starb  mit  seiner  Toch- 
ter 1467. 

4.  Demetrius,  zur  selben  Zeit  Präfekt  einer  Stadt  im  Peloponnes 
(erwähnt  von  Laonikos  lib.  IX). 

5.  Asan  Zaccaria.  Seine  Nachkommen  führen  den  Namen  Asan.  Gen- 
turio,  Fürst  von  Damala,  wird  von  Phranzes  wegen  seiner  Heirat  mit  einer 
Asanina  dieser  Familie  zugezählt. 

6.  Alexander  Asan,  Verwandter  des  Kaisers  von  Konstantinopel,  wird 
1470  bei  D'Oultreman  erwähnt  (t  27.  Okt.  1500). 

7.  Demetrius  und  Michael  Asan ;  zogen  nach  der  Eroberung  Konstan- 
linopels  durch  die  Türken,  nach  Italien,  wo  sie  noch  1455  lebten.  Ihrer 
erwähnt  Franz  Philelphos  (t  1481)  lib.  XIL  epist.  pag.  263. 

8.  Andreas  Asan,  lebte  unter  dem  Patriarchen  Euthymios.^ 

9.  Demetrios  As^n,  Herr  von  MouchUon;  seine  Tochter  ist  vermählt: 
1)  mit  Franz  H.  aus  dem  Hause  Acciajuoli  f  1460,  2)  mit  Georg  Jagros, 
Protovestiar  von  Trapezunt. 

14.  Zar  Konstantin. 

Wie  wir  bereits  unter  Mytzes  gesehen,  hat  die  nationale  Partei  nach 
der  durch  Eoloman's  II.  Tod  erfolgten  Erledigung  des  Trones,  in  der  Per- 
son eines  sichern  Konstantin  einen  neuen  Zaren  gewählt  (1258).  Ducange 
109  nennt  ihn  blos  Constantinus  Techus,  resp.  «Techi  filiust>  lässt  sich 
aber  über  seine  Familie  mit  keinem  Worte  vernehmen. 

Engel  421  nennt  ihn  Constantinus  Tochus  und  sagt:  «zum  Teil  (man 
weiss  nicht  von  väterlicher  oder  mütterlicher  Seite)  leitete  er  sein  Geschlecht 
von  Servien  her;  vielleicht  ward  er  also  auch  von  Landsleuten  unterstützt.  ■ 

Jire^ek  nennt  ihn  einen  Serben,  Hertzberg  einen  Halbserben. 

Entgegen  diesen  nicht  kongruirenden  Angaben  stehen  uns  folgende 
Anhaltspunkte  zur  Verfügung : 

1.  Konstantin 's  Familie  war  am  Fusse  des  Berges  Vitoä  bei  Sophia 
begütert.** 

2.  In  einer  Urkunde  nennt  er  sich  selbst  einen  Enkel  des  Serben- 
fürsten Stefan  Nemanja^  was  durch  ein  anderes  Denkmal  bekräftigt  wird» 


*  VgL  Labb^,  Nova  Biblioth.  pag.  100. 
**  Jirecek  269. 


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31 


in  dem  der  SebastokratorEalojan,  ein  Vetter  Eonstantin's,  gleichfalls  Enkel 
-des  Serbenfürsten  Nemaoja  genannt  wird.^ 

Auf  Grundlage  des  Ansbert' sehen  Berichtes  (s.  meine  oben  angedeu- 
tete genealogische  Geschichte  der  südslavischen  Dynastien)  spreche  ich  die 
Ansicht  aus,  dass  Konstantins  Vater  Tich  ein  Sohn  Nemanja's,  der  Ans- 
herVsche  Tohu  ist. 

Sofort  nach  seiner  Tronbesteigung  legte  er  sich  den  Namen  tEon- 
■stantin  As^m  bei.^* 

Seine  Regierung  war  zumeist  mit  Bekämpfung  der  inneren  und 
äusseren  Anhänger  des  Mytzes,  namentlich  der  Ungarn,  später  mit  Feind- 
seligkeiten des  griechischen  Hofes  ausgefüllt,  die  er  —  wie  wir  sehen  wer- 
kten —  grösstenteils  den   Intriguen  seiner  Gattinen  zu  verdanken  hatte. 

Zu  Eade  seiner  Begierung  erlitt  er  einen  Beinbruch,  durch  dessen 
schlechte  Behandlung  er  anfangs  die  Möglichkeit  einer  freien  Bewegung 
verlor,  später  einem  unheilbaren  Siechtum  zum  Opfer  fiel. 

Als  er  dem  Abenteurer  Ivajlo  eine  kleine  Heeresabteilung  entgegen- 
schickte, folgte  er  derselben  später  nach.  In  Folge  seines  Leidens  Hess  er 
sich  auf  einem  Wagen  nachführen.  Ivajlo  griff  die  königlichen  Truppen 
an,  drang  bis  zu  Eonstantin's  Wagen  vor  und  tödtete  den  Zaren  eigenhän- 
dig (1277). 

Wir  kennen  von  Eonstantin's  Nachkommenschaft  nur  den  einzigen, 
von  der  Maria  geborenen  Sohn  Michael. 

Schon  während  Eonstantin's  Erankheit  riss  Maria  im  Namen  Michaelas 
■das  Regime  an  sich ;  nach  Ivajlo's  Bezwingung  nahm  sie  den  jungen  Prin- 
zen mit  nach  Griechenland,  wo  man  ihn  für  allenfallsige  Fälle  der  Zukunft 
in  Beserve  hielt.  Als  Svetslav  den  Tron  bestiegen,  bat  eine  mit  ihm  unzu- 
friedene Partei  den  Eaiser  Andronikos  11.,  er  möge  den  in  Griechenland 
sich  befindenden  Prinzen  Michael  schleunigst  nach  Bulgarien  als  Gegner 
Svetslav's  senden.  Michael  erschien  zwar,  konnte  aber  nichts  ausrichten 
(1298).  Auch  die  Unterstützung  des  Sebastokrators  Badoslav,  den  der  Eai- 
ser als  Succurs  abgeschickt,  half  der  Sache  nicht. 

Michael's  weitere  Geschichte  ist  unbekannt. 

Eonstantin  war  dreimal  verheiratet ;  seine  (jattinen  sind : 

a)  Anonyma. 
Als  Eonstantin  zum  Zar  der  Bulgaren  erwählt  wurde,  war  er  bereits 
Terheiratet ;  doch  kennen  wir  nicht  die  Genealogie  seiner  Gemahlin.  Jeden- 

*  P.  J.  Sa&rik,  Pam&tky   drevnino  pisemniotvi  jihoslovanuv,    Prag  1851,  23: 
-tDer  heilige  Symeon    Nemanja,  mein    Grossvater  (död).t   Eine   Inschiift   zu    Bojana 
unter  dem  Vitos  (zit.  ap.  Jirecek  1.,  c.)  hat:  cEalojan    der  Sevastokrator,   der  Vetter 
^bratmöed)  des  Zaren,    der  Enkel  des  heiligen  Stephan  des  Serbenkönigs.  • 
*^  So  heisst  er  auf  beiden  vordem  zitirten  Denkmälern. 


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32 


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falls  schien  sie  ihm  seiner  königlichen  Stellung  nicht  ebenbürtig  and  am 
dem,  durch  seine  Gattin  Maria  der  As^nidendynastie  verschwägerten  Riva- 
len Mytzes  ein  kräftiges  Schach  zu  bieten,  entschloss  sich  der  neue  Zar^ 
seine  Gemahlin  zu  Verstössen  und  durch  das  Eingehen  einer  Ehe  mit  einer 
Tochter  aus  regierendem  Hause,  seiner  neuen  Herrlichkeit  die  Weihe,  der 
Legitimität  zu  verleiben.  Da  er  zur  Bealisirung  seines  Vorhabens  sich  mit 
dem  Kaiser  Theodor  11.  v.  Nikaea  in  Unterhandlungen  einliess,  schickte  er 
seine  geschiedene  Frau  an  dessen  Hof,  damit  sie  Bürgschaft  für  den  Ernst 
seines  Vorhabens  leisten  solle  .  .  .  Über  ihre  weiteren  Schicksale  ist  Nichte 
bekannt. 

b)  Irene  «Laskara». 

Kaiser  Theodor  H.  Dukas  Vatatzes,  genannt  (nach  seinem  mütter- 
lichen Grossvater  Theodor  I.)  Laskaris^  hatte  aus  seiner  Ehe  mit  der  bul- 
garischen Zarentochter  Helene  eine  jüngere  Tochter  des  Namens  Irene.* 
Unter  den  Fürstentöchtem  jener  Zeit  wäre  wohl  keine  zweite  im  Stande 
gewesen,  den  dynastischen  Vorteilen  Konstantin's  besser  zu  entsprechen, 
als  Prinzessin  Irene  von  Nikaea.  Durch  ihre  Mutter  war  sie  die  Enkelin 
des  grossen  und  im  besten  Andenken  stehenden  Zaren  Johann  AsSn  IL 
von  Bulgarien,  —  die  Urenkelin  des  Ungarnkönigs  Andreas  Tl.,  —  und 
durch  ihre  im  Sept.  1 256  vermählte  ältere  Schwester  Maria  die  Schwäge- 
rin des  Kronprinzen  Nikephor  (I.)  von  Epiros. 

Die  im  Jahre  1258  mit  Irene  eingegangene  Ehe  brachte  jedoch  Kon- 
stantin bei  Weitem  nicht  die  erhofften  Vorteile.  Ein  kleines  Hilfskorps 
gegen  Mytzes  war  Alles.  Hingegen  war  der  schon  im  August  1258  erfolgte 
Tod  seines  Schwiegervaters  Theodor  von  Nikaea  für  ihn  eine  Quelle  bestän- 
diger Unannehmlichkeiten.  Die  unablässigen  Bemühungen  seiner  Gattin 
Irene,  die  in  dem  neuen  mächtigen  Kaiser  Michael  Palaiologos  von  Kon- 
stantinopel nur  den  Erzfeind  ihrer  Familie  sab,  brachten  es  dahin,  dasa 
Konstantin  1265  nach  unglücklich  geführtem  Kriege  einige  seiner  bedeu- 
tendsten Städte  an  seinen  Gegner  abtreten  musste.  Irene  ist  1270  gestorben. 

c)  Maria  Kantakiczena. 

Nach  Irene's  Tod  war  Nichts  natürlicher,  als  dass  sowohl  Konstantin 
wie  Kaiser  Michael  auf  dem  Wege  einer  ehelichen  Allianz  einander  in  ein 
wärmeres  Verhältniss  zu  bringen  bestrebt  waren ;  namentlich  musste  es 
dem  griechischen  Hofe  nötig  erscheinen,  nachdem  die  fruchtlosen  Feldzüge 
gegen  Bulgarien  viel  Geld  und  Blut  verschlungen  hatten. 

Kaiser  Michael  hatte  eine  an  einen  Kantakuzenos  vermählte  Schwe- 
ster Eulogia,  die  aus  dieser  Ehe  unter  Anderen  auch  eine  Tochter  Maria 
hatte.  Diese,  die  Gemahlin  des  Grossdomestikus  Alexius  Philas,  war  Witwe 

^*  Von  Nikephor  wird  sie  Theodora  genannt. 


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GLOSSEN  ZUR  BULGARISCHEN  ZAREN- GENEALOGIE.  '^^ 

geworden  nnd  Michael  beeilte  sich^  sie  dem  verwitweten  Konstantin  anzu- 
bieten, der  den  Vorschlag  annahm. 

Die  Ehe  brachte  aber  keiner  einzigen  Partei  die  erhofften  Vorteile. 
Konstantin  hatte  sich  zur  Mitgift  seiner  Braut  die  ehemals  in  bulgarischem 
Besitze  gestandenen  Städte  Mesembria  und  Anchialos  ausbedungen  und 
wurde  ihm  deren  Uebergabe  schriftlich  zugesagt.  Statt  sie  aber  sofort  zu 
übergeben,  bemühte  sich  der  Kaiser,  der  die  Braut  persönlich  bis  Selym- 
bria  begleitete,  den  Bulgarenzaren  durch  ausgesuchte  Aufmerksamkeiten 
und  Entfaltung  eines  wahrhaft  orientalischen  Luxus  einzuschläfern.  Als 
dies  nicht  verfieng  und  Konstantin  die  Erfüllung  der  Zusage  urgirte,  berief 
sich  Michael  auf  die  Abneigung  der  Einwohner  der  genannten  Städte  gegen 
die  bulgarische  Herrschaft  und  vertröstete  den  Zaren  mit  der  allenfallsigen 
Geburt  eines  Prinzen,  der  —  weil  von  einer  Griechin  geboren  —  den 
Betreffenden  ein  erwünschter  Gebieter  sein  würde ;  wahrscheinlich  rechnete 
er  nicht  auf  Nachkommen  dieser  Ehe.  Irene  unterstützte  Michael's  Ein- 
wendungen und  so  blieb  das  Einvernehmen  beider  Höfe  vorläufig  ein  gutes» 
Als  aber  Maria  1 27 1  den  Prinzen  (Michael)  geboren,  war  sie  es,  die  zumeist 
auf  die  Erfüllung  des  Versprechens  drang  und  dem  kaiserlichen  Oheim 
mit  gewaltsamer  Inanspruchnahme  ihrer  Rechte  drohte.  Michael  gab  nun 
schnell  seine  natürliche  Tochter  Euphrosyne  dem  General  Nogaj  Khan  d^^ 
Beherrschers  der  goldenen  Horde  zur  Gattin^  um  sich  an  demselben  einen 
Beschützer  gegen  Bulgarien  zu  schaffen.  Konstantin  und  Maria  mussten 
vorläufig  gute  Miene  dazu  machen. 

1 274  griff  Maria  abermals  in  die  Politik  ein.  Kaiser  Michael  hatte, 
um  sich  gegen  die  ihm  feindlichen  Pläne  des  Hauses  Anjou  in  Neapel  zu 
decken,  mit  der  päpstlichen  Curie  zu  liebäugeln  angefangen.  Die  griechi- 
sche Geistlichkeit  steckte  sich  hinter  des  Kaisers  ränkevolle  Schwester 
Eulogia ;  diese  reizte  ihre  Tochter  Maria  auf,  um  dem  Kaiser  Unannehm- 
lichkeiten zu  bereiten,  —  da  trat  plötzlich  Konstantins  Erkrankung  ein. 

Die  Zunahme  des  Leidens  bot  der  herrschsüchtigen  Maria  die 
erwünschte  Gelegenheit,  die  Zügel  der  Regierung  an  sich  zu  reissen.  Sie 
liess  den  Knaben  Michael  zum  König  krönen  und  führte  in  seinem  Namen 
die  Regierung.  Was  sich  ihr  in  den  Weg  stellte,  wurde  mit  allen  zu  Gebote 
stehenden  Mitteln  aus  dem  Wege  geschafft.  Wie  wir  unten  sehen  werden^ 
h^t  sie  auch  den  mächtigen  Despoten  Jakob  Svetslav  beseitigen  lassen. 

15.  Zar  Ivajlo. 

Inmitten  der  durch  die  herrschsüchtige  Zarin  hervorgerufenen  Wirren 
trat  ein  Abenteurer  des  Namens  Ivajlo  *  auf. 

*  Jireeek  27G  ist  der  Erste,    der   ihn    so  nennt.  Er  stützt  sich  hierbei  auf  die 
Notiz  in  einem  Evangelium,  welches  im  Jahre  6787  (1.  Sept  1278  bis  1.  Sept.  1279) 
.    Ungarisehe  Bttvaa,  XI.  1891.  I.  Heft.  3 


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^  GLOSSEN   ZCR   BULGARISCHEN   ZAREN -GENEALOGIE. 

Er  war  von  Geburt  ein  Walache  und  Anfangs  Schweinehirt.  Seine 
Landsleute  nannten  ihn  Eordokubas,  die  Griechen  übersetzten  diesen  Namen 
mit  Lachanos  (übrigens  ist  auch  Kordokubas  —  richtiger  Bordokubas  —  das 
gräzisirte  Brdokva  (Lattich).  —  Durch  anfangs  ganz  unbedeutende  Manö- 
ver wusste  sich  dieser  Mensch  unter  dem  leichtgläubigen  Bauemvolke  ein 
gewisses  Ansehen  und  die  Bolle  eines  zu  einer  höheren  Mission  Bestimm- 
ten zu  verschaffen  und  als  es  ihm  gar  gelang,  mit  Hilfe  der  sich  ihm  täg- 
lich mehr  anschliessenden  Volkshaufen  einige  tatarische  Guerillahäuflein 
glücklich  zu  bewältigen^  war  aus  dem  Schweinehirten  im  Handumdrehen 
ein  Mann  geworden,  mit  dem  zwei  Höfe,  der  griechische  und  der  bulga- 
rische, zurechnen  begannen.  Zar  Konstantin,  der  ihm  entgegenzog,  fand  — 
wie  wir  wissen,  —  Ende  1277  seinen  Tod  durch  die  Hand  des  Aben- 
teurers. Durch  solche  ungeahnte  Erfolge  übermütig  gemacht,  streckte  der 
Emporkömmlingseine  Hand  nach  der  Krone  aus;  mehr  und  mehr  näherten 
sich  seine  Schaaren  der  Hauptstadt.  Zarin  Maria,  auch  von  griechischer 
Seite  bedroht  —  dort  hatte  man,  wie  wir  wissen,  den  Prinzen  Johann 
As^n  zum  Zaren  Bulgariens  designirt  und  die  Auslieferung  Maria's  von 
den  Bulgaren  verlangt,  —  warf  sich  nun  dem  Ivajlo  in  die  Arme :  sie  trug 
ihm  Hand  und  Tron  an ;  sie  erlebte  die  Schmach,  dass  der  einstige  Schweine- 
hirt sie  nur  aus  Gnade  zu  seiner  Gattin  nahm  (Frühjahr  1278). 

Nicht  lange  nach  seiner  Krönung  verliess  Ivajlo  die  Arme  der  Grie- 
chin, um  seinen  von  griechischer  und  tatarischer  Seite  bedrohten  Tron  zu 
verteidigen.  Als  sich  Anfangs  1279  das  Gerücht  verbreitete,  Ivajlo  sei 
gegen  die  Tataren  gefallen,  öffneten  sich  Tirnova's  Tore  dem  Zaren  Johann 
As6n  m.  Die  von  Ivajlo  schwangere  Maria  wurde  nach  Adrianopel  abge- 
führt. Sie  hat  Bulgarien  nicht  mehr  gesehen. 

Da  erschien  der  verschollene  Ivajlo  1280  wieder  mit  einem  Heere 
vor  Timova  und  schlug  zweimal  die  ihm  entgegengestellten  Griechen;  als 
er  aber  durch  Georg  Terterij,  den  Schwager  Johann  AsSns  HI.,  Ende  1280 
geschlagen  wurde,  flüchtete  er  zu  Nogaj  Khan,  um  diesen  zur  Unter- 
stützung seiner  Herrschaft  zu  bewegen.  Hier  wurde  dem  Abenteurer  auf 
Befehl  des  trunkenen  Khans  die  Gurgel  durchschnitten. 

1294  trat  ein  Pseudo  Ivajlo  auf,  der  aber  durch  Maria  entlarvt  wurde. 

Maria*s  Ende  ist  unbekannt. 

(SchluBB  folgt.)  MOR.  WbBTNER. 

•V  dni  care  Ivajla  i  pri  jepiskupe  Nisevscßm  v  l^to  6787  indikta  7,  jegi  stojacliu 
Grci  pod  gradom  Trnovom»  (ap.  Glasnik  2(),  245.)  Da  hier  von  der  Belageining  Tir- 
nova's durch  die  Griechen  zu  Gunsten  Johann  Asön's  III.  die  Rede  ist,  kann  der  Zar 
Ivajlo  kein  anderer  als  jener  Abenteurer  sein. 


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DAS   BUDGET   UNGARNS   FÜR   DAS  JAHR    1891.  ^^ 


DAS  ßUD(iET  UNÜARNS  FUß  DA8  JAHR  1891. 


Nichts  bezeugt  deutlicher  die  gründliche  Aenderung  der  finanziellen 
Lage  Ungarns,  als  jene  Gleichgültigkeit,  welche  dem  Budget  und  im  allge- 
meinen finanziellen  Fragen  gegenüber  wahrgenommen  werden  kann.  Noch 
vor  1 — 2  Jahren  nahm  das  Budget  nicht  nur  die  Aufmerksamkeit  der  den- 
kenden PoUtiker,  sondern  auch  des  PubUkums  Monate  hindurch  in  Anspruch. 
Finanz-Projecte,  Entwürfe  und  finanzielle  Gesichtspunkte  dominirten  damals 
im  öffentlichen  Leben,  gegenwärtig  hingegen  wird  das  Expose  des  Finanz- 
ministers mit  wohlverdienten  !^ljen-Bufen  aufgenommen ;  die  allgemeine 
Freude  und  Befriedigung  über  die  Herstellung  des  Gleichgewichtes  im  Budget 
findet  in  zwei  drei  Artikeln  und  Beden  Ausdruck  und  damit  kehrt  man  zur 
Tagesordnung  über;  gegenwärtig  wird  die  allgemeine  Aufmerksamkeit  nicht 
nur  durch  die  auf  der  Schwelle  stehenden  Beform-Entwürfe,  sondern  auch 
durch  die  nur  auf  einige  Minuten  in  den  Vordergrund  tretenden  Tagesfragen 
dermassen  in  Anspruch  genommen,  dass  keine  Zeit  übrig  bleibt,  um  sich 
mit  der  finanziellen  Lage  ernsth'ch  zu  befassen,  man  kann  sagen  es  werden 
die  finanziellen  Gesichtspunkte  ausser  Acht  gelassen. 

Eine  derartige  Umgestaltung  der  öffentlichen  Auffassung  ist  erklärlich, 
hüllt  aber  grosse  Gefahren  in  sich. 

Die  Hauptbedingung  der  Begelung  der  Staatsfinanzen  Ungarns  bildete 
.  jene  regelmässige  Consequenz,  mit  welcher  in  allen  Zweigen  des  Staatshaus- 
haltes so  im  Kleinen  wie  im  Grossen  die  strengste  Sparsamkeit  durchgeführt 
wurde ;  eine  neuerliche  Störung  des  kaum  hergestellten  Gleichgewichtes  ist 
nur  dann  nicht  zu  befürchten,  wenn  —  diese  Sparsamkeit  auch  in  der 
Zukunft  mit  unerbitthcher  Strenge  durchgeführt  wird,  die  zunehmenden  Ein- 
nahmen nicht  auf  kleinliche  Ausgaben  vergeudet  werden  und  wenn  die  vor 
uns  stehenden  grossen  Ziele  in  jener  Beihenfolge  und  in  solchem  Maasse 
verwirklicht  werden,  als  die  hiezu  erforderlichen  Kosten  factisch  gesichert 
sind  und  zur  Verfügung  stehen. 

Ueber  diese  Grenze  dürfen  uns  weder  die  edelsten  Intentionen,  noch 
■die  besten  Beformideen  verleiten ;  diese  Grenze  muss  jeder  Factor  des  öffent- 
lichen Lebens  in  allen  Zweigen  des  staatlichen  Lebens  sorgsam  vor  Augen 
halten,    dieser  Grenze  müssen  sich  alle  an  den  Staat  gerichteten  noch  so 
gerechten  Forderungen  anbequemen. 

Es  ist  daher  unumgänglich  notwendig,  dass  wir  uns  die  Mühe  nehmen, 
•mit  der  finanziellen  Lage  Ungarns  möglichst  gründlich  bekannt  zu  werden; 
dies  zu  erleichtem  wäre  Aufgabe  dieser  kurzen  Abhandlung  über  das  Budget 
-<ie8  Jahres  1891. 

3* 


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3ö  DAS   BUDGET   UNGARNS   FÜR   DAS   JAHR    1891. 

Für  das  Jahr  1891  sind  die  ordentlichen  Einnahmen  mit  363.49,  die- 
durchlaufenden  mit  5.ßs  Millionen  Gulden  in  Voranschlag  gebracht ;  dem 
Voranschlag  des  Vorjahrs  gegenüber  zeigen  erstere  eine  Zunahme  von 
15.86  Millionen  Gulden,  letztere  hingegen  eine  Abnahme  von  l.e«  Millionen 
Gulden,  die  gesammte  Zunahme  der  Einnahmen  beträgt  demnach  13.7  Mil- 
lionen Gulden.  Trotz  dieser  immensen  Zunahme  gestaltet  sich  die  Bilanz 
nur  um  525.000  Gulden  günstiger,  das  heisst,  die  Zunahme  der  Ausga- 
ben nimmt  fast  gänzlich  die  Mehreinnahmen  in  Anspruch. 

Mit  der  wirklichen  Tragweite  dieser  nur  für  den  ersten  Augenblick 
constemierenden  Erscheinung  kann  man  nicht  ins  Beine  kommen,  ohne 
die  Natur  der  zunehmenden  Ausgaben  einer  Untersuchung  zu  unterziehen. 

Fasst  man  die  durchlaufenden  Ausgaben  mit  den  Investitionen  und  den 
ausserordentlichen  gemeinsamen  Ausgaben  zusammen,  so  ergibt  sich  bei 
diesen  drei  Titeln  eine  Zunahme  von  1.4  Millionen  Gulden,  wovon  Militär- 
zwecke beinahe  l.i  Millionen  Gulden  in  Anspruch  nehmen.  Die  bei  den 
übrigen  Titeln  vorkommenden  Aenderungen  gleichen  sich  fast  gänzlich 
aus.  Die  Gespanntheit  der  internationalen  Verhältnisse,  sowie  die  ungün- 
stige finanzielle  Wirkung,  welche  durch  die,  eine  fortwährende  Umge- 
staltung der  Bewaffnung  des  Heeres  zur  Folge  habenden  Erfindungen  ver- 
ursacht wird,  gelangt  auch  in  diesem  Jahre  zur  Geltung  und  es  stieg  der 
ausserordentliche  Bedarf  der  kön.  ung.  Landwehr  und  des  gemeinsamen 
Heeres,  welcher  im  Jahre  1887  nur  4.8  Millionen  Gulden  betrug,  im  Jahre 
1890  hingegen  schon  mit  lO.e  Millionen  Gulden  in  Voranschlag  gebracht 
wir  —  im  laufenden  Jahre  auf  11.7  Millionen  Gulden.  Leider  jedoch  gibt 
diese  Zunahme  in  sich  selbst  genommen  nicht  das  ganze  Maass  der  ungünsti- 
geren Gestaltung  der  Lage.  Während  nämlich  noch  vor  einem  Jahr  mit 
Eecht  gehofft  werden  konnte,  dass  die  ausserordentlichen  Militär- Ausgaben 
für  das  Jahr  1892  um  mehrere  Millionen  herabgesetzt  werden  können, 
stehen  wir  gegenwärtig  —  besonders  zu  Folge  Annahme  des  rauchlosen 
Pulvers  —  einer  gänzlich  veränderten  Lage  gegenüber. 

Laut  diesjährigem  Bericht  des  gemeinsamen  Kriegsministers  beziffert 
sich  der  Bedarf  bei  den  noch  erforderlichen  Gewehren  und  rauchlosen  Pulver - 
auf  21.2  Millionen  Gulden,  hievon  wurden  für  das  laufende  Jahr  4^/a  Millio- 
nen Gulden  votirt,  mit  1.  Jänner  1892  blieben  noch  unbedeckt  16.7  Millionen 
Gulden.  Zu  gleichen  Zwecken  und  in  Anbetracht  genommen,  dass  im  künfti- 
gen Jahr  nicht  einmal  die  Gewehre  der  Infanterie  gänzlich  beschafft  werden 
können,  wird  nach  annähernder  Berechnung  auch  bei  der  k.  ung.  Land- 
wehr ein  Bedarf  von  beiläufig  5  Millionen  Gulden  entstehen,  die  auf  Ungarn 
entfallende  gesammte  Last  beträgt  daher  mindestens  10  Millionen  Gulden. 
Nachdem  aber  unter  diesen  Titeln  bei  dem  Heer  und  der  ung.  Landwehr 
zusammengenommen  das  ungarische  Budget  mit  4.5  Millionen  Gulden  belas- 
tet erscheint,  ist  eine  Abnahme  bei  diesem  Bedarf  wenigstens  zwei  Jahre  hin- 


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DAS   BUDGET   UNGARNS    FÜR    DAS   JAHR    1891.  «^7 

-durch  ausgeschlossen.  Die  Sicherheit  dem  Auslande  gegenüber,  sowie  der 
-Äusserst  wichtige  Gesichtspunkt  der  Wehrfähigkeit  begründen  zwar  voll- 
ständig diese  Ausgaben,  mit  den  drückenden  Lasten  jedoch,  welche  hieraus 
für  Ungarn  entstehen,  mit  den  grossen  Schwierigkeiten,  welche  hiedurch 
dem  finanziellen  Fortkommen  in  den  Weg  gelegt  werden,  müssen  wir  als 
mit  einer  unvermeidlichen,  aber  sehr  ernsten  Erscheinung  im  Klaren  sein. 
Der  Löwenanteil   an  der  Zunahme  der  Ausgaben,  11.76   Millionen 
Gulden,  entföUt  auf  die  ordentlichen  Ausgaben.  Um  über  diese  Zunahme  ein 
Urteil  fällen  zu  können,  müssen  die  Ausgaben  nach  ihrer  Verschiedenartig- 
keit  gruppirt  werden  und  die  vorkommenden  Aenderungen  bei  den  Staats- 
schulden, Militär-,  Betriebs-  und  Adminbtrations- Ausgaben  separirt  einer 
-Untersuchung  unterzogen  werden. 

L 
Unter  dem  Titel  streng  genommener  Staatsschulden  betrugen : 

Tausende  Golden 
1891  1890 

die  Ausgaben        119.524     120.018 

die  Einnahmen.. 4.491         4.349 

Netto- Ausgabe        115.033  115.669 

Hiezu  kommen  zu  Folge  Verstaatlichung  von 

Eisenbahnen  übernommene  Schulden     .._     10.773  6.990 

und  Zinsgarantie-Vorschüsse    1.354  4.596 

Zusammen 12.1^7  11.586 

Gesammte  Netto-Ausgaben     127.1601  127.255 

Während  —  laut  obigen  Zahlen  —  die  Hauptsummen  bei  der  Gruppe 
^eser  Ausgaben  fast  gar  keine  Aenderung  aufweisen,  zeigen  die  einzelnen 
Posten  sehr  namhafte  Unterschiede. 

1.  Den  auffallendsten  Unterschied  verursacht  die  Verstaatlichung  der 
Nordostbahn ;  während  nämlich  im  Vorjahre  der  Bedarf  dieser  Bahn  mit 
2,800.000  Gulden  unter  den  Zinsgarantie-Vorschüssen  aufgenommen  war, 
fällt  diese  Post  zu  Folge  Verstaatlichung  der  Bahn  weg  und  kommt  an  Stelle 
dieser  Post  der  gesammte  Bedarf  an  Zinsen  und  Amortisationsquoten  des 
Capitals  der  Bahn  mit  3,835.000  Gulden  unter  die  zu  Folge  Verstaatlichung 
der  Eisenbahnen  übernommenen  Schulden.  Der  auf  diese  Weise  entstehen- 
den Mehrausgabe  von  1,035.000  Gulden  gegenüber  steht  das  Erträgniss  der 
Bahn,  welches  zu  Folge  der  Verstaatlichung  in  dem  Einkommen  der  Staats- 
bahnen inbegriffen  ist  und  fast  dieselbe  Summe  beträgt.  Abgesehen  daher 
von  dieser  ganz  und  gar  scheinbaren  und  durch  die  Mehreinnahme  der 
-Staatsbahnen  im  Gleichgewicht  gehaltenen  Mehrausgabe,  kann  bei  dem  Titel 


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38  DAS   BUDGET   ITNGARNS   FÜR    DAS   JAHB    1891. 

Eisenbahn-Scholden  und  Zinsgarantie- VorBcbüsse  ein  günstigeres  Ergebniss 
von  500.000  Gulden  constatiert  werden,  welobes  grösstentheils  durch  Hebung 
des  Verkebrs  und  in  Folge  dessen  durch  die  Abnahme  bei  dem  Bedarf  von 
Zinsgarantie- Vorschüssen  verursacht  wird. 

Das  günstigere  Ergebniss  von  636.000  Gulden  bei  dem  Netto-Bedarf 
der  streng  genommenen  Staatsschulden  ist  das  Resultat  mehrerer,  teilweise 
entgegengesetzter  Factoren. 

Eine  Zunahme  zeigt  sich  1.  bei  den  Entschädigungen  für  das  Schank- 
regale  704.000  Gulden ;  bievon  entfallen  475.500  Gulden  auf  die  Aufnahme 
der  Amortisations-Quote,  der  übrige  Teil  obiger  Summe  ist  jenem  Umstände 
zuzuschreiben,  dass  das  Einlösungs-Gapital  höher  festgestellt  werden  musste 
als  im  Vorjahre.  Die  bei  dieser  Post  entstammende  Mehrausgabe  bildet 
einesteils  eine  Capitals-Amortisation,  andererseits  wird  dieselbe  reichlich 
ersetzt  durch  das  erhöhte  Erträgniss  des  Schankgefälls,  welches  statt  der 
für  das  Jahr  1890  in  Voranschlag  gebrachten  12.5  Millionen  Gulden  für  das 
Jahr  1891  mit  15  Millionen  Gulden  präliminirt  wurde,  dermassen,  dass 
obzwar  die  hiemit  verbundenen  Ausgaben 

bei  den  Staatsschulden  um    704.000  Gulden 

bei  der  Administration  um 1,035.000      « 

zusammen  um      1,739.000  Gulden 

zunehmen,  die  Bilanz  des  Schankgefälls  in  ihrem  Endresultat  sich  noch 
immer  um  759.000  Gulden  günstiger  gestaltet. 

2.  Bei  der  schwebenden  Schuld  ergibt  sich  als  Endresultat  eine 
Zunahme  von  556.000  Gulden,  dies  ist  ausschliesslich  das  Ergebniss  des  im 
Interesse  der  Flussregulierungs- Gesellschaften  verfassten  Gesetzes,  mit  wel- 
chem diesen  Gesellschaften  die  Kückzahlung  ihrer  aus  den  Theiss-Szegediner 
Anlehen  erhaltenen  Darlehen  zugestanden  wurde.  Nachdem  nach  diesen  ein- 
laufenden Gapitalien  die  Amortisation  und  die  Zinsen  der  Staat  zu  zahlen 
verpflichtet  ist,  zeigt  sich  bei  diesem  Titel  —  im  J.  1891  1,231.000  Gulden — 
den  vorjährigen  445.000  Gulden  gegenüber,  ein  Mehrbedarf  von  786.000  fl. 
Dass  aber  die  gesammte  Mehrausgabe  immerhin  nur  556.000  Gulden  beträgt, 
ist  den  bei  den  Zinsen  der  Depositen-  und  Cassenscheine  erreichten  Erspar- 
nissen im  Betrage  von  230.000  Gulden  zuzuschreiben.  Der  Umlauf  der 
Cassenscheine  wurde  statt  der  bisherigen  21  Millionen  Gulden  um  7  Mil- 
lionen geringer  in  Voranschlag  gebracht,  und  trotzdem  die  Depositen  um 
1.8  Millionen  Gulden  zunahmen,  war  der  Zinsbedarf  immerhin  noch, 
nach  einem  Capital  von  5.8  Mill.  Gulden,  ein  geringerer.  Nachdem  jedoch 
zu  Folge  der  Convertirung  der  Theiss- Anlehen  14  Millionen  Gulden  in  die 
Staatscassc  einfliessen  sollten,  ergibt  sich  bei  den  zur  Verfügung  stehenden 
Capitalien  eine  Zunahme  von  8.s  Millionen  Gulden. 

Diese  Capitalszunahme  steht  in  sehr  ungünstigem  Verhältnisse  zu  der 


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DAß    BUDGET   UNGARNS   FÜR   DAß   JAHR    1891.  39 

jährlichen  Mehrausgabe  von  556.000  Gulden  und  könnte  aus  fiscalischem 
Gesichtspunkte  absolut  nicht  begründet  werden.  Es  beläuft  sich  schon  min- 
destens auf  150 — 200.000  Gulden  das  Opfer,  welches  der  Staat  im  Interesse 
der  mit  Flut-Begulierungs-Lasten  kämpfenden  Gegenden  bringt,  um  diesen 
den  möglichst  billigen  Credit  zugänglich  zu  machen  und  dieses  Opfer  wird^ 
wenn  die  noch  von  der  Theiss-Anlehe  ausser  Bechnung  gelassenen  circa 
10  Millionen  Gulden  convertirt  werden,  wenigstens  auf  300.000  Gulden 
steigen.  Es  wäre  ein  Fehler,  diesen  Umstand  unbeachtet  zu  lassen,  zumal 
jene  Klage  so  oft  laut  wird,  dass  der  Staat  im  Interesse  der  ungari- 
schen Landwirte,  besonders  der  Eigentümer  von  Inundations-Gebieten  gar 
nichts  thut. 

Diesen  Mehrausgaben  gegenüber  hingegen  zeigen  sich  Ersparnisse : 

1.  Bei  dem  Netto-Ergebnisse  der  Weinzehent-Ablösung  910.000  Gulden. 
Die  Ausgabe  unter  diesem  Titel  hört  im  laufenden  Jahre  auf,  und  wird  sich 
daher  die  Bilanz  in  der  Zukunft  um  beinahe  1  Million  günstiger  gestalten» 

2.  Bei  dem  Goldagio  eine  2  o/o -ige  Differenz,  d.  h.  um  675.000  Gld.^ 
diesbezüglich  können  wir  mit  Becht  die  Hoffnung  hegen,  dass  bei  Inan- 
spruchnahme der  gegenwärtigen  Conjuncturen  der  Bedarf  an  Gold  mit  einem 
wesentlich  geringeren  Agio  beschafft  werden  kann ;  andererseits  aber  darf 
nicht  ausser  Acht  gelassen  werden,  dass  der  gegenwärtige  sehr  niedrige 
Curs  nicht  als  stabil  zu  betrachten  ist  und  wenn  die  Valuta- Begelung  nur 
halbwegs  dermassen  durchgeführt  wird,  als  dieselbe  die  Gerechtigkeit,  sowie 
die  wichtigen  Interessen  der  Völkswirtschaft  erfordern,  der  Zinsenbedarf 
der  Goldanlehen  nach  dem  gegenwärtigen  Stande  viel  höher  sein  wird,  als 
die  Summe,  welche  in  diesem  Budget  unter  diesem  Titel  aufgenommen 
erscheint. 

3.  Bei  den  im  J.  1889  emittirten  Eisenbahn- Anlehen  250.000  Gulden,, 
nachdem  die  Amortisations-Quoten  in  das  richtige  Geleise  gelangten. 

Die  bei  den  übrigen  Titeln  vorkommenden  kleineren  und  grösseren 
Differenzen  sind  ganz  unbedeutend  und  gleichen  sich  fast  gänzlich  aus. 

Als  Endresultat  —  die  gänzlich  scheinbare  Mehrausgabe  bei  der  Nord- 
ostbahn ausser  Bechnung  gelassen  —  kann  bei  der  Gruppe  dieser  Ausgaben 
in  deren  Netto-Ergebniss  eine  Besserung  um  1,132.000  Gulden  constatirt 
werden ;  hiezu  kommt  noch  die  Zunahme  von  8.2  Millionen  Gulden  der  in 
der  Staatscassa  vorhandenen  Capitalien.  Hiebei  darf  aber  nicht  ausser  Acht 
gelassen  werden,  dass  weder  der  Ertrag  dieser  8.2  Millionen  Gulden,  noch 
der  im  Eigentum  des  Staates  befindlichen  Begalablösungs-Obligationen,  noch 
auch  der  Ertrag  der  Baarvorräte  in  das  Budget  eingestellt  ist.  Teilweise 
das  glückliche  Zusammentreffen  der  Verhältnisse,  teilweise  die  consequent 
dieses  Ziel  verfolgende  weise  Politik  der  Eegierung  ermöglichten  es,  dass 
namhafte  Capitalien  zur  Verfügung  des  Finanzministers  gestellt  wurden. 

Diese  Gapitalien  müssen  nicht  nur  zusammengehalten,  sondern  nach 


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^^  DAS    BUDGET    UNGARNS    FÜR    DAb    J>HR    1891. 

Möglichkeit  Doch  vermehrt  werden,  damit  dieselben  zur  Erreichung  eines 
wichtigen  Zieles  im  entscheidenden  Augenblicke  zur  Verfügung  stehen.  Bis 
aber  diese  Eventualität  eintrifft,  können  diese  Gapitalien  fruchtbringend  ver- 
waltet werden,  was  auch  factisch  geschieht,  und  werden  dieselben  im  künf- 
tigen Jahr  mit  einer  bedeutenden  Einnahme  zur  günstigeren  Gestaltung 
der  Bilanz  beitragen. 


IL 

Es  zeigt  sich  eine  Zunahme  bei  dem 

ordentUchen  Bedarf  der  k.  ung.  Landwehr  v.  296.000  G. 

«  gemeinsamen  Bedarf  v 576.000  G. 

zusammen     872.000  G. 


bei  den  ordentlichen  Militär- Ausgaben. 

Bei  diesen  Ausgaben  sind  wir  gezwungen  mit  den  ihre  Wehrkraft  rapid 
entwickelnden  ausländischen  Staaten  wenigstens  halbwegs  Schritt  zu  halten 
und  es  wäre  eine  Illusion  zu  glauben,  dass  in  dieser  Beziehung,  wenigstens 
in  der  nächsten  Zukunft,  ein  radicaler  Umschwung  eintreten  könnte.  Bei  den 
gesammten  MiUtär- Ausgaben  kann  dem  Vorjahr  gegenüber  eine  Zunahme 
von  2  Millionen  Gulden,  dem  J.  1887  gegenüber  eine  Zunahme  von  nahe  an 
12  Millionen  constatirt  werden;  dies  ist  ein  Factum,  welches  ebenso  bei 
Würdigung  der  in  der  Vergangenheit  erzielten  Ergebnisse,  als  auch  bei  den 
Zukunfts-Projecten  in  Anbetracht  genommen  werden  muss. 


III. 

Die  Betriebs-  und  die  mit  diesen  verwandten  Ausgaben  weisen  durch- 
wegs eine  Zunahme  auf.  Die  Zunahme  betrug 

bei  dem  Finanzministerium       1,718.000  Gulden 

ff        «    Handelsministerium.- -     .  .  5,087.000       • 

«        fl    Ackerbauministerium 422.000        « 

zusammen     7,227.000  Gulden, 

diesem  gegenüber  stiegen  die  Einnahmen 

bei  dem  Finanzministerium  um        ...  1,638.000  Gulden 

a       «    Handelsministerium  um ...  7,325.000       « 

«        «    Ackerbauministerium  um   ...  711.000       « 


zusammen     ...     ...         9,674.000  Gulden, 

das  heisst :  es  gestaltet  sich  die  Bilanz  um  2,447.000  Gulden  günstiger,  wenn 
aber  behufs  Begleichung  der  bei  den  Staatsschulden  vorkommenden  Mehr- 
ausgaben von  1,035.000  Gulden  diese  Summe  als  Ertrag  der  Nordostbahn 


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DAS   BUDGET    ÜK<>ARN8   FÜR    DAS  JAHR    1891.  ^^ 

in  Abrechnung  gebracht  wird,  so  beziffert  sich  die  Besserung  der  Bilanz  nur 
mit  1,412.000  Gulden. 

Die  Bilanz  der  unter  Leitung  des  Finanzministeriums  stehenden  Be- 
triebe gestaltet  sich  um  80.000  Gulden  ungünstiger;  von  dieser  Summe  ent- 
fallen 51.000  Gulden  auf  die  Verminderung  des  Verkaufes  von  Staatsgütern, 
was  keiner  weitern  Erklärung  bedarf;  auffallend  ist  jedoch  jene  Erscheinung, 
-dass  trotz  der  projectirten  intensiveren  Entwickelung  der  übrigen  Betriebe 
auch  die  Bilanz  dieser  sich  ungünstiger  gestaltet,  u.  z.  um  29.000  Gulden. 
Das  Szomolnoker  Bergwerk  wurde  um  1  Million  veräussert  und  obzwar 
deren  Erträgniss  in  dem  Budget  nicht  mehr  eingestellt  ist,  bedarf  auch  bei 
Inbetrachtnahme  dieses  Umstandes  die  Unverhaltnissmässigkeit,  welche 
zwischen  der  Zunahme  der  Auslagen  und  der  erzielten  finanziellen  Ergeb- 
nisse obwaltet,  immerhin  eine  Erklärung. 

Wenn  wir  aber  das  Budget  der  Bergwerke  einer  gründlichen  Prüfung 
unterziehen,  so  ist  es  notwendig,  dass  von  der  1,799.000  Gulden  betragen- 
den Mehrauslage  der  einzelnen  Posten  als  rein  durchlaufende  Ausgaben 
nachstehende  Summen  in  Abrechnung  gebracht  werden,  u.  zw.: 

bei  den  Hütten-Werken    .       ... 225.000  Gulden 

bei  der  Münzpräge        248.000        « 

bei  der  Altsohl-Brezoer  Röhren-Fabrik 251.000       « 

zusammen     734.000  Gulden 

es  verbleibt  daher  eine  eigentliche  Mehrausgabe  von  1,075.000  Gulden, 
welche  zur  Hebung  der  Eisenwerke  verwendet  wurde.  Diese  Summe  steht 
mit  den  bei  den  durchlaufenden  Einnahmen  und  Ausgaben  aufgenommenen 
600.000  Gulden  und  mit  dem  hiedurch  zum  Ausdruck  gelangenden  Plan 
des  Finanzministers  im  Zusammenhange,  dass  der  Preis  der  zum  Verkaufe 
gelangenden  minder  einträglichen  Bergwerke  zur  grösseren  Entwicklung  der 
Perle  der  Eisenwerke  Unoarns,  des  Eisenhammers  in  Vajda-Huuyad,  verwen- 
det werde.  Nachdem  aber  der  Finanzminister  die  Verwirklichung  dieses 
Planes  von  dem  Umstand  abhängig  machte,  dass  er  sich  über  dessen  Erträg- 
lichkeit üeberzeugung  verschaffe,  können  wir  beruhigt  sein,  dass  in  dem 
Fall,  wenn  die  geplante  Investition  und  die  hiemit  verbundene  Steigerung 
der  Betriebs-Ausgabeu  Thatsache  wird,  das  active  Ergebniss  wesentlich 
günstiger  sein  wird  als  der  Voranschlag. 

Ueber  die  Lage  gewinnen  wir  ein  noch  günstigeres  Bild,  wenn  wir  den 
Voranschlag  mit  den  activen  Ergebnissen  vergleichen.  Während  nämlich  vor 
dem  Jahr  1887  die  Schlussrechnungen  der  Bergwerke  sehr  oft  ein  Millionen 
betragendes  stabiles  Deficit  aufwiesen,  sinkt  das  Deficit  im  Jahre  1887  auf 
248.000  Gulden,  im  J.  1888  hingegen  ergibt  sich  schon  ein  Ueberschuss 
von  639.000,  im  J.  1889  von  855.000  Gulden.  Wenn  diesen  activen  Er- 
gebnissen gegenüber  der  Ueberschuss  bei  den  Bergwerken  für  das  J.  1 890 


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^2  DAS  BUDGET  UNGARNS  FÜR  DAS  JAHR  18iU. 

mit  76.000,  für  das  J.  1891  mit  58.000  Gulden  in  Voranschlag  gebracht  er- 
scheint, so  erklärt  die  scheinbare  Ungünstigkeit  dieses  Ergebnisses  die  fast 
übermässige  Scrupulosität,  welche  das  ganze  Budget  des  Finanzministers  so 
vorteilhaft  charakterisirt. 

Der  Zunahme  von  422.000  Gulden  der  gleichnamigen  Ausgaben  des 
Ackerbauministeriums  (Staatsforste,  Domänen  und  Gestütslandwirtschaften*) 
gegenüber  steht  eine  Steigerung  der  Einnahmen  um  711.000  Gulden,  so 
dass  sich  die  Bilanz  dieser  Betriebszweige  um  289.000  Gulden  günstiger 
gestaltet.  Es  entspricht  diese  Besserung  so  der  naturgemässen  Entwickelung 
bei  der  Verwertung  der  Waldungen,  als  auch  jener  intensiveren  Verwaltung, 
deren  Ergebniss  bei  den  Gestütslandwirtschaften,  hauptsächlich  bei  der 
Mezöhegyeser  Domäne  wahrgenommen  werden  kann.  Obzwar  es  unzweifel- 
haft ist,  dass  die  in  Voranschlag  gebrachten  Erträgnisse  der  Gestütslandwirt- 
schaften auch  gegenwärtig  noch  nicht  ganz  frei  sind  von  einem  gewissen  Grad 
Optimismus  und  wenn  in  Anbetracht  genommen  wird,  dass  deren  Erträgniss 
im  Jahre  1889  laut  den  Schlussrechnungen  nur  210.000  Gulden  betrug  und 
im  J.  1888  als  in  den  bisher  günstigsten  auch  nur  397.000  Gulden  ergab, 
können  mit  Becht  Bedenken  auftauchen  gegen  die  Bealität  des  im  Budget 
eingestellten  Ueberschusses  von  672.000  Gulden ;  dem  gegenüber  steht  jene 
Thatsache,  dass  bei  den  Staatsforsten  im  Jahre  1889  um  400.000  Gul- 
den mehr  eingenommen  wurde,  als  für  das  laufende  Jahr  präliminirt  ist, 
so  dass  Hoffnung  vorhanden  ist,  dass  die  hieraus  zu  erwartende  Mehrein- 
nahme das  wahrscheinlich  eintretende  Deficit  bei  ersterem  Titel  im  Gleich- 
gewicht halten  wird. 

Bei  den  Betrieben  des  Handelsministeriums  stiegen  die  Ausgaben  um 
5,087.000  Gulden,  die  Einnahmen  um  7,325.000  Gulden,  es  gestaltet  sich 
demnach  die  Bilanz  um  2,238.000  Gulden  günstiger.  Der  Löwenanteil  an 
dieser  Zunahme  entfällt  auf  die  Staatsbahnen,  bei  diesen  betrugen  nänüich : 

im  J.  1890  im  J.  1891  Plus  im  J.  1891 

Gnlden  Gulden  Gulden 

die  Ausgaben    ...     ...  24,897.000  30,000.000  5,103.000 

die  Einnahmen   ...       41,500.000  48,660.000  7,166.000 

die  Mehreinnahme  .-.  16,603.000  18,660.000  2,063,000 

Hiebei  ist  aber  die  Verstaatlichung  der  Nordostbahn  nicht  ausser  Acht 
zu  lassen,  in  Folge  dessen  die  für  das  Jahr  1890  in  Voranschlag  gebrachte 
Ausgabe  von  3,122.010  Gulden,  sowie  die  Einnahme  von  4,014.000  Gulden 


*  Von  den  Ausgaben  und  Einnahmen  unter  dem   Titel  « Pferdezuchtanstalten  • 
glaube  ich  jene  der  Gestütslandwirtschaften  am  geeignetesten  hieher  reihen  zu  können,, 
die  übrigen  Posten  hingegen  unter  die  streng  genommenen  Staats- Ausgaben. 


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DAS    BUDGET    UNGARNS    FÜR    DAS   JAHR    1S9I.  ^ 

dieser  Bahn  auch  in  das  Budget  der  Staatsbabnen  aufgenommen  wurde. 
In  Anbetracht  dessen  zeigt  sieb  bei  den  Staatsbabnen  eine  Zunabme,  u.  z. 

bei  den  Ausgaben       ... 1,980.990  Gulden 

bei  den  Einnahmen       _.         3,152.000       « 

bei  dem  Gesammterträgniss      1,171.010       • 

Diese  Zunahme  des  Voranschlages  ist  die  natürliche  Folge  der  riesenhaften 
Entwickelung  des  Verkehrs  und  ist  ein  abermaUges  Zeichen  des  glänzenden 
Sieges  der  Eisenbahn-Politik  Ungam's.  In  Folge  der  rapiden  Entwickelung 
des  Verkehrs  war  die  Steigerung  der  Verwaltungs- Auslagen  unvermeidlich, 
es  konnten  aber  auch  die  Einnahmen  getrost  höher  in  Voranschlag  gebracht 
werden  und  wenn  in  Betracht  genommen  wird,  dass  das  factische  Bein- 
erträgniss  der  Staatsbabnen  (mit  Einrecbnung  des  beiläufigen  Erträgnisses 
der  Nordostbahn  von  900.000  Gulden) 

im  Jahre  1888    19.i  Millionen  Gulden 

f       f       1889        20.7         «  • 

betrug,  so  kann  zuversichtlich  erhofft  werden,  dass  das  Erträgniss,  welches 
für  das  laufende  Jahr  mit  18.6  Millionen  Gulden  in  Voranschlag  gebracht 
wurde,  in  der  Wirklichkeit  sich  wesenthch  günstiger  gestalten  wird.  In 
dieser  Hinsicht  dienen  besonders  zur  Beruhigung  die  Erfahrungen  des 
Jahres  1889.  Während  nämlich  die  günstigen  Ergebnisse  der  Jahre  1887 
und  1888  mit  der  guten  Ernte  dieser  Jahre  begründet  werden  konnten,  so 
wurde  das  noch  günstigere  Ergebniss  des  Jahres  1889  trotz  der  misshchen 
Ernte  und  trotz  des  Bäckfalles  bei  dem  Getreide -Verkehr  erzielt.  Jene  höhere, 
zugleich  weise  und  kühne  Verkehrs-Politik,  welche  bei  den  ungar.  Staats- 
bahnen während  der  letzten  Jahre  inaugurirt  vnirde,  findet  in  dieser  That- 
sache  ihren  schönsten  Sieg,  weil  diesbezüglich  getrost  gesagt  werden  kann, 
dass  gegenwärtig  der  Verkehr  und  das  Erträgniss  der  Bahnen  von  den 
Eventualitäten  der  Getreideproduction  nunmehr  emancipirt  ist.  Es  gelang, 
die  Prseponderenz  des  Getreideverkehrs  zu  bekämpfen  nnd  den  Verkehr 
so  vielseitig  zu  gestalten,  dass  der  Entwickelung  und  dem  Erträgnisse  der 
Bahnen  nicht  einmal  eine  ungünstige  Ernte  schaden  kann.  Es  ist  heutzutage 
dergestalt  Mode,  den  Herrn  Handelsminister  zu  loben,  er  ist  in  solchem 
Maasse  der  Zielpunkt  von  Schmeicheleien  aller  Art,  dass  man  fast  den 
guten  Ton  verletzt,  wenn  man  ihn  lobt,  es  wäre  aber  ein  Verschweigen  der 
Wahrheit,  wenn  wir  jener  unvergänglichen  Verdienste  nicht  gedenken  wür- 
den, durch  welche  er  sich  auf  dem  Gebiete  der  Staatsbabnen,  so  aus  volks- 
wirtschaftlichem, wie  aus  finanziellem  Gesichtspunkte,  ein  bleibendes  Denk- 
mal errichtet  hat. 


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^  PAS    BUDGET    UNGARNS    FÜR    DAS   JAHR    1891. 


IV. 

Bei  den  aus  den  eigentlichen  staatlichen  Funktionen  entstammenden 
Ausgaben,  ist  von  der  3,580.000  Gulden  betragenden  Mehrausgabe  in  Ab- 
rechnung zu  bringen : 

1.  die  Mehreinnahme  unter  demselben  Titel...     362.000  G. 

2.  die  Mehrausgabe  bei  dem  Schankregale     1,035.000  G. 

3.  die  Mehrausgabe  bei  den  Verzehrungs- 

steuern               323.000  G. 

4.  die  Mehrausgabe  bei  dem  Tabakgefäll  67.000  G. 

zusammen     ...       .     1,425.000  G. 
da  diese   Summe  mit  den  zunehmenden  Einnahmen  unter 
diesem  Titel  im  Zusammenhange  steht;  im  Ganzen  sind 

daher 1,787.000  G. 

in  Abrechnung  zu  bringen ;  es  verbleibt  daher  eine  durch 
Entwickelung  der  staatlichen  Einrichtungen  verursachte 
Netto-Mehrausgabe  von  ...     1,793.000  G. 

Von  dieser  Summe  nimmt  der  innere  Bedarf  Kroatien -Slavoniens  um 
191.000  Gulden  zu,  dies  ist  die  natürliche  Folge  der  in  dieser  Beziehung 
bestehenden  gesetzlichen  Anordnungen  und  der  Zunahme  der  Einnahmen ; 
364.000  Gulden  aber  entfallen  auf  Pensionen.  Letztere  zeigen  zu  Folge  der 
Verhältnisse  und  besonders  der  freigebigeren  Anordnungen  des  Gesetzes 
vom  Jahre  1885,  fortwährend  eine  unaufhaltsame  Zunahme  und  bildet  dieser 
Titel  jene  seltene  Ausnahme,  bei  welchem  eine  Mehrausgabe  bisher  noch 
immer  nicht  vermieden  werden  konnte.  Die  Daten  vorangegangener  Jahre 
in  Augenschein  genommen,  ergibt  sich  folgendes  Resultat: 

Voranschlag  f.  d.  J.  1887  4,989.000  G.     Netto- Ausgabe  5,634.000  G. 

fl  fl   «   «  1888  5,314.000  «  «  «         5,999.000    « 

«  «   «   fl  1889  5,789.000  «  «  «        6,345.000    t 

f  «   «   «  1890  6,316.000  « 

«  «    «   «  1891  6,680.000  « 

Hieraus  erhellt,  dass  die  jährliche  Mehrausgabe  unter  diesem  Titel  beiläufig 
350.000  Gulden  beträgt  und  dass,  obzwar  das  entsprechende  Gapitel  des 
diesjährigen  Budgets  ebenfalls  an  Realität  gewann,  die  Aussicht  auf  eine 
Mehrausgabe  von  2 — 300.000  Gulden  noch  immer  vorhanden  ist. 

In  der  noch  immer  zurückbleibenden  Mehrausgabe  von  1,238.000  Gul- 
den findet  eigentlich  die  Zunahme  bei  dem  aktiven  administrativen  Mecha- 
nismus Ungarns  Ausdruck ;  um  diese  Summe  wurde  die  Action  des  ungari- 
schen Staates  in  sämmtlichen  Zweigen  des  administrativen,  kulturellen  und 


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DAS   BUDGET   UNGARNS    FÜR    DAS   JAHR    1H91.  *»> 

volkswirtschaftlichen  Lebens  theurer.  Wenn  die  einzelnen  Posten  dieser 
Mehrausgabe  der  gewissenhaftesten  Beurteilung  unterzogen  werden,  finden 
sich  einige  in  sich  selbst  genommen  geringfügige  Summen  (sporadische 
Gtehaltaufbesserungen,  Vermehrungen  des  Personals  etc.)  vor,  gegen  welche 
aus  dem  Gesichtspunkte  der  strengsten  Sparsamkeit  Einwendung  erhoben 
werden  kann,  denn  die  geringste  derartige  Erscheinung  berührt  alle  jene 
unangenehm,  die  sich  der  schweren  Stunden  der  Nächstvergangenheit 
und  der  Hauptursache  der  kaum  behobenen  Uebel  noch  zu  erinnern  ver- 
mögen. Die  ganze  in  Bede  stehende  Summe  jedoch  ist  so  gering,  dass  die- 
selbe fürwahr  kaum  erwähnt  werden  sollte,  wenn  es  nicht  nothwendig  wäre 
bei  jeder  Gelegenheit  darauf  hinzuweisen,  dass  jeder  einzelne  Schritt  bei 
laxerer  Beurteilung  der  Lage  und  bei  Ausserachtlassung  der  finanziellen 
Gesichtspunkte  mit  ernsten  Gefahren  verbunden  ist.  Diese  Auffassung  kann 
als  kleinlich  und  kreuzerhaft  verspottet  werden  und  es  erscheint  dieselbe 
als  trocken  und  prosaisch,  besonders  heutzutage,  da  die  Atmosphäre  von 
grossen  Ideen,  grossen  Prinzipien  und  grossen  Losungsworten  erzittert.  Es 
sei  aber  nicht  vergessen,  dass  air  diese  schönen  Sachen  ohne  die  Gefahr,  aus- 
gelacht zu  werden,  nicht  einmal  erwähnt  werden  könnten,  wenn  nicht  durch 
die  consequente  Durchführung  dieser  kreuzerhaften  Auffassung  die  Ordnung 
im  Staatshaushalte  hergestellt  wäre  und  dass  zur  Verwirklichung  der  Her- 
stellung des  Gleichgewichtes  das  strenge  Beharren  bei  dieser  Auffassung 
auf  allen  Gebieten  des  staatlichen  Lebens  die  Hauptbedingung  ist.  Eines  der 
grössten  Verdienste  der  Regierung  bildet  es,  dass  sie  diese  undankbare  und 
eine  grosse  Selbstverleugnung  erfordernde  Aufgabe  mit  eiserner  Energie 
löste,  und  es  wäre  die  Begierung  untreu  zu  ihrer  Vergangenheit,  untreu  za 
den  grossen  Plänen,  deren  Durchführung,  zu  den  edlen  Aspirationen,  deren 
Verwirklichung  von  ihr  erwartet  werden,  wenn  sie  sich  von  diesem  Gebiet 
durch  was  immer  verleiten  lassen  würde. 

Im  Grossen  und  Ganzen  genommen  —  und  abgesehen  von  einigen 
insgesammt  nur  wenige  tausend  Gulden  betragenden  Ausnahmen  —  kann 
mit  vollständiger  Beruhigung  constatirt  werden,  dass  die  ganze  Mehrlast  nicht 
jene  Grenze  überschreitet,  welche  bei  Entwickelung  unserer  Verhältnisse  als 
ganz  normal  betrachtet  werden  kann.  Nebst  den  zunehmenden  Anforderungen 
des  sich  fortwährend  entwickelnden  Lebens,  kann  in  den  Functionen  des  Staaten 
auch  keine  Stagnation  eintreten ;  die  naturgemässe  Entwickelung  des  staat- 
lichen Organismus  erfordert  unvermeidlich  —  abgesehen  von  grösseren  Befor- 
men—  eine  jährliche  Zunahme  der.  Ausgaben  von  beiläufig  1*5  Millionen 
Gulden.  Diese  Grenze  überschreitet  auch  das  diesjährige  Budget  nicht  und 
wenn  die  zunehmenden  Ausgaben  besser  ins  Augenmerk  genommen  werden,, 
gelangt  man  zu  der  Ueberzeugung,  dass  dieselben  wirklich  notwendig  sind 
und  zur  Erreichung  nützlicher  Zwecke  dienen.  Diese  Ausgaben  verteilen  sieb 
folgendeimassen  unter  die  einzelnen  PortefeuiUes : 


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DAS   BUDGET    UNGARNS    FÜR   DAS   JAHR    1891. 


1.  Der  grösste  Teil  der  Mehrausgabe,  230.000  Gulden,  welche  bei  den 
bisher  noch  unerwähnt  gelassenen  Titeln  des  Finanzministeriums  ins  Auge 
tritt  —  entfallt  auf  Finanzdirectionen  und  Finanzwachen,  und  ist  eigent- 
lich nur  die  naturgemässe  Folge  der  grösseren  Einnahmen.  Besonders  in 
Folge  rapider  Entwickelung  der  indirecten  Steuern,  müssen  die  Kosten  der 
pünktlichen  Manipulation  und  Controlle  zunehmen :  es  liegt  daher  die  auf 
Verstärkung  der  äusseren  Organe  der  Finanz-Administration  verwendete 
Mehrausgabe  sowohl  im  Interesse  des  Aerars  als  auch  der  steuerzahlenden 
Bürger. 

2.  Bei  den  ordentlichen  Ausgaben  des  Ministeriums  des  Innern  zeigt 
sich  eine  Zunahme  von  204.000  Gulden,  dem  gegenüber  steht  eine  Mehr- 
einnahme von  77.000  Gulden,  die  netto  Mehrlast  beträgt  daher  127.000  Gul- 
den. Von  dieser  Summe  entfallen  102.000  Gulden  auf  den  öffentlichen  Sicher- 
heitsdienst. Die  stufenweise  Entwickelung  der  Gendarmerie,  als  auch  der 
Polizei  der  immermehr  das  Gepräge  einer  Weltstadt  zeigenden  Hauptstadt 
ist  eine  unaufschiebbare  Notwendigkeit,  die  hierauf  verwendeten  Auslagen 
werden  durch  die  andauernde  unbestreitbare  Besserung  der  öffentlichen 
Sicherheitszustände  so  dem  Staat  als  auch  der  Gesellschaft  reichlich  ersetzt. 
Ebenso  sind  die  Ausgaben  des  Sanitätswesens  im  steten  Steigen  begriffen,  und 
wird  gewiss  die  Hemmung  der  naturgemässen  Entwickelung  dieses  Dienst- 
zweiges niemand  einfallen,  unter  diesem  Titel  zeigt  sich  eine  Netto- Mehraus- 
gabe von  47.000  Gulden,  so  dass  das  öffentliche  Sicherheits-  und  Sanitäts- 
wesen das  Budget  des  Ministeriums  des  Innern  zusammen  mit  149.000 
•Gulden  belastet.  Bei  all  den  übrigen  Titeln  dieses  Portefeuilles  kommt  nicht 
nur  keine  Mehrausgabe  vor,  sondern  es  ergibt  sich  eine  Ersparniss  von 
22.000  Gulden. 

3.  Die  Mehrausgabe  von  197.000  Gulden  des  Handelsministeriums 
sinkt  nach  Abrechnung  der  Mehreinnahme  von  44.000  Gulden  auf  153.000 
<Tulden.  Diese  Summe  nehmen  fast  gänzlich  die  zur  Subsidiirung  der  Stras- 
senfonde  der  Munizipien  in  das  Budget  eingestellten  140.000  Gulden  in 
Anspruch ;  bei  sämmtlichen  übrigen  Titeln  kommt  nur  eine  Mehrausgabe 
von  13.000  Gulden  vor. 

4.  Einigermassen  anders  gestaltet  sich  die  Sache  bei  dem  Ackerbau- 
ministerium: die  Netto-Mehrausgabe  von  147.000  Gulden  (216.000  Gulden 
Mehrausgabe,  69.000  Gulden  Mehreinnahme)  verteilt  sich  fast  gleichmäs- 
sig  unter  die  verschiedenen  agriculturellen  Zwecke.  Dagegen,  dass  in  einem 
überwiegend  agriculturellen  Land  wie  Ungarn  derartige  Leistungen  des 
'Staates  mit  erforderlicher  Vorsicht  gesteigert  werden,  kann  man  fürwahr  keine 
Einwendung  erheben  und  ist  die  ganze  Mehrausgabe  von  147.000  Gulden 
in  Anbetracht  der  Wichtigkeit  und  productiven  Natur  der  fraghchen  Ausga- 
ben absolut  nicht  übermässig.  Fraglich  bleibt  es  aber,  ob  es  für  die  Agri- 
'Cultur  nicht  von  grösserem  Nutzen  wäre,  wenn  diese  Mehrausgabe  tunlichst 


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DAS    BUDGET   UNGARNS    FÜR   DAS   JAHR    1891.  47 

4iaf  die  Vorschableistung  von  einem  oder  zweier  der  allerwichtigsten  Zwecke 
konzentrirt  werden  würde. 

5.  Von  der  Netto-Mehraosgabe  von  346.000  Golden  des  Justizministe- 
riums stehen  262.000  Gulden  mit  der  Decentralisation  der  königlichen 
Tafel,  50.000  Gulden  mit  der  rascheren  Verfertigung  der  Grundbücher  im 
Zusammenhange,  das  heisst,  diese  Mehrausgabe  von  312.000  Gulden  ist 
schon  die  Folge  der  Durchführung  des  Reformprogrammes.  Die  Kosten  der 
laufenden  Administration  nahmen  nur  um  34.000  Gulden  zu. 

6.  Endlich  zeigt  sich  noch  bei  dem  CultusminL<»terium  eine  Netto- 
Mehrausgabe  von  178.000  Gulden  (326.000  Gulden  Ausgabe,  148.000  Gul- 
den Einnahme),  hievon  entfallen  24.000  Gulden  auf  die  unumgänglich 
notwendig  gewordene  Uebersiedelung  des  Ministeriums,  127.000  Gulden 
auf  Lehranstalten. 

Bei  der  erfreulichen  Entwicklung  der  nationalen  Cultur  ist  es  unver- 
meidlich, dass  die  Lehranstalten  auch  in  der  Zukunft  stufenweise,  nach 
einem  gut  durchdachten  Plan  auf  allen  Gebieten  entwickelt  werden.  Hiebei 
muss  aber  der  Gultusminister  sehr  oft  jene  undankbare  Aufgabe  vor  Augen 
halten,  dass  der  Oekonomie  jeder  einzelnen  Lehranstalt  die  möglichste 
Sparsamkeit  zu  Grunde  gelegt  werde  und  dass  die  jährlich  zu  diesem  Zwecke 
erforderlichen  Mehrausgaben  zur  factischen  Entwickelung  der  Culturanstal- 
ten  verwendet  werden. 

Auf  Grund  dieser  Daten  gewinnen  wir  nachstehendes  Bild  unserer 
:finanziellen  Lage. 

Die  diesjährige  Ausgabe  beträgt  bei  dem  Ordinarium 
mehr  als  die  vorjährige  (hauptsächlich  Militär- 
Zwecke)  um 1,439.000  Gulden 

bei  den  Staatsschulden  um    47.000        « 

bei  den  Militär- Ausgaben -     ...      872.000        • 

bei  den  Betrieben  und  den  gleichnamigen  Ausgaben  7,227.000        « 
bei  den  mit  den  zunehmenden  Einnahmen  in  direc- 

tem  Zusammenhange  stehenden  Ausgaben       —  1,425.090        « 

bei  den  übrigen  Staats- Ausgaben  um _..       2,155.000        « 

bei  dem  Titel  «übrige  hier  nicht  angeführte  unbedeu- 
tende Differenzen»  um 24.000        « 

zusammen  um 13,189.000  Gulden 

^em  gegenüber  zeigt  sich  bei  den  schon  erwähnten  Einnahmen  eine  Zu- 
nahme von  und  zwar : 

bei  den  Staatsschulden     ...     ...  142.000  Gulden 

bei  den  Betrieben 9,674.000        « 

bei  den  verschiedenen  Administrations-Zweigen  ...  362.000        « 

zusammen     10,188.000  Gulden. 


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4>^  DAS    BUDGET    UNGARNS    FÜR    DAS   JAHR    1891. 

Es  ist  daher  ersichtlich,  dass  die  Mehreinnahme  die  Mehrausgabe  von 
9,:229.000  Gulden  der  Staatsschulden,  Betriebe  und  der  streng  genommenen 
staatlichen  Ausgaben  reichlich  deckt  und  dass  jenes  Ziel,  dass  in  dem  reinen 
Erträgniss  der  sich  stets  entwickelnden  Betriebe  der  mit  der  normalen  Zu- 
nahme des  staatlichen  Organismus  verbundene  Mehrbedarf  Deckung  iinde^ 
erreicht  wurde.  Ja  es  kann  sogar  von  dem  949.000  Gulden  betragenden 
üeberschuss,  mit  Ausnahme  von  kaum  einer  halben  Million  Gulden,  auch 
jene  Mehrausgabe  des  Finanzministeriums  bestritten  werden,  welche  mit 
neuen  oder  zunehmenden  Einnahmequellen  in  Verbindung  steht  (Schank- 
regale  und  Verzehrungssteuem). 

Das  günstige  Ergebniss  der  naturgemässen  Entwickelung  sämmtlicher 
hier  erwähnten  Ötaats-Einnahmen  könnte  daher  zur  besseren  Gestal- 
tung der  Bilanz  des  Staatshaushaltes  beitragen,  wenn  nicht  die  neuer- 
liche Zunahme  der  Militär-Ausgaben  dazwischen  gekommen  wäre.  Diese 
Ausgaben  beanspruchen  von  diesen  zunehmenden  Einnahmen  fast  zwei 
Millionen  Gulden  und  zehren  die  in  Voranschlag  gebrachten  Mehrein- 
nahmen fast  gänzlich  auf,  so  dass  die  Bilanz  nur  eine  Besserung  von  einer 
halben  Million  aufweist  Die  eigentliche  Besserung  ist  zwar  nicht  nur  so- 
viel, sondern  es  beträgt  dieselbe  in  der  Wirklichkeit  2V2  Millionen  Gulden, 
nachdem  im  Budget  bei  dem  Verkaufe  von  Staatsgütern  um  zwei  Millionen 
Gulden  weniger  in  Voranschlag  gebracht  wurde ;  diese  Besserung  ist  aber 
immerhin  noch  eine  viel  geringere  als  jene  der  nächst  vergangenen  Jahre  und 
verursacht  ernstliche  Bedenken,  besonders  wenn  in  Betracht  genommen  wird, 
dass  die  in  das  Programm  der  Begierung  aufgenommenen  und  allgemein 
erwünschten  Be formen  eine  ständige  Mehrausgabe  von  mindestens  10  bis 
l!2  Millionen  Gulden  verursachen  werden. 

Dies  würde  sehr  gewichtige,  kaum  zerstreubare  Bedenken  verursachen, 
wenn  die  erzielten  Ergebnisse  der  Schlussrechnungen  keine  Beruhigung 
bieten  würden.  Die  Ergebnisse  der  Schlussrechnungen  sind  seit  dem  J.  1887 
fortwährend  günstiger,  als  jene  des  Budgets.  Im  Jahre  1887  war  das  wirk- 
liche Ergebniss  um  7,  im  Jahre  1888  um  12,  im  Jahre  1889  um  13  Millionen 
Gulden  günstiger,  als  das  in  Voranschlag  gebrachte,  und  es  kann  haupt- 
sächlich letztere  Schlussrechnung  auch  bei  Ausübung  der  strengsten  Kritik 
gerechte  Freude  verursachen  und  darf  dieselbe  den  gerechten  Stolz  der  Regie- 
rung bilden,  deren  unermüdliche,  gewissenhafte  Thätigkeit  darin  zum  Aus- 
druckegelangt. Jede  Seite  der  Schlussrechnung  bekundet  die  strengste  Ordnung 
und  Sparsamkeit,  Creditübertretungen  kommen  kaum  vor,  bei  den  Ein- 
nahmen ergibt  sich  fast  ohne  Ausnahme  ein  Üeberschuss.  Und  wenn 
zwischen  den  Einnahms-Ergebnissen  der  Schlussrechnung  und  jenen  des 
diesjährigen  Budgets  ein  Vergleich  angestellt  wird,  so  kann  mit  Freude  und 
Beruhigung  constatirt  werden,  dass  dieselben  auch  für  dieses  Jahr  mit  der- 
selben, fast  an  Pessimismus  grenzenden  Realität  in  Voranschlag  gebracht 


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DAS    BUDGET    UNGARJJS    FÜK    DAS   JAHR    1891.  4f9 

^wtirden,  welche  die  in  YoraDschlag  gebrachten  Einnahmen  der  nächsten 
Vergangenheit  charakterisirte. 

Wenn  nunmehr  in  Anbetracht  genommen  wird : 

1.  dass  die  Einnahmen  des  Finanzministeriums  ohne  das  im  Jahre 
1889  noch  nicht  bestandene  Schankregale  im  Budget  mit  vier  Millionen 
Gulden  niedriger  aufgenommen  wurden,  als  das  factische  Ergebniss  des 
Jahres  1889; 

2.  dass  der  Voranschlag  der  Bergwerke  um  800.000  Gulden  ungünsti- 
ger ist,  als  das  factische  Ergebniss  des  Jahres  1889  ; 

3.  jener  der  Staatsbahnen  um  zwei  Millionen  Gulden ; 

4.  dass  daa  Erträgniss  der  zur  Verfügung  des  Finanzministers  stehen- 
den Gapitalien  und  der  Begalablösungs-Obligationen  in  das  Budget  nicht 
aufgenommen  erscheint  ; 

5.  dass  die  Hälfte  des  Jahres  1889  die  fast  allgemeine  missliche  Ernte 
empfindlich  beeinflusste  und 

6.  dass  der  grösste  Teil  der  Einnahmen,  so  hauptsächlich  jene  der 
Staatsbahnen,  Stempel,  Gebühren,  des  Tabakgefälls  und  der  Verzehrungs- 
steuem  eine  rapide  Zunahme  aufweisen,  und  inwiefern  von  den  für  das  Vor- 
jahr bisher  erschienenen  Ausweisen  gefolgert  werden  kann,  diese  Zunahme 
im  erfreulichen  Maasse  fortdauert^ 

so  kann  mit  voller  Bestimmtheit  behauptet  werden,  dass  —  inwiefern 
ganz  ausserordentliche  Umstände  die  volkswirtschaftliche  und  finanzielle  Lage 
Ungarns  nicht  zerrütten,  —  das  factische  Ergebniss  des  laufenden  Jahres 
mindestens  um  8  bis  10  Millionen  Gulden  sich  günstiger  gestalten  wird, 
als  der  Voranschlag  und  dass,  wenn  wir  auch  in  der  Zukunft  die  Sparsam- 
keit mit  unerbittlicher  Strenge  einhalten,  und  wenn  wir  femer  unsere  Kräfte 
nicht  zersplittern,  der  Bedarf  der  auf  der  Schwelle  stehenden  grossen  Beform- 
Frojecte  in  den  gegenwärtigen  Einnahmsquellen  Deckung  finden  wird. 

Stefan  von  Tisza. 


UNGARN  BETREFFENDE  SANITÄTSVERORDNÜNGEN 
JOSEFS  DES  n. 

(Beitrag  znr  Sanitätsgeschichte  Ungarns.) 

Von  einem  geregelten  Sanitätswesen  kann  in  Ungarn  im  Mittelalter 
und  selbst  in  der  Neuzeit  noch  nicht  die  Bede  sein.  Einzelne  mehr  oder 
minder  wichtige  Anordnungen,  die  im  Laufe  der  Jahrhunderte  getroffen 
wurden  und  dieBegelung  einzelner  Zweige  des  Sanitätswesens  bezweckten,* 

*  So   z.    B.    einzelne  Bestimmungen    in     dem    Statutenbuch    der    Stadt    Ofen 
(1244—1421).  Punkt  102  und  298  handelt  von  den  Apothekern  (s.  meine  Schrift  fZur 
Ungarisehe  Reme,  XI.  1891.  I.  Heft.  4 


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oO 


UNGARN    BETREFFENDE    8ANITÄTSVER0RDNUNGEN    JOSEFS    DES    II. 


vermochten  nicht  einen  allgemeinen  Aufschwung  des  öflfentlichen  Gesundr 
heitswesens  herbeizuführen,  umsomehr,  da  diese  Verordnungen  nie  zur 
Gesetzkraft  erhoben,  auch  nicht  auf  allgemeine  Anwendung  rechnen  konn- 
ten. Temporäre  Erlässe,  deren  Veranlassung  grösstenteils  die  in  damaUger 
Zeit  häufig  auftretenden  Epidemien  gewesen,  hatten  auch  nur  temporäre 
Bedeutung  und  ephemeren  Wert,  denn  bei  der  Kritiklosigkeit  der  damaUgen 
Ansichten  über  öflFentüche  Hygiene  wurden  oft  auch  bessere  und  lebensfähi- 
gere Einrichtungen  ohne  Weiteres  über  den  Haufen  geworfen.  Daher  die  quan- 
titativ wohl  bemerkenswerten,  doch  qualitativ  höchst  untergeordneten  Sani- 
tätsverordnungen der  damaligen  Jahrhunderte,  die  durchaus  nicht  geeignet 
waren,  eine  Verbesserung  des  öflfentlichen  Gesundheitswesens  zu  veran- 
lassen. 

Im  XVni.  Jahrhunderte  macht  sich  der  Sinn  für  die  öflfentliche 
Gesundheitspflege  in  Ungarn  bereits  im  hohen  Grade  bemerkbar.  Dies  ist 
wohl  dem  Aufschwünge  auf  dem  Gebiete  der  Natur-  und  Heilwissenschaft 
zu  verdanken,  die  eine  radikale  Reform  der  betreflfenden  äusserst  mangelhaf- 
ten Institutionen  herbeiführte  und  den  leitenden  Kreisen  der  Gesellschaft 
die  Ueberzeugung  beibrachte,  dass  eine  geregelte  Sanitätspflege  im  Staats- 
wesen eine  hochwichtige  Rolle  spielt.  Hauptsächlich  unter  Leopold  L, 
Carl  VI.  und  Maria  Theresia  häufen  sich  die  Verordnungen,  die  auf  die 
Regelung  des  Sanitätswesens  und  der  mit  demselben  in  Verbindung  stehen- 
den Faktoren  abzielten.  Es  war  dies  —  unter  der  Regierung  Maria  The- 
resia's  —  auch  eine  natürliche  Folge  der  Creirung  einer  medizinischen 


Geschichte  der  Medizin  in  Ungarn»  Budapest  1890,  S.  34.),  P.  103,  dessen  Text  fehlt, 
fahrt  die  Ueberschrift  «Von  den  wuntärzten.»  P.  104  bestimmt,  «das  kain  safran  sol 
iinbeschawt  weder  gekauft  noch  verkauft  werden.»  —  lOG :  Der  fleischagker  zech- 
maichter  süllen  allzeit  als  das  vleisch  peschawen,  das  in  den  pengken  ist,  dwf  das 
rain  vnd  gerecht  üt,  vnd  nicfU  stingkund,  noch  wademg^  noch  phinnod  sei/  etc.  P.  110 
lind  111  untei-sagt  den  Verkauf  todter  Fische.  P.  182  (Text  fehlt):  «Von  dem  pader» ; 
P.  186 :  «Von  den  freyen  tochtem  und  gleichen  desz».  Mehrere  Punkte  berühren  das 
Prostitutionswesen.  Hieher  gehören  auch  die  Statuten  der  Pressburger  Fleischhauer 
vom  Jahre  1376,  die  in  einer  ihrer  Bestinamungen  ausdrücklich  bemerkten :  «Es  sol 
auch  nyemant  in  seiner  panch  phinnaste^  fleisch  vail  haben,  man  sol  iz  vor  den 
penkchen  vail  haben  her  dan  her ;  vnd  welicher  maister  phirmnsUz  fleisch  verchaufft 
in  seiner  panch,  vnd  wem  ers  verchauflft  auz  der  panch,  dem  sol  er  sein  geld  wider- 
geben, vnd  sol  zwen  vnd  sybenczich  phenninge  geben  zue  der  stat,  also  daz  iz  die 
2wen  gesworen  maister  suUen  beschawen,  vnd  ob  er  denne  schelmiges  vieh  siecht,  daz 
sol  man  im  nemen^  vnd  sol  daz  in  daz  syitol  geben  armen  lewten,  (Michnay  u.  Lichner 
Ofner  Stadtrecht  S.  79.  Linzbauer  Codex  sanitario-med.  Hungarise  I.  106.)  —  Im 
16.  Jahrhunderte,  zm*  Zeit  der  verheerenden  Epidemieen,  sowie  später  im  17.  Jahr- 
hunderte mehren  sich  diese  mannigfachen  Sanitätsverordnungen  beträchtlich.  Es 
wäre  zu  weitläufig  hier  auch  nur  einen  kurzgedrängten  Auszug  dieser  Vorkehrungen 
mitzuteilen  und  will  ich  diesbezüglich  auf  die  mögliclist  ausführUche,  doch  keines- 
wegs erschöpfende  Sammlung  im  Linzbauer'schen  Codex  verweisen. 


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UNGARN    BETREFFENDE   8ANITÄTS\'ER0RDNUNGEN   JOSEFS    DES  II.  ^1 

Fakultät,  mit  der  sich  auch  der  Wunsch  nach  Ordnung  der  Verhältnisse 
ihrer  Mitglieder,  der  Bechte  und  Pflichten  der  Aerzte  und  Sanitätspersonen 
rege  machte.  So  kam  es  bereits  unter  Maria  Theresia  zur  Schöpfung  mehre- 
rer hochwichtiger  sanitätspolizeiücher  Verordnungen,  die  den  Grundstock 
der  später  ins  Leben  gerufenen  Sanitätsgesetze  bildeten. 

EkBchöpfender  wurde  das  Material  unter  Josef  II.  behandelt.  Josef  IL, 
der  als  «Schätzer  der  Menschheit»  ebenfalls  den  Menschen  für  das  kostbarste 
Capital  der  Gesellschaft  hielt,  sorgte  in  reichlichem  Maasse  für  die  Erhal- 
tung und  Verwertung  dieses  Capitals. 

Während  seiner  zehnjährigen  Regierung  gelangte  eine  Fülle  von  Sani- 
tätsverordnungen zur  Ausgabe,  die  in  seinem  letzten  Begierungsjahre  von 
Josef  Keresztury  de  Szinerszök  unter  dem  Titel  tConstituta  regia,  quae  re- 
gnante  August.  Imperatore  et  Bege  Apostol.  Josepho  ü.  pro  regno  Hungarise 
eidemque  adnexis  provinciis  nee  non  M.  Principatu  Transilvanise  condita 
sunt»  im  Druck  erschienen.  Diese  Verordnungen,  in  logischer  Reihenfolge 
geben  ein  klares  Bild  von  den  Bestrebungen  des  für  sein  Volk  väterlich  sor- 
genden Fürsten  und  verdienen  die  Mühe,  näher  beleuchtet  zu  werden. 

Der  deutlichen  üebersicht  halber  wird  es  wohl  angezeigt  sein,  die  ein- 
zelnen Verordnungen  nicht  in  chronologischer  Beihenfolge,  sondern  aus 
sanitätsadministrativem  Standpunkte  in  sachUcher  Folge  mit  Berücksichti- 
gung der  für  die  einzelnen  Fächer  getroffenen  Verfügungen  zu  betrachten. 
Früheren  Bestimmungen  zufolge  (Decretum  Caroli  VI.  Imperatoris  ac 
Begis  vom  19.  Juni  1723)*  untersteht  das  gesammte  Sanitätswesen  dem  kön. 
Statthaltereirat,  dem  im  Jahre  1738  —  gelegentlich  der  grassirenden  Pest  — 
«ine  Sanitätscommission  und'im  Jahre  1742  ein  Arzt  «als  Bat  und  Beisitzer» 
beigegeben  wurde.  Die  Agenden  dieser  Sanitäts-Oberleitung  bestimmt  des 
Nähern  die  Constitutio  NormativaBei  Sanitatis  vom  17.  September  1770.** 
Im  Jahre  1783  wurde  bei  der  k.  Statthalterei  ein  besonderes  Sanitäts- 
Departement  gebildet.  Dasselbe  wird  einem  Bäte  zugeteilt,  fder  darüber  im 
vollen  Bäte  vorträgt». 

Am  21.  August  1786  wird,  f  da  durch  die  bisher  der  medizinischen 
Fakultät  in  Pest  von  der  königl.  Statthalterei  aufgetragenen  Angelegenhei- 
ten, welche  den  Gesundheitsstand  des  Landes  betreffen,  die  Lehrer  in  dem 
Unterricht  der  Jugend,  welcher  stets  der  wichtigste  Teil  ihrer  Pflicht  ist, 
{^hindert  wurden,  auch  dieselben  nicht  füglich  zu  andern  G^chäften  ver- 
wendet werden  können,  als  welche  unmittelbar  ihren  Lehrgegenstand  und 
<lie  innere  Polizei  der  Universität  betreffen,  so  haben  Se.  Maj.  beschlossen, 
dass  nach  dem  bereits  in  den  übrigen  Erbländern  bestehenden  Beispiele^ 

*  linzbauer  Codex  sanitario-medicinalis  Hnngariae  I.  583. 
**  Linzbauer   1.  c.  IL  535.    Zßoldos   Constituta  rei  sanitatis  in  Hungaria  parti- 
4)U8qae  adnexis  1819.  S.  18. 

4* 


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'>'  UNGABN    BETREFFENDE   SANITÄTSVBRORDNtNGEN   JOSEFS    DES   II. 

auch  in  dem  Königreich  Ungarn  ein  Protomedicus  an  dem  Orte,  wo  sich  die- 
Liandesstelle  befindet,  angestellet  und  die  Oberaufsicht  und  Leitung  dea 
Arzeneistandea  und  die  Sorgfalt  für  die  in  öffentlicher  Verpflegung  stehen- 
den Kranken  aufgetragen  werden  soll.» 

Der  allerhöchsten  Entschliessung  vom  29.  Jänner  1787  gemäss  erhält 
der  Protomedicus  ein  jährliches  Gehalt  von  1500  Gulden  und  500  Gulden 
Personalzulage  als  Beisitzer  der  Studiencommission. 

Die  unmittelbare  Aufsicht  über  das  Sanitätswesen  liegt  den  Comitats- 
und  Stadtbehörden  ob  (17.  Sept.  1770),  während  die  unmittelbare  oberste 
Aufsicht  die  Pflicht  der  königl.  Commissäre  und  der  Obergespäne  ist.  (2.  Jän- 
ner 1778.) 

In  dem  Intimat  vom  13.  Juni  1785  wird  allen  Behörden  die  Beobach- 
tung der  Sanitäts Vorschriften  zur  Pflicht  gemacht.  —  Am  21.  Dezember 
1 786  wird  die  Bestimmung  getroffen,  dass  von  nun  an  in  jedem  Comit^te 
nur  ein  Arzt  (Comitatsphysikus)  angestellt  werde. 

Am  ausführlichsten  wird  natürlicher  Weise  das  Capitel  von  den  Ge- 
sundheitsbeamten behandelt. 

Bestimmungen,  die  sich  auf  die  Personal-  und  Berufsverhältnisse  des 
Medicinalstandes  beziehen,  sind  in  Ungarn  verhältnissmässig  ganz  jungen 
Datums.  Dies  erklärt  wohl  der  Umstand,  dass  der  Mangel  einer  vaterlän- 
dischen Universität  resp.  einer  medicinischen  Facultät  auch  nicht  das 
Bedürfniss  nach  Regelung  der  Verhältnisse  des  Sanitätsstandes  fühlbar 
machte.  Ausländische  oder  im  Auslande  herangebildete  Aerzte  brachten 
Vorschriften  und  Gesetze  mit  sich,  nach  denen  sie  dann  hier  ohne  weitere 
Controle  ihre  Praxis  ausübten.  Später,  wo  der  Druck  der  Verhältnisse,  das 
Auftreten  verheerender  Krankheiten  die  Aufmerksamkeit  der  competenten 
Kreise  auf  die  zur  Saniruug  der  Uebel  berufenen  Personen  lenkte,  musste 
natürlich  das  Verhältniss  des  Medicinalstandes  zum  Staate  und  zur  Gesell- 
schaft geregelt,  geordnet  werden.  Und  so  sehen  wir  dann,  dass  das  XVIL 
Jahrhundert  —  das  epidemieenreiche  Säculum  —  eine  Fülle  einschlägiger 
Verordnungen  brachte.  Im  XVIII.  Jahrhundert,  wo  sich  zu  diesem  Umstände 
auch  noch  der  erwachte  Sinn  für  Naturwissenschaften  und  öffentliche  Hy- 
giene gesellte,  finden  wir  schon  ziemlich  geordnete,  dem  Zeitgeiste  vollkom- 
men entsprechende  Verhältnisse. 

Den  Grund  zu  den  diesbezüglichen  Bestimmungen  legte  Maria  Theresia, 
mit  ihrem  bereits  erwähnten  Generale  Normativum  Sanitatis  vom  17.  Sep- 
tember 1770.*  Hier,  sowie  in  dem  am  10.  April  1773  erlassenen  Anhange 
wird  auf  die  erforderliche  Qualifikation  des  Aerztestandes  grosses  Gewicht 
gelegt.  «Jedermann  ist  es  bekannt  —  sagt  das  Normativum  von  1770  —  waa 
Unheil  oft  durch  unerfahrene  Medicos  dem  Nächsten  zugefüget  wird,  dahero- 

*  Linzbauer  1.  c.  I.  821.  Zsoldos  1.  c.  S.  18. 


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UNGARN    BETREFFENDE    SANITATSVERORDNüNGBN   JOSEFS    DES   II. 


53 


bestehet  schon  durch  viele  Jahre  die  Gesetzgebung,  dass  alle,  die  ihre  Kunst 
in  den  kaiserl.  königl.  Erblanden  üben  wollen,  den  Gradum  Doctoratus  auf 
-«iner  Innländischen  Universität,  bey  welcher  eine  Facultas  medica  vor- 
handen ist,  genommen  haben  müssen,  wobey  es  auch  in  Zukunft  sein  Be- 
wenden hat,  dermassen,  dass  andere  weder  angenommen,  weder  ihnen  die 
allenfalls  übende  Praxis  beygelassen  werden  solle,  es  wäre  denn  Sache,  dass 
sie  sich  durch  das  vorgeschriebene  Examen  hierzu  tauglich  gemacht 
hätten  etc.» 

Im  Jahre  1771,  wo  die  Tymauer  Universität  eine  medicinische  Facul- 
tät  erhielt,*  erschien  folgendes  kgl.  Rescript:  «Es  scheinet  auch  zweck- 
mässig, dass  alle  Heil-  und  Wundärzte,  welche  künftig  in  diesem  Königreiche 
ihre  Kunst  ausüben  wollen,  vorher  an  der  Universität  zu  Tymau  geprüfet 
werden  sollen.  Aerzte,  welche  jedoch  bereits  an  der  Universität  zu  Wien 
geprüfet  sind,  können  ohne  fernere  Prüfung  in  allen  Erbländem  zur  Aus- 
übung ihrer  Kunst  zugelassen  werden.  Die  schon  angestellten  Aerzte  sind 
inzwischen  von  der  Prüfung  so  lange  ausgenommen,  bis  sie  zu  einem  grös- 
seren Physikate  angestellt  werden.» 

Diese  Verordnungen  wurden  am  13.  März  1786  von  Josef  11.  neuer- 
dings genehmigt  und  bestätigt.  Hieran  anknüpfend  wird  in  dem  Bescripte 
vom  18.  December  1786  nochmals  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass  nur 
vorschriftsmässig  geprüfte  Aerzte  zur  Praxis  zugelassen  werden.  Um  die 
Ausbildung  der  Aerzte  vielseitiger  zu  gestalten,  bestimmt  der  Erlass  vom 
3.  Januar  1787,  «dass  nach  Errichtung  des  Lehrstuhles  der  Vieharzenei 
an  der  hohen  Schule  zu  Pest,**  in  Zukunft  weder  ein  Heilarzt  noch  Wund- 


'■'  Die  Professoren  der  luedizinischen  Fakultät  zu  Tymau,  die  auf  Vorschlag 
van  Swietens  mit  je  1200  Gulden  Gehalt  ernannt  wurden,  waren  damals:  Michael 
Schoretits  (Pathologie  und  Therapie),  Ignaz  Prandt  (Physiologie  und  Pharmakologie), 
Jakob  Winterl  (Chemie  und  Botanik),  Wenzel  Tmka  (Anatomie)  und  Josef  Plenk 
(Chirurgie  und  Geburtshilfe).  Rektor  der  Universität  war  im  Schuljahre  1770  71 
Graf  Alexander  Keglevich,  Senior  der  med.  Fakultät  Mich.  Schoretits,  Dekan  der 
med.  Fakultät  Ign.  Pi-andt. 

*  Die  Universität  wurde  nämUch  im  Jahre  1777  nach  Ofen,  im  Jahre  1784 
nach  Pest  verlegt.  Der  Professor  der  im  Jahre  1786  mit  600  Gulden  Gehalt  syste- 
misirten  Lehrkanzel  für  Thierheilkunde  war  Alexander  Tolnay.  Die  Lehrgegenstände 
und  Professoren  der  medizinischen  Fakultät  waren  zur  Zeit  Josefs  folgende  :  Specielle 
Pathologie  und  Therapie:  Michael  Schoretits  (seit  1770),  Wenzel  IVnka  (seit  1785); 
Anatomie:  Wenzel  Trnka;  Physiologie:  Adam  Ign.  Prandt  (1770),  Samuel  Rdcz 
(1783);  Pharmakologie:  A.  I.  Prandt;  Praktische  Chirurgie:  Josef  Plenk  (1770), 
Georg  St4hly  (1783);  Geburthilfe:  Plenk  (1770),  J.  R&cz  (als  Supplent),  G.  StdMy 
^1783),  Botanik:  J.  Winterl;  Chemie:  derselbe;  Zoologie:  Mathias  Piller  (1783), 
Josef  Schönbauer  (1788);  Mineralogie:  die  Professoren  der  Zoologie;  Theoretische 
Arzneikunde:  Stipsics  Ferdinand  (1783);  Thierarzneikunde :  Alexander  Tolnay.  Dr. 
-Joh.  Rupp's  Festrede  zum  hundertjähr.  Jubilemn  der  medic.  Fakultät  der  k.  ung. 
Universität.  Ofen,  1871,  S.  130. 


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54f  UNOARN   BETREFFENDE   SANITÄTSVERORDNÜNGEN   JOSEFS    DES   H. 

arzt  bei  einer  Gespanscbaft  oder  Stadt  angestellt  werden  könne,  der  nicht 
diese  Vorlesungen  gehört,   und  darüber  ein  gutes  Zeugniss  erhalten  bat.» 

In  ausführlicher  Weise  werden  auch  die  Pflichten  der  Aerzte  fest- 
gesetzt. Allgemein  behandelt  dieselbe  schon  das  Normale  vom  Jahre  1770,. 
indem  es  in  mehreren  Punkten  das  Verhältniss  der  Aerzte  zu  dem  Publicum 
und  dem  Sanitätspersonale  bestimmt.  Im  Anschlüsse  an  diese  Anordnungen 
erliess  Josef  IL  am  27.  November  1787  ein  Intimat  in  der  Form  eines. 
«Amtsunterrichts  für  die  Comitats- Aerzte  in  dem  Königreiche  Ungarn,  und 
den  dazu  gehörigen  Provinzen.»  Dieser  Erlass  enthält  in  32  Punkten  eine 
ausführliche  Unterweisung  für  die  Cbmitatsärzte  und  verdient  wohl,  in 
seinen  Hauptpunkten  hier  registrirt  zu  werden. 

Die  Agenden  der  Comitatsärzte  beziehen  sich  —  nach  dieser  Amts- 
unterweisung —  «auf  den  allgemeinen  Gesundheitsstand  des  ihnen  anver- 
trauten Bezirks,  auf  den  besonderen  der  einzelnen  Kranken  und  auf  die 
ihnen  von  der  öffentlichen  Aufsicht  in  landgerichtlichen  Fällen  gemachten 
Aufträge  und  Untersuchungen.» 

Betreffs  des  ersten  Punktes  haben  die  Comitatsärzte  ihre  Aufmerk- 
samkeit den  Epidemieen,  Viehseuchen,  Affcerärzten,  der  Geburtshilfe,  den 
Apotheken  und  allen  denjenigen  Gegenständen  zuzuwenden,  welche  durch 
Verunreinigimg  der  Luft  Krankheiten  zu  verursachen  im  Stande  sind. 

Bezüglich  der  epidemischen  Krankheiten  wird  folgende  Anordnung 
getroffen : 

«Die  Ortsobrigkeiten  haben  bereits  die  Verordnung  *,  sobald  wahrge- 
nommen wird,  dass  in  einem  Orte  mehrere  Menschen  durch  einerlei  Krank- 
heit in  kurzer  Zeit  aufgerieben  werden,  sogleich  unter  der  schwersten  Ver- 
antwortung die  Anzeige  an  die  Gespanschaftsbehörde  zu  machen. 

Wenn  eine  solche  Anzeige  einläuft,  hat  sich  der  Gespanschafts-Arzt 
auf  Verordnung  des  Comitats,  unverzüglich  nach  dem  angezeigten  Orte  zu 
begeben,  die  Art  und  Beschaffenheit  der  Krankheit,  ihre  Verbreitung,  und 
der  dadurch  verursachten  Sterblichkeit  genau  zu  untersuchen,  und  über  die 
erhobenen  Umstände  Bericht  an  den  Vicegespan,  nebst  Anschliessung  der 
Tabelle  aller  Kranken,  Genesenen,  oder  Verstorbenen,  mit  der  Voraus- 
setzung der  Volksmenge  des  Orts  zu  machen. 

Bestätiget  sich,  dass  wirklich  eine  Epidemie  herrscht,  so  hat  der  Arzt 
über  die  den  Umständen  angemessene  Heilungs-  und  Verwahrungsmethode^ 
und  sonst  über  die  diätetischen  Mittel  auf  der  Stelle  die  Vorschrift  zu 
erteilen,  und  so  lange  an  dem  Orte  zu  verbleiben,  bis  das  Uebel,  wo  nicht 
gänzlich,  doch  wenigstens  grösstenteils  gehoben  ist ;  von  Zeit  zu  Zeit  aber 
muss  er  den  Fortgang  und  die  Wirkung  seiner  Vorkehrungen,  immer  mik^ 
Anschluss  obiger  Tabelle,  dem  Vicegespan  berichten. 

*  Unter  Andern  in  dem  mehrerwälmten  Normativum  vom  Jahre  1770. 


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UNGARN    BETREFFENDE   SANITATSVERORDNTNOEN   JOSEFS   DES  II.  -^^ 

Wenn  ungeachtet  der  angewendeten  Heilungsmittel,  das  Uebel  weiter 
um  sich  greifen  sollte,  so  muss  der  Comitats-Arzt  dem  Vicegespan  die 
genaue  Beschreibung  der  Krankheit,  nebst  bemeldeter  Tabelle  der  dabei 
wahrgenommenen  Umstände,  und  der  gebrauchten  Arzeneien  auf  das  schleu- 
nigste zusenden,  und  wegen  gemachter  Vorkehrungen,  wie  auch  des  Erfolgs 
derselben,  die  umständliche  Anzeige  erstatten,  zugleich  aber  fernere  Ver- 
haltungsbefehle ansuchen.» 

In  gleicher  Weise  hat  der  Comitats-Physikus  bei  einer  ausbrechenden 
Viehseuche  vorzugehen. 

Femer  hat  er  darauf  zu  achten,  dass  die  Gesundheit  der  Bewohner 
durch  das  betrügerische  Verfahren  sogenannter  Afterärzte  nicht  gefährdet 
werde. 

Zu  seinen  Pflichten  gehört  es  auch,  darauf  zu  achten,  «dass  kein  Weib 
als  Wehemutter  die  Geburtshilfe  ausübe,  welche  nicht  zuvor  auf  einer  erb- 
ländischen  Universität  geprüft  und  tauglich  befunden  worden  ist,  welches 
aus  dem  von  der  Universität  erhaltenen  Diplome  zu  ersehen  seyn  wird.»  — 
«Wo  die  Entfernung  von  Ofen  und  Pest  zu  gross  ist,  sollen  die  Weiber, 
welche  die  iGreburtshilfe  als  Wehemütter  ausüben  wollen,  zuvor  von  dem 
(Jomitats-Chyrurgus,  der  vermöge  der  bestehenden  Gesundheits- Vorschriften 
ohnehin  ein  Geburtshelfer  seyn  muss,  *  unterrichtet,  und  von  dem  Comi- 
tats-Physikus mit  Beiziehung  des  Gomitats-Ghyrurgus  über  ihre  Fähigkeit 
ordentlich  geprüft,  und  nur  wenn  sie  tauglich  befunden  worden,  densel- 
ben ein  von  beiden  unterschriebenes  Zeugniss  ausgefertiget  uud  die  Gre- 
burtshilfe  auszuüben  erlaubet  werden. » 

Um  die  Verbreitung  der  Lustseuche  hintanzuhalten,  möge  der  Comi- 
tats-Arzt dieser  gewöhnlich  geheimgehaltenen  Krankheit  nachspüren  und 
sie  nach  Möglichkeit  auszurotten  suchen. 

Den  Apothekern  gegenüber  hat  er  darauf  zu  achten,  dass  dieselben  ord- 
nungsmässig  geprüft  und  diplomirt  seien.  Femer  hat  er  dafür  Sorge  zu 
tragen,  dass  in  jeder  Apotheke  die  Arzneien  stets  in  erforderlicher  Menge 
und  Güte  vorhanden  seien  und  nach  der  vorgeschriebenen  Taxe,  ohne  Be- 
vorteilung  des  Publicums  veräussert  werden.  Um  sich  hie  von  zu  über- 
zeugen, soll  der  Comitats-Physicus  jährlich  einmal  —  von  Mitte  Juli  bis 
Ende  October  —  in  allen  Apotheken  seines  Bezirkes  eine  Visitirung  vor- 
nehmen. Constatirte  Mängel  sind  an  den  Vicegespan  zu  melden.  —  Ebenso 

*  A.  h.  Verordnung  vom  10.  April  1773  nnd  12.  Mai  1785.  Letztere  hat  fol- 
genden Wortlaut:  fln  Zukunft  soll  kein  Wundarzt  in  einer  Stadt,  einem  Maikte 
oder  einem  grösseren  Dorfe  dieses  Königreichs  angestellet  werden,  wenn  er  nicht  ein 
2jengnis8  aufweisen  kann,  dass  er  auch  aus  der  Hebanamenkuust  gehörig  ist  geprüfet 
worden.  Dieses  kann  mn  so  mehr  von  jedem  Wundarzte  gefordert  werden,  da  dieser 
Unterricht  sowohl  an  der  Universität  zu  Pest,  als  in  allen  Universitäten  uud  Liceen 
der  deutschen  Erbländer  bestehet  • 


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56  UNGARN    BETREFFENDE    SANITÄTSVERORDNUNGEN   JOSEFS    DES   H. 

hat  er  auch  auf  die  zum  Veräusßem  von  Giftwaaren  berechtigten  Spezerei- 
händler  sein  Augenmerk  zu  richten. 

«In  Ansehung  der  Luftansteckung  und  anderer  Gegenstände^  die  Krank- 
heiten veranlassen»  bestimmt  die  Amtsinstruction folgendermassen :  «Wenn 
der  Gomitatsarzt  in  seinem  Bezirke  Gegenstände  bemerkt,  welche  Orts- 
krankheiten veranlassen,  oder  durch  Ansteckung  der  Luft  auf  die  Gesund- 
heit nachtheilige  Wirkung  haben  könnten,  z.  B.  grosse  Pfützen,  oder  Schind- 
anger nahe  an  bewohnten  Orten,  oder  an  den  Strassen  hingeworfenes  todtes 
Vieh  oder  Aeser,  die  nicht  vorschriftsmässig  eingescharret  sind,  ingleichen, 
dass  die  Leichen  nicht  tief  genug  unter  die  Erde  gebracht  werden  und 
dergleichen,  so  hat  er  darüber,  so  wie  auch  über  die  allenfalls  bemerkte 
Verunreinigung  der  Brunnen  an  das  Comitats-Offizialat  die  Anzeige  zu 
machen.» 

Um  seinen  Pflichten  «in  Ansehung  des  besondem  Gesundheitsstandes 
einzelner  Kranken»  gerecht  zu  werden,  hat  er  alles  zu  beobachten,  wozu  er 
sich  in  seinem  Amtseid  verpflichtet.  «Die  Armen  hat  er  ohne  Unterschied 
unentgeltlich  zu  besorgen,  überhaupt  aber  an  Kranke,  denen  er  beisteht, 
bei  ernstlicher  Ahndung  keine  übertriebene  Forderung  zu  machen,  und  da 
er  von  dem  Staate  eigends  dazu  besoldet  wird,  so  ist  er  den  Unvermögenden 
in  ihren  Krankheiten  mit  der  nänüichen  Sorgfalt  und  Mühe,  wie  dem  Kel- 
chen beizustehen  schuldig,  und  hat  derselbe  mit  kostbaren  Arzeneien  nie- 
mand in  unnöthige  Kosten  zu  bringen.»  «Wenn  der  Comitats-Arzt  über 
Land  gerufen  wird,  so  muss  demselben  die  Fuhre  hin  und  zurück  von  denen, 
die  seinen  Besuch  verlangen,  unentgeltlich  verschafft  werden.» 

Die  Pflichten  des  Comitatsarztes  bezüglich  der  in  gerichtlichen  Fällen 
gemachten  Aufträge  bestimmt  die  Sanitätsordnung  folgendermassen :  «Wenn 
er  zur  Beschau  in  Sicherheitsfällen,  als  Todtschlägen,  Verletzungen,  und 
anderen  Gewaltthätigkeiten  gerufen  wird,  muss  er  nach  der  landesgericht- 
Hchen  Vorschrift  den  Augenschein  nehmen,  und  das  ordentliche  Besichti- 
gungszeugniss  ausstellen.  Eben  das  ist  zu  beobachten,  wenn  bei  plötzlichen 
Todesfällen,  oder  bei  dem  Verdachte  einer  Vergiftung,  und  dergleichen,  von 
der  Obrigkeit  die  Besichtigung  oder  Zergliederung  eines  Körpers  befohlen 
wurde,  in  welchen  Fällen  er  mit  der  grössten  Genauigkeit,  die  etwa  sich 
zeigenden  Merkmahle  aufzuzeichnen,  und  das  Erhobene  an  das  Gericht  ein- 
zuschicken hat.» 

Die  Vielseitigkeit  der  Agenden  des  Comitatsphysikus  macht  es  demnach 
erforderlich,  dass  er  sich  ohne  Wissen  und  Bewilligung  des  Vicegespaug  von 
seinem  Aufenthaltsorte  nicht  entferne. 

Nebst  dieser  ziemlich  erschöpfenden  Amtsinstruction  erschienen  noch 
während  der  Kegierung  Josefs  sporadisch  mehrere  auf  die  Verhältnisse  der 
Aerzte  bezügliche  Verordnungen.  So  z.  B.  am  21.  März  1785  betreffs  Einsen- 
dung ausführlicher,  mit  statistischen  Daten  belegter  Krankheitsberichte,  um 


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XJNGARN    BETREFFENDE   8ANITÄT8VERORDNUNGEN   JOSEFS    DES   H.  57 

diese  für  eine  herauszugebende  Zeitschrift  tActa  Medica  Hungariae»  verwer- 
ten zu  können. 

Die  Agenden  der  Chirurgen,  die  von  denen  der  Medici  scharf  geschieden 
'waren,  werden  auch  in  ausführlicher  Weise  bestimmt. 

Die  Anordnung  vom  Jahre  1770  betreffend  die  durch  eine  Universitäts- 
prüfung  zu  erhärtende  Qualifioation  der  Wundärzte  wird  am  13.  März  1786 
und  25.  Juni  1788  bestätigt,  mit  dem  Zusätze,  dass  diejenigen,  die  schon 
vor  dem  im  Jahre  1 770  erlassenen  Sanitätspatente  durch  einen  Landes -Proto- 
medicus  oder  Sanitätsrat  oder  von  einer  Sanitätscommission  gehörig  geprüft 
worden  sind,  von  diesem  Examen  enthoben  werden. 

Am  31.  Oxtober  1786  wird  folgendes  Rescript  erlassen:  tDie  Wund- 
ärzte der  Städte  und  Dörfer,  denen  es  wegen  ihres  Hauswesens  oder  Alters 
zu  beschwerlich  wäre,  den  vorgeschriebenen  zweijährigen  Kurs  der  Chirurgie 
an  der  Universität  zu  vollenden,  können  auch  eher  zur  strengen  Prüfung 
gelassen,  und  woferne  sie  aus  allen  Theilen  dieses  Unterrichts  hinlängliche 
Kenntnisse  an  den  Tag  legen,  bestätiget  werden.» 

Vom  12.  Mai  1785  resp.  3.  Jänner  1787  datirt  die  Verordnung,  wonach 
die  Wundärzte  auch  die  Prüfung  aus  der  Geburtshilfe  resp.  aus  der  Vieh- 
arzneikunde  ablegen  müssen.  Um  das  Studium  dieser  Gegenstände  auch  den 
vor  Errichtung  der  betreffenden  Lehrkanzel  an  der  Pester  Universität  ange- 
stellten Wundärzten  zu  ermöglichen,  sollen  —  nach  dem  Intimat  v.  8.  Sept. 
1788  —  aus  jedem  Comitate  zwei  Processual- Wundärzte  abwechselnd  je  einer 
an  die  Pester  Universität  entsendet  werden. 

Bei  Besetzung  der  erledigten  Wundarztstellen  soll  —  Rescript  vom  5. 
Juli  1787  —  ohne  Bücksicht  darauf,  ob  die  Betreffenden  vom  Civil-  oder 
Militärstande  sind,  nur  die  Fähigkeit  und  Geschicklichkeit  in  Anbetracht 
kommen. 

Gleichzeitig  mit  der  Amtsinstruction  für  die  Aerzte  wurde  auch  am  27. 
November  1787  eine  Amtsunterweisung  für  die  Chirurgen  erlassen. 

Diese  Instruction  stützt  sich  grösstentheils  auf  die  am  17.  Septem- 
ber 1770  getroffenen  Bestimmungen  der  Constitutio  normalis,  enthält  sonst 
im  Allgemeinen  den  auf  die  Aerzte  bezüglichen  Bestimmungen  ähnliche 
Anordnungen.  «Die  Pflicht  der  Menschlichkeit  und  des  Berufs,  —  heisst  es 
im  11 .  Punkte  der  Instruction  —  erstrecket  sich  bei  einem  Comitats-Chirur- 
gen  auch  bis  auf  die  scheinbaren  Todten.  Zuweilen  finden  sich  Ertrunkene, 
Erfrorne,  aus  Schwermuth,  oft  von  betäubenden,  schwefehchen,  eingesperr- 
ten, faulenden  Dünsten  erstickte  Menschen,  oft  sieht  man  todtscheinende 
Kinder  auf  die  Welt  kommen,  oft  erblickt  man  hypochondrische  und  hyste- 
rische Personen  in  einer  dem  Tode  ähnlichen  tiefen  Ohnmacht  hingesunken, 
alle  diese  Elende  sind  der  Gegenstand  der  Sorgfalt  eines  rechtschaffenen 
Comitats-Chirurgen,  und  es  ist  Pflicht  für  ihn,  sich  mit  einer  vernünftigen 
Behandlung  in  solchen  dringenden  Fällen  im  voraus  vertraut  zu  machen» 


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•>*^  UNG-\BN    BETREFFENDE   SANITÄTSVERORDNTJNOEN    JOSEFS  DES   H. 

dass  er  im  Falle  der  Not  allezeit  fertig  sei,  und  wisse  was  er  zu  thun 
habe.t 

Bezüglich  der  Bader  (Barbiere)  wird  am  30.  Mai  1 786  folgende  Bestim- 
mung getroffen  : 

fEs  liegt  den  Gespanschaftsärzten  ob  sorgfältig  zu  wachen,  damit  die 
Bartscherer  ausser  den  minderen  chirurgischen  Operationen  ihres  Berufs,. 
sich  nicht  beikommen  lassen,  Heilungen  innerer  Krankheiten  zu  überneh- 
men, und,  wenn  sich  dieselben  nicht  davon  abbringen  lassen,  ist  es  der  Aerzte 
Pflicht,  sie  bei  dem  Ortsgerichte  anzugeben,  welchem  obliegt,  solche  Wider- 
spänstige  in  Schranken  zu  setzen,  für  begangene  Fehltritte  zu  bestrafen,  und 
sie  zur  Beachtung  der  Verordnung  anzuhalten.» 

Im  Rescripte  vom  13.  Juni  1786  werden  die  «gemeinschaftlichen  Pflich- 
ten der  Heil-  und  Wundärzte  in  den  Gespanschaften»  festgesetzt.  tDiesfr 
mögen  vereint  auf  die  Beobachtung  der  in  Sanitätssachen  ergangenen  Ver- 
ordnungen wachen,  und  alle  Uebertretungen,  die  sie  bemerken,  der  Gespan- 
schaft anzeigen »  etc. 

Als  vom  Staate  besoldete  Beamte  mögen  sie  den  Armen  unentgeltliche 
Hilfe  angedeihen  lassen,  «von  den  übrigen  Personen  aber,  für  geleistete 
Pflege,  nach  Verhältniss  ihres  Vermögens,  eine  angemessene,  doch  niemals 
übertriebene  Belohnung,  bei  schwerer  Ahndung,  abgenommen  werde»  (Re- 
script  vom  17.  August  1786.) 

Die  notwendigen  chirurgischen  Instrumente  hat  das  Comitat  auf  eigene- 
Kosten  anzuschaffen  und  den  Comitatschirurgen  zu  übergeben.  (Rescr.  vom 
4.  Mai  1786.) 

Am  7.  Dezember  1 786  wird  das  von  Georg  Stähly,  Professor  der  Chi- 
rurgie an  der  Pester  Universität  (1783 — 1802)  entworfene  Verzeichniss  jener 
Instrumente  herausgegeben,  «welche  ein  Comitats-Chyrurgus  in  jeder  Grespan- 
schaft  nothwendig  haben  muss.»  Das  Verzeichniss  enthält  Instrumente: 
«zu  verschüdenem  Gebrauche,»  (wie  Heftnadeln,  Polypzangen,  Zahnzangen^ 
Lanzetten,  Scalpel,  Troicarta  zur  Eröffnung  der  Luftröhre,  Catheter, 
Bistouris,  Aneurysmanadeln,  Sonden,  Kugelzieher  etc.),  «zur  Trepanirung* 
(Trepanbogen ,  Perforations-  und  Exfoliativtrepan ,  Tirefond,  Elevator^ 
Hebeisen  etc.),  t^zur  Amputirung>>  (wie  Knöbel,  Toumiquet,  Arterien- 
Zangel,  Bromfieldischer  Hacken  etc.),  «für  Gebahrend'e*  (Kopfzange, 
Bessaria,  Mutterkräntzel  etc.),  «zur  Sectionn  (Hirnschale -Brecher,  Hirn- 
schale-Spachtel, Hammer,  Blasrohr,  Hamulie,  Pincetten  etc.)  und  gibt  eia 
deutliches  Bild  von  dem  damaligen  Stande  der  Chirurgie  und  dem  Wir- 
kungskreise der  Wundärzte. 

Auch  die  Regelung  des  Apothekerwesens  ei  freute  sich  unter  der  Regie- 
rung Josefs  des  H.  einer  weitgehendsten  Berücksichtigung.  Ausführliche 
Bestimmungen  in  Bezug  auf  die  Qualifikation  und  Pflichten  der  Apotheker 
enthalten  schon  ältere  Verordnungen,  hauptsächlich  die  Apothekerordnung 


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ITNOARN   BETREFFENDE   SANITATßVERORDNUNGEN   JOSEFS   DES   II. 


5» 


vom  Jahre  1644.*  Die  im  Normativ  vom  Jahre  1 770  enthaltenen  Anordnun- 
gen ivon  den  Pflichten  der  Apotheker»  wiederholen  theilweise  die  Bestim- 
mungen der  erwähnten  Apothekerordnung.  Bemerkenswert  ist  das  Bescript 
Josefs  des  IL  vom  23.  Jänner  1 786,  das  in  mehreren  Punkten  die  Einrich- 
tung, Besorgung  etc.  der  Apotheken  regelt :  Es  heisst  daselbst :  «Damit  künf- 
tig allen  Fehlern  und  Betrügereien  der  Apotheker  gehörig  vorgebeuget  wer- 
den könne,  haben  Se.  Majestät  beschlossen,  dass 

Erstens :  auf  der  Universität  keine  Kosten  gesparet  werden  sollen,  voll- 
kommene Apotheker  zu  bilden. 

Zweitens :  Soll  den  Apothekern,  welche  durch  kein  ganzes  Jahr  sich 
an  der  Universität  aufhalten  können,  sondern  nur  Privat-Collegien  hören  wol- 
len, der  Zutritt  dazu  zur  Sommerszeit  frei  sein,  wo  Gelegenheit  ist,  in 
dem  zu  Pest  befindUchen  botanischen  Garten  die  Kräuterkenntniss  zu 
erlangen. 

Drittens :  Kein  Apothekenkauf  soll  giltig  sein,  wenn  nicht  der  Käufer 
vorher  schon  alle  zur  Ausübung  der  Apothekerkunst  erforderlichen  Wissen- 
schaften erlernet  hat,  und  darüber  sich  gehörig  hat  prüfen  lassen.  Ebenso 
wenig  wird  ohne  diese  Prüfung  ein  Apotheker  von  einer  Obrigkeit  zum  Princi- 
palen,  oder  von  einer  Witwe  zum  Provisor  können  aufgenommen  werden» 
etc.  «Es  sind  die  Apotheker  anzuhalten,  zu  desto  genauerer  Beobachtung 
der  im  Jahre  1779  publicirten  pharmaceutischen  Taxordnung  den  Preis  der 
abgenommenen  Medicamente  auf  das  Recept  zu  setzen.»**   «Es  wird  der 


'••  S.  meine  «Beiträge  zur  Gesch.  d.  Medizin  in  Ungarn»  S.  42. 
**  Es  würde  hier  jedenfalls  zu  weit  führen,  die  bezogene  Arzneitaxe  aucJi  nur 
auszugsweise  zu  reproduziren.  Ich  will  liier  nur  den  Anhang  der  Taxe,  der  den 
Titel  fPür  verschiedene  Apotecker- Arbeiten»  führt,  anführen.  Die  Taxe  «für  einen 
Umschlag  (Cataplasma)  zu  kochen»  beträgt  6  kr;  «für  einen  Trank  (Decoctum) 
*/2  Stande  zu  kochen»  6  kr.;  «für  einen  Trank  durch  ein  oder  zwei  Stunden 
zu  kochen»  9  ki*;  «für  ein  Seidel  gemeine  Molken  oder  Käsewasser •♦  (Serum 
Iactis)4kr. ;  «für  ein  Seidel  mit  Eyerklar  geläutei-tes  Käsewasser»  10  kr.;  «für 
eine  Kemmilch  (Emulsion)  auszupressen»  3  kr.;  «für  einen  Aulguss»  (Infusion) 
3  kr.;  «fttr  ein  Quintel  Pillen  zu  formiren»  2  kr.  «Fttr  Gläser,  Schachteln,  Hafher- 
geschirre  u.  d.  gl.  kann  wegen  Verschiedenheit  der  Grösse  und  Materie  nichts 
Gewisses  bestimmet  werden. »  —  Es  sei  hier  nur  noch  bemerkt,  dass  eine  selbstständige 
ungarische  Arzneitaxe  (ein  iWerk  des  Pressburger  Stadtphysikus  Just.  Job.  Torkos)- 
für  ganz  Ungarn  am  12.  Juli  1745  sanctionirt  und  auch  später  —  15.  Juli  1760  und 
30.  März  1769  —  trotz  der  Bestrebungen  in  Ungarn  die  Engersche  österreichische  Taxe 
vom  J.  1765  einzuführen,  bestätigt  wurde.  Später  wurde  aber  die  Pharmacopoea 
austriaca-provinciaüs  1774  5  mit  einer  neuen  Arzueitaxe  (vom  1.  Jänner  1776  an 
giltig)  auch  in  Ungarn  anbefohlen,  jedoch  offiziell  erst  im  Jahre  1786  eingeführt. 
In  Folge  des  Abusus,  dass  in  mancher  Apotheke  die  Torkos'sche,  in  einer  andern 
die  Engel'sche  Taxe  massgebend  war,  wurde  am  23.  Jänner  1786  und  26.  Juni 
1787  die  allgemeine  Einführung  der  Wiener  Taxe  angeoi-dnet.  Linzbauer:  Das  Inter- 
nat. Sanitätswesen  der  ung.  Kronländer.  S.  29. 


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<y^  UNGARN    BETREFFENDE    SANITÄTS VERORDNUNGEN   JOSEFS   DES    H. 

Unfug,  dass  die  Aerzte  von  den  Apothekern  zum  neuen  Jahre  Geschenke 
annehmen,  hiermit  gänzlich  abgestellt,  und  sollen  die  betretenen  Geber  und 
Abnehmer  zur  empfindlichen  Strafe  gezogen  werden.« 

Kontrakte  zwischen  einer  Gemeinde  und  Apotheke  wegen  Ablieferung 
der  Arzeneien  sollen  —  der  Bestimmung  vom  23.  April  des  Jahres  1786 
gemäss  —  nur  in  dem  Falle  bestätigt  werden,  «wenn  sie  schon  vorder  unter 
dem  21.  Nov.  des  Jahres  1785  erlassenen  Verordnung  geschlossen  worden 
sind»  und  «wenn  das  Publikum  dabei  gegen  alle  Be vorteilung  gesichert  ist, 
und  dadurch  der  Gemeindecasse  ein  merklicher  Vorteil  erwächst.»  In  Zukunft 
soll  aber  die  Abschliessung  derartiger  Kontrakte  unter  keinem  Vorwande 
mehr  zugelassen  werden. 

Am  24.  September  1787  wird  auch  die  von  dem  k.  ung.  Statthalterei- 
Tat  ausgearbeitete  Apothekerordnung  publicirt. 

Ein  Intimat  vom  5.  August  1788  bestimmt,  dass  «von  den  Verzeich- 
nissen der  Arzeneien,  welche  den  armen  ünterthanen  abgereichet  werden 
zum  Nutzen  des  allerhöchsten  Aerariums,  20  vom  Hundert  abzuziehen 
sind.» 

Auch  das  Geburtshilfewesen  wird  in  mehreren  Verordnungen  geregelt, 
teils  durch  Bestätigung  der  im  Sanitätsnorinativum  vom  Jahre  1770  enthal- 
tenen diesfälligen  Bestimmungen,  teils  durch  neue,  entsprechendere  Anord- 
nungen. So  wird  z.  B.  die  Dislocirung  der  mit  der  Geburtshilfe  vertrauten 
Personen  —  auf  Grund  einer  Bestimmung  vom  J.  1770  —  den  Oomitats- 
behörden  und  den  kgl.  Kommissären  übertragen  (21.  Dezember  1786.) 

Das  dritte  Hauptstück  der  Josefinischen  Sanitätsverordnungen  behan- 
-delt  das  Capitel  der  Krankheiten  in  gesundheits-polizeilicher  Beziehung  und 
gliedert  sich  in  folgende  Abschnitte:  §.  I.  Vorsichten  den  Krankheiten  vor- 
zubeugen. Hieher  gehören  :  1.  Erhaltung  gesunder  Luft:  «Vorschrift  wegen 
Einrichtung  der  Grüften,  Gottesäcker  und  Leichenbegängnisse  etc.»  «Von 
Austrocknung  der  Sümpfe.»  —  2.  Vorschriften  in  Ansehung  der  Gifte.  — 
3.  Andere  der  Gesundheit  schädliche  Dinge.  —  4.  Eröffnung  und  gerichtliche 
Untersuchung  der  Leichen. 

§.  II.  Von  den  Anordnungen,  wenn  auf  der  Stelle  Hilfe  geschafft  wer- 
den soll. 

§.  HI.  Von  den  Verfügungen,  damit  das  Uebel  der  Krankheiten  nicht 
weiter  sich  verbreite. 

Bezüglich  der  Anlegung  von  Krypten  wird  mittels  eines  Rescriptes 
vom  22.  August  1777  die  bautechnische  und  hygienische  Untersuchung  der 
Umgebung  angeordnet.  In  sanitätspolizeilicher  Beziehung  wird  folgende  Ver- 
fügung getroffen:  «Wenn  aus  solchen  Grüften  durch  Fenster,  Spalten  oder 
wie  sonst  immer,  ausserhalb  oder  innerhalb  der  Kirche,  böse  Ausdünstun- 
gen sich  drängen  können,  wonach  genau  zu  forschen  ist,  sind  alle  diese 
Oeffnungen  auf  das  sorgfältigste  zu  vermachen  und  stets  wohl  verschlossen 


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UNGARN    BETREFFENDE    SANITÄTSVERORDNUNGEN    JOSEFS    DES    II.  61 

ZU  halten,  damit  nie  die  bösen  Dünste  sieh  durchdrängen  können. »  Aehn- 
liches  wird  auch  betreffs  der  Anlegung  von  Friedhöfen  bestimmt.  Auf  Grund 
eines  Rescriptes  vom  24.  Juli  1788  werden  alle  in  bewohnten  Orten  befind- 
lichen Grüfte  aufgehoben,  ebenso  auch  die  in  einer  geschlossenen  Kirche  oder 
Capelle  (1.  Dec.  1788.) 

Am  27.  März  1783  wird  die  Verordnung  «wegen  Leichenbegängnissen 
und  Erdbestattungen  der  nichtunirten  Griechen»  erlassen;  «Den  nichtunir- 
ten  Griechen  ist  erlaubt,  dass  sie  ihre  Todten  nach  dem  von  alten  Zeiten 
herrührenden  Gebrauche  begraben,  und  die  Grüften  gebrauchen,  wenn  sie 
eine  solche  auf  dem  Gottesacker  bei  der  Kirche  haben ;  doch  werden  fol- 
gende Fälle  ausgenommen,  nämlich,  wenn  einer  an  einer  ansteckenden 
Krankheit  oder  Seuche  gestorben  ist,  oder  wenn  gleich  nach  dem  Tode  die 
Leiche  sehr  aufschwillt,  ein  grässhches  Ansehen  erhält,  eher  als  gewöhnlich 
in  Fäulung  übergeht  und  einen  eckelhaften  Gestank  von  sich  gibt.  In  diesen 
Fällen  müssen  die  Leichen  gleich  mit  ungelöschtem  Kalke  belegt,  und  nur 
nachdem  der  Sarg  wohl  verschlossen  worden  ist,  aus  dem  Hause  nach  der 
Grabstätte  gebracht  werden,  und  wofern  dagegen  gehandelt,  und  eine  solche 
Leiche  mit  unbedecktem  Gesichte  nach  der  Kirche  gebracht  wird,  so  ver- 
lieren sämmtliche  Einwohner  des  Orts  sogleich  die  ihnen  durch  gegenwär- 
tiges Bescript  ertheilte  Erlaubniss,  und  werden  künftig  den  wegen  der  Be- 
gräbnisse im  Allgemeinen  ertheilten  Vorschriften  in  allen  Punkten  genau 
nachleben  müssen.» 

Im  Bescripte  vom  19.  Jänner  1789  wird  auch  thatsächlich  die  den 
griechischen  Nichtunirten  eingeräumte  Begünstigung  aufgehoben. 

Am  7.  Oktober  1784  wird  folgende  Verfügung  erlassen:  «Da  die  Ge- 
wohnheit, die  Todten  im  offenen  Sarge  zu  Grabe  zu  bringen,  noch  an  einigen 
Orten  bestehet,  so  wird  der  Befehl,  dass  Todte,  welche  in  Ansteckung  dro- 
henden Krankheiten  gestorben  sind,  nicht  in  offenen  Särgen  herumgetragen 
werden  dürfen,  hiermit  erneuert,  und  sollen  sich  die  Geistlichen  der  nicht- 
unirten Gemeinden  angelegen  seyn  lassen,  das  ihrer  Sorgfalt  anvertraute 
Volk  von  dem  noch  herrschenden  abergläubischen  Vorurtheile  wegen  Blut- 
säuger, sogenannten  Wampieren,  dem  es  den  Tod  der  Anverwandten  zu- 
schreibt, endlich  ganz  abzubringen. » 

Bezüglich  der  Leichenbegängnisse  und  Beerdigungen  der  Juden  wird 
am  7.  Oktober  1788  nachfolgende  Bestimmung  getroffen:  «Es  haben  Se. 
Majestät  in  Betrachtung  dessen,  dass  bei  den  Juden  gewöhnlich  viele  zahl- 
reiche Familien  beisammen  wohnen,  unter  denen  ein  48  Stunden  lang  lie- 
gender Körper,  wenn  er  zu  faulen  anfinge,  leicht  eine  Ansteckung  verur- 
sachen könne,  als  auch  in  der  Bücksicht,  dass  am  Sabath  und  anderen 
Festtagen  ihnen  die  Beerdigung  eines  Verstorbenen  vermöge  Beligions- 
gesetzen  verbothen  ist,  wesswegen  der  Todte  bisweilen  über  die  festgesetzte 
Zeit  unbegraben  bleiben  müsste,  die  Beerdigung  derselben  vor  Verlauf  der 


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*2 


UNGARN    BETREFt'ENDE    HANITATS\^RORDNUNGEN    JOSEFS    DES  II. 


festgesetzten  48  Stunden,  in  sonderheitlicb  ausgewiesenen  Fällen,  jedoch 
unter  den  Bedingungen  und  Vorsichten  zu  gestatten  geruhet,  dass  an  Orten, 
wo  nicht  ein  eigens  abgesondertes  Behältniss  für  die  Verstorbenen  ausge- 
wiesen werden  kann,  der  Gomitats-Physikus,  oder  bei  dessen  Abwesenheit, 
der  Bezirks- Wundarzt,  oder  endlich  auch  in  dessen  Ermanglung  oder  Abwe- 
senheit, der  nächste  für  das  offene  Land  bestätigte  Wundarzt,  zur  Besichti- 
gung herbei  gerufen,  und  nach  desselben  Erkenntniss  in  Hinsicht  auf  die 
aus  der  Natur  der  Ej:^nkheit,  oder  aus  was  immer  für  andern  Ursachen 
überhandnehmende  Fäulniss,  so  wie  bei  einfallendem  Sabath,  oder  sonst  den 
Juden  heiligen  Festtagen,  der  Beerdigungstermin  abgekürzet  werden  soll. 

Doch  versteht  sich  von  selbst,  dass  alle  Missbräuche  einzuschränken, 
und  nur  damals  der  Gebrauch  von  dieser  Erlaubniss  zu  machen  sei,  wenn 
wirkliche  Gefahr  der  Ansteckung  und  sichtbare,  unläugbare  Zeichen  der 
Fäulniss  vorhanden  sind,  und  über  die  Notwendigkeit  einer  schleunigen 
Beerdigung  die  schriftliche  Bestätigung  des  Arztes  oder  Wundarztes  bei  der 
Obrigkeit  eingelegt  werden.» 

Betreffs  der  Veräusserung  von  Giftstoffen  waren  —  nebst  der  im  P.  5 
des  Normativum  vom  Jahre  1770  enthaltenen  Bestimmung  («Vorsicht  bei 
dem  Verkauf  gefährlicher  Arzeueien,  als  Gift  u.  dgl.»)  —  der  bereits  erwähnte 
Punkt  in  der  Amtsinstruktion  für  die  Comitatsärzte  vom  27.  November  1787 
massgebend.* 

In  einem  Intimatum  vom  13.  September  1785  wird  allen  Mautämtem 
zur  Pflicht  gemacht,  «darauf  zu  wachen,  dass  die  fremden  Materialisten 
keine  Gifte  oder  giftige  Waaren  einführen,  und  wenn  sie  bei  Untersuchung 
ihrer  Waaren  dergleichen  Gifte  finden,  sind  ihnen  solche  abzunehmen  und 
der  Obrigkeit  zu  behändigen». 

Unter  dem  Titel  «Andere  der  Gesundheit  schädliche  Dinge«»  wird 
zuerst  «Vermischung  des  Bleies  mit  den  Zinn»  angeführt.  (17.  Juli  1775. 
2.  November  1784.)  In  letzterer  Verordnung  wird  aufs  AusdrückUchste  be- 
tont, dass  «alle  diejenigen  Gefösse,  worin  Speise,  Trank  oder  Arzenei  für 
Menschen  zubereitet,  aufbewahrt  oder  genossen  wird,  wie  auch  chyrurgische 
Instrumente  unfehlbar  aus  reinem  Zinne  verfertigt  und  die  Einführung  der- 
gleichen aus  vermischtem  Zinne  verfertigter  Waaren  keineswegs  gestattet 
werden  soll». 

Am  3.  August  1782  wird  der  Verkauf  der  mit  dem  gesundheitsschäd- 
lichen Glasemail  (vitirum  aspergibile)  belegten  Waaren  unter  Androhung  der 
Oonfiscirung  derselben  und  einer  Geldstrafe  von  50  Beiohsthalem  untersagt 
Ebenso  wird  auch  (Bescript  vom  6.  Dec.  1784)  der  allgemeine  Verkauf  des 

*  Die  bieher  gehörige  Bestimmung  vom  Jahre  1773  (Constitutionis  Normativ» 
'Bei  Sanitatis  Anni  1770  Explanatio.  P.9.  Zsoldos  1.  c.  S.  31,  Keresztöri  1.  c.  S.  115> 
iviirde  in  Ungarn  nicht  kundgemacht. 


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IT^ÜARN    BBTBEFFENDE    KANITÄTSVERORDNl  NGEX    JOSEFS    DES  II.  ^»^ 

Salpeters,  und  —  7.  Sept.  1785  —  der  sogenannten  Weisserde  (terra  albi- 
•cans)  verboten. 

In  Folge  des  Auftretens  von  Mutterkomvergiftungen  im  ßaranyaer 
-Comitate  *  nach  dem  Genüsse  des  vom  sogenannten  Mutterkorne  gebackenen 
Brodes  wird  am  18.  December  1786  das  ausführliche  «Gutachten  der  medi- 
zinischen Fakultät  zu  Wien  über  das  in  der  Baranyaer  Gespanschaft  gewach- 
sene Aftergetreide  allen  Gespanschaften  zur  Wissenschaft  mitgetheilt.» 
«Leute  —  sagt  das  Gutachten  —  die  vom  Mutterkorn  gebackenes  Brod 
essen,  verfallen  meistenteils  in  die  sogenannte  Kriebelkrankheit;  sie  fühlen 
Anfangs  eine  Ermattung  und  ein  Kriebeln  in  den  Fingerspitzen  und  Zehen, 
^  ob  Ameisen  darin  wären ;  es  folgt  Erbrechen,  der  Leib  wird  hart  und 
■aufjgeblähet,  es  entstehen  Zuckungen  und  Fraisen,  und  endlich  folgt  der 
Tod  mit  abwechselndem  Frost  und  Hitze».  «Uebrigens  ist  von  diesem  After- 
getreide weder  für  Menschen  noch  für  irgend  Vieh  ein  Gebrauch  zu  machen, 
fiondem  es  muss  ganz  vertilget,  und  nicht  ins  Wasser  geworfen,  weil  die  Er- 
fahrung lehret,  dass  ein  solches  Wasser  Hunde,  Schweine,  Gänse,  Enten  etc. 
tödte». 

Die  hygienische  Fürsorge  der  Josefinischen  Verordnungen  geht  auch 
«o  weit,  selbst  das  Heben  allzugrosser  Getreidegarben  «mit  einer  strengen 
Ahndung  gegen  die  Uebertreter»  zu  verbieten  (20.  December  1782),  «weil 
bemerket  worden  ist,  dass  es  auch  den  stärkesten  Leuten  schädlich  wird, 
wenn  sie  zur  Zeit  der  Ernte  allzugrosse  Garben  auf  die  Wägen  und  von  die- 
sen auf  die  Schober  werfen». 

Interessant  ist  auch  das  Verbot  bezüglich  des  Gebrauches  des  weib- 
lichen Mieders,  das  am  14.  August  1783  publicirt  wurde.  Es  heisst  in  dem- 
selben :  «Da  die  Erfahrung  lehret,  dass  der  Gebrauch  der  weiblichen  Schnür- 
brust, oder  des  gewöhnlich  sogenannten  Mieders,  der  Gesundheit,  und 
besonders  der  Ausbildung  des  weiblichen  Körpers  sehr  oft  schädhch  gewesen 
ist,  im  Gegenteile  aber  es  nicht  wenig  zur  Erlangung  einer  guten  Leibes- 
beschaffenheit und  zur  Fruchtbarkeit  der  Weiber  beiträgt,  wenn  der  Gebrauch 
-der  Schnürbrust  unterbleibt,  so  wird  hiermit  festgesetzt,  dass  in  Waisen- 
häusern, Klosterschulen  imd  allen  andern  zur  Erziehung  der  Mädchen  ge- 
widmeten öffentlichen  Anstalten,  der  Gebrauch  der  Schnürbrust  ganz  unter- 
sagt seyn,  und  kein  Mädchen  in  die  Schule  aufgenommen  oder  zugelassen 
werden  soll,  wenn  sie  diesem  Gebrauch  nicht  entsagt.» 

Mit  Verordnung  vom  24.  December  1783  wird  die  in  alle  in  Ungarn 
gebräuchlichen  Sprachen  verfasste  Abhandlung  des  Dekans  der  Wiener  me- 

*  Hirsch  erwähnt  das  Auftreten  der  Ergotismus- Epidemie  in  Ungarn  im 
Jahre  1786  in  dem  tChronologisohen  Verzeichniss  der  Ergotismus-Epidemieen» 
(Handbuch  der  historisch -geogr.  Pathologie  2.  Th.  S.  141)  nicht.  Derartige  Epidemieen 
.grassirten  übrigens  schon  im  Mittelalter  in  Ungarn  imd  kommen  in  den  Chroniken 
tmter  der  Bezeichnung  •  Heiliges  Feuer,  Set  Antonsfeuer,  pestis  ignea»  etc.  vor. 


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ö*  UNGARN    BETREFFENDE    SANITÄTSVERORDNUNGEN    JOSEFS    DES    II. 

dizinischen  Fakultät,  Dr.  Johann  Michael  Schosulan:  «Ueber  die  Schädlich- 
keit der  Schnürbrüste  (Mieder)»  an  sämmtliche  Behörden  Ungarns  verteilt. 

Hieran  fügt  sich  noch  ein  Erlass  vom  5.  August  1784.  Derselbe  lautet 
folgendermassen :  «Das  Verboth  der  Schnürbrust  leidet  in  den  Fällen  eine 
Ausnahme,  wenn  zur  Erhaltung  eines  schadhaften  Leibbaues  der  Grebrauch 
der  Schnürbrust  durch  den  Arzt  selbst  vorgeschrieben,  und  von  demselben 
darüber  das  Zeugniss  beigebracht  vrird.»* 

Bezüglich  der  gerichtUchen  Sektion  der  Leichen  wird  (20.  März  1786) 
die  Verfügung  getroffen,  dass  dieselbe  regelmässig  48  Stunden  nach  einge- 
tretenem Tode  erfolge. 

Am  14.  September  1786  wird  die  für  die  Geschichte  des  medizinischen 
Unterrichts  in  Ungarn  bemerkenswerte  Bestimmung  erlassen,  dass  «in  An- 
sehung der  Zergliederung  todter  Körper  bei  dem  anatomischen  Unterrichte, 
da  hierzu  immer  solche  todte  Körper  erfordert  werden,  die  durch  die  Fäulimg 
noch  nicht  zerstöret  sind,  so  können  an  den  Orten,  wo  Universitäten  sind, 
den  Lehrern  der  Anatomie  und  Chyrurgie,  aus  den  Krankenhäusern  todte 
Körper  auch  vor  Verlauf  der  48  Stunden  ohne  Anstand  geliefert  werden, 
weil  nicht  leicht  zu  befürchten  ist,  dass  die  in  Krankenhäusern  Verstorbenen 
zu  frühe  begraben,  oder  zur  Anatomie  abgegeben  werden,  da  in  diesen  Häu- 
sern immer  Aerzte  und  Chyrurgi  vorhanden  sind,  welche  die  Kranken  be- 
handeln, und  aus  der  Art  der  Krankheit,  und  den  vorhergegangenen  Ur- 
sachen und  Zufällen  kennen  müssen,  ob  der  Körper  wirklich  entseelet  sey 
oder  nicht». 

Erhöhtes  Interesse  verdienen  die  Verordnungen,  die  die  Leistung  der 
ersten  Hilfe  bei  plötzlichen  Unglücksfällen  zum  Gegenstande  haben,  nicht 
nur  deshalb,  weil  sie  dafür  sprechen,  in  welch  hohem  Maasse  schon  damals 
der  Sinn  für  das  Rettungswesen  bei  uns  entwickelt  war,  sondern  auch  darum, 
weil  sie  uns  zeigen,  mit  welchen  Mitteln  damals  die  erste  Hilfe  geleistet 
wurde. 

Schon  Maria  Theresia  erliess  am  1.  Juli  1769  eine  diesbezügliche  all- 
gemeine Verordnung  und  setzt  «ein  Prämium  von  fünf  und  zwanzig  Gulden 
auf  die  Erhaltung  jedes  Ertrunkenen,  oder  sonst  erstickten  Menschen».  Am 
5.  Feber  1779  wird  eine  ausführliche  Instruktion  über  die  Leistung  der 
ersten  Hilfe  bei  plötzlichen  Unglücksfällen  pubUcirt.  Diese  enthält  folgende 
Kapitel:  1.  «Unterricht,  wie  und  durch  welche  Hülfsmittel  Ertrunkene  imd 

'*'  Diesbezüglich  war  die  Angabe  Schostilans  1.  c.  §.34  massgebend :  «Dass 
aber  in  manchen  Krankheiten  sonderlich  der  Beine  einige  Gattungen  Mieder  auch 
nützlich  seyn,  ist  nicht  zu  leugnen,  doch  muss  der  Gebrauch  und  die  Verfertigung 
solcher  Maschinen  nicht  von  Müttern,  Erzieherinnen  und  Schneidern,  sondern  von 
Leib-  und  Wundärzten  anbefohlen  und  bestimmt  werden.  Die  Mieder,  wenn  ai& 
demnach  nützlich  seyn  können,  sind  nur  für  eine  gewisse  Art  Kranker,  niemals  aber 
für  Gesunde.» 


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UNGAKN   BETREFFENDE   8ANITÄTSVEB0BDMUMGBN   JOSEFS   DES   II.  ^^ 

Erbenkte  am  fäglicbsten  hergestellet  werden.»  Die  hier  in  Anwendung  kom- 
menden Mittel  sind  a)  die  Eröffnung  der  Drosselader  (vena  jugularis)  auf 
der  einen  oder  andern  Seite  (•  damit  die  Lunge  und  das  Gehirn  von  dem  an- 
gehäuften und  stillstehenden  Geblüthe  befreiet,  und  dessen  ordentlicher 
Lauf  wieder  hergestellet  werde»);  b)  Entkleidung  und  Abtrooknung;  der 
Verunglückte  soll  mit  trockenen  Kleidern,  Decken,  Kotzen  bedeckt  werden; 
c  I  Einleitung  der  künstlichen  Atmung  durch  direkte  Einblasung  von  Luft 
oder  mit  Hilfe  eines  Blasbalges  u.  s.  w.  —  ü.  Unterricht,  wie  von  Kohlen- 
dunste erstickte  Menschen  gerettet  werden  sollen.  Mittel :  Die  Entfernung 
des  Verunglückten  vom  Thatorte  und  Ueberbringung  auf  die  freie  Luft, 
Aderlass,  Bespritzungen  mit  kaltem  Wasser  und  im  Allgemeinen  die  Ein- 
leitung künstlicher  Atmung.  (Vor  Verabreichung  von  Brechmitteln  wird 
aufs  Eindringlichste  gewarnt.)  —  IIL  Unterricht,  wie  allem  Unglücke  von 
dem  in  den  Kellern  gährenden  Moste  sowohl  vorzukommen,  als  auch  den 
Erstickten  die  nöthigen  Hülfsmittel  verschaffet  werden  sollen.  —  IV.  Unter* 
rieht,  was  vor  der  Reinigung  lange  verschlossener  Brunnen  zu  unternehmen 
und  mit  welchen  Hülfsmitteln  die  darin  erstickten  Menschen  zu  retten 
seyn.  —  V.  Unterricht  von  dem  Sonnenstiche.  Anknüpfend  an  diese  Instruk- 
tion wird  am  1.  Feber  1781  das  Bettungsverfabren  beim  Bisse  wütender 
Hunde  publicirt.  Selbstverständlich  im  Oeiste  der  damaligen  antirabischen 
Ansichten,  beschränkte  sich  diese  Instruktion  beinahe  nur  auf  Präventiv- 
massregeln, Symptomatologie  und  widmet  der  Therapie  (Auswaschung  mit 
Urin,  lauem  Salzwasser,  Aufritzung  mit  einem  spitzig-scharfen  Instru- 
mente etc.)  nur  primitive  Aufmerksamkeit. 

Am  31.  Jänner  1783  werden  die  Behörden  beauftragt,  die  Schrift  des 
Protomedicus  Störk  «Von  der  Heilung  des  tollen  Hundsbisses»  allgemein 
bekannt  zu  machen. 

Am  3.  Feber  1783  wird  noch  eine  Supplement-Instruktion  für  die 
Giirurgen  herausgegeben,  die  sich  hauptsächUch  mit  dem  zu  befolgenden 
Heilverfahren  befasst,* 

Der  dritte  Punkt  des  Capitels,  das  die  Krankheiten  umfasst,  behandelt 
die  Verfugungen,  mittels  welcher  der  Verbreitung  der  Krankheitsübel  vor- 
zubeugen ist.  Diese  erstrecken  sich  auf  die  Massregeln  zur  Localisirung  der 
Lustseuche,  Lungensucht  und  endemischen  Leiden  (2.  August  1783,  30.  Jän- 
ner, 3.  JuH  1784  und  26.  September  1789;  19.  September  1785;  21.  März 
1785,  19.  Juni  1787.) 

Wichtig  ist  die  Verordnung  vom  21.  März  1785,  «wie  die  medizini- 
schen Berichte  über  die  Eigenschaft  der  an  verschiedenen  Orten  des  König- 
reichs beobachteten,  besonders  endemischen  Krankheiten,  alljährlich  von 


^  Kereszturi  1.  c.  S.  171. 
Uoguiseh«  B«tim  XI.  1891.  I.  Heft. 


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66  UNGARN   BETREFFENDE   SANITÄTSYER0RDNUN6EN   JOSEFS    DBS  H. 

den  Gespanschaftsärzten  verfasst  und  an  die  Landesstelle  *  gesendet  werden 
sollen,  i  Dieser  Verordnung  gemäss  sollen  nämlich  die  endemischen  Krank- 
heiten, c  welche  bisher  in  den  Tabellen  namentlich  angeführet  wurden,  häufig 
auch  ausser  der  Tabelle  umständlich  und  deutUch  beschrieben  werden.  •  Das 
statistische  Material,  nach  angeführten  Fragen  geordnet,  soll  eine  Art  von 
Sammelforschung  repräsentiren  und  für  die  Herausgabe  eines  literarischen 
Unternehmens  «Acta  Medica  Hungaria»  verwertet  werden.  (Die  Herausgabe 
einer  solchen  Zeitschrift  wurde  wiederholt  geplant,  doch  immer  erfolglos. 
So  auch  im  Jahre  1787,  1819,  1823,  bis  endlich  im  Jahre  1830  die  erste 
ungarische  med.  Zeitschrift  «Orvosi  Tär»  (Medizinisches  Magazin)  zu 
erscheinen  begann.) 

Das  vierte  Gapitel  der  Sanitätsverordnungen  umfasst  das  Arzneiwesen 
mit  Bezug  auf  die  unentgeltliche  Verabreichung  der  Arzneimittel  seitens  der 
Landesverwaltung,  auf  den  Verkauf  ausserhalb  der  Apotheke,  gesundheits- 
schädliche Mittel  etc. 

BezügUch  der  kostenfreien  Verabreichung  von  Arzneimitteln,  bestimmt 
eine  allerhöchste  Entschliessung  vom  12.  Dezember  1780  Folgendes :  «Wenn 
in  irgend  einem  Bezirke  die  Gefahr  der  Krankheit  stärker  wird,  sollten  die 
nöthigen  Untersuchungen  durch  Aerzte  sogleich  veranlasset,  und  für  die 
armen  Leute  aus  der  Cassa  domestica  angeschafft,  auch  den  Landleuten 
überhaupt,  so  gut  es  geschehen  kann,  mit  Vorstellung  der  daraus  erfolgen- 
den Gesundheit,  die  gewöhnliche  Abneigung  gegen  Arzeneien  benommen, 
und  die  Nothwendigkeit  ihnen  fühlbar  gemacht  werden,  dass  sie  in  Erkran- 
kungsfällen den  nächsten  Heil-  oder  Wundarzt,  die  ohnehin  verpflichtet 
sind,  den  Unterthanen  unentgeltlich  beizuspringen,  sogleich  herbeirufen 
müssen.» 

Die  Bestimmung  der  Constitutio  rei  sanitarise  vom  Jahre  1770,  wonach 
«den  Materialisten,  Marktschreiern,  Gewürzkrämem,  Distillanten,  Okulisten, 
Operateurs  u.  dgl.  Leuten»  die  Herstellung  und  der  Verkauf  von  Arznei- 
mitteln untersagt  wird,  wurde  abermals  bestätigt  und  auch  auf  die  soge- 
nannten «Oelmänner»  — denen  bisher  «der  Handel  mit  Oel  und  Wasser 
in  so  weit,  als  diese  unter  die  Klasse  der  Simplicia  gehören»  gestattet  war  — 
geltend  gemacht  (31.  Jänner  1777),  unter  Androhung  der  Confiscirung  ihrer 
Waaren  und  Abschiebung  in  die  Heimat  (20.  März  1786).** 

Zur  Hintanhaltung  des  Geheimmittelschwindels  wird  am  30.  Jänner 
1787,    «sämmtlichen    Druckereien    bei   schwerer  Ahndung   verboten   für 


*  An  den  k.  Stattbaltereirat. 
**  Trotz  dieses  Verbotes   wanderten  —   nocb   bis    zum    Ausbrucbfe    der   ersten 
französiscben  Bevolution    —    alljäbrlicb    nabezu    300()   solcber   Oeknänner    (Olejkari) 
bauptsäcbüch  aus  Oberungarn  nacb    Frankreicb,   wo  ibnen  ibr  Rosmarin wasser,  das 
sogenannte  Eau  de  la  reine  d'Hongrie,  sebr  teuer  bezablt  wurde. 


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UNGARN   BETREFFENDE   8ÄNITATSVER0RDNÜNGEN   JOSEFS    DES  H. 


67 


Quacksalber  und  dergleichen  Leute,  Zettel  zu  drucken,  wodurch  sie  gegen 
Warzen,  zum  Haarwachsen,  gegen  Hühneraugen  (Leichdome)  an  Fassen, 
Zahnschmezen,  sowie  gegen  Wanzen,  Mäuse  etc.  sogenannte  Arcana  anzu- 
kündigen und  zu  empfehlen  suchen.» 

Die  verbotenen  Arzneimittel  dürfen  nur  dann  veräussert  werden,  wenn 
sie  von  einem  «ordentlichen  Medico»  für  brauchbar  befunden  worden  sind 
(Bescript  ddo  18.  Jänner  1787). 

Vom  wahren  Sinne  für  das  Gesundheitswesen  zeugen  die  Verordnun- 
gen, die  sich  auf  die  Hebung  des  Bades  Balatonfüred  beziehen.  Josef  U. 
schenkte  diesem,  damals  im  eigentlichen  Werden  begriffenen  Kurorte  eine 
Aufmerksamkeit,  der  allein  das  Bad  seine  Entwicklung  verdankte.  Die 
Anordnungen,  die  sich  auf  Füred  beziehen,  haben  einerseits  den  Zweck, 
seinem  Mineralwasser  Verbreitung  zu  verschaffen,  andererseits  aber  den 
Kurort  dem  In-  und  Auslande  zugänglich  zu  machen.  Bezüglich  der  Versen- 
dung des  Mineralwassers  ins  Ausland  wird  die  Verfügung  getroffen,  dass  die 
in  Gegenwart  des  Brunnenarztes  regelrecht  zu  füllenden  Flaschen  mit  einem 
Siegel  mit  der  Aufschrift :  Föns  Acidularum  Fürediensis  zu  versehen  sind. 
Versendungen  ins  Ausland  dürfen  nur  im  Frühjahr  geschehen.  Der  Gebrauch 
des  Wassers  für  eigene  Person  ist  Jedermann  gestattet.  (Intimat  ddo 
lo.  November  1785.)  —  Essoll  auf  die  Reinhaltung  der  Umgebung  der 
Quellen  geachtet  und  auch  die  Vermengung  von  Süsswasser  mit  dem  Was- 
ser des  Sauerbrunnens  hintangehalten  werden.  (19.  April  1784.) 

Laut  eines  Rescriptes  vom  20.  Feber  1786  «ist  bei  dem  Füreder 
Brunnen  ein  Heilarzt  mit  400  Gulden  jährlichen  Gehalts,  ein  Wundarzt  mit 
200  Gulden  und  ein  Apotheker  mit  100  Gulden  von  der  Herrschaft  anzu- 
stellen, diese  aber  bezieht  alle  Einkünfte  von  der  AnfüUung  und  Verkorkung 
der  Flaschen.» 

«Der  Arzt  des  Sauerbrunnens  ist  gehalten,  den  Armen  und  den  Sol- 
daten, nach  Inhalt  des  Amtsunterrichts  vom  1.  Nov.  des  J.  1785,  unentgelt- 
lich Hülfe  und  Wartvmg  zu  widmen.»  (^0.  Feber  1786). 

«Die  Kenntniss  der  landesüblichen  Sprachen  ist  dem  am  Sauerbrunnen 
angestellten  Wundärzte  um  so  nötiger,  als  er,  vermöge  des  Sanitätsnormals 
vom  J.  1773  in  Abwesenheit  oder  im  Verhinderungsfalle  des  Leibarztes,* 
auch  innere  Krankheiten  behandeln  muss.»  (Bescript  ddo  6.  März  1786.) 

Was  die  Verwaltung  des  Kurortes  anbelangt,  wird  am  19.  April  1784 
die  Verfügung  getroffen,  dass  «ein  wohlhabender  und  in  Ansehen  stehender 
Beisitzer  der  Gerichtstafel  die  Kurzeit  über  die  Stelle  eines  Polizei-Gommis- 
särs  vertrete  und  nicht  nur  die  Befolgung  aller  bisher  ergangenen  Polizei- 
und  Verbesserungs- Anstalten  eifrig  besorge,  sondern  überhaupt  alles,  was 
-zur  Beförderung  der  bereits  getroffenen  und  noch  sonst  zu  treffenden  Mass- 

*  Im  Sinne   tals  Arzt  für  innere  Leiden»  zu  verstehen. 

5* 


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UNGARN    BETREFFENDE    SANITATSVERORDNÜNOEN   JOSEFS   DES   H. 


regeln  abzweckt,  sie  mögen  die  Sicherheit  und  Bequemlichkeit  der  Gäste- 
oder die  Beinigkeit  des  Brunnens  zum  Gegenstand  haben,  als  Oberaufseher 
über  sieh  nehme.»  Es  soll  auch  eine  Wohnungstaxe  festgesetzt  und  dieselbe^ 
im  Mietkontrakt  bestimmt  werden.  (19.  April  1784.) 

Am  23.  Mai  1786  wird  die  Zahl  und  Taxe  der  Wohnräumlichkeiten 
in  Füred  veröffentlicht.  Es  befanden  sich  «mit  Ausschluss  der  4  Speisesäle 
und  des  Billiardzimmers  bei  den  2  Sauerbrunnen  und  in  den  benachbarten 
Dörfern  Fured,  Aracs  und  in  den  Weingebirgen  170  Zimmer,  51  Küchen 
und  für  319  Stück  Pferde  hinlängliche  Stallungen.  In  den  an  dem  Sauer- 
brunnen unmittelbar  anliegenden  Gebäuden  sind  75  Zimmer,  7  Küchen,, 
welche  80  Pferde  zu  fassen  hinlänglich  sind,  wie  auch  einige  Wagen- 
schoppen.» 

Die  Taxe  der  Zimmer  wird  folgendermassen  festgesetzt:  «Zimmer 
vom  ersten  Range  werden  um  30  Kreuzer,  zwei  andere  jedes  um  24  kr.,  die 
übrigen  gemalenen  Zimmer  zu  18  kr.,  nicht  gemalene  um  15  kr.,  die 
hölzernen  Unterdach-Zimmer  eines  um  9  kr.,  auf  24  Stunden  gelassen.» 
(Intimat  vom  20.  Mai  1786).  Am  19.  April  1784  und  15.  November  1785  wird 
die  Errichtung  von  Gasthäusern  angeordnet,  «wo  jeder  Gast  nach  seinem 
Geschmacke  und  seinen  Vermögensumständen,  wie  er  will,  gegen  eine  mas- 
sige, zum  voraus  bekannte  Taxe,  bewirtet  werden  kann.» 

«Die  Speisen  sollen  gut,  reinlich  und  so  zubereitet,  dass  sie  auch 
Personen  von  schwächerer  Gesundheit  gemessen  können,  in  Totiser  Thon- 
geschirren  aufgetischet  werden.»  (23.  Mai  1786.)  Im  Intimate  vom  19.  April 
1784  wird  die  Anlegung  von  Alleen  am  Ufer  des  Plattensees  und  den  Stras- 
sen, die  stricte  Beobachtung  der  Reinlichkeit,  die  Gangbarmachung  der 
Zufahrtsstrassen,  bequeme  Beförderung  etc.  anbefohlen. 

Diesen  in  jeder  Hinsicht  vorzüglichen  Anordnungen  verdankt  der  Kur- 
ort seinen  fernem  Aufschwung. 

Das  fünfte  Capitel  der  Stmitätsverfügungen  betitelt  sich :  «Von  Erhal- 
tung des  allgemeinen  Gesundheitsstandes  in  Bücksicht  auf  die  angränzenden 
Länder.» 

Durch  die  Regelung  des  Gontumazwesens  und  Einführung  eines 
Absperrungssystems  kam  Ungarn  sozusagen  in  einen  internationalen  Sani- 
tätsverkehr. 

Die  ersten  Pestordnungen,  wie  z.  B.  jene  vom  Jahre  1506, 1521,  1551, 
1558,  1562  beschränken  sich  grösstenteils  auf  die  interne  Localisirung 
der  Ansteckungsgefahr;  erst  im  Jahre  1690  finden  wir  die  Verfügung,  dass 
wegen  der  in  Ofen  herrschenden  Pest  alle  nach  Wien  Beisenden  in  der  Stadt 
Pest  eine  vierwöchentliche  Gontumaz  zu  halten  haben.*  Ebenso  wurden  inii 


Linzbaner  Codex  I.  S.  335. 


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UNGARN    BETREFFENDE    SANITÄTSVERORDNÜNGEN   JOSEFS   DES   U.  ^^ 

Jahre  1691  an  der  unganscben  Grenze  Contumazanstalten  errichtet.^  cQoa- 
rantän-Häuser»  ordnet  femer  die  von  Kollonics^ischof  von  Baab^  verfasrte 
und  für  Ungarn  bestimmte  Pestordnung  vom  Jahre  1692  an.^  Am  20.  No- 
vember und  27.  Dezember  1709  wurde  eine  «Absperrungs-Norm  für  Ungarn 
festgesetzt  und  durch  die  königl.  ungar.  Hofkanzlei  den  Gomitaten  des  Lan- 
des mitgeteilt.^  «Ambulante»  Contumazanstalten  wurden  1712  in  der  Nähe 
Pressburgs  errichtet^  wo  die  Deputirten  des  Beichstages  sich  einer  Beinigimg 
unterziehen  mussten.^  Diesbezügliche  Verordnungen  wurden  noch  am 
11.  September  und  24.  November  1713  erlassen.  In  Folge  des  Auftretens 
•der  Pest  in  der  Türkei  im  Jahre  1726  wurde  am  16.  September  anbefohlen, 
«in  denjenigen  Orthen,  wo  bis  dato  keine  Gontumazhäuszer  sind,  solche  also- 
gleich zu  erbauen  und  in  brauchbaren  Stand  zu  setzen.»^  Am  3.  Feber 
1734  wurde  die  Errichtung  einer  Contumazanstalt  gegen  Bosnien  am  Berge 
Oapella  und  in  Sluin  angeordnet.®  1738  wurden  in  Peterwardein  imd  Sza- 
lankemen  Gontumazhäuser  eingerichtet.^  Im  Jahre  1741  wurden  im  Grenz- 
gebiete bleibende  Contumazanstalten  errichtet;  ebenso  im  Jahre  1755,  1760 
(Vissö  und  Buskova-Poljana  in  der  M&rmaros),  1769  (Borsa,  Körösmezö 
und  Vereczke),  1770  (Eom&mik  und  Gabolto  gegen  Polen  und  die  Moldau.) 

Die  Bestimmungen  vom  J.  1770  ordnen  die  Leitung  derbleibenden 
Contumazanstalten  an.^ 

Die  in  der  Constitutio  normalis  vom  Jahre  1770  enthaltenen  diesbe- 
zügUchen  Bestimmungen  standen  während  der  folgenden  Pestjahre  in  voller 
'Giltigkeit. 

Die  damals  fungirenden  Contumazstationen  waren :  Borsa  (Com.  Mar- 
maros),  Mehadia,  Zsuppanek,  Pancsova  (Temeser  Banat),  Banovcze,  Semlin, 
Mitroviczn,  Brod,  Gradiska  (Slavonien),  Szluin,  Badonovacz,  Eosztanicza 
(Kroatien),  in  Siebenbürgen:  Bothenthurm,  Tömös,  Terzburg,  Buzan  und 
Vulkan  (gegen  die  Walachei),  Bodna,  Ojtos,  Csik-Ghymes,  Bizicske  (gegen 
die  Moldau). 

Die  Verordnungen  unterscheiden  nach  der  Beschaffenheit  der  ein- 
laufenden Nachrichten  in  der  Zeit  der  Contumaz  1.  die  kürzeste  Dauer 
<21  Tage),  2.  die  mittlere  Dauer  (28  Tage),  3.  die  längste  Dauer  (42  Tage). 
«Obschon  den  Sanitätsobrigkeiten  eingeräumet  ist,  mit  Genehmigung  der 
Xandesstelle,  den  Grad  der  vorgeschriebenen  Contumazdauer  nach  Beschaf- 

^  linzbauer  I.  8.  338. 
'  Linzbauer  I.  S.  342. 
■  Lmzbauer  I.  8.  391,  396. 

*  Lmzbauer  I.  8.  410. 

*  Linzbauer  11.  8.  4. 

•  Linzbauer  11.  8.  49. 
'  Linzbauer  EL  8.  98. 

•  Linzbauer  L  8.  821.  11.  8.  535. 


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70  UNGARN    BETREFFENDE    SANITÄTSVERORDNUNOEN    J0ßEF8    DES    II. 

fenheit  der  einzuholenden  verlässlichen  Nachrichten,  den  Umständen  mit 
Behutsamkeit  anzuschicken,  die  oftmahls  von  der  Dringlichkeit  sind,  keine 
Anfragen  zu  gestatten,  so  wird  ihnen  doch  hiermit  ernstlich  aufgetragen, 
hierin  mit  Klugheit  vorzugehen,  durch  übermässige  Strenge  dem  Wohlstande 
des  gegenseitigen  Handels  und  der  freundschaftlichen  Nachbarschaft,  ohne 
gute  Ursachen,  nicht  beschwerlich  zu  fallen.  Jede  Fristverlängerung  aber 
sollen  sie  dann  sogleich  mit  allen  Umständen  und  Ursachen,  durch  die 
Landesstelle  und  ungarische  Hofkanzlei  uns  anzeigen,  den  einmahl  erhöhe- 
ten  Termin  aber,  ohne  vorläufig  die  Ursachen  der  Herabsetzung  hinterbracht 
und  weitere  Verhaltungsbefehle  zu  haben,  für  sich  allein  nie  mindern.» 

Zur  Hintanhaltimg  der  Ansteckungsgefahr  wurden  Sanitätskordone 
aufgestellt.  «Wenn  nun  das  gefährliche  Pestübel  wirklich  in  den  türkischen 
oder  anderen  angränzenden  Landschaften  ausgebrochen  seyn  sollte,  so  wird 
dieser  Pestkordon,  wo  er  noch  nicht  besteht,  aufzustellen,  oder  wo  er  schon 
besteht,  nach  Massgebung  der  Umstände,  dermassen  zu  verstärken  seyn, 
dass  die  ausgesetzten  Posten,  davon  einer  den  andern  ohnehin  allezeit,  so 
viel  möglich  im  Gesichte  behalten,  umso  enger  zusammengezogen,  oder 
auch  bei  gefährlichster  Dringlichkeit,  nebst  dem  auswärtigen  Kordon  wohl 
gar  ein  zweiter  formirt  werde,  um  durch  solche  Mittel  alle  Zugänge  aus 
den  verdächtigen  Gegenden  auf  das  strengste  zu  beobachten.» 

•Es  sollen  die  Kordonsposten,  die  allenfalls  an  der  Gränze  eines  Orts 
ankommenden  Personen  sogleich  zurück  oder  in  die  otfen  stehende  Kon- 
tumazstation weisen,  im  Falle  der  Weigerung  aber,  wenn  die  Ermahnung 
nichts  verfinge,  und  eine  Person  mit  Gewalt  eindringen  wollte,  sie  zu  Folge 
des  unter  dem  25.  August  1766  ergangenen,  und  überall  kundgemachten 
Strafgesetzes  an  der  Stelle  todtzuschiessen  keinen  Anstand,  überhaupt  aber 
sich  zur  Eichtschnur  nehmen,  dass  aus  dem  türkischen  Gebiethe  je  und 
allezeit  der  Eintritt  in  die  Erbländer  auf  keine  andere  Art,  als  durch  die 
Kontumazstationen  auf  die  vorgeschriebene  Weise  gestattet  sei. »  »Ohne  Keini- 
gungsurkunde  —  Zeugniss  über  die  mit  Erfolg  bestandene  Quarantaine  — 
soll  kein  Ankömmeling  beherberget  werden.»  «Wider  solche  unvorsichtige 
Aufnehmer  soll  mit  den  empfindlichsten  Strafen  vorgegangen  werden,  die 
bei  gefährlichen  Umständen  verschärfet,  und  bei  der  in  dem  angränzenden 
Gebiethe  wirklich  wüthenden  Pest  wohl  gar  bis  zur  Todesstrafe  vergrössert 
werden  sollen.» 

Dem  Kontumazdirektor  wird  die  Instandhaltimg  des  Kontumazgebäu- 
des, eine  sorgfältige  Absonderung  der  verdächtigen  Menschen,  Viehe  und 
Waaren  und  die  Beobachtung  der  Bequemlichkeit  für  die  in  Quarantaine 
befindlichen  Personen  zur  Pflicht  gemacht. 

Die  königl.  Statthalterei  hat  die  Kontumazstationen  alljährlich  durch 
einen  Arzt  tmtersuchen  zu  lassen. 

Die  die  Station  passirenden  Personen,  Fuhren,  Waaren  etc.  sind  aufs 


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URGARN    BETREFFENDE    SANITÄTSVERORDNUNGEN    JOSEFS    DES  H.  'I 

sorgfaltigste  ZU  visitiren.  «Falls  sich  in  der  Visitation  bei  einer  Person  wirk- 
liche Zeichen  der  Pest  veroffenbarten,  ist  dieselbe  ohne  Ausnahme  zu  ent- 
lassen, und  zu  entfernen,  auch  im  Weigerungsfalle  mit  Gewalt  anzuhalten, 
sich  sammt  Vieh  und  Habseligkeiten  zurück  zu  begeben.»  «Wenn  hingegen 
bei  der  vorgenommenen  Untersuchung  keine  Anzeichen  einer  Ansteckung 
sich  offenbaren,  ist  zu  der  vnrklichen  Reinigung  in  den  vorgeschriebeneu 
Zeitfristen  nach  folgenden  Massregeln  zu  schreiten : 

Vor  allem  sind  die  Personen  in  abgesonderte  Wohnungen  zu  bringen, 
und  dann  ist  entweder  durch  sorgfältige  Verschliessung  oder  allenfalls 
durch  erforderliche  Sanitätswächter,  die  nach  Beschaffenheit  der  Umstände 
in  genügsamer  Anzahl  den  Kontumazpersonen  beizugeben  sind,  dafür  zu 
sorgen,  dass  keine  Vermischung  zwischen  den  Kontumazpersonen  und 
Gesunden,  oder  zwischen  Kontumazpersonen  von  verschiedenen  Perioden 
erfolgen  möge ;  denn  bei  der  mindesten  Berührung  würde,  nicht  nur  ein 
Gesunder  oder  Unverdächtiger,  wegen  der  vorgegangenen  Berührung  und 
des  darauf  gegründeten  Verdachtes,  die  Kontumaz  mitzumachen  haben, 
sondern  auch  die  bereits  angefangene  Kontumaz  würde  auf  das  neue  anzu- 
fangen haben.» 

Der  Kontumazdirektor  soll  auch  für  die  Möglichkeit  einer  billigen  und 
sorgfältigen  Verpflegung  der  in  Quarantaine  befindlichen  Personen  sorgen. 

«Wenn  die  Kontumazpersonen  Gelder  und  Briefschaften  bei  sich 
haben,  muss  das  Geld  mit  warmem  Wasser,  und  bei  verdächtigen  Zeiten 
mit  Essig  durch  die  mit  den  Kontumazpersonen  ausgesetzten  Eeinigungs- 
knechte  gewaschen  werden.  Die  Briefschaften  aber  sind  bei  guten  Zeiten, 
blos  mit  dem  gewöhnlichen  Pestrauche  auszurauchen,  bei  verdächtigen 
Umständen  folglich  erhöhter  Kontumazfrist  aber  durch  warmen  Essig  zu 
ziehen,  und  sodann  erst  abzugeben. » 

Wäsche  soll  sorgfältig  gewaschen,  Kleider  gelüftet  werden.* 

Die  Kontumazprotokolle  sind  vorschriftsmässig  zu  führen,  giftfangende 
Waaren  (merces  susceptibiles)  von  nicht  giftfangenden  abzusondern.  Als 
giftfangende  Waaren  werden  solche  bezeichnet,  «die  fähig  sind  den  EEauch 
einer  ansteckenden  Krankheit  an  sich  zu  ziehen,  und  wieder  mitzutheilen», 
als  nicht  giftfangende,  «welche  einer  solchen  Ansteckung  unfähig  sind.» 
Unter  den  letztern  werden  angeführt:  Alaun,  Aloe,  Antimon,  Arsenik,. 
Blech,  Butter,  Borax,  Calmus,  Caffee,  Corallen,  Cremor  Tartari,  Datteln^ 
Diamanten,  Eicheln,  Esswaaren,  Feigen,  Fleisch,  Fische,  Getreide,  Glas, 
Gummi,  Holz,  Honig,  Ingwer,  Kampfer,  Käse,  Limonen,  Mandeln,  Mar- 
mor, Metalle,  Mehl,  Gel,  Opium,  Porcellan,  Perlen,  Pech,  Pfeffer,  Quecksil- 

*  Bezüglicli  der  Beinigung  der  Kleidung  wurde  den  sog.  Keinigungsknechteu 
die  Beobachtung  der  in  Chenot'B  «Abhandlung  von  der  Pestseuchet  (Cap.  IV.  u.  V.) 
enthaltenen  Vorschriften  zur  Pflicht  gemacht.  (Rescr.  vom  18.  August  1785). 


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72  UNGARN    BETREFFENDE    SANITÄTSVERORDNUNGEN   J08EP^    DES   II. 

ber,  Reise,  Safran,  Salz,  Stärke,  Spargel,  Torf,  Vitriol,  Wein,  Wachs,  Zucker, 
Zimmt,  2iinn  u.  m.  A. 

Diejenigen,  die  eine  aosgebrocbene  Pest  verfaeimlicben,  werden  bei 
einreissender  Gefabr  mit  dem  Tode  bestraft. 

Nach  Ablauf  der  Kontumazdauer  sind  die  Betreffenden  nacb  erfolgter 
Visitirung  durch  den  Arzt  mit  einem  Beinigungszeugnisse  verseben  zu 
entlassen. 

Der  Direktor  hat  allmonatlich  einen  kurzen  Bericht  an  die  Statthai- 
terei  einzusenden, 

Der  Stationsarzt  soll  den  Direktor  in  seinen  Agenden  unterstätzen, 
die  in  der  Station  befindlichen  Personen  unentgeltlich  behandeln  etc.  Die 
Beinigungsknechte,  Sanitätswächter  haben  in  ihren  Obliegenheiten  mit  der 
nötigen  Vorsicht  und  Sacbkenntniss  vorzugehen. 

Zur  Erleichterung  des  Dienstes  wird  eine  übereinstimmende  «Beini- 
gungstaxordnungi  festgesetzt.  So  wurde  z.  B.  für  die  Beinigung  von 
100  Pfund  roher  und  gesponnener  Baumwolle  15  kr.,  von  100  Pf.  Flachs 
16  kr,  von  100  Stück  Hemden  10  kr,  von  einer  Ochsen-,  Pferde  oder  Kuh- 
haut Va,  von  einem  Fuchsbalge  ^/4,  von  einem  Paar  türkischer  Stiefel 
(ocreae  turcicae)  ^4,  von  100  Pf.  Schafwolle  15,  von  einem  Zentner  Seide  25, 
von  100  Pfund  Tabak  7Va,  von  Hausthieren  1 — 3  kr.  gezahlt. 

Am  10.  Jänner  1783  vrird  die  Verfügung  erlassen,  «wie  wegen  der 
im  türkischen  Gebiete  herrschenden  Pestseucbe  Gewissheit  zu  erhalten  ist.» 
«um  Gewissheit  zu  erhalten,  ob  in  den  türkischen  Provinzen,  welche  mit 
den  k.  k.  Staaten  gränzen,  die  Pest  wirklich  herrschet,  und  daher  ein 
gegründetes  Besorgniss  einer  Ansteckung  vorhanden  sei,  ist  mit  der  Bepublik 
Venedig,  mit  welcher  vermöge  Verträgen  die  Angelegenheiten  des  öffent- 
lichen Gesundheitsstandes  gemeinschaftlich  behandelt  zu  werden  pflegten,* 
das  Einverständniss  getroffen,  dass  von  jeder  Seite  erfahrne  Aerzte  abge- 
sandt werden  sollen,  welche  sorgfältig  zu  erforschen  haben,  ob  in  den  tür- 
kischen Ländern  die  Pest  herrsche,  und  also  ein  zureichender  Grund  die 
strenge  Kontumazverwahrung  notwendig  mache.  Sie  werden  darüber 
genaue  Berichte  erstatten,  nach  deren  Inhalt  die  nötigen  Vorsichten  zu 
ermessen  sind.» 

Ein  Bescript  vom  14  Sept.  1786  verfügt  Folgendes:  «So  noth wendig 
die  Vorsicht  gegen  das  Pestübel  ist,  so  sorgfältig  ist  dahin  stäter  Bedacht  zu 
nehmen,  dasa  man  davon  sogleich  zuverlässige  Nachrichten  einziehe ;  denn 
oft  geschieht  es,  dass  Kaufleute,  die  mit  einem  geringen  Yfaarenvorrathe  am 
den  angränzenden  Ländern  ankommen,  wenn  sie  wissen,  dass  bald  ein  gros- 

■^  S.  diesbezüglich  die  a.  h.  Entschliessung  vom  16.  September  1726.  ap.  Linzbauer 
II.  S.  3.  Verfügungen  Venedigs  zur  Hintanhaltung  der  Ansteckungsgefahr  in  Form 
Ton  Eontumazanstalten  und  Quarantainen  datiren  schon  vom  14.  Jahrhundert. 


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UNGARN    BETREFFENDE    SANn'ÄT8VER0RDNUNöEN    JOSEFS    DES    II. 


73 


serer  Vorrath  eben  dieser  Waare  folgen  soll,  damit  sie  mit  diesem  die  Kon- 
kurrenz vermeiden,  Geiiichte  von  einer  ausgehrochen en  Pest  ausstreuen ;  es 
sollen  daher,  so  lange  das  Uebel  noch  so  weit  entfernet  ist,  die  Kontumaz- 
nmchen  nicht  vermehret,  und  die  Ankömmlinge,  nach  gehöriger  Reinigung 
mid  Abwaschung,  wenn  sie  ihre  Kleider  nicht  mit  sich  nehmen  wollen,  nur 
durch  drei  Tage  in  der  Kontumaz  behalten  werden ;  aber  auch  diese  Vorsicht 
hat  nur  so  lange  zu  währen,  bis  sichere  Nachrichten  eingehen,  und  wenn 
vermöge  derselben  keine  Gefahr  obwaltet,  ist  die  Kontumaz  gänzlich  auf- 
zuheben.» 

Zu  den  Josefinischen  Sanitätsverordnungen  gehören  noch  die  Bestim- 
mungen «von  den  politischen  Verbrechen,  die  dem  Leben  oder  der  Gesund- 
heit der  Mitbürger  Gefahr  oder  Schaden  bringen.»  Diese  sind  in  dem  «allge- 
meinen Gesetz  über  Verbrechen  und  derselben  Bestrafung  vom  13.  Jänner 
1787»  (2.  Teil  3.  Cap.)  enthalten  und  zählen  10  Paragrafe  (§.  19— §.  29). 
Nach  §§19,  20  und  21  machen  sich  Private  und  auch  Apotheker,  «die 
•durch  Verkauf  einer  Giftwaare  ihren  Nächsten  Schaden  zufügen  oder  auch 
nur  einen  entfernten  Anlass  zur  Beschädigung  gegeben  haben,  verbotene 
Arzneien  verkaufen,  oder  dieselbe  falsch  zubereiten»  eines  politischen  Ver- 
brechens schuldig  und  sind  mit  «hartem  Gefängniss  oder  öffentlicher  Arbeit» 
resp.  («wenn  des  Verbrechers  That  nur  die  entfernte  Gelegenheit  zur  Beschä- 
digung war»)  «mit  zeitlichem  strengem  Gefängniss»  zu  bestrafen. 

«Wenn  einem  Kinde,  oder  einem  Menschen,  der  sich  selbst  gegen 
<7efahr  zu  schützen  nicht  vermag,  durch  Ueberfahren,  in  das  Wasser  fallen, 
eigene  Verletzung,  oder  sonst  auf  eine  Art  Tod  und  Verwundung  zugefüget 
worden,  welchen  durch  die  schuldige  Aufmerksamkeit  desjenigen  hätte  aus- 
gewichen werden  können,  dem  die  Aufsicht  über  das  Kind,  oder  einen 
«olchen  Menschen  aus  natürlicher  Pflicht,  oder  aus  obrigkeitlichem  Auf- 
trage oblag,  so  ist  dessen  Sorglosigkeit  ein  politisches  Verbrechen»  (§22). 

«Insgemein  ist  die  Strafe  dieses  Verbrechens  zeitliches  gelindes  Gefäng- 
niss Dasselbe  muss  aber,  wenn  Tod  oder  schwere  Verwundung  erfolget  ist, 
nach  dem  eintretenden  höheren  Grade  der  Sorglosigkeit  verschärfet  wer- 
<ien»  (§  23). 

Durch  schnelles  Reiten  oder  Fahren  verursachte  Beschädigung  oder 
Tödtung  ist  ebenso  zu  ahnden  (§  23). 

Eines  politischen  Verbrechens  macht  sich  schuldig  (§25)  derjenige, 
<ler  aus  einer  kontumazirten  Provinz  auf  Umwegen  ins  Land  kommt  oder 
Waaren  importirt ;  h)  der  ohne  vorgeschriebene  Meldung  den  Kordon  passirt ; 
€)der  durch  Angabe  eines  falschen  Abgangsortes  die  Kontumazbehörde 
irreführt;  d)  der  Passirscheine  fälscht  oder  den  Fälschern  solcher  Vorschub 
leistet;  e)  der  sich  eines  auf  fremden  Namen  ausgestellten  Zeugnisses 
bedient;/)  der  eine  derartige  Handlung  verheimlicht;  g)  der  vor  erfolgter 
Beinigung  die  Kontumazstation  verlässt;  h)  der  vor  vollendeter  Kontumaz 


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74 


UNGARN    BETREFFENDE   SANITATSVERORDNUNGEN   JOSEFS   DES   H. 


mit  gesunden  Personen  in  Verkehr  tritt ;  i)  eine  gesunde  Person,  die  mit 
den  in  Quarantaine  befindlichen  Personen  ohne  Erlaubniss  der  Kontumaz- 
behörde in  Verkehr  tritt.  Ferner  machen  sich  des  politischen  Verbrechens 
schuldig  Beamte,  die  aj  Personen  und  Waaren  auf  unerlaubten  Wegen 
passiren  lassen ;  b)  die  falsche  Gesundheitspässe  ertheilen;  c)  die  auf  einen 
falschen  oder  unrechtmässig  gebrauchten  Gesundheitspass  jemanden  durch- 
lassen; dj&VLch  der  Unterbeamte,  welcher  von  einer  solchen  unerlaubten 
Durchlassung  in  das  Land,  Entlassung,  oder  Entweichung  aus  der  Kontumaz 
Wissenschaft  hat,  ohne  sogleich  die  Anzeige  zu  machen.  Endlich  begeht 
auch  ein  politisches  Verbrechen  jeder,  a)  der  Personen  oder  Waaren  zu 
Umgehung  der  ausgezeichneten  Wege,  durch  Rat,  W^egweisung  oder  auf 
sonst  immer  eine  W^eise  behülflich  ist ;  b)  wer  fremde  Personen  oder  Waaren 
aus  verdächtigen  Gegenden  ohne  das  gehörige  Gesundheitszeugniss  und  Pass 
übernimmt,  frachtet,  befördert ;  c)  wer  in  den  dem  Pestkordon  nahe  liegen- 
den Ortschaften  fremde  Personen  oder  Waaren  ohne  alles  Gesundheits- 
zeugniss, oder  ohne  dass  das  Gesundheitszeugniss  nach  Vorschrift  von  der 
Obrigkeit  recognoscirt  worden,  beherbergt.  Unterstand  gibt.» 

Solche  Verbrecher  sind  dem  Militärgerichte  zu  übergeben  *  «und  von 
demselben  allein  nach  den  Gesetzen  abzuurtheilen,  die  zur  Sicherheit  der 
Erbländer  nach  Verhältniss  der  Gefahr  zu  erlassen  nöthigseyn  wird.»  (§  26). 

Als  Vergehen  gegen  die  Sanitätsvorschriften  wird  noch  betrachtet, 
a)  «wenn  todtes  Vieh  in  einen  Brunn,  Bach,  Fluss  geworfen  wird ;  b)  wenn 
bei  dem  in  einer  Viehseuche  gefallenen  Viehe  die  durch  die  Sanitätsgesetze 
bestimmten  Vorsichten  übertreten  werden ;  c)  wenn  jemand  die  an  seinem 
Viehe  entdeckten  Zeichen  der  Wuth  anzuzeigen  unterlässt ;  d)  wenn  an 
gangbaren  Orten  Fangeisen  (laqueum  ferreum)  aufgestellt,  oder  Fanggruben 
gegraben  werden»  (§  !27).  «Die  Strafe  dieses  Verbrechens  ist  öffentliche 
Arbeit  mit  oder  ohne  Eisen,  deren  Dauer  nach  dem  Verhältnisse  des  Scha- 
dens zu  bestimmen,  so  durch  seine  Handlung  entstanden  ist.»  (§  28). 

Wenn  wir  die  in  das  Sanitätswesen  einschlägigen  Verfügungen  Josef 
des  II.  betrachten,  drängt  sich  uns  die  Anerkennung  und  Bewunderung  für 
den  Schöpfer  derselben  auf. 

Wenn  die  Folgen  auf  diesem  Gebiete  auch  seinen  edlen  Intentionen 
nicht  vollkommen  entsprachen,  werden  wir  dennoch  in  Josef  dem  II.  den 
eigentlichen  Begenerator  unseres  Sanitätswesens  betrachten  müssen.  Er  war 
bestrebt  das  kostbare  Gut  der  Gesellschaft  mit  allen  ihm  zu  Gebote  stehen- 
den Mitteln  zu  bewahren,  das  geistige  und  materielle  Wohl  der  Bürger  zu 
fördern.  Die  während  seiner  zehnjährigen  selbständigen  Eegierung  geschaf- 
fenen Sanitätsverordnungen  überraschen  nicht  nur  durch  ihre  Zahl,  son- 

"^^  Am  9.  Feber  1776  wiirde  nämlich  die  Leitung  des  Samtätswesens  im  Grenz- 
gebiete dem  k.  k.  Militärstande  übertragen« 


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BrDAPEST   von    HINDERTSIEBZIG   JAHREN.  75 

dem  auch  durch  ihren  in  jeder  Hinsicht  modernen  Anstrich,  durch  ihre 
Vielseitigkeit  und  wissenschaftlich  begründete  Logik,  so  dass  sie  es  wohl 
verdient  hätten] —  nicht  nur  des  historischen  Werts  wegen  —  die  Grundlage 
unseres  heutigen,  eingestandener  Massen  höchst  mangelhaften  Sanitäts- 
gesetzes zu  bilden. 

Wien,  Oktober  1890.  Ion.  Schwarz. 


BUDAPEST  VOK  HUNDERTSIEBZIG  JAHREN. 

Aus  einem  Vortrage  von  Alad4r  Ballagi. 

Ein  arabisches  Sprichwort  sagt,  dass  da,  wohin  der  Türke  einmal  seinen 
Fuss  setzt,  kein  Gras  wächst.  Wenn  das  wahr  ist,  so  trägt  keineswegs  der  Islam 
die  Schuld  daran  ;  denn  die  Araber  vermochten,  wenn  sie  auch  Bekenner  des  Islam 
waren,  durch  ihre  civilisatorischen  Schöpfungen  in  Bagdad,  in  Spanien  und  Nord- 
afrij£a  die  Welt  in  Erstaunen  zu  setzen.  Bei  den  Türken  scheint  es  mehr  ein  Fehler 
der  Bace  zu  sein,  dass  sie  keine  Organisatoren  sind.  Thatsache  ist,  dass  ihre  lange 
Herrschaft  auf  die  Städte  Ofen  und  Pest  eine  ungemein  verheerende  Wirkung 
hatte.  Ein  trauriges  Bild  dieser  Verwüstung  entwirft  uns  der  Kaschauer  Bürger- 
meister Johannes  Bocatius,  der  die  beiden  Städte  im  Jahre  1 605,  ungefähr  um  die 
Mitte  der  Türkenperiode,  besuchte.  Ueberall  sah  er  blos  elende,  fast  ungedeckte 
Hütten,  aus  Lehmziegeln  errichtete  Häuser  und  mit  Stroh  verstopfte  Fenster; 
auch  die  wenigen  grösseren  Gebäude  waren  verraucht  und  schmutzifr,  die  Kirchen 
wurden  als  Viehställe  benützt,  aus  den  Friedhöfen  hatten  die  Türken  die  marmor- 
nen Grabmonumente  auf  die  Strasse  geschleppt  und  benützten  sie  als  Sitzplätze, 
um  ihre  Barte  in  der  Sonne  trocknen  zu  lassen,  oder  als  Verkaufsstände  für  ihre 
Waaren.  Als  der  wackere  Bürgermeister  von  Ofen  nach  Pest  herüberkam,  konnte 
er  sich  nicht  enthalten  auszurufen  :  «0,  Pest,  wie  treffend  ist  dein  Name,  denn  du 
bist  eine  wirkliche  Pestilenz  ! » 

Der  aussergewöbnliche  Verfall  beider  Städte,  und  besonders  Ofens,  wäre 
nur  in  dem  Fall  zu  entschuldigen  gewesen,  wenn  dieselben  zur  Zeit  der  Türken- 
herrschaft ihres  hauptstädtischen  Charakters  verlustig  geworden  wären.  Dem  war 
aber  nicht  so ;  denn  auch  während  der  Türkenzeit  war  Ofen  die  Hauptstadt  ihrer 
ungarischen  Besitzungen,  Residenzstadt  eines  Beglerbegs,  noch  mehr :  Ofen  war 
der  eigentUche  Centralpunkt  aller  gegen  die  Christenheit  gerichteten,  grossmäch- 
tigen Kriegsopeititionen.  Ungeheuere  Geldsummen  und  Wert«  waren  da  in  Ver- 
kehr gesetzt,  was  bei  jedem  andern  Volke,  wenn  sonst  nichts,  wenigstens  Auf- 
blühen der  Stadt  auf  ewige  Zeit  gesichert  hätte. 

Ausser  der  Paschawirtschaft,  welche  um  Vergangenheit  imd  Zukunft  unbe- 
kümmert blos  das  Heute  im  Auge  hatte,  trugen  zum  Verfalle  Ofens  die  in  den 
1680-er  Jahren  sich  öfter  wiederholenden  Belagerungen  der  Stadt  viel  bei.  Als 
nach  der  letssten  Belagerung  1686  die  kaiserlichen  Sieger  in  die  Festung  einzogen, 
fanden  sie  kein  schützendes  Dach  unversehrt. 


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7« 


BUDAPEST    VOR    Hl  NDERT8IEBZIO    JAHREN. 


Während  der  150  Jahre  dauernden  Türkenherrgchaft  war  die  alte  unga- 
risobe  und  deutsche  Einwohnerschaft  der  beiden  Städte  fast  verschwunden ;  an 
ihre  Stelle  waren  Baitzen,  die  man  ihrer  Beligion  wegen  Griechen  nannte,  Kroaten 
und  Juden  gekommen  ;  in  der  ersten  Zeit  nach  der  Wiedereroberung  nahmen  die 
Baitzen  durch  neue  Ansiedler  bedeutend  zu ;  die  besseren  Elemente  derselben  trie- 
ben Handel,  die  ärmeren  brachen  Steine  in  Steinbruch  oder  trugen  Donauwasser 
nach  der  Festung,  deren  Wasserleitung  durch  die  wiederholten  Belagerungen  zer- 
stört worden  war.  Die  Kroaten  hatten  sich  in  grosser  Menge  in  der  heutigen 
Wasserstadt  niedergelassen,  so  dass  man  diesen  Stadtteil  noch  lange  Kroatenstadt 
nannte,  ja  auch  heute  noch  bewahrt  das  Andenken  derselben  die  sogenannte 
Kroaten-Gasse,  Die  Deutschen,  zumeist  kaiserliche  Soldaten,  Beamte  und  Hand- 
werker, Hessen  sich  in  grosser  Anzahl  in  der  Festung  und  in  der  nächsten  Umge- 
bung derselben  nieder,  während  sich  in  der  Neustift  sehr  viele  wallonische,  italie- 
nische und  spanische  Soldaten  aus  dem  kaiserlichen  Heere  ansiedelten.  Auch  von 
der  früheren  türkischen  Einwohnerschaft  waren  ungefähr  hundert  Familien  hier 
geblieben,  die  sich  taufen  Hessen  und  mit  der  christlichen  Bevölkerung  ver- 
schmolzen. 

Ofen  war  zu  jener  Zeit  viel  bedeutender,  während  Pest  ein  verwahrloster 
kleiner  Flecken  war.  Noch  im  Jahre  1709  zählte  das  letztere  nicht  mehr  als 
500  Einwohner,  unter  welchen  es  blos  16  Bürger  mit  einem  für  ihre  Bedürfnisse 
genügenden  Einkommen  gab.  Die  Stadt  zählte  damals  319  Häuser,  von  welchen 
jedoch  151  vollständig  leer  standen.  Ein  Einkehr-Gasthaus  und  eine  Bierbrauerei 
waren  die  einzigen  halbwegs  städtischen  EtabHssements. 

Die  Umgebung  der  heutigen  Hauptstadt  war  eine  unfruchtbare  Haide.  Der 
Froschteich,  der  weisse  und  der  Binsenteich  breiteten  hier  ihre  schlammigen 
•Gewässer  aus.  Sümpfe  und  sandige  Flächen  umgaben  die  Hauptstadt  in  einem 
mehrere  Meilen  betragenden  Umkreise.  Die  nächsten  Ortschaften  waren  Palota, 
Föth,  Mogyoröd,  Peczel,  Qyömrö,  ÜllcJ,  Öcsa,  N^medi  und  Sziget-Szent-Miklös, 
welche  ursprünglich  von  Ungarn  bewohnt,  aber  nunmehr  fast  vollständig  verödet 
waren.  Um  Ofen  herum  sah  es  noch  wüster  aus ;  Tinnye,  Tök,  Päty  und  Bia  waren 
die  nächsten  Ortschaften  im  Umkreise  desselben. 

In  der  Umgebung  von  Pest  wurden  mit  Ausnahme  von  Neupest  alle  grösse- 
ren Gemeinden  unter  der  Begierung  Karls  HI.  von  den  Vorfahren  ihrer  heutigen 
Bewohner  besiedelt.  Die  bereits  vorhandenen  imgarischen  und  serbischen  Ort- 
schaften wurden  durch  neue  Zuzüge  verstärkt.  Um  jene  Zeit  wurden  in  der  Umge- 
bung der  Hauptstadt  slovakische  Kolonisten  in  den  Dörfern  Csömör,  Czinkota, 
Kerepes,  Ecser  und  Maglöd  angesiedelt,  da  sich  aber  die  Colonisation  durch  Inlän- 
der als  ungenügend  erwies,  so  mussten  zu  diesem  Zwecke  Ausländer  herbeigerufen 
werden. 

Die  Hofkammer,  in  deren  Bessort  das  Golonisirungswesen  fiel,  hatte  es  um 
Jene  Zeit  als  Princip  aufgestellt,  dass  alle  Colonisten  ausschHessHch  Deutsche  und 
römisch -kathoHsch  sein  müssen,  daher  kam  es,  dass  sich  in  der  Umgebung  der 
Hauptstadt  blos  Franken,  Schwaben,  Baiem  und  Oesterreicher  niederHessen.  In 
Soroksär  gibt  es  daher  noch  heute  eine  Frankengasse ;  die  heutige  Schulgasse  in 
Pest  hiess  früher  Untere  Baumgasse,  während  der  heutige  Sebastianiplatz  und 


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BUDAPEST   VOR   HÜNDERT8IEBZIO   JAHREN. 


77 


die  Donangasse  Obere  Baiemgaase  hiessen ;  auch  der  Name  des  Schwabenberge» 
in  Ofen  und  in  Bogddny  bildet  eine  Erinnerung  an  jene  Zeit. 

Nicht  blos  die  Hofkammer,  sondern  auch  die  Magnaten  und  Ordensgeistli- 
chen waren  eifrigst  beflissen,  die  Schwabencolonisation  zu  befördern.  Herzoge 
Engen  von  Savojen  besetzt  in  seiner  lUczkeve-er  Herrschaft  mit  schwäbischen 
Colonisten  die  Gemeinden  Csepel,  Becse,  Cs^p,  Budafok,  welch*  letztere  Oemeinde^ 
von  ihrem  Besitzer  Promontorium  Eugenii  benannt  wurde.  Die  früheren  Colonisten 
der  Insel  Csepel  werden  in  bereits  bestehende  serbische  Dörfer  versetzt,  woher  die 
alten  Einwohner  von  den  neuen  Ankömmlingen  verdrängt  wurden. 

In  der  Altofner  Herrschaft;  der  Grafen  Zichy  wurden  Budaörs,  Budakeszi^ 
Solymär,  B^käsmegyer,  Bogd^y  gegründet.  Die  Familie  Szunyogh  bringt  Schwa- 
ben nach  Hidegküt,  Graf  Josef  Eszterhäzy  nach  Vörösviir,  Graf  Grassalkovich 
eolonisirt  Soroksär,  die  Familie  Vattay  Nagy-KovÄcsi,  der  Wiener  Benedictiner-,. 
benannt  « schottischer  t  Orden  besetzt  Jen6  und  Telki,  die  Ofher  Clarissen-Schwe- 
stem  colonisiren  Boro8-Jen6  und  Taksony.  Zu  gleicher  Zeit  wurden  auch  Harapzti, 
Klein-Turbal  und  Szent-Ivto  von  Schwaben  besetzt. 

Dass  solches  Volk  sich  in  der  nächsten  Nähe  der  Hauptstadt  ansiedelte, 
daraus  ergaben  sich  später  bedeutende  Folgen  für  die  Sprachen^ge.  Die  ihren: 
Traditionen  und  ihrer  Sprache  treu  anhänglichen  deutschen  Bewohner  der  Buda- 
pest umgebenden  Ortschaften  versahen  von  Zeit  zu  Zeit  die  Vorstädte  mit 
deutschen  Colonisten,  bewirkten,  dass  der  Markt  vorläufig  ein  deutsches  Ansehen 
bekam,  und  wurden,  ohne  es  zu  wollen,  wahre  Hemmschuhe  für  die  einheitliche^ 
Entwicklung  des  Magyarentums. 

Von  national  ökonomischer  Seite  war  es  von  besonderer  Bedeutung,  dass  dio 
deutschen  Colooisten  fast  ausschliesslich  Ackerbautreibende  waren,  und  kaum  hie 
und  da  sich  ein  Industrieller  befand.  Das  war  zu  jener  Zeit  ein  wahrer  Segen  für 
die  Cnltur  des  Ofner  Gebirges  und  des  Räkos.  Ackersleute  waren  nötig,  um  aus  den 
brachhegenden  Gründen  Aecker  und  Weingärten  zu  bilden.  Unsere  guten  Schwa- 
ben gelüstete  es  nicht,  den  Pflug  zu  verlassen.  Seit  hundertsiebzig  Jahren  weiss 
man  ausser  Prof.  Georg  Volf,  dem  aus  Gross-Turbal  gebürtigen  Hprachwissenschaft- 
lichen  Schriftsteller,  Niemanden,  der  von  den  Deutschen  der  Ofner  Gebirgsgegend 
sich  den  Wissenschaften  oder  der  Eimst  gewidmet  hätte. 

So  sehr  es  angezeigt  war,  die  Umgegend  der  Hauptstadt  mit  tüchtigen 
Ackersleuten  zu  besetzen,  so  nachteihg  erwies  es  sich,  dass  auch  die  Hauptstadt 
solche  Einwohner  in  grosser  Anzahl  erhielt.  Denn  das  Emporblühen  einer  grossen 
Stadt  wird  nicht  durch  ackerbautreibende,  sondern  durch  industrielle  und  handel- 
treibende Bewohner  bewirkt. 

Mit  der  Einwanderung  der  ausländischen  Deutschen,  welche  man  hier  unter 
der  Gesammtbezeichnung  Schwaben  zusammenfasste,  beginnt  die  Geschichte  des 
modernen  Budapest ;  diese  neuen  Ankömmlinge  drängten  die  hier  vorgefundenen 
Bewohner  teils  hinaus,  teils  vei*schmolzen  dieselben  mit  ihnen.  Diese  neuen 
Elemente  waren  intolerant  und  man  erkannte  auch  hieraus,  dass  sie  aus  der 
Fremde  gekommen  waren,  da  in  Ungarn  die  Intoleranz  früher  nie  Boden  gefunden 
hatte.  Von  ihrer  Unduldsamkeit  legt  auch  der  Umstand  Zeugniss  ab,  daas  dio 
Griechisch-Nichtunirten  erst  im  Jahre  1721  nach  schweren  Kämpfen  in  die  Reihe- 


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BUDAPEST    VOR    HÜNDEBTSIEBZIG   JAHBEN. 


der  Bürger  aufgenommen  wurden,  dass  nmn  sie  aber  bereits  im  Jahre  1739  wieder 
aus  derselben  hinausstiess.  In  Bezug  auf  Protestanten  und  Griechen  gab  es  ein 
städtisches  Statut,  welchem  zufolge  blos  Diejenigen  von  ihnen  innerhalb  der 
Stadtmauern  geduldet  wurden,  welche  schon  früher  hier  gewohnt  hatten,  während 
neue  Ansiedler  nicht  mehr  zugelassen  wurden ;  das  Haus  oder  Grundstück  eines 
KathoUken  durfte  an  keinen  Protestanten  oder  Griechen  verkauft  werden ;  die 
Juden  aber  wurden  noch  imter  Kaiser  Leopold  in  der  im  Besitze  der  königlichen 
Kammer  befindlichen  Gemeinde  Aitofen  intemirt. 

Dagegen  wurden  den  deutschen  Katholiken  von  der  Landesregierung  Begün- 
stigungen zuteil,  welche  heute  fast  fabelhaft  khngen.  Es  war  ihnen  seclisjäh- 
rige  Steuerfreiheit  versprochen  worden,  die  Handwerker  erhielten  sogar  eine 
solche  auf  fünfzehn  Jahre.  Ausserdem  erhielten  die  neuen  Einwohner  eine  grosse 
Anzahl  sehr  wichtiger  Privilegien.  Ln  Jahre  1711  erhielten  sie  von  der  Kammer 
nicht  blos  Hausgründe,  sondern  auch  ganze  Häuser  unentgeltUch,  gegen  die 
einzige  Verpflichtung,  dass  sie  den  Grund  im  Verlaufe  emer  gewissen  Zeit  ein- 
zäunen und  das  Haus  neu  aufbauen  oder  wenigstens  bewohnbar  herstellen 
werden. 

Regierungsbeamte,  Generale,  KammeiTäte,  später  auch  die  Comitatsbeamten 
gelangten  unentgelthch  zu  ungeheuren  Grundstücken.  Im  Jahre  1715  erhielt  der 
Hofkammerrat  Johann  Georg  Haruckern  das  in  der  damaligen  Herrengasse  (heute 
Kecskemetergasse)  gelegene  Förster' sehe  Haus  sammt  dazugehörigem  Gnmde, 
welches  seither,  wenn  auch  in  veränderter  Form  —  da  es  im  Jahre  1 853  vollstän- 
dig umgebaut  wurde  —  unausgesetzt  seiner  Familie,  das  heisst  den  von  der  weib- 
üchen  Linie  derselben  abstammenden  Grafen  Wenckheim,  gehört.  Die  Famiüe 
Wenckheim  ist  demzufolge  die  älteste  Realitäten  besitzende  Familie  in  der  Haupt- 
stadt. Die  grossen  Städte  des  Alföld :  Kecskemet,  Koros,  Jäszbei-eny  etc.  bauten 
hier  zu  jener  Zeit  grosse  Häuser  in  der  Fonn  von  Csärden,  mit  Einkehrwirtshäu- 
sern und  riesigen  Höfen.  Die  Bürgerschaft  sah  die  Comitatsherren  gerne  in  ihren 
Mauern  und  befreite  ihre  Häuser,  wie  z.  B.  dasjenige  des  Vicegespans  des  Pester 
Comitates  Söter,  an  der  Stelle  des  heutigen  « Kronen  »-Kaflfeehauses  in  der  Waiz- 
nergrsse,  des  Grafen  Grassalkovich  in  der  Hatvanergasse  etc.  von  allen  Abgaben. 

Das  neue  Pest  und  Ofen  nahm  einen  ungemein  raschen  Aufschwung  in  Folge 
der  langen  Friedensperiode,  die  nun  eintrat.  In  Ofen  erbaute  der  kaiserliche 
Architekt  und  Stadtrichter  Venerio  Ceresola  im  Jahre  1715  das  Stadthaus ;  in  dem- 
selben Jahre  wurde  auch  mit  der  Ausbesserung  der  Festungsmauern  begonnen. 
Das  während  der  Erstürmung  zerstörte  Weissenburger  Thor  erhob  sich  aus  seinen 
rauchgeschwärzten  Trümmern ;  da-^  ehemalige  Szombatthor  wurde  nach  seiner 
Renovirung  Wienerthor,  das  Sankt-Johannistlior  Wasserthor  genannt.  Auch  die 
alten  ungarischen  Gassenbezeichnungen  gerieten  in  Vergessenheit;  die  ehemalige 
Italienergasse  wurde  Herrengasse  genannt,  die  Sankt- Paulgasse  (heutige  Land- 
hausgasse) Beckengasse,  und  die  Allerheiligengasse  wurde  der  Paradeplatz ;  aus 
der  Goldschmiedgasse  (heute  Fortunagasse)  wurde  die  Wienergasse ;  nur  die  Gasse 
des  heiligen  Sigismund  oder  Judengasse  wurde  auch  ferner  alte  Judengasse 
genannt,  obwohl  durch  dieselbe  unter  Karl  IH.  Juden  nur  am  Tage  verkehren 
-durften  und  am  Abend  stets  nach  Altofen  zurükkehren  musst^n. 


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BUDAPEST   VOR   HUNDERTSIEBZIG   JAHREN. 


79 


Weder  die  frühem  Namen  der  Gassen,  noch  die  der  Stadtteile  lebten  in  Ofen 
Je  wieder  auf ;  hingegen  dauern  die  1711  erhaltenen  Benennungen  bis  auf  den 
heutigen  Tag  fort,  zum  Beweise  dessen,  dass  in  der  Geschichte  unserer  Hauptstadt 
die  statige  Entwickelung  und  die  Beständigkeit  mit  dem  Jahre  1711  beginnt, 
d.  h.  nach  Beendigung  der  Eäköczischen  Bewegung,  wo  der  ständige  innere  Fiie- 
den  des  Landes  seinen  Anfang  nimmt. 

Pest,  das  heisst  die  heutige  innere  Stadt,  war  von  einer  Ringmauer  umge- 
hen. Seine  Basteien  waren  mit  sieben  Bondellen  versehen,  von  welchen  zwei  nach 
dem  Riikos,  zwei  auf  die  Donau  gingen.  Pest  hatte  drei  grosse  Tore  :  das  Ofner-, 
s^ter  Waizner-,  das  Erlauer-,  später  Hatvaner-  und  das  Czegl6der-,  später  Kecs- 
kem^ter-Tor. 

Das  Vorhandensein  einer  Pilast«rmaut  sollte  darauf  schliessen  lassen,  dass 
die  Stadt  gepflastert  war,  allein  der  Umstand,  dass  es  noch  im  Jahre  1801  blos 
drei  vollständig  gepflasterte  Gassen  in  Pest  gab,  lässt  keine  hohe  Meinung  über 
das  damalige  Pflaster  aufkommen  ;  von  der  Strassenreinigung  geschieht  im  Jahre 
1 722  zuerst  Erwähnung,  in  welchem  sie  sammt  der  Erhaltung  der  Gefangnisse 
und  der  Polizei  auf  916  Gulden  und  91  Vi  Denare  zu  stehen  kam.  Freilich  bestand 
die  ganze  Polizei  damals  aus  einem  städtischen  Wachtmeister  und  drei  Trabanten. 

Auch  der  städtische  Beamtenkörper  war  noch  sehr  unanselmlich.  Seine  Mit- 
glieder hiessen  Senatoren,  an  deren  Spitze  der  Stadtrichter  mit  einer  Jahresgage 
von  150  Gulden  stand.  Die  sämmtlichen  Gagen  der  städtischen  Beamten  und 
Diener  behefen  sich  jährlich  auf  3090  rheinische  Gulden,  allein  ausserdem  erhiel- 
ten mehrere  derselben  auch  Deputate  an  Schweinen,  Bier  und  Wein  von  der 
Stadt.  Drei  städtische  Musikanten  erhielten  je  eine  Monatsgage  von  1  Gulden  und 
40  Denaren ;  der  Schulmeister,  der  gleichzeitig  als  Begenschori  fungirte,  erhielt 
monatlich  4  Gulden  und  10  Denare  ohne  jedes  Deputat. 

Das  städtische  Kanzleipersonal  bestand  blos  aus  zwei  Kanzhsten  und  im 
Jahre  1 733  wurde  ein  junger  Mann,  der  um  eine  solche  Stelle  competirte,  mit  dem 
Bemerken  zurückgewiesen,  dass  man  für  einen  dritten  Kanzlist^n  keine  Ven^^en- 
dnng  habe.  Dass  in  der  That  in  der  städtischen  Kanzlei  Dicht  zuviel  zu  thun  sein 
musste,  davon  gibt  der  Umstand  Zeugniss,  dass  der  gesammte  Papierverbrauch  für 
das  Jahr  1733  bei  der  Stadt  7  Ries  betrug,  was  einen  Betrag  von  11  Gulden 
55  Denaren  repräsentirte. 

Im  Jahre  1737  betrug  das  gesammte  Einkommen  der  Stadt  13,430  Gulden 
79*/ 4  Denare,  ihre  Ausgaben  13,656  Gulden  1*/ 4  Denar.  Das  städtische  Einkommen 
wurde  in  sehr  patriarchalischer  Weise  verwaltet,  so  zwar,  dass  der  Stadtkämmerer, 
wie  man  den  Kassier  nannte,  die  Rechnungslegung  über  das  Jahr  1722  dem 
Magistrate  erst  am  28.  Januar  des  Jahres  1 728,  also  erst  nach  sechs  Jahren  unter- 
breitete. 

Die  Stadt  Pest  war  auf  ein  so  kleines  Einkommen  beschiänkt,  da  ihr  aus- 
gebreiteter Gnmdbesitz,  der  zumeist  aus  Sandflächen  und  Sümpfen  bestand,  bei- 
nahe gar  kein  Erträgniss  abwarf.  Der  Gmndbesitz  hatte  zu  jener  Zeit,  in  Folge  des 
Mangels  an  arbeitenden  Händen,  einen  so  geringen  Wert,  dass  z.  B.  Graf 
Haruckem  für  gelieferten  Proviant  im  Werte  von  140,000  Gulden  fast  das  ganze 
B^keser  Comitat  als  Eigentum  erhielt. 


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^»  BUDAPEST   VOR    HUNDERTSIEBZIG   JAHREN. 

Wohl  besass  die  Stadt  Pest  auch  viele  Häuser  imd  Stadtgründe,  allein  auoh 
diese  warfen  ihr  zusammen  blos  einen  Pacht  von  517  Golden  jährlich  ab.  Wie 
hätte  da  auch  ein  grösseres  Einkommen  resiütiren  sollen,  wenn  z.  B.  der  bürger- 
liche Schustermeister  Michael  Pichler  für  das  an  der  Ecke  des  Christophplatzes 
gelegene,  108  Quadratklafter  umfassende  Haus  einen  Jahreszins  von  40  Denaren 
zahlte.  Die  Stadt  besass  auch  achtzehn  Mühlen  auf  der  Donau,  für  welche  sie 
zusammcD  36  Gulden  als  fArenda»  von  der  Müller-Zunft  erhielt. 

Aus  solchen  minimalen  Einkommensbeträgen  vermochte  die  Stadt  ihr  Aus- 
gaben-Budget von  13,00()  Gulden  nicht  zu  decken;  ihre  Haupt-Einnahmsquellen 
wflren  das  städtische  Brauhans,  welches  ihr  jährlich  2345  Gulden,  und  der  Lücken- 
Zoll,  der  Pest  und  Ofen  je  2746  Gulden  68  Denare  trug.  Der  Brückenzoll  war  dom- 
znfolge  die  grösste  Einnahmspost  von  Budapest. 

In  der  Türkenzeit  befand  sich  die  Brücke  in  der  Gegend  des  heutigen  Schwur- 
platzes und  des  jenseits  der  Donau  hegenden  Bruckbades,  woher  dasselbe  noch 
heilte  seinen  Namen  führt;  im  Jahre  1711  wurde  die  neue  Schiffbiücke  ausserhalb 
der  Ringmauer,  an  der  Ecke  der  grossen  Brückgasse  geschlagen,  welche  heute 
bekanntlich  Deäkgaase  heisst. 

Gleichzeitig  mit  den  neuen  Colonisten  kommen  auoh  Mönchsorden  in  die 
Hauptstadt.  Im  Gefolge  des  christlichen  Kriegsvolkes  erscheint  alsobald  «die  strei* 
ten de  Kirche  Gottes.»  Die  Jesuiten  nehmen  in  Ofen  die  Marienkirche  als  wich- 
tigste Position  in  Besitz.  Die  hohe  GeistUchkeit  errichtet  eine  Hochschale  mit 
einer  Akademie,  einem  Seminar  für  Geistliche  und  einem  Convict  für  adelige 
Jünglinge;  zugleich  wird  auch  dafür  Sorge  getragen,  dass  das  Fortbestehen  benann- 
ter Institute  durch  Fundationen,  die  sich  auf  hunderttausende  belaufen,  gesichert 
werde.  Sämmtliche  Pfarrer  Ofens  sind  Jesuiten,  mit  Hilfe  derer  die  Stadt  am 
Bombenplatz  die  St.  Annakirche  erbaute,  die  der  Wasserstadt  als  Pfarre  diente» 
Die  ältesten  Ordensgeistlichen  der  Hauptstadt  waren  die  Franziskaner.  Während 
der  Türkenzeit  war  es  dieser  Orden  allein,  der  die  Befriedigung  der  geistlichen 
Bedürfnisse  der  katholischen  Einwohnerschaft  besorgte.  Nach  Vertreibung  der 
Türken  erhielten  die  Fi'anziskaner  in  Ofen  die  Gamisonskirche,  in  deren  Nähe 
sie  ihr  Kloster  erbauten.  Ebenfalls  in  der  Festung  etablirten  sich  die  KarmeUter, 
der  Orden  der  böhmischen  Ritter  mit  dem  roten  Kreuze,  sowie  auch  die  von 
Pressburg  hieher  übersiedelten  Klarissaschwestem,  in  deren  Kloster  gegenwärtige 
die  Hilfsbeamten  des  Ministeriums  des  Innern  placirt  sind.  In  der  Wasserstadt 
erbauen  Kapuziner,  Franziskaner  aus  Bosnien,  Elisabethiner-Nonnen  aus  Wien,, 
sowie  an  der  Ijandstrasse  Augustiner-Mönche  ihre  Klöster. 

In  Pest  siedeln  sich  zuvörderst  die  ungarischen  Pauliner  auf  dem  Grunde, 
wo  jetzt  die  Universität  ist,  an.  Ihnen  gegenüber,  im  Yersatzamtsgebäude,  welches- 
später  kleines  Seminar  hiess,  placirten  sich  die  Klarissen- Schwestern.  Die  Franzis- 
kaner und  die  Serviten  etablii*ten  sich  da,  wo  sie  jetzt  bestehen  ;  die  Dominikaner,, 
wo  gegenwärtig  das  Kloster  der  englischen  Fräulein  steht. 

Das  Unterrichtswesen  war  zu  Ofen  in  den  Händen  der  Jesuiten,  anfänghoh 
auch  in  Pest.  Hier  aber  treten  an  ihre  Stelle  bald  die  Piaristen,  welche  mit  Hilfe 
der  Stadt  Pest  das  noch  bestehende  Institut  enichten. 

Einer  der  wichtigsten  Faktoren  des  raschen  Aufschwunges  unserer  Haupt- 


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BUDAPEST   VOR   HUNDBRTSIEBZIG   JAHREN.  81 

Stadt  waren  ausser  ihrer  centralen  Lage  auoh  ihre  von  altersher  berühmten  Heil- 
quellen, welche  von  den  Türken  schon  aus  religiösen  Gründen  in  gutem  Stand  erhal* 
ten  wurden,  und  die  bereits  kurze  Zeit  nach  der  Wiedereroberung  zahlreiche  Fremde 
anlockten.  Von  diesen  Bädern  ist  das  älteste  das  bereits  seit  400  Jahren  bestehende^ 
Baitzenbad,  das  wahrscheinlich  noch  aus  der  Zeit  des  Königs  Mathias  stammt. 
Die  einzigen  segensreichen  Spuren,  welche  die  Türken  in  der  Hauptstadt  zurück- 
gelassen haben,  sind  einige  durch  sie  gegründete  Bäder.  Türkische  Statthalter  in 
Ofen  errichteten  das  Bruckbad  im  Jahre  1540,  das  Königsbad  (1560),  das  aber 
seinen  Namen  erst  im  verflossenen  Jahrhundert  von  seinem  Eigentümer  Franz 
König  erhielt ;  fast  gleichzeitig  mit  dem  Königsbade  liese  Sokoli  Mustapha  vom 
Jahre  1566  bis  1579  das  Kaiserbad  erbauen,  das  seinen  heutigen  Namen  von  Kai- 
ser Iieopold  erhielt ;  hiezu  kam  noch  das  <  Jungfrauenbad  i,  welches  heute,  als  am 
Fusse  des  Blocksberges  gelegen,  Blocks  bad  genannt  wird. 

Der  Reichtum  an  Heilquellen  wäre  allein  schon  genügend  gewesen,  dass  hier 
eine  grosse  Stadt  entstehe.  In  der  That  war  derselbe  zu  allen  Zeiten  eine  der 
Hauptnrsachen  des  grossen  Fremdenzuflusses.  Dieser  letztere  Umstand  brachte 
es  wieder  mit  sich,  dass  sowohl  in  Ofen  als  auoh  in  Pest  von  altersher  die  schönsten 
Hänser  sich  im  Besitze  von  Gastwirten,  Bierbrauern  und  Kaffeesiedem  befanden. 
Die  grössten  Gasthäuser  in  Pest  waren  das  Weisse  Schiff,  an  dessen  Stelle  sich 
jetzt  die  Wienergasse  hinzieht,  in  der  Nähe  befand  sich  das  Weisse  Lamm,  femer 
das  gräfliche  Wirtshaus  und  das  Gasthaus  zum  Weissen  Ochsen,  nächst  dem  Kecs- 
kem^ter  Hause. 

Das  erste  KaffeehauR  in  Pest  wurde  Im  Jahi-e  1714  eröffnet ;  sein  Eigentümer 
ist  in  den  städtischen  Eegistem  als  fCavesieder  Blasius,  ein  Bacz  Cath.  Belig. » 
verzeichnet ;  sein  Kaffeehaus  war  ein  solches  von  primitiver  türkischer  Einrich- 
tung. Ein  nach  ausländischer  Mode  fmit  ein  Pilliard»  versehenes  Kaffeehaus 
errichtete  später  der  deutsche  Bürger  Johann  Starck ;  der  erste  Zuckerbäckerladen 
wurde  im  Jahre  1 734  von  einem  Itahener,  Namens  Franz  Bellieno,  eröffnet,  der 
in  den  städtischen  Registern  als  •Zschokoladimacher  und  allerhandt  Wasserbren- 
ner» verzeichnet  ist. 

Ausser  den  Bädern  hat  zum  Aufblühen  der  Stadt  am  meisten  das  Militär 
beigetragen,  da  sie  eine  lange  Periode  hindurch  der  Centralpunkt  der  gegen  die 
Türken  unternommenen  Operationen  war.  In  Ofen  in  der  Nähe  der  Festung,  in 
Pest  an  der  Stelle  des  der  heutigen  Universitätskirche  gegenüber  hegenden  Eck- 
hauses werden  Kanonengiessereien  errichtet.  Provianthäuser  bestehen  in  Ofen 
an  der  Stelle,  wo  später  das  Volkstheater  bestand,  in  Pest,  wo  jetzt  der  Sitz 
der  Curie  ist.  Auf  dem  Grunde,  wo  heute  der  Wurmhof  ist,  befand  sich  ein  Salz- 
amtsgebäude und  an  mehreren  Punkten  beider  Städte  sah  man  den  Bauch  aus 
militärischen  Backöfen  emporsteigen.  In  Ofen  waren  zwei  Pulvertürme,  deren 
einer  1723  in  die  Luft  flog  und  die  Umgebung  des  Stuhl weissenburger  Thores 
zerstörte.  In  Altofen  war  eine  Pulvermühle  und  ein  Salpetermagazin.  Mit  einem 
Worte,  beide  Städte  waren  gleichsam  ein  militärisches  Depot,  als  dessen  noch 
bestehendes  Denkmal  das  von  Karl  dem  Dritten  in  Ofen  erbaute  Zeughaus  bezeich- 
nend ist. 

Der  erste  monumentale  Bau  der  Stadt  Pest,  der  auch  heute  als  solcher 

Ungnbeh«  B«-nie,  XI.  1891.  I.  Heft.  5 


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82 


DIE    KINGA-SAGE. 


zählt,  wurde  ebenfalls  in  jener  Zeit  zn  militärischen  Zwecken  vollendet.  Die  mas- 
siven Mauern  der  nach  dem  Monarchen  benannten  Karls- Kaserne  wurden  «.uf 
dem  (rrunde  der  Serviten  auf  Kosten  der  Kaiserin,  des  Primas  und  der  Bischofs 
1716 — 1727  nach  den  Plänen  des  italienischen  Baumeisters  Martinelli  erbaut.  Eine 
Zeit  lang  diente  dasselbe  als  Invalidenhaus,  später  als  Grenadier-Kaserne,  wovon 
die  anstossende  Grenadiergasse  benannt  wurde. 

Mit  einem  Worte,  seit  1715,  wo  Ofen  und  Pest  zum  Mittelpimkt  der  militä- 
rischen Vorkehrungen  gegen  die  Türken  wurde,  waren  beide  Städte  in  raschem 
Aufschwung  begriffen.  Und  hier  zeigte  sich  der  grosse  Unterschied  zwischen  Tür- 
ken und  westlicheuropäischer  Einwohnerschaft.  An  den  türkischen  Bewohnern 
und  ihrer  Stadt  verriet  nichts  die  ungeheuren  Schätze,  die  hier  in  Circulation 
gesetzt  wurden,  während  die  deutsche  Bürgerschaft  die  günstige  Gelegenheit  zur 
Hebung  ihrer  materiellen  Verhältnisse  und  ihrer  Stadt  benützt. 

Man  behaupte  daher  nicht,  dass  die  Bäder,  die  centrale  Lage  der  Stadt,  der 
hochwichtige  Zug  der  Donau  die  zwei  Städte  dahin  erhoben,  wo  sie  sind.  Denn 
nicht  zunächst  von  solchen  todten  Dingen,  sondern  vor  Allem  von  den  den  Bürgern 
innewohnenden  lebendigen  Kräften  hängt  das  Aufblühen  grosser  Städte  ab.  Auch 
Budapest  hat  es  in  erster  Reihe  dem  viel  verspotteten  prudens  et  circumspectus 
Bürgersinn  zu  verdanken,  dass  es  in  verhältnissmässig  kurzer  Zeit  zu  einer  der 
hervorragendsten  Städte  Europa' s  geworden. 


DIE  KINGA-SAGE. 

Bekanntlich  hat  Momus,  der  schellenkappentragende  lustige  Rat  des  heim- 
gegangenen  Olympes,  bei  der  Stichprobe  der  Machtvollkommenheit  der  um  die 
Schutzherrlichkeit  über  Athen  werbenden  Götter,  als  Vei*ti'auen  geni essender 
Schiedsrichter,  dem  dazumal  neu  geschaffenen  Hause  nachgetragen,  es  tauge  des- 
halb nichts,  weil  es  bei  böser  Nachbarschaft  nicht  könne  vom  Flecke  gerückt 
werden.  Diese  tiefsinnige  Mythe,  welche  den  privilegirten  Schalksnarren  der  weiland 
Himmlischen  ein  grosses  Wort  gelassen  aussprechen  lässt,  berechtig^;  zu  zwei 
wesentlich  verschiedenen  Schlussfolgerungen.  Erstens,  das«^  es  weder  in  der  Voll- 
versammlung der  Götter  jener  Tage,  noch  in  dem  wetteifernden  Concurrentenzirkel 
der  nunmehr  seligen  Unsterblichen  einen  amerikanischen  Ingenieur  gegeben  habe, 
der  bei  der  Verschiebung  eines  auch  mehrstöckigen  Hauses  ebensowenig  Kopfzer- 
brechens bedurft  hätte,  wie  der  gewinnsüchtige  Knabe,  welcher  seiner  beim  Spiele 
zurückgebhebenen  Marmelkugel  durch  einen  unbeachteten  aber  wohl  berechneten 
Ruck  seiner  Fussspitze  ganz  kaltblütig  den  gewünschten  Vorschub  leistet.  Zweitens 
aber  —  und  nun  auch  Scherz  bei  Seite,  lehrt  aus  dieser  nicht  unergötzlichen  my- 
thologischen Episode  tieferer,  dem  practischen  Leben  anzupassender  Sinn,  daas 
die  Nachbarschaft  —  wie  unter  einzelnen  Privaten  so  zwischen  ganzen  Völker- 
schaften —  Verhältnisse  zu  gestalten  vermöge,  deren  social  zersetzender  Natur 
kein  durchgreifend  wirkendes  Heilmittel  Einhalt  zu  thun  vermöge. 

Zum  segensreichen  Glücke  für  die  beiden,  in  weit  ausgedehnten  Grenzzügen 


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DIE   KINOA-8AGE.  ^ 

dch  berührenden  Beiche  Polen  und  Ungarn,  hatte  das  Nachbarschafteverhältniss 
beider  Staaten  jederzeit  ein  so  freundschaftliches  Gepräge  nicht  etwa  zur  trüge- 
rischen Schau  getragen,  sondern  als  zur  vollen  That  bestehend  vorgewiesen,  dass 
es  noch  heutzutage  sprichwörtlich  heisst : 

«W^gier,  Polak,  dwa  bratanki, 
«Jak  do  szabli  tak  do  szklanki  !i 

was  in  freierer  Uebersetzung  etwa  dahin  lauten  würde : 

«Pol'  und  Ungar,  Brüder  sind  es  allzumal 
«Gelt'  es  Schwertesschärfe,  gelt*  es  Zechpokal  !• 

Diese  beiderseitig  volkstünüich  gewordene  Würdigung  des  freundnach- 
barhchen,  treuen  Zusammengehens  im  vielgestaltigen  Wechsel  von  Freude 
imd  Leid,  entsprang  zimächst  —  wir  glauben  keineswegs  zu  viel  behaupten  zu 
wollen  —  den  historisch  nachweisbaren  Beziehimgen  zwischen  der  magyarischen 
Zipser  Grafschaft  und  dem  polnischen,  zur  Krakauer  Wojewodschaft  gehörenden 
Sandecer  Gelände. 

Bis  tief  hinab  in  die  ersten  Uranfange  des  magyarischen  staatlichen  Daseins 
reicht  ja  die  traditionelle  Kunde  von  der,  spätere,  friedhche  Verbindungen  an- 
bahnenden Berührung  beider  Völker.  Schon  Holgowice  nächst  Szlachtowa  weiset 
nach  allgemeinem  Dafürhalten  sowohl  ungarischer  wie  polnischer  Quellenkenner, 
anf  hunnische,  somit  auf  vormagyarische  Siedlungen  am  nördlichen  Karpatenhange, 
folglich  auf  Niederlassungen  der  jenseitigen  Nachbarn  im  Umfange  des  nachträghch 
polnischen  Krongebietes  ^  hin,  und  historisch  ist  der,  während  eingebrochener 
Tatarennot,  von  Ungarn  aus,  unter  dem  Befehle  des  «adleräugigeni  (Jeorg  Tho- 
warski,  dem  Herrn  von  Tarkow  am  Tarcsal,  zwischen  Palota  und  Cobinow  ge- 
leistete, nachdrückliche  Beistand.'  Dieser  tapfere  Degen  war  es  aber  auch,  wel- 
cher über  Befehl  Andreas  III.,  des  letzten  Sprossen  des  Mannsstammes  der  Ärpäden 
wider  den,  mittelst  seines  Anhanges  die  Ruhe  des  Reiches  erschütternden  Pseudo- 
bruder  des  Königs  die  Waffen  ergriff  und  den  Prätendenten  glücklich  zum  Lande 
hinausdrängte,  der  nun  flüchtig,  bei  Kinga,  nach  angeblich  beigebrachten  Beweisen 
der  Vollberechtigung  seiner  verwandtschaftlichen  Ansprüche,  vorübergehend  eine 
mildherzig  zugestandene  Zufluchtsstätte  sich  gewährt  sah.  * 

Bei  diesem  Ereignisse,  das  beide  Länder  berührt,  angelangt,  fragen  wir 
weder  nach  den  ferneren  Geschicken  des  von  seiner  bisher  eingeschlagenen  Bahn 

^  Morawski:  «Sandecozyzna»  d.  L  «Das  Sandezer  Gelände.!  Krakau  1863. 
8.  p.  21. 

*  Ideni:  ibid.  p.  164. 

•  Szajnocha:  «Szkice  historj'czne »  d.  i.  «Historißche  Skizzen»  Lemberg.  1854. 
p.  45.  No  78,  wo  die  Urkunde  vom  Datum  Korczyn  2.  März  1257  wörtlich  ange- 
führt wird,  kraffc  welcher  imter  Andern  von  einer  «Donatio  terre  Sandecensis  usque  ad 
metam  Himgari»  cum  theloneo  in  Poprad*  ausdrücklich  die  Bede  ist.  Szajnocha  bemerkt 
ausdrückhch,  diese  Urkunde  nach  einer  amtlich  beglaubigten  Copie  zu  bringen, 
<lie  sich  im  Besitze  des  gräflich  Ossolinskischen  Nationalinstitutes  zu  Lemberg  befindet 
and  dem  Frauenkloster  in  Altsandec  entstammen  soll. 

6* 


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84  DIE    KINGA-SAGB. 

80  kläglich  Verdrängten,  auch  lassen  uns  die  frühzeitig  nachweisbaren,  durch  lan- 
desfürstliche,  beiderseits  erteilte  Freiheitsbriefe  geförderten  commerziellen  Be- 
ziehungen zwischen  diesen  Teilen  des  Piasten-  nnd  Ärpädenreiches,  bei  welchen 
auch  der  Poprad,  als  bequeme  Wasserstrasse  seinen  Teil  beansprucht,  deshalb 
unberührt,  weil  eben  unser  Augenmerk  ausschhesslich  nur  auf  die  genannte 
Einga  sich  concentrirt,  welche  zum  fesselnden  Mittelpunkte  der  weit  verbreiteten 
und  um  so  schöneren  Volkssage  geworden  ist,  als  in  der  letzteren  Wahrheit  und 
Dichtung  nicht  derart  in  einander  aufgegangen  sind,  um  nicht  in  belehrender 
Weise  wahrnehmen  zu  können,  wie  die  geschäftige  Phantasie  des  Volkes  Zettel 
und  Einschlag  des  traditionell  auf  uns  gekommenen  Gewebes  gesponnen  und  auf 
ihren  Webestuhl  gebracht  hatte. 

Demgemäss  gliedert  sich  auch  die  vorliegende  Besprechung  der  Einga-Sage 
wie  von  selbst  und  ganz  naturgemäss  in  drei  von  einander  scharf  geschiedene 
Teile.  Wir  meinen  in  den  Wortlaut  der  Sage  selbst,  in  die  geschichtüch  begründete 
Darstellung  des  zu  dieser  Sage  den  Anstoss  gebenden  factischen  Thatbestandes  und 
in  die  Darlegung  der  Umgestaltung  des  letzteren  durch  die  «sancta  simplicitasi 
des  köhlergläubischen,  wimdersüchtigen  Volkes. 


Die    Sage. 

Vor  vielen  hundert  Jahren  —  so  spricht  der  redselige  Mund  der  Sage  — 
gab  es  in  Ungarn  einen  gar  mächtigen  König,  reich  gesegnet  an  den  kostbarsten 
Schätzen  aUer  Art.  Stadt  imd  Land  steuerten  Jahr  aus  Jahr  ein  immer  wieder 
bei,  seinen,  in  tiefen  und  festen  Gewölbem  hinter  siebenfachen  Schlössern  imd 
Biegein  liegenden  Eronschatz  in  das  Fabelhafte  zu  mehren.  Er  berühmte  sich  aber 
bei  allem  dem  auch  noch  stolz,  der  Herrscher  eines  Beiches  zu  sein,  in  dessen 
weitem  Umfange  nicht  allein  hochbegabte  Menschen,  sondern  auch  die  ge- 
heimnissvollen Tiefen  der  Berge  seinen  Diensten  huldigen,  indem  letztere  Ku- 
pfer, Silber,  ja  sogar  Gold  und  —  was  allem  Anderen  vorgehe,  das  vielbegehrte, 
weil  unentbehrliche  Salz  in  unglaubhchen  und  unerschöpflichen  Massen  zur  Ver- 
fügung stellen.  Und  dieser,  mit  Erdengütem  aller  Art  so  namenlos  gesegnete  Eönig 
von  Ungarn  hatte  nur  eine  einzige  Tochter,  ein  wahres  Musterbild  weiblicher 
Schönheit,  zugleich  auch  von  Gott  begnadeter  weibUcher  Vollkommenheit,  deren 
persönhcher  Liebreiz  viel  gepriesen  war,  weit  hinaus  über  des  ausgedehnten  Beiches 
Grenzen.  Viele  meinten,  diese  Prinzessin  allein  wiege  des  königHchen  Vaters  Beich- 
tümer,  so  gi'oss  dieselben  immerhin  seien,  vollständig  auf  und  so  meldeten  sich 
frühzeitig  der  Freier  viele,  für  welche  Beides  verlockend  war,  die  Eönigstoohter 
uud  ihr  Malschatz. 

So  jugendlich  männhch  schön,  so  ritterhch  und  ebenbürtig  auch  die  sich 
meldenden  Freier  waren,  Einga  begünstigte  lange  Zeit  keinen  derselben  und  auch 
der  könighche  Vater  schien  nicht  im  entferntesten  daran  zu  denken,  von  seinem 
vielbegehrten  und  viel  umworbenen  Einde  sich  zu  trennen.  Da  sprachen  eines. 


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DIE    KINGA-SAOE.  ^ 

'Tages  die  Oeeandten  eines  benachbarten  polnischen  Prinzen  vor  und  verstanden 
68  nur  zu  gut,  ihre  Werbung  in  des  Letzteren  Namen  so  zur  Geltung  zu  bringen, 
dass  Vater  und  Tochter  sich  bestimmt  fanden,  auf  den  gestellten  Antrag  einzugehen. 
Es  flogen  nun  Boten  hin  und  her,  die  Bande,  welche  Neigung  und  Staatsklugheit 
zur  Hand  gegeben,  fest  zu  knüpfen  und  endlich  erschien  auch  der  Auserwählte  per- 
sönlich und  übertraf  im  Erscheinen  und  Oebahren  den  ihm  vorausgegangenen 
günstigen  Ruf.  So  wurde  denn  zur  Hochzeit  gerüstet  und  der  Tag  derselben  prunk- 
voll begangen. 

Als  die  Stunde  schlug,  wo  das  viel  beneidete  Paar  in  das  eigene  Heim  ziehen 
sollte,  fiel  die  Königstochter  dem  tiefgerührten  Yater  demütig  zu  Füssen,  um 
seinen  Abschiedssegen  zu  erflehen.  Da  bot  ihr  derselbe  viel  Geldes  imd  Goldes, 
damit  sie  als  wohlthätige  Spenderin  hilfreicher  Gaben  die  Herzen  des  Volkes  ge- 
winne, dessen  Landesmutter  sie  nunmehr  geworden  war.  Sie  aber  meinte :  c  Lieber 
€  Vater  I  Gold  und  Geld  verhelfen  mir  nicht  zu  der  Liebe  meines  Volkes,  das  — 
«wie  ich  höre,  beraubt  ist  der  nothwendigsten,  weil  unentbehrlichsten  Gottesgabe, 
«des  Salzes.  Dein  Beich  hat  der  gnädige  Himmel  damit  so  sehr  gesegnet,  dass  der 
«Ueberfluss  in  fremde  Länder  fortgeführt  wird,  zu  Wasser  und  zu  Lande,  der 
«Armen  drückenden  Bedarf  zu  stillen.  Behalte  daher  dein  Gold  und  dein  Geld  und 
«schenke  mir  als  Brautschatz  nur  Einen  Schacht  deiner  Marmaroscher  Salzberg- 
« werke,  damit  ich.  gläubigen  Herzens  auf  Gott  vertrauend,  was  er  bergen  mag, 
«hinüberleite  nach  der  Heimat,  als  ein  trostreiches,  weil  rettendes  Geschenk  für  die 
notleidende  Armut !»  — 

Und  innig  bewegten  Herzens  beugte  sich  der  König  über  sein  vor  ihm 
knieendes,  engelmildes  Kind,  blickte  tränenfeuchten  Auges  in  dessen  holdes  An- 
gesicht schloss  es  in  seine  Arme,  zog  es  an  seine  Brust  heran,  in  welcher  es  wonnig 
hämmerte  imd  sprach,  einen  väterlichen  Kuss  auf  die  Lilienstime  drückend,  mit 
zitternder  Stimme :  «Gott  sei  mit  Dir  und  gewähre  Deinem  barmherzigen  Wollen 
seinen  besten  Segen,  wie  Dein  Vater  Dir  in  diesem  Augenbhcke  seinen  besten  Segen 
ertheilt,  für  alle  Zeiten  Deines  Erdenwallens,  in  diesem  Augenblicke,  wo  das 
Weh  des  Scheidens  auf  immer,  so  schwer  auf  uns  Beiden  lastet.  • 

Und  so  zog  Kinga,  mit  zahlreichem  Gefolge,  weit  hin  zu  den  unerschöpflichen 
Salzbergwerken  der  Marmarosch,  barfuss  und  den  Pilgerstab  in  der  Hand,  sie  und 
ihre  Begleitung,  um  des  Himmels  ersehnte  Gnade  sich  zu  sichern.  An  Ort  und 
Stelle  gelangt,  befahl  sie  der  Arbeiter  vollen  Zahl  einen  weiten  Kreis  um  sich 
herum  zu  bilden  imd  fragte  sie.  welcher  Schacht  und  welches  Stollengebiet  den 
ergiebigsten  Bergsegen  zu  Tage  fördere.  Man  zeigte  ihr  diesen  und  herantretend 
an  dessen  Tagesmündung,  nahm  sie  denselben  als  väterliches  Geschenk  für  sich 
als  ausschliessüchen  Eigenbesitz  in  Ansprach  und  ihren  Ehering  vom  Finger  strei- 
fend, warf  sie  denselben  in  die  gähnende  Tiefe,  worauf  sich  der  Boden  sogleich 
über  der  bisherigen  Oeffnung  von  selbst  zusammenwölbte.  Ein  heiliger  Schauer 
bemächtigte  sich  der,  erstaunten  Bückes  diesem  Wundervorgange  Zusehenden  und 
Alle  fielen  fromm  in  die  Kniee,  die  Gnade  des  Himmels  preisend,  welche  zu  er- 
kennen gegeben,  wie  sehr  Kinga's  Begehren  das  Wohlgefallen  desselbon  er- 
rungen habe. 

Den  Wanderstab  zuerst  an  diese  von  Gott  offenbar  geheiligte  Steile  setzend 


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86 


DIE   KINGA-SAGE. 


und  mit  ihm  den  onterirdischen  Schatz  gleichsam  an  ihrer  Füsse  Sparen  fessehid^^ 
und  nach  sich  ziehend,  begann  Einga  die  rauhe  Fusspilgerechaft  über  das  Oehänge 
der  Karpaten,  gegen  Erakau,  des  jungen  Gemahles  fürstliche  Residenz.  Mit  Einga 
zogen  Einige  der  Marmaroscher  Bergbaukundigen  mit  und  sechs  Meilen  vor 
Erakau  machte  sie,  gleichsam  einer  höheren  Eingebung  folgend,  bei  dem  Dorfe 
Bochnia  Halt  und  liess  an  dem  Orte,  dessen  Schacht  heute  noch  ihren  Namen 
trägt,  einschlagen.  Und  siehe,  bereits  in  äusserst  geringer  Tiefe  stiessen  die  mit 
Haue,  Erampen  und  Schlägel  arbeitenden  Bergleute  auf  ein  festes  Salzgestein  und 
als  sie  den  ersten,  freudig  heraufgehobenen  Block  zerkleinerten,  fanden  sie  den 
goldenen  Ehenng  wieder,  den  Einga  vor  ihren  Augen,  vor  Wochen  in  den  Mar- 
maroscher Schacht  geworfen. 

Seit  jenem  Tage  fördert  man  dort  den  reichsten  Bergsegen  fort  und  fort  zu 
Tage,  so  dass  an  Stelle  des  ärmlichen  Dorfes  bald  eine  wohlhabende  Stadt  trat  und 
unter  derselben  gleichfalls  die  Gassen  sich  kreuzen  und  Namen  führen  und  in  ge- 
räumige Plätze  münden,  wo  die  rastlos  geschäftigen  Hände  des  gewerkkundigen 
Enappen  zu  jeder  Tages-  und  Nachtzeit,  bereits  Jahrhunderte  hindurch  unermüdet 
sich  regen,  um  dem  unendlich  fruchtbaren  Schosse  des  Bodens  die  unentbehrliche 
Würze  für  Arm  und  Reich  zu  entnehmen  und  selbst  hinauszusenden  in  die  Weiten, 
Kinga's  Andenken  in  frommer,  von  Geschlecht  auf  Geschlecht  forterbender  Dank- 
barkeit zu  segnen. 

Selbst  aber  fand  sich  Einga  dem  ehelichen  Glücke  nur  zu  bald  entrückt  und 
bezog,  seit  der  Witwenschleier  über  ihres  Hauptes  Scheitel  herabfloss,  das  Elarisse- 
rinnenkloster  zu  Altsandec,  wo  sie  wenige  Jahre  darauf,  im  Rufe  wunderthätiger 
Heiligkeit  zur  ewigen  Ruhe  ging,  um  noch  in  ihren  sterbUchen  Resten  der  Gegen- 
stand allseitiger  Verehrung  zu  seiij. 

So  die  Sage,  noch  heute  rings  in  der  Umgegend  und  weit  über  dieselbe  hin- 
aus fortiebend,  wie  sie  der  siebenzigjährige  Schreiber  dieser  Zeilen  in  den  Tagen, 
wo  er  in  jenen  Gegenden  als  lebensfroher  Enabe  sich  herumgetummelt,  beim  pras- 
selnden Eaminfeuer  langer  Winterabende  vielfach  erzählen  hörte  und  gläubig 
hinnahm.  Mit  heiliger  Scheu  betrachtete  er  sodann  die  rings  den  Elosterhof  be- 
schattenden Lindenbäume,  zu  denen  sich  Einga's  und  ihres  Gefolges  in  die  Erde 
gesteckten  Wanderstäbe  sollten  herausgewachsen  haben  und  der  nordösthch 
ausserhalb  der  Elostermauer  sprudelnde  Quell,  den  Kinga  soll  aus  dem  Boden  ge- 
schlagen haben,  wurde  von  dem,  so  manchen  Schelmenstückes  sich  schuldig  fühlen- 
den Wildfange  weit  umgangen. 

Will  aber  erörtert  und  klargelegt  werden,  wie  dieser,  kindermärchenhaft 
klingenden  Tradition  gegenüber 

n. 

Die  Geschichte 

sich  verhalten  und  selbst  bewusststellen  könne,  so  werden  wir  angesichts  der  mitt- 
lerweile thatsächlich  vor  sich  gegangenen  Heiligsprechung  der  uns  beschäftigenden 
Eönigstochter,  aus  zweifachen  Quellen  schöpfen  müssen,  aus  einer  profanen  und  — 
so  weit  dies,  bei  aller  Hochachtung  für  die  «unsterblichen*  Bollandisten  und  ihr- 


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DIE   KINGA-SAGE.  87 

wissenschaftliches  Wirken,  mit  timsichtiger  Reserve  geschehen  kann  —  aus  eccle- 
siafitischen. 

Die  skeptisch  kaltblütig  und  unbeirrt  objectiv  zu  Werke  gehende  Profan- 
geschichte meldet  über  die  Ereignisse,  die  wir  in  dem  Sagenberichte  sich  um 
Einga  gruppiren  sehen,  Folgendes  : 

B61a,  seines  Namens  der  Vierte  (1235 — 70),  der  Nachfolger  Andreas  11.  und 
Vorgänger  Stephan's  V.,  der  Einundzwanzigste  der  ungarischen  Königsreihe,  be- 
sass  mehrere  Töchter,  darunter  Einga,  nach  latinisirender  Benennung  auch  Cune- 
gnndis  geheissen,^  die  älteste  war,  und  allem  Anscheine  nach  1224  das  licht  der 
Welt  erblickt  hatte.'  Schon  1 239,  somit  in  dem  zarten  Alter  von  fünfzehn  Jahren, 
wurde  sie  mit  dem,  lediglich  um  drei  Jahre  älteren  Boleslaw  dem  Schamhaften, 
dem  Fürsten  von  Sandomir  und  des  ausgedehnten  Krakauer  Geländes  vermählt 
und  brachte  dem  jugendlichen  Ehegemahle  den  für  jene  sowie  für  unsere  Zeit  sehr 
namhaften  Malschatz  von  Vierzigtausend  Mark  Silbers  oder  Vierthalb  Millionen 
Gulden  heutigen  Geldes  zu." 

Und  König  B^la  that  sich  mit  dieser  grossartigen  Aussteuer  seiner  allgemein 
gepriesenen  und  alle  Herzen  bezaubernden  und  nahezu  von  Jedermann  fast  ver- 
götterten Tochter  schon  deshalb  keinesfalls  wehe,  weil  dieser  sogar  in  seinen 
dffenthchen  Urkunden  ganz  rückhaltslos  bekannte,  an  allerhand  Schätzen,  wie  auch 
an  Gold  und  Geld  mehr  als  übergenug  zu  besitzen.*  Dass  aber  Er,  der  mächtige 
Gebieter  über  ein  weitgestrecktes,  von  der  Natur  verschwenderisch  gesegnetes 
Beich,  sein  theures  Kind,  den  —  trotz  aller  Jugend  —  mit  aussergewöhnlichen 
Vorzügen  des  Körpers,  Geistes  und  Herzens  bedachten  Liebhng  des  Volkes  und 
Sprossen  eines  alten  und  ruhmvollen  Königsgeschlechtes,  einem  —  vergleichs- 
weise —  tief  unter  ihm  stehenden  Fürsten  zur  Ehe  zu  geben,  gleich  bei  der  dies- 
Mligen  Werbung  des  Letzteren  durch  Klimunt  den  Castellan  und  Janusz  den 
Wojewoden  von  Krakau  sich  entschloss:  dazu  hatten  wohl  zumeist  gewichtige,  das 
Wohl  des  eigenen  Kelches  im  Auge  behaltende  Motive  das  Zünglein  der  Wagschale 
i^wischen  «Ja  oder  Nein»  zu  Gunsten  des  Freiers  niedergezogen. 

Keineswegs  das  geringste,  wenn  nicht  sogar  den  entscheidenden  Ausschlag 
veranlassende  dieser  Motive  war  wohl  die  seit  einigen  Jahren  immer  wieder  auf- 

*  «Kinga»  und  «Gunegundis»  ist  urkundlich  beglaubigt  In  den  «Acta  Sancto- 
nim»  der  Boütmdisten,  JuH  V.  661  begegnet  uns  der  erstere,  wahrscheinlich  als  ein- 
heimiflch'nationaler  und  daher  vorzuziehender  Name. 

'  Ueber  das  Jahr  der  Geburt  Kinga's  stossen  wir  auf  divergirendes  Dafürhal- 
ten. Bei  ÜlugoHZ  (VI.  663)  wird  1205  genannt,  und  dann  wieder  1234.  Katona^  Hist 
crit  V.  437  aber  setzt,  aller  kritisch  verfechtbaren  WahrscheinUchkeit  folgend,  1224 
an,  welches  Jahr  auch  bei  den  BoUandisten  (1.  c.)  Au&iahme  fand.  (JuU  V.  673.) 

*  Nach  DliigoHz  Hist.  VI.  663.  Die  Reduction  auf  den  heutigen  Geldwert  voll- 
zog Szajnocha  1.  c.  p.  35  nota  7  nach  Czackis  Tabellen  in  dessen  1843  herausgegebe- 
nen Werken  (I.  p.  201.) 

*  Siehe  die  betreffende  Urkunde  des  Jahres  1238  bei  Katona,  Hist.  crit.  V.  822. 
c  Verum,  quum  noe  et  nostros  nee  honoris  ambitio,  nee  diuitiamm  oupiditas,  quse  nobis 
divina  gratia  largiente  abundanter  stmt  concessa,  sed  salus  animarum  ac  apostoUcae 
sedis  devota  ad  hsec  exsequenda  pro  viribus,  inducati  etc.  etc. 


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38  DIE    KINOA-8AGE. 

tauchende,  weit  and  breit  Alles  in  beillosen  Sohreoken  versetzende,  weil  geglaubte, 
wie  später  leider  auch  verwirklichte  Kunde  von  einem  bevorstehenden  Mongolen- 
oder TatareneinüaUe/  Für  diesen  gefurchteten,  das  Aufbot  aller  verfügbaren 
Widerstandsmittel  beanspruchenden  Fall,  versprach  diese  Verbindung  durch  das 
Hinübergreifen  verwandtschaftlicher  nationaler  Verhältnisse  nach  Botreussen' 
«ine  Vormauer  für  Ungarn  zu  schaffen,  geeignet,  den  Wogenschwall  der  heran- 
flutenden  Gefahr  so  zu  brechen,  dass  von  der  verheerenden  Wirkung  ihres  An- 
sturmes Ungarn  verschont  bleibe.  Der  bedeutende,  der  Tochter  mitgegebene  Braut- 
schatz hätte  somit  in  B^la's  IV.  Augen  vorwaltend  die  Bestimmung  gehabt,  die 
namhaften  Kosten  der  in  erster  Linie  den  Ländern  der  Stephanskrone  zu  Gute 
kommenden  Büstungen  decken  zu  helfen.*  Und  als  der  Feind  1241  thatsäohUch 
vor  Sandomir  und  vor  Krakau  seine  riesigen  Schwärme  sengen  und  brennen  und 
rauben  und  morden  Hess,  da  leistoten  die  Polen  ehrenhaft  das  Möglichste,  kämpften 
und  bluteten,  Hessen  aber  das  teuere  Leben  am  13.  Febmar  *  und  im  März  ^  ver- 
gebUch.  Ungarn  war  dem  unwiderstehlich  gewordenen  Feinde  durch  die  verhäng- 
nissvollen Niederlagen  zugänghch  geworden,  der  sich  nicht  allein  durch  die  heutige 


^  «Gf.  fRecueil  de  voyages  et  de  memoires,  publik  par  la  soci^t^  de  G^grapliie» 
Pariß  1839.  V.  p.  213  und  603. 

'  Der  von  den  Bewohnern  von  Botreussen  den  Tataren  thateächlich  geleis- 
tete, von  aller  Welt  und  voraus  von  dem  Feinde  selbst  mit  Staunen  anerkannte 
und  bewimderte  Widerstand,  wird  bezeugt  bei  Schwandtner  88.  rer.  Hung.  HL 
p.  601. 

*  Zu  dieser  Vermutung  berechtigen  die  Worte  des  Herzogs  Boleslaus  in  der 
8ub  Nota  3  hier  bezogenen  Urkunde.  Sagt  er  doch  darin:  «Qu»  (Cunegundis),  impe- 
«rante  Deo  temporalis  sufi&agii  adminicula  nobis  tempore  nostrse  permaximse  neoessi- 
«tatis  prestitit  copiose,  ut  ex  his,  quse  subneotuntur,  Uquebit  luculenter.  Cum  enim 
«temxK)re  malo,  permittente  Deo  peccatisque  nostris  exigentibus,  Tartari  terrae  nostraß 
«nobis  subjectas  mucrone  crudeli  depopulati  fuissent,  terramque  subita  et  inopinate 
«debriassent  (siel)  profluvio  sanguinis  Ghristiani,  demumque  pereunte  cultore  omnia 
«deperiisse  viderentur;  nobis  more  principali  ac  magni&centia  omnibus  gratiosissima 
«imperare  non  liceret  dumque  nihil  perfunctoriarum  pecuniamm  sub  duro  cordis 
«lapide  et  sitibundo  et  avaritise  sestu  in  thesauris  nostris  lateret,  magisque  nobilis 
«militiae  oohorte,  ex  insolitse  largitatis,  imo  laudabilis  prodigaUtatis  innata  generositate, 
«quam  divitiarum  cumulo  stipati  gauderemus,  ac  ob  id  consequenter  ad  notabilem 
«inopiam  fuissemus  devoluti  ex  eo,  quod  stipendia  soUta  militise  nostrse  imde  solvere- 
«mus,  penitus  non  inveniremus,  et  ex  prsemissis  ssapedicta  venerabilis,  gloriosa  Domina 
«consors  nostra  charissima  cemens  nos  plurimum  anxiari  in  inefifiabili  et  infaUibili 
«glutino  ferirdse  charitatis,  quo  nostris  affeotibus  jugiter  inhsesit,  ooncitata,  oompatiens 
«ex  intimis,  ssepediotas  pecunias  seu  dotalitii  per  plures  vices  in  pensionem  stipendio- 
«rum  jamdictorum,  largiflue  exhibnit»  etc.  etc. 

*  Dlwjosz  Hist  Vn.  p.  671. 

^  Dieses  Datum  erscheint  nicht  kritisch  richtig ;  doch  würde  die  hierauf  ein- 
gehende Beweislieferung  zu  weitläufig  werden,  um  hier  eingeschaltet  Iverden  zu  kön- 
nen. Bemerken  wiU  ich  nur,  dass  die  «Dominica  in  albisi  nicht,  wie  Szajnocha  1.  o. 
p.  13.  meint,  der  letzte  Sonntag  vor  dem  Palmsonntage,  sondern  der  erste  Sonntag 
nach  Ostern  ist. 


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DIE    KINGA-SAGE.  89 

Bukowina/  sondern  auch  von  Norden  aus  durch  Mähren  unaufgehalten  dahin 
•ergoss  '  und  am  Saj6  durch  seinen  sprichwörtlich  gewordenen,  furchtbaren  c  Ta- 
tarentanz t  in  den  Blättern  der  ungarischen  Geschichte  blutig  sich  verewigte.^ 

Während  dieser  traurigen  und  folgenschweren  Vorgänge  scheint  Herzog 
Boleslaw  und  Einga,  dessen  Gemahlin,  in  dem  mährischen  Gisterzienserkloster 
zu  Welehrad  vorübergehend  eine  sichere  Zufluchtsstätte  gefimden  zu  haben/  so- 
dann, nach  des  Feindes  Wegziehen,  in  Ungarn,'^  schliessHch  aber,  dem  Land- 
frieden wenig  trauend,  in  dem,  der  ungarischen  Grenze  nahen,  am  rechten  Ufer 
des  Dunajec  gelegenen  festen  Schlosse  zu  Neu-Sandec/  Von  diesen  Tagen  an 
waren  aber  die  Tataren  in  imverhältnissmässig  kurzen  Zeitzwischenräumen 
wieder  vorsprechende  Gtäate  der  Polen,  bei  denen  der  glühende  Wunsch,  um 
^inen  warmen,  der  dauernden  Erinneruug  forderUchen  Empfang  nicht  verlegen  zu 
werden,  es  mit  sich  brachte,  dass  die  ritterliche  Jugend  des  Landes  —  bei  sorgfaltig 
betriebener  Unterweisung  in  flinker  und  nachdrückUcher  Handhabung  der  ver- 
schiedenen Schutz-  und  Trutz wxffen  —  frühzeitig  angeleitet  wurde,  wie  später 
anderwärts  gegen  den  auf  einen  Pfahl  gesteckten,  beweglichen  Türkenkopf,  so  von 
nun  an  gegen  ein  derartiges  Tatarenhaupt  schiessen,  rennen,  hauen  und  stechen 
zu  lernen. 

Gleichzeitig  mit  dem  berührten  Mongolen-  oder  Tatareneinfalle,  weil  nur 
mn  Ein  Decennium  später,  setzt  die  Geschichte  die  Eröffnung  des  Bochniaer  Salz- 
bergwerkes. Nach  dem  Zeugnisse  des  polnischen,  trotz  aller  Verdächtigungen  bei 
der  Ansetzung  der  kritischen  Sonde  höchst  verlässlich  erscheinenden  Geschichts- 
schreibers Dlngosz,^  wurden  schon  seit  unvordenklichen  Zeiten  die  auf  den  Grün- 
den von  Bochnia  zu  Tage  tretenden,  überreich  quellenden  Solenspenden  zur  Berei- 
tung von  Koch-  oder  Sudsalz  in  Pfannen  ^  benützt,  während  Wieliczka  neben  sol- 
cher Salzgewinnung  seit  langem  bereits,  aber  in  imzureichender  Menge  Salz  zu 
Tage  förderte,  was  aber  nicht  die  Folge  des  spärlichen  Bergsegens,"  wohl  aber  der 

^  Roger  oarmen  miserabüe,  bei  Schwandtner  I.  302.  Inter  Busciam  et  Cuma- 
niam  per  Silvas  trium  diermn  pervenit  ad  civitatem  Budanam  (Bodna),  d.  i.  durch 
den  Bukovinaer  Wald  und  die  Moldau,  das  damalige  Eumanien. 

■  Boger  1.  c.  L  202. 

*  Ideni  ibid.  p.  307  und  Hist.  Salonit  bei  Schwandtner:  HI.  604:  •  Uni  versa 
-exercitus  Tartarorum  multitudo  velut  qusedam  chorea  circumdedit  omnia  castra 
Üngaromm.! 

^*  Dlugosz  Hist.  VIII.  675  sagt  «in  quodam  claustro  Cisterciensi»,  doch  begabte 
Herzog  Boleslaw  später  das  Erlöster  Welehrad  mit  dem  Bezüge  von  50  Blöcken  Salz 
aus  den  Werken  zu  WieUczka.  A.   Wolny,  Kirchliche  Topographie  Mährens  VI.  444. 

*  Szajnocha:  1.  c.  p.  20. 

*  Ideni:  ibid. 

'  Dlugosz  Hist.  I.  14. 

^  Im  mittelalterUohen  Latein  «caldar,»  nach  Du  Gange  Glossarium  medise  et 
Infimff  latinitatis  IH.  41  Caldarium,  vas  ex  aere  caldario,  in  quo  aqua  igni  admovetur, 
^aldariae  ad  coquendum  salem. 

'  Der  Name  deutet  eben  auf  den  Salzreichtum  hin.  Urkundlich  in  ältester 
JSeit  csal  magnimi»  genannt,  weiset  dies  auf  das  Polnische:  «wielet  viel,  also  auch 
•auf  wielka  d.  i.  viel  und  gross  hin. 


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IK) 


DIE    KINGA-8AGE. 


schwerfälligen  uDd  mit  imzulänglichen  Kräften  betriebenen  Benützung  oder  Ans- 
beutiing  dieser  unerschöpflichen  Ablagerung  an  fossilem  Salze  gewesen  zu  sein 
scheint.  Und  der  Herzog  Boleslaw  selbst  besagt  in  der  Urkunde  vom  6.  Dezem- 
ber 1 279,  womit  er  die  Krakauer  Cathedralkirche  mit  jährlichen  200  Mark  Silbers 
ans  den  Erträgnissen  des  Bochniaer  Salzbergwerkes  bedenkt,  ausdrückhch,  dasselbe 
sei,  was  dessen  Steinsalzschätze  betreffe,  während  seiner  Zeit  aufgeschlossen 
worden/  Da<?egen  verlegen  die  gleichzeitigen  Aimalisten  den  Zeitpunkt  des  Er- 
schluspes  übereinstimmend  in  das  Jahr  1251.* 

Dass  hiebei  die  Gemahlin  des  Herzogs  Boleslaw  von  Sandorair  und  Krakau,. 
die  ungarische  Königstochter  Eanga,  in  Person  mitgewirkt  habe,  wird  in  den 
unverfönglichen  histoiischen  Quellen  nirgends  erwähnt  und  ihre  Teilnahme 
an  der  Eröffnimg  des  Bochniaer  Steinsalzbergwerkes  kann  vom  historischen  Stand- 
punkte aus  nur  dahin  verstanden  werden,  dass  zur  entsprechenden  Inbetrieb- 
setzimg  der  vielversprechenden  Fundgrube,  der  bei  den  Rüstungen  wider  de 
Tataren  glückücherweise  nicht  aufgebrauchte  Rest  der  splendiden  väterUchen  Mit- 
gift zu  weiterer  praktischer  Verwertung  gebracht  worden  sei. 

Die  schöne,  den  leichtfertigen  Wunderglauben  so  gar  naiv  in  Anspruch 
nehmende  Legende  von  der  Besitznahme  eines  Marmaroscher  Schachtes  durch  die 
Selbstinvestitur  des  hineingeworfenen  Ringes  '  und  somit  selbstverständlich  die 
weitere,  sagenhafte  Hei-überleitung  des  derart  in  das  Eigentum  übergegangenen? 
unterirdischen  Reichtumes  in  das  Krakauer  Gelände,  namentlich  nach  Bochnia, 
finden  wir  nur  bei  den  Bollandisten  —  denen  es  ausgemachte  Sache  zu  sein  scheint,* 
wenngleich  das  nahezu  vierhundert  Jahre  später  (1629),  d.  i.  vor  Kinga's  HeiUg- 
sprechung  vorgenommene  Zeugenverhör  eben  nur  nach  der  Sage  formulirte  und 
von  dem  leichtgefangenen,  starrgläubigen  Volke  festgehaltene,  daher  keineswegs 
zu  unanfechtbarem  historischen  Rechte  bestehende  Daten  liefern  konnte. 

Ganz  anders  gestalten  sich  die  Verhältnisse  bei  der  Erörterung  der  Frage 
betreffs  der  Wahl  des  Witwensitzes  Kinga's  in  einem  Frauenkloster,  wo  sie  als 
Nonne  das  Leben  im  Rufe  der  Heiligkeit  beschlossen  habe.  Denn  hiebei  finden  wir 
uns  im  Besitze  mancher  unanfechtbaren  Zeugnisse  für  die  Berechtigung  zu  posi- 
tiver Bejahung  dieser  Frage.  Besitzen  wir  doch  heute  noch  jenes  kostbare  Docu- 
ment,  welches  Kinga  1280,  somit  während  ihres  ersten  Witwenjahres,  in  der  Octave 

^  Nach  einer  amtlich  beglaubigten  Copie  des  Lemberger  Osßolinßki'schen  National- 
in stitutes. 

*  Der  nunmehr  verstorbene  BibUothekar  des  Lemberger  Ossolinski'schen  National- 
institutes, August  Bielüwszki  besass  eine  —  gegenwärtig  unbekannt  wo?  aufbewahrte 
Sammlung  derartiger  handschriftlicher  Jahrbücher,  in  denen  es  übereinstimmend  ver- 
lautet: MCCLI.  sal  durum  (zum  Unterschiede  des  Sudsalzes)  in  Bochnia  repertum 
est,  wobei  von  einigen  Chronisten,  in  Bezug  auf  die  geglaubte  Tradition  über  die 
Hertiberleitimg  des  Salzstockes  aus  der  Majmarosch  hinzugefügt  wird  Mquod  nunquam 
ante  fuit.» 

^  Nach  Du  Cantje  1.  c.  HI.  1556;  HI.  1523  und  1528  gab  es  eine  Investitur 
per  pileum,  per  terram  et  per  annuliim. 

*  A.  a.  O.  wobei  noch  hinzugefügt  wird :  Et  res  qiiidem  tunc  acta  locum  magis; 
quam  serium  habere  a  circumstantibus  visa  est. 


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DIE   KINGA-SAGE.  ^I 

des  Festes  der  Apostelförsten  Peter  und  Panl  ausgestellt  hat,  um  das  zu  dem 
eigenen  Witwensitze  bestimmte,  neu  zu  begründende  Elarissinenkloster  zu  Alt- 
sandec  zu  stiften,  nachdem  diese  Gründung  und  Stiftung  die  Genehmigung 
des  Cardinaldiakones  Mathias  in  Portion  S.  MarisB,  als  obersten  Schutzherm  der 
verschiedenen  Franziskanerordensverbrüderungen  und  des  Graner  Franziskaner- 
ordensprovinziales  Stephan  erhalten  hatte.  Nicht  mehr  und  nicht  weniger  als  die 
Einkünfte  von  dreissig,  in  der  Nähe  von  Altsandec,  dem  projectirten  Kloster- 
standorte, sowohl  an  den  beiderseitigen  Ufern  des  Poprad  wie  des  Dunajec  ge- 
legenen Ortschaften  sollten  zur  Aufrechterhaltung  dieses  frommen,  sowohl  zum 
eigenen,  als  des  verewigten  Gemahles  Seelenheil  zu  errichtenden  Gotteshauses 
dienen.* 

Zweitens  wird  ausdrücklich  bezeugt,  dass  bei  dem  1:287  wiederholten  Ta- 
tareneinfalle das  Altsandezer  Elarissinenkloster  zwar  noch  nicht  vollendet  gewesen 
sei,  wohl  aber  die  Stadt  in  einem  adaptirten  Privathause  die  zur  Bevölkerung  des 
Klosters  bestimmten  Nonnen  unter  Kinga^s  Leitxmg  beherbergt  habe.  Denn  sie 
flüchten  insgesammt  vor  der  drohenden  Gefahr  in  die  karpathischen  Vorgebirge  der 
nahen  ungarischen  Grenze.'  Hiezu  wäre  sodann  drittens  Kinga*s  eigenes  Zeugniss 
beizufügen.* 

Wird  nun  die  Sage  mit  der  Geschichte  verglichen,  resultirt  wohl  von  selbst,  was 

m. 

Die  Volksphantasie 

mit  ihrer  gewohnten,  das  Wunderbare  in  die  Thateachen  verwebenden  Geschäf- 
tigkeit, der  Darstellung  über  die  historisch  begründete  Bedeutung  Kinga's 
hinzufügen  zu  müssen  glaubte,  damit  das  Wertbewusstsein  des  reichen  Salzsegens^ 
der  mit  ihrem  Erscheinen  im  Uerzogtume,  gerade  in  Bochnia  sicli  erschloss  und 
seit  vielen  Jahrhunderten  unzähligen  Tausenden  zur  Segensquelle  geworden  war, 
recht  eindringlich  an  das  köhlergläubische  Herz  pocbe,  mitwirkend  bei  der  belieb- 
ten, ahnungsvoll  grübelnden  und  in  diesem  Grübeln  schwelgenden  Sucht,  Irdisches 
und  Ueberirdisches,  d.  i.  Vorhandenes  und  sinnlich  Fassbares  mit  dem  Ueberirdi- 
schen,  der  einzelnen  Menschen  und  ganzer  Völker  Geschicke  bestimmenden,  vor- 
bereitenden und  in  geregelte  Bahnen  leitenden  —  sollen  wir  sagen  —  wenn  nicht 
fatalistischen  so  doch  unbegreiflichen  und  unergründUchen  höheren  Mächten  in 

*  Die  Urkunde  in  beglaubigter  Abschrift  in  der  Ossolinski'schen  National- 
bibliothek zu  Lemberg.  Unter  den,  dem  Kloster  verschriebenen  Ortschaften  kommt 
auch  das  in  der  Zips  liegende  Pudlein  vor.  Es  wäre  der  historischen  Untersuchung 
jedenfiEÜLls  wert,  ob  das  sogenannte  Sandecer  Gelände,  die  terra  Sandecensis  im  XIIL 
Jahrhunderte  so  weit  in  die  Zips  hineingereicht  oder  —  wenn  nicht  —  welche  Bewandt- 
niss  es  habe,  dass  Kinga  über  Pudlein  derartig  zu  verftlgen  vermochte. 

»  Dlugosz  Hist  VH.  847. 

*  In  den  Urkunden  bei  Wagner^  Analecta  tense  Scepus.  I.  195  und  Supplem 
Analect.  p.  305,  worin  es  heisst ;  Nos  Cunegundis  . . .  sub  Ordine  S.  Francisci  divinis 
mancipata  obsequiis. 


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"^2  DIE    KINGA-SAGE. 

«ine  plausible,  dem  Alltagsmenschen,  der  denkfaul,  die  Lebenserscheinungen  sich 
zurechtlegt  wie  er  kann,  in  plausible  Wechselwirkung  zu  bringen. 

Wenngleich  aber  auch  die  heilige  Einfalt  an  Dinge  sich  hängt,  welche  der 
Gebildete,  der  Wissende  und  Aufgeklärte  belächelt,  will  diese  Gefühls-  imd  Glau- 
benswelt nichtsdestoweniger  achtungs-  und  schonungsvoU  behandelt  werden.  Denn, 
welcher  wahrhaft  menschhch  Denkende  wollte  die  kindüche  Einfalt  trüben,  wenn 
dieselbe  selbstthätig  nach  den  fruchtbaren  Ursachen  unverstandener  oder  auffallen- 
der Erscheinungen  forscht,  und  weil  sie  entweder  zu  geistesarm  oder  geistig  viel 
zu  wenig  geübt  ist,  die  gewünschte  Aufklärung  sich  selbst  zu  verschaffen,  trotz 
aller  leichtverständhchen  Schaffnngskraft  der  Natur  und  der  Menschenfindigkeit, 
im  Glauben  an  ein  Wunder  und  im  Gefühle  der  Verehrung  des  Wunderthätigen 
volle  Befriedigung  findet  ?  -  So  hat  denn  auch  hier  die  Phantasie  des  Volkes  um 
die  unau%eklärt  gebliebene,  wabrscheinUch  zufällige  Bloss  legung  des  heute  noch  in 
sehr  lohnendem  Betriebe  stehenden  Bochniaer  Steinsalzlagers,  ganz  unbefangen 
ihre  goldenen  Fäden  gesponnen  und  so  dicht  verwoben,  dass  eine,  fromme  Ge- 
müter bestechende  Wundermäre  den  Legendenkranz  mit  einer  neuen  Blüte 
bereichert,  der  sich  um  Kinga's  verehrte  PersönUchkeit  unter  den  Fingern  dank- 
barer Jahrhunderte  sinnig  und  üppig  herumgeschlungen  hat. 

Die  volksmündliche  UeberHeferung  von  der  Verschmähung  aller  anderen 
Mitgift,  als  der  Einen,  der  Schenkung  eines  Marmarosclier  Schachtes ;  das  Hinein- 
werfen des  Ringes,  der  gerade  der  Brautring  imd  ja  kein  anderer  gewesen  sein 
musste,  zum  Zeichen  der  Besitzergreifung  von  dem  erbetenen  Geschenke ;  die  Her- 
überführung  des  gewonnenen  Schatzes  mittelst  der  eigenen,  später  zur  breitästigen 
und  ganze  Bienencolonien  beherbergenden  Linde ;  das  Wiederfinden  des  in  der 
Marmarosch  in  die  Tiefe  geworfenen  Binges  |  bei  der  Zutageförderung  und  Zer- 
schlägenmg  des  ersten  Salzstockes :  diese  —  sagen  wir  Sonntagsgeburten  der  Volks- 
phantasie bethätigen  zwar  den  im  Volke  heiss  pulsirenden  Geist,  sind  aber  für  den 
skeptischen,  keine  speciell  ethnographischen  Moment«  verfolgenden  Forscher  leider 
nur  leere  Blüten.  Wilhelm  Schmidt. 


KÜRZE  SrrZÜNGSBERIOHTE. 

—  Ungarische  Akademie  der  Wissenschaften.  In  der  Sitzung  der  ersten 
Classe  am  1 .  Dezember  hielt  don  ersten  Vortrag  das  Ehrenmitglied  Georg  Joauno- 
vics  unter  dem  Titel :  JHe  endlose  Frage.  Die  endlose  Frage  ist  der  alte  unerquick- 
liche Streit  zwischen  der  Orthologie  und  Neologie.  Von  den  drei  Tribunen  der 
letzteren,  Franz  Toldy,  Johann  Fogarasi  und  Moriz  Ballagi,  ist  nur  noch  der  Letzte 
auf  dem  Kampfplatze.  Auf  seine  im  Jahre  1884  und  im  Jänner  d.  J.  gehaltenen 
Apologien  des  Neologismus  antwortet  suaviter  in  modo,  sed  fortiter  in  re  der  Vor- 
tragende, wobei  er  auf  Grund  eines  reichea  sprachgeschichtlichen  Materials 
bestrebt  war,  einerseits  die  Absurditäten  der  sprachgeistwidrigen  neologischen 
Bildungen,  andererseits  die  Berechtigung  der  besonnenen,  dem  Sprachgeist  fol- 
genden orthologischen  Richtung  des  «Nyelvori  darzulegen. 

Hierauf  las  das  conespondirende  Mitglied  Bernhard  Munkäcsi  eine  Abhand- 


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KURZE    8ITZUNGSBER  CHTE.  ^S- 

Ixmg  von  Josef  Balassa  über  die  Classification  und  Charakteristik  der  ungarischen 
Mundarten,  Verfasser  wirft  einen  kurzen  historischen  Rückblick  auf  die  bisheri- 
gen Classificatoren  der  ungarischen  Mundarten  (Stefan  Grdti,  Adam  Horväth^ 
Sigmund  Simonyi)  und  untersucht  dann,  auf  welcher  Grundlage  die  ungarischen 
Mundarten  classifizirt  werden  könnten.  Für  die  Classification  der  Mundarten 
können  folgende  Umstände  entscheidend  sein :  1.  Die  Teilung  des  Volkes  in  Volks- 
stamme ;  2.  die  geographische  Lage  des  ganzen  Sprachgebiets  und  seiner  einzelnen 
Teile,  und  vornehmlich  3.  die  Verbreitung  der  die  einzelnen  Gegenden  charakte- 
risirenden  Eigenheiten.  Doch  mancherlei  Schwierigkeiten  machen  es  unmöglich, 
einen  dieser  Umstände  für  sich  zur  Basis  der  Classification  zu  nehmen.  Wenn  die 
Classification  richtig  sein  soll,  müssen  alle  diese  Umstände  berücksichtigt  werden. 
Auf  dieser  Grundlage  teilt  Verfasser  das  ungarische  Sprachgebiet  zuerst  in 
einzelne  grössere  Mundartengebiete,  deren  Sprache  nur  hinsichtlich  der  wich- 
tigsten Eigenheiten  übereinstimmt  und  damit  auf  gemeinsame  Abstammung  und 
Entwicklung  hinweist.  Innerhalb  dieser  Gebiete  zieht  er  dann  die  aus  den  ver- 
schiedensten Gründen  entstandenen  Differenzen  in  Betracht,  welche  die  einzelnen 
Mundarten  hervorbringen.  Er  teilt  das  ganze  imgarische  Sprachgebiet  in  acht 
Mundartgebiete,  welche  er  dann  im  Einzelnen  charakterisirt  und  welche,  je  nach- 
dem ihre  verschiedenen  Teile  einzelne  Eigenheiten  besser  bewahrt  oder  weiter 
entwickelt  haben,  in  mehrere  besondere  Mundarten  zerfallen. 

—  In  der  Sitzung  der  zweiten  Classe  am  9.  Dezember  hielt  den  ersten  Vor- 
trag das  ordentliche  Mitglied  Alexander  Szilägyi.  Vortragender  legte  sein  soeben 
erschienenes  Werk :  Siebenbürgen  und  der  Krieg  im  Nordosten  1648 — 1665,  Briefe 
und  Urkunden  mit  Einleitungen  und  Anmerkungen,  herausgegeben  von  Alexander 
Szilägyi ;  Band  I.  Budapest  1890,  vor  und  gab  einen  kurzen  Ueberblick  des  Inhalts 
desselben.  Die  mit  diesem  Bande  begonnene  Urkundensammlung  bringt  einige 
controverse  Fragen  der  Geschichte  jener  Zeit  zur  Entscheidung  und  klärt  einige 
dunkle  Punkte  derselben  auf.  Das  Bild,  welches  Vortragender  an  der  Hand  der  in 
dem  vorgelegten  Bande  enthaltenen  Briefe  und  Urkunden  entwirft,  ist  reich  an 
Details,  welche  für  den  Geschichtsforscher  jener  Zeit  von  Interesse  sind. 

Hierauf  las  das  correspondirende  Mitglied  Josef  Jekelfalussy  eine  Abhand- 
lung des  Gastes  Julius  Mandello  über  Währwngs-  und  Münzrecht,  ein  Capitel 
Ober  die  rechtliche  Bedeutung  des  Währungswechsels  vor.  Den  Ausgangspimkt  der 
Untersuchung  hat  der  rechtliche  Begriff  des  Geldes  zu  bilden,  resp.  die  Frage  : 
Welches  sind  die  rechtlich  relevanten  Functionen  des  (Jeldes?  Der  Verfasser 
entscheidet  sich  für  die  Auffiassung,  dass  blos  die  Function  als  gesetzliches 
Zahlungsmittel  relevant  sei,  da  alle  anderen  Functionen  entweder  wirtschaftlicher 
Natur  sind,  oder  aus  der  Function  als  Zahlungsmittel  hervorgehen.  Der  Verfasser 
unterscheidet  drei  Gebiete,  in  welchen  das  Geld  als  gesetzliches  Zahlungsmittel 
wirkt.  1.  Ist  das  Valutageld  das  letzte  zwangsweise  Solutions-  und  Befriedigungs- 
mittel ;  2.  ist  dasselbe  Gegenstand  der  Geld- Obligationen  und  3.  sind  im  Glelde 
als  gesetzlichem  Zahlungsmittel  alle  Zahlungen  in  den  Staat  zu  leisten  und  bedient 
sich  desselben  der  Staat  bei  seinen  Zahlungen.  Verfasser  untersucht  nun  die  Wir- 
kung des  Währungswechsels  bezüglich  dieser  drei  Gebiete  und  findet,  dass  derselbe 
blos  für  die  Geld-Obligation  und  die  Zahlungen  an  den  Staat  (resp.  des  Staates) 


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"94  KURZE   SITZUNGSBERICHTE. 

von  Belang  ist,  weil  es  sich  nur  hiebei  um  fixe  Beträge  handelt,  deren  Umrech- 
nung aus  der  alten  Valuta  in  die  neue  nötig  erscheint.  Dass  der  Staat  diese 
Umrechnimg  für  seine  eigenen  Verhältnisse  selbst  vorzunehmen  hat,  wurde  nie 
bezweifelt.  Auch  bezügüoh  der  Verbindlichkeiten  von  Privaten  ist  gewiss,  dass 
dieselben  nicht  in  der  alten,  sondern  in  der  neuen  Valuta  zu  erfüllen  sind.  Allein 
die  Begründung  dieses  Satzes  gibt  zu  wichtigen  Verschiedenheiten  in  der  Auffas- 
sung Anlass.  Es  gibt  eine  falsche  privatrechtliche  und  eine  richtige  staatsrecht- 
liche Auffassung.  Die  erstere  geht  dahin,  dass  die  Erfüllung  der  auf  Silber  lauten- 
den Verpflichtunfsren  in  Folge  der  Einführung  der  Goldwährung  unmöglich  wird, 
und  dass  daher  die  Hingabe  von  Gold  an  Silberstatt  eine  datio  in  solutum  bildet. 
Demgegenüber  sieht  die  staatsrechtliche  Auffassung  in  der  Erfüllung  in  Gold  das 
wirkliche  soldere  der  auf  Valuta  lautenden  Obligationen.  Wenn  nun  schon  aus 
der  letzteren,  richtigen  Auffiassung  die  Notwendigkeit  einer  staatlichen  Bestim- 
mung des  Valutaverhältnisses  an  und  für  sich  folgt,  wurde  nichtsdestoweniger  in  der 
Literatur  ein  heftiger  Streit  geführt  darüber,  ob  die  Bestimmung  des  Valuta  Verhält- 
nisses durch  den  Staat  zu  geschehen  habe,  oder  ob  dieselbe  der  Vereinbarung  der  Par- 
teien, respective  dem  Urteile  des  Richters  zu  überlassen  sei.  Die  eben  berührte  Con- 
troverse  geht  von  zwei  Voraussetzungen  aus :  entweder  davon,  dass  der  Staat  über- 
haupt absieht,  eine  Bestimmung  zu  treffen,  oder  davon,  dass  der  Staat  für  seine 
eigenen  Verbältnisse  eine  andere  Norm  trifft,  als  für  die  privatrechtlichen  Ver- 
hältnisse. Im  Sinne  dieser  Voraussetzungen  gibt  es  vier  Zeitpunkte,  die  für  die 
Bestimmung  der  Verhältnisse  der  Valuten  massgebend  sein  können,  und  zwar  der 
Zeitpunkt  1.  der  Entstehung  der  Obligation,  2.  des  Währungswechsels,  3.  der 
Erfüllung,  4.  der  Zahlung.  Der  Verfasser  bespricht  die  Bedeutung  dieser  vier 
Bestimmungsmodalitäten,  nachdem  er  die  Ansichten  von  Godschmidt,  Hartmann, 
Bekker,  Behrend,  Grünhut  und  Menger  dargelegt  hat.  Im  Gegensatze  zur  herr- 
schenden Auffassung,  welche  den  Zeitpunkt  des  Währungswechsels  für  massgebend 
hält,  erklärt  er  sich  für  den  Zeitpunkt  der  Erfüllung,  welcher  allein  einer  streng 
privatrechtlichen  Auffassung  entsprechen  könne.  Allein  die  privatrechtliche  Auf- 
fassung an  und  für  sich  hält  Verfasser  für  verfehlt.  Eine  Betrachtimgsweise,  die 
von  der  staatlichen  Bestimmung  abstrahirt,  kann  nur  zur  Aufstellung  privatrecht- 
licher Analogien  führen,  nicht  aber  zur  Auffindung  eines  materiellen  Bechtssatzes. 
Hierauf  untersucht  der  Verfasser  den  Inhalt  der  staatsrechtlichen  Bestimmung 
der  Relation  und  weist  den  wirtschaftlichen  Charakter  der  Relationsbestimmung 
nach.  Die  Relation  kann  zwar  wirtschaftUch  zweckmässig  gewählt  werden  und 
eine  gerechte  Lösung  annähernd  erstreben,  allein  dieselbe  nicht  vollkommen 
erreichen.  Verfasser  weist  noch  die  Relativität  der  Bestimmungsarten  (Tageskurs 
und  Durchschnittsberechnungen)  nach  und  gibt  zum  Schlüsse  der  Hoffnung 
Ausdruck,  dass  gleichzeitig  mit  der  Valutaregulirung  in  Ungarn  auch  ein  Münz- 
und  Währungsrecht  geschaffen  werde,  welches  an  die  Stelle  der  spärlichen 
Bestimmungen  unseres  Staatsrechtes  treten  wird. 

Zum  Schlüsse  hielt  Moriz  Wosinszky  (Pfarrer  von  Apar  in  der  Fünfkirchner 
Diöcese),  als  Gast,  einen  archäologischen  Vortrag  über  die  älteste  LeichenbestxU' 
^tmgsweise  der  Urzeit,  bei  welcher  Arme  und  Beine  der  Leichen  zurückgebogen  und 
fest  an  den  Körper  gebunden  wurden,  wie  dies  an  dem  vom  Vortragenden  aus 


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KURZE   SITZUNGSBERICHTE. 


95 


dem  Lengyeler  Gräberfeld  herausgehobenen  and  im  Nationalmuseum  ausgestellten 
Exemplar  sichtbar  ist.  Diese  Bestattungsweise  kommt  von  der  paläolithischen  bis 
zur  Hallstädter  Periode  in  ganz  Europa  vor ;  in  Ungarn  ist  sie  bisher  blos  im  Len- 
gyeler Gräberfeld  im  Comitat  Tolna  gefunden  worden.  Diese  Sitte  erfuhr  im  Laufe 
der  Zeit  verschiedene  Modificationen,  welche  Vortragender  in  drei  Hauptgruppen 
znsammenfasst.  Die  zusammengebogene  Stellung  der  Leichen  entspricht  der  Lage 
des  Embryo  im  Mutterleibe.  Man  legte  den  todten  Menschen  in  derselben  Lage 
in  den  Mutterschoss  der  Erde,  in  welcher  er  aus  dem  Mutterleibe  kommt,  damit 
er  gelegentlich  der  jenseitigen  Wiedergeburt  in  der  natürlichen  Lage  gefunden 
werde.  Die  an  den  verschiedenen  derartigen  Beatattungsfunden  constatirten  ver- 
«chiedenen  Culturstufen  bezeugen,  dass  sich  diese  Sitte  in  zwei  verachiedenen 
Völkerwanderungsrichtungen  von  Asien  her  nach  Europa  verbreitet  hat. 

—  In  der  Plenarsitzung  am  1 5.  Dezember  las  Professor  Julius  König  eine 
Denkrede  auf  das  ord.  Mitglied  Eugen  Ihmyady,  Die  Denkrede  feiert  in  würdiger 
Weise  das  Andenken  des  vor  Jahresfrist  dahingeschiedenen  ungarischen  Mathema- 
tikers. Eugen  Himyady  hat  auf  dem  grossen  internationalen  Gebiete  seiner  Wis- 
senschaft Hervorragendes  geschaffen,  ja  er  ist  in  einem  Kapitel  derselben  der  Erste 
gewesen.  Er  hat  sich  aber  nicht  allein  um  die  grosse  gemeinsame  Wissenschaft  bedeu- 
tende Verdienste  erworben,  sondern  auch  um  die  Förderung  der  nationalen  Cultur, 
indem  der  für  die  Gegenwart  überaus  günstige  Unterschied,  welchen  der  Stand 
der  mathematischen  Wissenschaften  in  Ungarn  im  Jahre  1890,  verglichen  mit 
demjenigen  vom  Jahre  1865  zeigt,  grossenteils  Hunyady's  Verdienst  ist.  Als 
Hunyady  im  Jahre  1865  vom  Aiislande  heimkehrend  seine  wissenscheftliche  Thä- 
tigkeit  in  der  Hauptstadt  begann,  existirte  eine  mathematische  Fachwissenschaft 
in  Ungarn  nicht.  Die  Arbeit  eines  Jahrhunderts,  in  welchem  die  Mathematik  eine 
in  der  Geschichte  der  Wissenschaften  beispiellose  Entwicklung  gewonnen  hatte, 
war  hier  nachzaholen.  Hunyady,  welcher  am  il8.  April  1838  in  Pest  geboren  wurde, 
erreichte  nicht  die  natürliche  Grenze  des  menschlichen  Lebens,  aber  sein  Leben  war 
doch  ein  ganzes  Leben,  seine  Arbeit  eine  ganze  Mannesarbeit.  Er  hat  seiner  Wis- 
senschaft eine  neue  Heimat  und  seiner  Heimat  eine  neue  Wissenschaft  erworben. 
Deshalb  wird  in  der  Geschichte  der  imgarischen  Wissenschaft  sein  Andenken  ein 
ewigdauemdes  sein. 

Die  Mitteilung  der  laufenden  Angelegenheiten  eröffnet  der  Generalsecretär 
Koloman  Szily  mit  der  Meldung  von  dem  am  10.  September  in  Kalkutta  erfolgten 
Ableben  des  auswärtigen  Mitgliedes  Atkinson,  dessen  Andenken  die  HI.  Classe  in 
einer  Denkrede  feiern  wird.  Hierauf  beantragt  der  Generalsecretär,  dass  dem  aus- 
wärtigen Mitgliede  Dr.  Alfred  Ameth,  k.  u.  k.  Hof-  und  Staatsarchivar  in  Wien, 
der  die  Schätze  des  Hof-  und  Staatsarchivs  den  ungarischen  Forschern  geöffnet  und 
hiedurch,  um  die  Entwicklung  der  ungarischen  Geschichtsforschung  sich  grosse 
Verdienste  erworben  hat,  anlässlich  seines  am  27.  Dezember  in  Wien  zu  feiernden 
fünfzigjährigen  Dienstjubiläums  seitens  der  Akademie«  eine  Glückwunsch- Adresse 
zugesandt  werde.  Wird  zustimmend  angenommen.  —  Eine  Zuschrift  des  Unter- 
richtsminist^rs,  welche  das  Gutachten  der  Akademie  in  der  Frage  der  von  der  königl. 
italienischen  Regierung  angeregten  Feststellung  eines  einheitlichen  Zerusmeridians 
und  einer  einheitlichen  Zeitzählung  ansucht,  wird  der  HI.  Classe  zugewiesen.  — 


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öö  mXdoheniuche. 

Das  Anstichen  desselben  Ministeriums  um  ein  Gutachten  über  das  Bittgesuch  de» 
königlich  griechischen  Generalconsuls  Paul  Haris  um  Einführung  der  neugriechi- 
schen Aussprache  in  den  Mittelschulen  wird  der  I.  Classe  zugewiesen.  —  Die 
n.  Classe  empfiehlt  folgende  drei  Anträge  der  archäologischen  Commission  zur 
Annahme :  f.  Die  Akademie  möge  die  von  der  Legislative  für  archäologische 
Publicationen  bewilligten  5000  fi.  zur  Hälfte  auf  Publicationen  über  vaterländische 
Baudenkmäler  und  zur  Hälffce  auf  andere  Publicationen  verwenden ;  2.  die  Aka- 
demie möge  die  Dotation  der  archäologischen  (Kommission  von  6000  auf  7000  fl. 
erhöhen ;  3.  die  Akademie  möge  beim  Unterrichtsminister  die  Erlaubniss  der 
Benützung  der  Zeichnungen  der  Landescommission  für  Kunstdenkmäler  durch 
die  archäologische  Commission  auswirken.  Die  IT.  Classe  bittet  zugleich  auf  Antrag 
der  archäologischen  Commission  um  Bestätigimg  der  Wahl  der  folgenden  Com- 
missionsmitglieder :  Sigmund  Bubics,  Bischof  von  Kaschau,  Dr.  Julius  Forster, 
Kamill  Fittier,  Stefan  Möller,  Ludwig  Rauscher,  Friedrich  Schulek  und  Emericb 
Steindl.  Wird  zustimmend  angenommen. 


MÄDCHENRACHE. 

Frei  nach  Alexander  Endrödi. 

Die  Sultanstochter  ruht  allein  Der  schwarzen  Hüter  wilder  Tross 

Am  Rosenstrauch,  im  Myrthenhain,  Vor  Wuth  und  Eifer  überfloss ; 

Da  stürzt  heran  ein  Jüngling  und  —  Sie  führen  bald  den  Jüngling  vor  — 

Küsst  ihren  Mund.  0  armer  Thor ! 

Vor  Scham  und  Aerger  purpurrot,  Das  Antlitz  blass,  aus  edlem  Blut, 

Klagt  sie  dem  Vater  ihre  Not :  Im  Auge  Leid  und  Liebesglut, 

«Ein    Fremdling   that's  .    o  Schmach,  Er  blickt  sie  an  so  traurig-kühn, 

Und  ist  entflohn  li  [o  Hohn,  Mit  stillem  Glühn. 

Kaum  war  der  Frevler  angeklagt,  cDer  hier  ist's !  i  ruft  der  Häscher  rauh, 

Bogann  auf  ihn  die  Menschenjagd.  t  Sein  Haar  ist  schwarz,  sein  Eaftan  blau  I» 

Die  Sultanstochter  ruft  mit  Dräun  :  Der  And're  murrt :  fFür  solche  Schuld 

«Er  soll's  bereun I •  Giebt's  keine  Huld  !• 

«Durchforscht  nach  ihm  die  Palmenau,  Der  Sultan  selbst  im  Zorn  entbrannt, 

Sein  Haar  ist  schwarz,  sein  Kaftan  blau  1 1  Legt  drohend  an  das  Schwert  die  Hand  : 

Die  Sultanstochter  zürnend  spricht:  «Zum  Tode  geht  des  Jünglings  Bahn, 

« Verschont  ihn  nicht  1 1  Hat  er's  gethan  I 

Mein  gold'nes  Kind,  bezeuge  mir, 
Beging  die  Tollheit  dieser  hier?i  — 
Die  Sultanstochter  leise  spricht : 
«Er  war  es  nicht  N 

Stefan  Rönat. 


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GRAF  MORITZ  BENYOYSZKY  ALS  GEOfiRAPHISCHER 

FORSCHER. 


Im  laufenden  Jahre  wird  es  ein  Jahrhundert  sein,  seit  Nicholson  das 
berühmte  Buch  über  die  Heldenthaten,  Beisen  und  Eroberungen  des  kühnen 
und  unternehmenden  ungarischen  Grafen  Moritz  Benyovszky  herausgegeben 
hat.^  Das  Buch  schildert  des  Grafen  kurzes,  jedoch  umso  thatenreicheres 
Leben.  Er  wurde  im  Jahre  1746  geboren,**  durchkämpfte  als  junger  Mann 
den  ganzen  polnischen  Krieg  und  wurde  von  den  Bussen  gefangen  genommen, 
die  ihn  nach  Sibirien  verbannten.  Er  durchreiste  Europa  und  Asien,  bis  er 
endlich  den  Ort  seiner  Verbannung,  Kamtschatka,  erreichte.  Mit  seinen 
Genossen  knüpfte  er  gar  bald  einen  Bund  zu  seiner  Befreiung;  der  Umstand, 
dass  sich  die  Tochter  des  Gouverneurs  in  ihn  verliebte,  erleichterte  seine 
Flucht  Eines  Tages  brach  der  langsam  vorbereitete  Aufstand  los,  der  Gou- 
verneur und  die  Garnison  wurde  niedergemetzelt,  Benyovszky  entfloh  und 
bestieg  ein  gebrechliches  Fahrzeug.  Fünf  Monate  hindurch  trieb  er  sich  auf 
dem  Meere  herum,  bis  er  endlich  Macao  erreichte,  von  wo  er  nach  Europa 
gelangte.  Dann  trat  er  in  französische  Dienste  und  begab  sich  nach  Mada- 
gaskar um  dort  französische  Colonien  zu  gründen.  Jedoch  die  Eingeborenen 
gewannen  ihn  lieb  und  wählten  ihn  zu  ihrem  Fürsten.  Benyovszky  nahm 
an  ihren  Kämpfen  Theil,  nachdem  er  aber  den  Frieden  gesichert  hatte  und 
da  er  von  den  französischen  Gouverneuren  der  Isle  de  France  schmählich 
betrogen  worden  war,  kehrte  er  nach  Europa  zurück,  um  das  Protektorat 
irgend  eines  Staates  für  sein  Volk  zu  gewinnen.  Allein  die  Franzosen  wollten 
nur  von  Colonien,  aber  nichts  von  Verbündeten  hören,  England  und  Deutsch- 
land waren  anderwärts  beschäftigt,  und  so  war  das  Resultat  aller  seiner 

*  Memoirs  and  Travels  of  Mauritius  Augustus  Count  de  Benyovszky,  Written 
by  liimself.  Translated  from  the  Original  manuscript.  In  two  volumes.  London,  Robin- 
son, 1790.  Benyovszky  schrieb  das  Originalmanuscript  französisch. 

-'^  Benyovszky  wurde  nach  Nicholson,  dem  ersten  Herausgeber  der  Memoiren, 
1741  geboren,  wie  aber  J6kai  in  seiner  Biographie  erwähnt,  ist  das  Geburtsjahr 
Benyovszky's  nach  dem,  vom  Seelsorger  zu  Verbö  ausgefertigten  authentischen 
Taufschein  nicht  1741,  sondern  1746.  J6kai  M.,  Benyovszl^  ^letrajza.  Budapest, 
1888,  L,  11. 

ünguiMb«  Beyne.  XT.  1891.  U.  Heft  7 


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^8  GRAF   MORITZ   BENY0V8ZKY   ALS   OEOGRAPHTSCHER   FORSCHER. 

Bemühungen  das^  dass  ihn  ein  amerikanischer  Kaufmann  an  die  Spitze 
seiner  Frivatuntemebmungen  stellte.  Benyovszky  erreichte  Madagaskar, 
wurde  aber  von  den  Franzosen  angegriffen  und  am  23.  Mai  1786  getödtet. 

Die  erste  englische  Ausgabe  von  Benyovszky's  Beisebericht  erschien 
1790  und  schuf  eine  ganze  Literatur ;  ^  sie  wurde  von  Nicholson  veranstaltet, 
der  zu  dem  Werke  eine  Einleitung  schrieb,  in  der  er  die  Verlässlichkeit  der 
Angaben  Benyovszky's  kritisch  untersuchte.  Auf  die  Frage,  ob  Benyovszky 
die  geschilderte  Reise  überhaupt  unternommen  habe,  oder  nicht,  —  denn 
selbst  dies  wurde  in  Zweifel  gezogen,  —  antwortete  er  mit  einem  entschie- 
denen Ja.  Die  Resultate  seiner  Kritik  fasst  Nicholson  in  folgendem  zu- 
sammen: «So  lange  als  Benyovszky 's  Daten  auf  ihn  selbst  Bezug  haben, 
müssen  wir  seine  Behauptungen  für  authentisch  halten ;  der  grösste  Theil 
derselben  kann  jedoch  auch  durch  Nebenargumente  gestützt  werden.  Die 
Theilnahme  an  den  polnischen  Unruhen  bezieht  sich  auf  jüngstverflossene 
Ereignisse ;  die  Mehrzahl  der  von  ihm  genannten  Persönlichkeiten  sind  von 
hohem  Rang  und  leben  noch  heute.  Ja  sogar  bezüglich  seiner  Continentreise 
durch  das  asiatische  Russland  und  im  Nordosten  der  alten  Welt  sind  wir 
nicht  mehr  ganz  ohne  Kenntnisse.  Wenn  wir  aber  die  Lage  der  Inseln  und 
Ufer  des  Meeres  zwischen  Asien  und  Amerika  untersuchen,  müssen  wir 
gestehen,  dass  wir  grossen  Schwierigkeiten  begegnen.»  ^ 

Unzuverlässig  ist  der  Theil  des  Benyovszky'schen  Reiseberichtes,  der 
sich  auf  die  Strecke  von  Kamtschatka  bis  Macao  bezieht  und  hauptsächlich 
dieser  Theil  seines  Journals  war  der  Stein  des  Anstosses  und  die  Ursache 
des  Zweifels  an  der  Authenticität  seiner  Behauptungen ;  diesem  Theil  seines 
Tagebuches  gegenüber  müssen  wir  daher  die  volle  Schärfe  der  Kritik  ob- 
walten lassen.  Es  ist  leicht  begreiflich,  dass  sich  dieser  Schärfe  der  Kritik 
weder  Nicholson,  noch  ein  anderer  Geograph  seiner  Zeit  bedienen  konnte» 
denn  jene  Gegenden  waren  zu  der  Zeit  noch  eine  terra  incognita ;  erst  die 
Russificirung  Sibiriens,  dann  die  Eröffnung  des  nordamerikanischen  Eisen- 
bahnnetzes —  beides  Ereignisse  unseres  Jahrhunderts  —  waren  die  mäch- 
tigen Faktoren,  denen  wir  die  genaue  Kenntniss  der  Geographie,  Natur- 
und  Volkskunde  jener  Gegenden  verdanken.  Die  Kritiker  mussteu  sich 
Benyovszky's  Reisebericht  gegenüber  passiv  verhalten,  daher  stammt  der 
grosse  Unterschied  in  der  Behandlung,  die  diesem  Theile  seines  Werkes  zu 
Theil  wurde.  Es  war  nur  recht  und  billig,  als  Nicholson  schrieb  ^ :  «jenem 
Theil  des  Werkes  gegenüber,  der  mit  anderen  Daten  nicht  zu  vergleichen 


^  In  der  ungarischen  Literatur  erschienen  1888  drei  Werke  über  Benyovszky. 
die  Uebersetzung  seiner  Memoiren  von  Jokai,  die  Biograplüe  von  Jokai  und  eine 
Jugendschrift  von  W.  Radö. 

•  Engüflohe  Ausgabe  I.  Bd.  III.  S. 

»  L.  0.  IV.  S. 


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GRAF   MOBITZ   BBKYOVSZKY   ALS   OBOORAPHTSCHBR   POR80HBR.  ^ 

war,  .  .  .  suchte  ich  keine  anderen  Beweise,  da  sie  anderen  Entdeckungen 
gleich  gestellt  werden  dürfen,  in  deren  Verlässlichkeit  wir  solange  keinen 
Zweifel  setzen,  bis  dieselben  durch  neuere  Forschungen  entweder  gestützt, 
oder  widerlegt  werden,  t  Dem  gegenüber  ist  die  Böswilligkeit  des  deutschen 
Verlegers  Ebeling  kaum  zu  erklären,  der  zu  dem  Kapitel,  in  dem  Benyovszky 
die  Entdeckungsreisen  im  Osten  von  Kamtschatka  zusammenstellt,  bemerkt : 
«einige  gänzlich  überflüssige  Sachen  haben  wir  in  der  deutschen  üeber- 
setzung  doch  weggelassen»,  wo  doch  die  Vergleichung  des  englischen  Ori- 
ginaltextes und  der  deutschen  Uebersetzung  beweist,  dass  Ebeling  nicht  ein 
Wort  weggelassen  hat.^  Diesen  verschiedenen  Ansichten  gegenüber  hat 
unser  Jahrhundert  unsere  geographischen  Kenntnisse  mit  zahkeichen  neuen 
Daten  bereichert,  und  die  Uebereinstimmung  dieser  mit  den  Angaben 
Benyovszky's  ist  das  einzige  Mittel,  dessen  wir  uns  bei  Beurtheilung  seines 
Berichtes  bedienen  können,  auf  Grund  dessen  wir  im  Stande  sein  werden, 
die  Verlässlichkeit  jenes  Theiles  seiner  Beschreibung  zu  beurtheilen,  der 
durch  historische  Dokumente  nicht  gestützt  werden  kann.  Obwohl  Benyovszky 
seine  Memoiren  in  einer  fremden  Sprache  geschrieben  hat,  obwohl  sich  mit 
den  von  ihm  bereisten  Gebieten  hauptsächlich  die  ausländischen  Literaturen 
beschäftigen,  hat  sich  doch  in  neuerer  Zeit  Niemand  gefunden,  der  die 
Authenticität,  aber  auch  die  Verdienste  Benyovszky's  festzustellen  versucht 
hätte.  Müssen  wir  auch  mit  Bedauern  sehen,  dass  die  grössten  Geographen 
und  Forscher  unserer  Zeit,  Nordenskiöld  ^  und  Beclus,^  den  Grafen 
Benyovszky  rücksichtslos  ignorieren,  so  glauben  wir  doch,  dass  die  folgenden 
Zeilen,  deren  Zweck  es  ist,  den  strittigen  Theil  der  Keise  von  Kamtschatka 
bis  Macao  kritisch  zu  beleuchten,  jedermann  überzeugen  werden,  dass  das 
in  dem  stillschweigenden  Uebergehen  des  ungarischen  Grafen  inbegriffene 
ürtheil  der  genannten  Gelehrten  ein  unbegründetes  ist. 

Unsere  Aufgabe  beginnt  mit  der  Beurtheilung  der  durch  Benyovszky 
gestifteten  Unruhen  und  der  Flucht  aus  Kamtschatka.  Es  ist  unbestreitbar, 
dass  die  städtischen  Archive  des  europäischen  oder  asiatischen  Bussland 
diesbezüglich  amtliche  Urkunden  enthalten  müssen,  dieselben  sind  jedoch 
bis  heute  nicht  bekannt  und  so  können  wir  uns  noch  nicht  auf  historische 
Dokumente  berufen.*  Wir  kennen  trotzdem  drei  verschiedene  Beschrei- 
bungen dieser  Begebenheit,  die  aus  dem  letzten  Decennium  des  18.  Jahr- 
hunderts stammen;  zuerst  Benyovszky's  Beschreibung,  die  in  seinen 
Memoiren  enthalten  ist,  dann  die  Schilderung  eines  gewissen  Stefanow,  die 
auch  heute  noch  seht  wenig  bekannt  ist,  endlich  die  Darstellung  des  fran- 

*  EbeUngs  Ausgabe  der  BenyovsEkyschen  Memoiren.  I.  Bd.,  287.  S.  i 
'  Die  Umsegelung  Asiens  und  Europas.  II.  Bd. 

'  Nouvelle  Geographie  Universelle.  VII.  Bd. 

*  Thallöczy  schreibt  an  M.  R&th  "/?  1887:    «In  Pans,    Moskau, '  Finme  finden 
sich  wohl  viele  Daten  zur  Biographie  Benyovszky's,  mit   der  ich  mich  beschäftigte.» 


7* 


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lö^       ORAP  MORITZ  BBKYOVSZKY  ALB  OROORAPHrsCHBR  FORSCHER. 

eösiscben  Gonsnls  Lesseps.  Hieran  schliesst  sieb  noch  die  BeecbreibuDg 
Gocbrane's  vom  Beginne  unseres  Jabrbunderts. 

Nacb  Benyovszky's  Beschreibung  brach  der  Aufstand  in  den  ersten 
Tagen  des  Mai  aus,  als  das  Wetter  schon  mild  war  und  die  gefrorene  See 
bereits  auftbaute ;  die  Festung  wurde  niedergebrannt,  der  Gouverneur  Nilow 
ermordet,  die  Aufständischen,  an  ihrer  Spitze  Benyovszky,  bemächtigten  sich 
des  Schiffes  «St. -Peter  und  St. -Paul»  und  verliessen  am  11.  Mai  1771 
Kamtschatka. 

Benyovszky's  Schilderung  wird  durch  Lesseps  vollkommen  bestätigt, 
ja  sogar  ergänzt.  Lesseps  begleitete  im  Auftrage  seiner  Begierung  La  Perouse 
und  De  Laugle  auf  deren  Beise  um  die  Welt.  1787  landeten  sie  in  Kamt- 
schatka und  da  sie  infolge  der  unfreundlichen  Witterung  gezwungen 
waren  dort  längere  Zeit  zu  verweilen,  hatten  sie  Gelegenheit,  die  nach  der 
Bevolution  eingetretenen  Veränderungen  zu  studieren  und  über  Benyovszky 
Daten  zu  sammeln.  Lesseps  fasst  dieselben  in  folgendem  zusammen:  «Wir 
wissen,  dass  Benyovszky  1769  während  der  polnischen  Bevolution  in  den 
Diensten  der  Conföderirten  kämpfte,  er  wurde  seiner  Unerschrockenheit 
wegen  an  die  Spitze  eines  Heeres  zusammengetrommelter  Ausländer  oder 
eher  Bäuber,  —  wie  auch  er  einer  war,  —  gestellt ...  er  vernichtete  alles, 
was  er  in  seinem  Wege  fand.  Die  Bussen  ergriffen  ihn  .  .  .  verbannten  ihn 
nach  Sibirien.  Kaum  schmolz  jedoch  der  Schnee,  so  erschien  er  an  der  Spitze 
von  Conspiratoren,  auf  die  er  seinen  Einfluss  auszubreiten  wusste,  in  Bol- 
scheretzk.  Er  attaquirte  die  Garnison,  beraubte  sie  ihrer  Waffen,  ermordete 
den  Gouverneur  Nilow  eigenhändig.  Im  Hafen  ankerte  ein  Schiff;  Benyovszky 
bemächtigte  sich  desselben ;  ein  Blick  genügte,  um  Alles  erzittern  und'ibm 
unterthan  zu  machen.  Er  zwang  die  Kamtschadalen  zur  Beschaffung  von 
Lebensmitteln,  begnügte  sich  jedoch  nicht  mit  diesem  Opfer,  sondern  opferte 
sogar  ihre  Wohnungen  der  Baubwuth  seiner  Genossen  und  bot  selbst  Bei- 
spiele des  Eidbruches  und  wilder  Grausamkeit.  Endlich  segelte  er  mit  seinen 
Genossen  davon,  wie  man  sagt  nach  China.  Der  Fluch  der  Kamtschadalen 
folgte  ihnen.»  * 

Zwei  Thatsachen  finden  wir  in  dieser  Beschreibung,  die  mit  Benyovszky's 
Schilderung  nicht  übereinstimmen :  nicht  Benyovszky,  sondern  sein  Gefährte 
Panow  ermordete  Nilow,  und  hierin  schenken  wir  Benyovszky's  Worten  mehr 
Glauben,  als  jenen  der  Kamtschadalen,  die  dieser  Scene  überhaupt  nicht 
beiwohnten.  Wir  kennen  Benyovszky's  humane,  edle  Gesinnungsweise  und 
halten  es  für  unwahrscheinlich,  dass  er  in  die  Plünderungen  eingewilligt 
habe ;  es  ist  unleugbar,  dass  die  Kamtschadalen  im  Kampfe  viel  zu  leiden 
hatten,  und  wir  finden  es  erklärlich,  dass  Benyovszky's  Abreise  vom  Fluch 

*  Journal  historique  du  Voyage  de  Lesseps.  Paris,  1790.  I.,  154.  —  Mitgeteilt 
auch  in  der  Ebeling^schen  Ausgabe. 


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GRAF    MORITZ    BBNYOVßZKY    ALS   GEOGRAPHISCHER   FORSCHER.  101 

der  KamtBobadalen  begleitet  war;  derselbe  Umstand  erklärt  jedoch  anch^ 
dass  das  Volk  m  seiner  Erbitterung  die  Thatsachen,  deren  Folgen  es  zu 
ertragen  batte^  in  übertriebenem  Masse  entstellte. 

Unsere  dritte  Schilderung  stammt  von  Stefanow,  einem  von  denen,  die 
den  Grafen  von  Kamtschatka  bis  Macao  begleiteten  und  ihm  mit  ihrer  fort- 
währenden Unzufriedenheit  viel  Ungemach  bereiteten.  Stefanow  gelangte 
von  Macao  nach  Batavia  und  schrieb  dort  seine  Erlebnisse  aus  dem  Gedächt- 
niss  nieder.  Er  starb  in  grossem  Elend,  seine  Beschreibung  gelangte  in  die 
Hände  des  Pfarrers  von  Batavia,  Metzlaers,  welcher  dieselbe  in  hollän- 
dischem Auszuge  in  einer  Amsterdamer  Wochenschrift  herausgab,  der  es 
dann  das  Journal  encyclopedique  im  November  1789  entnahm.  Stefanow 
schildert  den  Aufstand  und  die  Flucht  folgendermassen  : 

«Der  Gouverneur  von  Bolscheretzk  behandelte  im  Frühjahr  die  Gefan- 
genen mit  imgewohnter  Grausamkeit.  Stefanow  zettelte  daher  eine  Ver- 
schwörung an,  in  die  er  32  Gefangene  einbezog,  was  genügend  schien,  um 
die  für  sie  gefährlichen  Personen  zu  entwaffnen.  Ihr  Unternehmen  ward 
dadurch  erleichtert,  dass  der  Ort  ausser  von  drei  Kanonen  und  sechs  Sol- 
daten durch  nichts  geschützt  war.  Am  18.  April  führten  sie  den  Plan  aus. 
Die  Verschworenen  bemächtigten  sich  vor  Allem  der  Zaarkassen,  versahen 
sich  dann  mit  Lebensmitteln,  entwaffneten  die  Wachmannschaft,  zogen  auf 
dem  Festland  bis  Tscbekawka,  40  Werst  von  Bolscha,  wo  sie  Anfangs  Mai  an- 
kamen. Ihr  Schiff,  das  hier  vor  Anker  lag,  musste  zuvörderst  aus  dem  Eis 
befreit  werden,  denn  obwohl  die  Ufer  Kamtschatkas  oft  auch  schon  früher, 
z.  B.  Anfangs  April,  eisfrei  sind,  bedeckte  den  Ankerplatz  doch  Eis,  da  die 
hohen  Gebirge  den  Hafen  bis  Mitte  Juni  von  den  Strahlen  der  Sonne  ab- 
schliessen.  Nach  11  Tagen  war  das  Schiff  reisebereit,  und  am  V2.  Mai  segelte 
es  ab  .  .  .  zusammen  waren  70  Mann  an  Bord.»  * 

Stefanow's  Schilderung  widerspricht  in  einzelnen  Punkten  jener 
Benyovszky's ;  wir  dürfen  jedoch  nicht  vergessen,  dass  Stefanow  seine  Reise 
nur  aus  dem  Gedächtniss  niederschrieb,  Benyovszky  hingegen  regelmässig 
Journal  führte.  Tbeils  der  persönliche  Hass  gegen  Benyovszky,  theils  die 
Hoffnung,  sich  durch  seine  Beisebeschreibung  zu  nützen,  erklären  den  Um- 
stand, dass  Stefanow  die  Person  Benyovszky's  ganz  in  den  Hintergrund  stellt 
und  —  der  Wahrheit  entgegen  —  sich  selbst  an  die  Spitze  der  Bewegung 
gestellt  zu  haben  behauptet.  Der  Graf  gibt  an,  in  der  Festung  hätten  sich 
12  Soldaten  und  21  Kanonen  befunden,  und  der  Hetman  sei  im  Stande 
gewesen,  ein  Heer  von  7 — 800  Mann  zusammenzustellen ;  kein  Zweifel,  dass 
sich  diese  Zahlen  nicht  genau  fixieren  lassen,  doch  wenn  es  auch  möglich 
ist,  dass  Benyovszky's  Daten  übertreiben,  so  ist  doch  gewiss,  dass  Stefanow's 
Schilderung  unrichtig  ist,  denn  einer  so  geringen  Kriegsmacht  gegenüber 

*  EbeUng's  Ausgabe,  IL  Bd.  p.  285« 


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102  GRAF   MORITZ   BBNYOVSZKY   ALS   GBOGRÖPHIBCHER   FORSCHER. 

dürften  sich  kaum  so  heftige  Kämpfe  entwickelt  haben^  die  sich  noch  Jahr- 
zehnte hindurch  in  der  Erinnerung  der  Eamtschadalen  behaupteten.  Da  Stefa- 
now  seine  Schilderung  russisch  geschrieben^  entspricht  sein  18.  April  unserem 
29.,  während  Benyovszky  den  £26.  April  angibt.  Der  Unterschied  kann  nur 
auf  Stefanow's  Irrthum  zurückgeführt  werden,  da  Benyovszky  seine  Erlebnisse 
von  Tag  zu  Tag  angibt.  Benyovszky  erwähnt  nirgends,  dass  er  genöthigt 
gewesen  sei,  sein  Schiff  aus  dem  Eise  zu  befreien,  er  erwähnt  nur,  dass  dem 
Schiffe  eine  Eistafel  den  Weg  versperrte,  die  jedoch  durch  einen  Kanonen- 
schuss  zertrümmert  wurde.  Eigenthümlich  ist  es,  dass  Stefanow  den  18.  April 
dem  gregorianischen  Kalender  gemäss  angibt,  während  er  den  Tag  der  Ab- 
reise (12.  Mai),  der  mit  Benyovszky 's  Angabe  übereinstimmt,  nach  unserer 
Zeitrechnung  bezeichnet ;  der  Fehler  dürfte  vom  Uebersetzer  Metzlaer  her- 
rühren. Nach  Stefanow  waren  auf  dem  Schiffe  70  Personen,  nach  Benyovszky 
06,  deren  Namen  er  auch  anführt ;  der  Irrthum  ist  daher  wahrscheinlich 
auf  Stefanow's  Seite. 

Gochrane,  unser  vierter  Autor  schreibt:  «In  Bolscheretzk  hörte  ich 
wunderbare  Dinge  vom  bekannten  Benyovszky,  der  von  hier,  nachdem  seine 
Verschwörung  gelungen,  nach  Kanton  geflohen  war.  Eine  alte  Dame,  die 
später  meine  Schwägerin  wurde,  kannte  ihn  noch,  ihre  Aeusserungen  jedoch 
lauteten  nicht  günstig  .  .  •  Die  Kamtschadalen  halten  Benyovszky  noch  jetzt 
für  ihren  Fluch.»*  Ich  glaube,  diese  persönliche  Bekanntschaft  ist  der 
sicherste  Beweis  dessen,  dass  Benyovszky  wirklich  in  Kamtschatka  gewesen. 

Am  II.  Mai  1771,  einem  Mittwoch,  verliess  Benyovszky  Kamtschatka, 
den  Schauplatz  so  vieler  Leiden  und  Kämpfe.  Er  übernahm  das  Gommando 
des  Schiffes,  das  —  die  Mündung  des  Flusses  Bolscha  verlassend  —  sich 
nach  Süden  wandte,  um  das  Gap  Lopatka  zu  umfahren  und  längs  der 
Kurilen  dem  Stillen  Ocean  zuzusteuern.  Der  Weg  von  Bolscha  zum  Cap 
Lopatka  dauerte  zwei  Tage,  war  ruhig,  der  Himmel  jedoch  fortwährend 
bewölkt,  und  vom  Ufer  nichts  zu  sehen.  Am  1 3.  Mai  sahen  sie  das  Felsen- 
Cap  Alayd  gen  Westen,  das  nördlichste  Glied  der  Kurilen-Kette,  welches 
noch  heute  den  Namen  Alaid  oder  Araid,  nach  Cook  Arugan,  führt. 

Am  14,  Mai  umfuhr  Benyovszky *s  Schiff  das  Cap  Lopatka  und 
segelte  zwischen  den  zwei  nördlichsten  Inseln  der  Kurilen  in  den  Stillen 
Ocean,  Hier  irrte  es  vier  Tage  umher;  das  Wetter  war  nebelig,  trübe, 
es  gab  Schnee,  Begen,  Stürme  und  grosse  Fluth,  die  Richtung  des 
Schiffes  wurde  nicht  notirt.  Sie  mochten  nicht  fern  vom  Lande  sein,  denn 
schwimmendes  Gras  umfasste  öfters  ihr  Schiff  und  sie  sahen  auch  Adler 
umherfliegen.  Am  fünften  Tage  (19.  Mai)  erreichten  sie  die  Behring-Insel, 


*  Capt.  J.   D.  Gochrane,  Fussreise  durch  Busshind  und  die  Blbirische  Tartarey. 
nach  Kamtschatka.  Wien,  1826,  p.  140  und  196. 


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GRAF  MORITZ  BENYOVHZKY  ALS  GEOGRAPHISCHER  FORSCHER.       ^03 

sie  mussten  daher  vom  Gap  Lopatka  nach  NO.  gesegelt  sein  und  etwa 
75  Meilen  zurückgelegt  haben. 

Benyovszky  verbrachte  mit  seinen  Genossen  fünf  Tage  auf  der  Insel 
und  benutzte  die  Zeit  sehr  gut.  Nachdem  er  sich  überzeugt  hatte,  dass  die 
Insel  kaum  von  Eingeborenen  bewohnt  sei,  ankerte  er  in  einer  Bucht,  die 
nach  ihm  Moritz-Bucht  benannt  wurde,  Hess  am  Ufer  Hütten  errichten, 
ordnete  die  Beinigung  des  Verdeckes  und  die  Ventilation  der  Lebensmittel 
an,  Hess  Brod  backen,  Fische  einsalzen,  schaffte  durch  Jagd  Fleisch  und 
Leberthran,  liess  Holz  hacken  und  setzte  Alles  in  Bewegung,  um  die  Fort- 
setzung seiner  Reise  zu  sichern.  Hier  traf  er  auch  Spuren  anderer  Bei- 
sender; er  fand  die  durch  Feter  Kreniczin,  den  nach  GaUfomien  ausge- 
sandten Beisenden  errichteten  —  in  Europa  bis  dahin  unbekannten  — 
fünf  Gedenkkreuze,  was  gleichfalls  ein  Beweis  der  Glaubwürdigkeit  seines 
Berichtes  ist. 

Unterdessen  brach  unter  der  Mannschaft  eine  Revolte  aus,  Stefanow 
zeigte  eine  Verschwörung  an,  die  strenge  Bestrafung  erheischte.  Der  Gerichts- 
stuhl der  Gesellschaft  verurteilte  die  drei  Verschwörer,  allein  auf  die  Insel 
ausgesetzt  zu  werden.  Benyovszky  gab  sich  damit  zufrieden,  und  so  wurden 
die  drei,  Ismailoff,  Parentschin  und  seine  Frau  die  ersten  Golonisten  der 
Behring-Insel.  Ismailoff  war  vom  Glücke  begünstigt,  nach  sieben  Jahren 
fand  ihn  Cook  auf  der  Insel  Unalaska  und  schreibt  Folgendes  von  ihm :  * 
«Am  14.  October  Abends,  als  ich  mit  Herrn  Weber  in  der  Nähe  des  Dorfes 
Sanagandha  war,  sah  ich  einen  Russen  landen,  der^  wie  ich  später  erfuhr, 
eine  der  hervorragendsten  Persönlichkeiten  war.  Sein  Name  ist  Erasim 
Gregorioff  Sin  Ismailoff.  Er  kam  auf  einem  Kahn,  den  drei  Männer  trieben, 
und  den  ausserdem  20— 30  Nachen  begleiteten....  Ismailoff  scheint  ein 
intelligenter  Mann  zu  sein,  der  bedeutende  Erfahrungen  hat ;  ich  bedaure 
daher,  dass  ich  mit  ihm  nur  durch  Zeichen  verkehren  konnte.»  Hieraus  ist 
ersichtUch,  dass  Ismailoff  auf  Unalaska  überfuhr  und  dort  das  Haupt  einer 
Colonie  wurde. 

Die  Behring-Insel  liegt  nach  den  neuesten  Angaben,  die  Nordenskjöld 
zusammenstellte,  unter  54^  40'  und  55  ^  25'  nördl.  Breite,  und  somit  ist 
Benyovszky's  Bestimmung  —  55°  15'  —  vollkommen  richtig.  Die  östliche 
Länge  beträgt  166®  40'  Gr.;  Benyovszky  schreibt  nur:  ihre  geographische 
LÄnge  schätze  ich  auf  S''  von  Bolscha,  —  was  mit  jenen  Daten  gleichfalls  fast 
genau  übereinstimmt.  ** 

Wir  finden  jedoch  in  Benyovszky's  Beschreibung  einige  auf  die 
Behring-Insel  Bezug  habende  Daten,  die  einigen  Verdacht  erwecken  können. 

*  Cook's  ßäinmtliche  Beißen  und  Entdeckungen  um  die  Welt.  Wien,  Bauer 
1803,  Bd.  UI.,  p.  411. 

*'^'  Nordenskiöld,  1.  c. 


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104  qbJlF   MORITZ   BENYOV8ZKT   ALS   GEOGRAPraSCHER   FORSCHER. 

Denselben  zum  Teile  zu  zerstreuen  ist  aber  nicbt  allzuscbwer.  Benyovszky 
schreibt  in  seinem  Tagebuch^  dass  er  hier  Holz  habe  schlagen  lassen ;  dem 
gegenüber  wissen  wir,  dass  auf  der  Insel  Bäume  weder  zu  Zeiten 
Stellers^  des  ersten  Beschreibers  der  Insel^  noch  zu  Nordenskjöld's  Zeit 
wuchsen.  Kjellmann,  Nordenskjöld's  Begleiter^  schreibt  von  der  Flora  der 
Insel:  lÄn  dem  langsam  ansteigenden  Ufer  sind  zwei  Zonen,  eine  äussere, 
ohne  jedwede  Flora,  und  eine  innere  mit  Heracleum  sibiricum,  Angelica 
archangelica,  Ammailenia  peploides,  Elymus  mollis  etc.  genau  zu  unter- 
scheiden.»* Es  scheint,  dass  Benyovszky's  Brennholz  auch  solchem  Jung- 
wald entstammte. 

Benyovszky  hebt  von  den  Tieren  nur  die  Seeotter  hervor,  denn  er 
bekam  150  Otterfelle  von  dem  auf  der  Insel  wohnenden  Ochotin.  Ein  merk- 
würdiges Tier  der  Insel  war  der  Eisfuchs,  der  in  unglaublichen  Massen 
auf  der  Insel  lebte,  von  den  Pelzjägern  aber  so  sehr  ausgerottet  wurde,  dass 
Nordenskjöld  kein  Exemplar  desselben  finden  konnte.  Benyovszky  erwähnt 
den  Eisfuchs  nicht»  was  jedenfalls  sonderbar  ist,  da  er  seit  1771  noch  nicht 
gänzlich  ausgerottet  sein  konnte.  Viel  natürUcher  ist,  dass  Benyovszky  die 
heute  schon  gänzlich  ausgestorbene  Steller'sche  Seekuh,  die  von  1768  an 
nur  selten  gefunden  wurde,  nicbt  erwähnt,  sowie  es  uns  auch  nicht  wundem 
darf,  dass  er  der  Seebären  nicht  Erwähnung  thut,  die  ja  doch  nur  Ende 
Mai  oder  Anfangs  Juni  das  Ufer  aufsuchen,  zu  welcher  Zeit  Benyovszky  die 
Insel  schon  verlassen  hatte.  ** 

Ich  wiD  nur  noch  zwei  Thatsachen  von  Benyovszkys  Aufenthalt  auf 
der  Behring-Insel  erwähnen,  und  dies  ist  der  Unterschied,  welcher  sich 
zwischen  Ochotins  erstem  Brief  vom  :24.  Janar  1771  und  der  Bemerkung 
Benyovszky *s  in  seinem  Brief  vom  20.  Mai  ergibt :  tals  ich  den  Brief  genauer 
untersuchte,  fand  ich,  dass  die  Schrift  noch  ganz  frisch  gewesen.»  Entweder 
stammt  daher  der  Brief  nicht  vom  24.  Januar,  oder  ist  Benyovszky's  Bemer- 
kung irrig ;  welchen  Zweck  so  Benyovszky,  wie  Ochotin  mit  der  Fälschung 
des  Datums  verfolgen  wollte,  ist  uns  unerfindlich. 

Die  Behring-Insel  war  zu  Stellers  Zeit  von  Menschen  noch  nicht 
bewohnt ;  auch  Benyovszky  fand  auf  derselben  keine  Bewohner,  und  obwohl 
•wir  nicht  wissen,  wann  die  Insel  bevölkert  wurde,  so  können  wir  doch  auf 
Grund  von  Benyovszky's  Bemerkungen  annehmen,  dass  dies  nach  1771 
geschah.  Benyovszky  hinterliess  auf  der  Insel  ein  Gedenkkreuz  und  verliess 
am  25.  Mai  1771  die  Insel,  um  dem  Wunsche  seiner  Gefährten  gemäss 
Amerika  aufzusuchen. 

Benyovszky  hatte  schon  während  seiner  Grefangenschaft  in  Kam- 
tschatka Gelegenheit,  die  Schriften  der  Kanzlei  zu  studieren;  unter  diesen 

*  Ejellmann,  Nordenskjöld,  1.  c.  IX.  Bd.  Beschreibung  der  Behring-Insel. 
♦*  S.  Nordenskjöld  über  die  Behring-Insel;  op.  cit.,  Bd.  IL 


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GRAF   MORITZ    BENY0V8ZKY   ALS   OEOORAPHIßCHER   FORSCHER.  105 

Schriften  fanden  sich  zahlreiche  Beisebenchte,  die  Benyovszky  eingehend 
studierte  und  excerpirte.  In  einem  Capitel  seines  Werkes,  das  aus  diesen 
Berichten  zusammengestellt  ist,  gibt  er  eine  historische  Skizze  jener  Beisen, 
die  östlich  von  Kamtschatka  unternommen  wurden.  An  die  Schilderung 
jener  17  Beisen  können  wir  nur  wenige  Bemerkungen  knüpfen;  nur  Einer 
fehlte  in  der  Beihe  ihrer  Unternehmer,  Deschnew,  der  erste  Erforscher  der 
Behring- Strasse,  der  die  Strasse  1648  durchschifft  und  den  Weg  von 
Nischni-Kolimsk  nach  Anadir  zurückgelegt  hatte.  Da  Deschnew's  Beise- 
ergebnisse  zu  jener  Zeit  noch  sehr  wenig  bekannt  waren,  selbst  Feter  dem 
Qrossen  nicht,  der  ihn  ausgesandt  hatte,  so  ist  es  nicht  zu  verwundern,  dass 
auch  Benyovszky  nichts  von  ihm  wusste ;  hatte  ja  auch  Behring  selbst  keine 
Eenntniss  davon,  von  dem  wir  übrigens  auch  nicht  wissen,  wie  weit  er  auf 
seiner  ersten  Beise  vorgedrungen  war.  * 

Die  Erforschung  dieser  G^enden  Sibiriens  kam  erst  damals  auf  die 
Tagesordnung,  als  das  Innere  desselben  bereits  genügend  bekannt  war.  Die 
in  Benyovszky's  Geschichte  aufgezählten  Beisenden  lieferten  zur  Kenntniss 
des  Behring- Meeres,  der  Aleuten  und  des  nordwestlichen  Teiles  Amerikas 
reiches  Material,  und  er  selbst  kannte  die  Gestalt  tmd  Grösse  des  Behring- 
Meeres  sehr  gut,  obwohl  als  erste  verlässliche  Quelle  Cooks  Beise  betrachtet 
wird,  die  sich  über  die  Behring-Strasse  hinaus  erstreckte. 

«Noch  nach  Gook's  Beise  waren  Sachalin,  Jeso,  die  Kurilen  und  deren 
Meere  zum  grössten  Teil  unbekannt.  La  Perouse  war  der  erste,  der  die  Ufer- 
linien dieser  Inseln  bestimmte,  der  Sachalin  als  Insel  erkannte  und  die 
Verbindung  der  Meere  von  Japan  und  Ochotzk  durch  die  Enge  von  Sachalin 
feststellte.  Hiemit  war  der  letzte,  bis  dahin  noch  unbekannte  Teil  der  Küsten 
Sibiriens  festgestellt,  und  die  späteren  Forschungen  mussten  sich  nur  auf 
die  Fixirung  der  Details  beschränken.» 

So  schreibt  der  grosse  Geograph  Beclus  **  und  wir  müssen  mit  Be- 
dauern bemerken,  dass  auch  er,  der  so  viele  Beisende  von  kleinerer  Bedeu- 
tung kennt,  Benyovszky's  Verdienste  nicht  anerkennt.  Ueberblicken  wir  in 
Kürze  die  Geschichte  der  Entdeckung  Sachalins  und  lesen  wir  Benyovszky's 
Beschreibung  der  Insel,  so  müssen  wir  zu  der  Ueberzeugung  gelangen,  in  wie 


*  Einen  Teil  dieser  Beisen  finden  wir  auf  Reclus'  Karte  (Nouv.  Geogr.  Univ. 
VI.,  t.  V.)  —  Aeltere  Quellen:  1.  Müller's  Sammlung  Russischer  Geschichte,  Peters- 
burg, 1732;  auch  französisch  imter  dem  Titel:  Voyages  et  D^couvertes  fiutes  par 
les  Busses  &  C.  Amsterdam  1766.  —  ±  Neue  Nachrichten  von  den  neuentdeck- 
ten Inseln  in  der  See  zwischen  Asia  und  Amerika  von  J.  L.  S.  Schulze,  Ham- 
burg, 1776.  —  3.  William  Ooxe's  Account  of  the  Russians  Discoveries  between  Asia 
and  America.  London,  1780.  —  4.  Pallas,  Nachricht  von  den  russischen  Entde- 
kungen  in  dem  Meere  zwischen  Asia  imd  Amerika.  Aus  dem  Russischen  übersetzt 
in  0.  E.  R  Büsching's  Magazin  16.  B.  935—286. 

**  Nouyelle  Geographie  Universelle,  Bd.  VL,  p.  582. 


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106  GRAF   MORITZ   BBNYÖVSZKT   ALS   GEOGRAPHISCHER   FORSCHER. 

ungerechter  Weise  die  Geographen  des  Auslandes  Benyovszky's  Verdienste 
geschmälert  haben. 

Der  Holländer  Martin  Gents  de  Vries  war  der  erste,  der  1643  im 
Geduld-Hafen  der  Insel  vor  Anker  ging,  das  Festland  aber  für  die  Insel 
Jeso  hielt.  Auch  auf  Cooks  im  Jahre  1784  in  London  erschienener  Karte 
findet  sich  nur  eine  kleine  Insel  an  der  Mündung  des  Amur.  Somit  consta- 
tirte  er  1787  — nach  Reclus  —  sechzehn  Jahre  nach  Benyovszky's  Reise 
die  gegenwärtige  Gestalt  und  Grösse  der  Insel ;  doch  auch  später  war  man 
noch  der  Meinung,  die  Insel  hänge  mit  dem  Gontinent  zusammen.  1797 
bereiste  Broughton  das  westliche,  1805  Krusenstem  das  nördliche 
Ufer,  doch  ohne  diese  Meinung  zu  ändern,  sowie  sich  denn  auch  diese 
Ansicht  bis  in  die  Mitte  unseres  Jahrhunderts  aufrecht  erhalten  hat,  obwohl 
einige  Jahre  nach  Krusensterns  Beise  der  japanische  Gelehrte  Mamia  Rinso 
von  der  Tataren-Bucht  zwischen  der  Insel  und  dem  Festand  zur  Amurmün- 
dung  gesegelt  war.  Die  gelehrte  Welt  nahm  erst  nach  Nevelskoi's  1849 — 52 
ausgeführten  genauen  Aufnahmen  Kenntniss  davon,  dass  Sachalin  eine  Insel 
sei,  die  durch  die  Mamio  Binso  genannte  Strasse  vom  Festlande  getrennt  ist ; 
die  Strasse  selbst  friert  im  Winter  zu,  so  dass  man  von  der  Insel  mittelst 
Schlitten  ins  Mandschu-Beich  gelangen  kann. 

Aus  alldem  ist  ersichtlich,  dass  die  Geographen  von  Anbeginn  an 
zwei  Fragen  nicht  zu  beantworten  vermochten :  ob  Sachalin  eine  Insel  sei, 
und  wenn  ja,  von  welcher  Grösse  sie  sei?  Benyovszky,  dessen  Werk  1790 
erschien,  war  der  erste,  der  auf  Grund  des  in  der  Kanzlei  zu  Kamtschatka 
gesammelten  Materials  genau  und  positiv  behauptete  (32.  Cap.  der  engli- 
schen Ausgabe),  dass  Sachalin  keine  Halbinsel,  sondern  eine  Insel  ist,  und 
er  bestimmte  deren  Grösse  viel  genauer  als  alle  anderen  späteren  Beschreiber 
der  Insel  bis  1840  d.  h.  bis  Nevelskoi,  dem  man  dies  als  ein  Verdienst 
anrechnet.  In  Benyovszky's  Beschreibung  der  Insel  Sachalin  findet  sich  nur 
eine  Angabe,  die  von  denen  der  übrigen  Forscher  abweicht ;  Benyovszky 
schreibt  nämlich,  die  Insel  habe  gute  Buchten.  Dem  gegenüber  schreibt 
lieclus:  «Die  2000  Km.  lange  Küste  Sachalins  weist  keinen  einzigen  Hafen 
auf,  in  dem  Schiffe  gefahrlos  ankern  könnten.»  Beclus'  Behauptung  ist 
jedenfalls  richtig,  wir  dürfen  jedoch  nicht  vergessen,  dass  Benyovszky 
seine  Daten  nicht  aus  Autopsie  schöpfte,  und  dass  sich  Heclus'  Behauptung 
nicht  auf  jene  kleinen  Segelboote  bezieht,  mit  denen  die  Bussen  die  Insel 
zuerst  aufsuchten. 

Benyovszky's  Reise  auf  dem  Behring- Meere  haben  bisher  nur  sehr 
Wenige  eingehender  verfolgt,  die  meisten  begnügten  sich  mit  jenen  kurzen 
Bemerkungen,  die  der  englische  Herausgeber  Nicholson  im  Vorworte 
gemacht  und  in  denen  er  drei  Punkte  der  Reisen  Benyovszky's  erwähnt:  er 
ging  von  der  Behring-Insel  aus,  berührte  die  Glerke-Inseln  und  verliess  bei 
der  Insel  Unemak  das  Behring-Meer,  um  in  den  Stillen  Ocean  zu  segeln. 


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GRAF   MORITZ   BBNY0V8ZKY   ALS    aEOGRAPHlSCHER   FORSCHER.  107 

Diese  kurze  Skizze  entspricht  wohl  der  Wahrheit^  genügt  jedoch  nichts  um 
die  Authenticität  der  Angaben  des  abenteuerlichen  Grafen  zu  bestätigen. 

Es  ist  gewiss  keine  leichte  Sache^  Benyovszky's  lieiseroute  von  Tag  zu 
Tag  zu  verfolgen,  da  aber  Benyovszky  während  seiner  Gefangenschaft  sich 
viele  Kenntnisse  erwarb^  ist  dies  auf  Grund  seines  Tagebuches  nicht  unmög- 
lich. Während  seiner  Irrfahrt  auf  dem  Behring- Meer  erwähnt  er  wohl  selten 
die  Bichttmg  seiner  Fahrt  und  die  zurückgelegten  Distanzen,  doch  macht 
er  einige  Bemerkungen,  auf  deren  Grund  die  Eichtung  seiner  Fahrt  den 
Umständen  angemessen  mit  ziemlicher  Genauigkeit  bestimmt  werden  kann. 

Am  28.  Mai  1771  erblickte  Benyovszky  ein  Kap,  das  er  -  obwohl  es 
mit  den  Angaben  der  Karte  nicht  übereinstimmte  —  für  das  Gap  Apaka- 
zana  hielt,  und  dessen  Lage  er  astronomisch  59^  nördl.  Breite  und 
13^  20'  östlicher  Länge  von  Bolscha  bestimmte.  Dies  ist  der  erste  Fixpunkt 
seiner  Fahrt.  Benyovszky's  Breitenbestimmungen  sind  annähernd  genau, 
seine  Fehler  machen  selten  einen  Grad  aus ;  weniger  genau  sind  die  Längen- 
bestimmungen, doch  betragen  die  Abweichungen  —  wie  schon  Nicholson 
bemerkt  hat  —  ziemlich  constant  5^  und  finden  ihre  Ursache  in  der 
östlichen  Declination  der  Magnetnadel.  Unter  dem  60^  nördlicher  Breite 
weist  das  asiatische  Festland  kein  bedeutenderes  Gap  auf,  einen  Grad 
gegen  Norden  ist  das  Pakatschinskoi  Gap,  eben  so  weit  gegen  Süden 
das  Gap  Oljutorskij;  nachdem  aber  letzteres  nur  14^,  das  erste  hin- 
gegen 18®  von  Bolscha  entfernt  ist,  was  mit  Benyovszky's  (von  Nicholson  corri- 
girten)  Angaben  übereinstimmt,  so  können  wir  das  Gap  Apakazana  mit  dem 
Gap  Fakatschin  umsomehr  für  identisch  halten,  als  auch  der  Name  hiefür 
spricht,  und  die  Fahrt  bis  hieher  ebenso  lange  dauerte,  als  von  hier  zum 
Gap  Lopatka,  der  Südspitze  Kamtschatkas,  was  der  geographischen  Lage 
vollkommen  entspricht.  * 

Der  nächste  Punkt,  dessen  Lage  wir  ziemlich  genau  bestimmen 
können,  wurde  von  Benyovszky  am  4.  Juni  erreicht.  Es  ist  eine  Insel,  deren 
Bewohner,  die  Benyovszky  auf  zwei  Booten  aufsuchten,  den  Tschuktschen 
ähnlich  sind,  jedoch  von  Benyovszky  nicht  so  genannt  werden.  Die  zwei 
Inwohner  verstanden  das  Korjakische  des  gräflichen  Steuermannes,  waren 
jedoch  auch  keine  Korjaken.  Von  ihnen  erfuhr  Benyovszky,  dass  die  Insel 
nur  14  Meilen  von  Tschukotzkoinsk  entfernt  sei,  welche  Daten  auf  die  Insel 
Glerke  oder  St.  Lorenz  hinweisen.  Die  Lage  der  Insel  bestimmte  Benyovszky 
astronomisch  für  65°  30'  nördl.  Breite  und  25°  30'  östl.  Länge  von  Bolscha; 
nach  unseren  jetzigen  Karten  liegt  sie  unter  63°  30'  nördl.  Breite  und  170° 
östl.  Länge,  was  34°  von  Bolscha  entspricht. 

Die  St  Lorenz-Insel  wurde  von  Behring  1741  entdeckt;  später,  1791, 

*  Whymper,  Alaska,  Beisen  und  Erlebnisse  un  hohen  Norden.  Braunschweig 
S.  die  Karte. 


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108  GRAF   MORITZ   BENYOVSZKY    ALS    GBOGRAPHIßCHER   FORSCHER. 

landete  auch  Billing  auf  der  Insel,  fand  dort  Spuren  von  Menschen,  konnte 
jedoch  keine  Eingeborenen  zu  Gesicht  bekommen.  Nach  Nordenskjöld  war 
der  erste  europäische  Besucher  der  Insel,  der  mit  den  Eingeborenen  ver- 
kehrte, Otto  Eotzebue,  im  Jahre  1816.*  Nordenskjöld,  der  Benyovszky  nicht 
zu  kennen  scheint,  muss  hier  berichtigt  werden,  denn  es  war  entschieden 
Benyovszky,  der  mit  den  Eingebornen  zuerst  verkehrte  und  über  sie  genaue 
Angaben  lieferte. 

Viel  schwieriger  ist  es,  Benyovszky's  Beise  vom  Gap  Apakazana  bis 
zur  Insel  Si  Lorenz  festzustellen ;  er  erreichte  die  Insel  am  5.  Juni,  seine 
Fahrt  dauerte  daher  eine  volle  Woche,  da  aber  die  Entfernung  in  gerader 
Linie  bequem  in  3 — i  Tagen  hätte  zurückgelegt  werden  können,  so  ist  es 
evident,  dass  das  Schiff  genötbigt  war,  grosse  Umwege  zu  machen,  oder  dass 
es  durch  die  Eisverhältnisse  im  Vordringen  gehindert  worden  war.  Das  Schiff 
musste  der  Eisverhältnisse  w^en  sehr  viel  leiden,  und  dies  mochte  die  Be- 
mannung bewogen  haben,  auf  die  nördliche  Durchfahrt  zwischen  Asien  und 
Amerika  zu  verzichten  und  Amerika,  das  heisst  dem  ersten  civilisirten 
Lande,  zuzusteuern. 

Vom  Gap  Apakazana  verfolgte  das  Schiff  eine  Zeit  lang  die  Küste, 
änderte  aber  auf  Wunsch  der  Mannschaft  die  Bichtung  und  wendete  sich 
gegen  Westen ;  noch  am  30.  Mai  sah  Benyovszky  die  Küsten  Kamtschatkas, 
doch  schon  am  31.  verschwanden  dieselben  und  er  entfernte  sich  in  öst- 
licher Bichtung  segelnd  vom  Gontinent.  Wir  kennen  die  Tiefenverhältnisse 
des  Behring- Meeres  und  können  daher  constatiren,  dass  Benyovszky  sich 
den  mittleren,  tieferen  Teilen  des  Meerbeckens  zuwendete,  denn  nur  dort 
konnte  er  jene  bedeutenden  Tiefen  (68  Faden)  beobachten,  deren  er  Erwäh- 
nung thut.  Das  Behring-Meer  ist  im  Allgemeinen  nicht  tief;  die  Uferbil- 
dung und  die  Tiefe  des  Meeres  geben  uns  Beweise  an  die  Hand,  die  dafür 
sprechen,  dass  Asien  und  Amerika  in  dieser  Breite  einst  in  Verbindung 
waren;  auch  die  Tschuktschen  wissen,  wie  Nordenskjöld,  Whymper  und 
EUiot  angeben,  dass  die  zwei  Erdtheile  unter  den  Wellen  des  Meeres  zusam- 
menhängen, ja  sie  behaupten  sogar,  eine  Landenge  habe  dieselben  einst 
verbunden  und  dieselbe  sei  —  wie  sie  Neumann  erzählten  —  nur  infolge 
eines  heftigen  Kampfes  zwischen  einem  Helden  und  dnem  Eisbären  in  die 
Tiefe  versunken.  Die  bedeutendste  Tiefe  in  der  Behring-Slarasse  beträgt 
58  M. ;  die  mittlere  Tiefe  erreicht  jedoch  weder  an  der  asiatischen,  noch  an 
der  amerikanischen  Küste  40  M.  und  der  eigentliche  Ocean  mit  seinen 
Wirbeln,  Strömungen  und  berghohen  Wellen  reicht  gegen  Norden  nicht 
über  die  Aleuten  hinaus,  an  deren  Felsklippen  die  Wut  des  Meeres  bricht.** 

Audi  ein  anderer  Umstand  spricht  dafür,  dass  Benyovszky  sich  dem 

*  IJordenßkjöld,  1.  c,  IL  Bd. 
**  Elliot:  Alasca,  an  arotic  province. 


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ÖRAP  MORITZ   BENT0V8ZKY   ALS   OBOaRAPHIBCHER  FOBSOHBB.  ^09 

Gentrum  des  Bebring-Meeres  sngewendet  habe ;  er  scbreibt,  dass  nacbdem 
sich  das  Scbi£f  yom  Ufer  entfernt  hatte,  das  Eis  ihm  keinerlei  Hindemisse 
mehr  in  den  Weg  gelegt  habe ;  er  schrieb  das  der  Luftströmmig  zu,  doch 
wissen  wir,  dass  die  Bichtung  der  Eisberge  nicht  von  den  Winden,  sondern 
von  den  Meeresströmungen  bestimmt  wird.  Die  Küsten  Asiens  werden  von 
einem  kalten  Meeresstrom  bespült,  der  die  durch  die  Behring-Strasse 
hindurchgedrungenen  Eisberge  gegen  Süden  führt ;  über  den  verhältniss- 
massig  schmalen  Streifen  dieser  Strömung  hinaus  erwärmt  sich  das  Wasser 
des  Behring- Meeres  unter  Einäu»9  der  heissen  Strömungen  und  ist  daher 
zumeist  eislos;  wenn  daher  Benyovszky  am  1.  Juni  keinem  Eise  begegnete, 
so  ist  dies  ein  Beweis  dafür,  dass  er  sich  ausserhalb  des  Bereiches  der 
üferströmiuig  befand.* 

An  diesem  Tage  erblickte  er  im  NO.  ein  Gap,  im  SO.  eine  Insel ;  es 
unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  dies  nicht  Uferinseln  waren,  sondern  Inseln 
des  Behring-Meeres.  Das  Gap  kann  wohl  nichts  anders  gewesen  sein,  als 
die  südlichste  Spitze  der  Insel  St.  Lorenz.  Die  Insel  im  SO.  musste  eine 
Insel  der  Mathew-Gruppe  gewesen  sein;  Benyovszky's  Freunde  von  der 
Si  Lorenz-Insel  behaupteten  von  dieser  Ghruppe,  dass  dieselbe  aus  4  Inseln 
gebildet  werde,  deren  südlichste  die  grösste  sei.  Diese  Beschreibung  kann 
nur  auf  zwei  Inselgruppen  des  Behring- Meeres  bezogen  werden,  entspricht 
aber  keiner  ganz:  in  der  Mathew-Gruppe  sind  nur  drei  Inseln,  doch  ist  die 
südliche  die  grösste;  die  Prybilow-Ghruppe  hingegen  besteht  aus  vier  Inseln, 
unter  diesen  ist  aber  die  nördlichste  die  grösste.  Benyovszky  konnte  nicht 
nach  den  Prybilow-Inseln  gelangt  sein,  denn  der  grosse  Umweg  gegen  Süden 
hätte  mehr  Zeit  erfordert,  auch  wären  die  Windrichtungen  dieser  Fahrt  nicht 
günstig  gewesen ;  wir  müssen  daher  annehmen,  er  habe  nach  NO.  fahrend 
die  Mathew-Gruppe  gesehen,  und  sei  bezüglich  der  Zahl  der  Inseln  von  den 
Tschuktschen  ungenau  unterrichtet  worden.** 

Nachdem  Benyovszky  zwischen  den  Mathew-  und  St  Lorenz-Inseln 
durchgefahren,  entdeckte  er  im  Osten  ein  Gap,  das  —  wie  er  später  von  den 
Bewohnern  der  Insel  St.  Lorenz  erfuhr  —  die  äusserste  Spitze  des  grossen 
Alaksina-Beiches  bildete;  seiner  Angabe  nach  zieht  sich  vor  dem  Gap  ein 
Bifif  hin,  über  dem  das  Eis  ungeheuer  fluthet.  Dies  Gap  kann  nach  Nicholson 
nur  Point  Shallow  Water  sein,  das  heute  Gap  Bomanzow  genannt  wird. 
Von  hier  erreichte  Benyovszky's  Schiff  die  Insel  St.  Lorenz,  den  nörd- 
lichsten Punkt  seiner  Beise.  Von  hier  schiffte  er  durch  das  Behring-Meer 
in  NS-Bichtung  bis  zur  Kette  der  Aleuten;  das  Meer  war  eisfrei,  eine  Zeit 
lang  verfolgte  das  Schiff  die  Küsten  Amerikas,  wendete  sich  aber  später 
nach  Süden. 


*  Andree,  AÜas. 
**  EUiot,  op.  oit 


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11^^  GRAF  MORITZ   BE^OVSZKT  ALS   OBOORAPHISCHER  FOftSCflB». 

Bevor  wir  auf  die  Aleuten  übergehen,  müftsen  wir  noch  einige  Bemer- 
kungen über  jene  Teile  der  Memoiren  machen,  die  sich  nach  der  bis- 
herigen Meinung  auf  die  Behring-Strasse  beziehen.  Benyovszky  bestimmte 
die  kürzeste  Überfuhr  zwischen  Alaska  und  den  Aleuten  vom  Behring-Meer 
in  den  StiUen  Ocean;  und  indem  er  hierüber  de  dto  9.  Juni  schreibt,^  bringt 
er  seine  Entdeckung  mit  der  Behring-Strasse  auf  eine  Art  in  Verbindung, 
die  die  durch  die  falschen  Aufnahmen  der  russischen  Karte  verursachte 
Verwirrung  leicht  erkennen  lässt.  Es  lässt  sich  nicht  leugnen,  dass  Benyov- 
szky*s  Aeusserungen  sich  auch  auf  die  Behring-Strasse  beziehen,  obwohl  er 
sich  hierüber  nirgends  präcis  ausspricht;  doch  lässt  sich  durchaus  nicht 
behaupten,  Benyovszky  habe  die  Strasse  durchsegelt,  wie  es  einzelne 
deutsche  Herausgeber,  z.  B.  Ebeling  gewaltsam  thun,  um  die  Verlässlichkeit 
der  Angaben  zu  erschüttern. 

Die  Küstenlinie  Nord- Amerikas,  die  Benyovszky's  Schiff  befuhr  und 
an  die  sich  die  Kette  der  Aleuten  anschliesst,  gehört  zu  Alaska,  dem  nord- 
westlichsten Teil  Amerikas,  jener  grossen  Halbinsel,  deren  politische  Grenze 
genau  mit  dem  14f.^  ö.  L.  zusammenfällt.  Das  Land  Alaska  teilt  sich  in 
drei  Bezirke,^  deren  jeder  in  klimatischer,  floristischer  und  physischer 
Beziehung  gänzlich  verschieden  ist.  Der  nördlichste  führt  nach  dem  Haupt- 
flusse den  Namen  Jukon-District;  seinen  westlichen  Ufern  entlang  segelte 
Benyovszky.  Den  zweiten  District,  den  Sitka-District,  der  den  SO.  Alaskas 
bildet,  berührte  Benyovszky  bei  der  Insel  Kadiak.  Den  dritten  Bezirk  bilden 
die  Aleuten  mit  der  südwestlichen  Halbinsel  Alaska*s;  Benyovszky  hat 
diesen  Bezirk  nicht  nur  in  vielen  Teilen  bereist,  sondern  auch  in  einem 
separaten  Kapitel  eingehend  geschildert.^ 

Eine  kurze  Bemerkung  Benyovszky's,  das  Schiflf  sei  an  den  Ufern 
Jukons  von  Treibholz  umgeben  gewesen,  erweckt  unser  Interesse.  So  son- 
derbar diese  Bemerkung  für  diesen  öden  und  pflanzenlosen  Teil  der  Polar- 
gegend klingt,  ist  sie  doch  nicht  unerklärlich.  Fast  alle  Teile  des  Jukon- 
Districts  sind  mit  Holz  reich  gesegnet;  auch  die  Küsten  des  Eismeeres 
erhalten  von  den  Flüssen  angeschwemmtes  Holz  in  grosser  Menge,  es  kann 
daher  ein  Schiflf  ohne  Schwierigkeit  auf  Treibholz  stossen. 

Im  Kapitel  über  die  Aleuten  beschreibt  Benyovszky  zwölf  Inseln,  die 
ich  hier  nur  in  Kürze  anführe  : 

N.  B.    .Länge  v.  BolichH 

1.  Insel  Baru  59°  23°13' 

2.  •      Ala-GiffcBcha        58°  25°33' 

3.  •      Kadik  54°30'        33°16' 

4.  Fucbsen-Insel  53°45'        31°28' 


*  Memoü'en,  Bd.  L,  p.  281. 

'  A.  Molitor:  Alaska,  Földr.  Közlem^nyek,  Budapest  1881,  p.  345, 

*  Cap.  XXXIV.  des  Bd.  I.  der  englischen  Ausgabe. 


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GRAF   MORITZ   BENY0V8ZKY   ALS   GEOGRAPHISCHER   FORSCHER.  Hl 


N.  B. 

Länge  ▼.  Bolacha. 

5. 

Insel  Amsnd 

53° 

29°14' 

6. 

»      ürumißir 

52*>35' 

28°15' 

7. 

3  Bieber-Insel 

58« 

26^55' 

8. 

Euh-Insel 

61°35' 

24°45' 

9. 

Behring-Insel 

55°45' 

8^30' 

10. 

Kupfer-Insel 

54°45' 

9^50 

11. 

Insel  Kusma 

48^46' 

23° 

12. 

Perlen-Insel 

47^32' 

24°18' 

Obwohl  BenyoYSzky  diese  Inseln  als  zu  den  Alenten  gehörig  beschreibt 
and  auch  ihre  Lage  genau  zu  bestimmen  bestrebt  ist,  wozu  er  ausser  seinen 
Erfahrungen  auch  das  Material  des  Archives  von  Kamtschatka  verwendet, 
so  können  wir  doch  die  angeführten  Inseln  —  ein-zwei  ausgenommen  — 
auf  den  gegenwärtigen  Karten  nicht  ausfindig  machen.  Die  erste  und  Haupt- 
ursache dieses  Umstandes  bildet  die  Ungenauigkeit  seiner  astronomischen 
Aufnahmen,  deren  Fehler  umso  grösser  wird,  je  mehr  er  sich  gegen  0.  wendet. 
Nach  BenyovBzky's  Angabe  liegt  die  Behring-Insel  unter  54*^45'  n.  Er.  und 
8^  30'  ö.  L.  von  Bolscha,  die  Kadik-Insel  unter  54^30'  n.  Br.  und  33^18'  ö.  L. 
von  Bolscha.  Die  Längenbestimmung  der  Behring-Insel  ist  ziemlich  genau. 
Die  Kadiak-Insel  ist  zweifelsohne  mit  der  Insel  Kadjak  oder  Kadik  identisch. 
Jene  ist  die  westlichste,  diese  die  östlichste  Aleuten-Insel,  nach  Benyovszky 
ist  der  Längenunterschied  zwischen  diesen  beiden  Inseln  20^46',  wogegen 
er  thatsächlich  das  Doppelte,  nämlich  42^  beträgt. 

Auch  in  den  Breitenangaben  finden  wir  ähnliche  Abweichungen. 
Die  südUchste  (Perlen) -Insel  verlegt  Benyovszky  unter  47^32'  n.  Br.,  die 
nördlichste,  auf  der  noch  Menschen  leben  (Baru),  auf  59°  n.  Br.,  der 
Unterschied  würde  also  11  ^/a°  betragen;  thatsächlich  existirt  aber  zwischen 
dem  40  und  51°  n.  Br.  unter  der  geogr.  Länge  der  Aleuten  keinerlei  Insel, 
sowie  auch  zwischen  dem  58  und  60°  nicht,  infolge  dessen  sich  die  Distanz 
von  llVa°  auf  höchstens  7°  reducirt,  der  Irrtum  daher  4°  beträgt. 

Aus  den  früheren  Ausführungen  ersahen  wir,  wie  schön  Benyovszky's 
Erfahrungen  mit  unseren  gegenwärtigen  Kenntnissen  übereinstimmen,  und 
wie  weit  sich  auf  Grund  seiner  Angaben  die  Boute  seiner  Fahrt  bestimmen 
lässt ;  es  muss  uns  daher  die  fehlerhafte  Beschreibung  der  Aleuten  über- 
raschen und  wir  müssen  unwillkürlich  die  Frage  stellen,  worin  wir  den 
Grund  dieser  Thatsache  zu  suchen  haben?  Wir  finden  den  Grund  in 
Benyovszky's  Bescheidenheit.  Er  hatte  die  Daten  über  die  AJeuten  zu- 
sammengestellt, noch  ehe  er  sie  besucht  hatte.  Nachdem  er  sie  nun  besucht 
hatte,  meinte  er  keine  Ursache  zu  haben,  an  den  Daten  der  Kanzlei  in 
Kamtschatka  zu  zweifeln,  er  nahm  daher  die  alten  Bestimmungen  als 
richtig  an  und  war  mehr  darauf  bedacht,  in  der  Beschreibung  der  Inseln 
Neues  zu  bieten.  Was  er  aus  eigener  Erfahrung  über  die  Aleuten  mitteilt, 
ist  daher  zur  Festsetzung  seiner  Beise  von  viel  grösserem  Gewicht. 


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Hd  ORAF   MORITZ   BENY0V8ZKT   ALS   OBOGRÄPHISOHBR  FOBSOHfift. 

Uns  damit  zu  beschäftigen,  die  Lage  der  von  Benyovszky  beschrie- 
benen zwölf  Inseln  auf  unseren  Karten  festzusetzen,  wäre  vergebliche 
Arbeit:  wir  würden  über  die  Behring-,  Kupfer-  und  Kadiak-Insel  kaum 
hinausgelangen;  es  lässt  sich  auch  annäherungsweise  nicht  bestimmen, 
welches  Gap  an  der  Westküste  Alaskas  das  Gap  Baru  sein  soll ;  die  Ala- 
und  Otter- Insel  dürften  —  ihrer  Entfernung  nach  —  den  Prybilow-Inseln 
entsprechen,  einer  nördlichen  Gruppe  der  Aleuten ;  die  Amsud-Insel  dürfte 
ihrem  Namen  nach  mit  Amsitka  identisch  sein ;  die  Fuchsen-Insel  ist  eine 
der  heutigen  Fuchsen-Inseln ;  in  die  Bestimmung  der  Kuzma  und  Perlen- 
Inseln  wollen  wir  uns  gar  nicht  einlassen ;  endlich  dürfte  Urumsir  und  die 
Kuh-Insel  zwischen  Amsud-  und  der  Kupfer-Insel  zu  suchen  sein. 

Hingegen  können  wir  mit  voller  Genauigkeit  die  Insel  festsetzen,  an 
der  Benyovszky  zuerst  landete.  Benyovszky  nennt  ihren  Namen  nicht,  er- 
zählt jedoch.,  dass  seine  Leute  einen  Ausflug  ins  Innere  der  Insel  unter- 
nahmen, wo  sie  4  Meilen  entfernt  ein  Dorf  mit  14  Häusern  vorfanden  ;  die 
Insel  musste  daher  entschieden  einen  grösseren  Durchmesser  als  4  Meilen 
haben.  Kutznezow,  der  an  der  Spitze  der  Excursionisten  stand,  erzählt, 
dass  die  Bewohner  bei  ihrem  AnbUcke  davon  liefen,  eine  alte  Frau  jedoch 
mit  einigen  Kindern  dort  blieb,  dass  ihre  Gesichtsfarbe  sehr  dunkel  war,  die 
Stirn  mit  verschiedenen  Figuren  geschmückt,  die  Ohrlappen  durchbohrt 
waren.  Sie  sprach  weder  korjakisch,  noch  tsohuktschisch ;  in  ihrer  Hütte 
fand  man  Pfeile,  Speere  und  Kleider  aus  Vogelfedern.  All  dies  spricht  dafür, 
dass  es  sich  hier  um  Indianer  handelte.  Nehmen  wir  noch  dazu  in  Betracht, 
dass  Benyovszky  von  einem  Ganal  zwischen  einer  Insel  und  dem  amerika- 
nischen Festlande  spricht,  so  können  wir  behaupten,  dass  Benyovszky  am 
7.  Juni  auf  der  Insel  Unimak,  dem  ersten  Gliede  der  Aleutischen  Inselkette 
gelandet  hatte. 

Es  existieren  nur  wenige  photographische  Aufnahmen  von  dieser 
Gegend,  noch  weniger  von  den  Aleuten ;  Gegenden,  die  durch  mehrere  Pho* 
tographen  aufgenommen  wurden,  existieren  fast  gar  nicht ;  in  letzterem  Falle 
stimmten  die  Aufnahmen  selten  überein,  da  dieselben  zumeist  von  verschie- 
denen Standpunkten  herrühren.  Zwischen  der  Insel  Unimak  und  Alaska 
führt  ein  schmaler,  jedoch  tiefer  Kanal,  der  den  Namen  des  berühmten  ßei- 
senden  Krenitzin  führt.  Dieser  Kanal  ist  für  die  Schiflffahrt  insoweit  von 
Bedeutung,  als  durch  denselben  der  kürzeste  Weg  von  den  westlichen  Häfen 
Amerikas  in  die  Behring-See  führt.  Von  bedeutend  grosserem  Interesse  ist 
diese  Gegend  für  den  Maler;  auf  der  Insel  Unimark  erhebt  sich  der  8935' 
hohe  Sisaldin,  dessen  kahle  Spitze,  von  einer  zweiten  flankirt,  schon  von 
bedeutender  Entfernung  sichtbar  ist.  Als  Benyovszky  am  9.  Juni  1779  den 
Unimak-Kanal  {».ssirte,  erregte  dieser  Berg  so  sehr  sein  Interesse,  dass  er 
ihn  nicht  nur  beschrieb,  sondern  auch  abzeichnete.  Die  Beschreibung  ist 
nur  kurz,  jedoch  sehr  charakteristisch;   «um  10  Uhr  erblickten  wir  ein 


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GRAF   MORITZ   BENY0V8ZKY   ALS   GBOGRAPHISOHSB  FOR80HEB.  H^ 

zweites  Kap,  dessen  Endpunkt  dnrch  einen  znckerhntfönnigen  Berg  kennt- 
lich ist.»  Etwa  100  Jahre  später  zeichnete  auch  EUiot  den  Kanal,  obwohl 
von  grösserer  Entfernung,  jedoch  von  derselben  Richtung,  und  beide  Abbil- 
dungen stimmen  so  sehr  überein,  dass  kein  Zweifel  bezüglich  der  Identität 
des  auf  denselben  dargestellten  Berges  sein  kann ;  es  ist  daher  constatirt, 
dass  Benyovszky  durch  die  Unimak-Strasse  den  stillen  Ocean  erreicht  habe  ; 
Photographie  und  Zeichnung  haben  hier  ein  interessantes  geographisches 
Problem  zur  endgiltigen  Lösung  gebracht* 

Am  10.  Juni  verliess  Benyovszky  den  Unimak-Eanal  und  damit  das 
Behring-Meer.  Hier  ändert  sich  das  Bild  der  Gegend  vollständig;  das  Schiflf 
schwebt  auf  dem  stillen  Ocean,  und  dieser  ist  nicht  so  rauh :  «wir  hatten  einen 
sehr  angenehmen  Tag  —  schreibt  er  in  seinen  Memoiren  —  den  ersten 
guten  Tag,  seit  wir ;  Kamtschatka  verUessen.»  Das  Eis  hinderte  das  Schiff 
nicht  mehr;  die  Tiefe  des  Meeres  schwankt  zwischen  45  und  76  Faden,  was 
unseren  gegenwärtigen  Kenntnissen  vollkommen  entspricht;  die  Omis  wird 
reicher,  das  Klima  milder;  Benyovszky  wird  einiger  Inseln  gewahr  und 
landet  endlich  nach  einer  gefahrvollen  Fahrt  von  einer  Woche  am  19.  Juni 
auf  Kadik.  Noch  eine  Woche  treibt  er  sich  auf  den  Aleuten  herum,  beschreibt 
die  Insel  ürumisir  —  die  wir  nicht  auffinden  können  —  sehr  interessant, 
berährt  nach  Westen  fahrend  noch  einige  Inseln  und  verlässt  endlich  die 
Aleuten.  Nach  einer  achttägigen  Fahrt  landet  er  auf  einer  Insel,  auf  welcher 
Kusnetzow  «den  Chinesen  ähnliche»  Bewohner  trifft,  die  ihm  einen  Sonnen- 
schirm und  eine  Pfeife  schickten.  Der  Schirm  war  aus  mit  Oel  gebeiztem 
Papier  gemacht  und  mit  chinesischen  und  japanischen  Figuren  geschmückt. 
Die  Pfeife  war  aus  irgend  einem  weissen  Metall  angefertigt,  der  Tabaksack 
aus  gesticktem  Atlas.  Benyovszky  entnahm  aus  Kusnetzow's  Beschreibung, 
dass  er  sich  auf  den  Kurilen  befand ;  nach  einer  Irrfahrt  von  zwei  Mopaten 
hatte  er  sie  erreicht  und  hier  traf  er  zuerst  die  Produkte  der  japanischen  In- 
dustrie und  Kunst. 

Benyovszky  beschreibt  die  Kurilen  in  einem  separaten  Kapitel,  als 
dessen  Quellen  er  Spanberg,  Walton,  Irtisen,  Smitevskoi,  Sind  und  Zomi 
nennt ;  er  setzt  die  Zahl  der  Inseln  auf  28  und  nennt  22  mit  Namen,  gibt 
ihre  astronomische  Lage  an  und  bietet  eine  kurze,  jedoch  charakteristische 
Beschreibung  derselben.  Wir  können  mit  Befriedigung  constatiren,  dass 
Benyovszky  zu  seiner  Zeit  der  gründlichste  Kenner  der  Kurilen  war,  und 
wenn  wir  auch  einen  Teil  der  Namen  heute  nicht  finden,  können  wir  doch 
die  GUeder  der  Kette  mit  ziemlicher  Genauigkeit  zusammenstellen. 

Die  durch  die  Kurilen  gebildete,  zum  Teile  submarine  Bergkette  hat 
sich  in  einer  Ausdehnung  von  650  Km.  mit  bewunderungswürdig  regel- 
mässiger Structur  ausgebildet.  Sie  wird  vom  südlichsten  Teil  Kamtsohatkals, 

*  Elliot,  op.  cit.  ♦ 

üngmxiiche  Berae,  XI.  1891.  IL  Heft  g 


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114-  GRAF   M0RIT2    BENYOVSZKY   ALS   GEOGRAPHISCHER   FORSCHER. 

von  Lopatka  oder  Omoplate  nur  durch  einen  13  Km.  breiten  und  18  M. 
tiefen  Kanal  getrennt,  dort  beginnen  die  «Tausend  Inseln,»  —  wie  die 
Japaner  die  Kurilen  mit  dem  Wort  Kissima  nennen  —  mit  der  vulkanischen 
Masse  des  Sumku  (bei  Benyovszky  Sumassu),  der  gen  Westen  auf  die  Insel 
Araido  (Benyovszky's  Alayd)  blickt,  während  sich  im  Süden  die  bergige  Insel 
Paramuschir  (bei  Benyovszky  Poromusur)  an  ihn  knüpft  und  Kamtschatka 
eigentlich  mit  dieser  Insel  endet ;  der  Kanal  ist  nämlich  sehr  seicht,  während 
im  S.  von  Paramuschir  der  stille  Ocean  und  das  Ochotzkische  Meer  durch 
einen  ziemlich  breiten  Kanal  mit  einander  communicieren,  und  die  sich  an 
einander  schliessenden  Inseln,  Onnekotan,  Haramukotan,  Siaskotan,  Matua- 
Bakna,  Simussir  etc.  nur  die  über  das  Meer  herausragenden  Spitzen  der 
submarinen  Bergkette  sind.  Da  die  Kurilen  bisher  nur  teilweise,  u.  z.  in 
Bezug  auf  SchifiFfahrt  und  Fischerei  untersucht  wurden,  bilden  sie  heute 
einen  noch  viel  weniger  bekannten  Complex  als  die  Aleuten.  Wir  wissen, 
dass  die  Vulkane  Kamtschatkas  mit  den  feuerspeienden  Kegeln  Jeso's  durch 
die  Vulkane  der  Kurilen  verbunden  sind,  aber  gänzlich  unbekannt  ist  uns 
auch  heute  die  Zahl  der  thätigen  Vulkane,  ja  wir  kennen  sogar  die  Namen 
der  Inseln  nicht ;  die  Benennungen  sind  nicht  einheitlich  und  manche  Insel 
kommt  auf  den  Karten  unter  verschiedener  Benennung  vor.  Nach  Milne 
sind  auf  den  Kurilen  52  Vulkane;  nach  der  Zusammenstellung  Alexis 
Perrey's  waren  seit  der  Entdeckung  der  Inseln  wenigstens  13  in  Thätigkeit.* 

Am  16.  Juli  erreichte  Benyovszky's  Schiff  eine  Insel,  auf  der  er  fast 
eine  Woche  verweilte.  Am  nördlichen  Teil  der  Insel  fand  Benyovszky  einen 
sehr  günstigen  Hafen,  in  den  sich  ein  Bach  ergoss,  der  die  dürstende  Mann- 
schaft mit  vorzügUchem  Wasser  versah ;  auf  der  Insel  fand  Benyovszky  viel 
Schweine  und  Ziegen,  sowie  prächtige  Obstgattungen,  die  er  aber  nur  in 
gekochtem  Zustande  zu  geniessen  vermochte.  Er  nannte  die  Insel  —  nach 
dem  guten  Trinkwasser  —  Wasser-Insel,  ein  Name,  der  sich  in  der  Geo- 
graphie nicht  erhalten  hat.  Benyovszky  erwähnt  von  den  Obstgattungen 
Aepfel,  Kokusnüsse,  Ananas,  Marillen  u.  A.  Er  fand  femer  Markasit  und 
Zinnober  und  seine  Leute  hofften  reiche  Goldminen  und  Diamanten  zu 
finden.  Dies  bot  die  Veranlassung  zu  einem  Aufstande,  an  dessen  Spitze  der 
unzufriedene  Stefanow  stand,  und  Benyovszky  konnte  sich  der  Folgen  des 
Aufstandes  nur  so  erwehren,  dass  er  versprach,  von  Japan  Weiber  zu  holen 
und  dann  auf  die  reiche  Insel  zurückzukehren. 

Benyovszky  zählt  die  Wasser-Insel  nicht  unter  die  Kurilen,  sondern 
verlegt  sie  unter  32°  nördl.  Breite  und  355*^  8'  Länge  von  Bolscha.  Hier 
suchen  wir  vergebens  nach  einer  Insel,  und  wir  dürfen  die  Ortsbestimmung 
nicht  für  richtig  halten.  Wenn  wir  aber  in  Betracht  ziehen,  dass  Benyovszky 
früher  auf  einer  Insel  landete,  wo  er  schon  japanischen  Einfluss  fand,  femer 

*  Bein  J.  J.»  Japan.  Leipzig,  1881,  I.  Bd. 


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GRAF   MORITZ   BENYOVSZKY   ALB   GEOGRAPHISCHER  FORSCHER.  U«^ 

dass  er  zur  Jeso-Gruppe  nur  grosse  Inseln  rechnet,  unter  dieselben  aber  die 
Wasser- Insel  nicht  zählt,  endlich  dass  er  nach  Süden  reiste  und  die  Ostufer 
Japans  befuhr,  so  glauben  wir  nicht  zu  irren,  wenn  wir  unter  der  Wasser- 
Insel  eine  südliche  Kurilen-Insel  etwa  unter  42®  47'  nördl.  Breite  ver- 
muten. 

Am  21.  Juli  verliess  Benyovszky  die  Wasser- Insel  und  erreichte  nach 
einer  Irrfahrt  von  acht  Tagen  Japan,  wo  er  im  Hafen  von  Usilpaskar  lan- 
dete. Aus  unseren  Karten  lässt  sich  die  Lage  dieses  Hafens  nicht  bestimmen, 
wir  glauben  jedoch  nicht  zu  irren,  wenn  wir  ihn  auf  die  nördliche  Hälfte 
des  Ostufers  der  grössten  japanischen  Insel  verlegen.  In  dieser  Woche  war 
also  Benyovszky  den  Ufern  Jesos  entlang  gesegelt,  die  er  in  einem  beson- 
deren Capitel  auch  beschreibt,  obwohl  er  nicht  erwähnt,  sie  gesehen  zu 
haben. 

Die  grösste  Wichtigkeit  Jesos  bilden  das  aussterbende  Volk  der  Aino, 
auf  das  wir  die  Aufmerksamkeit  aus  dem  Grunde  lenken  wollen,  weil 
Benyovszky  dasselbe  wenigstens  aus  Beschreibungen  (Manuscripten,  nicht 
Büchern)  gekannt  hat.  Er  erwähnte  schon  bei  Beschreibung  der  20-ten  Ku- 
rilen-Insel Marikan :  «Sie  wird  von  bärtigen  Kurilen  bewohnt,  die  die  Russen 
Mahuati  nennen.»  Das  Epitheton  «bärtig»  ist  so  charakteristisch,  dass  es 
sich  nur  auf  die  Aino  beziehen  kann. 

Schon  die  ältesten  japanischen  Bücher  und  UeberUeferungen  erwähnen 
unter  den  Namen  Jebisch,  Jebbsis,  Jemissi,  Mosin  oder  Maojin  eines  uralten 
wilden  Volkes^  der  «östUchen  Barbaren»,  deren  Name  «langhaarige  Men- 
schen» bedeutet;  dies  Volk  bewohnte  den  nördlichen  Teil  der  grossen  Insel 
und  bildete  die  Ahnen  der  Aino.  Im  Namen  Maojin  erkennen  wir  Benyov- 
ßzky's  Mahutin.  Obwohl  kein  directer  Beweis  für  die  Verwandtschaft  der  Japa- 
nesen mit  dem  wilden  Barbarenvolk  spricht,  müssen  wir,  wenn  zwischen 
beiden  Völkern  Verwandtschaft  existirt,  dieselbe  auf  die  seit  Jahrhunderten 
vorhandene  Kreuzung  zurückführen.  Wenn  heute  im  Norden  der  grossen 
Insel  keine  Aino  wohnen,  dürfen  wir  nicht  glauben,  es  wären  alle  durch 
die  erobernden  Japaner  des  XV.  Jahrhunderts  vernichtet  worden,  denn 
unter  dem  Namen  Adsma  Jebisch  haben  sie  sich  mit  den  civilisirten  Völkern 
des  Nordens  vermischt,  und  wir  erkennen  noch  heute  die  äusseren  Zeichen 
dieser  Verwandtschaft,  sowie  wir  dort  die  SteinwafFen  der  Aino  in  grosser 
Menge  vorfinden.  Im  nördlichen  Teil  Hondo's  haben  namentUch  die  Frauen, 
die  Erhalter  der  Rassensymptome,  viel  vom  Typus  der  Aino  bewahrt.  Auch 
die  japanischen  Bewohner  der  Insel  Ogasima,  die  von  den  Bewegungen  der 
Givilisation  fast  ganz  abgeschnitten  sind,  ähneln  den  Nachkommen  der 
Kurilen  in  grossem  Maasse ;  ja  auch  in  den  Bewohnern  der  Ebenen  Jeddos 
circulirt  Aino-Blut.  Heute  leben  die  Aino  fast  ungemischt  auf  Jeso,  den  Süd- 
Kurilen  und  der  Insel  Sachalin;  die  Volkszählung  von  1873  ergab  auf  Jeso 
12,281  Seelen^  und  so  dürfte  die  Totalsumme  der  ganzen  Basse  nicht  über 

8* 


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116  GRAF   MORITZ   BBNYOVSZKT   ALS   ÖEOGRAPHISOHBR   P0R8CHBXR. 

20>000  betragen.  In  früheren  Zeiten  nannte  man  sie  allgemein  «haarige 
Kurilen»,  nach  den  Inseln  die  sie  bewohnten;  so  nannten  sie  Sibold  Em- 
senstem,  Golownin  und  Benyovszky,  die  ersten,  die  jene  Gegenden 
erforschten.^ 

Mit  der  Ankunft  Benyovszky's  auf  Japan  wird  die  Analyse  seiner  Reise 
bedeutend  leichter;  ausser  einigen  Namen,  die  zu  einer  Gontroverse  Veran- 
lassung gaben,  hat  er  von  dort  nichts  Neues  mitgebracht.  Am  3.  August 
verUess  er  den  Hafen  Usilpatkar  und  segelte  an  den  üfem  Japans  gen  Süden; 
er  entfernte  sich  nicht  weit  vom  Ufer,  denn  die  Tiefe  des  Meeres  überschritt 
nirgends  20  Faden,  während  einige  Tagereisen  gegen  Osten  der  stille  Ocean 
schon  eine  ungeheure  Tiefe  erreicht.  Am  5.  August  erklärt  Benyovszky 
bereits  bestimmt,  dass  er  sich  westUch  vom  Königreich  Idso  befinde ;  das 
dem  Stillen  Ocean  zugewendete  Ufer  der  Insel  Hondo  besteht  nämlich  aus 
zwei  Abschnitten,  deren  einer  von  N.  nach  S.,  der  andere  nach  SW.  streicht; 
am  Knie,  welcher  das  Ufer  hier  bildet,  liegt  das  Königreich  Isodo  (heute 
Jesso),  und  wenn  sich  Benyovszky  im  Westen  desselben  befand,  musste  er 
das  Knie  bereits  überschritten  haben.  Dem  entspricht  auch,  dass  Benyovszky 
am  5.  August  in  Misaki  landete,  das  am  westlichen  Ufer  der  den  Hafen  von 
Tokio  abschliessenden  Halbinsel  lag ;  von  hier  sandte  er  einen  Brief  an  den 
in  Nangasaki  lebenden  Vorsteher  der  holländischen  Faktorei.^ 

Am  11.  August  erreichte  Benyovszky  den  Hafen  Tosa  auf  der  Insel 
Xicoco.  Die  Insel  führt  noch  heute  den  Namen  Schikoku  und  die  grosse  Bucht 
sowie  der  Bezirk  am  Südufer  Toshin-nada.  Die  Hauptstadt  der  Insel  heisst 
jedoch  nicht  Tosa,  sondern  Kotschi ;  Benyovszky  erwähnt  nur  den  Hafen, 
die  Stadt  nicht.  ^ 

Von  Tosa  ausgehend,  umschiffte  Benyovszky  am  12.  August  das  «Kap,» 
das  kein  anderes  sein  kann,  als  die  Südspitze  der  Insel  Schikoku,  IsasakL 
Von  hier  erreichte  er  Tags  darauf  Takasima,  dessen  Name  vielerlei  Ausdeu- 
tungen erlaubt.  Wo  lag  Takasima?  Diese  Frage  zu  beantworten  ist  schwie- 
riger als  die  Lösung  jeder  anderen.  Benyovszky  erwähnt  ausser  Takasima 
noch  zwei  Namen,  die  Insel  Ximo  und  Nangasaki;  beide  sind  separate  Inseln. 
Die  Lage  Takasimas  lässt  sich  folgendermassen  bestimmen :  Tosa  liegt  nach 
Benyovszky  32^  15'  Breite  und  350''  16'  Länge,  Takasima  unter  30''  0'  Breite 
und  328 '^  0'  Länge.  Wir  müssten  zuerst  constatieren,  dass  sich  in  die  Grad- 
angabe Tosa's  ein  Druckfehler  eingeschlichen  hat;  es  liegt  nicht  unter  350 '', 
sondern  330°  westl.  Länge.  Zwischen  Tosa  und  Takasima  bleibt  daher  ein 
Unterschied  von  2^^  16'.   Auf  unseren  heutigen  Karten  von  Japan  finden 


^  Dr.  A.  Török :  Die  Aiuos.  Budapest!  Szemle  1889,  März  und  April. 
•In  der  Jokai'schen  ung.  Uebersetzung  fehlt  Benyovszky's  Ankunft  in  Misaki, 
sowie  sein  Brief  nach  Nangasaki.  Warum,  ist  uns  nicht  bekannt. 
»Rein  1.  o.  I.  11,  14,  19,  59,  92,  112,  545  und  595. 


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GRAF   MORITZ    BBNYOV8ZKY   ALS   GEOGRAPHISCHER  FORSCHER.  117 

wir  2^/4^  westlich  und  lä^A  südlich  von  Tosa  den  südöstlichen  Teil  der 
grossen  Insel  Eiusiu,  deren  höchste  Spitze  Takasima  heisst.  Soviel  ergibt 
sich  aus  der  Vergleichung  der  astronomischen  Bestimmungen^  dem  jedoch 
widersprechen  alle  übrigen  Thatsachen. 

«  Grehen  wir  von  der  Erklärung  des  Namens  Takasima  aus,  so  wird  die 
Frage  noch  verwickelter ;  wir  finden  in  Japan  nicht  weniger  als  3  Takaschima  : 
eine  Stadt  an  der  NO-Spitze  Schikokus,  der  genannte  Berg,  und  die  erste 
grosse  Insel  südlich  von  Eiusiu,  die  Takasima  und  auch  Tanega  genannt 
wird.  Benyovszky's  Daten  sind  keineswegs  auf  die  Stadt  Takaschima  zu  be- 
ziehen, viel  mehr  auf  Tanega,  das  thatsäcblich  unter  demselben  Längengrad 
liegt  wie  Takaschima  und  auch  in  seiner  Breite  nur  20'  von  Benyovszky's 
Bestimmung  abweicht.  Obwohl  die  astronomische  Ortsbestimmung  die  An- 
nahme erschwert,  Benyovszky  habe  nicht  auf  Eiuschiu,  sondern  auf  Tanega 
gelandet,  spricht  doch  der  Umstand  dafür,  dass  Kiuschiu  auch  Shimo  genannt 
wird,  daher  wir  Benyovszky 's  «Bewohner  der  Insel  Ximo»  für  die  Bewohner 
Kiuschius  halten  müssen.  Dem  widerspricht  jedoch  Benyovszky's  Angabe, 
Nangasaki  und  Shimo  seien  besondere  Inseln ;  verstehen  wir  unter  Shimo 
Kiuschiu,  so  ist  dies  nicht  möglich,  denn  Nangasaki  hegt  auf  der  Insel  Eiusiu 
und  bildet  nur  eine  Halbinsel  derselben.  Wir  haben  keinerlei  weitere  Auf- 
zeichnungen darüber,  was  Benyovszky  über  die  Bewohner  Ximos  sagt :  sie 
seien  «gottlose  Bestien» ;  in  diesem  Kufe  stehen  die  Bewohner  der  westlich 
von  Süd-Eiuschiu  gelegenen  Koschiki-Inseln,  deren  eine  Shimo-Eoschiki 
heisst ;  es  ist  daher  auch  die  Möglichkeit  vorhanden,  dass  sich  der  Name 
Ximo  eben  auf  Schimo-Eoschiki  beziehe. 

Alles  zusammengefasst  halten  wir  es  für  wahrscheinlich,  dass  Be- 
nyovszky sich  nur  in  der  Breitenbestimmung  um  20'  geirrt,  und  that- 
säcblich auf  Tanega  gelandet  sei,  und  unter  der  Insel  mit  den  bestialischen 
Bewohnern  Schimo-Eoschiki,  unter  Nangasaki  aber  ganz  Kiuschiu  zu  ver- 
stehen sei. 

Benyovszky's  Schiff  warf  hierauf  auf  Üsmai-Lygon,  einer  der  Liukiu- 
(Iiequeja)-Inseln  Anker.  Diese  Insel  auf  unseren  Earten  aufzufinden,  ist 
uns  nicht  möglich.  Benyovszky's  astronomische  Bestimmungen  sind  falsch, 
die  Daten  jedoch,  die  er  über  diese  Insel  mitteilt,  sind  von  so  grosser 
Bedeutung,  dass  wir  dieselben  als  eine  der  wichtigsten  Quellen  für  die 
Liukiu-Inseln  betrachten  müssen ;  was  Benyovszky  über  Usmay-Lyon  mit- 
teilt, bezieht  sich  auf  den  nördlichen  Teil  der  ganzen  Liukiu-Gruppe 
und  seine  Mitteilungen  über  das  Beich  der  «durchsichtigen  Eorallen»  sind 
die  ersten,  die  nach  Europa  gelangt  sind ;  die  Mitteilungen  des  chinesischen 
Gelehrten  Supao-Euang,  den  Eaiser  Eanghi  schon  1719  zur  Erforschung 
der  Biukiu-Inseln  aussandte,  gelangten  erst  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts 

'■^  Forcade,  Annales  de  la  Propagation  de  la  foi,  1846,  jul.  7. 


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118       GRAF  MORITZ  BENTOVSZKY  ALS  GEOGRAPHISCHER  FORSCHER. 

nach  Europa,  daher  gebührt  das  Prioritätsrecht  nicht  —  wie  Keclus  be- 
hauptet —  ihnen,  sondern  Benyovszky.* 

Benyovszky  schreibt  von  den  Bewohnern  der  Insel,  sie  verstünden 
nicht  japanisch.  Dies  ist  vollkommen  zutrefifend,  obwohl  die  Biukiu-Sprache 
mit  der  japanischen  verwandt  und  auch  die  Schrift  dieselbe  ist.^  Später 
bemerkt  Benyovszky  noch :  tdie  Häuptlinge  der  Inselbewohner  sprechen 
die  Sprache  der  Mandarine»,  d.  h.  chinesisch,  was  umso  wahrscheinlicher 
ist,  als  die  Biukiu-Sprache  viel  chinesische  Worte  enthält,  die  infolge  histo- 
rischer Berührung,  wie  auch  bei  Uebemahme  der  Schriftweise  in  die  Sprache 
übergegangen  sind.  Benyovszky  schreibt  über  die  damahgen  politischen 
Verhältnisse  der  Bewohner  Liukiu's:  cdies  Volk  lebt  ganz  unabhängig  von 
China  und  Japan.»  Da  Liukiu  zwischen  China  und  Japan  liegt,  kämpften 
die  beiden  Staaten  fortwährend  um  dasselbe.  Thatsache  ist,  dass  es  bald 
Japan,  bald  China  unterworfen  war,  insofeme  als  es  einigen  Tribut  zahlen 
musste ;  übrigens  war  das  Volk  unabhängig  und  frei.  Wohl  gab  es  Zeiten, 
wo  Liukiu  beiden  Kaiserreichen  Tribut  schuldete,  der  grösste  Reichtum  der 
Insel  aber  verschwand  auch  damals  nicht.^  Erst  1874  änderten  sich  diese 
Verhältnisse,  als  Japan  die  Inseln  eroberte,  ihrer  Könige  beraubte  und  sie 
in  einfache  japanische  Bezirke  einteilte. 

Von  der  friedlichen  Natur  des  Volkes,  die  Supao-kuang,  Broughton, 
Matwell,  Basil  Hall,  Graviore,  Beechey,  Belcher,  Perry  und  Andere  hervor- 
hoben, schrieb  Benyovszky:  «die  Bewohner  sind  sehr  tugendhaft, . . .  massig, 
frei ...  die  Naivität  ihrer  Antworten  lässt  auf  ihre  ehrliche  und  unschul- 
dige Natur  schliessen  ....  Ich  gestand  ihrem  Führer  Nikolaus,  dass  ich 
fürchte,  ihren  Frieden  zu  stören;  er  aber  beruhigte  mich,  denn  meine 
Leute  könnten  auch  mit  den  Mädchen  sprechen,  nur  die  Frauen,  die  sie 
übrigens  auch  an  ihren  Schleiern  erkennen  könnten,  mögen  sie  schonen.» 
Ergreifend  ist  die  warme,  aufrichtige  Freundschaft,  mit  der  die  Insel- 
bewohner Benyovszky  empfiengen,  und  die  am  letzten  Tage  auch  in  einem 
Vertrage  Ausdruck  fand. 

Von  den  Liukiu-Inseln  schiffte  Benyovszky  auf  Formosa.  Hier  kämpfte 
er  einen  ganzen  Krieg  und  verhalf  einem  Häuptling  zum  Siege ;  über  Land 
und  Leute  schreibt  er  aber  um  so  weniger.  Und  dies  ist  umso  leichter  ver- 
ständhch,  als  Formosa  für  ihn  keine  Bedeutung  hatte.  Seine  Seele  durch- 
drang der  innige  Wunsch,  einen  europäischen  Hafen  zu  erreichen,  um 
Freiheit  zu  erlangen  und  sich  für  seine  grossen  colonisatorischen  Unter- 
nehmungen vorzubereiten,  deren  Idee  im  Laufe  seiner  Beise  zur  Beife 


'  Leon  de  Bosny,  Introduction  ä  TEtude  de  la  langue  japonaise. 

'  Serrurier,  De  Live-Kive  Archipel. 

'  Reclus,   Nouv.    G^og.    Univ.   VII.    Bd.   p.  731.  —  Gaubil,   LettreB  ödifiantee, 

Bd.  xxm. 


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ORAP   STEFAN    SZEOHBNYl's  BRIEFSr.  H^ 

gelangt  war,  und  zu  deren  Verwirklichung  ihn  die  mühevollste  Vorschule 
befähigt  hatte.  Er  war  gewiss  einer  der  glückUchsten  Menschen,  als  er  am 
^1.  September  das  Fort  Macao  erblickte. 

Und  hiemit  endet  der  abenteuerlichste  Teil  von  Benyovszky's  Reisen 
und  ganzem  Lebens,  welche  bisher  zugleich  für  den  am  wenigsten  bekannten 
Teil  seines  Leben  galt.  Wir  versuchten  nachzuweisen,  welchen  Wert 
Benyovszky's  Beobachtungen,  seine  ßeiseergebnisse  und  Forschungen  be- 
sitzen, und  wenngleich  dieser  Werth  von  der  Höhe  der  modernen  geogra- 
phischen  Wissenschaft  betrachtet  nicht  so  gross  ist,  als  der  einer  Expedition 
von  Cook,  La  Perouse  u.  A.,  so  genügt  er  doch,  um  die  Authenticität  der 
Reisen  Benyovszky's  festzustellen  und  ihm  die  Anerkennung  der  Nachwelt 
zu  sichern,  anderseits  um  ihm  in  vielen  Fragen  die  Priorität  zu  erobern,  die 
spätere  streng  kritische  Forscher,  ein  Nordenskjöld,  Reclus  und  Andere,  so 
leicht  Anderen  zugeschrieben  hatten.  Dem  strengen  Urteil  der  Nachwelt 
gegenüber  kann  nur  die  Constatirung  der  Wahrheit  die  Glaubwürdigkeit 
der  Berichte  Benyovszky*s  retten  und  dies  zu  erreichen,  war  das  Ziel 
meiner  Zeilen.  Dr.  Johann  Janeö. 


GRAF  STEFAN  SZfiCHENYrS  BRIEFE. 

L 

Stefan  Szechenyi  war  eine  so  vollendete,  in  sich  gefestete  Persönlich- 
keit, dass  jede  geringste  Emanation  derselben  in  Wort,  Schrift  und  That  den 
charakteristischen  Stempel  trägt.  Die  von  Bela  Majläth  mit  dankenswerter 
Unterstützung  der  Ungarischen  Akademie  herausgegebenen  Briefe*  gewähren 
einen  durchaus  interessanten  Einblick  in  den  Werdegang  dieses  providen- 
tiellen  Mannes,  rücken  ihn  uns  menschlich  näher  und  geben  uns  ein  getreues 
Bild  von  den  zahllosen  äusseren  und  inneren  Kämpfen,  gewissermassen 
Geburtswehen,  unter  denen  die  erstaunlichen  Leistungen  des  Grafen  das 
Licht  der  Welt  erblickten.  Diese  Briefe  sind  keine  Meisterwerke  des  Styls, 
sie  sind,  ob  ungarisch,  deutsch,  lateinisch,  englisch  oder  französisch  verfasst, 
mit,  wir  möchten  sagen,  aristokratischer  Nachlässigkeit  geschrieben.  Und 
doch  sind  sie  gerade  in  dieser  Gestalt  am  wertvollsten,  weil  sie  uns  den 
echten,  ungeschminkten  Menschen  zeigen,  der  selbst  ohne  den  geringsten 
Aufputz  seine  ganze  Nation  überragte,  ihr  Führer  in  die  Welt  positiven 
Schaffens  war. 

Niemals  konnten  die  Briefe  des  grossen  Patrioten  besser  wirken,  als 

*  Gr6f  Szechenyi  Istv&n  levelei.  A  Magyar  T.  Akad^mia  megbiz484b61  össze- 
gyüjtötte  Majlath  B^la.  II.  kötet.  Budapest,  Atbena^um.  729  Seiten, 


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120  GRAF   STEFAN   SZ^HENYl's   BRIBFE. 

eben  jetzt.  Krasser  Materialismus  zersetzt  alle  unsere  Kreise^  der  Hass  gegen 
die  Phrase  hat  auch  den  berechtigten  Ideahsmus  hinweggeschwemmt.  Die 
Gesellschaft  ist  atomisirt.  Wie  wohlthuend  ist  es  daher^  wieder  einmal  das 
volle  Fener  der  Vaterlandsliebe  zu  verspüren,  einer  Liebe,  die  heute  kaum 
mehr  als  rhetorischer  Aufputz  zu  verwenden  ist.  Bei  Szechenyi  lodert  dies 
Gemeingefühl  noch  mit  voller  Jugendkraft,  sonnengleich.  Es  ist  unmöglich, 
dass  beim  Lesen  dieser  Briefe,  welche  sich  alle  immer  wieder  um  das  Götter- 
bild des  Vaterlandes  und  seine  zukünftige  Grösse  und  Glorie  drehen,  nicht 
auch  in  uns  die  alte  Glut  unter  der  Asche  wieder  aufflamme.  So  wirkt  ein 
grosser  Geist,  ein  grosses  Herz  auch  nach  dem  Tode,  sein  Vermächtniss  lebt 
in  uns  immer  neu  auf.  Zur  rechten  Zeit  hat  die  Ungarische  Akademie  die 
Herausgabe  der  Szechenyi'schen  Schriften  begonnen  *  und  namentlich  die 
Briefe  sind  es,  welche  ungeahntes  Licht  über  viele  Perioden  der  Wirksam- 
keit Szechenyi*s  verbreiten.  Während  Kossuth,  die  Personifikation  der  unga- 
rischen Freiheits-  und  Unabhängigkeitsidee,  noch  lebt,  erscheint  uns  der 
Geist  Szechenyis,  seines  grossen  Gegners,  fortwährend  in  seinen  neuedirten 
Schriften,  als  ob  die  Genies  der  Vergangenheit,  welche  das  heutige  Ungarn 
begründeten,  noch  immer  Wache  stehen  wollten  über  dem  geliebten  Volke 
und  Vaterlande.  Doch  während  aus  Kossuth  nur  die  erhabene,  aber  starre 
Negation  spricht,  weht  uns  aus  jeder  Zeile  Szechenyi*s  ein  positiver,  schaf- 
fender Hauch  entgegen.  Aus  einer  Wüste  war  eine  Gulturwelt  zu  gestalten. 
Das  von  Sz6chenyi  so  'sehr  geliebte  Vaterland  war  eine  Einöde,  ein  Wirrsal 
schlechtester  Administration,  verrotteter  Privilegien,  Denk-  und  Wirkfaul- 
heit. Sz^henyi  musste  für  Alle  denken,  reden,  schreiben,  agitiren,  Geld 
hergeben,  conspiriren,  Pläne  entwerfen,  ausführen.  Er  war  damals  Alles  in 
Allem,  Ungarns  Vorsehung  auf  jedem  Gebiete.  Was  heute  ein  vielgliedriges 
Ministerium  denkt  und  schafft,  das  war  damals  in  ihm,  dem  Privaten,  ver- 
einigt. Und  unermüdlich,  rastlos  sehen  wir  ihn  kämpfen,  entwerfen,  orga- 
nisiren,  schaffen.  Auf  alle  Widerstände  und  Kränkungen  ist  er  vorbereitet, 
die  Bomirtheit  seiner  Mitlebenden  weckt  oft  den  Humor  in  ihm.  Er  geht 
auf  sein  Ziel  los,  unbeirrt,  wie  eineJSomnambule.  Und  alles  gelingt  endlich  : 
die  Wettrennen,  die  Akademie,  die  Donau-Dampfschifffahrt,  die  Ketten- 
brücke, und  Vieles  sollte  später  gelingen,  was  er  mit  Seherblick  geahnt :  die 
Sprengung  des  Eisernen  Thores^  die  Verschönerung  Budapests  und  Anderes 
mehr,  als  ob  er  der  Prophet  seiner  Nation  gewesen  wäre. 

Kehren  wir  zu  den  Schriften,  insbesondere  zu  diesen  Briefen  Szöchenyi's 
zurück,  als  eines  Mannes,  der  neben  der  Liebe  zum  irdischen  Weibe  noch  eine 
andere,  höhere  Liebe  kannte,    zu  einer  höheren,  erhabeneren  Braut,  deren 

♦  Bisher  sind  erschienen :  I.  Naplöi  (Tagebücher),  11.  Besz^dei  (Reden),  beide 
herausgegeben,  eingeleitet  und  kommentirt  von  Anton  Zichy,  HI.  Levelei  (Briefe), 
von  denen  jetzt  schon  der  zweite  Band  vorliegt. 


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GRAF   STEFAN   SZ^HBNTl's  BRIEFE.  121 

Züge  ihm  vorschwebten^  von  seiner  mutwilligen  Jugendzeit,  bis  zu  seinem 
düsteren  Grabe  in  der  Geistesnacht  I  Diese  Braut,  Hungaria,  war  die  Leuchte 
seiner  Seele,  an  ihrer  Flamme  entzündete  sich,  bei  ihrem  Erlöschen  brach 
sein  Herz. 

Wir  haben  den  ersten  Band  dieser  Briefe  bei  dem  seinerzeitigen  Er- 
scheinen gewürdigt,  dieselben  gaben  uns  Aufschluss  über  die  Erziehung  und 
die  ersten  Gemütsregungen  des  jungen  Grafen  und  lehrten  ims  ihn  als 
nachdenkenden,  mit  sich  oft  entzweiten  Charakter  kennen.  Die  ersten  dieser 
Jugendbriefe  lassen  nichts  weniger  als  die  zukünftige  Grösse  ahnen.  Der 
schlichte,  natürliche  Mensch  spricht  aus  ihnen.  Doch  sehr  bald  meldet  sich 
der  praktische  Sinn ;  das  Gasino,  die  Wettrennen,  die  Akademie,  die  Schiff- 
fahrt und  das  Eiserne  Thor  beschäftigen  den  thatendurstigen  Mann.  Er  geht 
mit  nüchternem  Urteil  von  den  thatsächlichen  Bedürfhissen  des  Landes 
aus  und  stiftet  und  gründet  stets  das,  wonach  das  dringendste  Verlangen 
ist.  Er  ist  kein  Doctrinär,  sondern  ihn  peinigen  die  actuellen  Erfordernisse 
und  er  scheut  weder  Opfer  noch  Mühe,  um  das  Nothwendige  herbeizu- 
schaffen. Es  ist  ein  eminent  praktischer  Kopf,  der  sich  ein  weitaussehendes 
Programm  von  der  Regenerirung  des  Landes  entworfen  hat  und  Schritt  für 
Schritt  unaufhaltsam  an  dessen  VerwirkUchung  arbeitet. 

Der  uns  vorliegende  zweite  Band  dieser  Briefe  beginnt  mit  einigen 
interessanten  Nummern  aus  dem  Jahre  1S^27,  In  einer  Eingabe  an  das  Pester 
Comitat  erbietet  sich  Graf  Szechenyi  zur  Errichtung  einer  Actien- Dampf- 
mühle,  nicht  damit  Ungarn  eine  solche  Anstalt  besitze,  sondern  damit  das 
Beispiel  zur  allgemeinen  Einführung  der  Dampfmüllerei  und  zur  Ablösung 
des  Getreidehandels  durch  den  Mehlhandel  gegeben  werde.  Die  nächst- 
folgenden Briefe  zeigen  die  rastlose  Sorge  Szechenyi*s  für  die  Inscenirung 
des  von  ihm  geplanten  National-Gasinos.  Er  wendet  sich  an  Sartory,  als 
den  Obmann  des  Pester  Handelsstandes,  um  ihn,  sowie  den  Handelsstand 
zum  Eintritt  in  das  im  Herbste  zu  gründende  Gasino  einzuladen.  Mit  einer 
noch  heute  nachahmenswerten  Höflichkeit  und  Herzlichkeit  ist  dieser  Brief 
des  Aristokraten  an  die  Corporation  der  Handelsleute  geschrieben,  t  Wir  haben 
den  guten  Willen,  dem  Lande  zu  dienen,»  —  äussert  er  —  tSie  haben  die 
Mittel,  reichen  wir  uns  die  Hände !  .  .  .  Sie  kennen  die  Grundsätze,  die  wir 
bisher  aufgestellt  haben:  •  Welch  immer  für  eine  Geburt  und  Stand  — 
wa^  immer  für  Glaube,  was  immer  für  politische  Meinung,  Alleseins  I  Nur 
gesittete  Lebensart,  gleiche  Rechte,  gleiche  Zahlung  /  Kein  Einzelner  ent- 
scheidet, der  allgemeine  Wunsch  und  die  Mehrheit  allein  bestimmt.» 

Im  Jahre  1830  sehen  wir  Szechenyi  an  seinem  Lieblingswerke,  an  der 
Begulirung  der  unteren  Donau  thätig.  Schon  im  vorigen  Bande  war  eine 
grosse  Anzahl  von  Briefen  veröffentlicht,  aus  denen  hervorging,  wie  rastlos 
Graf  Szechenyi  beim  Palatin,  bei  der  Wiener  Regierung,  bei  den  Finanz- 
grossen  die  Sache  des  Donauhandels  und  der  damit  verbundenen  Institu- 


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122  GRAF   STEFAN   SZÄCHENYl's  BRIEFE. 

tionen  betrieb.  In  dem  oben  erwähnten  Briefe  vom  17.  Juli  1830  sehen  wir 
Szechenyi  zum  ersten  Mal  die  untere  Donau  bis  Sistow  bereisen.  Die  Keise 
sollte  ihm  schlecht  genug  bekommen :  ein  furchtbares  Fieber  mit  hochgra- 
digem Asthma  verbunden  überfiel  ihn  und  er  glaubte  schon  sein  letztes 
Stündlein  gekommen.  Und  da  schreibt  er  an  den  mit  ihm  reisenden  Grafen 
Johann  Waldstein  in  Selbstmordgedanken  ob  der  erlittenen  Qualen  und  in 
nächster  Erwartung  des  Todes  folgende  Zeilen,  die  auch  Max  Falk  in  seinem 
Buche  über  Szechenyi  veröffentlicht  hat  und  die  charakteristisch  genug 
lauten :  «Nur  drei  Mittel  gibt  es,  um  Ungarn  zu  heben :  Nationalität,  Ver- 
kehr und  Handelsverbindungen  mit  anderen  Nationen.  Dies  lege  ich  Euch 
ans  Herz :  hebet  die  Nationalität  nach  Euren  Fähigkeiten  und  erziehet  sie 
zu  echtem  Adel.  Hebet  den  Verkehr  in  unseier  Hauptstadt  Budapest!  Thut 
Alles,  damit  Budapest  aufhöre  ein  blinder  Sack  zu  sein  und  darum  eröffnet 
die  Donau  dem  Handel  und  der  Schifffahrt  !• 

Zwischen  den  Briefen,  welche  sich  mit  grossen  Angelegenheiten  be- 
schäftigen, erscheint  wohl  mitunter  auch  einer,  der  uns  so  recht  in  das  Herz 
Szechenyi's  blicken  lässt.  Da  ist  ein  Brief  an  einen  Unbekannten,  der,  wie 
zahllose  Andere,  ihn  um  eine  Gefälligkeit  angegangen  haben  mochte.  In  der 
Antwort  beklagt  sich  der  Graf,  er  sei  so  sehr  mit  Anfragen  und  Bitten  über- 
häuft, dass  er  nicht  einmal  mit  Hilfe  eines  Secretärs,  und  wenn  der  Tag 
achtundvierzig  Stunden  hätte,  auf  Alles  nach  den  Kegeln  der  Höflichkeit 
antworten  könnte.  Viel  weniger  könnte  er  Jedermann  helfen ;  wollte  er  so 
höflich  und  gutherzig  sein,  wie  es  die  Leute  verlangen,  so  würde  er  keine 
Zeit  haben,  sich  mit  seinen  eigenen  Angelegenheiten  zu  befassen,  und  wäre 
bald  selbst  so  arm,  wie  die  Petenten,  die  sich  schaarenweise  an  ihn  wenden. 
Trotzdem  er  es  sich  also  zum  Princip  hatte  machen  müssen,  die  meisten 
derartigen  Briefe  unbeantwortet  zu  lassen,  macht  er  doch  mit  unserem  Un- 
bekannten eine  Ausnahme,  indem  er  ihm  nicht  nur  ein  Erwiderungsschreiben, 
sondern  auch  noch  die  wahrscheinlich  erbetenen  —  5000  fl.  schickt. 

Es  folgt  nun  vom  Jahre  1833  an  eine  grosse  Zahl  von  Briefen, 
welche  sich  mit  der  zuerst  von  Stefan  Szechenyi  inscenirten  Sprengung  des 
Eisernen  Thores  beschäftigen.  Am  23.  Juli  1833  schreibt  er  an  die  Berg- 
werksdirection  in  Semlin,  dass  er,  von  der  «allerhöchsten  Regierung»  nut 
dem  Auftrag  der  Kegulirung  des  Eisernen  Thores  betraut,  um  Ingenieure 
und  «geschickte  Bergleute,  die  mit  Felsensprengungen  vertraut  sind,»  bitten 
müsse.  Im  Sommer  desselben  Jahres  erblicken  wir  schon  den  genialen  In- 
genieur Paul  Väsärhelyi  an  der  Arbeit.  Wir  sehen,  wie  Szechenyi  sich  vor 
dem  Wissen  und  Können  des  simpeln  Mannes  beugt  und  Alles  thut,  um  ihm 
seine  Stellung  sowohl  politisch  wie  materiell  zu  erleichtem.  Szechenyi  leitet 
aus  der  Feme  das  grosse  Werk  mit  dem  ganzen  Aufwände  seiner  Diplomatie 
und  mit  rastlosem  Feuereifer. 

In  welchen  geringfügigen  Dimensionen   und  mit  wie   bescheidenen 


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GRAF    STEFAN    8ZECHENYI  S   BRIEFE. 


123 


Mitteln  damals  gearbeitet  wurde,  davon  sollen  zwei  kleine  Briefe  Szechenyi's 
an  den  Palatin  Erzherzog  Josef  Kunde  geben. 

L 
Ew.  k.k.  Hoheit! 
Durchlauchtigster  Herr  Erzherzog! 
An  den  Wegen  längs  der  Donau  von  Plavischevitza  abwärts  wurde  nach 
Bericht  des  dirigirenden  Ingenieurs  von  Väsärhelyi  den  vergangenen  Winter  mit 
grossem  Erfolge  gearbeitet. 

Die  Gelder  sind  aber  erschöpft,  weswegen  ich  mir  die  Freiheit  nehme  Ew. 
kaiserl.  Hoheit  in  aller  Unterthänigkeit  zu  bitten :  Erstens  fünftausend  Oulden 
C.'M.  direct  an  den  obbenannten  Ingenieur  Yäsärhelyi  in  Ofen,  —  fünfzehntaasend 
Gulden  C.-M.  hingegen  an  den  Ingenieur  Wolfram  in  Orsova  gnädigst  zahlbar 
anweisen  zu  lassen,  über  welche  Summen  ich,  sowie  ich  de  dato  27.  Februar  1 835 
meine  Schlussrechnung  für  das  Jahr  1834  eingab,  seinerzeit  Rechenschaft  geben 
werde. 

Ich  lege  mich  Ew.  kaiserl.  Hoheit  mit  dem  Gefühle  der  tiefsten  Ehrerbietimg 
zu  Füssen  und  nenne  mich  mit  dem  Gefühle  der  allertiefsten  Ehrfurcht 

Ew.  kais.  Hoheit 
ganz  unterthänigster  Diener 
Stefan  Graf  Sz^chenyi. 
Preesburg,  5.  März  1835. 

n. 

Ew.  k.k.  Hoheit! 
Durchlauchtigster  Erzherzog ! 
Soeben  erhalte  ich  des  dirigirenden  Ingenieurs  Yäsärhelyi  Bericht,  dass  die 
anter  ihm  stehenden  Arbeiten  mit  gutem  Erfolge  gehen,  die  Geldmittel  aber  wieder 
erschöpft  sind,  weshalb  ich  Ew.  k.  k.  Hoheit  bitte,  gleich  !20,000  Gulden  C.-M.  — 
dass  ich  nicht  sobald  wieder  lästig  fallen  dürfe  —  an  das  Orsovaer  Dreissigst-Amt 
zahlbar  anzuweisen  geruhen  zu  wollen,  der  ich  mich  Allerhöchstdenselben  zu  Füs- 
sen lege  und  mich  mit  der  tiefsten  Ehrfurcht  nenne  Ew.  k.  k.  Hoheit 
Pressburg,  17.  Mai  1835. 

unterthänigster  Diener 
Stefan  Graf  Sz^chenyi. 

Während  der  Beschäftigung  mit  der  grossen  Donau- Afifaire  hat  Graf 
Szechenyi  Zeit,  einen  Agenten  abzufertigen,  der  unbefugterweise  eine  Inter- 
ventionsgebühr für  eine  nicht  vollzogene  Vermittlung  verlangte,  und  wendet 
sich  dann  mit  Eifer  der  Angelegenheit  der  Budapester  Stadtverschönerung 
zu.  Wieder  schreibt  er  einen  sehr  höflichen  und  herzlichen  Brief  an  den 
Stadtmagistrat  um  Ueberlassung  eines  Grundstückes  von  235  Joch  für  den 
Wettrennplatz.  Er  schliesst  die  Eingabe  mit  den  charakteristischen  Worten : 
«Ich  wäre  glücklich,  wenn  ich  dem  löblichen  Magistrat  und  allen  meinen 
Mitbürgern  einen  neuen  Beweis  geben  könnte,  mit  welcher  religiösen  Ge- 
wissenhaftigkeit ich  jenes  Schwures  eingedenk  bin,  den  ich  leistete,  als  ich 
das  Glück  hatte,  zum  Bürger  der  löblichen  Stadt  Pest  erwählt  zu  werden 


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124  GRAF   STEFAN    SZEOHBNYl's   BRIEFE. 

und  dessen  tiefsten  Sinn  ich  so  auffasste :  Alles,  was  in  meiner  Kraft  liegt, 
zur  Entmcklung,  Verschönerung  und  somit  zum  Aufblühen  der  Stadt  und 
zum  Gedeihen  und  Glück  ihrer  Einwohner  beitragen  zu  müssen.» 

Wie  sehr  Szechenyi  mit  dem  Gedanken  der  Verschönerung  Pests  immer 
beschäftigt  war,  beweise  folgender,  an  den  Palatin  Erzherzog  Josef  gerichteter 
Brief  vom  28.  Juni  1835: 

Ew.  k.  k.  Hoheit,  durchlauchtigster  Erzherzog  l 

In  aller  Unterthänigkeit  nehme  ich  mir  die  Freiheit  Ew.  k.  k.  Hoheit  hier 
beigebogen  zwei  Pläne  zu  überreiclien,  die  in  einigem  Zusammenhange  stehen.  Der 
eine  stellt  ausschliesslich  den  Grundriss  des  Unterbaues  für  den  Eiranich  dar ;  der 
andere  hingegen  den  Grundriss  mehrerer  schon  stehenden  Häuser  der  Stadt  Pest 
und  jener  Stellen,  wo  —  meinem  unterthänigsten  Vorschlag  gemäss  —  das  Theater, 
das  Dreissigstamt,  und  im  Einklang  mit  diesem  letzteren  der  Kranich  anzubrin- 
gen wäre. 

Man  kann  sehr  oft,  einem  alten  Sprichwort  gemäss,  mit  einem  Stein  mehrere 
Würfe  machen,  und  hier  scheint  der  Fall  in  der  That  einzutreffen,  denn  sollte  der 
von  mir  vorgeschlagene  Plan  von  Ew.  k.  k.  Hoheit  huldreichst  genehmigt  werden, 
so  wird : 

1 .  ein  Schritt  vorwärts  gethan,  um  die  zwischen  den  beiden  Städten  Ofen  und 
Pest  stehenden  Donau-Ufer  zu  reguliren. 

2.  ein  Iheissigstamt  wird  erbaut,  das  schon  seiner  LokaUtät  zufolge  weit 
passender  sein  wird,  als  das  jetzige,  und  durch  dessen  zweckmässige  Anordnung 
ohne  Zweifel  den  Anfordenmgen  der  jetzigen  Zeiten  und  Bedürfnisse  weit  naher 
gebracht  werden  könnte  als  das  jetzige  ist 

3.  Anstatt  des  jetzigen  Dreissigstamtes  entstünde  in  Mitte  von  so  vielen 
schönen  Häusern  gleichfEills  ein  schönes  Haus,  wohin  —  besonders  den  Josef- 
Ftatz  berücksichtigend  —  das  heutige  Dreissigstgebäude  wirklich  nicht  mehr  sehr 
zu  passen  scheint. 

4.  Es  würde  für  ein  ungarisches  Theater  ein  Terrain  angewiesen  werden 
können,  auf  welchem  mit  der  Zeit  und  nach  Umständen  ein  solches  Theater  erbaut 
werden  könnte.  Und  dies  wäre  eine  (}abe,  welche  die  Dankbarkeit  der  ganzen  Nation 
aufs  bestimmteste  zur  Folge  hätte. 

Es  handelt  sich,  die  Sache  zu  beginnen,  die  wohl  nicht  anders,  als  bei  der 
Erbauung  des  Dreissigstamtes  ihren  AnfiEmg  nehmen  kann.  Diesen  Bau  wünschte 
ich  aber  auf  eigene  Kosten  unter  folgenden  Berücksichtigungen  zu  übernehmen 
und  je  ehestens  zu  beginnen. 

a)  Es  werde  von  Seite  der  kön.  img.  Hofkammer  mir  ein  Plan  vorgelegt, 
nach  welchem  das  neue  Dreissigstamt  —  auf  dem  Grunde  vor  dem  Kardetter-  und 
Varga' sehen  Hause  erbaut  werden  sollte. 

h)  Die  kön.  ung.  Hofkammer  wolle  die  Summe  aussprechen,  für  welche  sie 
das  jetzige  Dreissigstamt  —  nach  gänzlicher  Vollendung  des  neuen  Dreissigst- 
amtes —  mir  überlassen  würde,  —  und  ich  werde 

c) je  nach  dem  kostbaren  oder  minder  kostbaren  Gebäu,  das  die  kön. 

ung.  Hofkammer  in  dem  neu  zu  erbauenden  Dreissigstamte  zu  haben  wünscht, 


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ORAF   STEFAN    8Z]£0HENTI*S   BKIEPB.  ^^^ 

meine  Bereohnimg  einreiohen,  ans  der  sich  die  Balance  ergeben  wird,  welche 
Summe  ich  von  Seite  der  kön.  nng.  Hofkammer,  zu  meiner  Schadloshaltung,  mit 
Klligkeit  anzusprechen  hätte. 

d)  Da  indess  das  Wort  Billigkeit  nicht  hinlänglich  definirt  ist,  so  erkläre  ich 
hiemit,  dass  ich  nach  rechtlicher  Schätzung  des  jetzigen  Dreissigstamtes  und  dem 
authentischen  Eostenüberschlag  des  neu  zu  erbauenden  zufrieden  sein  werde,  wenn 
ich  das  ausgelegte  Qeid  k  4  Perzent  verzinset  werde  haben,  sollte  diese  Summe 
noch  so  bedeutend  sein,  —  was  ich  hoffe ;  denn  es  wäre  schade  —  wenn  man  nur 
halbwegs  die  Entwickelung  der  Stadt  Pesth  vor  den  Augen  hat  —  an  den  Ufern 
der  Donau  ein  mesquines  Dreissigstamt  aufzubauen ;  wie  ich  meinerseits,  an  die 
Stelle  des  jetzigen  Dreissigstamtes,  auch  ein  nobles  Gebäude  aufzuführen  gedenke. 

Die  Ursache,  die  mich  bewog,  Ew.  k.  Hoheit  den  soeben  auseinandergesetzten 
Vorschlag  zu  unterbreiten,  beruhet  beiläufig  auf  Folgendem : 

1.  Wttnsche  ich  meinerseits,  so  viel  es  in  meinen  Kräften  stehet,  zur  Ver- 
schönerung der  Stadt  Pesth  beizutragen,  wo  ich  bereits  so  lange  lebte,  und  wo  ich 
wahrscheinlich  mein  Leben  beschUessen  werde. 

2.  Qlaube  ich  die  mir  zu  Gebote  stehenden  Gelder  auf  keine  schlechte  Hypo- 
theke  zu  steUen,  wenn  ich  solche  in  Pesther  Häuser  investire,  —  und  dass  diese 
Sicherheit  die  geringere  Beute  in  Gleichgewicht  setzt,  die  überdies  mit  der  Zeit 
höchst  wahrscheinlich  wachsen  dürfte. 

3.  Fühle  ich  mich  einigermassen  verpflichtet,  auf  Höchstdero  Gnade  bauend* 
eine  passende  Stelle  zur  Erbauung  eines  ungarischen  Theaters  auszumitteln,  da 
ich  —  wie  Ew.  k.  Hoheit  bewusst  —  in  der  Congregation  des  Pesther  Comitats 
den  Bau  eines  Theaters  auf  der  Eerepescher  Strasse  hinderte.  Auch  ist  seit  der  Zeit 
das  Auge  des  Publikums  auf  mich  gerichtet,  und  ich  würde  viel  in  der  allgemeinen 
Achtung  verlieren,  wenn  ich  in  dieser  Angelegenheit  nichts  gethan,  als  nur  gehin- 
dert haben  würde ;  weshalb  ich  auch  jene  Opfer,  die  mit  der  Erbauung  zweier  gros- 
sen, nur  4  Prozent  tragenden  Gebäude  verbunden  sind,  zu  bringen  bereit  bin. 


n. 

In  den  Jahren  1835 — 40  concentriren  sich  für  den  anermädlich  thä- 
tigen  Nationaltribunen  die  wichtigsten  Angelegenheiten :  die  erste  ständige 
Brücke  zwischen  Pest  und  Ofen,  die  allmälige  Schaffung  einer  Donau- 
Dampfschifffahrt,  in  Verbindung  damit  die  Stromregulirung^  endlich  die 
Errichtung  des  ersten  ständigen  Nationaltheaters  in  Pest. 

Es  ist  doch  traumhaft,  zu  denken^  dass  vor  kaum  mehr  als  einem 
halben  Säcnlum  Pest  und  Ofen  zwei  ganz  getrennte  Welten,  Ofen  ein  Dorf 
und  Pest  eine  armselige  Handelsfactorei  war,  dass  damals  der  grosse,  länder- 
verbindende Strom  noch  jungfräulich,  ohne  das  Eheband  einer  stabilen 
Brücke,  ohne  mit  dem  reichsten  Getreidesegen  auf  schnellsegelnden  Schiffs- 
coloBsen  belastet  zu  sein,  dahinbrauste,  eine  zweck-  und  ziellose  Naturkraft, 
die  der  Ungar  so  wenig  zu  benützen  wusste,  wie  so  vieles  Andere,  was  in 
dem  Schoss  seiner  JErde  sich  barg,  und  wie  er  es  auch  heute  noch  lange  nicht 


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126  GRAF   STEFAN   SZÄOHENYI*S   BBIBPB. 

genug  auszubeuten  weiss.  Es  ist  traumhaft  zu  denken^  dass  die  heute  so 
riesig  entwickelte,  nach  allen  Himmelsrichtungen  unabsehbar  ausgreifende 
Stadt  durch  das  Handelsstandsgebäude  und  durch  das  Hatvaner  Thor  be- 
grenzt war,  und  dass  Szechenyi  vor  der  heute  so  schön  aufblühenden  Eere- 
peserstrasse  einen  wahren  Ekel  besass  und  so  lange  er  konnte,  gegen  die 
Benützung  des  Grassalkovich 'sehen  Grundes  zu  einem  Theaterbau  an- 
kämpfte. Und  selbst  innerhalb  dieses  engbegrenzten  städtischen  Gemein- 
wesens war  noch  keine  Spur  von  monumentalen  Baulichkeiten,  von  com- 
munaler  Sorgfalt  in  allen  Fragen  der  Gesundheit  und  des  Wohllebens.  Und 
wie  gestaltete  sich  dies  Alles  nun  unter  der  rastlosen  Energie  und  dem 
Schönheitssinn  Szechenyi's !  Man  kann  nicht  dankbar  genug  das  Andenken 
dieses  Mannes  hüten,  der  Pest  eine  Akademie,  ein  Casino,  die  wundervolle 
Kettenbrücke,  den  Donauhafen  und  die  Schiflfswerfte  gab  und  endlich  auch 
zur  Errichtung  des  ersten  ständigen  ungarischen  Theaters  in  Pest  beitrug. 
Und  dieser  Aufstieg  der  Budapester  Stadtschönheit  aus  den  Wellen  der 
Donau  begann  erst  gestern,  vor  kaum  mehr  als  einem  halben  Säculum ! 
Welcher  Traum ! 

Lehrreich  ist  aber  der  soeben  veröffentlichte  Briefwechsel  Stefan  Sze- 
chenyi's  schon  darum,  weil  er  uns,  wir  mögen  von  der  Kraft  des  Genies 
halten  so  viel  wir  wollen,  doch  wiederum  nur  beweist,  dass  nach  den  Griechen 
odie  Götter  vor  alles  Gute  den  Schweiss  gesetzt  haben.»  Man  glaube  ja  nicht, 
dass  dem  Grafen  Szechenyi  Alles  mühelos  gelang  !  Nein,  wir  sehen  es  un- 
widerleglich vor  uns,  dass  er  gekämpft  und  gerungen,  gefürchtet,  gehofft, 
gebetet  und  gearbeitet  hat,  wie  der  gewöhnUchste  Sterbliche,  der  alle  seine 
Sehnen  anspannen  muss,  um  das  tägliche  Brot  zu  verdienen.  Nur  in  den 
Zielen,  in  den  Gedanken  war  Szechenyi  genial,  in  der  Ausführung  war  er 
ein  so  tapferer,  unverdrossener  Arbeiter,  wie  jeder  Andere.  Wenn  dieser 
Briefwechsel  keine  andere  Wirkung  haben  sollte,  als  unsere  für  das  öffent- 
liche Wohl  wirkenden  Kräfte  anzufeuern  und  sie  in  ihrem  oft  dornenvollen 
Wirken,  auf  den  häufig  unentwirrbaren  Wegen  des  Schicksals  in  ihrer  Mission 
zu  bestärken,  so  wäre  Wohlthat  genug  damit  geübt.  Etappe  für  Etappe  legt 
sich  das  Wirken  des  grossen  Reformators  vor  uns  aus  und  wir  ziehen  die 
heilsame  Nutzanwendung  daraus,  dass  die  grössten  Entfernungen  am  sicher- 
sten durch  die  kleinsten  Schritte  zurückgelegt  werden. 

Es  ist  geradezu  rührend,  die  vielen  Einladungsbriefe  zu  lesen,  welche 
Szechenyi  höchst  eigenhändig  an  eine  Anzahl  von  Casino- Mitgliedem 
schreibt,  deren  Beitrag  abgelaufen  ist,  und  die  er  zu  einer  erneuerten  Bei- 
tragsleistung  für  weitere  sechs  Jahre  auffordert.  An  Jeden,  selbst  an  ihm 
Unbekannte,  schreibt  er  ganz  besonders,  er  variirt  seinen  Styl  und  gibt  jeder 
Epistel  eine  neue  Dosis  von  aus  dem  Herzen  kommender  Beredsamkeit. 
Als  echter  Reformator  gebietet  er  über  alle  Tonarten,  er  bittet,  schmeichelt, 
malt  goldene  Berge,  lobt  das  Geschehene,  feuert  zum  Zukünftigen  an,  packt 


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ORAF   Sl-BPAN  SZ^jÄOHENYl's   BRIEFE.  127 

Jeden  bei  seiner  persönlichen  Schwäche.  Es  liegt  etwas  unendlich  Liebens- 
würdiges in  diesen  Briefen,  die  ein  grosser  Mann  schreibt  um  einer  kleinen, 
aber  ihm  liebgewordenen  Aufgabe  willen.  Auch  sein  Factotum  Tasner,  dem 
er  allerlei  Kosenamen :  «Old  Tasnert  etc.  gibt,  und  dem  er  gewöhnlich  in 
einem  humoristischen,  aus  allen  Sprachen  zusammengesetzten  Kauderwelsch 
schreibt,  belehrt  er  darüber,  dass  wenn  man  die  Leute  für  seine  Zwecke 
gewinnen  wolle,  man  Jeden  solo  fassen  und  die  schablonenhaften  Girculare 
vermeiden  müsse. 

Doch  das  Gasino  war  eine  nebensächliche,  wenn  auch  ihm  sehr  lieb- 
gewordene Angelegenheit  neben  der  grossen  A£faire  der  stabilen  Donaubrücke 
zwischen  Pest  und  Ofen.  Man  weiss,  einen  wie  grossartigen  politischen 
Hintergrund  Szechenyi  der  Brückenfrage  gab.  Obzwar  ein  echter  Aristokrat, 
war  der  Graf  doch  ein  glühender  Feind  des  Feudalismus,  in  welchem  er  das 
Grab  der  nationalen  Wohlfahrt  sah.  Ein  materielles  Aufblähen  des  Landes, 
eine  moderne  Volkswirtschaft  war  nur  möglich,  wenn  das  Feudalsystem, 
wenn  die  Privilegien  gebrochen  wurden.  Wie  traumhaft,  dass  in  Ungarn  vor 
kaum  mehr  als  fünfzig  Jahren  das  Steuerzahlen  als  entehrend  für  den  Edel- 
mann, nur  gut  für  die  bäuerliche  und  bürgerliche  Canaille  betrachtet  wurde. 
Durch  den  Brückenzoll  sollte  der  ungarische  Adel  zum  ersten  Mal  an  die 
Gleichheit  der  Tragung  der  Staatskosten  gewöhnt  werden ! 

Mit  unsäglichen  Mühen  kam  Szechenyi  in  dieser  Frage  vorwärts.  Erst 
die  Stände,  dann  die  Magnatentafel,  die  Wiener  Begierung  gewinnen  und 
mit  den  zwei  Municipien  Pest  und  Ofen  sich  herumschlagen,  so  viele  Leute 
unter  einen  Hut  bringen  —  dazu  gehörte  wahrlich  ein  prophetischer  Mut. 
Weit  mehr  noch  als  heute  war  der  Ungar  damals  gegen  jeden  Fortschritt 
verstockt,  der  ihm  förmlich  aufgezwungen  werden  musste ;  weit  mehr  noch 
als  heute  scheute  man  vor  jeder  Neuerung  zurück;  weit  ärger  noch  als  heute 
hauste  der  Gantönligeist  und  das  Philistertum  in  Stadt  und  Land.  Ganz  ab- 
scheuhch  waren  die  Verkehrsverhältnisse  in  Pest  und  Ofen.  Man  sollte 
meinen,  dass  ein  Stadtmagistrat  mit  Freuden  die  Gelegenheit  ergriffen  hätte, 
die  Misere  einer  Schiffbrücke  über  den  grossen  Strom  zu  beseitigen.  Die 
heutige  Generation  der  Hauptstadt,  welche  drei  wunderbare  stabile 
Brücken  besitzt  und  noch  eine  vierte  und  fünfte  begehrt,  wird  sich  kaum 
mehr  eine  Vorstellung  von  der  Jänunerlichkeit  einer  Schiffbrückenverbin- 
dung machen  können.  Man  muss  nach  Gran  oder  Komorn  gehen,  um  zu 
ermessen,  wie  entsetzlich  tödtend  der  Winter,  der  eine  Schiffbrücke  unmög- 
lich macht,  auf  Handel  und  Verkehr  wirkt.  Die  ganzen  Uferstädte  liegen  da 
im  Winterschlaf.  Es  ist  demnach  kaum  zu  fassen,  dass  gerade  Magistrat 
und  Bepräsentanz  der  Stadt  Pest  sich  aus  allen  Kräften  gegen  die  Beseiti- 
gung der  Schiffbrücke  sträubten.  Mit  Ofen  war  Szechen}^  bald  fertig,  der 
Widerstand  von  Pest  war  aber  kaum  zu  besiegen.  Zahllos  sind  die  Klagen, 
welche  Szechenyi  ausstösst,  er  verwünscht  die  Stadt  und  sich,  er  verzweifelt 


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1^^  GRAF  STEFAN   SzioHENTl's   BRIEFE. 

und  hofft  wieder,  flucht  wie  ein  Besessener  —  kurzum^  die  Bräckenangele- 
genheit,  welche  zehn  Jahre  später  die  Ideen  Szechenyi's  zum  glänzendsten 
Siege  führen,  Pest  in  die  Beihe  der  sehenswürdigen  Städte  einführen  sollte, 
hat  dem  genialen  Seher  viele  Jahre  der  Buhe  geraubt  und  ihn  zum  Spiel- 
ball der  Bomirtheit  und  philisterhaften  Bosheit  gemacht. 

Merkwürdig,  dass  dieser  Mann,  den  man  gern  zum  psychiatrischen 
Gegenstände  machen  möchte  und  der  doch  nach  diesen  Briefen  so  logisch 
dachte  und  handelte,  dass,  wenn  dies  Wahnsinn  heissen  sollte^  man  sofort 
die  banale  Gesundheit  des  Gehirns  dagegen  eintauschen  möchte^  merk- 
würdig ist  es,  sagen  wir,  dass  dieser  Mann  in  den  tüchtigsten  Arbeitsjahren 
von  1835 — 1 840  auch  einen  geradezu  ausgelassenen  Humor  besass,  der  sich 
in  dem  burschikosen  Ton  so  vieler  seiner  Briefe  äussert.  Er  schien  sich 
recht  wohl  zu  fühlen  im  Kämpfen,  Bingen,  Arbeiten.  Es  war  dies  auch  die 
glücklichste,  die  Wonnezeit  seines  Lebens.  Er,  der  sich  so  lange  gegen  das 
Ehejoch  gesträubt,  er,  der  Tasner  mutwillig  vor  der  Heirat  und  vor  dem 
Verlassen  des  Junggesellenstandes  warnt,  er  ist  der  Gefongene  Amors  ge- 
worden, er  hat  den  treuesten  Altar  der  Liebe  in  der  Zeit  errichtet,  da  er  die 
Gräfin  Zichy  heimführte.  Dithyrambisches  Jauchzen  hört  man  aus  den 
Zeilen  dieser  Briefe  heraus.  Die  Bösen  standen  der  lorberbekränzten  Stime 
so  wohl ! 

Die  Ehe  macht  den  Grafen  Sz^chenyi  nicht  müssig,  sie  stachelt  viel- 
mehr seine  Kräfte.  Mehr  als  je  macht  ihm  die  Errichtung  und  Vervoll- 
kommnung der  Donau- Dampf  schiff  fahrt,  die  aus  so  winzigen  Anfängen 
entstand,  zu  schaffen.  Die  Sprengungen  am  Eisernen  Thor  nehmen  seine 
ganze  Aufmerksamkeit  in  Anspruch  und  sein  diplomatischer  Verkehr  mit 
Wien,  Ofen,  Belgrad,  Constantinopel  lässt  uns  seine  Gewandtheit,  Vielsei- 
tigkeit und  sein  praktisches  Wirken  bewundem. 

Zwischen  den  grossen  politischen  und  commerziellen  Plänen  vergisst 
Szechenyi  der  Musen  niemals.  Er,  der  die  Akademie  mit  Verschenkung  eines 
ganzen  Jahreseinkommens  gegründet,  freut  sich  der  ersten  Talentproben 
auf  dem  Gebiete  der  Malerei,  begrüsst  Barabäs  und  ist  beglückt,  ungarische 
Architekten  und  Baumeister  beim  Bau  des  ersten  ständigen  ungarischen 
Theaters  in  Pest  verwenden  zu  können. 

Mit  richtigem  Blicke  hatte  Sz6chenyi  in  dem  Gultus  der  Musen  eine 
wichtige  nationale  Mission  erkannt.  Er  war  es,  der  die  ersten  Schritte  beim 
Landtag,  beim  Comitat,  beim  Erzherzog  Josef  that,  um  in  Pest,  das  bisher 
nur  der  deutschen  Muse  ein  stattliches  Heim  geboten  hatte,  ein  Centrum 
ungarischer  Kunst  zu  schaffen.  Nur  Klausenburg  hatte  damals  schon  ein 
stabiles,  für  jene  Zeiten  ziemlich  stattliches  Gebäude.  Die  Hauptstadt  sollte 
nach  fünfzehn  Jahren  erst  nachhinken.  Nach  Szechenyi*s  Idee  sollte  das 
Nationaltheater  an  das  Donau-  Ufer  gebaut  werden.  Er  hatte  demnach  den- 
selben Gedankengang,  der  in  viel  späterer  Zeit  die  Verlegung  des  Parla- 


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GEAP   STEFAN   BZ6cHJSfrn'B  BBIBFß.  ^^ 

mentspalastes  vor  die  QijiaiBtufen  zur  Folge  hatte.  Szechenyi  erwirkte,  daas 
der  Paiatin  Josef  zu  Zwecken  eines  Theaters  einen  Grund  am  Donau-Ufer, 
ungefähr  wo  heute  der  Eötvös-Platz  ssu  finden  ist,  und  zwar  einen  freiste- 
henden Grund  von  etwa  700  Quadratklalter  Umfang  anwies.  Szechenyi 
selbst  subskribirte  10.000  Gulden  unter  der  Bedingung,  dass  das  Theater 
auf  diesen  Grund  gebaut  werde,  den  er  nach  der  damaligen  Lage  und  Ent- 
wicklung der  Stadt  für  den  passendsten  hielt.  Viel  Unmut  fiösate  ihm 
jedoch  der  Verlauf  dieser  Angelegenheit  ein.  Stadt  und  Gomitat  suchten 
ihm  die  Initiative  zu  entwinden,  Grassalkovich  schenkte  den  heutigen  Grund 
vor  dem  Hatvaner  Thor,  das  Land  votirte  400.000  Gulden  für  den  Bau  und 
Szechenyi,  der  in  Paris  die  umfassendsten  Planstudien  hatte  vornehmen 
lassen,  blieb  mit  seinen  Absichten  allein.  Fürder  sehen  wir  Szechenyi  sich 
nicht  mehr  um  das  Theater  kümmern,  aber  unstreitig  gebührt  ihm  das 
Verdienst  der  Initiative  auch  hierin  und  sein  durchdringender  Seherblick 
wurde  glänzend  gerechtfertigt  durch  die  ausserordentUch  bedeutsame,  ja 
nahezu  entscheidende  Bolle,  welche  unser  Nationaltheater  in  der  Geschichte 
Budapests,  sowie  der  gesammten  ungarischen  Gultur  gespielt  hat. 


HL 

In  der  letzten  Hälfte  des  vorliegenden  Bandes  seiner  Briefe  sehen  wir 
Szechenyi  vorzugsweise  mit  der  Finanzirung  der  Kettenbrücke  beschäftigt. 
Wie  langsam  gingen  damals  alle  ungarischen  Angelegenheiten !  Am  23.  Sep- 
tember 1836  schreibt  Szechenyi  an  den  Weg-  und  Brückenbau-Commissär 
Friedrich  Schnirch:  •  Nach  unsäglicher  Mühe  von  Yier  Jahren  ist  es  mir 
gelungen,  ein  Gesetz  zu  erhalten,  nach  welchem  auf  der  zu  erbauenden 
Brücke  Jedermann  zu  zahlen  habe.  Hiedurch  sind  wir  quasi  in  einer  sicheren 
Revenue  von  200,000  fl.  C.-M.  Man  sollte  also  glauben,  dass  man  ohne  Wei- 
teres anfangen  sollte  etc.  Weit  gefehlt !  Es  muss  noch  und  noch  und  noch 
abgedroschen  werden.» 

Nun,  und  zum  Dreschen  hatte  wahrlich  Szechenyi  Mut  und  Geduld 
genug.  Dauerte  es  doch  abermals  drei  Jahre,  bis  er  die  Finanzirung  der 
Brücke  durch  Baron  Georg  Sina  gesichert  hatte. 

Die  Briefe  an  Georg  Sina  sind  die  piece  de  resistance  der  zweiten 
Hälfte  dieses  Bandes.  Viel  wichtige  Erkennungszeichen  für  den  Charakter 
und  die  Handlungsweise  des  Grafen  Szechenyi  finden  sich  darin.  Zuerst 
klopft  unser  Patriot  schüchtern  bei  Baron  Sina  an.  Schon  der  erste  Brief,  in 
welchem  der  ungarische  Patriot  sein  Lieblingsproject  dem  Wiener  Finanz- 
potentaten anträgt,  ist  bezeichnend  genug.  Er  lautet  : 


üngariselM  Bama,  XI.  1891.  11.  Heft. 


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130  GRAF   STEFAN    SZÄOHENYI*S   BRIEFfi. 

Czenk,  18.  Oktober  1836. 

Mein  sehr  hochgeachteter  Freund  I 

«Hier  beigebogen  sende  ich  Ihnen  ein  Schreiben,  das  Sie  die  Güte  haben 
wollen  einstweilen  zu  beherzigen,  bis  mir  das  Vergnügen  werden  wird,  mich  Ihnen 
persönlich  vorzustellen,  wenn  ich  sodann  über  ADes  nähere  Auskunft  zu  geben  mir 
vorbehalte.  Ich  bitte  um  nichts,  als  dass  Sie  dem  in  Frage  stehenden  Gegenstand 
etwas  Zeit  gewinnen  und  ihn  mit  kaüem  Blut  prüfen  inögen, 

Untersuclien  kostet  nichts  —  und  es  dürfte  sich  zeigen,  dass  während  Millio- 
nen und  Millionen  in  England  und  auf  dem  Kontinent  unzweckmässig  und  unfrucht- 
bringend zersplittert  werden  —  der  Bau  einer  Brücke  zwischen  Ofen  und  Pest  eine 
der  nützlichsten  Unternehmungen  wäre,  die  man  nur  ergreifen  könnte ;  und  zwar : 
nützlich  für  den  Staat  im  höheren  Sinne,  weil  durch  dessen  Bau  das  Princip  des 
gleichförmigen  Zahlens  auf  Strassen  und  Communicationen  aller  Ai-t  in  Ungarn  auf 
immer  begründet  wäre,  ohne  dem  dieses  Land  sich  nie  entwickeln  kann ;  aber  auch 
nützlich  für  den  immediaten  Handel  des  Landes  und  die  Verbindung  der  beiden 
Städte,  —  und  endlich  tivarzugsweise  nützlich ßlr  die  Unternehmer,* 

Ich  gedenke  gegen  den  24.  d.  in  Wien  einzutreffen,  wann  ich  dann  nicht 
säumen  werde,  an  Ihre  Thüre  anzuklopfen.* 

Artiger  und  zugleich  gescbäftsmässiger  hat  wohl  noch  kein  Graf  einer 
Finanzmacht  geschrieben.  Bald  vereinigt  sich  Szechenyi  mit  Kappel,  Koväcs 
und  Tüköry,  um  Sina  direct  und  ausdrücklich  zu  ersuchen,  sich  an  die 
Spitze  der  Brückenbau-Unternehmung  zu  stellen.  Es  ist  gewiss,  dass  der 
Baron  durchaus  nicht  so  hitzig  dreingehen  wollte.  Wenigstens  kommt  Sze- 
chenyi in  einem  Brief  an  Sina  vom  15.  Jänner  1837  abermals,  und  zwar 
sehr  dringend  auf  diesen  Gegenstand  zurück.  Obzwar  Sina  ihm  schon  münd- 
lich die  Durchführung  der  Angelegenheit  zugesagt  hatte,  wünscht  Szechenjd 
doch  durchaus  eine  «an  alle  Viere  gerichtete  baldmöglichste  geneigte  Ant- 
wort». Charakteristisch  ist  folgende  Stelle  dieses  urgirenden  Briefes: 

•Sie  beschuldigen  mich,  dass  ich  mich  nicht  fest  an  Sie  gehalten,  sondern 
auch  in  die  Arme  Anderer,  wie  der  Freiherm  v.  Eskeles,  Pereira  und  Herrn  Ulimann 
geworfen  hätte.  Sie  thuen  mir  aber  Unrecht;  denn  vor  allen  anderen  braucht  das  in 
Frage  stehende  Unternehmen  —  welches  auf  guter,  gesunder  Grundlage  basirt 
ist  —  durchaus  keines  so  ängstlichen  Anbietens,  imd  sodann,  weil  Niemand  besser 
weiss,  als  ich,  wie  vom  Ziel  führend  jeder  Concurs  und  jede  Aemulation  bei  Unter- 
nehmen v<m  so  grossem  Belange,  wie  das  in  Frage  stehende,  zu  sein  pflegt  Wenn 
ich  aber  als-  Vorsitzer  der  Landes-Subdeputation  von  Leuten  wie  Baron  Eskeles, 
Pereira  etc.  angegangen  werde,  was  soll  ich  thun  ?  sie  geradezu  rebutiren  9  ich,  der 
ich  durchaus  keine  Vollmacht  dazu  habe,  nnd  die  Verantwortung  solches  willkür- 
lichen Verfahrens  in  einer  Sache  nie  auf  mich  nehmen  wollt«,  über  welche  einzig 
und  allein  die  reichstägige  Deputation  zu  entscheiden  hat.  Setzen  Sie  sich  in  meine 
Lage,  und  urteilen  Sie  über  mich  gerecht ;  vor  allen  anderen  aber  lassen  Sie  mich 
nicht  in  diesem  paralitischen  Zustande,  in  welchen  Sie  mich  versetzt  haben  !• 


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GRAF   STEFAN   SZÄCHBNYl's   BBIBFE.  131 

Szechenyi  schreibt  aber  noch  an  demselben  Tage  an  den  Grafen  Anton 
Mailäth  nach  Wien :  Sina  nehme  eine  zweideutige,  schwankende  Stellung 
ein  und  Mailäth  sollte  allen  Einfluss  auf  den  Baron  aufbieten^  damit  dieser 
endlich  «losschiesse  und  sich  als  Unternehmer  mit  dem  Erzherzog  Palatin 
und  der  Begnikolar-Deputation  in  Verbindung  setzet.  Es  scheint  jedoch^ 
dass  Baron  Sina  zu  jenen  Zauderern  in  Geschäftssachen  gehörte,  die  vor 
lauter  Aengstlichkeit,  vor  lauter  Sucht  nach  Garantien  und  Furcht  vor 
möglichem  Verlust  lange  zu  keinem  Entschluss  kommen  können.  So  that 
zwar  Baron  Sina,  wozu  ihm  Graf  Szechenyi  geraten  hatte,  er  wendete  sich 
mit  einer  Eingabe  an  den  Erzherzog  Palatin,  dieser  aber  war  von  dem  Ton 
der  Eingabe  durchaus  nicht  erbaut  und  äusserte  sich  zu  Szechenyi,  dieselbe 
wäre  weder  schwarz  noch  weiss,  und  es  solle  ihm  Leid  thun,  wenn  er  Sina, 
den  er  sonst  schätze,  die  Unternehmung  nicht  übertragen  könne.  Nun  gerät 
Szechenyi  ins  Feuer  und  bombardirt  Sina  mit  Concepten,  Calculationen, 
Batschlägen,  er  beschwört  ihn,  der  Goncurrenz  bei  diesem  brillanten  Ge- 
schäfte nicht  Zeit  zu  lassen  und  ihn,  den  Grafen  Szechenyi  nicht  zu^blamiren. 
Zum  Ueberfluss  trägt  ihm  Graf  Szechenyi  noch  sein  ganzes  flottes  Vermögen 
von  300,000  fl.  als  Einlage  zum  Brückenbau  an. 

Endlich,  nach  wiederholten  Urgenzen,  liess  sich  Baron  Sina  herbei, 
eine  bestimmte  Erklärung  abzugeben.  Am  13.  April  1837  bestätigt  Szechenyi 
den  Erhalt  der  «im  Ganzen  vortrefflichen  Eingabe.»  Am  25.  April  gedenkt 
er  Baron  Sina  in  Wien  aufzusuchen,  um  ihm  «einige  kleine  Bemerkungen 
mündlich  vorzutragen,  i 

Nun  ist  also  Sina  der  erklärte  Mann  Sz^chenyi*s  und  dieser  beweist 
fortan  der  Goncurrenz  gegenüber,  dass  er  seinem  Geschäftsgenossen 
unter  allen  Umständen  treu  bleiben  will.  Man  lese  nur,  was  er  schon  am 
11.  Juni  1837  an  den  Erzherzog  Palatin  schreibt: 

«Herrn  Wodianers  « Gross! landlungshäusen  sind  heute  durch  eine  neue  Ein- 
gabe an  das  Tageslicht  gekommen.  Diese  werde  ich  Ew.  k.  k.  Hoheit  Morgen,  so 
bald  sie  dictirt  ist,  einzusenden  die  Ehre  haben.  Bis  dahin  nehme  ich  mir  die  Frei- 
heit, Ew.  k.  k.  Hoheit  die  Unterzeichneten  hier  anzuführen : 

Woilianer  Samuel  ^s  fia.  Magyari  Imre. 

Ulimann  Möricz  maga  nev^ben.  Bobitsek  Jözsef. 

Ugyanaz  Bär6  Dietrich  Jözsef  nev^ben.     HegedÜa  Zsigmond. 

Grof  ötäray  Albert. 

Bärö  Orczy  György. 

Bärö  ßedl  Imre. 

Premsperger  Päl. 

Jeder  Unbefangene  und  Gutmeinende  würde  leicht  einsehen,  dass  lüer  nur 
•  Hindern*  das  lAmmgswort  ist.  Da  indessen  mit  vieler  Befangenheit  und  vielem 
bösen  Willen  zu  kämpfen  ißt,  so  wäre  meine  Meinung,  anjetzt  nichts  Anderes  zu 
thun,  als  um  Sina  nicid  abzuschrecken,  ihm  auf  eine  gute  Art  beiläufig  so  viel 
zukommen  zu  lassen :  « Scheuen  Sie  eine  solche  Goncurrenz  nicht,  lassen  Sie  Ihre 

9* 


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132  GRAF   STBFAK    SZ^CHENYI^S   BRIEFE. 

Pläne  je  eher  verfertigen,  und  rechnen  Sie  auf  Billigkeit.!  Ob  ich  nun  in  der  Depu- 
tation 80  viel  zu  Wegen  bringen  kann,  bin  ich  nicht  sicher,  bitte  also  Ew.  k.  k» 
Hoheit  unterthänigßt  •helfen  Höchstdieselben  mir  Schwachen.^ 

Baron  Sina  legt  sich  morgen  um  10  Uhr  Früh  Sr.  k.  k.  Hoheit  dem  Erzherzog 
selbst  zu  Füssen.  Ein  solches  Wort  i Lassen  Sie  Ihre  Leute  aus  England  und 
Amerika  ohne  weiters  kommen,  setzen  Sie  sich  über  alle  Concurrenten  hinaus,  und 
überreichen  Sie  ihre  Pläne  baldmöglichst  ohne  Scheu,  und  bauen  Sie  auf  den  Recht- 
sinn einer  allerhöchsten  Eegierung»  würde  auf  jeden  Fall  alles  retten. 

Ich  fürchte  unbescheiden  zu  sein,  Ew.  k.  k.  Hoheit  Höchstdero  kostbare 
Zeit  auch  jetzt  in  Anspruch  zu  nehmen.  Höchstdero  unversiegbare  Güte  hat  mich 
aber  verdorben,  und  meine  Absicht,  ich  kann  es  mit  Selbstgefühl  sagen,  ist  nicht 
unedel.  Ew.  k.  k.  Hoheit  ganz  unterthänigster  Diener 

Graf  Stephan  Sz^chenyi. 

So  eben  bemerke  ich,  dass  ich  auf  bereits  beschriebenes  Papier  diese  Zeilen 
setzte.  Bitte  tausendmal  um  Vergebung.» 

Der  Erzherzog  erwies  sich  als  feste  Stütze  Sz^chenyi's.  Am  nächsten 
Tage  schreibt  dieser  an  Ersteren :  tNach  der  heutigen  Audienz,  die  Baron 
Sina  bei  Ew.  k.  k.  Hoheit  hatte  und  von  der  er  erfreut,  ermutigt  und  ge- 
stählt zurückkehrte,  bin  ich  des  Gelingens  aller  Vorarbeiten  sicher.  • 

Sz^chenyi  war  es,  dank  seiner  Energie  und  Schlauheit,  noch  mehr 
aber  durch  die  Treue  des  Erzherzogs  gelungen,  die  Concurrenz  aus  dem 
Felde  zu  schlagen.  Höchst  realistisch  klingen  die  fröhlichen  Zeilen,  welche 
der  Graf  hierüber  an  Sina  schreibt : 

iihre  Angelegenheit  steht  so  gut  wie  möglich.  Wir  hätten  Wodianer  et  Co. 
oder  eigentlich  Stäray,  Ullmann  et  Co.  ganz  vor  den  Kopf  schlagen  können,  ich 
wollte  es  aber  nicht,  denn  ich  fürchte  mich  ganz  erbärmlich  vor  Beaktionen.  Jetzt 
haben  wir  sie  beseitigt,  und  unsere  Opposition  ganz  gelähmt.  Graf  Stäray  —  da  er 
das  Ganze  nicht  zerfallen  machen  konnte  —  stimmt  jetzt  ein  anderes  Lied  an,  über 
welches  ÜUmann  et  Wodianer  heulen  möchten ;  er  (Stäray)  spielt  nämlich  den  Zufrie- 
denen, den  Retter  des  Vaterlandes.  tWir  haben  unsem  Zweck  erreicht,  unsere. 
Rolle  ist  ausgespielt,  sagt  er,  wir  haben  die  Deputation  in  ihre  Schranken  gewiesen, 
sonst  hätte  sie  ohne  Bedingniss  Alles  dem  Baron  Sina  zugesagt.»  Ullmann  et 
Wodianer  scheinen  aber  mit  dieser  politischen  Demonstration  nichts  weniger  wie 
zufrieden,  und  werden  gewiss  einen  Chef  suchen.  Ich  wunderte  mich  nicht,  wenn 
Rothschild  dennoch  in  dieses  Unternehmen  entrirte.  Es  wäre  unangenehm.  Zeit- 
gewinn ist  alles,  denn  am  Ende  ist  das  Ganze  in  den  Händen  des  Erzherzogs,  und 
dieser  ist  ganz  für  Sie.  Wenn  er  auch  nur  so  lange  lebt,  als  ich  wüni^che !  In  den 
Ausschuss  werde  ich  ausser  Kappel,  Tüköry  imd  Eoväcs,  noch  Andrässy,  PoUak, 
und  wenn  der  Erzherzog  erlaubt,  Väsärhelyi  hineinnehmen,  um  alles  vorzuberei- 
ten. Nun  werde  ich  nächstens  die  Antwort  aufsetzen,  die  Sie  der  Deputation  geben 
müssen,  um  sich  gegen  Eins  und  das  Andere  zu  verwahren,  denn  tqui  tacet,  con- 
sentire  videtur». 

Sz6chenyi  ist  jetzt  wieder  bei  bestem  Humor.  Am  20.  Juni  schreibt  er 
an  den  BaroU;  dieser  möge  seinen  mündlichen  Auftrag,  wonach  er  die  Kosten 


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GBAF   STEFAN    BZ^CHENTl's    BREBFE.  133 

der  Vorarbeiten  a  fond  perdu  zu  tragen  erkläre,  in  einigen  an  den  Präses 
der  Begnicolar-Deputation  gerichteten  Zeilen  wiederholen,  da  er,  Szechenyi, 
ja  sterben  könne  und  dann  hätte  die  Deputation  nichts  in  Händen.  Und  am 
nächsten  Tage  erklärt  er  seinem  «sehr  geachteten  Freunde»  den  Bescbluss 
der  Begnicolar-Deputation  folgendermassen : 

•Es  freuet  mich  täglich  mehr,  mit  Ihnen  zu  thun  zu  haben,  da  ich  aus  Allem 
Hure  Umsicht  und  Ihren  praktischen  Scharfsinn  hervorleuchten  sehe,  ohne  welche, 
man  mag  sagen,  was  man  will,  weder  Kleines,  noch  Grosses  gelingt,  da  Patriotis- 
mus, Seelengrösse  etc.  allein  keineswegs  auslangen. 

Eines  begreife  ich  nicht,  wie  Sie  das  nämlich  verstehen  zu  müssen  glauben, 
was  (^ie  Beicbs-Deputation  Ihnen  und  den  Wodianem  sagte. 

Diesen  sagt  sie :  «Wenn  Eure  Pläne  und  Bedingungen  die  besten  sind,  so 
habt  Ihr  den  Vorzug  •. 

Ihnen  aber:  cWenn  Ihre  Pläne  und  Bedingungen  ebenso  gut  sind,  wie  die 
andern,  so  haben  Sie  den  Vorzug  •. 

Sehen  Sie  durch  diese  Aussage  nicht  die  ganze  Sache  bereits  in  Ihren  Hän- 
den? Ja;  sie  gehört  Ihnen,  wenn  Sie  NB.  bei  Zeiten  zugreifen  und  sich  in  Besitz 
setzen,  was  die  Hauptsache  ist ;  die  Begierung  ist  für  Sie,  der  Erzherzog  ist  für  Sie, 
die  Deputation  ist  für  Sie ;  und  endUch  sind  Sie  der  Mann  der  Vorsehung,  der 
seine  Mission  vollenden,  und  somit  imter  Andern  auch  die  Pesther  Brücke  bauen 
muss.  Also  vorwärts/ 

Ebenso  wie  es  unmöglich  ist,  zu  viel  Umsicht  zu  haben,  so  muss  man  ande- 
rerseits auch  dreiuzuhauen  verstehen,  wie  Sie 's  gewohnt  sind,  also  noch  einmal 
« Vorwärts/ 9  und  erfreuen  Sie  mich  bald  mit  einigen  vollgewichtigen  Zeilen •. 

In  ebendemselben  Briefe  hat  Szechenyi  Zeit,  den  Baron  an  die  ihm 
versprochenen  tausend  Ziganen  zu  erinnern.  Da  Baron  Sina  in  grossen  wie 
in  kleinen  Dingen  ein  schlechtes  Gedächtniss  zu  haben  schien,  so  erinnert 
ihn  Szechenji  kurz  darauf  sowohl  an  die  schriftliche  Erklärung,  als  auch  an 
die  tausend  Zigarren,  von  welchen  er  mit  nächstem  Schiff  Hundert  zuge- 
sendet haben  will,  um  seine  entzündete  Leber  zu  erfreuen. 

Sina  hatte  also  die  Vorarbeiten  zugesprochen  erhalten  und  die  Ver- 
sicherung bekommen,  dass  er  unter  gleichen  Bedingungen  der  Bevorzugte 
sein  werde.  Die  Goncnrrenzpartei  ruhte  aber  durchaus  nicht  und  suchte  sich 
durch  Bothschild  zu  verstärken.  Szechenyi  erwies  sich  auch  fernerhin  als 
guter  Geschäftsmann  und  treuer  Bundesgenosse.  Er  rät  Sina,  die  Actien- 
gesellschaft  möglichst  rasch  zu  formiren.  Einen  dirigirenden  Ausschuss  hatte 
Szechenyi  in  Pest  bereits  gebildet.  Als  leitender  Ingenieur  für  die  Vor- 
arbeiten, dem  auch  der  Brückenbau  übertragen  werden  sollte,  fungirte  der 
Engländer  Gark.  Sz^henyi  verlangt,  Sina  solle  zwei  Kaufleute  herunter- 
schicken, um  die  Preise  der  Materialien  zu  erheben,  damit  Clark  einen 
approximativen  Eostenvoranschlag  machen  könne,  auch  sei  mit  Clark  selbst 
bald  ein  bindender  Vertrag  zu  schliessen.  Der  Graf  bittet  Sina,  vor  der  Grösse 
der  Vorauslagen  nicht  zu  erschrecken,  da  sich  dieselben  bei  der  Grösse  des 


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134  GRAF    STEFAN    SZ^CHENYl's   BRIEFE. 

Unternehmens  leicht  einbringen  Hessen.  Und  nun  hören  wir  Szechenyi  einen 
Ausspruch  thun,  welcher  beweist,  dass  er  in  alle  Unternehmerkniffe  bereits 
eingeweiht  genug  ivar.  Er  schreibt  nämlich  als  Nachschrift  an  den  wahr- 
scheinlich sehr  engherzigen  Baron  Sina :  «Die  Vorauslagen  gewähren  übri- 
gens einen  grossen,  wiewohl  indirecten  Vortheil,  und  zwar  —  dies  bleibe 
aber  unter  uns !  —  dass  sie  viel  Aufsehens  machen,  nicht  controlirt  werden 
können,  folglich  in  dem  Finaltractate  mit  der  Beichsdeputation  man  sie  als 
eine  sehr  grosse  Last  anführen  kann.» 

Etwas  vorsichtiger  drückt  sich  Szechenyi  aus,  indem  er  Sina  die  Bil- 
dung einer  Actiengesellschaft  dringend  empfiehlt.  «Welche  Motive  mich  in- 
dessen bewegen,  diese  Ansicht  zu  haben,  kann  ich  unmöglich  dem  Papier 
anvertrauen ;  ich  muss  sie  mündlich  darstellen,  und  zwar  an  Sie  selbst  oder 
an  Jemanden,  der  Ihr  vollstes  Vertrauen  besitzt  und  der  auch  die  Einleitung 
solcher  Angelegenheiten practisch  versteht!» 

Baron  Sina  scheint  nunmehr  volles  Vertrauen  zum  Grafen  Szechenyi 
gefasst  zu  haben.  Wenigstens  schreibt  dieser  am  10.  September  1837  an 
Erstem:  «Sie  haben  mich  zwar  in  einem  Ihrer  Briefe  auf  das  Schmeichel- 
hafteste mit  Ihrem  grössten  Vertrauen  beehrt  und  mir  eine  grosse  Vollmacht 
eingeräumt,  es  handelt  sich  nun  aber  um  den  Teil  des  Unternehmens,  der 
kaufmännisch  zu  berücksichtigen  kommt  und  da  gestehe  ich  mich  viel  zu 
wenig  competent,  um  allein  ohne  Gontrole  dastehen  zu  wollen.»  Die 
schlimmen  Folgen  des  innigen  Attachements  des  Grafen  an  Sina  sollten 
nicht  ausbleiben;  am  8.  November  1837  schreibt  er:  «Meine  Stellung  ist  als 
Mitglied  der  Landesdeputation  sehr  schwierig,  ich  bekomme  von  allen  Seiten 
Insinuationen  der  niedrigsten  Art:  ich  hätte  mich  an  Sie  verkauft,  um 
tüchtig  Geld  zu  machen,  was  mit  meiner  Stellung  als  eines  der  Hauptmit- 
glieder der  Landesdeputation  incompatibel  sei.  Man  sieht  aus  Allem,  wie 
sehr  die  Juden  durch  ihre  100  Kamificationen  emsig  gewesen  sind,  Sie  und 
mich  in  ein  verdächtiges  Licht  zu  setzen.»  Am  Schlüsse  desselben  Briefes 
bittet  Szechenyi  den  Baron:  «seine  Briefe  und  Alles,  was  er  an  ihn  sage, 
auf  das  Scrupulöseste  geheim  zu  halten  /» 

Die  Concurrenzpartei,  mit  Wodianer  an  der  Spitze,  hatte  sich  inzwi- 
schen verstärkt  und  Graf  Szechenyi  musste  wieder  einmal  Alles  aufbieten, 
um  seinem  Freunde  Sina  das  Brückenbaugeschäft  zu  retten. 

IV. 

Die  auf  die  Kettenbrücke  bezüglichen  Briefe  des  Grafen  Szechenyi 
nehmen  noch  fortwährend  unser  Interesse  in  Anspruch,  da  sie  uns  von  der 
Zähigkeit,  Principientreue  und  geschäftlichen  Umsicht  des  grossen  Ungars 
einen  ziemlich  deutlichen  Begriff  geben.  Wie  oben  erwähnt,  hatte  Graf 
Szechenyi  dem  Baron  Sina  gegenüber  sich  verpflichtet,  ihm  den  Bau  zu 


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GBAP   STEFAN    SZECHENTl's   BRIEFE.  135 

sichern,  während  eine  von  Wodianer  geführte  Gruppe  dagegen  conourrirte. 
Beide  Parteien  Hessen  Pläne  von  der  Brücke  anfertigen,  Sina  durch  Olark, 
Wodianer  durch  Rennie.  Im  Verfolg  des  Briefwechsels  mit  Sina  vertieft  sich 
Szechenyi  auch  in  die  Eisenbahnprojecte  (Wien  Raab-Ofen)  des  Ersteren. 

Am  16.  August  1837  schreibt  Sz6chenyi  an  Sina  bezüglich  der  Ketten- 
brücke : 

iDie  Kanone  ist  losgebrannt,  die  Sclüacht  beginnt,  ganz  Europa  wird  näch- 
stens davon  reden.  Ihr  Name  steht  obenan,  vergessen  Sie  das  nicht,  hochgeachteter 
Freimd!  (Vielen  Dank  für  die  Zigarren!  Wenn  auch  nur  jene,  die  kommen,  ebenso 
gut  sind,  wie  die  Sie  mir  sandten.  Auch  hierin  wussten  Sie  das  Beste  zu  finden. 
Ich,  der  ich  ganz  Europa  ausforschte,  fand  sie  nicht  !)> 

Am  17.  November  schon  schreibt  er  an  Ebendenselben: 
•Soviel  können  Sie  einstweilen  als  sicher  annehmen,  dass  Sie  auf  jeden  Fall 
auf  das  EhrmroUste  und  beinahe  so  sicher,  wie  2x2=4,  als  Sieger  aus  diesem 
Kampfe  hervorgehen  werden.  Es  ist  aber  die  aüergrösste  Umsicht  notwendig,  und 
nicht  als  ob  Gefahr  wäre,  dass  das  Geschäft  in  Wodianer' s  Hände  übergeht,  son- 
dern weil  wirkliche  Gefahr  droht,  dass  Wodianer  u.  Cie.  Alles  aufbieten  werden, 
eher  das  Ganze  zerfallen  zu  machen,  als  Ihnen  den  Bau  zu  überlassen.  Ob  ihnen 
nun  dies  gelingt,  weiss  ich  nicht  imd  werde  idas  Meinige  thun»,  um  es  zu  hindern. 
Zu  besorgen  bleibt  es  dennoch  in  grösstem  Maasse,  denn,  wie  Sie  wissen,  ein  Narr 
kann  oft  mehr  verderben,  als  hundert  Weise  zurecht  richten.  Und  wie  erst  i bos- 
hafte Narren  !• 

Eben  von  Wodianer  schreibt  er  am  24.  December : 

•Ich  hätte  in  ihm  nicht  so  viel  Energie  und  Ausdauer  vermutet  und  man  wird 
viel  aufbieten  müssen,  um  sie  zu  besiegen,  denn  sie  haben,  wenn  wir  ims  nicht 
betrügen  wollen,  die  Mehrheit  der  Stimmen  für  sich.  Der  Erzherzog  wird  aber  den 
Ausschlag  geben.  • 

Wie  eingehend  Graf  Szechenyi  sich  mit  seinen  Projecten  befasste,  be- 
weist folgender  Fragebogen,  den  er  an  den  Baron  richtet : 

•Welche  Arenda  bezahlt  der  Arendator  der  Taborbrücke  (Schiffbrücke)  ? 
Nach  welchem  Tarif  zieht  er  die  Brückenmaut?  Zahlen  Regiei-ungsleute  auch  Maut 
oder  zahlt  die  Regierung  ein  Pauschale?  Wessen  Eigenthum  ist  die  Kettenbrücke 
in  Böhmen?  Wer  baute  sie?  Was  kostete  sie?  Nach  welchem  Tarif  wird  darauf 
bezahlt?  Wie  lange  dauert  die  stipulirte  Zahlung  ?  Ewig  oder  auf  bestimmte  Zeit- 
frist ?  Was  hat  die  Regierung  dazu  gegeben?  Oder  zahlt  die  Regierung  auch?» 

In  einem  zwei  Tage  später  datirten  Briefe  fragt  Szechenyi  den  Baron, 
ob  er  etwas  in  Hinsicht  der  Preise  des  Granits  und  des  Holzes  gesammelt  ? 

Der  strenge  Winter  von  1837/38  hatte  zur  Folge,  dass  man  diei  Not- 
wendigkeit einer  starken  Brücke,  aber  nur  auf  zwei  Pfeilern,  einsehen  lernte 
und  somit  das  Project  Clark's  an  Beliebtheit  gewann : 

«Wodianer  und  Co.  machen  lange  Gesichter.  Sie  sind  aber  sehr  gewandt  und 
stets  auf  den  Beinen,  so  dass  ich  sie  imm^r  fürchte  und  gegen  sie  all  unser  Geschütz 


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136  GRAF   STEFAN    SZl^ENTl's   BRIEPE. 

aufsuföhren  anrate.  —  —  —  Eb  ist  gegen  meine  Gewohnheit,  die  Bärenhaut 
früher  zu  verkaufen,  als  sie  vollkommen  ausgegerbt  ist,  denn  die  zu  frühen  Sieges- 
FaDfaren  pflegen  gar  oft  in  Klagetönen  den  Ueberwindem  zu  enden.  So  viel  aber 
menschlicher  Weise  prognostizirt  werden  kann,  so  können  Sie  von  Ihrem  Siege 
bereits  sicher  sein.» 

Man  sollte  es  nicht  glauben^  dass  die  Stadt  Pest  nicht  aufhörte,  den 
Brückenbau  zu  hintertreiben.  Wir  citiren  folgende  charakteristischen  Stellen 
aus  Szechenyi*s  Brief  vom  12.  Jänner  1838 : 

•Einige  Stimmen  haben  sich  bereits  verlauten  lassen:  •Die  Stadt  würde 
gegen  jede  AH  Brücke  protestiretiy  und  bis  zu  S.  M,  dem  Kaisergeken,  da  sie  wegen 
einer  Theorie  nicht  ihre  Habe  aufs  Spiel  gesetzt  haben  wollten.»  Ich  ignorire  dies 
zu  Schein  ganz,  thun  Sie  einstweilen  dasselbe.  Wir  müssen  aber  machen.  Clark 
annoncirt  mir  ein  Paquet,  das  er  durch  Sie  an  mich  sendet.  Es  ist  'Fliee  darin,  und 
vielleicht  einige  Zeichnungen.  Ich  bitte  Sie,  es  aus  den  Klauen  der  Maut  zu  ret- 
ten, und  mir  ehebaldigst  übersenden  zu  lassen,  da  ich  —  besonders  nach  dem 
Thee  —  wirklich  schon  lechze.  Bei  dieser  Gelegenheit  bringe  ich  die  guten,  dicken 
und  leichten  Cigarros  dellos  amicos  in  Ihr  Gedächtniss,  von  denen  Sie  mir  bereits, 
ich  glaube  100  sendeten  —  wovon  ich  übermorgen  die  allerletzte  rauchen  werde, 
1000  Stück  aber  bringen  zu  lassen  mir  gütigst  versprachen ! 

Ich  höre,  oder  lese  vielmehr  in  den  Zeitungen,  dass  Sie  Ihr  Eisenbahn-Privi- 
legium  für  die  Strecke  von  Wien,  über  Baden  ?  Neustadt  ( ?)  Oedenburg  ( ?  ?)  nach 
Raab  bereits  erhalten  haben.  Ich  hoffe,  d<iss  Sie  auf  mich  doch  nicht  ganz  vergessen, 
und  mir  einige  Stück  Aktien  um  den  Emissions-Preis  zukommen  lassen  werden,* 

Am  1.  Februar  1838  teilt  Szechenyi  seinem  Freunde  Baron  Sina  mit  : 

•Heute  ist  grosse  Conferenz  bei  Gr.  StAray,  der  vor  einigen  Tagen  angekom- 
men ist  imd  bei  dem  sich  alle  lUre  Widersacher  vereinigen  werden.  Sie  aber  sollten 
Wodianer  abtrünnig  machen.  Er  ist  ein  Kaufmann,  er  will  gewinnen,  sein  Spiel 
ist  somit  zu  begreifen  und  zu  verzeihen.  Die  St.  et  Co.  sollten  aber  eine  Lehre 
bekonmien,  die  man  ihnen  unmögUch  besser  geben  könnte,  als  wenn  man  W.  ver- 
möchte, sie  in  Stich  zu  lassen,  denn  dann  wären  sie  wirklich  in  einer  lächerlichen 
Szene,  da  W,  der  mizige  praktische  Kopf  unter  ihnen  ist, » 

Im  März  sollte  die  Beichsdeputation  über  die  vorgelegten  Concurrenz- 
pläne  von  Sina  und  Wodianer  entscheiden.  Szechenyi  schreibt  an  Sina  : 
«Präsidirt  Graf  Batthyäny,  so  wäre  es  wohl  rätlich,  ihn  bei  Zeiten  für  Sie 
zu  stimmen,  wie  nicht  minder  den  Protonotär  Vegh,  der  die  Feder  führt 
und  auf  den  natürlich  sehr  viel  ankommt.  • 

Bald  darauf  gelingt  es  Szechenyi,  die  Fusion  zwischen  Wodianer  und 
Sina  zu  Stande  zu  bringen,  was  ihn  sehr  erfreut,  weil  er  Wodianer  für  die 
Seele  der  Gegenpartei  hält.  Inzwischen  hat  Baron  Sina  seinen  Prospect  von 
der  Wien-Baaber  Eisenbahn  lanzirt  nnd  Szechenyi  ins  Gomite  gewählt.  In- 
teressant ist  folgende  Gewissensfrage,  welche  Szechenyi  am  9.  März  1838  an 
Sina  richtet : 


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GRAF   STEFAN   aZÄCHENYl's   BRIBFK.  137 

«In  Hinsicht  der  zu  vertheilenden  Aktien  der  Baab-Wiener  Eisenbahn, 
erkiube  ich  mir  eine  Anfrage  an  Sie  zu  machen :  Dürfen  and  sollen  die  Mitglieder 
jener  Deput.,  deren  Einer  ich  zu  sein  die  Ehre  habe,  von  jenen  2500  Stück  Aktien, 
die  Sie  für  Ungarn  bestimmen,  frei  und  ungehindert  schöpfen?  Es  ist  eine  kitzliche 
Sache.  Geschieht  keine  starke  Nachfrage,  dann  könnte  ich  z.  B.,  um  den  Weg  zu 
zeigen,  um  das  Beispiel  zu  geben,  für  50.000  oder  100.000  fl.  unterfertigen,  werden 
sie  aber  gesucht,  dann  kann  ich,  den  man  ohnehin  im  Yei  dacht  eines  interessirten 
Menschen  zu  haben  anfängt,  weil  er  noch  keinen  Sequester  auf  dem  Bücken  hat, 
höchstens  5  bis  10  Stück  Aktien  quasi  zum  Kosten  nehmen.  Nun  haben  sich  aber 
bereits  zwei  hiesige  Grosshändler  mit  m/260  bei  mir  vorgemerkt,  so  dass  ich  es  bei 
der  nächsten  Zusammenkunft  melden  werde  müssen ;  ich  aber  möchte,  als  einer  der 
ersten  Besitzer  im  Oedenburger  Komitat,  wenigstens  für  m/50  in  diesem  Geschäft 
interessirt  sein.  Wie  ist  das,  ohne  mich  ab  Mitglied  dieser  Deput.  zu  kompromitti- 
ren  —  zu  erzielen?  Hierüber  wollen^Sie  mir  ein  geneigtes  Wörtchen  sagen.! 

Die  im  März  1838  eingetretene  Ueberschwemmung  von  Pest  machte 
allen  Brückenprojecten  vorläufig  ein  Ende,  welche  Graf  Szechenyi  nunmehr 
sieben  Jahre  lang  mit  Bienenfieiss  betrieben.  Der  von  der  üeberscbwemmung 
datirte  Brief  ist  zu  charakteristisch,  als  dass  wir  ihn  nicht  reproduciren 
sollten: 

•Pesth  ist  für  den  AugenbUck,  man  kann  sagen,  t zerstört.^  Jede  Beschrei- 
bung, die  man  Ihnen  bis  jetzt  gegeben  hat  von  den  Verheerungen,  kann  nur  schwacli 
fein.  Wie  sich  das  Ganze  entwickeln,  ob  gänzHches  Versinken,  Vegetiren  oder  ein 
kräftigeres  Aufblühen  eintreten  wird,  ist  zu  erwarten.  Ihre  seelenvolle  Gabe  hat 
Wunder  gewirkt ;  und  nie  war  eine  mehr  zu  seiner  Zeit  gespendet,  denn  sie  glänzte 
nicht  nur  als  ein  edles,  nachahmenswertes  Beispiel,  sondern  erhob  vor  allem  die 
Gemüter,  und  diese  im  Allgemeinen  zu  erheben,  war  eine  noch  weit  grössere 
Wohlthat,  als  hie  und  da  ein  sieches  Leben  zu  fristen  oder  einstweilen  leere  Mägen 
zu  füllen. 

Plews  and  Stater,  die  während  dieser  Katastrophe  mehrere  Tage  im  Jäger- 
hom  gefangen  waren  und  nichts  mehr  zu  leben  hatten,  brachte  ich  mit  einem 
Boot  zu  mir.  Sie  können  Ihnen  keine  Details  über  das  Elend  gegeben  haben,  da  sie 
dessen  weites  Feld,  nämUoh  in  den  Vorstädten,  nicht  sahen. 

Ich  wurde  durch  körperliche  Anstrengung  ganz  erschöpft.  Vorgestern  war  ich 
mit  meiner  unglücksehgen  Leber  wieder  ausnehmend  leidend.  Seit  gestern  stehe 
ich  neuerdings  —  obschon  schwach  —  auf  den  Beinen.  Heute  Morgens  schiffte  ich 
meine  Frau  mit  8  Kindern  und  12  Dienern  aller  Gattung  auf  den  Ärpäd  ein,  um 
sie  über  Gönyö  nach  Zinkendorf  zu  senden.  Seitdem  sie  weg  sind,  bin  ich  in  mei- 
nem Innern  weniger  bange  und  gedenke  nun  vorläufig  hier  zu  bleiben,  da  ich  es 
für  einen  Mann,  der  hier  etabHrt  ist,  wirkUch  für  schimpflich  halten  würde,  diesen 
Ort  jetzt  zu  verlassen.  Der  Erzherzog  trifft  alle  Anstalten  selbst,  ist  für  jeden  sicht- 
bar und  voller  Energie.  Wir  sollten  Ptsth  nickt  sinken  lassen.  Eine  Anleihe  von  ein 
paar  Millionen  an  die  Stadt  könnte  das  Ganze  repariren.  Die  Stadt  könnte  eine 
gute  Hypotheke  sein.  Denn  die  Stadt  würde  allen  industriösen  Inwohnern  ihre 
Häuser  aufbauen,   und  von  ihnen  allmählig  zurückzahlen  lassen.   Das  Prinzip 


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1^  GRAF    STEFAN    SZ^CHENYI'b   BRIEFE. 

wäre  gilt,  nur  müsste  die  Application  gut  geschehen.  Eine  Kommission  von  ehrli- 
dien  LeiUeti  sollte  das  Ganze  manipnliren ;  und  könnte  ich  das  letzte  Mitglied  dieser 
Kommission  sein,  so  schätzte  ich  mich  glücklich.  Ein  Oeschenk  war  jetzt  aasserst 
wohlthnend;  nun  wäre  aber  eine  Anleihe  an  der  Tages-Ordnnng.» 

Die  Anstrengungen,  welchen  sich  Graf  8z6chenyi  bei  der  Pester  Ueber- 
schwemmung  unterzog,  hatten  eine  schwere  Krankheit  zur  Folge,  eine 
Affection  der  Leber,  des  Magens  und  der  Gedärme,  mit  starkem  Fieber  unter- 
mischt. Der  Graf  hatte  unsäglich  viel  zu  leiden,  die  Gelbsucht  entstellte  ihn 
und  Gallergüsse  störten  den  ganzen  Organismus.  Er  machte  Testament. 
Dabei  war  er  bei  vollem  Bewusstaein  und  gibt  in  den  Briefen  an  Tasner  die 
umständlichsten  Beschreibungen  seiner  Krankheit  und  von  dem  dagegen 
angewendeten  Verfahren.  In  den  Briefen  an  Tasner  enthüllt  sich  überhaupt 
der  Privatcharakter  Szechenyi's,  den  wir  als  sehr  guten  Wirth  und  als  sehr 
misstrauischen  Geschäftsmann  kennen  lernen. 

Im  September  des  Jahres  1838  ist  Stefan  Szechenyi  endlich  soweit 
genesen,  dass  er  sich  wieder  seinem  Kettenbrückenproject  zuwenden  kann. 
Einen  geradezu  exaltirten  Brief  schreibt  er  am  3.  September  an  den  flrzher- 
zog  Stefan : 

•Ew.  k.  k.  Hoheit,  durchlauchtigster  Erzherzog! 

Indem  ich  die  Ehre  habe  Ew.  k.  Hoheit  die  Eingaben  des  Barons  Sina  im 
Drucke  hiemit  zu  tibersenden,  rufe  ich  laut  auf « Victoria. •  Alles  gehet  vortrefflich; 
und  wem  haben  wir  es  zu  verdanken  ?  Höchstdero  verehiimgswürdigem  Vater,  der 
mit  gewohnter  Weisheit  den  ganzen  Gegenstand,  —  ohne  viele  Kraftäusserung, 
aber  nur  ebenso  viel,  als  nötig  war  —  in  ein  solches  Gleis  zu  bringen  wiisste, 
dass  derselbe  nun  —  ausser  es  käme  ein  unberechenbarer  feindseliger  Komet 
inzwischen  —  bestimmt  zu  seiner  vollkommenen  Entwicklung  gelangen  wird.  Auch 
diesmal  hat  der  Löwe,  wie  bisher  bei  jeder  schwierigen  Stellung,  der  Maus  aus  dem 
Netze  geholfen !  Ach  Gott,  dass  es  der  Maus  nur  gegeben  wäre,  ihre  Dankbarkeit  zum 
Löwen  auf  irgend  eine  recht  erprobliche  Art  an  den  Tag  zu  legen  ft 

Ebenso  schreibt  er  am  11.  September  an  den  Erzherzog  Josef: 
t Gottlob  wir  sind  endlich  glücklich  mit  dem  Baron  Sina  übereingekommen, 
und  zwar  mit  der  Annahme  des  von  ihm  vorgeschlagenen  Tarifs  und  97  priv.  Jahre- 
Es  bleibt  nun  nichts  Anderes  übrig,  als  den  Vertrag  zu  entwerfen,  zu  concertiren 
und  zu  unterschreiben.  • 

Bei  der  Abfassung  des  Vertrages  hat  Graf  Szechenyi  an  Baron  Sina  die 
dringende  Bitte  zu  richten,  er  möge  an  den  Punktationen  der  Begnicolar- 
Deputation  weder  etwas  ändern,  noch  etwas  hinzufügen,  sonst  wäre  «die 
Sache  verloren.»  «Sie  denken  nicht,  welches  Aufsehen  das  Ganze  hier  erregt, 
und  wieviel  feindliche  Kräfte  sich  gegen  uns  und  die  Brücke  überhaupt 
erhoben»  und  sehr  charakteristisch  ist  der  Bat,  den  er  dem  Baron  Sina 
bezüglich  «der  Uebertragbarkeit  des  Privilegiums»  gibt.  Er  möge  ja  nicht 
die  leiseste  Erwähnung  davon  machen,  «zu  was  aber  auch?  Es  versteht  sich 


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GRAF   STEFAN   SZÄCHENTl's   BRIEFE.  l'^9 

ja  von  selbst ....  und  geben  Sie  alle  Ihre  Actien  weg  ....  so  haben  Sie  ja 
das  Ganze  an  Andere  übertragen !» 

Wir  fürchten  nicht,  unsere  Leser  zu  langweilen,  indem  wir  ihnen  noch 
einige  Geschäßsbriefe  des  genialen  Grafen  vorlegen,  da  diese  grosse  Erschei- 
nung unseres  öffentlichen  Lebens  von  dieser  in  alle  Kleinigkeiten  eindrin- 
genden practischen  Seite  noch  nicht  genügend  bekannt  ist.  Es  scheint  fast, 
als  ob  Graf  Sz6chenyi  bei  der  Brückenbau-Unternehmung  selbst  stark 
betheiligt  gewesen  wäre.  Man  vmrdige  folgende  Epistel  an  Baron  Sina  vom 
20.  October  1838: 

«Hochwohlgebomer  Freiherr,  Sehr  geachteter  Frennd! 

Ihr  Schreiben  vom  19-ten  1.  M.  beantwortend,  eile  icli  Ihnen  zu  sagen,  daaa 
mir  Clark  durchaus  keine  speziellen  Uebersobläge  oder  Dimensionen  über  das 
nöthige  Holz  etc.  für  die  Brücke  von  Pesth  übergeben  oder  eingesendet  hat,  dass 
aber  alles  das  noch  zu  gewärtigen  kommt. 

Einstweilen  kann  indessen  zu  Yorausberechnungen  und  um  die  nötigen 
Lieferanten  zu  finden,  jene  Spezifikation  dienen,  die  er  Ihnen  gab,  die  Sie  in  Hän- 
den haben  müssen,  und  die  den  in  Frage  stehenden  Bedarf  —  wie  ich  mir  es  auf- 
zeichnete —  folgendermaesen  angibt : 

3333  Blöcke  von  bestem  Granit,  jeder  5  Fuss  lang,  5  Fuss  breit  und  15  bis 
18  oder  20  Zoll  dick. 

3333  Blöcke  von  Csobdnkaer  oder  andei-em  guten  Stein.  5  Fuss  lang,  2Vi  Fuss 
breit,  und  von  15,  18  bis  !20  Zoll  dick. 

6666. 

9999. 

Sodann 

1200  piles  60'  lang  15"  quadrat  (von  Ende  zu  Ende.) 
Eichen 

1200  43'  lang  15"  quadrat, 
240  20'  lang  etc. 

Da  für  den  Augenblick  nichts  zu  thun  ist,  als  sich  cumzusehem,  imd  alles 
üebrige  noch  einige  Wochen  Zeit  hat,  so  wollen  Sie  mir  erlauben,  dass  ich  mich 
über  alles  dies  höchstens  die  ersten  Tage  November  in  Wien  expektoriren  dürfe. 

Gut  wäre  es,  wenn  Sie  einstweilen  jene  Bittschrift  aufsetzen  Hessen,  die  Sie, 
wegen  der  Magazine  und  der  freien  Einfuhr  des  Eisens,  an  die  Begierung  einzu- 
reichen haben,  und  die  im  völligen  Einklang  mit  der  lateinischen  Bepräsentation 
der  Deputation  an  Se.  Majestät  sein  muss,  in  deren  Besitz  Sie  sind  und  ich  nicht  bin. 

Für  dieses  Jahr  ist  nichts  Anderes  zu  thun,  aber  dies  muss  gethan  werden,  als : 

1.  Mit  der  allerhöchsten  Begierung  in's  Beine  zu  kommen. 

2.  Die  Ordres  geben,  dass  das  nötige  Holz  den  kommenden  Winter  in  Slavo- 
nien  geschlagen  werde. 

3.  Sich  vorläufig  über  das  nötige  Quantum  Stein  zu  assekniiren,  imd  viel- 
leicht, wenn  die  Genehmigung  einer  allerhöchsten  Begierung  noch  Mhzeitig  genug 
erfolgen  sollte, 

4.  Die  Ordres  an  Clark  wegen  der  Verfertigung  des  Eisens  in  England  geben. » 


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^^  GRAF   STEFAN    SZlScHENYl'ß  BMEFB. 

Aehnliche  Briefe  im  Bauunternehmerstyl  finden  sich  noch  mehrere. 
Auch  etwas  vom  Bankier  steckt  in  Szechenyi.  Am  28.  October  schreibt  er  an 
den  Baron :  «Ich  höre,  unsere  Begierung  wird  wieder  eine  Anleihe  nego- 
ciiren.  Da  Sie  dabei  gewiss  die  Persona  prima  spielen,  so  bitte  ich  Sie, 
vergessen  Sie  mich  nicht  I» 

Nun  kam  noch  ein  allerletzter,  harter  Prüfstein  für  das  Eettenbrücken- 
project,  welchem  Szechenyi  eine  so  grosse  socialpohtische  Bedeutung  in 
Folge  der  beabsichtigten  Besteuerung  des  Adels  beilegte.  Es  hiess,  dass 
Metternich  den  zwischen  Sina  und  dem  Landtag  bereits  abgeschlossenen 
Gontract  abändern  und  dadurch  die  ganze  Sache  wieder  in  Frage  stellen 
wolle.  Man  beachte  nun  den  Ton,  in  welchem  Graf  Szechenyi  an  den  all- 
mächtigen Staatskanzler  schreibt  (9.  December  1838) : 

«Ew.  Durchlaucht! 

Ew.  Durchlancbt  haben  sich  in  Hinsicht  der  zwischen  Ofen  und  Pest  zu 
erbauenden  Brücke  gegen  mich  stets  so  zu  äussern  geruht,  dass  Hochdieselben  ganz 
für  die  Sache  sind,  nur  hätte  sie  nicht  ausschUesslich  von  einzelnen,  sondern  im 
engsten  Zusammenhang  mit  einer  allerhöchsten  Begierung  ausgehen  sollen.  —  Ew. 
Durchlaucht  sind  also  für  die  Sache,  billigen  indessen  die  Form  nicht.  Da  nun 
meine  Person  der  eigentliche  Urheber  dieses  ganzen  Glegenstandesist,  so  verspreche 
ich  hiemit,  dass  ich  nie  wieder  einen  Gegenstand  dieser  Art  in  Diskussion  bringen 
will,  ohne  darüber  die  Billigung  einer  allerhöchsten  Regierung  früher  einzuholen; 
bitte  aber  zugleich  für  diesmal  die  Sache  der  Form  nicht  aufzuopfern.  So  aber,  wie 
sich  die  Gerüchte  verbreiten,  scheint  sie  in  grosser  Gefahr  zu  sein,  da,  wie  man 
sagt,  jener  Kontrakt,  den  die  Beichsdeputation  in  der  fraglichen  Angelegenheit 
mit  dem  Baron  Sina  scbloss,  von  S.  M.  nur  conditionatim  sanktionirt,  oder  gar  bis 
zum  künftigen  Landtag  verschoben  werden  soll.  Ist  das  der  Fall,  so  Mt  das  Ganze, 
was  seit  sieben  Jahren  mit  unsägUcher  Mühe  und  nicht  geringerem  Glück  ganz 
nahe  zu  einer  Konklusion  gebracht  wurde,  wieder  in  Nichts  zusammen  und  wird 
zur  Folge  haben,  dass  der  ungarische  Adel  sich  nie  wieder  dazu  bequemen  wird, 
freiwillig  und  gesetzlich  —  was  doch  etwas  wert  ist  —  selbst  den  ersten  Schritt 
zu  thun,  um  sich  der  allgemeinen  Last  zu  unterwerfen  und  dass  den  unausbleibH- 
eben  Gesetzen  der  Beaktion  gemäss,  —  soUte  die  vollkommene  Sanktion  S.  M. 
nicht  erfolgen  —  gerade  Jene  zu  seiner  Zeit  am  meisten  gegen  die  Begierung 
schreien  werden,  dass  diese  nicht  einmal  da  einen  Schritt  vorwärts  thun  will,  wo 
sich  der  Adel  zum  Zahlen  selbst  anträgt,  die  jetzt  Alles  auibieten,  um  das  bereits 
gebrachte  Gesetz  zu  vereiteln,  was  sie  auch,  ich  stehe  dafür  —  denn  ich  kenne  das 
Terrain  zu  gut  —  erreichen  werden,  wenn  Ew.  D.  zugeben,  dass  der  besagte  Kon- 
trakt noch  einmal  an  die  Beichs-Deputation  zurückgesendet  werde  —  was  natür- 
Ucher  Weise  geschehen  muss,  wenn  S.  M.  den  Kontrakt  nicht  allsogleich  zur  Effek- 
tuirung  zu  befördern  geruhen  —  oder  wenn  die  ganze  Sache  gar  auf  den  kommen- 
den Landtag  postponirt  wird,  dessen  Folgen  nicht  abzusehen  sind. 

Das  Gesetz  wurde  nach  allen  Formen  gebracht,  S.  M.  sanktionirte  es,  die 
Beichs-Deputation  hat  laut  Gesetzes  eine  illimitirte  Vollmacht  erhalten ;  bewirken 
£.  D.  demnach,  dass  S.  M.  die  Effektuirung  des  Gesetzes  Wort  für  Wort  nach  dem  besag- 


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ORAF   STEFAN    SZÖOHBNYI'b   BRIEFE.  1*^ 

ten  Kontrakt  ohne  Verzug  befehle  —  so  ist  die  Sache  konkhidirt.  E.  D. !  Die  Sache 
ist  för  Ungarn  von  -einer  unendlichen  Wichtigkeit  —  denn  dieser  Schritt,  der  bereite 
als  klares  Gesetz  da  stehet  —  wird  ohne  den  geringsten  Konklusionen  allmälig  das 
nach  sich  ziehen,  dass  der  ung.  Adel  ein  allen  Lasten  des  Landes  Teil  nehme.» 
loh  habe  personlich  gar  keinen  Vorteil  dabei,  im  Gegenteil  werde  ich,  als  Urheber 
der  Sache  nnd  Mitglied  der  Beichs-Deputation,  dem  allermeisten  Odium  ausgesetzt 
sein.  Ich  bin  aber  überzeugt,  dass  das  Gelingen  des  in  Frage  stehenden  Gegenstan- 
des, in  jeder  Hinsicht,  so  viel  wesentliche  Vorteile  für  Ungarn  nach  sich  ziehen 
wird,  dass  ich  jede  Zensur  meiner  Person  und  meiner  Absichten  gern  ertrage.  Und 
diese  meine  Ueberzeugung  ist  so  gross,  dass  sie  mich  auch  zur  Absendung  dieser 
Zeilen  bewegt  und  mir  fühlen  macht,  dass  E.  D.  meine  ehrhch  und  gut  gemeinte 
Absicht  nicht  missdeuten,  mich  Höchstdero  WohlwoUen  auch  femer  erfreuen 
lassen  und  von  dem  gesagten  nach  Hochdero  Weisheit  Gebrauch  machen  werden, 
der  ich  mich  —  «mir  auf  jeden  Fall  die  Hände  waschend»  —  mit  der  imbegr&nz- 
testen  Hochachtung  und  aufrichtigsten  Ehrerbietung  nenne  Ew.  Durchlaucht  gehor- 
samsten Diener  etc.» 

Doch  nicht  genug  mit  diesem  demütigen  Briefe  an  Mettemich,  er 
schreibt  am  nächsten  Tage  an  Baron  Sina,  er  möge  «alle  Minen  springen 
lassen,  zum  Erzherzog  Ludwig,  zu  Mettemich,  zu  Kolowrat  gehen  und  möge 
ihnen  vorhalten  1 .  dass  der  Palatin  bereits  seine  Unterschrift  gegeben,  2. 
dass  Graf  Sz^cbenyi  bereits  70.000  fl.  ausgegeben,  3.  dass  die  Absicht  mit 
der  Besteuerung  des  Adels  sonst  für  lange  vereitelt  würde,  4.  dass  Graf 
Szechenyi  bereits  Contracte  für  Holz  und  Stein  abgeschlossen  hätte  und  man 
ihn  nicht  sitzen  lassen  dürfe,  5.  dass  Europa  den  Kopf  über  die  Wiener 
Eegierung  schütteln  würde.»  Graf  Szechenyi  schreibt  und  hetzt,  wie  ein 
echter  Agitator.  Baron  Sina  soUe  nichts,  ^auch  die  kleinsten  Hilfsmittel 
nicht  unversucht  lassen.»  Ihm  selbst  geht  es  «miserabel,  aber  die  Hetze  thue 
ihm  wohl.  Es  mache  ihm  viel  Spass.  Je  mehr  darunter  und  darüber,  desto 
besser.» 

IndesB  die  Hetze  wurde  immer  ärger  und  Graf  Szechenyi  konnte  seine 
Gkklle  nicht  mehr  zurückhalten  und  erhob  sich  zu  dem  Mute,  seihst  den 
Reichskanzler  anzugreif eUy  wovon  der  folgende  Brief,  am  14.  December  1838 
an  Erzherzog  Josef  gerichtet,  ein  für  immer  denkwürdiges  Zeugniss  ablegt : 

«Ew.  k.  k.  Hoheit,  Durchlauchtigster  Erzhensogf 
Indem  ich  Ew.  k.  Hoheit  das  letzte  Schreiben  des  Barons  Sina,  welches  ich 
gestern  spät  Abends  bekam,  hier  beigebogen  zu  unterbreiten  die  Ehre  habe,  erlaube 
ich  mir  zugleich,  die  Ansicht  Sr.  Durchlaucht  des  F.  Mettemich,  wie  er  sich  kürz- 
lich in  seinem  Salon  äusserte,  E.  k.  H.  hier  ganz  imterthänigst  mitzuteilen.  Se.  D. 
findet,  dass  das,  was  durch  den  Bau  der  Brücke  gewonnen  wird,  die  Opfer  nicht 
wert  wäre,  die  das  Land  bringen  soll.  Die  anderen  Feinde  der  Brücke  in  Wien 
führen  hingegen  als  Hauptargument  —  damit  die  Sache  bis  auf  den  Landtag  post- 

ponirt  werde,  das  an,  dass  sie  unpopulär  sei.  Man  muss  gestehen zwei 

gehaltvolle  Argumente  fürwahr,  um  ein  klares  Gesetz  nicht  zu  erfüllen,  weil  es  nicht 


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1^^  GRAF   STEFAN   SZ^CHBNYl's   BRIEFE. 

SO  viel  nützen  soll,  als  es  kostet,  und  weil  es  unpopulär  ist !  In  den  Theiss-Oegen- 
den  wollen  hingegen  Einige,  wie  die  Herren  Szombathelyi,  Elauzäl,  Beötby,  Noväk 
etc.  (die  sich  sammt  und  sonders  gegen  die  Brücke  prononciren,  weil  sie  dies 
populär  halten  und  es  somit  für  klüger  erachten,  sich  dagegen  zu  äussern,  um  es 
mit  ihren  etwaigen  Wählern  nicht  zu  verderben)  in  dem  29.  Gesetzartikel  1832/6 
das  finden,  dass  die  Deputation  gar  nicht  das  Recht  hatte,  mit  B.  Sina  abzusohlies- 
sen,  sondern  erst  die  Ratifikation  des  Landtages  hätte  einholen  sollen ;  sie  behaup- 
ten demnach,  die  Deputation  habe  ihre  Vollmacht  überschritten :  da  doch  der  Eon- 
trakt für  das  Land  weit  vorteilhafter  ist,  als  es  die  Grenzen  des  Gesetzes  erlauben 
würden.  Ueberdies  behaupten  sie :  B.  Sina  hätte  eine  volle  Garantie  gewähren  sollen, 
nach  97  Jahren  die  Brücke  dem  Lande  im  besten  Zustande  zu  übergeben;  repräsen- 
tiren  werden  sie  indessen  nicht,  ausser  wenn  sie  nun  hören  sollten,  dass  man  dies 
in  Wien  quasi  verlangt  und  erwartet  I  Eine  Karrikatur  ist  bereits  auch  auf  dem 
Tapet  —  wo  die  Deputat,  durch  Aktien  gehetzt  —  in  einem  Thermometer  darge- 
stellt mit  dem  Tarif  imd  den  Jahren  immer  höher  steigt,  bis  meine  Person  die  ent- 
setzlichen 97  Jahre  ausspricht.  —  Korcher,  hiesiger  Magistratsrat,  mit  dem  Fiska- 
len Sigmund  Hegedüs  hat  berechnet,  dass  Baron  Sina  50.000,000  fl.  K.-M.  durch 
die  Brücke  gewinnt  I  Graf  Josef  Esterhäzy  in  Wien  findet  das  am  härtesten,  dass 
nach  der  Erbauung  der  Brücke  kein  Mensch  ein  Schiff  auf  der  Donau  wird  haben 
dürfen,  und  dass  B.  Sina  nur  die  Hälfte  der  Aktien  für  Ungarn  bestimmte !  ?  etc. 

Alles  dies  ist  albernes  Zeug,  ohne  Zweifel,  und  man  sieht,  dass  die  Leute 
nicht  nur  von  der  Sache  nichts  verstehen,  sondern  nicht  einmal,  die  so  reden,  das 
Gesetz,  noch  den  Kontrakt  gelesen  haben.  Wenn  man  sich  aber  an  das  Sprichwort 
erinnert,  dass  viele  Gänse  einen  Wolfen  tödten,  dann  wird  einem  doch  bange  und 
wahrUch  nicht  mehr  um  die  Brücke  und  alles  das,  was  damit  verbunden  ist,  son- 
dern —  ich  muss  es  offen  heraussagen  —  unter  einer  solchen  Regierung  Gut  und 
Leben  zu  haben,  die  sich  auch  nur  einen  Augenblick  durch  derlei  Gewäsch  von  der 
strengen  Vollziehimg  des  Gesetzes  abhalten  lässt !  —  Ich  bin  sehr  leidenschaftlich, 
E.  k.  H.,  ich  weiss  es,  und  habe  meine  Sympathien  und  Antipathien,  wie  ein 
Anderer,  ich  will  es  eingestehen ;  aber  abgesehen  von  jeder  Persönlichkeit,  muss 
ich  bekennen,  ^7ide  ich  es  für  unser  Land  ein  grosses  Ungliwk,  dass  solclw  VerhäU- 
yiisse  obwalten,  wo  der  Kanzler  ein  Separat- Votum  über  das  geben  kann,  was  E,  k. 
IL  mit  Höchstdero  Handschrift  und  Insiegd  bekräftigen,* 

In  einem  weiteren  Briefe  an  Baron  Sina  vom  14.  December  treibt  er 
diesen  zu  ruheloser  Thätigkeit  an,  nennt  ihm  eine  Anzahl  Intriganten  und 
Feinde,  auf  welche  man  Acht  haben  müsse  und  schreibt  sogar,  auf  Wunsch 
des  Palatins,  an  Se.  Majestät.  Zum  Schluss  äussert  er  sich  gegen  Baron  Sina 
folgendermassen : 

•Jetzt  bitte  ich  Sie  um  Folgendes:  «Geben  Sie  auf  Ferdinand  Pälffy  recht 
Acht.i  Dieses  Männlein  soll  sicliilie  Füsse  ungeheuer  ablaufen,  um  die  Sache  zu 
zertrümmern.  Sie  haben  ihn  ja  in  Händen.  Sodann  soll  man  im  Salon  von  Fürst 
Mettemich  sehr  gegen  die  Brücke  schwätzen,  Fürstin  Melanie  besonders,  und  blos 
aus  Unkenntnias  der  Saclie  etc.  Die  sollten  Sie  auch  nicht  negligiren.  Nagy  Päl  läuft 
sich  auch  ab,  um  zu  schaden,  und  ist  ein  verdammt  zäher  kecker  Intrigant,  auch 


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(SHUF   STEFAN   SZ^HBNYT^S   BRIKFBS.  14^ 

diesen  bitte  ich  wo  möglich  im  Zaum  zu  halten.  E.  H.  Ludwig  imd  6r.  Eolowrat 
Bind  —  wenn  ich  mich  nicht  irre  —  ganz  für  sie  gestimmt.  Können  Sie,  so  senden 
Sie  mir  das  Votum  separatum  von  Pälfiy  per  extensum  oder  wenigstens  in  der 
Essenz,  damit  ich  es  dem  Erzherzog  mitteile,  der  —  wie  ich  weiss  —  es  sehr  gerne 
haben  möchte. 

Es  war  übrigens  voraus  zu  sehen,  dass  Wir  Adelige  in  Ungarn  einen  horren- 
den Lärm  schlagen  würden,  wenn  es  einmal  ad  firactionem  panis  kommen  wird, 
dass  wir  die  Jungferachaft  (des  Nicht  Zahlens)  verlieren  würden. 

Hier  verbreitet  sich  auch  das  Gerücht,  Eskeles  hätte  sich  angetragen,  gerade 
dasselbe  zu  leisten,  was  Sie,  aber  mit  50  privat  Jahren !  Was  ist  an  dieser  Sache?! 

So  sehen  wir  den  Grafen  Szechenyi  nun  schon  im  achten  Jahre  für 
sein  Brückenproject  kämpfen.  Und  noch  sollte  es  kein  Ende  nehmen.  Als  er 
die  allerhöchste  Sanction  schon  erhalten  zu  haben  glaubte,  meldete  sich  ein 
neuer  Concurrent  —  das  Wiener  Haus  Arnstein  u.  Eskdes,  verbunden  mit 
Graf  Sztäray,  Ullmann  und  Consorten.  Am  6.  März  1839  schreibt  der  Graf 
an  seinen  Baron : 

•Hochwohlgebomer  Freiherr,  Sehr  geachteter  Freimdl 

Ihrem  Schreiben  vom  3-ten  zu  Folge  —  das  ich  gestern  bekam  —  konnte 
ich  erst  heute  spät  (nach  dem  Abgang  der  Post)  mich  Sr.  Hoheit  vorstellen.  Ich 
kann  Ihnen  in  Kürze  nur  das  sagen,  dass  nach  dem  unumwimdeneu  Ausspruch  S. 
k.  H.  in  so  ferne  die  Entscheidung  der  fraglichen  Angelegenheit,  wie  Sie  mir  berich- 
ten, wirklich  herabgesendet  und  Höchstdemselben  übertragen  werden  wird,  dieselbe 
als  apodictisch  und  auf  der  Stelle  zu  Ihren  Gunsten  beendigt  angesehen  werden 
kann,  und  wir  somit  die  Siegesposatme  ohne  alle  Eücksicht  in  die  Ohren  von  Sztäray, 
Ulimann  et  C.  ertönen  lassen  können,  denn  S.  k.  H.  wird  —  wie  er  erklärte  und 
mir  auch  erlaubte,  Ihnen  dies  mitzuteilen,  —  die  ganze  Angelegenheit  höchstens 
3  Tage  bei  sich  behalten,  und  mit  solchen  48-Pfündem  auftreten,  Äie  Eskeles  und 
Konsorten  gewiss  nicht  anticipirten  und  die  selbst  M.  Ullmann  ^üfetzen*  machen 
dürften.  Indessen  glaubt  der  E.  H.  zuversichtlich,  dass  die  Sache  nicht  zu  ihm 
komme,  sondern  in  der  grossen  Conferenz,  auch  ohne  sein  Zuthim,  zu  Ihren  Gunsten 
entscliieden  sein  wird.  Gott  gebe  es !  Da  gestehe  ich  aber,  bin  ich  nicht  Höchst- 
seiner Meinung,  und  fürchte,  dass  es  dort  auf  jeden  Fall  ein  Hackerl  haben  oder 
lange  liegen  bleiben  dürfte ;  während  die  Sache  als  concludirt  zu  betrachten  ist, 
kommt  sie  hierher.  Ich  bitte  Sie,  —  vergeben  Sie  mir  den  Ausdruck  —  ■  schlafen 
Sie  ja  nicht  ein,  •  oder  vielmehr :  lassen  Sie  sich  durch  nichts  einschläfern,  bis  Sie 
den  Eontrakt  auch  von  der  Begierung  genehmiget  nicht  im  Sack  haben.  Unsere 
Antagonisten  sind  wie  der  Teufel,  «sonder  Buh  und  sonder  Bast.i 

Während  dieser  «Hetze»  um  die  Kettenbrücke,  um  welche  als  Bewerber 
zum  Schluss  noch  Baron  Pereira  auftritt,  hat  Graf  Szechenyi  Zeit,  sich  mit 
dem  Grafen  Moriz  Sändor  über  Wettrennen  und  Pferdezucht  auszusprechen, 
für  das  Casino  zu  agitiren,  an  der  Gründung  der  Walzmühle  teilzunehmen 
und  den  Baron  Sina  für  Lonyay  um  20.000  fl.  anzupumpen.  «Er  ersucht 
Sie,  ihm  diese  Summe  auf  sechs  Monate  zu  leihen ;  er  kann  Ihnen  viel 


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J 


t44  GRAF   STEFAN   BZiOHENYI^B   BRIBPE. 

nützen.  Sicherheit  iRt  da,  ich  glaube,  Sie  sollten  ihm  diese  Gefälligkeit  thnn.t 
Am  8.  April  1839  erinnert  Szechenyi  den  Baron  wieder,  ihn  bei  der  nächst- 
kommenden Anleihe  von  30,000.000  fl.  zu  betheiligen,  «mit  einer  kleinen 
Summe  —  versteht  sich,  um  den  Emissionspreis.  • 

In  einem  Briefe  an  Eillias  wegen  der  zu  gründenden  Walzmühl-Actien- 
Gesellschaft  beharrt  Szechenyi  auf  der  Notwendigkdt,  dass  das  gründende 
Haus  die  Hälfte  der  Actien  übernehmen  müsse,  denn  nur  darin  sähen  Alle 
die  Garantie  des  Gelingens.  Hiebei  macht  Szechenyi  folgenden  denkwürdigen 
Ausspruch :  «Ich  habe  das  Glück,  dass  jede  meiner  kleinen  Entreprisen  bis 
jetzt  mit  Erfolg  gekrönt  wurde.  Ich  habe  aber  auch  nichts  begonnen,  was  ich 
früher  nicht  combinirt  hätte;  denn  ich  halte  es  geradezu /ür  ein  Verbrechen^ 
in  einem  Lande,  wie  Ungarn,  wo  noch  Alles  zu  erschaffen  ist,  so  etwas  zu 
unternehmen,  was  nicht  höchst  wahrscheinlich  gelingt;  indem  eine  moderne 
Buine  auf  lange  Zeit  das  Publikum  abschreckt  und  die  nützlichsten,  die 
bestcombinirten  Unternehmungen  schon  im  Keime  erstickt.»  Graf  Szechenyi 
selbst  zeichnet  10.000  fl.  und  gibt  weitaussehende  Ansichten  über  die 
Zukunft  des  ungarischen  Mehlhandels  zum  Besten. 

Endlich  —  endlich  —  am  16.  Mai  1839  kann  Graf  Sz6chenyi  an  Baron 
Sina  über  die  endgiltige  Annahme  des  Brückenprojectes  schreiben :  «Endlich 
brachte  mir  Ihr  Schreiben  die  lang  erwünschte  Nachricht  Gott  Lob !  Das 
Warten  hat  mich  aber  beinahe  müde  gemacht  I »  Szechenyi  ist  mm  wieder 
frisch  und  munter,  er  gibt  dem  Baron  Sina  Batschläge,  wie  weitere  Zuge- 
ständnisse von  Landtag  und  Begierung  zu  erlangen  seien,  und  vertieft  sich 
in  die  näheren  Details  des  Baues. 

Nun  kommt  es  aber  auch  zur  Abrechnung  zwischen  dem  Grafen 
Szechenyi  und  dem  Baron  Sina.  Szechenyi  schreibt  am  I.August  1839, 
dass  er  sich  zwar  vor  drei  Jahren  angetragen  habe,  300.000  fl.  zum  Brücken- 
bau zu  zeichnen  und  ihm  Sina  wirklich  für  1 50.000  fl.  Actien  offen  gelassen 
habe,  die  er  nun  mit  Gewinn  weiter  geben  könne,  er  jetzt  aber  Gründe  habe, 
von  diesem  Geschäfte  abzustehen,  er  daher  den  Baron  aus  dem  Worte  lasse. 
Hierauf  antwortet  Baron  Sina  in  einem  sehr  charakteristischen  Briefe : 

«Hochgebomer  Graf,  Sehr  geehrter  Freund  I  Ich  antwortete  auf  Ihr  Schrei- 
ben vom  1  -ten  August  1839  deshalb  nicht  früher,  weil  ich  unmöglich  glauben  konnte, 
da88  Sie  sich  einem  Unternehmen  im  vollen  Emnt  entziehen  wollten,  welches  Sie 
zuerst  in  Anregimg  brachten,  und  zu  dessen  Gelingen  Sie  so  viel  beitrugen.  Da  Sie 
indessen  auf  Ihr  Ansinnen  durchaus  bestehen,  imd  mich  um  eine  Antwort  so  oft 
angegangen  sind,  so  muss  ich  Ihnen  geradezu  erklären,  dass  ich  den  Bau  der  Ofen- 
Pester  Brücke  nie  unternommen  haben  würde,  wenn  Sie  mich  dazu  nicht  überredet 
und  sich  mir  angetragen  hätten,  auch  in  finanzieller  Hinsicht  die  Cliancen  des  Ver- 
lustes sowohl,  als  des  etwaigen  Gewinnes  mit  mir  tragen  zu  wollen.  Nachdem  nun 
das  schwierigste  der  Arbeit  erst  zu  vollenden  sein  wird,  und  ohne  Ihnen  schmei- 
cheln zu  wollen,  es  im  Interesse  des  ganzen  Unternehmens  liegt,  dass  Sie  an  selbe 


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äLOSSEN    ZUR   BULOARISG^EN   ZAREN -OENEALOaiB. 


Ii5 


anch  in  finanzieller  Hineicht  gebunden  sein  sollen :  so  werden  Sie  es  mir  nicht  übel 
deuten,  wenn  ich  Ihren  Antrag  nicht  annehmen  kann,  und  femer  darauf  beharre, 
dass  Sie  ad  vires  von  150.000  fl.  E.-M.  in  dem  fraglichen  Bau  beteiligt  bleiben* 
Mit  vorzüghcher  Hochachtung  verharre  ich,  Hochgebomer  Graf,  Wien  den  3-ten 
Februar  1840.  Ihr  gehorsamster  Diener  und  Freund  Georg  Freiherr  v.  Sina.» 

Der  vorliegende  Band  endigt  mit  dem  Jahre  1839  und  wir  scheiden 
mit  der  mannigfachsten  Belehrung  von  demselben.  Die  Herausgabe  dieser 
Briefe,  welchen  bislang  noch  keine  rechte  Würdigung  zuteil  geworden  ist, 
wird  sich  immer  mehr  als  höchst  werthvoUer  Beitrag  zur  Culturgeschichte 
Ungarns  und  zur  Charakteristik  des  Regenerators  unseres  Landes  heraus- 
stellen. Man  wird  sich  an  dem  Feuereifer,  an  der  Zähigkeit,  an  der  Umsicht 
und  Geschäftskenntniss  Szechenyi's,  dessen  Gehirn  vollkommen  gesund  war 
trotz  aller  Leberkrankheit,  ein  Beispiel  nehmen  können,  man  wird  aber  auch 
bescheiden  werden  im  Hinblick  auf  die  fürchterlichen  Kämpfe,  welche  noch 
vor  50  Jahren  wegen  einzelner  bedeutender  Neuerungen,  wie  Kettenbrücke, 
Nationaltheater,  Dampf  mahlen,  Donau-Dampfscbifffahrt  und  ähnlicher 
Institutionen,  bestanden  werden  mussten.  Die  gütige  Vorsehung  hat  Ungarn 
sehr  viel  Zeit  zur  Einholung  seiner  Culturversäumnisse  gelassen.  Heute  geht 
zwar  schon  Vieles  in  raschem,  beinahe  zu  raschem  Tempo,  aber  wer  weiss 
es,  ob  nicht  die  Zeit  unser  teuerstes  Gut  ist,  mit  welchem  wir  in  vielen 
Dingen  weit  sparsamer  umgehen  sollten,  damit  der  ungarische  Staat  noch 
vor  dem  Sturm  unter  sicheres  Dach  gebracht  werde  ?  Ad.  Silbbrstein. 


GLOSSEN  ZUR  BÜIXMRTSCHEN  ZAREN-GENEALOöTE. 

(Sohluss.) 

16.  Der  Despot  Jakob  Svetslav. 

Im  Wenzerschen  «Codex  Arpadianus  continuatus»  XH.  pag.  8,  Nr.  3 
stossen  wir  auf  eine  Urkunde  ddo.  10.  Dezember  1270,  mittelst  welcher  König 
Stefan  V.  von  Ungarn  den  Ban  Ponych  mit  den  Gütern  des  treulosen 
Nikolaus,  des  Sohnes  des  Obergespans  Arnold  beschenkt  Unter  Ponych's 
Verdiensten  wird  in  der  Urkunde  Folgendes  angeführt :  « Porro  mm  Zvetis- 
laus  Bulgarorum  Imperator,  carissimus  gener  noster, 
tunc  nostre  Majestati  opposüus,  terram  nostram  de  Zeurina  miserabfliter 
deuastasset,  nos  injuriam  nostram  hujusmodi  propulsantes,  ctun  ad  Bulga- 
riam  congregato  exercitu  venissemus,  dictus  Ponych  Banus  ibidem  incepte 
fidelitatis  ardore  äagrans  castrumP/^^/2.  Bulgarorum  obtinuit  expugnando.» 

Um  diese  merkwürdige  Stelle  zu  erläutern  und  den  «gener«>    (Zve- 

üngmrlwhe  Berae,  XL  1891.  11.  Heft.  ^q 


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Ii6  GLOSSEN   ZUR   BULaARIßOHEN    ZAREN -GENEAIiOÖIE. 

tislaus^  Imperator  der  Bulgaren)  Stefans  V.  kritiscb-genealogisch  zu  wür- 
digen, müssen  wir  etwas  tiefer  in  die  Vergangenheit  greifen. 

Die  Beziehungen  des  ungarischen  Hofes  zu  Bulgarien  hatten  durch 
den  im  Jahre  1237  erfolgten  Tod  der  ungarischen  Prinzessin  Maria,  der  Gattin 
des  Bulgarenzaren  Johann  Asßn  ü.  durchaus  nicht  aufgehört;  selbst 
der  Umstand,  dass  Maria's  Söhne  kinderlos  gestorben,  änderte  an  diesen 
Beziehungen  nichts ;  wir  finden,  dass  teils  durch  die  eheliche  Allianz,  teils 
durch  die  Anregung  des  päpstlichen  Stuhles  ein  manchmal  stärker,  manch- 
mal schwächer  sich  manifestirendes  Bestreben  der  ungarischen  Könige  auf- 
tauchte, sich  in  die  Angelegenheiten  Bulgariens  zu  mengen  und  sich  daselbst 
eine  Fräponderanz  zu  schaffen. 

Dieses  den  regierenden  Kreisen  und  einzelnen  mächtigeren  Boljaren 
sicherlich  nicht  genehme  Streben  des  imgarischen  Hofes  war  jedenfalls  der 
Anlass  zu  jenen  in  den  letzten  Jahren  B^las  lY.  so  häufig  erfolgten  Guerilla- 
kämpfen zwischen  Ungarn  und  Bulgarien,  die  wir  ebensowenig  politisch  wie 
strategisch  kennen  und  von  denen  uns  nur  die  Urkunden  einige  Kunde 
geben.  Mir  sind  ausser  der  schon  citirten  noch  folgende  diesbezügliche  docu- 
mentarische  Daten  bekannt : 

1.  In  einer  seinem  Oberstallmeister  Dionysius  (aus  dem  Geschlechte 
Tomaj)  1235  ausgestellten  Donationsurkunde  ^  spricht  Bela  lY.  von  einem 
vor  1235  erfolgten  Feldzuge  in  Bulgarien.  Dionysius  ist  gelegentlich  eines 
Ausfalles  der  von  den  Ungarn  belagerten  Besatzung  des  bulgarischen  Castells 
Widin  (=  Budung)  mit  derselben  ins  Handgemenge  gerathen  und  hat  sie, 
ohne  verwundet  zu  werden,  in  das  Castell  zurückgedrängt.  Während  des- 
selben Feldzuges  wurde  Dionysius  auch  gegen  die  Truppen  des  Prinzen 
Alexander,  des  Bruders  des  Bulgarenzaren,  der  durch  seine  Guerillakämpfe 
häufig  das  Gebiet  der  zerstreuten  Ungarn  verwüstet  und  den  "^  Obergespan 
der  Szekler  gefangen  genommen  hatte,  geschickt. 

2.  1260  schenkt  Stefan  V.  dem  Torda,  Sohne  des  Györ«  das  imZalaer 
Comitate  gelegene  Grundstück  Cheusy.  «Quod  idem  Torda  de  nostro  man- 
dato  in  acie  domini  sui  in  Bulgariam  proficiscens  ibidem  exhibuit  laudis 
merita  recolende  obponens  se  pro  alüs  exercitu  Bulgarorum  pro  honore 
regio  fortune  casibus  se  committere  non  formidans.» 

3.  1262  ^  belohnt  ß61a  IV.  den  Merse  und  dessen  Bruder  Nicolaus, 
die  Söhne  des  Benedikt,  weil  Merse  «fidelis  juvenis  noster»  sowohl  in  Bulga- 
rien, als  gelegentlich  anderer  Expeditionen  des  Königs  demselben  grosse 
Dienste  geleistet ;  speziell  ist  während  des  bulgarischen  Feldzuges  Nicolaus 
im  Gefechte   «circa  coronam  nostrse  regise  maiestatis  fideliter  dimicando» 

'  Fejör,  Cod.  diplom.  IV.  1.  21—27. 
«  Hazai  okmÄnyt&r  VI.  105/68. 
•  Fej^r  IV.  3,  60. 


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aLÖSSEK    ZUB  BULGARISOHBN   ZAKBN-GBNEALOOIB . 


U? 


gefallen  und  hat  Merse  trotz  seiner  lebensgefährlichen  Verletzungen  tapfer 
fortgekämpft. 

4.  1263  ^  schenkt  Stefan  Y.  dem  Grafen  Jakob  de  Pank  einige  zum 
Schlosse  üng  gehörige  Besitzungen  für  seine  Verdienste  «specialiter  quando 
habuimus  pugnam  in  regno  Bulgarie  sitbtus  civitatem  Budun  nuncupatam.* 

5.  1264,  am  13.  April*  schenkt  Bela  IV.  dem  Meister  Lorenz,  Judex 
Aul»  und  Obergespan  des  Wieselburger  Comitats,  einige  im  Comitate 
Baranya  gelegene  Güter  und  begründet  diese  Donation  unter  Anderm 
folgendermassen :  «als  schliesslich  der  Uebermut  der  Bulgaren  zur  Zeit 
des  zwischen  uns^  dem  Könige  von  Böhmen  und  dem  Herzoge  von  Oester- 
reich  und  Steiermark  geführten  Krieges  unser  Severiner  Banat  feindlich 
verwüstet  und  die  meisten  unserer  Barone  die  Verteidigung  dieses  Ba- 
nates  nicht  übernehmen  wollten,  trotzdem  wir  dieselben  hierzu  öfters 
aufgefordert,  war  es  der  mehrerwähnte  Lorenz,  der,  nachdem  wir  ihm 
das  genannte  Banat  übergaben,  das  Bulgarenheer  besiegte,  dessen  Baub 
und  Beute  abnahm  und  einige  Bulgaren  längs  des  Donauufers  auf- 
hängen Hess,  und  so  durch  Niederschlagen  ihrer  bösen  Pläne  das  genannte 
Banat  in  seinen  früheren  guten  Stand  brachte  und  unserer  Majestät  zurück- 
gewann. ...» 

6.  1269*  werden  die  Brüder  Gosztony  belohnt.  Es  heissthier:  «In 
Anbetracht  der  Treue  und  der  verdienstvollen  Leistungen  Nicolaus'  und 
Michsels,  der  Söhne  Nicolaus'  von  Gosztun,  die  sie  sich  in  Bulgarien  vor  den 
Augen  unserer  Majestät  im  vorzüglichen  Kampfe  unter  unserer  Fahne 
lobenswert  errungen,  indem  sie  namentlich  unter  der  Fahne  unseres  Taver- 
nicus  Aegydius,  unter  mannigfachen  Wechseln  und  Todesgefahr  unsere 
bulgarischen  schismatischen  Feinde  ganz  bis  zum  Schlosse  Turnow 
(=  Tmova)  auf  unseren  Befehl  zu  verfolgen,  zu  plündern  und  einzufangen 
nicht  zögerten,  sondern  nach  Art  des  brüllenden  Löwen  die  Spuren  des 
Feindes  verfolgend,  zu  unserem,  des  Reiches  und  der  Krone  Glücke  das 
feindliche  Gebiet  zerstörten  und  die  gefesselten  Gefangenen  uns  zu- 
führten. ...» 

7.  1270^  erfolgt  Stefans  V.  Donation  an  den  Oberstallmeister  Bainald, 
den  Ahn  der  Bozgonyi.  Es  heisst:  «Als  wir  noch  zu  Lebzeiten  unseres 
Vaters  (Bela  IV.)  das  Herzogtum  Steiermark  innehatten,  zeichnete  sich 
Meister  Reynoldus  mit  seiner  tüchtigen  und  bewaffneten  Familie  in  unserem 
Heere,  welches  wir  unter  der  Anführung  noch  anderer  Barone  nach  Grie- 
chenland geschickt,  vor  den  Augen  Aller  gelegentlich  des  Angriffes  und  der  Ver- 

'  Hazai  okmÄnytÄr  VL  116/78. 
»  Fej4r  IV.  3,  196. 
»  Fej^r  IV.  3,  525. 
*  Wenzel.  XII,  12. 

10* 


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I4f8  GLOSSEN   ZUR  BULOAMSCHEN   ZAREN -OENEALOGlti. 

Wüstung  des  griechischen  Reiches  als  tapferer  Soldat  aus.  Nachdem  er  aus 
diesem  Feldzuge  glücklich  zurückgekehrt,  hat  der  genannte  Meister  Bey- 
nold  nachträglich  fünfmal,  zweimal  unter  unserer  persönlichen  und  drei- 
mal unter  der  Anführung  anderer  unserer  Barone  an  den  Feldzügen  in  Bul- 
garien Teil  genommen,  und  indem  er  sich  nicht  scheute  den  mannigfachen 
Eriegsgeschicken  die  Stirne  zubieten,  lobenswerte  Erfolge  errungen » 

8.  1273  ^  schenkt  Ladislaus  IV.  dem  Nicolaus,  dem  Sohne  Buda's,  die 
Besitzung  Magyar- Rokolan  im  ZalaerComitate  und  führt  unter  den  Verdiensten 
des  Beschenkten  Folgendes  an :  «als  dieser  Nicolaus  zur  Verteidigung  der 
königUchen  Krone,  damals  als  unser  Vater  sein  Heer  gegen  die  Bulgaren 
entbot,  mit  seinem  Bruder  Caslou,  der  Todesgefahr  Trotz  bietend,  vor  dem 
Schlosse  Budun  (=  Widdin)  unter  Anrufung  des  Namens  Christi,  sich 
mächtig  auf  die  feindlichen  Schaaren  stürzte,  einige  derselben  mit  seinem 
Schwerte  tödtete,  andere  siegreich  in  die  Flucht  schlug  oder  gefangen 
nahm  ...» 

9.  1274  ^  beschenkt  Ladislaus  IV.  den  Peter  v.  CsÄk  dafür,  dass  «cum 
idem  carissimus  Pater  noster  in  Bulgariam  pro  pulsandis  injuriis  confinii 
regni  sui  insultum  faceret,  idem  Magister  Petrus  ut  leo  fortissimus,  cuius  et 
insigna  gessit  in  vexiUo,  postposito  timore  mortis  imminentis  in  adversa 
Bulgarorum  acie  militans,  victoriam  magnificam  reportavit. » 

10.  1278  am  1.  September^  schenkt  Ladislaus  IV.  dem  Grafen  Peter, 
dem  Sohne  Dorogs  (aus  dem  Geschlechte  Gutkeled)  die  Besitzung  Szekelyhid 
und  führt  unter  des  Beschenkten  Verdiensten  an:  «qui  (Peter)  in  quadam 
expedicione  predicti  gloriosi  Regis  Stephani  patris  nostri  sub  Budum,  rela- 
tionibus  veridicis,  fertur  letale  vulnus  dimicando  cum  hostibus  excepisse . .  ■ 

11.  1279  am  21.  Juni*  sagt  Ladislaus  IV.  von  den  Söhnen  Kilian's 
V.  Saagh,  Amanus  und  Uz:  «quia  tempore  Domini  Stephani  Illustris  Regis 
gloriosse  recordationis,  parentis  nostri  charissimi,  tunc  cum  suam  ad  juris- 
dictionem,  potestatem  seu  Regnum  Bulgarin  subjugavit.  ...» 

Durch  die  Heirat  des  jungen  Bulgarenzaren  Michael  Asön  (Sohnes 
Asßn's  n.)  mit  der  Tochter  Rostislavs,  Bans  von  Macsö,  Schwiegersohnes 
B61a's  IV.  —  um  1255  —  nahmen  —  wie  wir  wissen  —  die  Beziehungen 
des  ungarischen  Hofes  zu  Bulgarien  eine  festere  Gestalt  an.  Rostislav  ver- 
mittelte im  Frühjahre  1257  einen  Frieden  zwischen  seinem  Schwiegersohne 
und  dem  Kaiser  Theodor  II.  von  Nikaea,  und  als  nach  Michaelas  Ermor- 
dung Rostislav,  die  Ehe  seiner  Tochter  mit  Eoloman  II.  nicht  billigend,  mit 
einer  Armee  gegen  Tirnova  zog,  musste  Eoloman  die  Flucht  ergreifen  und 
wurde  auf  derselben  getödtet. 

^  Hazai  oklev^lt4r  67/59. 

*  Fej^r  V.  2.  174/5. 
^  Wenzel  IX.  196. 

*  Fej^r  VII.  2.  73. 


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GLOSSEN    ZUR   BULGARISCHEN   ZAREN -GENEALOGIE. 


149 


Wie  wir  oben  gesehen^  unterliegt  es  keinem  Zweifel,  dass  sich 
Rostislav  durch  diesen  Sieg  zum  Herrn  der  Situation  in  Bulgarien  empor- 
geschwungen, dass  er  sich  urkundlich  Imperator  Bulgarorum  genannt 
und  dass  selbst  bulgarische  Truppen  auf  ungarischer  Seite  gegen  Ottokar 
von  Böhmen  kämpfen  mussten.  Der  kräftigste  Ausdruck  seiner  Oberherr- 
schaft aber  war,  dass  er  den  Mytzes,  den  Schwager  des  ermordeten  Zaren 
Michael  zum  Könige  der  Bulgaren  unter  seiner  und  —  da  er  selbst  auch 
ungarischer  Vasall  war  —  ungarischer  Oberhoheit  einsetzte.  Dass  aber 
Bostislav  seine  Erfolge  in  Bulgarien  dem  Eingreifen  ungarischer  Truppen 
zu  verdanken  hatte,  ist  selbstverständlich. 

Da  Mytzes  1258/9  durch  Konstantin  verdrängt  wurde,  ward  eine  kräf- 
tigere Unterstützung  desselben  seitens  Ungarns  notwendig ;  hierzu  gesellte 
sich  noch  das  Abwehren  der,  in  Folge  dieser  Einmischung  der  Ungarn,  die 
ungarischen  Grenzen  verwüstenden  Bulgaren,  unter  denen  wir  aber  nicht 
ausschliesslich  die  Truppen  des  Zaren  Konstantin  zu  verstehen  haben,  son- 
dern die  Unterthanen  und  Söldner  auch  mancher  einzelner  bulgarischer 
Dynasten,  die  im  Trüben  fischen  wollten.  Diese  Periode  ist  es  nun,  in  der 
.sich  der  jüngere  König  Stefan  zu  wiederholten  Malen  in  bulgarischen  Feld- 
zügen thätig  erwies.  Laut  der  Urkunde  7)  geschah  es  zweimal  imter  seiner 
persönlichen  Anführung,  dreimal  unter  jener  seiner  Generale.  Zum  ersten 
Male  befehligte  er  persönlich  das  Heer  vor  Widin  (Urkunde  Nr.  4).  Das 
zweite  Mal  nahm  er  persönlich  Teil  an  jenem  Feldzuge,  in  dem  sich  die 
Brüder  Gosztony  auszeichneten  (Urkunde  Nr.  6),  und  drang  bis  Timova 
vor.  Dass  sich  Mytzes  in  den  gebirgigen  Gegenden  Bulgariens  längere  Zeit 
gegen  seinen  Gegner  halten  konnte,  hatte  er  offenbar  Stefans  Unterstützung 
zu  verdanken,  und  da  dieser  —  wie  es  urkundlich  festgestellt  ist  *  —  selbst 
Widin  eingenommen,  so  is  es  leicht  erklärlich,  dass  sein  Ansehen  in  Bul- 
garien dem  eines  Oberherrn  in  Nichts  nachgestanden  haben  mag,  was  übri- 
gens Liadislaus  IV.  in  der  Urkunde  Nr.  1 1  genug  deutlich  bestätigt. 

Der  neuerlich  erfolgte  Ausbruch  der  Feindseligkeiten  zwischen  Stefan 
und  seinem  Vater  hatte  zur  Folge,  dass  Konstantin  den  von  Stefan  nicht 
mehr  unterstützten  Mytzes  1265  in  die  Flucht  jagte;  — wie  wir  wissen,  zog 
Mytzes  zuletzt  an  den  griechischen  Hof. 

Die  Urkunde  vom  10.  Dezember  1270  zeigt  nun,  dass  trotz  der  Flucht 
des  Mytzes  die  ungarisch-bulgarischen  Feindseligkeiten  nicht  aufgehört 
hatten ;  sie  deutet  einen  Feldzug  Stefans,  resp.  des  Bans  Ponych,  zur  Vertei- 


*  lieber  die  Einnahme  Widins  aussein  sich  die  Chronisten  folgendermAssen : 
KSzat  IV.  13:    «Dieser  (Stefan  V.)  brachte  auch    die  Stadt  Budun  unter  seine 

Herrschaft,  und  zwang,  so  lange  er  lebte,  den  Herrn  der  Bulgai*en  zum  Gehorsam.» 
Turöczi  n.  77 :  *«qui .  .  prseterea   Budam   oivitatem   Bulgarorum  expugnavit  et 

Bulgaros  superavit,  Eegem  eorum  sibi  compulit  deservire,! 


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150  GLOSSEN    ZUR   BULGARISCHEN    ZAREN- GENEALOGIE. 

digUDg  des  von  den  Bulgaren  verwüsteten  Severiner  Banates  an^  welcher 
Feldzug  etwa  zwischen  die  Jahre  1267 — 1269  fällt;  die  Urkunde  zeigt  aber 
auch;  dass  damals  der  Feind  der  Ungarn  nicht  Zar  Konstantin,  sondern 
•Zuetislaus  Imperator  Bulgarorumi  gewesen,  der  vordem  10.  Dezember  1270 
sich  der  Majestät  Stefans  entgegengestellt,  am  10.  Dezember  1270  aber  als 
«gener»  Stefans  der  allergetreueste  Schützling  Ungarns  geworden. 

Wer  ist  dieser  «Zuetislaus,  Imperator  Bulgarorum»,  was  haben  wir 
von  seiner  genealogischen  Verknüpfung  mit  der  Familie  Stefans  V.  zu  hal- 
ten  ?  Im  Jahre  1262  kommt  der  Name  dieses  Mannes  —  Jakob  Svetslav's  — 
zum  ersten  Male  vor.  Damals  sandte  er  dem  Kiever  Erzbischofe  Kyrill  III. 
eine  Abschrift  des  Nomokanons,  wobei  er  seine  Abstammung  in  dem  Begleit- 
schreiben folgendermassen  angibt :  «Vseja  ruskyja  zemli,  blagoderzavnago 
rodia  mojego,  ich  ie  otrasl  i  korön  az  bych  svjatych  ot*c  mojich.»  *  Er  nennt 
sich  also  einen  Nachkommen  russischer  Fürsten,  und  da  der  Name  Svjae- 
toslav  bei  den  Burikiden  oft  genug  vorkommt,  mag  auch  er  (vielleicht  nur 
von  mütterlicher  Seite)  dieser  Familie  entsprossen  sein. 

Während  der  Begierung  Konstantins  treffen  wir  ihn  als  selbständigen 
Despoten  in  den  Balkangegenden  (Jire6ek  meint:  f vielleicht  im  Western, 
unsere  Urkunde  ddo.  10.  Dezember  1270  gibt  durch  Anführung  Plevna's 
näheren  Aufechluss)  und  ist  er  den  Byzantinern  als  «Sphenthostlabosi 
bekannt.  Dieser  mächtige  Boljar  hatte  wahrscheinlich  die  Jahre  1260 — 1270 
dazu  benützt,  um  sich  auf  Kosten  des  Mytzes  und  Konstantins  ein  Gebiet 
zu  erwerben,  über  welches  er  als  selbständiger  Souverain^  quasi  als  Nebenzar 
des  regierenden  Zaren  von  Bulgarien  herrschen  wollte.  Durch  Verheiratung 
mit  einer  ihrem  Namen  nach  unbekannten  Tochter  des  Kaisers  Theodor  U. 
von  Nikaea  **  kam  Svetslav  in  äusserst   vornehme  Verwandtschaft    Die 


*  Vostokov,  Beschreibung  der  Codices  der  Bumjancover  Bibliothek  (russisch), 
ßt-Petersburg  1842,  pag.  290. 

*'•'  Theodor  11.  war  1258  gestorben  und  hatte  ausser  der  an  Konstantin  ver- 
mählten Irene  und  der  veruiälilten  Maria  noch  drei  Töchter  hinterlassen.  Michael 
Palaiologos  heeilte  sich  dieselhen  an  nicht  allzu  vornehme  imd  mächtige  Männer  zu 
vermälilen,  um  ihnen  dadurch  jede  Lust  und  MögUclikeit  zur  Geltendmachung  ihrer 
Ansprüche  auf  ihres  Vaters  Erbschaft  abzuschneiden.  Theodor's  Töchter  sind  also 
folgendermassen  vereheUcht: 

a)  Maria  |  vor  1265,  Gem.  September  1256  Nikephor  I.,  nachmaliger  Despot 
von  Epiros  (reg.  seit  1271  f  1296.) 

b)  Irene  f  1270,  vermählt  1258  mit  Konstantin  von  Bulgarien. 

c)  Anonyma,  vermählt  mit  dem  Despoten  Jakob  Svetslav. 

d)  Theodora,  verm.  mit  Mathias  von  Valainoourt. 

e)  Eudokia,  vermählt  mit  Wilhelm  Peter  (Balbo),  Grafen  von  VentimigHa. 
Aus  dieser  Ehe  stammten  die  Laskaris  in  der  Grafschaft  Nizza.  Man  leitet  die  Venti- 
miglia  von  Konrad  ab,  dem  vierten  Sohne  des  Markgrafen  (und  Kaisers)  Berengar 
von  Ivrea  und  der  Gisela,  der  Tochter  Boso's  von  Toskana.  Das  Haus  spaltete  sich  in 


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GLOSBEN    ZUR    BULGARISCHEN    ZAREN-GENEALOGIE.  151 

älteste  Schwester  seiner  Gattin  war  seit  1256  an  den  Kronprinzen  von 
Epiros^  die  zweite  seit  1258  an  den  regierenden  Zaren  Konstantin  von  Bul- 
garien vermählt  und  —  was  die  Hauptsache  gewesen  sein  musste  —  als 
Tochter  der  Helene  von  Bulgarien  war  seine  (jattin  eine  Enkelin  der  unga- 
rischen Königstochter  Marie.  * 

Durch  seine  Erfolge  übermütig  geworden,  und  stolz  auf  die  vor- 
nehme Verschwägerung,  mag  ihm  vielleicht  das  Entgegenkommen  des  noch 
stolzeren  Stefan  nicht  so  entsprochen  haben,  wie  er  es  erwartet  hatte.  Die 
Urkunde  Stefans  vom  10.  Dezember  1270  beweist,  dass  zwischen  1267/69 
Svetslav  es  war,  der  das  Severiner  Banat  mit  seinen  Kaubzügen  heim- 
suchte. —  Von  den  Ungarn  geschlagen,  vom  Zaren  Konstantin  und  wahr- 
scheinlich auch  vom  griechischen  Hofe  keine  Sympathien  erhoffend,  fand  er 
es  zur  Sicherung  seines  Besitzes  und  seiner  Herrschaft  angezeigt,  sich  an 
Stefan  V.  von  Ungarn  anzuschliessen  und  sich  ganz  und  gar  unter  unga- 
rische Aegide  zu  begeben.  Dies  ist  sicherlich  die  Genesis  des  «genert  und 
des  «Imperator  Bulgarorum.» 

Im  Geiste  der  damaligen  Zeit  konnte  man  sich  ein  politisches  Schutz- 
und  Trutzbündniss  ohne  eheliche  Allianz  nicht  einmal  vorstellen ;  Stefan  V. 
verlobte  daher  eine  seiner  Töchter  dem  Despoten  Jakob  Svetslav,  und  daher 
ist  es  erklärlich,  dass  er  seinen  Schwiegersohn  zum  Imperator  Bulgarorum 
avanciren  liess ;  der  Imperator  Bulgarorum  war  noch  lange  kein  Imperator 
GermaniflB,  und  dann  war  ja  das  Ganze  nur  ein  Schachzug  gegen  den  Zaren 
Konstantin  von  Bulgarien.  Der  ehelichen  Allianz  ging  aber  auch  eine  zwi- 
schen Stefan  und  Svetslav  abgeschlossene  Militärconvention  voraus.  1270 
belohnt  nämlich  Stefan  **  die  Brüder  Peter  und  Jakob,  Söhne  Samsons  aus 
dem  DorfeGerend,  für  ihre  militärischen  Verdienste,  die  sie  sich  u.  A.  während 
jener  Expedition  erworben,  die  Stefan  unter  Commando  der  Wojwoden 


mehrere  Zweige  ab.  Wilhelm  Peters  Mutter  soll  eine  Balbo  gewesen  sein.  Er  konmit 
1278  und  1285  in  einem  zwischen  seinem  jüngeren  Bruder  Peter  und  Karl  I.  von 
Anjou  geschlossenen  Vertrage  vor.  Kurz  vor  der  Vertreibung  Balduins  II.  aus  Kon- 
stantinopel befand  er  sich  in  dieser  Stadt  und  daher  rührt  seine  Bekanntschaft  mit 
Michael  Palaiologos,  der  die  Eudokia  Laskara  ihm  vermählte. 

Walirscheinlioh  sind  sämmtliche  drei  Schwestern  gleichzeitig  und  bald  nach 
Michaels  Tronbesteigung  vermälilt  worden.  K^ri  (Hist.  Byz.  101 )  setzt  die  Vermählung 
der  Anonyma  mit  «Sventistlavus,  dem  Herrn  einer  gebirgigen  Landschaft  in  Bul- 
garien» auf  1262.  Die  Angabe  des  Mor^ri'schen  und  Zedler'schen  Lexikons  (unter 
Berufung  des  Letzteren  auf  AkropoUta,  Spondanus,  Ducange  etc.),  dass  der  Gemahl 
dieser  unbekannten  Prinzessin  ein  bulgarischer  Herr  Namens  Wenzel  sei,  ist  dahin 
zu  erklären,  dass  das  griechische  cSphenthosthlabos»  von  diesen  Autoren  für  einen 
gracisirten  Wenzel  gehalten  wurde. 

*  Vgl.  meine  Stammtafel  der  Aseniden  in  dem  oben  zitirten  ungarischen 
Werke. 

**  Hazai  okmanytar  VI.  166, 


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152  GLOSSEN   ZUR   BULGARISCHEN   ZAREN -GENEALOGIE. 

Nicolaus  und  Ladislaus  zur  Unterstützung  Zuetislaus'  gegeti  die  Griechen 
abgeschickt.  Bezüglich  der  Zeit  dieser  ehelichen  Allianz  ist  Folgen- 
des zu  bemerken.  Aus  der  Fassung  der  Urkunde  ist  allerdings  nicht  zu 
entnehmen,  ob  Svetslav  vor  oder  nach  dem  Feldzuge  Ponych's  der  gener 
Stefans  geworden ;  mir  scheint  jedoch  das  Letztere  fast  unwiderleglich,  denn 
das  ftunc  nostrse  Majestati  oppositust  scheint  darauf  hinzudeuten,  dass 
8tefan  damit  sagen  will,  es  sei  Svetslav  vor  dem  Feldzuge  noch  nicht  sein 
gener  gewesen ;  er  will  mit  diesem  Passus  gewissermassen  erklärlich  machen, 
wie  so  es  komme,  dass  er  seinen  einstigen  Gegner  jetzt  als  carissimus  gener 
noster  bezeichnet.  Svetslav's  erste  Gattin,  die  nikäische  Eaiserstochter,  dürfte 
zur  Zeit  dieses  Verlöbnisses  wohl  nicht  mehr  gelebt  haben;  übrigens 
wäre  sie  selbst  in  diesem  Falle  kein  Hindemiss  zum  Abschlüsse  der  neuen 
Allianz  gewesen,  da  ja  fast  jeder  serbische,  bulgarische  Herrscher,  wenn  sich 
ihm  eine  vornehmere  oder  vorteilhaftere  Gattin  in  Aussicht  stellte,  seine 
erste  Gemahlin  nach  Belieben  verstiess.  Zar  Konstantin  ging  ja  hier  mit  dem 
Beispiele  voran,  als  er  zur  Zeit  seiner  Tronbesteigung  seine  erste  Gattin 
verstiess,  um  Theodor's  II.  Tochter  zu  heiraten. 

Ob  nun  unter  «gener»  wirklich  ein  Schwiegersohn  Stephans  V.  zu  verste- 
hen sei,  scheint  mir  heute  nur  im  bejahenden  Sinne  beantwortet  werden  zu 
können.  Es  ist  allerdings  wahr,  dass  die  Arpäden  manchmal  von  einem  gener 
sprechen,  der  nicht  die  Tochter  desjenigen  zur  Gattin  hat,  der  die  Urkunde 
ausstellt,  und  dass  unter  « gener »  oft  nur  ein  Gemahl  einer  Ärpäden-Frinzessin 
überhaupt  verstanden  wird;  insolange  aber  nicht  der  Nachweis  geliefert 
wird,  dass  Svetslav  eine  Andere  als  Stephan 's  Tochter  erhalten,  müssen  wir 
in  diesem  gener  Stephan's  den  Verlobten  oder  Gemahl  seiner  Tochter  er- 
kennen. Uebrigens  ist  in  der  Beihe  der  uns  aus  jener  Zeit  bekannten  unga- 
rischen Prinzessinen  keine  einzige  vorhanden,  auf  welche  dieses  Verhältniss 
mit  Svetslav  anderswie  passen  würde. 

Welche  von  Stephan's  Töchtern  Ende  1270  mit  Svetslav  verlobt  oder 
vermählt  gewesen,  lässt  sich  nicht  bestimmen.  —  Katharina  war  damals 
schon  mit  Stephan  Dragutin  von  Serbien,  Maria  mit  Karl  von  Neapel  ver- 
mählt. Sollte  es  die  nachmalige  Nonne  Elisabeth  gewesen  sein  ?  Ich  glaube 
nicht,  weil  sie  1.  schon  1270  urkundlich  als  im  Kloster  anwesend  angeführt 
wird  und  weil  2.  schon  im  nächsten  Jahre  Svetslav  im  Friedensvertrage 
zwischen  Stephan  V.  und  Ottokar  von  Böhmen*  do.  3.  Juli  1271  nur  mehr 
als  «Svetislaus  Imperator  Bulgarorum»  ohne  den  Zusatz  « gener  •  vorkommt, 
wo  hingegen  Stephan  Dragutin,  Andronikos  Palaiologos  und  Andere  als 
Schwiegersöhne  und  Verschwägerte  Stephan's  V.  genannt  werden.  Da  nun 
das  freundschaftliche  Verhältniss  zwischen  Stephan  und  Svetslav,  wie  wir 
aus  dem  Friedens-Instrumente  ersehen,  nicht  aufgehört  hat,  deutet  die  Ab- 

ir  V.  1.  124^-126. 


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GLOSSEN    ZUR    BULGARISCHEN    ZAREN -GENEALOGIE.  153 

Wesenheit  des  Wortes  «gener»  höchstwahrscheinlich  an,  dass  Svetslav's  Ver- 
lobte (oder  Gattin)  zwischen  dem  lO.December  1270  und  3.  Juli  1271  gestor- 
ben sein  muss  ^  und  dass  demzufolge  zwischen  Maria  und  Elisabeth  noch 
eine  Tochter  Stephan's  einzuschalten  sei. 

In  einem  Schreiben  des  Bischofs  von  Olmütz,  Bruno  von  Schauen- 
bürg,  an  Papst  Gregor  X.  do.  1272*,  kommt  folgende  Stelle  vor:  «Due 
filie  Begis  Ungarie  Buthenis,  qui  sunt  scismatici,  desponsati»  fuerunt.  Soror 
juvenis  hujus  Begis  Yathatio  est  tradita,  Ecclesie  inimico».  Unter  den  an 
Bussen  vermählten  Königstöchtern  haben  wir  Bela's  lY.  Töchter  Anna  und 
Konstanze  zu  verstehen.  —  Die  Bedeutung  der  dem  kirchenfeindlichen 
f  Vathatius»  übergebenen  Prinzessin  ist  schwerer  zu  klären.  Sicher  ist,  dass 
unter  der  Schwester  des  jungen  Königs  eine  Tochter  Stephan's  V.  zu  ver- 
stehen sein  muss.  Nun  hat  aber  den  Namen  •  Vatatzes»  (=  Vathatius  des  Bi- 
schofs Bruno)  meines  Wissens  nur  der  am  30.  Oktober  1254  gestorbene 
Kaiser  von  Nikaea,  Johann  (lH.)  Dukas  geführt,  während  sein  Sohn  Theo- 
dor II.  und  sein  Enkel  Johann  IV.  den  Namen  Laskaris  vorzogen;  Letzterer  — 
bereits  am  25.  December  1261  geblendet  und  in  Dakibyza  eingekerkert  — 
scheint  überhaupt  nicht  vermählt  gewesen  zu  sein. 

Ich  glaube  nun,  dass  sich  Bruno's  Angabe  einzig  und  allein  auf  Anna, 
die  Schwester  des  jungen  Königs  Ladislaus  IV.  (Tochter  Stephan's  V)  bezieht, 
welche  1272  als  Gemahlin  des  griechischen  Kronprinzen  Andronikos,  Sohnes 
des  Kaisers  Michael  Palaiologos,  sich  am  Hofe  zu  Konstantinopel  befunden. 
Michael  oder  sein  Sohn  dürften  entweder  auch  den  Namen  Vatatzes  geführt 
haben,  oder  hat  ihn  der  Bischof,  als  bezeichnend  für  einen  der  abendlän- 
dischen Kirche  feindlichen  Fürsten,  wie  ein  solcher  Johann  III.  gewesen, 
den  Palaiologen  eigenmächtig  beigelegt.  Sollte  aber  meine  Annahme  sich 
nicht  bestätigen,  so  hätten  wir  es  hier  mit  einer  auf  der  Stammtafel  der 
Ärpäden  noch  nicht  untergebrachten  Tochter  Stephan's  V.  zu  thun,  die  mög- 
licherweise auch  mit  dem  Despoten  Svetslav  in  Verbindung  zu  bringen 


wäre. 


8 


Nach  Pachymeres  hatte  unser  Despot  ein  tragisches  Ende  gefunden. 
Konstantin's  Gemahlin  Maria  Kantakuzena,  die  während  der  Krankheit  ihres 
Gatten  die  Begierung  in  ihren  Händen  hatte  und  die  Zukunft  ihres  unmün- 

*  Es  wäre  denn,  dass  die  Verlobung  noch  vor  dem  3.  Jtdi  1271  mit  gegenseitiger 
Uebereinstimmung  und  ohne  Schädigung  des  freundschaftlichen  Verhältnisses  gelöst 
worden  wäre. 

«  Wenzel  IV.  10/6. 

^  Engers  Vermutung,  dass  Svetslav  sich  deshalb  an  den  ungarischen  Hof 
angelehnt,  weil  Stefans  Tochter  Anna  1271  an  den  griechischen  Tronfolger  vennählt 
worden,  wird  durch  unsere  Urkvmde  widerlegt,  da  Svetslav  schon  1270  Stefans 
cgeneri  war.  Eher  mochte  die  Annäherung  Konstantins  an  Kaiser  Michael  1270 
(Vermähltmg  mit  des  Kaisers  Nichte)  hier  mitgewirkt  haben. 


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154  GLOSSEN   ZUR   BULGARISCHEN   ZAREN -GENEALOGIE. 

digen  Sohnes  Michael  gegen  alle  Eventualitäten  sichern  wollte,  fürchtete,  der 
mächtige  Svetslav  könnte  dem  Prinzen  einmal  hindernd  in  den  Weg  treten. 
Um  den  Despoten  einzuschläfern,  bot  sie  ihm  das  Thronfolgerecht  an,  wenn 
er  sich  von  ihr  als  jüngerer,  zweiter  Sohn  adoptiren  lassen  wolle.  Der  alte 
Mann  machte  sich  so  lächerUch,  dass  er  sich  in  Timova  vor  dem  Altare, 
beim  Scheine  vieler  Kerzen,  durch  Umschlagung  des  Mantels  der  jungen 
Zarin  in  den  jüngeren  Bruder  des  sechsjährigen  Michael  verwandeln  liess. 
Kaum  durch  den  Titel  « Sohn  der  Königin  der  Bulgaren,  als  zweiter  nach 
dem  Knaben  Michael»  eingeschläfert,  liess  die  ränkevolle  Zarin  ihn  und 
seinen  Anhang  heimUch  aus  dem  Wege  räumen. 

Von  etwaigen  Nachkommen  Svetslav's  haben  wir  keine  Kunde. 

17.  Die  Terterijden. 

Johann  AsSn  m.  war  noch  kaum  auf  dem  Trone,  als  Kaiser  Michael  die 
Wahrnehmung  machte,  dass  sein  SchützUng  nicht  der  Mann  sei,  die  Krone 
für  die  Dauer  zu  behaupten ;  somit  musste  dafür  Sorge  getragen  werden,  den 
Leiter  der  mächtigsten  und  einflussreichsten  Partei  in  Bulgarien  auf  des 
schwachen  Zaren  Seite  zu  bringen.   Dieser  Parteichef  war  Gborg  Terterij.  * 

Seine  Abstammung  ist  unbekannt ;  wir  wissen  nur,  dass  sein  Vater  ein 
Kumane,  seine  Mutter  mit  den  vornehmsten  bulgarischen  Familien  ver- 
wandt gewesen.  Die  Lockungen  des  Hofes  und  eine  ihm  von  griechischer 
Seite  offerirte  eheliche  Verbindung  mit  einer  Prinzessin  thaten  das  Ihre,  um 
den  Mächtigen  an  den  Hof  zu  ketten;  zudem  erhielt  er  den  Despotentitel. 

Alles  dies  half  aber  der  griechischen  Politik  dennoch  nicht.  —  Der  todt- 
geglaubte  Ivajlo  erschien  plötzlich  vor  Tirnova  und  schlug  zweimal  die  ihm 
entgegengestellten  griechischen  Truppen ;  der  ehrgeizige  Terterij  fand  jetzt 
mehr  als  je  Gelegenheit  seinen  Einfluss  zur  Erlangung  der  Krone  geltend 
zu  machen,  und  als  Johann  Äsen  schmählich  die  Flucht  ergriffen,  ward 
Georg  I.  Ende  1280  zum  Zaren  gekrönt.  Selbstverständlich  verfolgte  der 
neue  Zar  eine  griechenfeindliche  Politik.  Er  verbündete  sich  mit  den 
Gegnern  des  griechischen  Hofes :  Karl  von  Anjou-Neapel  und  Johann  Fürsten 
von  Neopatrae.  1284  schloss  er  indess  mit  Kaiser  Andronikos  IL  Frieden. 
1285  brachen  Nogaj's  Tataren  in  Bulgarien  ein  und  Terterij  konnte  nur 
durch  Aufopferung  einer  seiner  Töchter  seinen  Tron  behaupten ;  doch  nicht 
lange  dauerte  seine  Sicherheit.  Durch  die  fortgesetzten  Drohungen  des  Ta- 
tarenkhans eingeschüchtert,  floh  er  zum  Kaiser,  um  diesen  zu  Hilfe  zu  ru- 
fen ;  in  der  Nähe  von  Adrianopel  hielt  er  sich  so  lange  auf,  bis  ihn  die  Grie- 
chen in  Haft  nahmen.   Auf  die  Kunde  seiner  Flucht  setzte  der  Khan  (um 

*  So  Bchreibt  diesen  Namen  Jirecek  nach  den  Worten  des  Pomenik :  Terterija 
starago.  Bei  den  Byzantinern  heisst  er  TipteprJ^.  Der  Papst  nennt  ihn  cEönig  Oeoig.i 


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OLOBSEN   ZXJB   BUL6ABIS0HEN    ZABEN-OENEAL06IE. 


155 


1292)  in  der  Person  des  Smiltzes  (siehe  18.)  einen  neuen  Zaren  ein.  Als  aber 
des  Georg  Sohn  Svetslav  in  der  Folge  znm  Throne  gelangte  und  (um  1298) 
mit  Griechenland  Frieden  schloss,  befand  sich  unter  den  beiderseits  aus- 
gewechselten Gefangenen  auch  Georg  I.  Dieser  erhielt  nun  wohl  seine  Frei- 
heit, nicht  aber  den  Tron ;  sein  Sohn  wies  ihm  eine  anständige  Apanage 
an,  dass  er  den  liest  seiner  Tage  vergnügt  und  sorgenlos  verleben  könne. 
Wann  und  wo  er  gestorben,  ist  unbekannt. 

Georg's  erste  Gemahlin  war  eine  Bulgarin,  des  Namens  Maria.  ^  Engels 
Angabe,  sie  sei  eine  Schwester  des  Boljaren  Eltimeres  gewesen,  ist  falsch,  da 
wir  heute  Eltimir  als  Georges  Bruder  kennen.  Als  nun  Georg  1 280  sich  dem 
griechischen  Hofe  anschloss,  verstiess  er  Maria  mit  ihrem  ältesten  Sohne 
und  überlieferte  sie  dem  Kaiser,  der  sie  in  Nikaea  bewachen  liess. 

Als  nach  Georg's  Krönung  die  bulgarische  Geistlichkeit  die  Zurück- 
berufung  der  Verstossenen  urgirte,  benützte  er  1284  einen  Frieden  mit 
Andronik  11.,  um  seine  verstossene  Gemahlin  zurückzufordern,  was  ihm  auch 
gelang ;  seitdem  sind  die  Schicksale  dieser  Zarin  Maria  unbekannt. 

Georg's  zweite  Gemahlin  war  eine  Schwester  des  Zaren  Johann 
As^n  KL,  gleichfalls  Maria  genannt.  Sie  wurde  ihm  1280  vermählt,  um  ihn 
in  das  Interesse  Johann  Asän's  und  des  kaiserlichen  Hofes  zu  ziehen.  — 
1284  sah  er  sich  genötigt,  um  seine  Geistlichkeit  zu  versöhnen,  die  Prin- 
zessin Maria  nach  Konstantinopel  zurückzusenden.  ^  Was  weiter  mit  ihr  ge* 
schah,  ist  unbekannt. 

Von  Georg's  Kindern  kennen  wir:  1.  Zar  Theodor  Svetslav.  2.  Voj- 
slav.  3.  und  4.  zwei,  ihrem  Namen  nach  unbekannte  Töchter.  Vojslav  er- 
richtete nach  dem  Tode  seines  Neffen  Georg  n.  ein  unabhängiges  Fürsten- 
tum im  oberen  Tundiatale  mit  der  Residenz  auf  der  Burg  Kopsis.  ^  Sein 
Gebiet  umfasste  vier  Städtchen,  seine  Armee  zählte  3000  Mann.  ^  Im  Bunde 
mit  Andronikos  dem  Jüngeren  belagerte  er  4  Monate  vergeblich  Philippopel. 
Als  Michael  II.  zum  Zaren  der  Bulgaren  gewählt  worden,  wollte  er  den 
Fürsten  Vojslav  unterwerfen.  Er  widerstand  dem  Angriffe  ein  ganzes  Jahr, 
bis  ihn  die  Unzufriedenheit  seiner  Unterthanen  und  der  Mangel  an  Zufuhr 
im  Frühjahre  1324  zur  Flucht  nach  Konstantinopel  nöthigten.  Seine 
Familienverhältnisse  sind  unbekannt. 

Georg's  ältere  Tochter  (geboren  von  semer  bulgarischen  Gattin)  ist  ein 
Opfer  der  Politik  geworden.  Als  1285  sich  Nogaj's  Tataren  auf  Bulgarien 
warfen,  wusste  sich  Georg  ihrer  nicht  anders  zu  erwehren,  als  dass  er  seine 


*  Synodik  (Pomenik) :  «Maria,  Gattin  des  Zaren  Terter  des  Aelteren.« 

*  Pachymeres  ed.  Bonn  ü.  57. 

'  Eantakozenos  I.  172  ed.  Bonn. 

*  Durch  Huldigung  erhielt  er  vom  griechiechen  Hofe  die  Erlaubniss  sich  «Des- 
pot von  Mysien»  zu  nennen. 


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156  GLOSSEN   ZUR   BULGARI8CHBN    ZAREN -GENEALOGIE. 

Tochter  dem  Öoki,  Sohne  des  Nogaj,  vermählte.  Wie  wir  wissen,  schützte  ihn 
dies  aber  doch  nicht  vor  dem  Verderben.  Öoki  (auch  Czakas)  *  zog  nach  dem 
1293  erfolgten  Tode  seines  Vaters  abermals  nach  Bulgarien^  um  daselbst,  als 
Georg's  Schwiegersohn,  sich  zum  Zaren  erklären  zu  lassen.  Um  seine  Herr- 
schaft populär  zu  machen,  nahm  er  den  Bruder  seiner  Gattin,  Svetslav,  zum 
Mitregenten  an.  Kaum  hatte  aber  Svetslav  durch  eine  reiche  Heirat  sich  ein 
Ansehen  verschafft,  Hess  er  Coki  meuchlings  ergreifen  und  im  Gefängnisse 
erdrosseln  (1:295).  Des  Ermordeten  Kopf  schickte  er  in  die  Krim  zu  dessen 
Feinden.  Coki's  Kinder  aus  der  Ehe  mit  der  Terterijdentochter  sind  unbekannt 
Auch  was  mit  Coki's  Witwe  geschehen,  wissen  wir  nicht ;  aber  es  ist  mehr 
als  gewiss,  dass  sie  sich  nach  ihres  Gatten  Ermordung  an  den  Hof  ihres 
Bruders  begeben,  weil  wir  sie  in  einer  Action  ihres  Bruders  aus  dem  Jahre 
1308  erwähnt  finden. 

Die  im  Jahre  1302  in  griechische  Dienste  getretenen  Catalonier  hatten 
sich  nämlich,  als  ihnen  die  Griechen  ihren  Sold  nicht  zahlen  wollten,  von 
denselben  losgesagt  und  auf  eigene  Faust  eine  autonome  Körperschaft  ge- 
bildet, die  für  Geld  für  Jeden  und  gegen  Jeden  zu  haben  war.  1308  knüpfte 
nun  Svetslav  mit  einem  der  Chefs  dieser  Catalonier,  genannt  Boccaforte  (bei 
Engel  Eomofortus),  Unterhandlungen  an,  um  diese  Schaaren  zu  einer  Expe- 
dition gegen  Byzanz  zu  gewinnen.  Um  Boccaforte's  Zustimmung  zu  er- 
werben, schlug  er  demselben  eine  Heirat  mit  seiner  Schwester,  der  Witwe 
6oki*s  vor,  doch  führten  die  Verhandlungen  nicht  zu  dem  gewünschten  Re- 
sultate. ** 

Georg's  jüngere  Tochter  —  Engel  nennt  sie  Kotanicza  —  (geboren 
um  li281  von  der  AsSniden-Prinzessin)  war  zweimal  vermählt: 

a)  1296  mit  dem  Könige  Stephan  Urosch  H.  von  Serbien.  Bald  nach 
der  Heirat  fand  es  aber  Stefan  Urosch  geraten,  sich  mit  dem  griechischen 
Hofe  zu  liiren.  Kaiser  Andronikos  H.  der  den  häufigen  Einfällen  des  ser- 
bischen Königs  in  griechisches  Gebiet  ein  Ende  bereiten  wollte,  bot  dem- 
selben eine  Falaiologentochter  an  und  verfocht  die  Meinung,  dass  die  Ehe 
mit  der  Bulgarin  keine  gesetzliche  sei,  weil  zur  Zeit  ihrer  Schliessung  Ste- 
fan Urosch'  erste  (verstossene)  Gemahlin  noch  am  Leben  gewesen.  Da 
diese  jetzt  gestorben,  sei  der  Serbenkönig  erst  Witwer  geworden  und  dürfe 
er  erst  jetzt  eine  zweite  Ehe  eingehen.  Stefan  Urosch,  der  es  in  Sachen 
der  Abwechslung  des  «ewig  Weiblichen»  nicht  zu  strenge  nahm,  verstiess 
nun  1298  die  Bulgarin  und  lieferte  sie  dem  Kaiser  aus. 

b)  Kaiser  Andronikos  11.  fürchtete,  es  könne  Zar  Svetslav  die  seiner 
Schwester  angethane  Schmach  rächen  wollen,  und  beeilte  sich,  die  Sache 

*  Bei  Hammer  auch  Coke,  Cuke. 

='^*  Paohymeres  II.  600—603,   606.    Nach   Engel  438   hat  Svetslav  seine  verwit- 
wet« Schwester  dem  Bomofortus  zur  Gemahlin  gegeben. 


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atiOSSEI^   ZÜK   BtJLOAlUSCHBK   2ARE^-OENEALOOIE.  1-^>7 

irgendwie  auszugleichen.  Das  beste  Mittel  hierzu  glaubte  er  in  einer  Standes- 
massigen  Verheiratung  der  Yerstossenen  zu  finden. 

Demetrius  Angelos  (auch  Michael  Dukas  Eutrules)^  Sohn  des  Despoten 
Michael  11.  von  Epiros  und  der  Theodora  Petralipha,  war  in  erster  Ehe  mit 
Anna,  Tochter  des  ELaisers  Michael  VIII.  (der  einstigen  Braut  Milutins)  ver- 
mählt gewesen.  Witwer  geworden,  warf  er  seine  Augen  auf  die  in  Griechen- 
land intemirte  Tochter  Terterij's.  Andronikos  IL  kam  die  Sache  sehr  er- 
wünscht, und  er  negocürte  mit  möglichster  Raschheit  die  Vermählung  des 
Paares  1301.  Diesmal  war  der  Umstand,  dass  der  Gemahl  der  Yerstossenen 
noch  am  Leben  gewesen,  kein  Ehehindemiss  I 

Michael  führte  den  Titel  eines  Despoten  von  Fatras,  den  er  gelegent- 
lich seiner  Vermählung  mit  Anna  erhalten ;  diesen  Titel  erhielt  nun  Svetslav's 
Schwester.  Diese  hatte  ihrem  Gatten  bereits  mehrere  (ihrem  Namen  nach  un- 
bekannte) Kinder  geboren,  als  es  1305  dem  Kaiser  schien,  Michael  habe 
grössere  Aspirationen,  als  sich  mit  der  Despoten- Würde  zu  begnügen.  Am 
13.  März  dieses  Jahres  liess  er  ihn  sammt  seiner  Gemahlin  und  seinen  Kin- 
dern ohne  Weiteres  verhaften  und  seitdem  spricht  die  Chronik  nichts  mehr 
von  diesem  Schwager  Svetslav's.  Die  Zurücksetzung  seiner  Schwester  be- 
schwor aber  einen  Krieg  zwischen  Bulgarien  und  Byzanz. 

Der  Zar  Theodor  Svetslav. 

Aeltester  Sohn  Georg's  I.  aus  dessen  erster  Ehe  mit  der  bulgarischen 
Maria.  Als  diese  1280  Verstössen  und  nach  Griechenland  geschickt  wurde, 
musste  sie  auch  ihren  Sohn  Svetslav  mit  sich  nehmen.  Als  sie  1284  wieder 
zu  ihrem  Gatten  zurückgelangte,  blieb  Svetslav  noch  ferner  in  Griechenland, 
bis  sich  der  Kaiser  durch  den  bulgarischen  Patriarchen  Joachim  zur  Frei- 
lassung des  Prinzen  bewegen  liess. 

Als  der  Tatare  Öoki  nach  der  Entsetzung  des  Zaren  Smiltzes  sich 
selbst  zum  Herrn  der  Bulgaren  aufwarf,  glaubte  er  in  der  Erhebung  seines 
Schwagers  Svetslav  zum  Mitregenten  ein  Mittel  zum  Populärmaehen  seiner 
Herrschaft  gefunden  zu  haben.  —  Er  hatte  sich  aber  verrechnet.  Svetslav 
liess  den  Schwager  aus  dem  Wege  räumen  und  bestieg  1295  als  t  Befreier 
des  Vaterlandes»  den  Tron. 

Die  erste  Hälfte  seiner  Regierung  war  mit  Streitigkeiten  gegen  Byzanz 
ausgefüllt,  die  zweite  verfloss  in  Frieden.  Er  starb  1322.  Er  war  zweimal 
vermählt 

Noch  zur  Zeit  als  er  in  Nikaea  sich  als  Geissei  befand,  benützte  sein 
Vater  den  Tod  des  Kaisers  Michael  VTQ.  (1282)  und  den  Regierungsantritt 
Andronikos'  H.,  um  durch  ein  Bündniss  mit  Johann  I.  (Angelos  Komnenos 
Dukas),  Fürsten  von  Neopatrae,  die  Befreiung  Svetslav's  zu  erwirken ;  eine 
Vermählung  des  Prinzen  mit  Johann*s  Tochter  sollte  das  Bündniss  krönen. 


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^^  aiiOSSBN    ZUR    BÜLOARI80HBN   ZARBN-OBNBALOGHt. 

Als  nun  Andronikos  II.,  durch  diese  Allianz  eingeschüchtert,  mit  Georg  Ter- 
terij  seine  freundschaftlichen  Beziehungen  erneuerte,  gab  Letzterer  auch 
sein  Verhältniss  zu  Johann  Angelos  auf;  er  entsagte  nicht  nur  dem  Schutz- 
und  Trutzbündnisse,  sondern  lieferte  auch  dessen  Tochter,  die  ihm  als  Braut 
Svetslav's  anvertraut  war,  dem  Kaiser  aus. 

Johannas  von  Neopatrae  uns  bekannte  Töchter  sind  folgende : 

a )  Johanna,  Gem.  um  1276  Stephan  Urosch  11.  von  Serbien,  Verstössen, 

b)  Helene,  Gem.  1.  Wilhelm  I.  (de  la  Boche),  Herzog  von  Athen, 

2.  Hugo  von  Brienne,  reg.  1291—1296, 

c)  Tochter,  Gem.  Andronikos  Tarcboniata,  Gross-Connetable,  Neffe  des 
Kaisers  Michael  Vm.,  t  1283  (?) 

d)  Tochter,  (?) 

Ob  Svetslav's  Verlobte  eine  dieser  gewesen  oder  ob  sie  (wie  z.  B.  Mor^ri 
u.  A.  annehmen)  eine  fünfte  Tochter  Johann 's  war,  ist  nicht  festgestellt. 

Svetslav  war  durch  die  Wirren  nach  der  Flucht  seines  Vaters  ganz 
arm  geworden ;  er  suchte  und  fand  eine  reiche  Gattin.  Ein  gewisser  Mankus 
hatte  eine  Tochter,  deren  Taufpathin  des  Khans  Nogaj  Gemahlin  Euphro- 
syne  (natürliche  Tochter  Michael's  VÜI.)  gewesen.  Pachymeres  nennt  die- 
selbe Enkone,  der  Pomenik  nennt  sie :  Zarin  Euphroeina,  Gattin  des  Zaren 
Svjatislav,  welchen  Namen  sie  nach  ihrer  Taufpathin  erhielt.  Der  Vormund 
dieser  Euphrosyne,  der  reiche  Kaufmann  Pantoleon,  hatte  das  Mädchen  zu 
seiner  Erbin  eingesetzt  und  Svetslav's  Bewerbung  um  deren  Hand  angenom- 
men. Von  dieser  Zarin  wissen  wir  sonst  gar  nichts;  sie  ist  sicherlich  vor  1320 
gestorben.  Im  Jahre  1320  vermählte  sich  Svetslav  zum  zweiten  Male.  Diesmal 
warf  er  seine  Augen,  um  mit  dem  griechischen  Hofe  in  näheren  Gonnex  zu 
treten,  auf  eine  byzantinische  Prinzessin  und  so  erhielt  er  Theodora  Pa- 
laiologa  zur  Gemahlin.  Sie  war  die  Tochter  des  am  12.  October  1320  gestor- 
benen Kronprinzen  Michael  und  Enkelin  des  Kaisers  Andronikos  II.  Witwe 
geworden,  heiratete  sie  um  1323  den  Bulgaren- Zaren  Michael  H.  (s.  19a). 

Svetslav  hatte  aus  erster  Ehe  einen  einzigen  Sohn,  der  ihm  als  Oeorg 
Tertmj  IL  folgte.  *  Er  starb  nach  einem  gegen  Byzanz  imtemommenen 
Feldzuge  schon  im  Jahre  1323.  Er  war  der  letzte  regierende  Terterijde. 

Zu  den  Terterijden  gehört  noch  der 


Despot  Eltimir. 

Dieser  war  der  Bruder  des  Zaren  Georg  I.   und   hatte  sich   zum 
Despoten  von  Krun  (um  Karnobad)  emporgeschwungen.  Als  1298  die  Grie- 


*  In  einem  für  ihn  1322  geschriebenen,  im  Ghilandarkloster  befindlichen 
Evangelium  heisst  es:  cvelikyj  oar  Georgije,  syn  velikago  carja  Theodora  SvetslaTat 
(der  grosse  Zar  Georg,  Sohn  des  grossen  Zaren  Theodor  Svetslay). 


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<)L0S8EN   ZÜB   BULOABI80HEK   ZABBN'GBNEALOGIJS.  ^^^ 

eben  den  Michael,  den  Sohn  Konstantin 's,  mit  griechischen  Truppen  nach 
Bulgarien  sandten,  um  Syetslav  anzugreifen,  vertrat  Eltimir  seines  Neffen 
Interessen  so  gut,  dass  er  den  Sebastokrator  Badoslay  schlug  und  blendete. 
Um  1306  unterstützte  Eltimir  seinen  Neffen  neuerdings  und  es  gelang  ihnen 
die  Städte  Diampolis,  Ancbialos,  Mesembria  und  SozopoUa  zu  erobern ;  um 
1309  gelang  es  indess  den  griechischen  Intriguen,  Onkel  und  Neffen  zu  ent- 
zweien. Bei  dieser  Gelegenheit  wurde  Eltimir  durch  die  Griechen  aus  seinem 
Besitze  verjagt.  Um  sein  Land  zurückzuerhalten,  söhnte  er  sich  wieder  mit 
Svetslav  aus  und  schüchterte  dadurch  den  Kaiser  ein.  Da  er  aber  einige  von 
Svetslav  für  seine  Unterstützung  erhaltene  Städte  dem  Kaiser  zurückgab, 
befeindete  ihn  Svetslav  1308  aufs  Neue.  Eltimir 's  fernere  Geschichte  kennen 
wir  nicht.  Seine  Gemahlin  war  eine  Tochter  des  Zaren  Smilec.  Ob  dieses  Paar 
Kinder  gehabt,  wissen  wir  nicht. 

18.  Zar  Smilec  (Smiltzos). 

Nach  Georges  I.  Flucht  setzte  Khan  Nogaj  um  1292  den  Boljaren 
Smilec  auf  den  Tron  Bulgariens. 

Smilec's  Eltern  sind  unbekannt.  Seine  Güter  lagen  an  der  Topolnica, 
wo  noch  jetzt  bei  dem  Dorfe  Akydzi  zwischen  Tatar-Pazardzik  und  Ichtiman 
die  Ruinen  des  «Smilcev-Monastir»  zu  sehen  sind,  welches  Kloster  nach  einer 
dort  befindlichen  Inschrift  der  «Knez  Smilec»  1286  in  den  Tagen  des  Zaren 
Georg  I.  erbaute.*  Sein  Zarentum  war  von  nur  sehr  kurzer  Dauer.  Nach  Nogaj 's 
Tode  (f  1293)  zog  dessen  Sohn  Öoki  nach  Bulgarien  und  setzte  Smilec  ab. 
Seitdem  wird  dieser  Zar  nicht  mehr  erwähnt.  Er  dürfte  gleichzeitig  mit 
Coki  aus  dem  Wege  geräumt  worden  sein  (um  1295). 

Seine  Gattin  spielte  in  der  Diplomatie  der  Höfe  von  Byzanz  und  Bul- 
garien eine  grosse  Bolle. 

Ihr  Vatf^r  war  Prinz  Konstantin,  Sohn  des  Kaisers  Michael  VIII.  Er 
starb  am  5.  Mai  1306.  Seine  Gemahlin  war  eine  Tochter  des  Protovestiars 
Johann  Baoulis.  Die  Angabe  Jener,  welche  des  Smilec  Gattin  für  äne  En- 
kelin Andronikos'  IL  (nach  dessen  Sohne  Konstantin)  halten,  ist  deshalb 
nicht  stichhältig,  weil  diese  Prinzessin,  als  Tochter  Konstantins  und  Enkelin 
Andronikos'  IL,  in  den  90er  Jahren  des  13.  Jahrhunderts  und  ersten  Jahren 
des  14.  Jahrhunderts  noch  keine  verheiratete  Tochter  haben  konnte.  Nun  ist 
Michael,  der  äheste  Sohn  Andronikos'  IL  erst  1277  geboren  und  Smilec^ 
Gattin  um  die  oben  erwähnte  Zeit  bereits  Schwiegermutter. 

Diese  Palaiologa  wurde  1305  von  Andronikos  ü.  benützt,  um  den 
Eltimir,  ihren  Schwiegersohn  mit  Svetslav  zu  entzweien  und  für  Griechen- 


*  Jiredek  283. 


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IßO  GLOSSEN   ZUR   BULGARI8CHBN    ZAREN -GEKBALOOHÖ. 

land  zu  gewinnen.  Die  Mission  gelang  auf  kurze  Zeit,  bis  Eltimir  1307  seine 
Schwiegermutter  nach  Konstantinopel  zurückschickte. 
Von  Smilec  kennen  wir  nur  zwei  Töchter: 

1.  eine  1293  an  den  Serben -Prinzen  Stefan  (Urosch  Decsanski)  und 

2.  eine  an  Eltimir,  den  Bruder  des  Zaren  Georg  Terterij  I.  vermählte 
Tochter. 

Zur  Familie  Smilec's  gehören  noch  seine  zwei  Bruder: 

a)   Badoslav. 

Dieser  war  unter  Andronikos  II.  Sebastokrator  in  Thessalonich  und 
wurde  1298  mit  einer  griechischen  Armee  gegen  Svetslav  nach  Bulgarien 
geschickt.  Im  Kampfe  gegen  Eltimir  wurde  er  geschlagen  und  geblendet. 

/>>   Vojslav   (Bossilas). 

Dieser  jüngste  Bruder  des  Smilec  stand  gleichfalls  in  griechischen 
Militärdiensten  und  kämpfte  1306  gegen  Svetslav.  Er  blieb  aber  seiner  bul- 
garischen Abstammung  eingedenk  und  entliess  sämmthche  bulgarische 
Kriegsgefangene  des  Mannschaftsstandes,  wodurch  es  den  Bulgaren  gelang, 
die  Griechen  zu  schlagen. 

Weder  Radoslav's  noch  Vojslav's  Familienverhältnisse  sind  bekannt. 
Engel  ist  mit  Bezug  auf  Radoslav  sehr  confus  und  gibt  ihm  eine  Schwester 
Eltimir's  zur  (Jattin,  ohne  dies  aber  plausibel  zu  machen. 

19.  Die  jüngeren  äismaniden. 

Zu  des  Zaren  Georg  Terterij  I.  Zeiten  sass  in  Vidin  und  in  ganz  West- 
bulgarien ein  unabhängiger  Fürst  des  Namens  Simian,  der,  gleich  den  Ter- 
terijden,  dem  in  Bulgarien  eingewanderten  kumanischen  Adel  verwandt 
war.*  Wir  wissen  von  ihm,  dass  er  um  1292  einen  Einfall  ins  Serbische 
that  und  plündernd  bis  Ipek  vordrang.  Als  König  Milutin  dann  Vidin  be- 
setzte, floh  Sisman  über  die  Donau  in  das  Severiner  Banat  nach  Ungarn, 
erhielt  jedoch  im  Frieden  seine  Länder  zurück.  Sein  Todesjahr  ist  unbe- 
kannt. 

Dass  er  1292  schon  einen  Sohn  gehabt,  beweist,  dass  er  damals  ent- 
weder verwitwet  war  oder  seine  Gattin  verstiess,  denn  in  dem  Frieden  dieses 
Jahres  vermählte  er  sich  mit  der  Tochter  des  Dragos,  eines  serbischen  Va- 
sallen. Namen  und  Chronologie  seiner  beiden  Gattinnen  sind  unbekannt. 
Nach  Engel  war  Michaels  IL  Mutter  eine  Rumänin.  Von  seinen  Kindern 
kennen  wir  zwei  Söhne :  Michael  und  Belaur  und  eine  Tochter  Kerata. 


*  Jü-e^ek  282. 


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GliOSSBN   ZUR   BÜLÖARISCHfiN    ZAREN-GENEALOGIE.  i^l 

a)  Zar   Michael  n. 

Sohn  äiöman's  aus  erster  Ehe ;  folgte  seinem  Vater  als  Despot  von 
Bulgarien  und  Herr  von  Widin.  Als  solcher  schloss  er  mit  Venedig  Freund- 
schaftsverträge. Nach  Georg  Terterij's  IL  Tode  erwählten  ihn  die  Boljaren 
zum  Zaren  Bulgariens  (1323). 

Seine  Regierung  verstrich  unter  Kriegen  gegen  Griechenland  und  Ser- 
bien. In  dem  Streite  zwischen  Kaiser  Andronikos  11.  und  dessen  gleich- 
namigem Enkel  schlug  sich  Michael  anfangs  auf  des  Enkels  Seite,  später  auf 
jene  des  Kaisers. 

Die  Spannung  mit  Serbien  führte  zur  Entscheidungsschlacht  zwischen 
Bulgarien  und  Serbien,  in  welcher  Michael  am  28.  Juni  1330  (an" einem 
Samstage)  aufs  Haupt  geschlagen  wurde.  Sein  Schlachtross  strauchelte,  er 
stürzte  zu  Boden,  erlitt  schwere  Verletzungen  und  wurde  von  einigen  nach- 
setzenden Serben  getödtet ;  seine  Leiche  hob  man  auf  ein  Pferd  und  brachte 
sie  vor  den  siegenden  Serbenkönig  Stefan  Urosch  IE.*  Auf  Bitten  der  bulga- 
rischen Grossen  wurde  die  Leiche  in  dem  Kloster  von  Nagori6in  bestattet. 

Michael  hatte  zwei  Göttinnen  : 

1.  Im  Friedensschlüsse  1292  hatte  der  junge  Michael,  gleichzeitig  mit 
seinem  Vater,  eine  serbische  Gattin  erhalten.  Sie  hiess  Anna  (Neda)  und 
war  des  Königs  Milutin  natürliche  Tochter.  Als  aber  Michael  sich  1324  mit 
dem  byzantinischen  Hofe  versöhnte,  verstiess  er  Anna  mit  deren  Kin- 
dern. Diese  Verstossung  war  die  Ursache  jener  zwischen  ihm  und  dem 
serbischen  Hofe  ausgebrochenen  Spannung,  die  ihm  1330  Tron  und  Leben 
kostete.  2.  1324  hatte  man  eben  am  griechischen  Hofe  eine  Kriegserklärung 
an  Michael  beschlossen,  um  die  durch  denselben  verursachte  Verwüstung 
Oberthrakiens  zu  rächen,  als  zwei  seiner  Boljaren,  Grud  und  PanSe  am  kai- 
serUchen  Hoflager  erschienen  und  die  Meldung  brachten,  Michael  habe  die 
Serbin  sammt  ihren  Kindern  Verstössen  und  sich  mit  Theodora,  der  Witwe 
des  Zaren  Svetslav  vermählt.  Die  Nachricht  erregte  natürlicherweise  freu- 
dige Bewegung  am  kaiserlichen  Hofe  und  es  wurde  sofort  zwischen  Beiden 
Friede  geschlossen.  Diese  Ehe  hatte  zur  Folge,  dass  sich  Michael  seinem 
Schwager,  dem  jüngeren  Andronikos,  gegen  dessen  Grossvater  anschloss. 

Theodora  wurde  nach  MichaeFs  Tode  zur  eiligen  Flucht  nach  Griechen- 
land genötigt.  Theodora's  Kinder,  die  sie  auf  ihrer  Flucht  nach  Griechen- 
land mitnahm,  sind  unbekannt.  Von  Micha^Fs  Kindern  erster  Ehe  kennen 
wir  Sisman  und  Johann. 


'^  So  erzählt  den  Sachverhalt  sein  Zeitgenosse,  der  serbische  Erzbischof 
Daniel  (f  1338).  Nach  den  Byzantinern  Kantakuzenos  und  Nikephoros  wäre,  er  erst 
nach  einigen  Tagen  in  der  Gefangenschaft  seinen  Wunden  erlegen. 

TTngarUehe  Bevoe,  XL  1891.  II.  Heft.  l\ 


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)^S  GLOSSEN   ZUB   BULOARISOHEN    ZARBK-OENBALOOIfi. 

Siiman  (auch  Stefan)^  wurde  durch  seinen  siegreichen  Oheim  Stefan 
Urosch  in.  1330  zum  Zaren  erhoben. 

Seine  Herrschaft  war  aber  yon  nicht  langer  Dauer.  Kaiser  Andronikos 
hatte,  um  Theodora's  Vertreibung  zu  rächen,  einige  bulgarische  Städte  er- 
obert, weshalb  gegen  Siäman  und  seine  Mutter  eine  (jährung  ausbrach. 
Anna  floh  nach  Serbien,  Sisman  zu  den  Tataren  (FrühUng  1331);  unter- 
dessen bestieg  ein  Anderer  den  Zarentron.  Der  Ex-Zar  begab  sich  nun 
nach  Eonstantinopel  und  als  sich  ihm  hier  keinerlei  Aussichten  boten,  ^  ging 
er  nach  Italien,  wo  er  sich  unter  dem  Namen  Ludwig  an  den  Hof  der  Anjous 
in  Neapel  begab.  Wir  stossen  auf  ihn  urkundlich  am  IS.  Jänner  1338^  in 
einem  Schreiben  des  Königs  Robert  yon  Neapel,  welches  folgenden  Passus 
enthält :  «Quatenus  Spectabili  Lodoyco  filio  Incliti  Imperatoris  Bulgarie  nepoti 
nostro  carissimo  ad  nos  pridem  venienti,  quem  in  comitiva  nostra  providimus 
moraturum,  uncias  auri  X.  ponderis  generalis  mense  quoUbet  in  principio 
mensis,  qutts  ei  pro  expensis  suis  et  familie  sue  mense  quolibet  usque  ad  be- 
neplacitum  providimus  exhiberi  de  quacunque  pecunia  ....  solvere  et  ex- 
hibere  curetis  .  .  .  . »  1 363  geriet  er  in  Siena  gelegentlich  eines  Gefechtes 
sammt  einem  bulgarischen  Bischöfe  in  Gefangenschaft  und  starb  1373^  zu 
Neapel.  Seine  Gemahlin  war  eine  natürliche  Tochter  des  Prinzen  Philipp  I. 
von  Tarent  aus  dem  Hause  Anjou.  * 

Johann  floh  mit  seiner  Mutter  1331  nach  Serbien.  Seine  Spur  verliert 
sich.  Nach  Engel  starb  er  in  Bagusa. 

bj  Belaur. 

Dieser  hatte  während  Michaers  Abwesenheit  (zur  Zeit  des  Serben - 
krieges  1330)  mit  anderen  Boljaren  die  Regierung  geleitet.  Auf  die  Nachricht 
von  dem  Tode  seines  Bruders  schickte  er  dem  siegreichen  Stefan  Urosch 
bis  Izvor  eine  Gesandtschaft  entgegen  und  unterwarf  sich  demselben.   Eine 


^  Bei  Daniel:  Stefan,  bei  Eantakuzenos;  AiSman.  Stefan  ist  der  Name  fleiuei« 
mütterlichen,  Sisman  der  seines  väterlichen  Grossyaters. 

*  Zar  Alexander  verlangte  Sommer  1341  vom  Reichsverweser  Johann  Kantakiize- 
nos  die  Ausliefenmg  ^iämans  und  drohte  im  Weigerungsfalle  mit  Krieg.  Kantaknzen  gab 
zur  Antwort,  er  werde  den  Sisman  die  Donau  aufwärts  nach  Widin  (wo  er  noch 
eine  mächtige  Partei  erhoffen  durfte)  mit  einigen  Kriegsschiffen  senden  und  ausser- 
dem ein  türkisches  Mietsheer  in  Bulgarien  einmarschieren  lassen.  Alexander  beeilte 
sich  nun  in  Folge  dieser  Antwort,  fi-iedliche  Saiten  anzuschlagen. 

"  Diplom,  eml.  az  Anjoukorböl  I.  300. 

*  Mm-alt  n.  Ü9f). 

"  Luccari  hält  diesen  Schwiegersohn  Philipps  für  einen  Schwindler  des  Namens 
Nikolaus  Sapina,  Sohn  eines  ragusanisclieii  Krämers.  Zai-  Johann  SiSnian  III.  soll  ihn 
durch  seinen  (Sapiua's)  Kanzler  oder  durch  seine  Konkubine  Dunava  haben  vemften 
lassen  (1372). 


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atiOBSBli    ZUB  BULGARiaOHBN   ZABBN-dHNEALOOl^.  ^^^ 

Zeitlang  befehdete  Belaur  seinen  Neffen^  den  Zaren  Alexander,  dann  hören 
wir  nichts  mehr  von  ihm.  Seine  Familienverhältnisse  sind  anbekannt. 

c)   Zar  Johann   Alezander  Äsen. ^ 

Nach  äiäman'sIL  Vertreibung  wählten  die  Bulgaren  1331  den  Johann 
Alexander  zum  Zaren,  der  sich  nach  seiner  Tronbesteigung  den  Namen  Äsen 
beifügte.  Wie  wir  wissen,  hatte  Zar  Michael  IL  eine  Schwester  Kerata.  Diese 
war  an  einen  bulgarischen  Despoten,  genannt  Stracimir  vermählt  und  führte 
als  Nonne  den  Namen  Theophania.^ 

Hieraus  dürfen  wir  also  schliessen,  dass  sie  nach  ihrem  Gatten  Stra- 
cimir gestorben.  Dies  ist  aber  auch  Alles,  was  wir  über  die  Chronologie  dieses 
Paares  wissen.  Aus  dieser  Ehe  stammen  zwei  Söhne  und  zwei  Töchter:  Zar 
Alexander,  Johann  As^n,  Helene  und  eine  Anonyma. 

Alexander's  Regierungsantritt  inaugurirte  eine  Goalition  Bulgariens, 
Serbiens  und  der  Walachei  gegen  Ungarn  und  Byzanz.  1333  besiegte  er  die 
Griechen.  1341  mischte  er  sich  in  die  Tron- Aspirationen  Johann  Eanta- 
kuzen's.  Unter  ihm  begannen  schon  die  Türken  ihre  Arme  nach  Bulgarien 
auszustrecken.  Sein  Tod  fällt  wahrscheinlich  ins  Frühjahr  1365;^  seine 
Leiche  wurde  in  dem  Marienkloster  zu  Stenimachos  beigesetzt. 

Er  war  zweimal  vermählt. 

a)  Mit  Theodora,  Tochter  des  Rumänenfürsten  Ivanko  Bassaraba.  Nach 
Jire^ek  war  er  zur  Zeit  seiner  Tronbesteigung  (1331)  schon  mit  ihr  vermählt. 
Nach  ihrer  Yerstossung  ging  sie  in  ein  Kloster,  wo  sie  ihre  Tage  als  Nonne 
Theophana  beschloss. 

h)  Einmal  nahm  ein  schönes  Weib,  eine  Jüdin,  bei  Alexander 
Audienz.  Der  Zar  verliebte  sich  in  sie,  sie  nahm  das  Christentum  an 
und  wurde  ihm  als  tneu  erleuchtete  Zarin»  angetraut.  Das  Datum  der 
Trauung  ist  unbekannt.  Ebensowenig  kennen  wir  die  Eltern  und  den  Ge- 
burtsnamen dieser  Zarin.  Als  Christin  führte  sie  den  Namen  Theodora.  Der 
Pomenik  erwähnt  sie  folgendermassen :  t  Zarin  Theodora,  (Jattin  des  Zaren 
Alexander  Johann,  stammend  aus  hebräischer  Familie,  nahm  das  Christen- 
tum an,  hielt  die  rechtgläubige  wahre  Religion,  gründete  viele  Kirchen,  baute 
viele  Klöster  auf  .  .  .•  Ihre  sonstige  Geschichte  ist  unbekannt 

d)   Alexander^R   Geschwister. 

1.  Johann  Äsen  nKomnenos*,  Alexander's  Bnider,  war  als  Schwager 
des  Serbenkönigs  Duschan  dessen  Statthalter  in  ValonaundKanina.  Er  starb 

*  DasR  er  diesen  Namen  geführt,  ist  nrknndlich  bewiesen. 

*  Der  Pomenik  nennt  sie:  «Despotin  Kerata,  Mntter  des  Zaren  Alexander 
Johann,  als  Nonne  Theophana.» 

*  So  naoh  Jirecek.  Nach  Luccari  V,^i(\  nach  Orbini  1353,  nach  einer  rmnä- 
nischen  Chronik  1371,  nach  manchen  Anderen  1356.  Engel  acceptirt  1353. 

11* 


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164 


aLOSSBN   ZUR   BULGARISGHEN    ZARBN-GENBAIiOOlB. 


1356.  Seine  Gemahlin  war  Anna,  die  letzte  Despina  von  Epiros,  die  ihren 
ersten  Gemahl  durch  Gift  ans  dem  Wege  geräumt.* 

2.  Helene,  vermählt  1330 — 1331  an  den  Serbenkönig  Stefan  Duäan 
(s.mein  oben  zitirtes  ungarisches  Werk),  f  als  Nonne  EUsabeth. 

3.  Anonyma,  erwähnt  von  Nikephorlll.  148  und  Kantakuzen.  1356 — 
1357  verlangte  der  Despot  von  Epiros,  Nikephoros  IL,  der  Sohn  Johann'sIL 
und  der  Anna,  die  Schwester  Alexander's ;  wir  irren  wohl  nicht,  wenn  wir 
in  dieser  Anonyma  die  von  Nikephor  Geworbene  erkennen.  Nikephor's  Gkittin 
war  übrigens  seit  1340  Maria,  die  Tochter  des  Kaisers  Johann  Kantakuzenos. 
Nikephor  starb  1358. 

e)   Alezander's  Kinder. 

Aus  erster  Ehe : 

1.  Michael  Äsen.  Erstgeborener  Sohn  seines  Vaters,  seit  1337  zu 
dessen  Mitregenten  erklärt ;  er  starb  frühzeitig  und  soll  von  seiner  Stief- 
mutter vergiftet  worden  sein,  eine  Angabe,  die  sich  nicht  beweisen  lässt. 
Gelegentlich  des  zwischen  seinem  Vater  und  dem  Kaiser  Andronikos  IIL 
1337  geschlossenen  Friedens  wurde  er  im  Sinne  einer  von  Alexander  schon 
vordem  ausgesprochenen  Absicht  mit  des  Kaisers  Tochter  Maria  vermählt. 
Sie  war  die  Tochter  von  Andronikos'  zweiter  Gemahlin  Anna  (Johanna)  von 
Savoyen.  Die  Hochzeit  wurde  8  Tage  lang  in  Adrianopel  gefeiert. 

2.  Johann  Äsen  (IV.)  figurirt  um  1355  neben  seinem  Vater  auf  dem 
Concil  zu  Tirnova.  Von  ihm  besitzen  wir  eine  Urkunde  do.  1347;  auch  er- 
wähnt ihn  eine  griechische  Inschrift  in  Mesembria.  Auch  er  starb  vor 
seinem  Vater. 

3.  Johann  Stracimir.  Diesem  gab  Alexander  die  Landschaft  Widin, 
um  dort  als  selbstständiger  Zar  zu  regieren  (s.  f). 

Aus  zweiter  Ehe : 

1.  Zar  (Johann)  l^isman  IIL  (s.  g). 

2.  Maria.  Diese  heisst  im  Pomenik  «Bazilissa,  Tochter  des  Zaren 
Alexander  Johann •,  Nikephor  in.  557  nennt  sie  Maria;  Rakovski  (Asßn  101, 
ap.  Jire6ek  321)  nennt  sie  Kyratza.  Sie  ist  1346  geboren  und  wurde  1355 
mit  dem  im  selben  Jahre  geborenen  Prinzen  Andronikos,  dem  Sohne  de^ 
Kaisers  Johann  Palaiologos  vermählt.**  Dieser  suchte,  gestützt  auf  seine  bul- 
garischen Verwandten  zu  wiederholten  Malen  seinen  Vater  zu  stürzen.  Eine 


*  Jirecek  300.  Diese  Anna  kann  nach  meinem  Dafürhalten  nur  die  Gemahlin 
des  epirotisclien  DeRpoten  Johann  IT.  ans  dem  Hanse  Orsini  sein,  der  von  1323 — 1335 
regierte.  Anna  war  die  Tochter  des  Andronikos  Angelos,  eines  Sohnes  des  nns 
bekannten  Michael  (Deinetrins)  Kntrnles.  Andronikos  war  Protovestiar  und  starb  1326. 
**  Vertrag  vom  17.  August  1355  ap.  Miklosich  und  Müller,  Acta  patr.  I. 
Bakovski  Asdn  101. 


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GLOSSEN   ZUR  BULGARISCHEN    ZAREN- GENEALOGIE.  165 

Zeitlang  hatte  er  den  Kaisertron  als  Andronikos  IV.  inne  und  starb  am 
28.  Juni  1385.  Seine  Witwe  Eyratza  kommt  noch  1390  vor. 

Ausser  diesen  Kindern  kennen  wir  noch  folgende  Töchter  Alexander's, 
ohne  jedoch  zu  wissen,  von  welcher  seiner  Gattinnen  sie  geboren  wurden. 

1.  ThamaTf  nach  dem  Pomenik  (ap.  Wenzel)  Maria  Kerata;  nach 
jenem  bei  Bakovski  (AsSn  52)  Eyra  Thamar. 

Als  Zar  Johann  Sisman  (das  Jahr  ist  unbekannt)  vom  türkischen 
Sultan  Murad  I.  hart  bedrängt  wurde,  gab  er  demselben  seine  Schwester 
Thamar  zur  Gattin.  Da  das  Ereigniss  in  die  Begierungszeit  Sisman's,  also 
nach  dem  Tode  Alexander's,  fällt  und  der  Sultan  wohl  kein  Gelüste  nach  einem 
älteren  Mädchen  gehegt  haben  dürfte,  können  wir  getrost  Thamar  ah  Toch- 
ter der  zweiten  Gattin  Alexander's,  betrachten.  —  Der  Pomenik  ap.  Bakovski 
gedenkt  ihrer  folgendermassen  :  «Der  Kyra  Thamar,  der  Tochter  des  grossen 
Zaren  Johannes  Alexander,  der  grossen  Frau,  welche  dem  grossen  Amir 
Amurat  für  das  bulgarische  Volk  gegeben  wurde,  und  als  seine  Gtemahlin 
sowohl  den  christlichen  Glauben  bewahrte,  als  auch  ihr  Volk  rettete,  gut 
und  fromm  lebte  und  im  Frieden  verschied,  —  es  sei  ihr  ein  ewiges  An- 
denken». Die  Erinnerung  an  sie  lebt  noch  heute  fort  in  dem  bulgarischen 

Volksliede : 

•Gar  Morat  Mari  dumaäe : 

Maruljo,  bela  Bulgarko !» 

Die  «weisse  Bulgarin»  Mara,  so  wird  in  demselben  erzählt,  habe  sich 
von  Murad  die  Sophienkirche  und  Galata  in  Konstantinopel,  die  üzun- 
carsia  in  Adrianopel,  die  weissen  Städte  am  Meere  und  die  Burgen  längs 
der  Donau  erbeten.  Murad  jedoch  habe  ihr  statt  der  Sophienkirche  eine 
Moschee  voll  Silberleuchter  angeboten.  Sie  aber  wollte  keine  Moschee  und 
wies  das  Anerbieten  mit  den  Worten  zurück:  «Teuer  ist  mir  mein  Glaube, 
eine  weisse  Kadina  (türkische  Frau)  mag  ich  nicht  werden.»  * 

2.  Descislava.   Von  dieser  Prinzessin  kennen  wir   nur  den  Namen 

(Pomenik). 

f)  Johann   Straöimir. 

Auf  seinen  Münzen  heisst  er  «Ivan  Stracimir  blagovemyj  car  Blgarom.» 
Er  regierte  als  selbstständiger  Zar  in  Widin.  Im  Sommer  1365  eroberte 
Ludwig  I.  von  Ungarn  Widin,  nahm  Stracimir  sammt  dessen  Gemahlin 
gefangen  und  hielt  ihn  vier  Jahre  lang  auf  der  Burg  Gumnik  in  Kroatien 
gefangen.  1369  setzte  sich  Stracimir  mit  Hilfe  seines  Bruders  und  Schwagers 
wieder  in  Widin's  Besitz.  1388  musste  auch  er  sich  der  Türkenherrschaft 
ergeben.  1396  ergab  er  sich  dem  Könige  Sigmund  von  Ungarn,  als  dieser  an 
der  Spitze  eines  gewaltigen  Heeres  gegen  Gross- Nikopolis  zog.  Sigmund's 
Niederlage  führte  auch  Stracimir's  Ende  herbei.   Wir  besitzen  hierüber  nur 

*  Jirecek  326. 


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(1^  GLOSSEN   ZUR   BULGARISCHEN    ZAREN-GENEALOGIE. 

eine  kurze  Notiz  in  den  serbischen  Annalen  ^ :  «Im  Jahre  6906  (1398)  führte 
Zar  Bajazit  den  Zaren  Stracimir  aus  Bdyn  heraus.  • 

Stracimir's  Gemahlin  war  die  Tochter  des  walachischen  Wojwoden 
Alexander  und  dessen  Gemahlin  Klara. '^ 

Aus  dieser  Ehe  kennen  wir  zwei  Kinder : 

a)  Konstantin,  Mitregent  seines  Vaters  ^  floh  nach  der  türkischen  In- 
vasion erpt  nach  Ungarn,  später  nach  Serbien,  wo  er  —  vom  Serbenfürsten 
Stefan  Lazarevics  beweint  —  am  16.  September  1422  (zu  Belgrad)  starb. 

b)  Dai'othea  (Doroslava),  vermählt  um  1376 — 1378  mit  dem  Könige 
Stefan  Tvrtko  I.  von  Bosnien  *  Sie  starb  vor  1382. 

g)   Zar  (Johann)   Sisman   IIL 

Sohn  Alexander's  aus  aweiter  Ehe.  Obgleich  er  viel  jünger  als  Stracimir 
war,  bestimmte  ihn  Alexander  dennoch  zum  Tronfolger.  Nach  dem  Tode 
seines  Vaters  folgte  er  (mit  dem  Sitze  in  Timova)  als  Herr  des  Mittellandes 
Bulgariens.  Den  Anfang  seiner  Regierung  eröfifnete  er  mit  Gefangennahme 
des  Kaisers  Johann  Palaiologos,  musste  ihn  aber  auf  die  bewaffnete  Inter- 
vention Amadeus'  VI.  von  Savoyen  bald  wieder  freigeben.  Gleich  darauf  be- 
gannen die  Keibungen  mit  den  Türken  und  Ungarn.  1388  zogen  die  Türken 
von  Adrianopel  auf  und  rückten  gegen  Norden.  Timova  ergab  sich  nach  kur- 
zem Widerstände.  Sisman  schloss  sich  in  Gross-Nikopolis  ein,  musste  aber 
mit  dem  persönlich  heranrückenden  Sultan  Murad  Frieden  schhessen.  Als  er 
aber  nach  Murad's  Abzüge  noch  einmal  verzweifelten  Widerstand  leisten 
wollte,  belagerte  ihn  der  Grossvezier  Ali  Pascha  zum  zweiten  Male  in  Niko- 
polis.  Der  unglückliche  Zar  soll  mit  Frau  und  Kindern  dem  Grossvezier  zu 
Füssen  gefallen  sein  und  um  Gnade  beim  Sultan  gebeten  haben.   Sie  wurde 

^  äafarik,  Pam&tky  74  ap.  Jirecek  356. 

'^  Nach  einem  päpstlichen  Schreiben  an  die  Wojwodin  Klara  ap.  Theiner  Mon. 
Hung.  II.  95,  98  do.  19.  Jänner  1370  und  nach  einem  ChrysobiiUon  des  Woj- 
woden Mirca,  stellt  sich  der  Stammbaum  Alexandei-s  folgendermassen  dar: 

Wojwode  Alexander 
Gem.  1.  N.  N.  2.  Klara,  katholiaoh. 

I.  Wladislav  (Vlajko),  Johann  Badul.  2.  Toohter  2.  Ancha' 

orientaUsch.  i  1370  kathoUsoh.  1370  orientalisch, 

STl^^i löhi^  Jöhi^  ^"^^^    W*IS?n°^'  '"^^"^     ^'^'^•• 

Gem.  Zar  Urosch  V.  Dan.  Mirca.  ^^^  ^^^*^ 

Yon  Serbien. 

^  Joasaph,  MetropoUt  von  Widin  (ap.  Golubinski  224-)  nennt  ihn  cMladyj  oar» 
(=  junger  Zar). 

*  Ducange  spricht  von  zwei  Töchtern  Stracimir's,  nennt  aber  nur  die  eine 
Dorothea. 

•  1370  war  VlkaÄin  König  von  Serbien.  Nach  einer  Urkunde  do  1370  ap.  Miklosloh 
180  heisst  seine  Gattin  fKralica  Kyr.  Aldnat.  Nach  Ljubic  wäre  Ancha  des  Zaren  Urosoh 
Frau  gewesen. 


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GL08SBN    ZUR    BULGARISCHEN    ZAREN -GENEALOGIE.  1Ö7 

ihm  gewährt  und  er  blieb  vorläufig  (1388)  noch  auf  seinem  Trone.  Am  17. 
Juli  1393  wurde  Timova  schliesslich  dennoch  von  den  Türken  erstürmt  Sis- 
man*8  Schicksal,  der  damals  von  Tirnova  abwesend  war,  ist  in  Dunkel  gehüllt. 

Nach  türkischen  Berichten  habe  er,  in  ein  Todtenhemd  gekleidet,  um 
Gnade  gebeten,  sei  zu  Philippopel  eingekerkert,  nach  einer  Version  hin- 
gerichtet, nach  der  anderen  am  Leben  gelassen  worden.  Nach  dem  Zeit- 
genossen Bchiltberger  wäre  er  mit  seinem  Sohne  von  Bajezid  gefangen  wor- 
den und  im  Gefängnisse  gestorben.  Kussische  Quellen  bestätigen  die  Ge- 
fangennahme ;  eine  rumänische  Chronik  sagt,  dass  Bajezid  den  Sisman, 
Herrn  der  Bulgaren,  im  Jahre  6903  gefangen  genommen  und  getödtet  habe. 
Nach  bulgarischen  Sagen  fand  er  jedoch  seinenTod  auf  dem  Schlachtfelde.  * 

Sisman^s  Gemahlinen  waren : 

1.  Maria,  Tochter  der  Descislava.  Die  Fassung  des  Pomenik,  der  di^se 
Zarin  Maria  erwähnt,  lässt  nicht  deutlich  verstehen,  ob  Maria  oder  ihre 
Mutter  «in  Engelgestalt t  den  Namen  Debora  geführt. 

!2.  Despinay  eine  Tochter  des  Fürsten  Lazar  I.  von  Serbien. 

Von  Sisman's  Kindern  kennen  wir  folgende  ; 

1.  Alexander.  Nahm,  um  sein  Leben  zu  retten,  den  Islam  an,  und 
wurde  Statthalter  in  Klein- Asien.  Durch  Sultan  Mohammed  I.  erhielt  er  als 
Lohn  für  die  Beaiegung  des  Teilfursten  D^uneid  die  Verwaltung  Smyma's. 
1418  wurde  er  gegen  des  Fanatikers  und  Beformators  Mahmud  Bedreddin 
Anhänger  ausgesandt,  um  sie  zu  bezwingen,  er  fand  aber  mit  seiner  ganzen 
Armee  in  den  stylarischen  Schluchten  seinen  Tod  unter  den  Schwertern  der 
fanatischen  Bebellen. 

:2.  Fruzin  floh  zu  König  Sigmund  von  Ungarn,  bei  dem  er  Schutz  und 
Unterstützung  fand.  Engel  465  teilt  eine  Urkunde  Sigmund 's  mit,  die  fol- 
genden auf  Fruzin  bezüglichen  Passus  enthält :  « Attentis  et  in  animo  nostrse 
considerationis  sedula  meditatione  pensitatis  fidelitatibus  et  fidelium  servi- 
tiarum  digne  attoUendorum  meritis  et  synceris  complacentiis  fidelis  nostri 
dilecti,  Magnifici  Fruschin,  filii  quondam  Susman  Imperatoris  Bulgarorum, 
quibus  idem  in  nonnuUis  nostris  et  regnorum  nostrorum  arduis  expeditioni- 
bus,  sicuti  prosperis,  ita  etiam  adversis,  contra  Turcas  aliosque  Grucis  Chri- 
sti et  nostros  inimicos  laboribus  sudorosis,  plerumque  pro  nostri  regü  honoris 
exaltatione  et  incremento  viriliter  infudantem  seque  et  bona  sua  diversis 
fortuna'  casibus,  summo  alacrique  fidelitatis  fervore  studuit,  et  ipsum  in 
antea  non  haesitamus  velle  complacere.  Cupientes  itaque  pramissorum  Me- 
ritorum  suorum  contemplatione  sibi  nostrse  Majestatis  benevolentiam  osten- 
dere  favorosam  quandam  possessionem  nostram  N.  vocatam  in  Gomitatu 
Tbemessiensi  sitam  cum  Gastello  in  eadem  habito,  cunctisque  villis,  seu 
possessionibus  ad  eandem  pertinentibus,  ipsiusque  et  earundem  utilitatibus 

*  VgL  Jirecek  350,  351,  352. 


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168  DIE   FRANZ  JOSEF-BRÜCKE   BEI   PRESSBÜRG. 

et  pertinentiis  quibuslibet,  quovis  nominis  vocabulo  vöcitatur  ad  ipsum  et 
easdem  de  jure  spectantibus  eidem  Frusyn  pro  deBcensu  duximus  daudum 
et  concedendum,  imo  damus  donamus  et  conferimus  prsesentium  per  tenorem 
possidere,  tenere  pariter  et  habere.  Salvo  jure  alieno.  Harum  nostrarum 
vigore  et  testimonio  literarum  mediante.  Datum  in  Feldwar  partium  uostra- 
riun  Transsilvanarum.»  Leider  gibt  Engel  nicht  das  Datum  der  Urkunde. 

In  der  altserbischen  Biographie  des  Fürsten  Stefan  Lazarevics,  die 
einen  Augenzeugen  zum  Verfasser  hat*,  heisst  es,  dass  um  1405  sich  die 
Städte  Bulgariens,  über  Aufwiegelung  der  Söhne  der  bulgarischen  Zaren, 
gegen  die  Türken  empörten,  doch  gelang  es  dem  Sultan  Soliman,  die- 
selben zu  bezwingen.  Im  Sinne  des  uns  bisher  Bekannten  können  unter 
diesen  Söhnen  der  bulgarischen  Zaren  nur  die  beiden  Vettern  Konstantin 
und  Fruzin  gemeint  sein. 

3.  Kerata. 

4.  Herrin  Maria,  «rechtgläubige  Zarin,  Tochter  des  grossen  Zaren 
Jobann  Sisman»  («Kyr  Maria»).  Dr.  Moriz  Wertner. 


DIE  FßANZ  JÜSEF-BKÜCKE  BEI  PEESSBÜßG. 

Am  vorletzten  Tage  des  abgelaufenen  Jahres  hat  die  feierliche  Erö&ung 
der  neuen  ständigen  Donaubrücke  bei  Pressburg  in  Anwesenheit  Sr.  Majestät  des 
Königs  und  der  Spitzen  der  Regierung  stattgefunden.  Im  Folgenden  geben  wir 
zunächst  in  kurzer  Uebersicht  die  Vorgeschichte  der  neuen  stabilen  Brücke,  die 
den  Namen  Franz -Josef-Brücke  führt. 

Schon  im  Jahre  1838,  als  es  sich  um  die  Herstellung  der  Eisenbahn  von 
Wien  nach  Raab  handelte,  beabsichtigte  man,  dieselbe  über  Pressburg  zu  führen  t 
es  fanden  auch  bezügUch  der  Herstellung  einer  sowohl  von  der  Bahn,  als  auch 
von  gewölmUohen  Fuhrwerken  zu  benützenden  Brücke  Verhandlungen  statt ;  die- 
selben führten  aber  nicht  zum  Ziele  und  die  erwähnte  Eisenbahn  wurde  vom 
rechten  Ufer  über  Brück  an  der  Leitha  geführt. 

Im  Jahre  187:2  projectirte  die  Waagtalbahn  für  ihre  Linie  Pressburg- 
Oedenburg  eine  nächst  der  Tuchfabrik  auszuführende  Brücke  über  die  Donau. 
Lange  Verhandlimgen  führten  wohl  zu  bestimmten  Entschlüssen,  aber  trotzdem 
blieb  die  Brücke  unausgebaut,  weil  inzwischen  die  Gesellschaft  in  grosse  finan- 
zielle Bedrängniss  geriet  imd  auf  den  Ausbau  der  Linie  Pressbiu-g-Oedenburg 
verzichten  musste. 

Nun  versuchte  es  die  Stadt,  eine  Brücke  für  den  Landverkelir  aus  eigener 
Initiative  zu  Stande  zu  bringen ;  durch  den  Wiener  Ingenieur  Frey  wmde  im 
Jahre  1880  ein  Project.  für  eine  Strassenbrücke  vorgelegt.  Die  Stadtrepräsentanz 
beschloss  die  Durohführimg  dieses  Projects,  wenn  der  Staat  die  den  Betrag  von 

*  Konstantin,  den  Philosophen,  einen  Bulgaren  aus  Eostenec. 


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DIB   FRANZ  JOSEF- BRÜCKE    BEI   PRESSBURG.  169 

600,000  fl.  übersteigenden  Baukosten  decken  würde ;  die  Begiening  lehnte  aber 
diese  Zumutung  ab  und  es  blieb  wieder  beim  Alten. 

Im  Jahre  1887  hatte  der  k.  und  k.  FML.  Dunst  die  Vorkonzession  für  eine 
Localbahn  von  Pressburg  nach  Oedenburg  erhalten  und  er  suchte  die  Bahnbrücke 
mit  einer  stabilen  Communication  für  gewöhnliches  Fuhrwerk  zu  verbinden.  Allein 
auch  Herr  v.  Dunst  musste  auf  die  Durchführung  seines  Planes  verzichten,  da  die 
Capitalisten,  welche  das  Geld  für  die  Bahn  und  die  Brücke  hergeben  sollten,  au 
den  Staat  solche  Anfordeiomgen  stellten,  denen  derselbe  nicht  entsprochen  wollte 
Inzwischen  hatte  der  damalige  Communications-Minister  Gabriel  v.  Baross  die 
Angelegenheit  gründlich  kennen  gelernt  und  er  beschloss,  im  Falle  die  königliche 
Freistadt  Pressburg  auf  ihr  Mautrecht  zu  Gunsten  des  imgarischen  Staates  Ver- 
zicht leiste,  den  erforderlichen  Grund  und  Boden  für  die  Brücke  und  die  Zufahrts- 
rampen unentgeltlich  zu  überlassen  und  die  Brücke  auf  Staatskosten  auszubauen. 
Dem  Entschlüsse  folgte  auch  sofort  dieThat.  Es  wurden  zwei  inländische  Brücken- 
bau-Unternehmungen, nämlich  die  Firma  Gregersen  in  Budapest  und  der  Inge- 
nieur und  Unternehmer  Franz  Julius  Cathry,  zur  Einreichung  von  Projecten  und 
Offerten  aufjgefordert,  femer  mit  der  königl.  Freistadt  Pressburg  in  dem  obigen 
Sinne  ein  definitives  Abkommen  getroffen.  Im  Oktober  1888  wurde  Cathry 's  Offert 
angenommen. 

Gathiy  hatte  bereits  im  März  1889  die  Vorbereitungen  für  den  Bau  im 
grossen  Masstabe  begonnen.  Am  12.  August  wurde  der  erste  Caisson  in  die  Finten 
der  Donau  versenkt,  am  20.  das  Sclüff,  welches  die  Dampfmaschinen  und  Luft- 
pressen trug,  die  nunmehr  Monate  hindurch  den  tief  unter  dem  Wasserspiegel 
schaffenden  Arbeitern  die  Luft  zum  Atlimen  zuzuführen  und  das  Wasser  aus  der 
Arbeitskammer  zu  verdrängen  hatten,  durch  den  Abt  und  Stadtpfarrer  Bimely 
eingesegnet  Von  da  ab  wurde  Tag  und  Nacht  ununterbrochen  über  und  unter  dem 
Wasser  bis  zu  Weihnachten  fortgearbeitet;  am  1.  Jänner  1890  waren  die  Wider- 
lager an  beiden  Ufern,  dann  zwei  Strompfeiler  auf  der  Auseite  und  ein  Strom- 
pfeiler auf  der  Stadtseite  fertig  fundirt  imd  bis  über  den  gewöhnlichen  Wasser- 
stand heraufgereutet,  überdies  der  grösste  Teil  des  Bedarfes  an  Bausteinen  bei- 
gestellt. In  den  folgenden  Monaten  ging  die  Arbeit  flott  von  Statten.  An&ngs  Juli 
wurde  die  Pilotirung  für  das  Genist  der  grossen  Mittelöffnung  begonnen,  doch 
wurde  ein  rasches  Vorwärtskommen  durch  den  fortwährenden  hohen  Wasserstand 
und  die  grosse  Geschwindigkeit  des  Wassers  wesentlich  verhindert.  Um  diese  Zeit 
ging  das  Programm  des  Unternehmers  dahin,  die  Brücke  sammt  allen  Neben- 
arbeiten bis  Ende  October  zu  vollenden.  Der  alte  Danubius  war  aber  mit  einer 
so  raschen  und  glatten  Bezwingung  seiner  bisher  unbeschränkt  ausgeübten  Macht 
nicht  einverstanden ;  während  es  in  Ungarn  grösstenteils  heiter  und  trocken  war, 
regnete  es  in  den  Monaten  Juli  und  August  in  Oberösterreich  und  Tirol  ohne 
Unterlass ;  die  Nebenflüsse  der  Donau  wurden  zu  reissenden  Strömen  und  führten 
der  Donau  grosse  Wassermassen  zu,  so  dass  sie  die  für  die  Sommermonate  ausser- 
gewöhnliche  Höhe  von  4  bis  4Vs  Meter  erreichte.  Dabei  hatte  der  Strom  eine  Ge- 
schwindigkeit von  i — 4V»  Meter  per  Sekunde  erreicht.  —  Das  Montirungsgerüst 
der  grossen  Mittelö&ung  der  neuen  Brücke  hatte  bis  jetzt  dem  ungeheuren 
Wasserstande  widerstanden,  obwohl  die  Montirung  eben  bei  Eintritt  des  Hooh- 


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170  DIB   FRANZ- JOBEF-BRÜOKE   BEI  PRBSSBURG, 

waesers,  Ende  August,  begonnen  worden  war  und  nur  das  verhältnissmässig  geringe 
Gewicht  von  1 300  Meterzentner  Eisen  dasselbe  beschwerte.  Nun  erreichte  der 
Wasserspiegel  die  unerhörte  Höhe  von  5*/i  Meter ;  da  beobachteten  die  Ingenieure, 
dass  die  ursprünglich  in  vollkommen  gerader  Linie  auf  dem  Gerüste  znsammen- 
gefalzte  Eisenconstruction  eine  kleine  Ausbiegung  stromabwärts  zeigte ;  es  konnte 
dies  nur  von  einem  Nachgeben  oder  Verschieben  des  Gerüstes  stammen  und  man 
verbuchte  der  Bewegung,  welche  von  Stunde  zu  Stunde  stärker  wurde,  durch  Ver- 
ankerungen und  Belastung  mit  Steinen  entgegenzutreten ;  allein  der  Strom  wollte 
sein  Opfer  haben  und  erhielt  es  auch.  Am  7.  September,  5  Uhr  Früh  gab  das 
Gerüst  bei  einem  Wasserstande  von  6  M.  25  Cm.  über  Null  dem  ungeheuren  Drucke 
nach  und  versank  sanmat  den  darauf  bereits  montirten  Eisenteilen  im  Gewichte 
von  180,000  Kilogramm  in  den  Fluten  des  brausenden  Stromes!  —  Ein  Schrei 
des  Entsetzens  drang  durch  die  ganze  Stadt,  man  glaubte  nun,  die  VoUendimg 
der  Brücke  sei  wieder  auf  viele  Monate  hinausgerückt;  Unternehmer  Cathry 
hatte  aber  bereits  vor  Eintritt  der  nicht  mehr  abzuwendenden  Katastrophe  die 
Folgen  derselben  ins  Auge  gefasst,  sich  das  Holz  für  die  Wiederanlegnng  des 
Gerüstes  sichergestellt  und  war  entschlossen,  auf  die  Wiederverwendung  der  ins 
Wasser  gestürzten  Eisenteile  zu  verzichten.  Am  8.  September  wendete  er  sich 
persönlich  an  den  Handelsminister  Baross  und  bat  um  dessen  Unterstützung, 
damit  die  staatlichen  Eisenwerke  in  möglichst  kurzer  Zeit  den  Ersatz  für  die 
vom  Wasser  verschlungenen  Brückenteile  liefern ;  diese  Unterstützung  wurde  ihm 
auch  zuteil. 

Inzwischen  trat  der  bis  zur  Höhe  von  6  M.  75  Gm.  angeschwollene  Strom 
nur  sehr  langsam  in  sein  normales  Bett  zurück,  so  dass  erst  Anfangs  October  bei 
noch  sehr  hohem  Wasserstande  mit  dem  Schlagen  der  Joche  begonnen  werden 
konnte ;  das  Gerüst  wurde  aber  dennoch  in  etwa  drei  Wochen  hergestellt ;  Ende 
October  begann  man  neuerdings  mit  dem  Aufbringen  und  Zusammenstellen  der 
Eisenconstruction.  Gegen  den  20.  November  war  man  damit  soweit  vorgerückt, 
dass  sich  die  Brückenträger  schon  selbst  zu  tragen  vermochten  und  daher  ein  all- 
fällig  eintretender  Eisstoss  nicht  mehr  gefahrlich  werden  konnte.  Unterdessen 
waren  auch  sämmtUche  übrigen  Arbeiten  sowohl  an  der  Brücke  selbst  als  auch  bei 
den  Zufahrtsrampen  soweit  vorgeschritten,  dass  man  für  die  gänzliche  Vollendung 
einen  bestimmten  Tag  in  Aussicht  nehmen  und  für  den  22.  Dezember  die  Vor- 
nahme des  technisch-poHtischen  Augenscheines  ansetzen  konnte.  Am  9.  Dezember 
begannen  unter  der  Leitung  des  Sectionsrathes  ^ltet6  die  Probebelastungen  und 
dauerten  fast  ununterbrochen  bis  zum  20.  Dezember,  weil  jede  OefiEnung  für  sich, 
und  zwar  unter  zwei  Voraussetzungen  —  Belastung  des  Fahrweges  allein  und 
gleichzeitige  Belastung  des  Fahrweges  und  des  Gehsteges —  geprüft  werden  musste. 
Die  Resultate  der  Probebelastung  waren  aussergewöhnlich  günstige  und  lieferten 
ein  glänzendes  Zeugniss  sowohl  für  die  richtige  Protection  als  für  die  exacte  Aus- 
fülirung  der  ganzen  Eisenconstruction.  Am  22.  Dezember  fand  der  Augenschein 
statt,  bei  welchem  protokollarisch  ausgesprochen  wurde,  dass  die  Brücke  und 
sämmtliche  Nebenarbeiten  vollendet  und  anstandslos  dem  öffentlichen  Verkehre 
übergeben  werden  können. 

Der  neue  Donauübergang  bei  Fressburg  besteht  aus  drei  Teilen  und.ewar : 


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DIE   FRANZ  JOSEF^BBÜOEE   BEI   PKBS6BÜRG. 


171 


aus  der  Pressborger  Zufohrterainpe,  aus  der  eigentlichen  Donaabrücke,  aus  der 
Abfahrtsrampe  in  der  Au  und  der  Ligeter  Strasse.  Die  Länge  der  Pressburger 
Rampe  beträgt  l!20  Meter,  jene  der  Brücke  selbst  zwischen  Parapet- Anfang  und 
Parapet-Ende  465  Meter,  die  Länge  der  Ligeter  Rampe  und  Sti-asse  820  Meter, 
daher  die  ganze  Baulänge  1405  Meter.  Beide  Rampen  haben  eine  Breite  von 
13  Meter.  Die  linksufrige  Rampe  ist  mit  eisernen,  die  rechtsufrige,  sowie  die  Ligeter 
Strasse  mit  harthölzemen  Geländern  versehen. 

Die  Donaubrücke  ist  in  ihrem  Unterbaue  derart  angelegt,  dass  auf  den  Pfei- 
lern ausser  der  gegenwärtig  bereits  hergestellten  Fahrbahn  für  gewöhnhches  Fuhr- 
werk und  dem  Gehwege  für  Fussgänger  auch  noch  eine  zweite  Brückenconstruction 
zur  Legung  eines  Eisenbahngeleises  Platz  findet.  Es  bestehen  ^  Widerlager,  1  Ufer- 
pfeiler auf  der  Pressburger  Seite,  5  Strompfeiler  und  7  vollständig  von  einander 
getrennte  Brückenconstructionen  aus  Eisen.  Die  ganze  Länge  der  Eisenconstruc- 
tion  misst  460*4  Meter.  Als  Unterlage  für  die  Eisenconstruction  dienen  Granit- 
quadem,  welche  durchwegs  70  Cm.  hoch,  1*20  bis  1*50  breit  und  1'60  bis  180  M. 
lang  sind  imd  von  welchen  die  grössten  Stücke  ein  Gewicht  von  50  bis  60  Meter- 
zentner haben.  Zum  gesammten  Brückemmterbau  und  für  die  Uferschutzbauten 
wurden  folgende  Materialquantitäten  verbraucht:  Etwa  16,000 Kubikmeter  Bruch- 
steine aus  den  Granitbrüchen  von  Pressburg,  Earlsdorf,  Berg-  und  Wolfsthal,  circa 
1460  Kubikmeter  Quader-  und  Haokelsteine  aus  denselben  Brüchen,  circa  1289 
Kubikmeter  Qiiader-  imd  Hackelsteine  aus  den  Steinbrüchen  von  Theben- 
Neudorf,  circa  1350  Kubikmeter  Quadern  von  Neuhaus-Mauthhausen,  circa 
13,000  Meterzentner  Romancement  von  Sattel-Neudorf,  circa  1200  Meterzentner 
Portlandcement  von  diversen  Fabriken. 

Die  neue  Brücke  ist  auch  von  grosser  strategischer  Bedeutung.  Die  wich- 
tigste Donaustrecke  für  unsere  Monarchie  ist  jene  zwischen  Wien-Budapest,  denn 
sie  bildet  die  Centralbasis  für  jede  Operation,  und  die  letzte  Verteidigungslinie 
in  jedem  Kriege.  Als  nächster  stabiler  Donauübergang  abwärt«  von  Wien  besitzt 
Pressburg  vermöge  seiner  Nähe  zu  Wien  (zwei  Märsche)  imd  den  daraus  bei  der 
Verteidigung  der  Donau  resultirenden  innigen  Wechselbeziehungen  zum  Gentnim 
der  Monarchie  eine  in  allen  Kriegsfallen  hervorragende  mihtänsche  Bedeutung. 
Die  Lage  des  Punktes  bringt  es  mit  sich,  dass  Pressburg  alle  wichtigen,  aus  dem 
March-  und  Waagtale  zur  Donau,  und  alle  zwischen  der  Donau  und  dem  Neu- 
siedler-See führenden  Communicationen  vereinigt,  beziehungsweise  beherrscht. 
Jeder  von  Norden  oder  Süden  her  der  Donau  sich  nähernde  Gegner  wird  ange- 
sichts der  im  befestigten  Lager  bei  Wien  stehenden  eigenen  Armee  schon  durch 
den  Zug  der  Communicationen  auf  den  Uebergangsversuch  bei  Pressburg  hinge- 
wiesen (so  1805,  1809  und  1866).  Es  ist  klar,  dass  der  neue  stabile  Uebergang  in 
der  Basis  befestigt  werden  muss,  um  die  Verbindung  mit  dem  Hinterlande  auf- 
rechtzuerhalten, hauptsächlich  aber,  um  sich  da  den  Uferwechsel  auch  im  An- 
gesichte des  Feindes  sichern  zu  können.  Ein  befestigtes  Pressburg  ist  als  Eisen- 
bahn-, Wasser-  und  Landstrassen-Knotenpunkt  berufen,  in  allen  Kriegsfallen  eine 
hervorragende  Rolle  zu  spielen. 

Die  Herstellung  der  neuen  Brücke  hat  zu  einer  interessanten  Gelegenheits- 
schrift Veranlassung  gegeben,  in  welcher  Dr.  Johann  Kiräly  die  Geschichte  des 


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172  DIB  FRANZ  JOSEF-BRÜCKE   BEI   PRESSBURG. 

Pressburger  Maut-  und  Urfalirrechtes  behandelt.  *  Diese  interessante  Schrift,  ein 
Product  Üeissiger  und  intelligenter  Quellenforschungen,  gibt  sich  lediglich  als 
eine  Chronik,  in  welcher  Alles,  was  auf  die  Entwicklung  des  Pressburger  Brücken- 
wesens  Bezug  hat,  verzeichnet  ist.  Aber  die  Schrift  ist  bei  all  ihrer  Anspruchs- 
losigkeit weit  mehr,  als  sie  selbst  scheinen  will.  Sie  stellt  sich  dar  als  ein  Sttick 
nationaler  Geschichte,  als  ein  Bild  von  acht  Jahrhunderten  ungarischen  Lebens, 
aus  der  Pressburger  Vogelperspective  betrachtet.  Das  ürfahr-  und  Mautrecht  in 
der  altehrwürdigen  Stadtgemeinde  Pressburg  steht  im  Mittelpunkte  des  Werkes 
als  fixer  Punkt  im  reichbewegten  Wandel  der  Ereignisse.  Und  wir  sehen  an  diesem 
Pimkte  eine  Epoche  imi  die  andere  vorüberrauschen  :  die  Ai-päden-Zeit,  in  welcher 
der  Grund  zu  der  tausendjährigen  Institution  des  Pressburger  ürfahrs  gelegt 
worden  ist ;  die  Aera  der  Anjous,  welche  diese  Institution  zu  raschem  Aufblähen 
gebracht  Imt;  das  Jahrhundert  der  Könige  aus  gemischten  Häusern,  *in  welchem 
die  kluge  und  patriotische  Bürgerschaft  von  Pressburg  dieser  Stadt  zu  hohem  An- 
sehen verholfen  und  ihre  Donaubrücke  gewissermassen  zu  einem  geschichtlichen 
Factor  erhoben  hat ;  die  Habsburgische  Epoche  endlich,  in  der  die  Stadt  Pressburg 
und  ihre  Brücke  in  drei  grossen  Kriegen  (in  dem  Feldzuge  gegen  die  Türken,  in 
den  napoleonischen  Kriegen  und  in  den  1866er  Kämpfen)  eine  bedeutende  strate- 
gische Bolle  gespielt. 

Das  Pressburger  ürfahr  ist  so  alt  wie  das  ungarische  Königtum.  König 
Stefan  der  Heilige  hat  in  seiner  Urkunde  betreffend  die  Stiftung  der  Martinsberger 
Abtei  schon  im  Jahre  1001  das  Donau-Urfahr  bei  Pressburg  als  Beneficium  diesem 
Stifte  verliehen.  Später  teilten  sich  in  diese  Einkünfte  der  Graf  von  Pressburg  und 
die  Piliser  Abtei,  sowie  das  Graner  Erzbistum,  welch'  letzterem  ein  Zehntel  des 
gesammten  Einkommens  zugesprochen  war.  Wahrscheinlich  befand  sich  die 
Ueberfuhr  in  diesen  Zeiten  unterhalb  des  Sclilossberges  in  der  heutigen  Press- 
burger Theresienstadt,  wie  dies  aus  einer  Urkunde  des  Königs  B61a  lY.  aus  dem 
Jahre  1 254  hervorgeht,  durch  welche  dem  Abte  Johannes  von  Pills  das  Eigen- 
tumsrecht auf  den  von  demselben  erbauten  Wasserturm  in  Vepricz  (Wödritz) 
zugesichert  wird.  Was  diesen  Wasserturm  betrifft,  so  mag  er  wohl  ein  Vorwerk 
des  befestigten  Schlosses  gewesen  sein,  doch  weist  ja  schon  seine  Benennung 
darauf  hin,  dass  er  in  irgend  einem  Zusammenhange  mit  dem  Ürfahr  gestanden 
sein  muss.  Im  Jahre  1 306  schenkte  der  Erzbischof  von  Gran  seinen  Anteil  vom 
Einkommen  aus  dem  Pressburger  Maut-  und  Urfahrrecht  dem  Domprobste  und 
dem  Capitel  zu  Pressburg,  um  deren  schwache  Dotation  zu  erhöhen.  Bald  nach- 
her treten  aber  merkwürdigerweise  auch  Privatpersonen  als  Inhaber  von  Anteilen 
an  den  Ürfahr-  und  Mautgerechtsamen  auf.  So  verkauft  im  Jahre  1 37 1  Elisabeth 
Barthö  yhren  Anteil  an  der  Wödritzer  Maut  an  einen  sichern  Slaginkauf.  Vier 
Jahre  später  vermacht  •  Hanns  der  PoUe,  Purger  zu  Pressburg t,  seinem  Sohne 
Andreas  ^sein  Ürfahr  an  dem  Türmt ;  und  der  Bürger  t Jakob  der  Patzhan»  setzt 
die  Set.  Martinskirche ,  im  Jahre  1381  zum  Erben  eines  Teiles  seines  Urfahrs  ein. 
Desgleichen  testirt  Thomas  Frank  1419  seine  fünf  Urfahrteile  der  Set.  Lorenz- 

*  A  pozsonyi  nagy-dunai  viim-  ^8  'r^yjog  törtöuete.  Irta  dr.  Kir41y  J4no8. 
Fozsony,  1S90  Heckenast  G.  utöda.  Auch  in  deutscher  Sprache. 


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t>m   FRAi^Z  JOgBF-BRÜOK>^   BEI    PRB88BURO.  1^^ 

kirohe»  welche  ausserhalb  des  Stadtweichbildes  lag,  ein  Filial  der  Dompfarre  bil- 
dete und  stets  einen  Domherrn  des  Pressburger  Capitels  zum  Pfarrer  hatte.  Die 
Schatzkammer  dieser  Kirche  war  eine  so  reichhaltige,  dass  man  sie  1484  in  einem 
besondem  Anbau  unterbringen  musste.  Die  Kirche  selbst  wurde  im  Jahre  1529, 
als  die  Türken  nahten,  vorsichtshalber  demolirt  und  ihren  Schatz  Hess  die  Stadt 
zu  Verteidigungszwecken  einschmelzen.  Wie  waren  nun  Privatpersonen  in  den 
Besitz  einzelner  Teile  des  Urfiahr-  und  Mautrechtes  gelangt  ?  Der  Verfasser  findet 
eine  plausible  Antwort  auf  diese  Frage.  Er  spricht  die  Vermutimg  aus,  dass  die 
ursprunghchen  Eigentümer  dieser  Gerechtsame  die  letztere  verpfändet  hatten : 
eine  Annahme,  welche  ^unterstützt  wird  durch  die  Thatsache,  dass  in  jener  Zeit 
die  Piliser  Abtei  sowohl  wie  der  König  selbst  sich  in  beständigen  Oeldnöten 
befunden  haben.  Musste  doch  König  Sigismund  tals  Vormund  des  Landest  die 
Stadt  Pressbarg  selbst  im  Jahre  1 385  an  seine  Schwäger  Jodochus  und  Procopius 
verpfänden,  um  eine  Wegzehrung  für  seine  Fahrt  nach  Böhmen  zu  haben ;  aller- 
dings hat  er  dieses  Pfand  vier  Jahre  später  getreulich  wieder  ausgelöst.  Dans  der 
König  auch  kleinere  Beträge  zu  pumpen  genötigt  war,  erhellt  aus  dem  von  Stefan 
Bakovszky  festgestellten  Umstände,  dass  Sigismund  von  den  Pressburger  Bürgern 
148,  dann  150  Qulden,  ja  einmal  sogar  die  Summe  von  32  bölunischen  Groschen 
sich  ausgeliehen  hat.  Unter  solchen  Verhältnissen  ist  wohl  anzunehmen,  dass 
manche  Urüahrteile  im  Wege  der  Verpfändung  in  die  Hände  einzelner  Bürger 
geraten  seien. 

Bis  an  das  Ende  des  XTV.  Jahrhunderts  war  die  Art  imd  Weise  der  Besor- 
gung der  Donau-Ueberfuhr  bei  Pressburg  ganz  imd  gar  dem  Beheben  der  Bechts- 
inhaber  und  ihrer  Pächter  überlassen.  Dass  es  dabei  recht  patriarchaHsch  herging, 
lässt  sich  wohl  denken ;  sicherUch  sind  die  Schiffe  zumeist  morsch,  ist  der  Verkehr 
über  die  Donau  stets  ein  langsamer  und  ein  lebensgefälirlicher  gewesen.  Erst  durch 
König  Sigismund  griff  hier  die  Staatsgewalt  reformirend  ein,  offenbar  aus  mihtä- 
rischen  Motiven,  unter  den  Eindrücken  des  drohenden  Türkenkrieges.  So  ordnete 
der  König  im  Jahre  1396  an,  dass  behufs  Beschleunigimg  des  Verkehrs  an  beiden 
Ufern  je  drei  Schiffe  stets  verfügbar  sein  mussten ;  und  sechs  Jahre  später  gab  er 
sogar,  um  den  Verkehr  zu  fördern,  das  Ueberfuhrsrecht  jedem  Pressburger  Bürger 
hei.  Doch  all  das  scheint  wenig  genützt  zu  haben ;  nach  wie  vor  mochte 
der  Verkehr  ein  langsamer  und  unregelmässiger  sein,  denn  König  Sigismund  sah 
sich  vei*anlasst,  in  Pressburg  auf  eigene  Kosten  eine  Brücke  zu  bauen  ;  diese  iiihte 
auf  Jochbäumen  imd  auf  Schiffen,  doch  ist  sie  offenbar  sehr  nachlässig  gebaut 
gewesen,  denn  bald  darauf  wurde  sie  unpraktikabel.  Im  Jahre  1439  schenkte  König 
Albert  diese  Brücke  der  Stadt  Preesburg  gegen  die  Veri)flichtung,  dieselbe  her- 
richten zu  lassen  und  sie  in  Stand  zu  erhalten.  Von  da  ab  ist  Pressburg  fast  nie 
ohne  Brücke  gewesen ;  —  ifast  nie»,  denn  Treibeis  imd  Hochwasser  zerstörten 
gar  oft  die  Pressburger  Donaubrücke  so  gründhch,  dass  dieselbe  wohl  ein  dutzend- 
mal und  darüber  vom  Grund  auf  neuerrichtet  werden  musste,  wie  dies  aus  zahl- 
reichen Urkunden  des  städtischen  Kammeramtes  hervorgeht  Der  Umstand,  dass 
den  Pressburger  Bürgern  zugleich  mit  der  Brückensohenkung  die  Mautfreiheit 
im  ganzen  Comitate  verliehen  wurde,  hat  in  der  Folge  zu  manchem  scharfen  Con- 
flicte  mit  den  Oligarohen  auf  Kittsee  geführt.  Die  Pressburger  Kaufleute,  die  nach 


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174 


DIE   FRANZ  JOgBF-BRÜOKB   BBI   PRASSBÜtUl. 


Hamburg  zogen,  wurden  von  den  Burgbauptleuten  auf  Kittsee  genötigt,  ihren 
Weg  statt  über  das  tOerinn»  an  Kitsee  vorbei  zu  nehmen;  hier  wurden  sie  dann 
von  den  Hauptleuten  angeMlen,  zur  Mautzahlung  genötigt  und  im  Weigeninge- 
falle  tüchtig  geplündert.  Zu  Beginn  des  XV.  Jahrhunderts  zeichnete  sich  beson- 
ders der  Burghauptmann  Heinrich  Slandersperger  durch  solche  Raubritter-Excesse 
aus,  ßo  zwar,  dass  König  Sigismund  im  Jahre  1416  aus  Paris  und  im  Jahre  1418 
aus  Padua  ihn  brieflich  ermahnen  musste,  seine  Umtriebe  einzustellen ;  als  dies 
nichts  half,  setzte  der  König  den  Pressburger  Obergespan  Peter  v.  Kappler  als 
Commissarius  mit  königlichen  Gewalten  ein,  um  der  Baubwirtschaft  des  Ölig- 
archen  von  Kittsee  zu  steuern.  Nahezu  durch  zwei  Jahrhunderte  währte  dar 
Kampf  der  Pressburger  Bürgerschaft  ge^ren  diese  Brandschatzungen  und  Ueber- 
gnffe,  in  welchen  später  merkwürdigerweise  sich  gerade  die  Nachfahren  des  ober- 
wähnten Peter  v.  Kappler  am  imrühmlichsten  hervorthaten. 

Im  Frühjahre  1440  litt  die  Pressburger  Brücke  manchen  schweren  Schaden 
durch  die  Treibhölzer,  welche  der  Eisstoss  wider  ihre  Jochbäume  geführt  hatte. 
Die  ehrsame  Stadtgemeinde  entsandte  demnach  den  Ratsherrn  Peter  Jungetl  zu 
der  in  Komom  weilenden  Königin- Witwe  Elisabeth,  um  von  ihr  einen  Beitrag  zu 
den  Kosten  der  Instandsetzung  zu  heischen.  Die  Königin  empfing  Herrn  Jungetl 
sehr  gnädiglioh  und  sagte  ihm  einen  Beitrag  von  hundert  Ooldgulden  zu.  Aller- 
dings wai'  der  würdige  Batsherr  nicht  mit  leerer  Hand  vor  das  Antlitz  der  Koni- 
gin  getreten,  vielmehr  hatte  er  als  Huldigungs- Angebinde  seiner  Mitbürger  ein 
Fässchen  kostbaren  Weines  mitgenommen,  wie  dies  m  den  Kammeraoten  gewis- 
senhaft verzeichnet  steht  in  den  Worten :  lAm  Erichtag  vor  Tiburtii  und  Vale- 
riani  der  Königin  ein  lagl  malvasia  gebn  durch  Jungetl. »  Herr  Jungetl  muss  aber 
bei  dieser  Gelegenheit  für  seine  Pressburger  Landsleute  auch  noch  manches  Andere 
solUzitirt  haben,  denn  am  Tage  nach  seiner  Audienz  bei  der  Königin  schreibt  er 
an  die  Herren  vom  Rate  einen  Brief,  worin  er  dringend  bittet,  dass  die  Stadt  den 
Küchenmeistern  des  Kanzlers  Johann  und  des  Grafen  Ulrich  Czilley  je  einen  Gentner 
Oel,  Feigen  und  Häring  und  «ein  guets  lagl  wein,  der  suess  sy>  schicke,  damit 
diesen  Herren  lein  besunder  wohlgevallen  erczaigt  sei».  Bald  nachher  erschien 
auch  die  Königin  selbst  mit  ihrem  neugeborenen  und  als  Säugling  gekrönten  Sohne 
Ladislaus  in  Pressburg,  wo  sie  einige  Zeit  verweilte ;  sie  hatte  in  dem  ehemals 
Spindler' sehen  Hause  in  der  Yenturgasse  ihr  Absteigquartier.  Die  Stadt  gab  der 
ankommenden  Königin  zu  Ehren  ein  Festessen,  wie  dies  bezeugt  wird  durch  die 
folgende  Anmerkung  der  Kammeracten :  fitem  am  Sambstag  vor  St.  Veitstag  kam 
unsere  gnedige  Fraw  die  Kunigin ;  haben  wir  gebn  zu  Obendessen  mancherley 
ding,  als  man  das  hernach  geschrieben  fint. »  In  den  folgenden  zwei  Jahren  fand 
die  Königin  sich  wiederholt  in  Pressburg  und  in  der  Umgegend  dieser  Stadt  ein ; 
wie  denn  überhaupt  ein  Band  wechselneitiger  Vorliebe  die  Pressburger  und  «ihre» 
Königin  mit  einander  verknüpfte.  Um  auf  die  Brücke  zurückzukommen,  so  scheint 
sie  in  den  letzten  Jahren  der  Königin  Elisabeth  vollständig  zugrunde  gegangen 
zu  sein;  denn  König  Ladislaus  V.  ordnet  1453  ihren  Wiederaufbau  an  und  sta- 
tuirt,  wohl  mit  Rücksicht  auf  die  hohen  Instandhaltungskosten,  die  Mautpflicbt 
auch  für  Edelleute.  Dies  ist  wohl  als  der  erste  Eingriff  in  die  Privilegien  des  unga- 
rischen Adels  anzusehen ;  und  wenn  der  Landtag  damals  sich  nicht  stürmisch 


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hm   PRAKZ  JOJSEF-BRUGKE   BBI   PR^SBURG.  1?5 

dagegen  auflehnte,  so  nnterliess  er  solohes  wohl  nur  in  der  Erwägung,  dass  diese 
Bestimmung  in  der  Praxis  sich  werde  umgehen  lassen,  eine  Annahme,  die  sich  ja 
auch  nachmals  als  eine  gerechtfertigte  erwies.  Bald  darauf  kam  der  König  auch 
persönlich  nach  Pressburg ;  da  die  Brücke  noch  nicht  stand,  wurde  die  üeberfuhr 
auf  sechs  Schiffen  bewirkt.  Die  Pressburger  verehrten  bei  dieser  Gelegenheit  tdem 
genadigsten  herm  Kunig  Laszla»  Kirschen  als  Erfrischung.  Der  Wiederaufbau  der 
Brücke  ist  aber  erst  unter  Mathias  I.  erfolgt,  in  dessen  Auftrag  Ernst  Johann  Graf 
von  Sohl  die  Sache  betrieben  hat.  Bis  zum  Ende  des  XV.  Jahrhunderts  wurde  die 
Brücke  wiederholt  durch  Treibeis  beschädigt,  durch  Hochwasser  fortgerissen  und 
jedesmal  wieder  aufgebaut,  so  dass  die  Stadt  und  ihr  Säckel  ihre  liebe  Not  damit 
liatten.  Aber  auch  das  Strassenwesen  in  Preesburg  scheint  damals  sich  nicht  des 
besten  Zustandes  erfreut  zu  haben ;  denn  in  den  städtischen  Kammeracten  findet 
sich  eine  Notiz  darüber,  dass  der  Wagen  des  iKunigs  Wlaslai  eines  Nachts  im 
tiefen  Wege  stecken  geblieben  sei  und  dass  man  aus  dem  Rathause  iden  Fass- 
zieher  mit  seinen  Helfemt  hinausgeschickt  habe,  um  den  Wagen  wieder  flottzu- 
machen. 

In  den  Kämpfen  der  Gegenkönige  Ferdinand  von  Habsburg  und  Johann 
von  Zäpolya  spielten  die  Stadt  Preesburg  und  ilire  Brücke  eine  bedeutsame  Bolle. 
Zunächst  fand  die  Wahl  Ferdinand's  zum  König  von  Ungarn  auf  dem  in  der  Press- 
burger Franziskanerkirche  abgehaltenen  Landtag  statt.  Doch  hatte  Ferdinand  noch 
manchen  harten  Strauss  zu  bestehen,  ehe  er  den  ihm  angebotenen  Tron  besteigen 
durfte.  Es  galt  vorerst,  den  Nebenbuhler  Johann  von  Zdpolya  aus  dem  Felde  zu 
schlagen,  ihm  seine  zahlreichen  Parteigänger  abwendig  zu  machen  und  das  von  den 
Schrecknissen  des  Bürgerkrieges  heimgesuchte  Land  zu  pazifiziren.  Pressburg  ist 
dem  König  Ferdinand  in  diesen  Kämpfen  eine  wichtige  Position  gewesen  und  leicht 
begreift  es  sich,  dass  der  König  aus  strategischen  Gründen  die  baldigste  Wieder- 
herstellung der  Pressburger  Brücke  betrieb.  Auch  gingen  die  bezüglichen  Arbeiten 
recht  flott  von  Statten,  so  zwar,  dass  die  Brücke  schon  binnen  Jahr  und  Tag  — 
wieder  vom  Hochwasser  fortgerissen  werden  konnte.  Beschädigt  und  wieder  aus- 
gebessert, zugninde  gegangen  und  wieder  aufgebaut,  unterlag  diese  Brücke  den 
mannigfachsten  Wandlungen,  welche  die  Zuversicht  in  ihre  Stärke  nicht  eben  zu 
fordern  geeignet  waren.  So  ist  es  denn  durchaus  nicht  zu  verwundem,  dass  die 
Könige,  wenn  sie  die  Stadt  passirten,  es  vorzogen,  auf  Schiffen  über  die  Donau  zu 
setzen ;  und  femer,  dass  bei  besonders  festlichen  Anlässen  jedesmal  auch  beson- 
dere Brücken  aufgeführt  worden  sind.  So  gab  es  1578  eine  besondere  Landtags- 
Schiffbrücke,  welche  das  Staatsärar  hatte  errichten  lassen  und  für  welche  die  Stadt 
Pressburg  lediglich  drei  ungarische  Dolmetsche  beizustellen  hatte.  Im  Jahre  1 563 
aber  wurde  speziell  zur  Krönung  Maximilian' s  eine  Krönungsbrücke  gebaut.  Nim 
geboten  aber  wieder  strategische  Kücksichten  die  Errichtung  einer  starkem  Brücke 
bei  Pressburg ;  die  Türkenkriege  standen  in  Sicht  und  der  Hofkriegsrat  in  Wien 
begehrte  nachdrücklich  den  Aufbau  einer  Schiffbrücke.  Der  Pressburger  Stadtrat 
fürchtete  für  seine  Mauteinkünfte  und  schrieb  an  den  König,  dass  dieser  wohl 
eine  Brücke  bauen,  aber  die  Mautverwaltung  an  niemand  Andern  ab  an  die 
Stadtgemeinde  verpachten  dürfe,  worauf  der  Delegirte  des  Kriegsrates,  Herr 
von  Sprinzenstein,  replicirte,  er  sei  bereit,  dem  König  fünf  feste  Brücken  zu  bauen, 


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176 


DIB   FRANZ   JOSEF-BRÜCKE   BEI    PRBSSBÜR6. 


wenn  ihm  die  Mauteinkünffce  der  Pressburger  Brücke  überlassen  werden.  Inzwi- 
schen wurden  die  durchziehenden  Truppen  mittelst  einer  Anzahl  von  Schiffen 
über  die  Donau  geführt.  Die  Brücke  aber  wurde  erst  erbaut,  als  der  nächste  Land- 
tag zum  Behufe  der  Königswahl  nach  Pressburg  einberufen  worden  war. 

Von  da  ab  wiederholt  sich  dAs  altgewohnte  Spiel.  Es  werden  wiederholt 
Schiffbrücken  erbaut,  durch  das  Treibeis  zerstört,  um  dann  abermals  errichtet  und 
durch  die  Hochflut  fortgerissen  zu  werden.  Erst  vom  Jahre  1676  datirt  eine  grös- 
sere Dauerhaftigkeit  im  Pressburger  Brückenwesen.  Das  System  der  fliegenden 
Brücken  wird  eingeführt  und  bewährt  sich  besser  als  die  bisherigen  Schiffbrücken. 
In  den  mannigfaclien  Wechselfallen  der  Türkenkriege  wird  aber  auch  die  fliegende 
Brücke  wiederholt  abgetragen  und  niedergebi-annt.  Auch  scheint  die  Instandhal- 
tung der  Brücke  zu  Beginn  des  XVlU.  Jahrhunderts  bereits  erheblich  höhere 
Kosten  als  bis  dahin  gefordert  zu  haben,  denn  als  Karl  lEE.  die  ärari«che  Brücke 
der  Stadtgemeinde  zum  Geschenk  machte,  da  protestirte  der  Magistrat  gegen  diese 
Danaergabe  mit  dem  Bedeuten,  dass  die  Instandhaltung  jährlich  2500  fl.  und 
darüber  erheische.  Im  Jahre  1722  drängt  sich  dem  Landtage  bereits  die  Erkennt- 
niss  auf,  dass  eine  stabile  Brücke  bei  Pressburg  aus  wirtschaftlichen  wie  aus  stra- 
tegischen Gründen  gleich  notwendig  sei.  Freihch  scheint  in  diesem  Jahrhundert 
auch  die  Rentabilität  der  Brücke  sich  in  bedeutendem  Maasse  gesteigert  zu  haben, 
denn  im  Jahre  1791  nahm  der  Pressbnrger  Arzt  Dr.  Johann  Szluha  das  Maut- 
recht der  Brücke  gegen  einen  jährlichen  Pachtschilling  von  10,750  fl.  auf  sechs 
Jahre  in  Pacht.  Bei  dem  Anbruche  des  XIX.  Jahrhunderts  verschlugen  sich  die 
letzten  Wellenringe  der  napoleonischen  Kriege  liieher  und  die  Pressburger  Donau- 
brücke pah  am  10.  Dezember  1805  den  Marschall  Davoust  mit  sechs  Regi- 
mentern Fnsstruppen  imd  zwei  Regimentern  Reiterei  nach  dem  Weichbilde  der 
Stadt  ziehen,  um  die  durch  den  Waffenstillstand  vereinbarte  Demarkationslinie  zu 
besetzen.  In  Pressburg  wurde  auch  am  27.  Dezember  zwischen  Talleyrand  einer- 
seits und  den  Feldmarschall- Lieutenants  Fürst  Johann  Lichtenstein  und  Graf 
Ignaz  Gyulai  andererseits  der  definitive  Friede  abgeschlossen.  Nicht  so  glimpflich 
kam  die  Stadt  Pressburg  im  Frühjahre  1809  davon.  Nach  der  Schlacht  von  Aspem 
warf  sich  Davoust  mit  14,009  Mann  auf  Audoi-f  und  als  diese  Position  sich  ihm 
nicht  ergeben  wollte,  liess  er  am  3.  Juni  Pressburg  selbst  bombardiren.  Die  Be- 
schiessung  währte  von  10  Uhr  Vormittags  bis  1  Uhr  Nachmittags,  während  wel- 
cher Zeit  der  Verkehr  auf  der  fliegenden  Brücke  ungestört  fortbelrieben  wurde. 
Vom  ti6.  bis  28.  Jimi  wurde  in  drei  aufeinander  folgenden  Nächten  das  Bombar- 
dement fortgesetzt,  ohne  dass  die  Audoi-fer  Schanzen  aufgegeben  wurden.  Bis  zum 
Abschluss  des  Wiener  Friedens  1 809  war  die  Gemarkung  von  Pressburg  beständig 
von  französischen  Besatzungstruppen  und  von  mehr  minder  heftigen  Scharmützeln 
heimgesucht.  Nach  dem  Friedensschlüsse  berief  Franz  I.  nach  Pressburg  den 
Landtag  ein  und  ordnete  zugleich  in  Anerkennung  der  patriotischen  Verdienste 
dieser  Stadt  die  Emchtung  einer  grossen  ständigen  Schiffbrücke  durch  die  in 
Pressburg  gamisonirenden  Pionniertruppen  an.  Diese  nach  der  Kaiserin  und  Kö- 
nigin Karolina  genannte  Brücke  wurde  am  29.  Dezember  1 825  unter  grosser 
Feierlichkeit  dem  Verkehr  übergeben ;  sie  war  aus  32  Schiffen  zusammengesetzt 
und  mass  in  der  Länge  148  Klafter,  in  der  Breite  24  Klafter.  In  das  Erbe  dieser 


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MITTELALTBRLICHE   GRABDENKMÄLER   AUS   UNGARN. 


IW 


Schiffbrücke  tritt  nun  die  neue,  mit  allen  Emmgenschaften  der  modernen  Technik 
auegeetattete  Eisenbahnbrücke,  welche  am  30.  Dezember  1890  durch  Se.  Majestät 
den  König  persönlich  eröffnet  worden  ist. 


MinELAIiTERIJCHE  GRABDENKMÄLER  AUS  UNGARN 

VI.  Grabstein  des  Andreas  Scolari.  XV.  Jahrhundert. 

Der  Grabstein  des  Bischofs  Scolari  ist  unstreitig  das  interessanteste 
unter  den  wenigen  alten  Monumenten,  welche  im  Dome  von  Grosswardein 
uns  bis  zur  Gegenwart  erhalten  geblieben  sind.  Das  Materiale,  aus  welchem 
derselbe  verfertigt  ist,  ist  grauer  Sandstein,  seine  Höbe  2  M.  0*7  Gm.,  die 
Breite  aber  79  Gm.,  was  also  eine  bei  Grabsteinen  ganz  ungewohnte 
Schmalheit  zu  bedeuten  hat,  welche  auch  dem  minder  geübten  Auge  sofort 
auffällt. 

Abgesehen  von  einem  in  schräglinker  Bichtung  laufenden  Bruche, 
welcher  oben  beim  linksseitigen  Schriftenrande  beginnt  und  sich  über 
einen  Teil  des  Polsters  sowie  über  den  Hals  bis  zur  rechten  Schulter  der 
das  Figurenfeld  belegenden  Gestalt  zieht,  abgesehen  femer  von  der 
starken  Beschädigung  des  Gesichtes  derselben  Figur,  welche  das  erstere 
vollkommen  unkenntlich  gemacht  und  auch  ein  vorderes  Stück  der  Mitra 
etwas  in  Mitleidenschaft  gezogen  hat,  —  ist  dieser  Denkstein  sammt  seiner 
durchwegs  lesbaren  Inschrift  wohlerhalten  zu  nennen. 

Diese  letztere,  in  ausnehmend  regelmässigen  und  zierlichen  Minus- 
keln, aus  den  vier  Seiten  des  beiderseits  mit  dünnen  Leisten  eingefassten 
schmalen  Schriftenrandes  herausgemeisselt,  beginnt  linksseitig  oben  und 
lautet : 

iHic  jacet  reverendus  in  Christo  pater  dominus  Andreas  Floren- 
tius  hujus  ecclesie  Yaradiensis  pontifex  venerandus  deo  ac  gentibus  hung| 
arie  dilectus  qui  obüt  X°  VIII  die  mensis  januarii  VII  hora  noctis  anno  do- 
raini  M«""  CCCCX|  XVI  hie  honorifice  sepultus.» 

Das  glatte  Figurenfeld  wird  von  der  liegenden  und  zugleich  stehenden 
Gestalt  des  in  pontificalibus  dargestellten  Bischofs  Andreas  Scolari  vollstän- 
dig ausgefüllt.  Das  Haupt,  mit  beiderseits  bis  zu  den  Ohrläppchen  reichenden, 
rundgeschnittenen  Haaren,  ist  mit  einer  hohen  Mitra  bedeckt,  deren  Spitze 
bis  zur  Mitte  des  Schriftenrandes  hinaufreicht,  und  ruht  auf  einem  mit  einer 
Schnur  eingefassten  Polster,  dessen  vier  Ecken  mit  eben  so  vielen  Quasten 
besteckt  erscheinen.  Die  mit  Handschuhen  versehenen  Hände  erscheinen 
(wie  dies  bei  Veratorbenen  der  Brauch)  nach  vorne  abwärts,  über  die  Mitte 
des  Körpers,  in  Form  ein^s  Andreaskrt-uzes  gelegt ;  die  mit  einer  breiten 

Ungwineh«  Bevae,  XL  1891.  IC.  Heft.  XS 


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178  MITTB!LAI.TERUCHE    ORABDEKKMÄLER   AUS   UNÖARN. 

Bordare  und  vorne  mit  einem  Passionskreuze  verzierte  Gasula  aber,  mit 
hohem  weiten  Halskragen,  sowie  darunter  die  Tunicella  und  dann  die  bis 
zn  den  (sichtbaren)  Fassspitzen  abfallende,  reiche  Alba  amhüUen  die  Ge- 
stalt des  unter  diesem  Grabsteine  ruhenden  Prälaten.  Sichtbar  machen  sich 
auch  die  beiden  schmalen  Enden  des  Manipulus,  sowie  unten  die  befranste 
Stola.  Links  vom  Bischöfe  befindet  sich  gerade  aufgerichtet  und  die  untere 
Leiste  des  oberen  Schriftenrandes  etwas  überragend,  das  Pedum  oder  der 
Hirtenstab,  dessen  einwärts  gekehrte,  schneckenartige  Windung  mit  zierli- 
chem künstlichen  Laubwerke  besteckt  erscheint  und  um  dessen  Stiel,  einige 
Spannen  weiter  unten,  das  Sudarium,  von  einem  Krönlein  überhöbt, 
mehrfach  gewunden  ist  und  mit  den  Enden  nach  abwärts  hängt. 

Noch  haben  wir  Eines  unerwähnt  gelassen :  es  ist  dies  die  —  wohl 
nicht  gelungene  —  Gestalt  des  Hundes  (als  Symbol  der  Treue),  auf  welcher 
die  Fussflächen  des  Bischofes  ruhen.  Wir  werden  über  diese  Sitte  ver- 
gangener Jahrhunderte,  wo  Personen  die  in  ganzer  Gestalt  auf  Grabsteinen 
dargestellt  erscheinen,  Tiere,  in  gleicher  Verwendung  wie  hier,  beigegeben 
wurden,  noch  später  Gelegenheit  finden,  eingehender  zu  sprechen. 

Wir  können  unser  Augenmerk  demnach  dem  Wappenschilde  des  An- 
dreas Scolari  zuwenden.  Dieses  befindet  sich,  die  scharfe^  halbrunde 
Dreieckform  seiner  Zeit  aufweisend,  in  einer  Höhe  mit  dem  Eniee  der 
Gestalt,  aufrecht,  sowie  den  rechten  Schriftenrand  berührend  und  zeigt 
drei  Schrägbalken. 

Es  stimmt  dieses  Wappen  vollkommen  überein  mit  demjenigen  des 
Pipo  de  Ozora,*  Grafen  von  Temes,  eines  Florentiners  aus  vornehmem 
Geschlechte,  welcher  zu  König  Sigismund's  Zeiten  eine  hervorragende 
Bolle  in  unserem  Vaterlande  gespielt,  —  dessen  eigentlicher  Name  aber 
Philipp  Scolari  gewesen  und  welcher  der  ältere  Bruder  des  vorstehenden 
Bischofs  Andreas  war. 

Erst  nach  seiner  Vermälung  mit  Barbara  Ozoray,  mit  welcher  er 
auch  die  Burg  Ozora  erhalten  hatte,  nahm  er  den  Namen  dieses  (uralten, 
nunmehr  ebenfalls  schon  lange  erloschenen)  Geschlechtes  auf,  unter 
welchem  derselbe  vornehmlich  in  der  Geschichte  bekannt  ist. 

Domherr  Vincenz  von  Bunyitay,  der  gelehrte  Verfasser  des  Werkes : 
«Nagyvaradi  püspökseg  törtenete»,**  welcher  uns  diesen  Grabstein  (der 
auch  sein  eigenes  vorzügliches  Buch  ziert)  mit  grösster  Liberalität  zur  Ver- 
fügung gestellt  hat,  führt  eben  dortselbst  (I.  243)  noch  ein  anderes  Wap- 


*  Siehe :  B.  A.  B.  Pesth  9432  etc.  D.  O.  woselbst  dieses  Wappen  completer,  wie 
folgt  erscheint:  Schild,  wie  das  Grabstein wappen  des  Bischofes  Scolari.  -  Kleinod: 
Armloser,  mit  einem  Oberkleide  versehener  wachsender  Männemimpf.  —  Vergl.  audi 
Siebmacher,  Der  Adel  v.  Ungarn,  XX. 

'•'*  Geschichte  des  Grosswardeiner  Bisthums,  I,  243. 


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GRABSTEIN    DES    ANDREAS    SCOLARI. 


12* 


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i80 


MITTELALTERLICHE  GRABDENKMALER    AÜB  üNÖARK. 


pen  des  Andreas  Scolari  auf,  das  sich  jedoch  nur  allein  auf  die  Person  des- 
selben und  auf  seine  Würde  als  Bischof  bezieht.^ 

Derselbe  Andreas  Scolari,  welcher  von  Einigen  (nach  seinem  eben 
hier  genannten  Bruder)  magyarisirt  auch  als  «Ozorai»  genannt  erscheint, 
nahm  von  1409  bis  1426  den  Bischofstuhl  von  Grosswardein  ein,  nachdem 
er  bereits  früher  Bischof  von  Agram  gewesen  war.  Er  war  ein  GänstUng 
des  Königs  Sigismund,  den  er  auch  zum  Goncile  nach  Gonstanz  begleitete 
und  an  dessen  Seite  er  bis  zur  Beendigung  desselben  verblieb.  Er  starb, 
wie  wir  auch  aus  der  Legende  ersehen,  in  der  Nacht  des  18.  Januar,  im 
Jahre  1426.« 

Vn.  Familiengrabstein  der  Berzeviczy.  XV.  Jahrhundert. 

Es  muss  insbesondere  den  ungarischen  Heraldiker  mit  Freude  und 
Genugthuung  erfüllen,  wenn  er  in  die  Lage  versetzt  wird  constatiren  zu 
können,  dass  das  eine  oder  das  andere  heimatliche  Geschlechtswappen 
durch  viele  Jahrhunderte  hindurch  bis  auf  die  jüngste  Zeit  in  seiner 
ürfom  unverändert  beibehalten  und  von  der  zersetzenden  Wirkung  der 
Zeit,  welche  sich  insbesondere  auch  in  unserem  nationalen  Wappenwesen 
so  fühlbar  gemacht  hat,  —  in  keiner  Weise  beleckt  wurde.  Wir  können 
nämlich  die  Thatsache  nicht  wegläugnen,  dass  das  Festhalten  an  dem 
ererbten  Blason,  welches  speciell  beim  guten  alten  Adel  deutscher  sowie 
lateinischer  Zunge  fast  zur  Regel  geworden,  bei  uns  leider  nur  zu 
den  selteneren  Fällen  gezählt  zu  werden  hat,  —  wenn  wir  es  auch  zurück- 
weisen müssen,  was  gewisse  heraldische  Vielwisser  (Nichtwisser)  zu 
behaupten  für  gut  befunden  haben :  dass  von  einer  intacten  Beibehaltung 
des  Urwappens  seit  geraumer  Zeit  bei  uns  überhaupt  nicht  mehr  gespro- 
chen werden  kann,  weil  unsere  alten  Geschlechter  ihre  Blasons  (mit  Sanc- 
tion  des  Landesherrn  oder  aber  willkürlich)  wiederholt  schon  verändert 
haben.  Diesen  Ausfluss  der  völligen  Nichtorientirtheit  lassen  diese  Herrn 
aber  zugleicl^  auch  als  Beweis  dafür  gelten,  dass  unserem  nationalen  Wap- 
penwesen, schon  von  sehr  alten  Zeiten  her,  nicht  die  geringste  Wichtigkeit 
beigelegt  worden  war. 

Schlagende  Gegenbeweise  wurden  nach  der  einen  wie  nach  der 
anderen  Richtung  hin,  in  verschiedenen  wissenschaftlichen  Organen*,  von 
Seite  unserer  neuen  Schule  schon  zur  Genüge  erbracht  und  werden  auch  in 
diesen  Blättern  noch  geliefert  werden.  Wenden  wir  uns  daher  einem  jener 


^  Es   zeigt   dieses   andere   Wappen   einen    aus    der  obern    linken  Schihierecke 
ragenden,  gebogenen  Arm,  welcher  einen  Kmmmstab  hält. 

«  Siehe  auch:  Nagyvaradi  pflspöks^g  tört^nete  T.  232—243  und  III.  110—112. 
»  Siehe :  Tnrul  und  Archseologiai  ]6rtesit6.  Jahrgänge  1887—1889. 


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MITTELALTERLICHE    GRABDENKMÄLER    AUS   UNGARN.  1^1 

Wappen  zu,  welches,  als  zur  oben  hervorgehobenen  Kategorie  gehörig, 
stets  unverändert  geblieben  ist  und  seit  einem  halben  Jahrtausende  sich 
typisch  zu  erhalten  gewusst  hat 

Es  gehört  dasselbe  dem  bekannten  und  vornehmen  Geschlechte  der 
Berzeviczy  de  Berzevicze  und  Eakas-Lomnicz  an  und  findet  sich  auf 
einem  wohlerhaltenen  190  Gm.  hohen  und  114  Gm.  breiten  Grabsteine  aus 
rotem  Marmor  vor,  welcher  in  der  Kirche  von  Berzevicze  im  S&roser 
Gomitate  [und  nicht  in  Kis-Szeben  (Zeeben)  wie  Bömer  im  Arch.  6rt.  VII. 
4.  1887  Oktoberheft,  irrtümlich  angibt],  —  in  der  westlich  gelegenen  Fa^ade 
unter  dem  Thurme  senkrecht  in  der  Mauer  eingefügt  erscheint.  Die  an 
Gapiiälstelle  beginnende,  beiderseits  mit  einem  massig  verflachten  Bande 
versehene  Legende,  welche  alle  vier  Seiten  des  Schriftenrandes  ausfällt  und 
in  regelmässigen  Minuskeln  aus  dem  Steine  herausgemeisselt  erscheint, 
lautet  wie  folgt : 

.Sßpulfura  •  magntfttt 

uiri  •  bomi  ♦  pcfri  •  I;erm  •  b  •  bttiomtt 

lecottnitoi  •  rglm  •  magri  •  ntt 

non  •  comüia  •  acepus  ac  •  fuDrum 

(Lies :  Sepultura  magnifici  viri  domini  petri  herinici  (oder  henrici)  de 
brezovice  tavernicorum  regalium  magistri  nee  non  comitis  scepusiensis 
ac  suorum.) 

Aus  dem  letzten  Worte  der  vorstehenden  Inschrift  ersehen  wir,  dass 
dieses  Monument  als  Familien-Grabstein  anzusehen  ist  und  aus  diesem 
Grunde  finden  wir  auch  keine  Jahreszahl  dort  vor. 

Wenn  wir  jedoch  in  Betracht  ziehen,  dass  Peter  Berzeviczy,  dessen 
Namen  wir  auf  dem  Epitaphe  verzeichnet  finden,  zwischen  den  Jahren  1432 
und  1433  mit  Tod  abging,  sowie  anderseits,  dass  in  derselben  gemeinsamen 
Buhestätte  (wie  es  zweifellos  erscheint)  auch  die  irdischen  Ueberreste  von 
Peters  Vater  bestattet  worden  sein  dürften,  so  werden  wir  unwillkürlich 
zu  der  Annahme  gedrängt,  dass  das  fragliche  Monument  vor  den  Jahren 
1432 — 33  verfertigt  worden  sein  dürfte,  u.  z.  auf  Veranlassung  des  erwähn- 
ten Peter  selbst  noch  zu  seinen  Lebzeiten. 

Bomer  hat  zweifellos  auch  hier  nicht  das  Bichtige  getroffen,  indem  er 
gelegentlich  der  Auslegung  der  Legende  (siehe:  Arch.  l^tt.  wie  oben), 
einen  fHermann»  (bezw.  einen  «Peter  Hermann»)  vorführte,  ganz  abgese- 
hen davon,  dass  es  uns  bisher,  auf  Grabsteinen  des  XV.  Jahrhundertes, 
noch  niemals  vorgekommen  ist,  dass  auf  solchen  einer  und  derselben  Person 
zwei  Taufnamen  beigegeben  worden  wären ;  abgesehen  auch  femer  davon, 
dass  derselbe  Feter,  welchen  unser  Grabstein  deckt,  urkundlich  nie  anders 


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184  MITTBI^ALTERLICHE    GRABDENKMÄtER    AUS    UNGARN. 

als  eben  nur  einfach  als  «Peter»  aufgeführt  erscheint.  Wohl  ist  es  aber  ande- 
rerseits aus  Urkunden  ganz  wohl  bekannt,  dass  wieder  dieser  Peter  ein 
Sohn  des  Heinrich  Berzeviczy  aus  seiner  Ehe  mit  Helene  Derencsenyi 
gewesen  ist. 

Indem  wir  es  uns  für  den  Schluss  vorbehalten,  noch  einige  Worte 
über  das  Leben  und  Wirken  des  vermeintlichen  Erbauers  dieser  Berzeviczy- 
Gruft  zu  verlautbaren,  schreiten  wir  zur  Blasonirung  des  Wappens,  welche 
wie  folgt  zu  lauten  haben  wird:  In  Blau  ein  aufspringender  weisser  (?) 
Bock.  —  Kleinod  :  Der  Bock  wachsend.  —  Decken  :  blau- weiss  ?  —  Der 
Drachenorden.* 

Der  ausführende  Künstler  hat  sich  hier  jedenfalls  bemüht,  in  den  vor- 
geschriebenen Grenzen  zu  bleiben.  Das  Figurenfeld  ist  für  das  Wappen,  so- 
wie der  Schriftenrand  für  die  Legende  ausgenützt  worden,  ohne  dass 
gegenseitig  etwas  «erborgt»  worden  wäre.  So  soll  es  sein,  und  deshalb 
berührt  die  ganze  Vorstellung  das  Auge  auch  sofort  in  angenehmer 
Weise.  Nicht  minder  gefallig  präsentirt  sich  das  Wappen  als  solches, 
mit  welchem  auch  die  Gesetze  der  Baumausfüllung  in  Bezug  auf  das 
Figurenfeld  vollkommen  richtig  eingehalten  wurden.  Die  Form  des 
nach  rechts  geneigten  Dreieckschildes  ist  regelrecht ;  an  dem  Stechhelme 
und  an  seiner  Placirung  nichts  auszustellen.  Die  Helmdecke,  welche  (ana- 
log wie  bei  Tornay)  als  Fortsetzung  des  Felles  der  wachsenden  Schild- 
figur (des  Bockes)  sich  nach  aufwärts  schwingt,  ist  ebenfalls  schön,  obwohl 
nicht  mehr  so  einfach  wie  diejenige  des  Tornay- Wappens,  Sie  beginnt  zwar 
mit  den  gewöhnUchen  Zadd-  lungen,  nimmt  aber  dann,  obwohl  gleichfalls 
nur  einen  Ast  bildend,  in  Folge  der  tiefen,  blätterartigen  Einschnitte,  einen 
bereits  decorativen  Charakter  an. 

Lobend  muss  hervorgehoben  werden  die  Stylisirung  sowie  die  Art 
und  Weise  der  Placirung  des  den  Schild  umgebenden,  feuerspeienden  ge- 
flügelten Drachens,  —  dieses  alten  Kitteroniens,  welcher  hier  als  Ehren- 
zeichen (und  keineswegs  als  Schildhalter)  fungirt  und  über  welchen  wir 
gelegenthch  der  weiter  unten  folgenden  Besprechung  des  Johann  Perenyi- 
schen  Grabsteines  eingehend  berichten  werden. 

Betrachten  wir  dieKcs  fabelhafte  Tier  näher,  wie  es  hier  reproducirt 
erscheint,  so   ist  es  jedenfalls  die  höchst  gelungene  Position   des   vom 


*  Die  Edelleiite  Berzeviczy  de  Berzevicze  führen  gegenwärtig  (wie  bereits  seit 
dem  Jahre  16] 9  und  mutmasslich  schon  früher)  den  Bock  auf  einem  kleinen  golde- 
nen Krönlein,  gegen  eine  spitze  Felsengruppe  anspringend.  —  Dies  sind  unbedeu- 
tende Zuthaten,  welche  dem  llaupttypus  keinen  Eintrag  machen.  Der  Book  ist  bei 
den  adehgen  Linien  des  genannten  Geschlechtes  weiss,  bei  der  dem  gänzlichen 
Erlöschen  sich  nähernden  freiherrlichen  Linie,  —  schwarz.  Die  Decken  sind  gegen- 
wärtig schwarz -golden  und  blau-sübem,  sonst  Alles,   wie  hier  oben  blasonirt. 


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>iA*tifr)^^**fM* 


FAMILIBNORABSTBIN  DEB  BBBZBYIOZY. 


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184-  MITTELALTERLICHE    GRABDENKMÄLER   AUS   UNGARN. 

Schwaiusende  umschlungenen  aufwärtsstrebenden  Kopfes  (sammt  Hals), 
was  die  Aufmerksamkeit  sofort  erregt.  Auch  dies  geschah  im  Uebrigen 
Yomehmlich  deshalb^  um  keinen  leeren  Baum  zwischen  Schild  und  Helm 
entstehen  zu  lassen,  welcher  jedenfalls  sich  orgeben  hätte,  da  es  schon 
ursprünglich  in  der  Absicht  gelegen  zu  haben  scheint,  die  Helmdecke 
nicht  zweiBSÜg  darzustellen. 

Was  nun  den  Bock  betrifft  (welcher  sich  hier  auch  als  Heimkleinod 
wiederholt),  so  ist  dieses  Wappentier,  wie  es  sich  im  gestürzten  Schilde 
(ganz  richtig  nach  der  Achse  gerichtet)  zeigt,  zwar  nicht  als  heraldisch 
incorrect  zu  qualificiren,  hätte  aber  jedenfalls  gefälliger  ausgeführt  werden 
können.  Der  Leib  ist  nämlich  zu  dick,  insbesondere  der  Unterleib,  der  Hals  zu 
lang,  die  Beine  nicht  genug  schmal,  die  Homer  endlich  ohne  Knorpeln  und 
zu  Beginn  viel  zu  wenig  aufgebogen ;  sie  sollen  die  Stirnseite  überragen, 
nicht  aber  eine  eben  verlaufende  gerade  Linie  mit  dieser  bilden.  Der  Bock 
des  Schildes  ist  mit  einem  Worte  zu  plump  und  ohne  jeden  heraldischen 
Schwung,  was  bei  einem  Producte  jener  guten  Zeit,  in  welcher  der  Ber- 
zeviczy-Grabstein  verfertigt  wurde,  sowie  in  Ansehung  der  im  Grossen  hier 
vollkommen  gelungenen  sonstigen  Ausführung,  überrascht.  Das  gleiche  gilt 
von  der  Kleinodfigur,  deren  Körperformen  jedoch  bereits  etwas  gefälliger 
erscheinen.  Es  ist  hier  der  rechte  Yorderfuss  sammt  E^aue  verzeichnet. 

Dass  endlich  in  der  Heraldik  jeder  Bock  einen  Steinbock  zu  bedeuten 
hat,  sollte  zur  Genüge  bekannt  sein.  —  Deshalb  glaubten  wir  auch  die 
Berechtigung  zu  haben,  auf  das  Fehlen  der  Hömerknorpeln  aufmerksam 
machen  zu  dürfen. 

Wir  haben  die  beiden  Eltern  des  Peter  Berzeviczy  bereits  nam- 
haft gemacht.  Er  selbst  hatte  eine  wissenschaftliche  Erziehung  erhal- 
ten und  kam  bereits  in  jungen  Jabren  an  den  Hof  des  Königs  Sigis- 
mund,  woselbst  er  auch  den  wichtigeren  Beratungen  beigezogen  wurde. 
Insbesondere  nahm  er  auch  lebhaften  Anteil  an  den  Bündnissbesprechungen 
der  ungarinchen  und  polnischen  Stände.  Wiederholt  sehen  wir  ihn  ferner, 
mit  verschiedenen  Missionen  betraut,  an  den  Hof  des  Königs  von  Polen 
eilen.  Später  in  türkische  Gefangenschaft  geraten,  wird  er  aus  derselben 
befreit  und  übernimmt  endlich  die  Würde  eines  Oberst- Schatzmeisters, 
welche  er  bis  zu  seinem  Ableben  behält,  das,  wie  schon  früher  berich- 
tet, in  den  Jahren  143:2  oder  1433  erfolgte.  Er  war  auch  Obergespan 
der  Zips.  Gsergheö  und  Csoma. 

*  Hier  brechen  wir  die  Fortsetzung  dieser  Studie  ab,  da  inzwischen  das  voll- 
ständige Werk  unter  dein  Titel  Alte  Grahdenkmälrr  aiis  Ungarn  von  Geza  Csergheö 
und  Josef  Csoma.  122  S.  mit  25  Illustrationen  im  Verlage  von  Friedr.  Kilian  in 
Budapest  erschienen  ist.  D.  B^d. 


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JOHANN   DANIBLIK.  ^^5 


JOHANN  DANIELIK.* 

Danielik  erblickte  das  Licht  der  Welt  in  einer  romantischen  Gegend  unse- 
res Vaterlandes,  am  Fasse  der  von  unseren  Dichtem  besungenen  Muränyer  Burg, 
in  Mur&ny-Älja  im  Gömörer  Komitat  am  20.  Mai  1817.  Sein  Vater  war  ein  wissen- 
schaftlich gebildeter,  seiner  vorzüglichen  Kenntniss  der  lateinischen  Sprache 
wegen  in  der  ganzen  Gegend  bekannter  SicherheitsCommissär,  welcher  in  seinem 
Sohne  frühzeitig  die  Liebe  zur  Wissenschaft  und  Lektüre  erweckte.  Demzufolge 
ragte  der  talentirte  Jünghng  denn  immer  unter  seinen  Mitschülern  hervor.  Als 
Bosenauer  Gleriker  auszeichnungsweise  in  das  Pester  Seminar  gesandt,  erwarb  er 
hier  noch  als  Studirender  das  philosophische  Doctordiplom,  und  da  er  hierselbst 
auch  durch  seine  kirchenliterarischen  Erstlingsarbeiten  Aufmerksamkeit  erregte, 
wurde  er  nach  Beendigimg  seines  Studienkurses,  noch  vor  seiner  Priesterweihe, 
1839  am  Rosenauer  Lyceum  Professor  der  Philosophie  und  ungarischen  Literatur 
und  einige  Jahre  später  Professor  der  Bibelstudien  an  der  theologischen  Facultät. 

1848  in  die  Bedaction  des  Blattes  «Religio  6s  Nevel^s»  berufen,  traf  er  in 
der  Hauptstadt  in  den  stürmischen  Märztagen  ein,  von  starken  katholischen 
Grundsätzen  inspirirt,  allen  revolutionären  Ideen  abhold.  Da  dies  der  Wiener 
Regierung  nicht  verborgen  blieb,  wurde  Danielik  von  ihr  zu  grossen  Diensten  in 
den  antimagyarischen  Bewegungen  ausersehen  ;  schon  am  1.  Oktober  1849  wurde 
er  zum  Mitglied  des  Erlauer  Domcapitels  ernannt. 

Einer  der  um  Csengery's  «Pesti  Hirlapt  geschaarten  Gentralisten,  Baron 
Sigmund  Eemöny,  suchte  Danielik,  dessen  grosse  Bildung  und  Befähigung  er 
erkannte,  der  nationalen  Sache  zu  gewinnen.  Und  dies  gelang  ihm  dermassen,  dass 
Danielik  alsbald  seine  politische  Gesinnimg  teilte,  welche  das  Blatfc  •  Religio», 
dessen  Eigentümer  und  Redacteur  er  1849  wurde,  in  solchen  Ausdrücken  zu 
Tage  treten  liess,  dass  die  Polizei  dasselbe  1851  in  Beschlag  nahm  und  Danielik 
selbst  zu  zweimonatlicher  Haft  verurteilte.  Im  Herbste  des  folgenden  Jalires 
indessen  konnte  dieser  auf  Intervention  des  Fürstprimas  Scitovszky,  unter  den 
Glückwünschen  des  ungarischen  kathohschen  Lesepublikmns,  die  Redaction  seines 
Blattes  wieder  aufnehmen. 

Ein  wichtiges  Moment  seines  Lebenslaufes  ist  seine  im  Sommer  1853  er- 
folgte Wahl  zum  Vicepräsidenten  der  Set.  Stefan-Gesellschaft.  In  diesem  seinem 
Wirkungskreise  konnte  er  unseren  Uterarischen  und  nationalen  Interessen  grosse 
Dienste  leisten  und  er  leistete  sie  auch ;  denn  jene  Gesellschaft  war  damals  das 
einzige  Feld,  auf  welchem  sich  unser  Ungartum  und  Schriftstellertum,  wiewohl 
unter  Controle,  mit  einiger  Freiheit  bewegen  durfte.  Er  wusste  hier  mit  grosser 
Geschickhchkeit  —  man  darf  sagen  —  die  sämmtlichen  kathohschen,  kirchlichen 
und  weltlichen  NotabiUtäten  des  Landes  in  den  Verband  des  Vereins,  ja  selbst  in 
den  Ausschuss   desselben   einen  Franz  Deäk,  Baron   Josef  Eötvös,  Graf  Georg 

'*'  Aus  Josef  SzYor^nyi*B  in  der  Januar-Plenarsitzung  der  ungar.  Akademie  der 
Wissenschaften  gelesenen  Denkrede. 


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186 


JOHANN   DANIBLIK. 


E4rolyi,  Paul  Somssich,  Baron  Ladislans  Wenckheim,  und  unsere  ei-sten  belehr- 
ten :  Franz  Toldy,  Dr.  Johann  6rdy  u.  A.  hineinzuziehen,  welche  nicht  allein 
die  Sitzungen  des  Vei-eins  besuchten,  sondern  dort  regelmässig  berieten,  debat- 
tirten  und  Commissions-Präsidien  tibemahmen,  während  unsere  Grelehrten  ihre 
Arbeiten  mit  Vergnügen  dem  Verein  zur  Pubhcation  Überhessen.  Diese  seine 
Thätigkeit  wird  allezeit  ein  glänzendes  Blatt  in  den  Annalen  des  Vereins  bilden, 
denn  er  leistete  damit  den  Uterarischen  und  nationalen  Interessen  gerade  in  der 
kritischesten  Zeit  grosse  Dienste,  deren  Wert  er  noch  dadurch  erhöhte,  dass  er, 
zur  Unterstützung  unserer  auf  literariscben  Verdienst  angewiesenen  zahlreichen 
guten  Schriftsteller,  die  in  riesigen  Dimensionen  geplante  •  Allgemeine  ungarische 
Encyklopädiei  begann  imd  deren  olme  Unterschied  des  Glaubens  gewählten 
Mitarbeitern  durch  glänzende  Honorirung  einen  sicheren  Erwerb  verschaffte.  Er 
initiirte  auch  die  ferneren  grossen  Publicationen  des  Vereins:  Cäsar  Cantu's 
«Weltgeschichte»,  das  «Leben  der  HeiUgen»  u.  s.  w.  und  stimmte  durch  diesen 
Thateifer  und  beträchtlichen  Erfolg  mehrere  hohe  geistüche  und  weltliche  Herren 
zu  bedeutenden  Opfern. 

Nachdem  er  1857  die  Bedaction  seines  Blattes  «Beligioi  in  andere  Hände 
gegeben,  konnte  er  das  von  Baron  Sigmund  Eemeny  redigirte  «Pesti  Naplö» 
häufiger  mit  seinen  Artikeln  au£9uchen.  Diese  erregten  alsbald  grosses  Aufsehen, 
so  dass  Baron  Eemeny  bezüglich  des  Verfassers  derselben  wiederholt  massenhaften 
Interpellationen  ausgesetzt  war.  Seine  Leitartikel  «Ueber  die  PoUtik  der  Zukunft», 
in  welchen  er  die  Stellung  unseres  Landes  gegenüber  den  Agitationen  Preussens 
constatirte,  hatten  eine  so  ausserordentliche  Wirkung,  dass  sich  daraus  ein  wirk- 
licher diplomatischer  Krieg  zu  entwickeln  begann.  Bismarck  wütete,  unsere 
Minister  erschraken  imd  die  ausländische  Presse  beschäftigte  sich  damit  noch 
anhaltender,  als  mit  Franz  Deäk's  berühmter  « Oster-Epistel ».  In  Anbetracht  sei- 
ner um  dieselbe  Zeit  erschienenen  Abhandlungen  und  selbständigen  Werke 
(«Der  Geist  der  Geschichte»,  «Golombus»  u.  s.  w.)  wählte  ihn  die  Ungarische 
Akademie  der  Wissenschaften  1858  zu  ihrem  EhrenmitgHed. 

Am  Ausgang  der  fünfziger  Jahre  keimte  in  seinem  Geiste  ein  grosser  und 
weitgreifender  Plan :  der  Plan  der  Errichtung  einer  auf  Liegenschaften  zu  grün- 
denden Bodencreditbank,  in  welche  der  ungarische  hohe  Clerus  mit  seinen  sämmt- 
lichen  Besitztümern  eintreten  soUto,  und  zwar  so,  dass  zwischen  den  Kirchen- 
gütem  und  der  geplanten  Bank  als  nationalem  Geldinstitut  ein  so  enger  Verband 
organisirt  werden  sollte,  dass  in  Folge  desselben  eventuell,  wann  immer  diese 
Güter  angegriffen  würden,  die  ganze  Nation  dagegen,  als  gegen  eine  Gefährdimg 
ihres  eigenen  Interesses,  zu  protestiren  gezwungen  sein  müsste.  Da  indessen  der 
Plan  auf  unüberwindhche  Hindernisse  stiess,  gab  er  den  Versuch  der  Ausführung 
desselben  vorläufig  auf  und  spann  seine  Entwürfe  in  Betreff  eines  anderen,  viel 
umfangreicheren  Unternehmens  weiter.  Er  hatte  die  grandiose  Absicht,  eine 
Bundesvereinigung  der  Kirchengüter  der  sämmtlichen  katholischen  Staaten 
Europas  zu  dem  Zwecke  zu  bewerkstelligen,  um  vermittelst  Erhöhung  der  Ein- 
künfte des  katholischen  Vermögens  die  grossen  Aufgaben  und  Institutionen  der 
Weltkirche  zu  fördern.  Er  schickte  sich  an,  die  von  Langrand-Dumoncean  geleite- 
ten belgischen  katholischen  Banken  für  seinen  Plan  zu  gewinnen.  Zu  diesem 


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JOHANN    DANIEUK.  187 

Zwecke  nahm  er  einen  auf  vier  Monate  nach  Deutschland,  Frankreich,  Spanien, 
ItaHen,  Belgien  und  Holland  lautenden  Beisepass  heraus  und  trat,  iu  Wien  auch 
vom  König  und  mehreren  hohen  Persönlichkeiten  empfangen,  seine  Reise  an. 
Langrand  trat  seinen  grossen  Bestrebungen  bereitwillig  bei,  und  zwar  mit  dem 
Versprechen,  dass  er  mit  den  Wohlthaten  der  dem  Plane  gemäss  zu  errichtenden 
neuen  katholischen  Banken  in  erster  Linie  die  volkswirtschaftliche  Entwicklung 
Oesterreichs  und  Ungarns  ins  Werk  setzen  werde.  Zu  grossem  Vorteile  gereichte 
der  Angelegenheit  die  eben  in  diese  2ieit  fallende  Erhöhung  des  AnseheuH  und 
Einflusses  Daniehk's,  welcher  Anfangs  1861  mit  dem  Titel  eines  Wahlbischofs 
von  Pristina  zum  Mitgliede  des  könighohen  Stattlialtereiraten  ernannt  wurde. 

Im  Frühling  desselben  Jahres  constituirte  er  den  auch  heute  segensreich 
wirkenden  Set.  Ladislaus- Verein,  dem  er  als  katholisch-patriotische  Aufgabe :  die 
Subvention  der  Schulen  und  Kirchen  der  Moldauer,  Biikowinaer  u.  a.  Csängö- 
Magyaren,  die  Konservirung  der  vaterländischen  alten  Kirchengebäude  imd  end- 
lich die  Förderung  der  grossen  Aufgaben  des  HeiUgen  Stuhles  vorsteckte.  Ferner 
bildete  den  Gegenstand  seiner  Sorge  vomehmhch  die  Sache  der  politischen  Erlö- 
sung unseres  Vaterlandes.  Er  stand  von  186:2  angefangen  in  Angelegenheit  des 
•Ausgleichs»  in  Briefwechsel  mit  dem  Kanzler  Grafen  ForgÄch,  in  häufiger 
Berührung  mit  Franz  Deäk,  und  gar  mancher  hochgestellte  und  einflussreiche 
Mann  stand  unter  seiner  pohtischen  Leitung  und  sozusagen  Vormundschaft. 
Damals  entstand  auch  sein  sogenannter  «Politischer  Programmentwurf»,  welcher, 
die  definitive  Regelung  der  öffentlichen  Angelegenheiten  im  Wege  der  Vertretung 
Bämmtlicher  Völker  der  Monarchie  entwickelnd,  den  Zweck  verfolgt,  vor  Allem 
die  Einheitsansprüche  der  Monarchie  vollständig  zu  befriedigen,  jedoch  sämmt- 
liehe  Rechte  Ungarns  zu  sichern ;  feiner  sämmthche  aus  den  früheren  Gesetz- 
gebungen noch  an  der  Oberfläche  befindhehen  Fragmente  miteinander  in  Einklang 
zu  bringen,  die  definitive  Gestaltung  —  insofern  sie  keine  Retraction  erfordert  - 
ohne  jegUches  Compromiss  des  Herrschers  zu  bewerkstelligen,  und  endlich  durch 
all  dies  die  volle  und  sichere  Hoffnung  auf  Bildung  einer  siegreichen  Partei  zu 
bieten.  Und  dieser,  grosse  Vorteile  verheissende  Programmentwiirf  wurde  auch 
an  competenter  Stelle  vorgelegt ;  da  jedoch  der  auf  anderer  Grundlage  einberufene 
«Reichsrat»  damals  bereits  tagte,  konnte  derselbe  nicht  mehr  verhandelt  werden. 

Inmitten  dieser  seiner  gross  angelegten  Thätigkeit  reifte  zugleich  seine, 
vereint  mit  den  belgischen  Geldinstituten  Anfangs  1 864  zu  beginnende  Operation. 
Als  ersten  Schritt  beschloss  er  die  persönliche  Ueberreichung  einer  an  den  Heili- 
gen Vater  zu  richtenden  Bittschrift,  in  welcher  er  die  Zustimmung  und  den  Segen 
Pills'  IX.  zur  katholischen  Unternehmung  Langrand  erbitten  wollte.  Und  diese 
seine  Mission  wurde  durch  den  Nuntius  in  Wien  und  in  Brüssel  und  durch 
mehrere  hochgestellte  belgische  und  französische  Kathohken  nicht  blos  gutge- 
heissen,  sondern  auch  urgirt.  Er  überreichte  die  Bittschrift  am  13.  April  1864, 
worauf  die  zustimmende  Antwort  und  der  Segen  des  Papstes  noch  in  demselben 
Monat  an  Langrand  gelangte.  Der  bittstellende  ungarische  Bischof  wurde  in  Rom 
mit  grossen  Ehren  empfangen ;  die  «Accademia  dei  Quiriti»  wählte  ihn  zu  ihrem 
Mitgliede  und  die  vatikanischen  Notabilitäten  wetteiferten,  ihn  auszuzeichnen. 

In  Folge  der  Wirkung  dieses  ersten  Erfolges  kamen  die  den  Interessen  der 


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188  JOHANN   DANIBLIK. 

belgisclien  Bank  und  in  Verbindung  damit  des  Heiligen  Stuhles  günstigen 
Momente  zu  rascher  Entwicklung.  Die  Bank  begann  in  unserem  Vaterlande  am 
1.  Mai  1864  durch  den  Ankauf  von  vier  Herrschaften  (180,000  Joch)  Fuss  zu  fas- 
sen. Danielik  aber  förderte  in  Born,  durch  seine  geräusclilos  fortgeführten  Nego- 
ziationen, die  Frage  eines  zu  Gunsten  der  römischen  Curie  bei  den  belgischen 
katholischen  Banken  imter  den  günstigsten  Bedingungen  abzuschhessenden  Anle- 
hens  bis  hart  an  die  Grenze  des  Vollzuges. 

Und  als  Jedermann  in  Anbetracht  seiner,  Europa,  ja  die  ganze  katholische 
Welt  berührenden  Thätigkeit,  dieser  seiner  gewaltigen  morahschen  Wirkung  und 
politischen  Bedeutung  eine  nahe  bevorstehende,  glanzvolle  Zukunft  weissagte, 
wurde  seine  Laufbahn  Anfangs  1865  ganz  unerwartet  abgebrochen.  Er  geriet  in 
materielle  Wirren.  Die  belgische  Bank  und  zahlreiche  Notabihtäten  beeilten  sich 
vergebens,  dem  nahenden  Uebel  zuvorzukommen.  Er  selbst  wandte  sich  noch 
einem  grossen  rettenden  Gedanken  zu.  Er  fasste  im  Bunde  mit  dem  berühmten 
Wiener  Ingenieur  Heinrich  Bessel  den  Plan,  die  in  der  Nähe  Boms  über  33,000 
Quadrat-Eatastraljoch  ausgedehnten,  Malaria  erzeugenden  tPontinischen  Sümpfe» 
auszutrocknen  und  in  berieselbares  Wiesenland  umzugestalten.  Der  Plan,  die 
Vermessung  und  der  Kostenvoranschlag  (2,700.000  fl.),  all  dies  war  am  ±  Novem- 
ber 1865  fertig,  —  aber  zu  spät;  denn  der  Anfang  des  verhängnissvollen 
Endes  war  bereits  da.  Nachdem  er  auf  sein  eigenes  Ansuchen  von  seiner  Statthai- 
tereiratswürde  unter  Verleihung  des  Hofratstitels  enthoben  worden,  zog  er  sich  von 
seiner  öffenthchen  Stellung  zurück. 

Das  Jahr  1 865  beschloss  er  noch  imter  grosser  politischer  Thätigkeit  in  der 
Hauptstadt.  Er  nahm  lebhaften  Anteil  an  dem  Werke  des  c Ausgleichest  und 
anderen  schwebenden  Fragen  jener  Zeit  Ihm  gebührt  der  Löwenanteil  an  dem 
Zustandekommen  des  zu  Gunsten  der  Pest-Leopoldstädter  imd  der  O&ier  Festungs- 
kirche  geplanten  iKirchenunterstützungs -Vereins»,  in  dessen constituirender  Ver- 
sammlung, im  Ofner  Bathaussaale  am  23.  Jänner  1865,  seine  durch  Wissenschaft- 
lichkeit und  Vortrag  gleichmässig  glänzende,  begeisternde  Bede  eine  grosse  Wir- 
kung hervorrief.  Endlich  zog  er  sich  Mitte  Dezember  desselben  Jahres  nach  Erlau, 
einige  Monate  nachher  aber  zu  seinem  Freunde,  dem  damaligen  Probst  von  Jäszö 
zurück.  Hier  verfasste  er  sein  grosses  Werk :  tDie  Prämonstratenser»  (515  Seiten), 
welches  die  Kritik  mit  ungeteiltem  Lob  begrüsste.  In  derselben  Zeit  schrieb  er 
auch  im  tPesti  Naplö»  wirkungsvolle  Artikel  «Ueber  die  Begelung  der  Eomitatei 
und  andere  zeitgemässe  Fragen ;  nach  dem  Ausgleich  aber  nahm  er  vereint  mit 
Baron  Sigmund  Eem^ny  kräftigen  Anteil  an  dem  Kampfe  gegen  die  ihr  Haupt 
erhebende  Beaction,  welche  besonders  in  ihrem  «Der  14.  April  1849»  betitelten 
geheimen  Blatte  gegen  die  Deäk-Partei  einen  wahren  Feldzug  eröffnete  und  den 
Parteiführer  selbst,  in  anonymen  Briefen,  wiederholt  mit  dem  Tode  bedrohte. 

Von  1871  an,  als  Baron  Sigmund  Kem^ny  durch  seine  Erkrankung  gänzlich 
von  der  Politik  abgezogen  wurde,  zog  sich  auch  Daniolik  immer  mehr  zurück 
imd  erschien  nur  noch  im  cEgri  Egyhdzmegyei  Közlöny»  (Erlauer  Diözesan- 
Zeitschrift),  im  tUj  magyar  Sion»  (Neues  ungarisches  Sion),  in  der  «Budapesti 
Szemle»  (Budapester  Bevue)  und  endlich,  als  Direktor  des  juridischen  LyoeimiB, 
in  einigen  rechtswissenschaftlichen  Studienheften  auf  dem  Felde  der  Literatur. 


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JOHANN   DANIELIS.  lÖ* 

Als  ihn  1883  sein  Erzbisohof  zu  seinem  eigenen  Stellvertreter  ernannte,  lebte  er 
beinahe  ausschliesslich  nur  noch  diesem  seinem  Wirkungskreise.  Sein  letztes 
öffentliches  Auftreten  fand  am  26.  März  1 885  im  Magnatenhause  statt,  wo  er  in 
einer  glänzenden  Bede  für  das  Becht  der  Einberufung  der  Titular-Bisohöfe  in  das 
Oberhaus  eintrat. 

Am  Anfang  des  folgenden  Jahres  1886  begann  sich  bei  ihm  ein  Gehimlei- 
den  zu  zeigen.  Es  drohte  ihm  dasselbe  traurige  Ende,  welches  seinen  Freimd,  den 
Baron  Sigmund  Eemöny  traf,  —  sein  glänzender  Geist  verdunkelte  sich  allmälig. 
Er  beschloss  seine  Tage  am  23.  Jänner  1 888  in  Erlau  bereits  als  ein  Lebendigtod- 
ter.  Sein  Oberhirt,  der  Erzbischof  Dr.  Josef  Samassa,  würdigte  sein  Hinscheiden 
in  seiner  Diöcese  unter  besonderer  Hervorhebung  seiner  erspriesslichen  und 
ruhmreichen  Thätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  kirchheben  Literatur.  Seine  Schö- 
pfungen sowohl  auf  dem  Utoraiischen,  als  auch  auf  dem  Felde  der  Wolilthätigkeit 
werden  ihm  ein  langes  Andenken  sichern.  Jene  sind  zahlreiche  selbstständige 
Werke,  Abhandlungen,  Beden,  Bücheranzeigen,  Kritiken  u.  s.  w.  Auf  literarischem 
Gebiete  zeigte  er  den  edlen  Zug,  ausgezeichnete  junge  Kräfte  zu  fördern.  Viele 
unserer  Schriftsteller  hatten  ihr  literarisches  und  sonstiges  Emporkommen  seiner 
Aneiferung,  seinen  Batschlägen  und  Unterstützungen  zu  verdanken. 

Als  Mensch  war  er  von  lebhaftem  Temperament,  menschenfreundhch,  opfer- 
willig, ein  grosses  Herz,  ein  grosser  Geist.  Weil  er  aber  seinen  Lebenspfad  nicht 
ohne  Verirrungen  zu  wandeln  verstand :  wurde  auch  ihm  der  Welt  Lohn  zuteil. 
Viele  bekrittelten  seine  Vergangenheit,  auch  Solche,  die  weder  Hterarische  Werke 
von  dauerndem  Werte  imd  einen  Set.  Ladislaus -Verein,  noch  andere,  auf  Jahr- 
hunderte hinaus  wirkende  Denkmäler  der  Wohlthätigkeit  liinterlassen  haben. 
In  Verbindung  mit  seinen  materiellen  Wirren  wurden  am  meisten  seine  sogenann- 
ten «lucullischen  Gelage»  erwälmt.  Nun,  er  liebte,  in  Gemeinschaft  mit  seinem 
Freunde  Baron  Sigmimd  Kem^ny,  die  lustige  Gesellschaft ;  darum  empfingen  sie 
an  ihrer  Tafel  lieber  öfter  einzelne,  als  auf  einmal  viele  ihrer  Freimde.  Und  dann 
bedeuteten  ihre  Gastmähler  keine  Schwelgerei,  sondern  gehörten  zur  politischen 
und  socialen  Bewegung.  Dort  wurden  viele  gute  Ideen  und  Pläne  gezeitigt ;  und 
daneben  bewies  er  bei  solchen  Gelegenheiten  des  Oefteren  seine  Güte  gar  manchen 
in  bedrängter  Lage  befindlichen  Schriftstellern,  welche  derlei  Unterstützung  von 
ihm  in  anderer  Form  weder  gebeten,  noch  angenommen  haben  würden.  Seine 
materiellen  Verlegenheiten  müssen  weit  mehr  auf  Bechnung  seiner  grossen  Her- 
zensgüte, seiner  Spenden,  der  Verlagskosten  seiner  sieben  Jahre  hindurch  mit 
einem  jährHchen  Deficit  von  3 — 4000  fl.  redigirten  Zeitschrift  tBeligio»  und 
endlich  seiner  mehrmaligen,  grossen  Beisen  gesetzt  werden.  Glücklicherweise 
kann  ihm  kein  Lebender  des  Gesagten  wegen  ein  schweres  Wort  in  das  Grab 
nachsenden. 

Als  sich  die  Nachricht  von  seinem  Hinscheiden  verbreitete,  erregte  sie  in 
Vielen  Bührung  über  das  Erlöschen  des  glänzenden  Geistes  des  einst  eine  euro- 
päische Bolle  spielenden,  im  Lande  hochangesehenen  Mannes.  Nur  Diejenigen,  die 
seinen  ruhelosen  Geist  in  der  Vergangenheit  und  seinen  traurigen  Verfall  in  sei- 
nen letzten  zwei  Jahren  kannten  und  sahen,  konnten,  versölmt,  seinem  Geiste  die 
•Bohei  wünschen,  deren  er  nicht  in  grossem  Maasse  teilhaft  wurde,  bis  er  end- 


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^^  KURZfe    SITZUNOSBfiRiCHTi:. 

lieh  die  Zeit  mit  der  stillen  Ewigkeit  verbinden  konnte.  Nicht  allein  seine  Kirche, 
sondern  auch  die  literarische  und  wissenschaftliche  Welt  konnte  in  ihm  mit  Recht 
einen  ihrer  grossen  Todten  betrauern,  nebst  jenen  Vielen,  die  in  dem  Dahinge- 
scliiedenen  ihren  Wohlthäter  liebten  und  denen  er  —  wiewohl  dahingegangen  — 
lange  im  Gedächtniss  gegenwärtig  nnd  lebendig  bleiben  wird. 


KURZE  srrZTINGSBERTCHTE. 

—  ungarische  Akademie  der  Wissenschaften.  In  der  Sitsung  der  ersten 
Classe  am  5.  Jänner  las  das  c.  M.  Bemliard  Munkiicsi  eine  Abhandlung  des  c.  M. 
Sigmund  Simonyi  über  Die  Sprachneuerung  und  die  Fremdartigkeiten  (A  nyelv- 
ujitäs  ^s  az  idegenszeWis^gek).  Verfasser  gibt  der  Ansicht  Ausdruck,  dass  der 
principielle  Streit  über  die  Sprachneuerung  —  selbst  wenn  er  im  Stande  wäre,  noch 
etwas  Neues  zu  produciren  —  heute  kaum  mehr  einen  Zweck  hat,  sondern  dass  es 
unsere  Aufgabe  ist,  einerseits  jene  fehlerhaften  Ausdrücke  zu  verfolgen,  welche 
sich  noch  nicht  ganz  eingewurzelt  haben,  und  andererseits  uns  eingehender  mit 
der  Geschichte  der  Sprachneuerung  imd  unserer  neueren  Literatursprache  zu 
beschäftigen.  Zu  diesem  Zwecke  arbeitet  Verfasser  an  einem  Kazinczy- Wörterbuch 
und  legt  auf  Gi-und  seiner  zu  diesem  Zwecke  gemachten  Studien  eine  ausführliche 
Abhandlung  über  die  fremdartigen  Ausdrücke  Kazinczy's  vor. 

Hierauf  legte  Dr.  G6za  N^methy  als  Gast  sein  Werk  Cato8  Weisheitsspräcke 
vor,  welches  demnächst  als  Publication  der  klassisch-philologischen  Commission 
der  Ungarischen  Akademie  erscheinen  soll.  Vortragender  bietet  in  demselben  von 
dem  unter  dem  Titel  «Catonis  disticha  moralia»  aus  dem  III.  oder  IV.  Jahrhun- 
dert nach  Chr.  stammenden  Lehrgedicht,  welches  beinahe  bis  zur  jüngsten  Zeit 
eines  der  verbreitetsten  Schulbücher  in  ganz  Europa  gewesen  ist,  eine  metrische 
ungarische  Uebersetzung  nebst  einer  kritischen  Textausgabe  auf  Grund  der  ältesten 
und  besten  Handschrift,  des  Veroneser  Codex.  In  einer  längeren  Einleitung 
spricht  er  über  den  Charakter  und  die  Entetehungszeit  des  Werkes  und  führt 
schliesslich  in  möglichster  Vollständigkeit  die  zahlreichen  ungarländischen 
Uebersetzungen  und  Editionen  desselben  auf.  Demzufolge  wird  das  Werk  nicht 
allein  für  die  klassischen  Philologen  von  Interesse  sein,  sondern  auch  zur  unga- 
rischen Literaturgeschichte  und  Bibliographie  zahlreiche  neue  Beiträge  liefern. 

—  In  der  Sitzung  der  zweiten  Classe  am  12.  Jänner  las  das  correspondi- 
rende  Mitglied  Josef  Jekelfalussy  über  Die  Rolle  der  Eisenbahnen  in  unserem 
Staatshauslialte.  Diesen  Vortrag  teilen  wir  im  nächsten  Hefte  vollständig  mit.  — 
Hierauf  hielt  das  correspondirende  Mitglied  Gabriel  Tögläs  einen  Vortrag  Ethno- 
grajihische  Verhältnisse  und  administrative  Organisation  des  dacisciten  Berg- 
baues der  Römer,  Der  Vortrag  bildet  den  zweiten  Teil  der  Studien  des  Vortra- 
genden über  den  dacischen  Goldbergbau  der  Römer.  Das  einleitende  Capitel  wirft 
einen  Rückblick  auf  die  volkswirtschaftliche  und  rechtsgeschichtliche  Entwicklung 
des  Bergbaues.  Das  zweite  Capitel  schildert  Trajan's  planmässiges  Vorgehen  bei 
der  Besiedelung  des  Bergbangebietes,  welches  sich  vornehmlich  darin  äusserte, 


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RÜRZB   SITZUNGSBERICHTE. 


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daas  er  die  Goldberge  mit  den  aasgezeicbnetsten  Bergbauem  jener  Zeit,  mit  Dal- 
maten  und  Pimsten  bevölkerte.  Ausser  diesen  haben  die  Inschriften  das  Anden- 
ken vieler  syrischen,  pannonischen,  griechischen  Geschäftslente  und  Golonisten 
erhalten,  sowie  auch  die  massenhafte  Anwesenheit  von  Daciem  constatirt.  Und 
eben  diese  Vielartigkeit  der  Sitten,  Bacencharaktere  und  Religionen  verhinderte 
eine  engere  Verschmelzung  der  dacischen  Volkselemente.  Der  Bergbau  indessen 
erfreute  sich  dabei  einer  schönen  Blüte  und  Trajan  liess  die  Bergwerke  foi  das  kaiser- 
liche Aerar  durch  kaiserUche  Beamte  verwalten.  Das  dritte  Capitel  behandelt  das 
Personal  der  Bergbauverwaltung  und  des  Polizeidienstes.  Es  weist  nach,  dass  die 
administrative  Organisation  des  römischen  Goldbergbaues  in  Dacien  eine 
höchst  vollkommene  gewesen  und  unter  der  Leitung  des  Procurator  aurari- 
arum  stand. 

—  In  der  Plenarsitzung  am  26.  Januar  wurden  —  nachdem  Emerich  Pauer 
Josef  Szvor^nyi's  Denkrede  auf  Johann  Danielik  (s.  oben)  verlesen  und  der  Präsi- 
dent Baron  Boland  Eötvös  dem  Andenken  des  dahingeschiedenen  Fürntprimas 
Johann  Simor,  der  auch  Mitglied  des  Directionsrates  der  ungar.  Akademie  der 
Wissenschaften  gewesen,  einen  warmen  Nachruf  gewidmet  hatte  —  folgende  lau- 
fende Angelegenheiten  erledigt. 

Der  Unterrichtsminister  teilt  mit,  dass  die  von  Theodor  Duka  der  Akademie 
geschenkten  zwei  Buddha-Götzen  am  13.  November  in  Calcutta  eingeschifft  wur- 
den und  über  Triest  hiehergelangen  werden.  —  Der  Unterrichtsminister  übersen- 
det den  Entwurf  des  neuen  Stiftungsbriefes  der  Fek^shAzy  Stiftung  zur  Begut- 
achtung. Wird  an  die  L  Olasse  gewiesen.  —  Der  Unterrichtsminister  übei*sendet 
ein  alphabetisches  Verzeichniss  der  von  den  nichtmagyarischen  Bewohnern  des 
Landes  am  meisten  gebrauchten  Taufnamen  mit  der  Bitte  um  Angabe  der  ent- 
sprechenden ungarischen  Taufnamen.  Wird  der  I.  Classe  zugewiesen.  —  Der 
Honv^dminister  meldet,  dass  er  wieder  100  Exemplare  der  «Eriegsgeschichtlichen 
Mitteilungen  i  für  die  Honv^dtruppen  und  Commanden  bestellt  habe.  Dient  zur 
Kenntniss.  —  Die  königlich  Dänische  Akademie  meldet,  dass  sie  die  auf  die  astro- 
nomische Expedition  HelFs  bezügHchen  Daten  in  den  dänischen  Archiven  mit 
Vergnügen  sammeln  werde  und  übersendet  zugleich  die  Begesten  der  im  Staats- 
arclüv  gefundenen  Acten.  Wird  der  III.  Classe  zugewiesen.  —  Das  auswärtige 
Mitglied  Alfred  Ameth  dankt  für  die  anlässlich  seines  Dienstjubiläums  erhaltene 
Olückwunschadresse  der  Akademie.  Dient  zur  Kenntniss.  —  Die  II.  Classe  unter- 
breitet die  Antworten  der  Historischen  und  Archäologischen  Commission  auf  die 
an  die  Akademie  gerichteten  Fragen  in  Betreff  der  liistorischen,  ethnographischen 
nnd  archäologischen  Anhaltspunkte  für  das  die  Landnahme  durch  Herzog  Arpiid 
darstellende  Plafondgemälde,  welches  Michael  Munkäcsy  für  das  neue  Psrlaments- 
gebäude  anfertigen  soll.  Wird  der  Parlamentsbau-Commission  zugestellt  werden.  — 
Die  n.  Classe  befürwortet  die  Bitte  der  Historischen  Commission,  Dr.  Rudolf 
Yin  die  Herstellung  einer  kritischen  Ausgabe  der  Hauptquellen  der  ältesten  unga- 
rischen Geschichte  (der  Werke  der  Kaiser  Leo  und  Constantinus  Porphyrogenitus) 
zu  ermöghchen.  Der  Unterrichtsminister  soll  ersucht  werden,  Dr.  Rudolf  Väri 
durch  Verleihung  eines  Staatsstipendiums  die  Vergleichimg  der  alten  Handschrif- 
ten in  Neapel,  Rom,  Florenz,  Mailand,  Paris  u.  s.  w.  möglich  zu  machen.  —  Die 


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JÖ2  KURZE   8ITZTJNGSBBRI0HTE. 

I.  Classe  unterbreitet  den  Prospect  der  von  der  literarhistorischen  CommisBion 
unter  Bedaotion  des  corre8i>ondirenden  MitgHedes  Aladär  Ballagi  herauszugeben- 
den Vierteljahrsschrift  «Irodalomtört^neti  Közlem^nyeki  (Literarhistorische  Mittei- 
lungen). Dient  zur  Kenntniss.  —  Für  die  Christian  Lukäcs-Preisaufgabe  (mathe- 
matische oder  mathematisch-physikalische  Monographie)  sind  bis  31.  Dezember 
fünf  Concurrenzwerke  eingelaufen.  Werden  der  III.  Classe  zugewiesen.  —  Bei  der 
Akademiecasse  wurden  die  Legate  von  Samuel  Jdszay  (2000  fl.)  und  Alexander 
Than  (500  Ü.)  und  die  Stiftung  der  Stadt  Dobschau  (5000  fl.)  eingezahlt.  —  Den 
Schluss  machte  die  Vorlage  der  eingelangten  Geschenk-  und  Tauschwerke. 

Nach  der  Gesammtsitzung  fand  eine  geschlossene  Sitzung  statt,  in  welcher 
das  diesjährige  Budget  der  Akademie  festgestellt  wurde. 

Die  Einnahmen  erscheinen  mit  1 52,000  fl.  prähminirt,  und  zwar :  Stiftungs- 
zinsen  9000  fl.,  aus  Forderungen  3000  fl.,  Wertpapiere  51,000  fl.,  aus  anderen 
Realitäten  3500  fl.,  Zinsertiägniss  39,000  fl.,  Bücherverkauf  6000  fl.,  zurückzuzah- 
lende Vorschüsse  lOOOfl.,  Landesdotation  für  historische  und  literaturgeschichtliche 
Zwecke  15,000  fl.,  für  Veröffentlichimg  von  Kunstdenkmälem  5000  fl.,  für  naturwis- 
senschaftliche Foi-schungen  5000  fl.,  für  klassisch-philologische  Zwecke  1500  fl.,  für 
die  Bibliothek  5000  fl.  imd  zur  freien  Verfügung  der  Akademie  8500  fl.  Im  vergange- 
nen Jahr  betrugen  die  Einnahmen  1 46,000  fl.  Die  Ausgaben  für  das  laufende  Jahr  sind 
mit  1 50,000  fl.  in  Vorschlag  gebracht.  Die  bedeutenderen  Posten  derselben  sind :  Die 
I.  Classe  und  deren  Ausschüsse  16,500  fl.,  die  II.  Classe  29,500  fl.,  die  UI.  Classe 
16,500  fl. ;  zur  Unteretützung  der  Büchereditions-Unternehmungen  3000  fl.,  für 
die  Edition  der  Werke  des  Grafen  Stefan  Sz^clienyi  1500  fl.,  für  die  Edition  der 
Briefe  Kazinczy's  2000  fl.,  für  Preise  5000  fl.,  Subvention  der  iBudapesti  Szemle» 
5000  fl.,  Pi'ännmerationen  auf  die  «Ungarische  Revue»  und  auf  die  «Naturwissen- 
schaftlichen Berichte » 30(X)fl.,  für  dieBibhothek  7000  fl.,  Personalgebühren  28,650fl., 
Heizung,  Beleuchtung  u.  s.  w.  9500  fl..  zur  Ausschmückung  des  Prunksaales  700  fl. 
Gegen  das  Vorjahr  werden  an  Interessen  424-  fl.  94  kr.,  nach  den  Realitäten  65  fl. 
32  kr. ;  aus  dem  Bücherverkauf  527  fl.  22  kr.  mehr,  hingegen  nach  Wertpapieren 
109  fl.  60  kr.,  an  Hauszins  807  fl.  62  kr.  weniger  eingenommen,  so  dass  das  Ein- 
nahmeplus nur  100  fl.  ausmacht.  Aus  dem  Büchereditions-Untemehmen  nimmt 
die  Akademie  ebenfalls  um  3569  fl.  84  kr.  mehr  ein  als  sie  ausgibt ;  dieser  Betrag 
wird  zur  teilweisen  Deckimg  des  Deficits  der  früheren  Cyclen  verwendet,  so  dass 
dieses  Unternehmen  nunmehr  keiner  Subvention  bedarf.  Mehrausgaben  kommen 
vor  bei  den  Posten :  Personalbezüge  (645  fl.  22  kr.),  allgemeine  Auslagen  (1 026  fl.  29 
kr.),  Preise  (2708fl.),  BibHothek  (526  fl.  27  kr.),  auf  Gebäude  (3499  fl.  24  kr.),  verschie- 
dene Ausgaben  (1098  fl.  54  kr.) ;  hingegen  sind  die  Ausgaben  geringer  bei  Steuern 
(82  fl.),  Ausschmückung  des  Pninksaales  (600  fl.),  alten  Gebühren  (111  fl.)  und 
bei  den  Werken  Sz^chenyi's  (356  fl.).  Das  Ausgabenplus  beträgt  7413  fl.  86  kr., 
welches  aus  dem  Einnahmeplus  der  nächsten  Jahre  gedeckt  werden  muss.  Das 
Vermögen  der  Akademie  betnigEnde  1889  2.269,978  fl.  66  kr.,  am  Ende  des  vori- 
gen Jahres  aber  2.299,194  fl.  60  kr.,  dasselbe  hat  daher  um  29,215  fl.  94  kr.  zuge- 
nommen. In  diesem  Vermögen  sind  der  Akademiepalast,  das  Akademiezinshaus, 
die  Bibliothek  und  das  Inventar  im  Werte  von  einer  Million  aufgenommen.  Die 
Plenarsitzung  nalun  das  Budget  unverändert  an. 


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UNGARNS  INDUSTEIE.  HANDEL  UND  VERKEHE  IM  JAHRE  1889. 


Ein  stattlicher  Qaartband  von  861  Seiten  berichtet  über  die  amtliche 
Thätigkeü  des  kön.  ung.  Handelsminisiers  im  JaÄreiSSP.  Schon  dieser 
äusserliche  Umfang  des  Berichtes  flösst  Bespect  ein ;  noch  mehr  erhöht 
wird  aber  die  Achtung  vor  der  unermüdlichen,  vielseitigen  Wirksamkeit 
unseres  Handelsministers^  Sr.  Excellenz  des  Herrn  Gabriel  Baboss 
DE  Belüs,  wenn  wir  den  Inhalt  dieses  Quartanten  einer  aufmerksamen 
Prüfung  unterziehen.  Trotz  der  nahezu  besorgnisserregenden  Fülle  mnd 
Mannigfaltigkeit  der  amtlichen  Agenden,  womit  dieses  Ministerium  bedacht 
ist,  erfüllt  den  Leser  dieses  Berichtes  allenthalben  das  Gefühl  der  Befriedi- 
gung über  die  allenthalben  zu  Tage  tretende  Einsicht,  Sachkenntniss  und 
Sorgfalt,  mit  welcher  dieses  ebenso  weitläufige  als  höchst  wichtige  Bessort 
geführt  wird.  Die  glückliche  und  mit  zielbewusster  Zuversicht  leitende  Hand 
des  jetzigen  Handelsministers  ist  übrigens  auch  aus  jeder  Zeile  dieses  Be- 
richtes erkennbar,  der  ebenso  durch  den  Beichtum  seiner  Daten  und  durch 
mannigfache  Anregungen  in  volkswirtschaftlicher  Hinsicht  als  durch  die 
Anordnung  und  Klarheit  in  der  Darstellung  befriedigt. 

Minister  Baboss  gehört  zu  den  schöpferischen  Naturen ;  sein  gestal- 
tender Geist  begnügt  sich  keineswegs  mit  dem  Fortschreiten  im  alten 
Geleise ;  er  sucht  und  findet  neue  Formen,  deckt  frische  Quellen  des  Fort- 
schrittes auf,  bricht  neue  Bahnen  und  zwingt  durch  seine  wohlerwogenen, 
dann  aber  auch  mit  Kühnheit  und  Energie  in  Angriff  genommenen  und 
durchgeführten  Beformen  selbst  den  Gegnern  die  Achtung  und  Anerkennung 
ab.  Die  Neuerungen  im  Personen-  und  Frachtentarif  der  ungarischen  Staats- 
bahnen haben  den  Namen  und  Kuhm  des  Ministers  weit  über  die  Grenzen 
des  Landes  getragen.  Aber  auch  in  den  andern  Zweigen  seines  Amtes  ent- 
faltete Herr  v.  Babohs  eine  nimmerruhende,  lebenweckende  Thätigkeit,  wor- 
über im  Nachfolgenden  auf  Grund  des  vorliegenden  ministeriellen  Berichts 
für  das  Jahr  1889  das  Wichtigste  in  möglichster  Kürze  mitgeteilt 
werden  soU. 

Das  mittelst  Gesetzartikel  XVIII  vom  Jahre  1889  neu  organisirte 
ungarische  Handels-Ministerium  umfasst  folgende  Zweige  amtlicher  Thätig- 

ünguiMlM  B«TiM,  ZI.  1891.  m.  Heft.  13 


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194  UNGABNS  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  VBRKEHB  IM  JAHRE    1889. 

keit :  I.  Strassen,  Brücken  und  öffentliche  Bauten.  II.  Post,  Telegraphen  und 
Telephon.  IIL  Die  königl.  Fostsparcasse.  IV.  Industrie  und  Binnenhandel 
V.  AuBsenhandel,  Zoll  und  Seeschiffahrt.  VI.  Ejisenbahnen  und  Binnen- 
schiffahrt. Vn.  Landesstatistik.  VIII.  Beamtenbildungs-Institute.  Von  dieser 
Reihenfolge  etwas  abweichend  wollen  wir  uns  mit  den  wichtigsten  Daten 
von  allgemeinem  Interesse  bekannt  machen,  wobei  wir  in  diesem  ersten 
Artikel  uns  mit  den  Verzweigungen  der  Industrie  und  des  Handels,  in  einem 
zweiten  Artikel  aber  mit  den  verschiedenen  Verkehrsanstalten  befassen 
werden. 

In  Bezug  auf  Industrie  und  Binnenhandel  betrachtet  Minister  Baross 
als  leitendes  Frincip  seiner  Thätigkeit  vor  Allem  die  richtige  Handhabung 
der  Industrie- Verwaltung.  Den  Rahmen  und  die  geeignete  Grundlage  hiefür 
hat  das  neue  Gewerbegesetz  (G.-ArtXVII:  1884)  geschaffen.  Demzufolge 
bildet  der  Minister  das  oberste  Aufsichts-  und  Entscheidungsforum  in 
gewerblichen  Angelegenheiten.  Die  pünktliche  EUnhaltung  und  Anwendung 
der  Bestimmungen  des  Gewerbegesetzes  gibt  zugleich  den  erforderlichen 
Schutz  und  die  Sicherheit  für  gesunde  und  auf  solider  Basis  ruhende 
Industrie-Bestrebungen.  Dabei  war  der  Minister  bemüht,  einerseits  den  Un- 
ternehmungsgeist nicht  durch  unbegründete  Vexationen  und  Einschrän- 
kungen behelligen,  anderseits  die  berechtigte  und  heilsame  Goncurrenz 
nicht  in  Schwindel  ausarten  zu  lassen. 

Diese  mehr  negative,  beaufsichtigende  und  abwehrende  Thätigkeit  fand 
ihre  entsprechende  Ergänzung  in  den  positiven  Massregeln  zur  Unter- 
stützung und  Förderung  unserer  Industrie.  Jene  Unterstützung  meint  der 
Herr  Minister  aber  nicht  in  dem  Sinne,  als  ob  der  Staat  selber  auf  das 
Gebiet  der  industriellen  Thätigkeit  treten  sollte,  um  dadurch  etwa  die  Privat- 
concurrenz  anzuspornen,  sondern  er  erblickte  diese  Förderung  vielmehr  in 
anderen,  systematischen  und  zielbewussten  Massnahmen  der  Regierung. 
Anregung,  Aufmunterung,  wohlwollende  Unterstützung,  unablässige  Auf- 
merksamkeit und  Verfolgung  der  wirtschaftlichen  Regungen,  nötige  Sorg- 
falt hinsichtlich  der  gewerblichen  Interessen,  Entwickelung  und  Verbesse- 
rung der  geistigen  Ausbildung  d^  Arbeiter  sowie  unablässige  Beobachtung, 
Prüfung  und  Verwertung  der  Gestaltungen  und  Erscheinungen  des  prakti- 
schen Lebens  —  das  sind  ebensoviele  Mittel  der  Staatsge^calt  zur  Entwicke- 
lung und  Förderung  der  Industrie,  welche,  zur  richtigen  Zeit  benützt  und 
angewendet,  gar  bald  zu  dauerndem  Erfolg  führen.  Der  Minister  hat  deshalb 
seine  positive  Mitwirkung  zur  Hebung  der  Industrie  nur  dort  eingesetzt,  wo 
es  die  Notwendigkeit  geboten  hatte  und  ein  concreter  Erfolg  erreichbar  war. 

Es  ist  ein  gutes  Wort,  das  der  «Berichti  hierbei  ausspricht:  «Bei  der 
Industrie  sind  vor  Allem  eine  von  Illusionen  freie  praktische  Tüchtigkeit, 
sowie  ein  unermüdlicher  Fleiss  notwendig.! 

Die  Thätigkeit  der  Regierung  hinsichtlich  der  Industrie  erstreckte  sich 


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UNGARNS  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  YBRKEHR  IM  JAHRE   1889.  1^5 

zunächst  auf  die  •  Induslrieverwaltung » (Gewerbegenossenschaften,  Industrie- 
gesellschaften, Lehrlingsschulen,  Bauführer-,  Steinmetz-  etc.  Prüfungen, 
Fabriksinspection) ;  dann  auf  die  t^Entmckelung  der  Industrie»  (Klein- 
gewerbe, Fabriks-  und  Hausindustrie,  Lehrwerkstätten,  Handels-  und  Ge- 
^erbekammem,  Ausstellungs- Angelegenheiten) ;  femer  auf  91  Merkantile 
Angelegenheiten»  (die  Börse,  kaufmännische  Firmen,  Jahr-  und  Wochen- 
märkte, Hausierwesen,  Maass  und  Gewicht,  Pfandleih- Anstalten)  und  end- 
lich auf  •Indtistrieüe  Privilegien  und  Schutzmarken». 

Nach  Aufhebung  der  alten  Zünfte  (durch  G.-Art.  Vm  vom  Jahre  1872) 
haben  sich  auf  Grund  des  neuen  Gewerbe-Gesetzes  (G.-Art.  XVH  vom  Jahre 
1884)  Gewerbe- Genossenschaften  gebildet,  deren  gegenwärtig  844  im  Lande 
vorhanden  sind.  Mit  diesen  Genossenschaften  sind  135  Unterstützungs- 
Gassen  mit  einem  Stammcapital  von  149,215  fl.  90  kr.  für  kranke  oder 
erwerbsunfähige  Gewerbetreibende  verbunden.  Manchen  Orts  betreiben 
diese  Gassen  auch  gemeinsamen  Ankauf  des  Bohmaterials  für  ihre  Mit- 
glieder. Für  die  Gehilfen  oder  Arbeiter  bestehen  dermalen  blos  54  Hilfs- 
cassen  mit  einem  Vermögen  von  104,802  fl.  16  kr. 

Die  im  Gewerbegesetz  vorgesetzten  Gewerbe- Cor porationen,  welche 
über  die  Angehörigen  des  Gewerbes  die  Aufsicht  und  die  Gontrole  fähren 
und  zugleich  in  mancher  Beziehung  auch  behördliche,  namentlich  friedens- 
richterliche Functionen  besorgen,  haben  sich  nur  in  der  Hauptstadt  Buda- 
pest nach  einzelnen  Industriezweigen  oder  Industriegruppen  gestaltet,  wäh- 
rend in  den  übrigen  Städten  und  Gemeinden  in  der  Begel  sämmtliche 
Gewerbetreibende  zu  einer  Corporation  verbunden  sind.  Solcher  Gewerbe- 
Corporationen  zählt  man  gegenwärtig  im  Lande  189;  von  diesen  haben 
62  Hilfscassen  für  ihre  Mitglieder  mit  einem  Vermögen  von  70,002  fl. 
05  kr. ;  für  die  Gehilfen  bestehen  88  Unterstützungs-Cassen  mit  186,606  fl. 
86  kr.  Die  Gonstituirung  und  die  entsprechende  Wirksamkeit  der  Gewerbe- 
(Jorporationen  stossen  noch  immer  auf  beträchtliche  Hindemisse  im  Schosse 
der  Gewerbetreibenden  selbst. 

Wenig  Erfreuliches  zeigen  die  Lehrlingsschulen,  obgleich  der  Fort- 
schritt hierin  seit  1884  ebenfalls  ein  augenfälliger  ist.  Damals  bestanden 
im  Lande  (angeblich)  nur  19  Lehrlingsschulen,  von  denen  sieben  auf  die 
Hauptstadt  entfielen.  Gegenwärtig  gibt  es  deren  309,  von  denen  20  niedere 
Handelsschulen  sind.  Wie  mangelhaft  aber  die  Zahl,  die  innere  Einrichtung 
und  der  Besuch  dieser  Schulen  ist,  lehrt  schon  das  dne  Factum,  dass  selbst 
in  der  Hauptstadt,  wo  Staat  und  Municipium  scharfe  Aufsicht  ausüben,  von 
9765  Lehrlingen  nicht  weniger  als  3869  Lehrlinge,  somit  weit  über  ein 
Dritte],  die  Lehrlingsschulen  nicht  besuchen.  Der  energischen  Thätigkeit  des 
Handels-  und  des  Unterrichts-Ministers  sowie  der  untergeordneten  Behörden 
in  Comitat  und  Stadt  bleibt  auf  diesem  Gebiete  noch  ein  grosses  Stück 
Arbeit  zu  thun  übrig ;  da  namentlich  zahlreiche  Industrielle  sich  um  die 

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196  UNGABNB  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  VERKEHR  IM  JAHRE   1889. 

geistige  AusbilduDg  ihrer  Lehrlinge  gar  nicht  bekämmem  und  deshalb  auch 
dem  Abschlüsse  eines  ordentlichen  Lehrlings  Vertrages  gerne  ausweichen. 

Die  Institution  der  staatlichen  Fabriks-Inspection  hat  in  Ungarn  noch 
keine  entsprechende  Organisirung  erhalten,  obwohl  der  jetzige  Handels- 
Minister  auch  in  dieser  Bichtung  bereits  die  erforderlichen  Einleitungen 
getroffen  hai  Im  Jahre  1889  wurden  555  Fabriken  durch  staatliche  Organe 
inspicirt,  wobei  in  301  Fällen  das  Ministerium  zur  Abstellung  der  wahr- 
genommenen Mängel  und  Ordnungswidrigkeiten  einschreiten  musste.  Unter 
Einem  liess  der  Minister  das  Muster  einer  Arbeitsordnung  ausarbeiten  und 
in  den  betreffenden  Fabrikslocalitäten  öffentlich  anschlagen.  Die  gesetzlich 
vorgeschriebenen  Arbeiterlisten  fehlen  noch  immer  in  vielen  Fabriken.  In 
den  im  Jahre  1889  inspicirten  555  Fabriken  gab  es  626  Dampfmotoren  mit 
37,481  Pferdekraft,  214  Wassermotoren  mit  4523  Pferdekraft  und  26  Luft- 
druckmotoren mit  155  Pferdekraft;  ohne  Motoren  waren  103  Fabriks- 
anlagen. Die  Zahl  der  Arbeiter  war  41,336;  der  Lehrlinge  1619;  der  Tag- 
löhner  5887;  zusammen:  48,842  Arbeiter,  von  denen  35,673  (75  o/o)  dem 
männlichen  und  13,169  (25  o/o)  dem  iWeibUchen  Geschlechte  angehörten. 
Erwachsene  waren :  44,333 ;  von  14—16  Jahren :  3459 ;  von  12 — 14  Jahren: 
101 1 ;  unter  zwölf  Jahren :  39.  Die  meisten  männlichen  Arbeiter  gab  es  bei 
der  Eisen-  uud  Metall-Industrie,  die  meisten  Arbeiterinen  bei  der  Tabak- 
fabrikation. Die  Arbeitsbücher  mangeln  leider  noch  vielenorts,  am  meisten 
sträuben  sich  dagegen  die  Ziegelfabrikanten,  welche  ihre  beschäftigten 
Arbeiter  gerne  nur  als  Taglöhner  bezeichnen  wollen. 

Die  Arbeitszeü  in  den  ungarischen  Fabriken  dauert  gewöhnlich  8  bis 
12  Stunden,  je  nach  den  verschiedenen  Industriezweigen;  eine  fünf  zehn- 
stündige Arbeitszeit  wurde  nur  an  einem  Orte  vorgefunden.  In  einigen 
Dampfmühlen  Siebenbürgens  wechselt  24  Stunden  Arbeit  mit  24  Stunden 
Buhe;  eine  längere  Arbeitszeit  als  12  Stunden  findet  man  bei  der  Sprit-, 
Hefe-  und  Glas-Industrie,  wo  aber  die  Arbeit  nicht  ununterbrochen,  sondern 
mit  mehrstündigen  Pausen  betrieben  wird.  Die  tägliche  Arbeitspause  dauert 
in  den  meisten  Fabriken  2,  in  anderen  nur  IVa  Stunden.  Die  Stnckarbeiter 
sind  an  keine  Stundenzeit  gebunden.  Nachtarbeit  findet  hauptsächlich  in 
Eisen-  und  Metallfabriken,  in  Mühlen  und  Spiritus-Fabriken  derart  statt, 
dass  in  der  Begel  morgens  und  abends  6  Uhr  der  Schichtwechsel  eintritt 
Eine  Hauptaufgabe  der  Fabriks-Inspectoren  besteht  darüber  zu  wachen,  damit 
jugendliche  Arbeiter  nicht  des  Nachts  übermässig  beschäftigt  werden. 
Interessant  ist  es,  dass  im  Jahre  1889  Zwistigkeiten  zwischen  Arbeitgebern 
und  Arbeitern  in  den  ungarischen  Fabriken  kaum  vorgekommen  sind  und 
damals  kein  einziger  Arbeiterstrike  stattgefunden  hat.  Eine  besondere  Sorg- 
falt müssen  die  Inspectoren  auch  den  gesetzlich  vorgeschriebenen  Vorkeh- 
rungen zur  Sicherung  des  Lebens  und  der  Gesundheit  der  Arbeiter  zu- 
wenden. 


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ÜKOARKS  IKBÜSnofi,  BAKDEL  tlKD  VISRKfifilt  IM  JABfifi  18^.  1^7 

Gegenüber  der  auch  in  Ungarn  rasch  zunehmenden  Fabrika-Industrie 
hat  das  Kleingewerbe  einen  wachsend  schwierigen  Stand  und  man  macht  die 
betrnbende  Wahrnehmung,  dass  gewisse^  bisher  handwerksmässig  betrie- 
bene Gewerbe  in  manchen  Landesteilen  gänzlich  verschwunden  sind.  Der 
Herr  Handelsminister  erachtet  diesen  Niedergang  des  Kleingewerbes  für 
keine  naturgemässe  Erscheinung.  Er  findet  die  Ursachen  dieses  Verfalles 
vor  Allem  in  dem  Mangel  an  Betriebscapital,  resp.  an  Credit,  wodurch  auch 
die  Anschaffung  der  heute  unentbehrlichen  Hilfs- Maschinen  verhindert  wird. 
Daraus  folgt  femer  die  Verteuerung  der  Kleingewerbe- Production.  Nichts- 
destoweniger steht  diesem  Gewerbe  noch  ein  breites  Terrain  zu  Gebote,  auf 
welchem  es  eine  lebensfähige,  ja  lohnende  Thätigkeit  entwickeln  kann.  Der 
Minister  ist  bemüht,  das  Kleingewerbe  bei  Bestellungen  für  den  Staat  zu 
berücksichtigen,  er  begünstigt  die  Bildung  von  Creditverbänden,  Productiv- 
Genossenschaften  etc. 

Mit  Ende  des  Jahres  1889  gab  es  in  Ungarn  1132  grössere  Industrie- 
Anlagen  und  267  landwirtschaftliche  Spiritusbrennereien,  somit  insgesammt 
1400  Etablissements.  Kroatien-Slavonien  zählte  damals  117  Fabriken, 
somit  die  Länder  der  ungarischen  Krone  zusammen  1516 ;  doch  bieten  diese 
Zahlen  noch  keinen  vollständigen  Ausweis.  Im  Jahre  1889  allein  vermehrte 
sich  die  Zahl  der  Fabriken  um  151  mit  einem  Anlagecapital  von  über 
20  Milhonen  Gulden  und  einem  Arbeiterstand  von  mehr  als  10,000  Seelen ;  — 
jedenfalls  ein  deutlicher  Beweis  wachsender  Unternehmungslust  und  erstar- 
kender Gapitalskraft  in  Ungarn.  Dass  hiezu  auch  der  G.-A.  XLIV  vom  Jahre 
1881  über  die  staatlichen  Begünstigungen  der  einheimischen  Industrie 
Vieles  beigetragen  hat,  wird  durch  Thatsachen  bewiesen. 

Ausser  der  Heilung  des  Uebels  beim  Kleingewerbe  und  nebst  der  Ent- 
wickelung  der  Grossindustrie  befasste  sich  der  Handelsminister  noch  in 
hervorragender  Weise  mit  der  Unterstützung  und  Beförderung  der  Haus- 
industrie, welche  unter  unseren  Verhältnissen  eine  ausserordentliche  Wich- 
tigkeit hat.  Sieht  man  von  der  Deckung  der  häuslichen  Bedürfnisse  ab,  so 
werden  ausserdem  die  verschiedensten  Zweige  der  gewerblichen  Produotion 
durch  hausindustrielle  Arbeit  betrieben.  Hieher  gehören :  Hanf-,  Flachs-  und 
WoUespinnerei  und  Weberei,  Spitzenerzeugung,  Teppichweberei,  Ausnähen 
und  Stickerei,  Korb-,  Binsen-,  Stroh-  und  Weidenflechterei,  Kürschnerei 
und  Hutmacherei^  Erzeugung  von  Holzgefässen  und  häusHchen  Gerät- 
schaften, Kinderspielwaaren,  Möbeltischlerei,  Töpferei,  Schwammarbeiten, 
Siebflechten,  Holzschachteln-  und  Brettererzeugung,  Bürsten-  und  Besen- 
binderei —  Alles  das  sind  Beschäftigungen,  welche  in  Ungarn  von  der 
Hausindustrie  getrieben  werden.  Es  gibt  Gegenden,  in  denen  dieser  Betrieb 
geradezu  eine  Lebensfrage  für  die  Bewohner  bildet  und  schon  deshalb  eine 
besondere  Aufmerksamkeit  und  Berücksichtigung  verdient.  Dies  gilt  nament- 
lich von  jenen  Landesteilen,  wie  z.  B.  von  Gebirgsgegenden  Siebenbürgens 


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198  UNGARNS  INDtSTftrt:,  fiAKDfcL  ÜNt)  VteRKfiHR  Ilf  JaBRK  1880. 

und  Obemngams,  wo  es  weder  eine  Fabriks-Indnstrie  noch  eine  ausgiebige 
Landwirtschaft  gibt  und  die  Bevölkerung  aus  Mangel  an  Erwerbsquellen 
zur  Auswanderung  nach  Bumänien  oder  Amerika  genötigt  ist.  Allein  auch 
in  Gegenden  mit  landwirtschaftlicher  Production  hat  die  Haus-Industrie 
grossen  Wert,  weil  sie  in  den  arbeitsfreien  Wintermonaten  eine  angemessene 
und  lohnende  Beschäftigung  bietet  und  dadurch  zu  fortgesetzter  Arbeitsam- 
keit und  Sparsamkeit  gewöhnt.  Nicht  minder  werden  durch  die  Haus- 
industrie die  tauglichen  Arbeitskräfte  für  die  Grossindustrie  vorgebildet. 

Leider  entbehrt  trotz  dieser  mehrseitigen  grossen  Bedeutung  die  Haus- 
industrie in  Ungarn  noch  immer  (mit  wenig  Ausnahmen)  der  erforderlichen 
Beachtung  sowie  der  entsprechenden  Organisation.  Bei  uns  werden  bei- 
spielsweise die  Erzeugnisse  der  Hausindustrie  noch  immer  von  den  Erzeu- 
gern selbst  durch  monatelanges  Hausiren  im  Lande  und  ausserhalb  des- 
selben in  Umsatz  gebracht.  Eine  solche  Hausindustrie  ist  nach  des  Mini- 
sters Ansicht  nicht  lebensfähig ;  es  sei  unvermeidlich  notwendig,  dass  die 
Hausindustrie  mit  Unternehmern  in  Verbindung  stehe,  die  dem  armen 
Volke  das  Bohmaterial  liefern,  eventuell  Vorschüsse  leisten  und  die  fertigen 
Waaren  gegen  einen  anständigen  Preis  übernehmen.  Dabei  3teht  allerdings 
zu  besorgen,  dass  die  Hausindustriellen  auf  diesem  Wege  gar  leicht  in  die 
völlige  wirtschaftliche  und  persönliche  Abhängigkeit,  ja  in  die  Schuld- 
knechtschaft des  l)etreffenden  Unternehmers  und  Arbeitgebers  verfallen. 

Zur  Hebung  der  Hausindustrie  ist  in  erster  Reihe  die  verbesserte  Vor- 
bildung der  Hausindustriellen  vonnöten.  Der  Handelsminister  hat  deshalb 
den  bestehenden  Lehrwerkstätten  seine  besondere  Aufmerksamkeit  zuge- 
wendet und  ist  bemüht,  dieselben  nicht  nur  zu  erhalten  und  weiter  zu  ent- 
wickeln, sondern  sie  nach  Thunlichkeit  auch  zu  vermehren.  Im  Jahre  1889 
gab  es  zehn  solcher  Lehrwerkstätte^,  welche  teils  vom  Staate,  teils  von 
einzelnen  eifrigen  Interessenten  erhalten  wurden. 

In  das  Ressort  des  Handelsministers  gehören  auch  die  gewerblichen 
Fachschulen y  welche  in  zwei  Gruppen  zerfallen:  in  solohe,  welche  vor 
Allem  fachmännisch  gebildete  Industriearbeiter,  insbesondere  Werkführer 
vorzubilden  haben,  und  in  solche,  welche  zwar  auch  gewerbliche  Arbeiter 
heranbilden,  aber  zunächst  zur  Entwicklung  der  Hausindustrie  beru- 
fen sind. 

Zur  ersten  Gruppe  gehören  :  die  staatlich  subventionirte  mechanische 
Lehrwerkstätte  in  Budapest,  die  mittlere  Maschinen-Industrieschule  in 
Easchau,  die  Lehrcurse  für  Maschinenführer  und  Dampfkesselheizer  in 
Budapest  und  Elausenburg,  die  Lehrwerkstätten  für  Bau-^  Holz-  und  Eisen- 
industrie in  Klausenburg,  die  Strick-  und  Webeschule  in  Easchau,  die  Eunst- 
webeschule  in  Käsmark,  die  Lehrwerkstätte  für  Eunstschnitzerei  in  Ho- 
monna,  der  Lehrcurs,  resp.  die  Fabrik  zur  Erzeugung  von  Einderspielwaaren 
in  Bartfeld  und  M.-Väsärhely  und  der  Schuhmacher-LehrcursinHermannstadi 


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tmOAims  iKDtSntm»  StAKD^i  und  VEltKCHU  IM  JAfitlS  I8dd.  I9ft 

Zur  zweiten  Gruppe  gehören :  die  Lelnrwerkatatten  für  Spitzen-Erzeu- 
gung in  Eremnitz,  für  Weberei  in  Gsikszereda  und  Sz6kely-Eeresztur,  für 
Tuchweberei  in  Heitau,  für  Teppichweberei  in  Gross-Becskerek ;  dann  die 
Frauen-Indüstrie-Schulen  inBudapest,  Elausenburg  und  Szepsi-Szentgyörgy, 
endlich  die  Lehrwerkstätte  für  die  Erzeugung  von  Einder-Spielwaaren  in 
Gyergyö-Szent-MiklÖB,  Hermannstadt  und  Szel-Akna. 

Alle  diese  Anstalten  sind  jedoch  nur  spärlich  dotirt,  entfalten  aber 
nichtsdestoweniger  auch  bisher  schon  eine  erfreuliche  Wirksamkeii 

Die  Institution  der  Handels-  und  Gewerbekammern  besitzt  eine  wichtige 
volkswirtschaftliche  Bedeutung,  indem  diese  Kammern  einerseits  die  entspre- 
chend organisirte  Interessen-Vertretung  des  einheimischen  Gewerbes  und 
Handels  bilden,  andererseits  die  Regierung  in  ihren  volkswirtschaftlichen  Ver- 
fügungen durch  vertrauenswürdige,  auf  praktische  Erfahrung  gegründete  Mit- 
wirkung unterstützen  sollen.  Der  Herr  Handelsminister  v.  Baboss  hatte  bei 
üebemahme  seines  Bessorts  angesichts  der  zahlreich  aufgetauchten  Klagen 
über  die  Handels-  und  Gewerbekammem  für  den  5.  Oktober  1889  eine  fach- 
männische Gomroission  zur  Beratung  einer  Reihe  von  Beformfragen  hin- 
sichtUch  dieser  Handels-  und  Gewerbekammem  einberufen.  Auf  Grund  der 
Resultate  dieser  Beratungen  verfügte  sodann  der  Minister  eine  teilweise 
Reform  dieser  Institution,  namentUch  in  dreifacher  Beziehung :  a)  Ver- 
mehrung der  Kammern  und  entsprechendere  Einteilung  der  Kammer- 
bezirke ;  b)  Zuweisung  jenes  Wirkungskreises  und  Einflusses,  welcher  den 
Kammern  als  begutachtenden  Oorporationen  in  Gewerbe-  und  Handels- 
angelegenheiten gebührt ;  c)  Gkirantie  der  Berücksichtigung  der  von  den 
Kammern  erstatteten  Gutachten  und  Berichte. 

Auf  dem  Gebiete  des  Königreiches  Ungarn  bestanden  zu  Ende  des 
Jahres  1889  fünfzehn  Handels-  und  Gewerbekammem,  und  zwar : 

1.  Arad  mit  den  Gomitaten  Arad,  B^kes,  Gsanäd  und  Hunyad  und  der 
königlichen  Freistadt  Arad  ; 

2.  Kronstadt  (Brassö)  mit  den  Oomitaten  Kronstadt  (Brassö),  Osik, 
Udvarhely,  Gross-Kokeln  (Nagy-KüküUö),  Hermannstadt  (Szeben),  Fogaras 
und  H&omsz^k. 

3.  Budapest  mit  der  Landeshauptstadt  Budapest,  mit  den  Komitaten 
Pest-Pilis-Solt-Klein-Kumanien,  Gran(Esztergom),Stuhlweis8enburg  (Feh^r)^ 
Neograd,  Heves,  JazygienGross-Kumanien-Szolnok,  Osongräd,  Bäcs-Bodrog 
und  Sohl  (Zolyom),  mit  den  königlichen  Freistädten  Stuhlweissenburg,  Sze- 
gedin,  Neusatz,  Maria-Theresiopel  und  Zombor  und  den  Municipalstädten 
Baja,  Hödmezö-Väsärhely  und  Kecskem^t. 

4.  Debreczin  mit  den  Komitaten  Hajdü,  Bereg,  ügocsa,  Marmaros, 
Bihar,  Szabolcs,  Szatmär  und  Szilägy,  mit  den  königlichen  Freistadten 
Debreczin  und  Szatmär-N^meti  und  der  Municipalstadt  Grosswardein ; 

5.  Essegg  mit  den  Oomitaten  Veröcze,  Pozsega  und  Syrmien,  mit  den 


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200  TTNOABNS  INDÜ8TRIB,  HAKDfiL  UND  VEBRBHB  IM  JAHBB   188d. 

königücben  Freistadten  Essegg  und  Pozsega  und  mit  den  (ehemaligen)  Grenz- 
distrikten  von  Gradiska,  Brood  und  Peterwardein ; 

6.  Finme  mit  dem  Gebiete  der  Stadt  Fiume ; 

7.  Eascbau  mit  den  Comitaten  Abauj-Toma,  Liptau,  Säros,  Zipa,  üng 
und  Zemplin  und  mit  der  königlichen  Freistadt  Eascbau ; 

8.  Elausenburg  für  die  Gomitate  Unterweissenburg,  Bistritz-Naszod, 
Elein-Eokeki  (Eis-Eüküllö),  Eolozs,  Maros-Torda,  Szolnok-Doboka  und 
Torda-Aranyos  und  für  die  königlicben  Freistädte  Elausenburg  und  Maros- 
VÄsÄrbely. 

9.  Miskolcz  für  die  Comitate  Borsod  und  Gömör-Eis  Hont ; 

10.  Fünfkircben  für  die  Gomitate  Baranya^  Somogy  und  Tolna  sowie 
für  die  königlicbe  Freistadt  Fünfkircben ; 

11.  Pressburg  für  die  Eomitate  Pressburg  (Pozsony),  Neutra  (Nyitra), 
Trencsin,  Ärva,  Turocz,  Hont,  Bars  und  Eomom,  und  für  die  königl.  Frei- 
städte Eomorn,  Sobemnitz-B^labänya  und  Pressburg ; 

12.  Oedenburg  für  die  Comitate  Oedenburg  (Sopron),  Eisenburg  (Vas), 
Zala,  Raab  (Györ)  und  Wieselburg  (Moson)  und  für  die  königlicben  Frei- 
städte Oedenburg  und  Baab ; 

13.  Temesvär  für  die  Gomitate  Temes,  Erassö-Szöreny  und  Torontäl, 
für  die  königlicbe  Freistadt  Temesvär  und  für  die  Municipalstädte  Panosova 
und  Werscbetz ; 

14.  Agram  für  die  Gomitate  Agram  (Tt&gt&h),  Warasdin,  Ereuz  (Eörös) 
und  Belovär  und  für  die  (früheren)  Grenzdistrikte  Banal  und  Ogulin-Sluin, 
mit  Ausnahme  des  Bezirkes  Bründl ; 

15.  Zengg  für  das  Gomitat  Fiume,  für  den  ehemaligen  Grenzdistrikt 
ljika-Oto6a2  und  für  den  Bründler  Bezirk. 

Die  Gesammtkosten  dieser  Eammern  beliefen  sich  im  Jahre  1889  auf 
180.346  fl. 

Vom  1.  Jänner  1891  an  ist  die  Anzahl  dieser  Eammern  auf  SO  erhöbt, 
also  um  fünf  vermehrt  worden  und  zwar  haben  die  neuen  Eammern  ihre 
Sitze  :  in  Neusohl  (Beszerczebänya)  für  die  Gomitate  Ärva,  Bars,  Hont,  Lip- 
tau, Neograd  und  Sohl  mit  der  königlichen  Freistadt  Schemnitz-Belab&nya; 
in  Baab  mit  den  Gomitaten  Gran,  Baab,  Eomom  und  Veszprim  und  der 
königlichen  Freistadt  Baab ;  in  Maros- Väs^hely  mit  den  Gomitaten  Gsik, 
Häromszek,  Maros-Torda  und  üdvarhely  und  mit  der  königlichen  Freistadt 
Maros-Väsärhely ;  in  Grosswardein  für  das  Gomitat  Bibar  und  die  Municipal- 
stadt  Grosswardein ;  endlich  in  Szegedin  für  die  Gomitate  Bäcs-Bodrog  und 
Gsongr&d  sowie  für  die  Städte  Baja,  Hödmezö-V&särbely,  Maria-Theresiopel 
(Szabadka),  Szegedin,  Neusatz  (Ujvid^k)  und  Zombor. 

Nach  dieser  Ausscheidung  ändern  sich  mehrfach  auch  die  bisherigen, 
weiter  oben  angeführten  Territorien  der  älteren  Eammern. 

Eine  ganz  besondere  Aufmerksamkeit  widmet  der  Handelsminister  den 


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ÜKÖARN8  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  VKBKEHB  IM  JaHBC   1889.  ^1 

öffentlichen  Lieferungen  für  staatliche  Zwecke,  wobei  er  bestrebt  ist,  der 
eiobeimischen  Prodaction  den  ihr  gebührenden  Anteil  zu  gewinnen  nnd  zn 
sichern,  ohne  jedoch  die  verschiedenen  Prodnctionskreise,  Industrie-  und 
Gewerbezweige  in  einseitiger,  monopolistischer  Weise  zu  begünstigen.  Ganz 
richtig  erscheint  auch  des  Ministers  Anschauung,  dass  eine  Fabrik  oder  eine 
(Jewerbsgruppe  sich  nicht  bloss  für  ärarische  Lieferungen  einrichten  solle.  Die 
Bildung  von  Verbänden  Kleingewerbetreibender  zur  Uebemahme  und  Be- 
sorgung solcher  Lieferungen,  namentlich  unter  Aufsicht  der  Gewerbe-Gor- 
porationen,  begegnet  mit  Recht  der  Förderung  von  Seiten  des  Ministers. 

Unter  den  Angelegenheiten  des  Handels  steht  in  erster  Linie  die 
Waartn-  und  Effecten-Börse  in  Budapest^  welche  sich  aus  der  schon  in  der 
ersten  Hälfte  unseres  Jahrhunderts  bestandenen  Pester  Getreidehalle  ent- 
wickelt und  ihre  erste  festgestellte  Organisation  im  Jahre  1 864  erhalten  hat 
Ihre  gegenwärtige  Verfassung  regeln  die  vom  Handelsminister  im  Jahre  1888 
bestätigten  Statuten  auf  Grund  einer  weitgehenden  Autonomie.  Die  Oberauf- 
sicht über  das  Institut  gebührt  dem  Handelsminister ;  die  Aufgabe  der  Börse 
besteht  in  der  Erleichterung  und  Begulirung  des  kaufmännischen  Verkehrs 
in  allen  Arten  von  Waaren,  Wertpapieren,  Wechseln,  Münzen  und  Edel- 
metallen. Der  Besuch  und  die  Mitgliedschaft  der  Börse  ist  sehr  erleichtert. 
Zur  Leitung  der  gesammten  Börse-Angelegenhaiten  besteht  ein  von  den 
Mitgliedern  auf  drei  Jahre  gewählter  Börsenrat.  Dieser  verfügt  über  alle 
Vermögens-  und  Verwaltung^ngelegenheiten  der  Börse,  er  bestimmt  die 
Geschäfts-Usancen,  entscheidet  über  die  Börsenwerte  und  die  ofßciellen  Gurs- 
notirungen,  ernennt  die  beeidigten  Börsensensale,  setzt  alle  Taxen  und  Ge- 
bühren fest  u.  s.  w.  Eines  der  wesentlichsten  Rechte  dieser  Selbstverwaltung 
besteht  in  der  Gerichtsbarkeit  des  Börsenrates  in  Börsen-  und  Merkantil- 
Streitsachen«  Keine  Börse  auf  dem  Gontinente  besitzt  eine  Autonomie  von 
solchem  Umfange,  die  Regierung  ist  bei  der  Budapester  Börse  bloss  durch 
zwei  Gommissäre  vertreten. 

Im  Jahre  1889  zählte  die  Börse  951  ordentliche  Mitglieder  und  162 
Börsenbesucher;  die  Zahl  der  beeidigten  Sensale  oder  Agenten  betrug  166. 
An  der  Getreide-Börse  fand  ein  Verkehr  von  13,188.300  Meterzentner  statt, 
womit  jedoch  keineswegs  der  gesammte  Geschäftsverkehr  der  Börse  in  dieser 
Richtung  bezeichnet  wird.  Eine  vertrauenswürdige  Statistik  über  Zahl  und 
Umfang  dieses  Verkehres  ist  überhaupt  noch  nicht  vorhanden.  Das  Börsen- 
gericht hatte  in  1764  Fällen  zu  entscheiden,  von  denen  711  Fälle  appellirt 
wurden. 

Nur  im  Vorbeigehen  bemerken  wir,  dass  im  Jahre  1889  im  Lande  ins- 
gesammt  4561  Handelsfirmen  improtocollirt  worden  sind  und  wenden  unsere 
Aufmerksamkeit  sofort  den  Wochen-  und  Jahrmärkten  zu. 

Auf  dem  Gebiete  der  Länder  der  ungarischen  Krone  werden  in  1600 
Gemeinden  Jahrmärkte  abgehalten,  und  zwar  in  der  Regel  jährlich  2 — 4, 


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^^  ÜKGABNS  iKDtTSTRIE,  HANDEL  UND  VERKEHK  IM  JAHEB   1880. 

dooh  gibt  es  auch  Gemeinden^  welche  die  Berechtigung  zu  6 — 8  Jahrmärkten 
besitzen.  Ebenso  verschieden  ist  auch  die  Dauer  dieser  Märkte ;  die  meisten 
dauern  blos  einen  Tag,  dann  gibt  es  aber  auch  Märkte  von  2—4  Tagen,  ja 
in  grösseren  Städten  dauert  der  Markt  8 -14  Tage.  Die  Jahrmärkte  sind 
entweder  allgemeine  oder  Vieh- Märkte,  letztere  bei  mehrtägigen  Märkten 
in  der  Regel  nach  Viehgattungen  abwechselnd. 

Gegen  die  übermässige  Vermehrung  der  Märkte  haben  die  gewerb- 
lichen Kreise,  namentlich  die  Handels-  und  Gewerbekammem,  Einsprache 
erhoben.  Auch  haben  die  Märkte  in  Folge  der  erleichterten  und  vermehrten 
Gommunicationsmittel  an  ihrer  früheren  Bedeutung  vieles  verloren ;  aber  die 
Abhaltung  dieser  Märkte  kann  dennoch,  insbesondere  für  kleinere,  abgele- 
genere Orte  nicht  entbehrt  werden  und  es  bilden  namentlich  die  Viehmärkte 
für  einen  grossen  Teil  unserer  Bevölkerung  ein  dringendes  Bedürfniss. 

Noch  weit  nötiger  als  die  Jahrmärkte  sind  die  Wochenmärkte,  deren  Zu- 
nahme um  so  weniger  beanstandet  werden  kann,  je  zahlreicher  selbst  in 
kleineren  Gemeinden  jene  Familien  werden,  die  ihre  Lebensbedürfnisse  sieh 
nicht  selbst  erzeugen  können,  wie  z.  B.  Beamte,  Militärpersonen,  Industrielle, 
Fabriksarbeiter  u.  dgl.  Die  engherzige  Bestimmung  des  Gewerbegesetzes  vom 
Jahre  1884,  der  zufolge  die  Wochenmärkte  von  fremden  Handwerkern  nicht 
beschickt  werden  durften,  wurde  im  Jahre  1887  teilweise  modificirt.  Die 
nach  dem  G.  A.  VE  v.  J.  1888  verschärften  strengen  Veterinär-Massregeln 
haben  namentlich  kleinere  Gemeinden  veranlasst,  ihrem  Marktrechte  zu 
entsagen  oder  dessen  Ausübung  mindestens  zu  suspendiren,  da  sie  den 
erhöhten  gesetzlichen  Vorschriften  nicht  entsprechen  konnten. 

Einen  Gegenstand  stetiger  Klage  der  Gewerbetreibenden  in  Stadt  und 
Land  bildet  das  Hamiertvesen,  welches  gemäss  dem  mit  Oesterreich  geschlos- 
senen Zoll  und  Handelsbündnisse  in  der  ganzen  Monarchie  nach  gleichen 
Grundsätzen  geregelt  ist.  Doch  sowohl  damit,  wie  mit  dem  GimentirungS' 
wesen  können  wir  uns  an  dieser  Stelle  nicht  weiter  beschäftigen  und  wenden 
deshalb  den  königlich  ungarischen  Pf andleihanstaUen  in  Budapest  die  Auf- 
merksamkeit zu. 

Die  Institution  eines  königlich  ungarischen  Pfandhauses  verdankt  ihre 
Entstehung  der  Kaiserin-Königin  Maria  Theresia,  mittelst  deren  Entschlies- 
sung  vom  1.  Juli  1773  die  erste  Anstalt  dieser  Art  in  Ungarn  tzur  Unter- 
stützung der  hilfsbedürftigen  armen  Volksclassen  und  zur  Verhinderung  des 
Wuchers»  zu  Fressburg  ins  Leben  gerufen  wurde.  Dieses  Pfandhaus  dauerte 
bis  zum  Jahre  1855. 

Nach  dem  Muster  des  Pressburger  Institutes  wurde  von  Kaiser  Josef  EL 
am  6.  Juni  1787  das  •  königlich  privilegirte  ungarische  Pfandhaus»  in  Ofen 
errichtet,  zu  dessen  Gunsten  der  Kaiser  unter  dem  28.  Juni  d.  J.  den  Ankauf 
und  die  Adaptirung  eines  Hauses  um  13.962  fl.  51  kr.  anordnete  und  das 
Umsatzcapital  der  Anstalt  auf  6000  fl.  bestimmte.   Ausserdem  sollte  das 


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tJKOARNS  INDUSTRIE,  HAKDEL  ÜKD  VERKBHn  IM  JAHBE   1889.  203 

Institut  für  seine  Bedürfnisse  vom  königlich  ungarischen  Statthaltereirate 
Darlehen  zu  3Vs%  Verzinsung  erhalten.  Das  Institut  nahm  bald  einen 
bedeutenden  Aufischwung  und  wurde  nach  der  Entscheidung  des  Statthal- 
tereirates vom  Jahre  1801  auf  die  Pester  Seite  der  ungarischen  Hauptstadt 
verlegt^  wo  es  in  seinem  noch  gegenwärtig  innehabenden  Gebäude  in  der 
inneren  Stadt  am  1.  Januar  1803  seine  Thätigkeit  eröffnete.  Die  monat- 
lichen Versteigerungen  dar  nichtzurückgelösten  Pfand-Objecte  begannen  am 
1.  Oktober  1788  und  fanden  seitdem  in  jedem  Monate  statt. 

Das  königlich  ungarische  Leihhaus  in  Budapest  hat  innerhalb  der 
letzten  zwei  Decennien  hinsichtlich  der  Verpfändungen  eine  bedeutende 
Zunahme,  in  Bezug  auf  die  hiefür  erhaltenen  Beträge  aber  eine  beträchtliche 
Abnahme  aufzuweisen.  Während  z.  B.  bis  zum  Jahre  1876  die  Verpfän- 
dungen von  321,701  auf  439,800  Fälle  und  die  Pfandsummen  dort  2.672,624, 
hier  3,401.631  fl.  betrugen;  ist  seither  zwar  die  Zahl  der  Verpfändungen 
erheblich  grösser  geworden  (im  Jahre  1889  betrug  sie  550,520),  dagegen 
aber  die  Höhe  der  ausbezahlten  Beträge  continuirlich  gesunken;  im  Jahre 
1889  steht  sie  nur  auf  2.476,405  fl.,  also  niedriger  als  im  Jahre  1871,  da  sie 
2.672,624  fl.  gewesen. 

Ein  erfreuliches  Moment  zeigen  die  erfolgten  Auslösungen  der  Pfand- 
Objecte.  Während  nämUch  bis  zum  Jahre  1 876  die  Höhe  der  Auslösungs- 
summe stets  hinter  der  Grösse  der  ausbezahlten  Pf^dbeträge  zurückgeblieben 
war,  machen  seither  die  zurückgezahlten  Summen  in  der  Regel  mehr  aus  als 
die  geborgten  Beträge.  Im  Jahre  1889  wurden  541,219  Pfandstücke  um 
2,488.323  fl.  ausgelöst.  Die  Bestanzen  bewegen  sich  in  Bezug  auf  die  Objecte 
in  aufsteigender  Linie,  hinsichtlich  des  Geldwertes  zeigen  sie  mit  einigen 
Variationen  im  Grossen  und  Ganzen  abnehmende  Tendenz. 

Im  Jahre  1876  war  z.  B.  die  restliche  Stückzahl  246,837  mit  einem 
belehnten  Werte  von  2.255,863  fl.,  im  Jahre  1889  hatte  erst^re  251.121 
Stücke,  letzterer  1.389,660  fl. 

Bei  der  Gründung  des  königlich  ungarischen  Leihhauses  hatte  dasselbe 
einen  Zinsfuss  von  lOVe^/o,  der  bis  zum  Jahre  1840  aufrechterhalten  blieb. 
In  diesem  Jahre  wurde  derselbe  auf  9^Va7®/o  herabgesetzt,  dagegen  im  Jahre 
1874  (in  Folge  der  Krisis  vom  Jahre  1873)  auf  12®/o  erhöht  und  erst  im 
Jahre  1879  wieder  auf  10  Percent  reducirt.  Dieser  Zinsfuss  ist  auch  heute 
noch  in  Geltung.  An  Zinsen  flössen  im  Jahre  1889  im  Budapester  könig- 
lichen Leihhause  159,598  fl.  78  kr.  ein. 

Das  zum  Umsatz  erforderliche  Oapital  entiehnt  das  Leihhaus  teils 
einzelnen  Geldinstituten,  teils  von  Privaten  zu  verschiedenem  Zinsfusse. 
Im  Jahre  1889  hatte  die  Anstalt  auf  solche  Weise  982.304  fl.  94 Vs  kr.  auf- 
genommen und  an  Zinsen  54,099  fl.  34  kr.  gezahlt. 

Ausser  dem  innerstädtischen  königl.  Leihhause  besteht  in  Buda- 
pest   noch    eine     Filiale     desselben    in    der    Vorstadt    Theresienstadt. 


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^^  UK0ARN8  INDUSTRIE,  BaKDBL  XJKD  VBRKEHE  IM  JAHfiE   iSSd. 

Diese  Zweiganstalt  wurde  am  1.  Juni  1881  im  eigenen  neuen  Oebäude 
eröffnet;  sie  ist  in  Bezug  auf  den  Pfandverkehr  selbständig,  hat  jedoch  kein 
eigenes  Vermögen,  denn  ihre  Einkünfte  kommen  alle  auf  Bechnung  des 
innerstädtischen  Hauptinstituts.  Desgleichen  untersteht  sie  derselben 
Direotion.  Ihr  Geschäftsverkehr  ist  ein  bedeutender;  denn  im  Jahre  1889 
war  die  Zahl  der  Verpfandungen  276,000  Stück  mit  einem  Capital  von 
1.224,768  fl.  und  die  Zahl  der  Auslösungen  259,720  Stück  mit  einem  Be- 
trage von  1.212,707  fl.  An  Bestanzen  zählte  man  122,488  Stück  mit 
624,091  fl.  Capital.  An  Zinsenerträgniss  ergaben  sich  65,739  fl.  83  kr. 

Im  Jahre  1889  wurden  in  beiden  Anstalten  83,240  Pfandobjecte  ver- 
steigert. Die  Institute  hatten  darauf  eine  Forderung  von  339,303  fl.  71  kr.; 
das  Licitations-Ergebniss  war  463,840  fl.  81  kr.,  so  dass  nach  Befriedigung 
der  Instituts-Forderungen  noch  124,537  fl.  10  kr.  zu  Gunsten  der  Parteien 
übrig  blieben.  Was  innerhalb  drei  Jahren  nicht  in  Empfang  genommen  wird, 
verfällt  der  Gasse  des  Leihhauses. 

Für  die  königl.  ung.  Pfandleihanstalten  wirken  drei  Vermittlungs- 
Institute,  welche  dann  wieder  Pfandsammei-Geschäfte  in  verschiedenen 
Teilen  der  Stadt  errichten.  Solcher  Sammelgeschäfte  zählte  man  im  Jahre 
1889  insgesammt  78. 

Die  nach  G.-Ari  XIV:  1881  geschaffenen  Privatleih-Anstalten  unter- 
stehen gleichfalls  dem  Handelsminister,  dessen  Hauptbestreben  darauf 
gerichtet  ist,  die  Leihgebühren  nach  den  jeweiligen  Localverhältnissen  zu 
ermässigen,  damit  das  verpfändende,  zumeist  arme  Publicum  nicht  über- 
mässig belastet  werde. 

Der  Schutz  der  industriellen  Erfindungen  wurde  in  Oesterreich  zuerst 
im  Jahre  1810  durch  ein  Statut  geregelt;  diesem  folgte  hauptsächlich  unter 
Einfluss  des  französischen  Privilegien- Gesetzes  am  8.  Dezember  1820  ein 
kaiserliches  Patent,  welches  durch  die  ung.  Hofkanzlei  im  Wege  des  kön.  ung. 
Statthaltereirates  unter  dem  21.  August  1821  allen  Municipalbehörden  zur 
Damachachtung  zugestellt  wurde.  Die  Municipien  empfingen  dieses  Patent 
mit  grossem  Missfallen  und  dasselbe  bildete  auf  dem  Landtage  von  1825/27 
eines  der  Landes-Gravamina.  Die  weiteren  österr.  Gesetze  und  Verordnungen 
in  Angelegenheit  der  Industrie-Privilegien  fanden  zwar  in  Siebenbürgen  und 
in  der  Militärgrenze  Einführung ;  im  eigentlichen  Ungarn  beschäftigte  sich 
erst  G.-Art.  66  vom  Jahre  1840  mit  den  Privilegien,  dieses  Gesetz  kam  jedoch 
kaum  zur  Geltung.  Im  Jahre  1 852  regelte  ein  kaiserliches  Patent  die  industriel- 
len Privilegien  und  diese  Verordnung  blieb  bis  zimi  Jahre  1867  in  Kraft. 

Erst  der  G.-A.  XVI  vom  Jahre  1867  ordnete  in  Ungarn  die  Privile- 
girung  der  gewerblichen  Erfindungen.  Darnach  stehen  diese  Erfindungen 
nach  gleichen  Grundsätzen  in  beiden  Beichshälften  unter  gesetzlichem 
Schutze;  diese  Bestimmung  wurde  dann  auch  in  den  Jahren  1878  und  1881 
bei  Ernouerung  des  Zoll-  und  Handelsbündnisses  beibehalten ;  nur  in  Betreff 


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ÜNÖABNS  INDUB131IB,  HANDEL  UND  VBRKEHB  IM  JAHRE    1889.  205 

der  Gebührenverteilang  zwiscfaen  Ungarn  und  Oesterreich  fanden  einige 
Abänderungen  stau  Uebrigens  erbeiscbt  die  zeitgemäase  Begelung  der 
Patentsachen  eine  entsprechende  Beform  des  betr.  Gesetzes,  worüber  zwi- 
schen den  beiderseitigen  Regierungen  die  Verbandlungen  bereits  im 
Zuge  sind. 

Im  Jahre  1889  wurden  insgesammt  3481  Patente  erteilt;  davon  ent- 
fielen auf  ungarische  Staatsangehörige  261  (7*469  o/o),  auf  Oesterreicher 
1265  (36-340  o/o)  und  auf  Ausländer  1956  (56191  o/o)- 

Die  Zoll'  und  HandeU- Angelegenheiten  stehen  mit  den  übrigen  Fac- 
toren  und  Entwicklungen  der  Handels- Politik  im  unmittelbaren,  wechsel- 
seitigen organischen  Zusammenhang,  weshalb  bei  der  amtlichen  Erledigung 
der  hieher  gehörigen  Agenden  der  leitende  Minister  seine  Aufmerksamkeit 
auf  die  Anforderungen  des  praktischen  Lebens  überhaupt  und  insbesondere 
jener  Bichtung  zuwenden  musste,  welche  unter  objectiver  Berücksichtigung 
unserer  volkswirtschaftlichen  und  staatlichen  Lage  und  der  durch  die  gegen- 
wärtigen europäischen  Wirtschaftsverhältnisse  geschaffenen  Situation  der 
Befriedigung  des  praktischen  Lebens  am  meisten  zu  entsprechen  schien. 
Das  Hauptbesfreben  des  Handelsministers  war  indessen  dahin  bemüht, 
die  drnckenden  Folgen  der  jetzt  herrschenden,  absperrenden  Schutzzoll- 
Politik  möglichst  zu  oompensiren  oder  mindestens  abzuschwächen  und  zur 
Erleichterung  und  Beförderung  sowohl  des  Binnen-  wie  des  Aussenhandels 
alle  zur  Verfügung  stehenden  Mittel  und  jede  sich  darbietende  (jelegenheit 
zu  rechter  Zeit  und  mit  gehöriger  Vorsicht  und  Energie  zu  benützen. 

Hinsichtlich  der  Zoll- Angelegenheiten  steht  für  das  Jahr  1889  an 
erster  SteUe  die  nach  G.-Art  XXIV  vom  Jahre  1887  mit  dem  31.  Dezember 
1889  vorgeschriebene  Auflassung  der  Freihäfen  von  Triest  und  Fiume.  Da 
jedoch  die  Vorarbeiten  hinsichtlich  Triests  bis  zu  dem  obigen  Termine  nicht 
beendigt  waren,  so  wurde  der  Aufhebungs-Termin  bis  zum  1.  Juli  1891 
verlängert 

Den  an  Getreidemangel  leidenden  dalmatinischen  und  Quamero- 
Inseln  wurde  gestattet,  jährlich  höchstens  80,0(X)  Q.  Mais  und  20,000  Q. 
Weizen  und  Hirse  zollfrei  einzuführen.  Einer  ähnlichen  Vergünstigung 
erfreuten  sich  im  Jahre  1889  auch  die  südtirolischen  Gemeinden  Casotto 
und  Pedemonte. 

Die  sonstigen  Detail  Verfügungen  in  Zoll- Angelegenheiten  können  wir 
an  dieser  Stelle  nicht  weiter  verfolgen. 

In  Bezug  auf  die  Hebung  und  Beförderung  des  Aussenhandels  kommt 
die  Initiative  und  Ausbreitung  zunächst  der  Privatthätigkeit  zu ;  die  Begie- 
rung  kann  hierin  kaum  etwas  anderes  thun,  als  die  der  Entwickelung  im 
Wege  stehenden  Hindernisse  hinwegzuräumen  und  auf  die  Interessenten 
aneif^md  einzuwirken.  Dabei  legte  der  Minister  ein  besonderes  Gewicht 
darauf,  die  Ooncurrenzfähigkeit  unseres  Handels  zu  erleichtem,  die  auf- 


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206  UNGARNS  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  VERKEHR  IM  JAHRE    1889. 

täucfaenden  Schwierigkeiten  möglichst  zu  bewältigen  und  zur  Eroberung  und 
Sicherung  des  uns  nahegelegenen  Marktes  in  den  orientalischen  Ländern 
das  Interesse  und  die  zielbewusste  Bewegung  in  den  weiteren  Kreisen  unserer 
Industriellen  zu  wecken  und  wach  zu  erhalten. 

Hierher  gehört  die  Errichtung  des  Handels- Museums  inBudapest, 
welches  im  Jahre  1885  entstanden  ist  und  seither  durch  Minister  Baross 
eine  bedeutsame  Erweiterung  erfahren  hat.  Ziel  und  Aufgabe  dieses  Mu- 
seums ist :  a)  Bekanntmachung  aller  jener  Waaren- Artikel,  welche  in  Ungarn 
concurrenzfähig  erzeugt  werden  und  deshalb  auf  Export  rechnen  können ; 

b)  Bekanntmachung  aller  jener  Handels-Artikel,  welche  im  Aaslande, 
namentlich  im  Orient  in  grösserem  Maasse  consumirt  werden,  um  so  den 
inländischen  Erzeugern  und  Händlern  die  nötigen  Fingerzeige  zu  bieten ; 

c)  möglichste  Orientirung  der  Producenten  über  jene  Bedürfnisse  des  ein- 
beimischen und  des  fremden  Consums,  an  dessen  Deckung  wir  Teil  nehmen 
können. 

An  dieser  permanenten  Ausstellung  im  Handels-Museum  nahmen  im 
Jahre  1887  671,  im  Jahre  1888  750,  im  Jahre  1889  746  Aussteller  Anteil. 
Ausserdem  finden  jährlich  periodische  Obst-,  Honig-  und  Eäse-Ausstel- 
lungen  statt.  Das  Budapester  Handels-Museum  hat  in  Salonichi  und  in  Belgrad 
seine  Vertreter  und  in  Serajewo  soll  eine  Filiale  desselben  errichtet  werden. 

Um  die  Wirksamkeit  des  Instituts  zu  erhöhen,  hat  Minister  Baross 
bei  Gelegenheit  der  neuesten  Organisation  dieses  Handels-Museums  dasselbe 
mit  dem  Handels-Ministerium  in  nähere  Verbindung  gebracht  und  zur  Lei- 
tung und  Ueberwachung  eine  Aufsichts-Gommission  bestellt,  an  welcher 
ausser  einigen  Mitgliedern  aus  dem  Schosse  des  Ministeriums  noch  eine 
Anzahl  ernannter  Vertreter  des  Handels-  und  Gewerbestandes  teilnehmen. 
Die  Hauptthätigkeit  richtet  das  Institut  auf  die  Hebung,  Belebung  und  För- 
derung des  ungarischen  Exporthandels  in  den  Balkanstaaten.  Dazu  dienen 
nicht  blos  die  schon  erwähnten  Vertretungen  und  Musterlager  des  Museums 
in  Belgrad  und  Salonichi  sowie  die  Filial- Anstalt  in  Serajewo,  sondern 
auch  besondere  reisende  Handels-Agenten  und  an  verschiedenen  wichti- 
geren Handelsplätzen  zu  bestellende  Berichterstatter  und  Gorrespondenten. 
Denselben  Zweck  der  Aufklärung  und  Orientirung  hat  auch  die  im  Handels- 
Museum  errichtete  bosnisch-herzegowinische  Abteilung  und  das  mit  einer 
Fachbibliothek  verbundene  merkantilische  Auskunfts-Bureau.  Ungemein 
erschwert  wird  diese  Action  des  Ministers  durch  die  oft  fast  unglaubliche 
Scheu,  ünerfahrenheit  und  vollständige  Unorientirtheit  unserer  Geschäfts- 
leute in  Sachen  des  Aussenhandels.  Es  soll  durch  das  Handels-Museum  die 
Selbstthätigkeit  der  Interessenten  keineswegs  geschmälert  oder  gar  beseitigt 
werden ;  die  Aufgabe  des  Museums  besteht  nur  in  der  Anregung,  Beförde- 
rung und  Unterstützung  der  Handels-Unternehmungen  Einzelner  und 
ganzer  Gesellschaften  und  Vereine. 


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UNGARNS  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  VERKEHR  IM  JAHRE    1889.  207 

Ein  besonderes  Angenmerk  wendet  Minister  Baross  der  «Bückerobe- 
rang  des  griechischen  Marktes  für  den  nngarischen  Export»  zm  Deshalb 
soll  Fiume  mit  den  vornehmsten  Häfen  Griechenlands  in  nnmittelbaren 
Verkehr  gesetzt  werden. 

Ebenso  ist  der  Minister  bestrebt,  die  Hindemisse  des  ungarisclhen 
Wein- Exports  zu  bewältigen.  Der  Minister  hat  zu  diesem  Zwecke  Sachver- 
ständige zum  Studium  der  Weinconsum-Verhältnisse  namentlich  in  der 
Schweiz  entsendet  und  sodann  deren  Berichte  einer  Fach-Enquete  zur  Be- 
gutachtung und  Beurteilung  vorgelegt.  Hauptsache  sei,  dass  dem  auslän- 
dischen Gonsumenten  das  ungarische  Product  in  seiner  gesicherten  Reinheit 
und  Unver&lschtheit  bekannt  und  leicht  zugänglich  gemacht  werde. 

Von  grosser  Wichtigkeit  für  Ungarns  Aussenhandel  sind  ferner  die 
Beziehungen  zum  deiUschen  Reiche,  und  da  kommt  für  das  Jahr  1 889  nament- 
lich das  Verbot  der  Einfuhr  von  Schweinen  dahin  in  Betracht.  Den  aus- 
dauernden Bemühungen  des  Ministers  Baross  und  seines  GoUegen,  des 
Ackerbau-Ministers,  ist  es  gelungen,  den  deutschen  Beichskanzler  zu  be- 
stimmen, dass  er  dieses  Einfuhrverbot  für  Transporte  lebender  Schweine 
aus  Steinbruch  mindestens  für  eine  Anzahl  bestimmter  Einfuhrsplätze  er- 
heblich gemildert  hat.  Die  Schweineausfnhr  Ungarns  bewegte  sich  in  den 
Jahren  1882  und  1889  zwischen  542,099  (1888)  und  778,119  (1887)  Stück 
und  den  Geldwerten  von  31.119,840  (1888)  und  44.377,760  fl.  Im  Jahre 
1889  wurden  exportirt  601,502  Stück  im  Werte  von  37.831,591  fl. 

Auch  die  von  Frankreich  her  drohende  Gefahr  einer  empfindlichen 
Einschränkung,  ja  Verhinderung  unseres  Exportes  von  Schafen  und  Schaf- 
fleisch wurde  glücklich  überwunden;  im  Allgemeinen  litt  jedoch  der  ge- 
sammte  Vieh-Export  an  Bindvieh,  Schafen^  Ziegen  und  Schweinen  der 
österreichisch-ungarischen  Monarchie  im  Jahre  1889  erheblich  durch  die 
ausgebrochene  Maul-  und  Klauenseuche. 

Ungünstig  beeinflusst  wird  Ungarns  Spiritus-Export  durch  das  seit  1887 
in  der  Schweiz  eingeführte  Sprit-Monopol  und  dann  durch  die  drückende 
Goncurrenz  der  deutschen  Branntwein -Production.  Zu  mehrfachen  Klagen 
gab  das  serbische  Zollamt  in  Belgrad  Anlass,  namentlich  deshalb,  weil  es 
von  jedem  Marktbesucher  aus  Semlin  bei  Uebertretung  der  Grenze  von  dem 
einzelnen  Stück  Vieh  einen  Gesundheitspass  mit  einer  Stempelmarke  von 
einem  Dinar  abforderte.  Mit  Bussland  gab  es  im  Jahre  1889  Schwierigkeiten 
wegen  der  Einfuhr  von  Weinreben,  Weintrauben,  Obst  und  Gemüse ;  mit  der 
Türkei  hinsichtlich  der  Einfuhr  von  Bum  u.  a.  m. 

Indem  wir  auf  die  im  Jahre  1889  mit  fremden  Staaten  geschlossenen 
handelspolitischen  Verträge  und  Uebereinkommen^  welche  sich  jedoch  haupt- 
sächlich auf  die  Begelung  der  Patentsteuerfrage  in  der  Türkei,  in  Aegypten 
und  in  Bulgarien  beziehen,  sowie  auch  auf  die  ohnehin  einer  gründlichen 
Beform  unterliegenden  Oonsular- Angelegenheiten  hier  des  Näheren  nicht 


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208 


UNGARNS  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  VERKEHR  IM  JAHRE    1889. 


eingeben,  geben  wir  nur  nocb  die  wicbtigsten  statistiBcben  Daten  mit  Bezug 
auf  den  ungariscben  AusBenbandel  in  den  Jahren  von  1885 — 1889. 
Damacb  betrag  die  Eivjvhr  im  Jahre  in  Tausenden  von 


Meterzentnern 


Stack 


Geldwert 


(Tatuenden  von  Golden) 

im  Jahre  1885 

15,419 

307 

448,889 

<     •       1886 

13,527 

236 

416.237 

.     .       1887 

13,913 

220 

434,504 

.     .       1888 

15,283 

274 

446,631 

•     <       1889 

16,438 

267 

459,478 

Die  Ausfuhr  dagegen  war: 


Heteizentoer 

Stock 

Geldwert 
(TauBenden  von 

im  Jahre  1885 

29,923 

48,831 

396,148 

.     •       1886 

29,682 

32,298 

417,846 

.     .       1887 

31,769 

41,206 

402,528 

.     •       1888 

36,976 

52,081 

444,383 

.     .       1889 

34,479 

63,346 

460,563 

Jahre 


Der    Gesammtverkehr  in  Tausenden  von   Gulden  betrug  somit  im 


1886 

845,037 

1886 

834,083 

1887 

837,032 

1888 

891,014 

1889 

920,041 

Die  Einfuhr  zeigt  sich  nur  in  den  zwei  Jahren  1886  und  1889  activ^ 
dort  mit  1,609,  hier  mit  1,085  Tausend  Gulden. 

Ungarns  Aussenhandel  befindet  sich  sowohl  hinsichtlich  seines 
Umfanges  wie  seiner  Richtung  im  Ganzen  in  fortschreitender  Entwickelung. 
Die  hauptsächlichsten  Import- Artikel  sind:  Textil-Producte,  Baum-  und 
Schafwoll-,  Leinen-,  Flachs-,  Jute-  und  Seidenwaaren  und  Bekleidungs- 
stücke; diese  Gruppen  allein  betrugen  im  Jahre  1889  die  Summe  von 
195.550^000  fi.  Ausserdem  werden  in  grösseren  Mengen  eingeführt:  Leder 
und  Lederwaaren,  Holz-,  Eisen-  und  Möbelwaaren,  wissenschaftliche  und 
musikalische  Instrumente,  Uhren,  Getränke,  Schlacht-  und  Zugvieh,  Zucker, 
Uterarische  und  Kunstgegenstände,  Petroleum,  Steinkohle  u.  a.  Der 
Getreide-Import  hat  seit  dem  Zollkriege  mit  Bumänien  erheblich  abge- 
nommen. 


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UNGARNS  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  VERKEHR  IM  JAHRE   18S9. 


209 


Ausfuhrproducte  sind  vor  Allem  Getreide,  Hülsenfrüchte,  Mehl  u.  s.  w. 
Ungefähr  die  Hälfte  des  ungarischen  Exports  gehört  dieser  Gruppe  an. 
Hierauf  folgen:  Schlacht-  und  Zugthiere,  Holz,  Kohle,  Torf,  Wolle 
und  WoUwaaren,  Mineralien,  Getränke,  Gemüse,  Obst,  thierische  Pro- 
ducte  u.  s.  w. 

Der  Haupthandelsverkehr  Ungarns  findet  selbstverständlich  mit  dem 
benachbarten  Oesterreich  statt,  das  bei  der  Einfuhr  mit  80— 86Vo,  bei  der 
Ausfuhr  mit  69 — 74®/o  beteiligt  ist.  Das  deutsche  Beich  liefert  Ungarn  in 
bedeutender  Menge  BaumwoUwaaren,  Frankreich  hauptsächlich  Seiden- 
fabrikate. Deutschland  ist  ein  guter  Abnehmer  des  ungarischen  Schlacht- 
viehes,  namentlich  der  Schweine  (Jahresausfuhr  1889:  93,378  Stück);  da- 
gegen haben  wir  seit  1882  für  unser  Mehl  den  deutschen  Markt  fast  gänzlich 
verloren ;  ebenso  ist  unser  Mehl-Export  nach  der  Schweiz  zurückgegangen 
und  in  En^nd  stationär  geblieben.  Von  unseren  südlichen  Nachbarn  ist  das 
Königreich  Serbien  mit  seinen  wichtigsten  Export- Artikeln  (hauptsächlich 
Schweine,  Ochsen,  gedörrte  Pflaumen,  Wein)  nahezu  ausschliesslich  auf 
Ungarn  und  Oesterreich  angewiesen ;  die  Einfuhr  von  dort  betrug  im  Jahre 
1889  schon  17*9  Millionen  Gulden;  im  Jahre  1884 erst  1 1*4 Millionen  Gulden. 
Hinsichtlich  Rumäniens  ist  der  Zollkrieg  bei  der  Einfuhr  weit  fühlbarer  als 
bei  unserer  Ausfuhr.  Eine  günstige  Entwickelung  nimmt  der  Handelsverkehr 
mit  Bosnien-Herzegowina,  wohin  unser  Export  von  2.882,000  fl.  (1884)  auf 
4.905,000  fl.  im  Jahre  1 889  gestiegen  ist.  Auch  mit  Bulgarien  und  Ost- 
rumelien  zeigt  unsere  Ausfuhr  eine  zunehmende  Tendenz. 

Einen  erfreulichen  Aufschwang  hat  in  den  letzten  Jahren  Ungarns 
maritimer  Handelsverkehr  genommen.  Angesichts  der  europäischen  Schutz- 
zollpolitik und  der  hohen  Eisenbahntarife  musste  man  zur  Gewinnung  und 
Behauptung  eines  unabhängigen  und  wohlfeilen  Ezportweges  vor  Allem  den 
Verkehr  zur  See  pflegen.  Diesem  Zwecke  dienten  alle  jene  Vorkehrungen  des 
Handelsministers,  welche  im  Interesse  der  Förderung  des  Handelsverkehres 
mit  Fiume  getroffen  wurden.  Diese  Vorkehrungen  bezogen  sich  aber  nicht 
blos  auf  die  Erleichterungen  in  der  Zufuhr,  sondern  auch  auf  die  Hebung 
des  See- Verkehres  selbst,  um  so  Eisenbahn  und  Schifffahrt  in  gehörigen 
Zusammenhang  und  in  üebereinstimmung  zu  bringen.  Andererseits  wurden 
die  Verkehrsmittel  zur  See  vermehrt,  neue  überseeische  Verbindungen  ange- 
knüpft und  neue  Handelslinien  eingeführt.  Ebenso  regelte  der  Handels- 
minister die  amtliche  Behandlung  der  Marine-Angelegenheiten  in  zweck- 
dienlicherer Weise. 

Auf  die  Anführung  von  Details  müssen  wir  an  dieser  Stelle  verzichten 
und  begnügen  uns  mit  der  Angabe  einiger  Hauptziffem,  welche  den  unge- 
meinen Aufschwung  des  Seeverkehrs  des  ungarischen  Haupthafens  von 
Fiume  klar  beweisen.  Es  war  nämlich  in  Fiume  an  Geldwert 

UngwiMhe  Banie,  XI.  1891.  lU.  Hell.  14 


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210 


UNGARNS  INDUSTRIE,  HANDEL  UND  VERKEHR  IM  JAHRE    1889. 


im  Jahre  1880 
1881 

1882 
1883 
1884 
1885 
1886 
1887 
1888 
1889 


die  Einfuhr 
7.851,655  fl 
12.179,211 
14.828,127 
21.712,293 
23.224,335 
21.882,325 
20.8il,027 
20.719,611 
23.723,477 
26.202,627 


die  Ausfuhr 
13.362,498  fl. 
22.323,810 
29.149,865 
43.011,562 
44.950,026 
54.333,479 
54.931,288 
54.459,675 
68.204,551 
62.319,470 


zusammen 
27.214,153  fl 
34.503,021 
43.977,992 
64.723,855 
68.174,361 
76.772,315 
75.772,315 
75.179,286 
91.928,028 
88.522,097 


Während  dieses  Decenniums  hat  also  die  Einfuhr  um  18.350,972  fl. 
oder  221.80/0,  die  Ausfuhr  um  42.956,972  fl.  oder  211-8o/o,  der  Gesammt- 
verkehr  um  61.307,944  fl.  an  Geldwert  zugenommen. 

Vom  Einfuhrswert  entfielen  im  Jahre  1889  auf  Schiffe  unter  öster- 
reichisch-ungarischer Flagge  44.1  o/o  >  auf  sämmtliche  fremde  Flaggen  aber 
55.90/0.  Beim  Export  war  die  österreichisch-ungarische  Flagge  mit  42.9  0/0, 
die  fremden  Flaggen  jedoch  mit  57.1 0/0,  beteiligt.  Im  Vergleich  mit  dem 
Jahr  1888  zeigen  diese  Verhältnisszahlen  für  unsere  Flagge  eine  Besserung 
mit  5.70/0. 

Eine  Staatssubvention  genossen:  1.  die  ungarische  Seeschiffahrts- 
Gesellschaft  cAdria»;  2.  der  •  österreichisch-ungarische  Lloyd»;  3.  dasFiuma- 
ner  Dampfschiffahrts-Ünternehmen  tSwerljuga  &  Comp.t;  4.  das  Dampf- 
schiffahrts-Untemehmen  «Erajacz  &  Comp.»  in  Zengg  und  5.  der  Unter- 
nehmer Leopold  Schwarz  in  Agram.  Den  Hauptexport  aus  Fiume  unter- 
hält die  Actiengesellschaft  lAdria»  mit  zehn  eigenen  Dampfern  zu  8847 
Tonnengehalt.  Ausserdem  steht  die  Gesellschaft  mit  englischen  Bhedem 
in  festem  Vertragsverhältnis  behufs  Lieferung  von  Export-Schiffen.  Im  Jahre 
1889  unternahm  die  GeseUschaft  272  Fahrten  und  zwar  156  für  Export 
und  116  für  Import.  Der  Gesammtverkehr  umfasste  279,489  Tonnen  und 
21,161  Kubikmeter.  Die  Hauptrichtung  unseres  Exports  zur  See  geht  nach 
dem  Westen  und  darin  liegt  die  grosse  Bedeutung  der  ungarischen  See- 
sohiffahrts-GeseUschaft  «Adria.» 

Der  Schiffsverkehr  Fiumes  im  Jahre  1889  betrug:  angekommen 
5,158  Schiffe  (2948  Dampf-  und  2,210  Segelschiffe)  mit  814,632  Tonnen- 
gehalt (davon  114,270 Tonnen  leer);  ausgelaufen  5145Schiffe(  2932 Dampfer 
und  2213  Segler)  mit  825,948  Tonnen  (davon  115,599  Tonnen  leer).  Gegen 
1888  war  die  Zahl  der  Dampfer  um  462,  der  Tonnen  um  113,785  grösser; 
dagegen  die  Zahl  der  Segler  um  425,  der  Tonnen  um  28,533  geringer;  so 
dass  insgesammt  der  Schiffsverkehr  sich  blos  um  37  Fahrzeuge  mit  85,253 
Tonnengehalt  erhöht  hatte. 

Gegenüber  jenem  von  Fiume  ist  der  Schiffsverkehr  der  übrigen  Seehäfen 


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UNGARNS  INDUSTRIE,  HANDBL  UND  VERKEHR  IM  JAHKB   1889.  211 

an  der  ungarisch-kroatischen   Küste  ein  zanaeist  wenig  bedeutender.  Es 
verkehrten  im  Jahre  1889  in  den  H&fen : 


Angekommen : 

Aosgelanfan: 

beladen 

leer 

beladen       leer 

Buccari     

426 

80 

362          121 

Portorö _. 

1141 

45 

1182            8 

Girqaenizza 

911 

51 

857         101 

NoTi      

482 

151 

219        412 

Selze 

620 

206 

313        513 

Zongg    

762 

103 

786          54 

San  Giorgio      

58 

73 

95          38 

Stinizza 

5 

89 

42          — 

Jablanacz 

76 

19 

18          77 

Garlopago     

173 

5 

156         22 

Zasammen 

4654 

770 

3830      1346 

Bescheiden  wie  dieser  Schiffsverkehr  in  den  zehn  ungarisch-kroati- 
schen Küstenplätzen^  ist  selbstverständlich  auch  der  hierdurch  vermittelte 
Güterumsatz.  Die  meisten  der  ein-  und  auslaufenden  Schiffe  sind  nur 
Küsten-  und  Lokalfahrer  und  die  grosse  Anzahl  der  leer  verkehrenden 
Fahrzeuge  beweist  deutlich  die  Geringfügigkeit  des  hier  betriebenen 
Handels. 

Ueberhaupt  (und  darauf  weist  auch  der  Minister  nachdrücklich  hin) 
hemmt  einen  kräftigeren  Aufschwung  unseres  Handelsverkehrs  zur  See 
der  Mangel  an  einheimischen  Gapitalien  sowie  die  geringe  Initiative,  der 
schwache  Unternehmungsgeist  und  der  fehlende  merkantilische  Blick, 
welcher  über  die  engen  Grenzen  des  unmittelbaren  Verkehrs  hinausreichend 
die  Verhältnisse,  Bedingnisse  und  Fördemisse  überseeischer  Handelsbezie- 
hungen aufzufassen,  zu  würdigen,  zu  pflegen  und  zu  erweitem  vermag. 
Möge  hierin  das  voranleuchtende  Beispiel  des  ung.  Handelsministers  G.  v. 
Baross  in  den  zunächst  interessirten  Kreisen  die  gewünschte  frachtbare 
Nachfolge  finden ! 

Prof.  Dr.  J.  H.  Sohwiokbb. 


14* 


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212  BEZIEHUNGEN  DES  KÖNIGS  MATHIAS  COBVINUS  ZU  WIENER- NEUSTADT 


BEZIEHUNGEN  DES  KÖNIGS  MATHIAS  CORVINUS  ZU  WIENER- 
NEUSTADT  UND  DER  CORVINUS-BEGHER. 


Nicht  lange  nach  dem  Antritt  seiner  Regierung  trat  Mathias  Corvinus 
in  Beziehungen  zu  der  österreichischen  Grenzfestung  Wiener-Neustadt.  Die 
Bürger  dieser  Stadt  besassen  zahlreiche  Weingärten  auf  ungarischem  Gebiete, 
insbesondere  in  der  Oedenburger  Gespanschaft,  und  zwar  in  solcher  Aus- 
dehnung, dass  schon  Herzog  Albrecht  III.  (1378)  eine  Beschränkung  dieses 
Besitzes  in  fremdem  Lande  geraten  fand.  Diese  Weinberge  waren  es  auch, 
welche  den  ersten  Befehl  (sowie  die  meisten  folgenden)  des  Königs  Mathias 
zu  Gunsten  von  Wiener-Neustadt  veranlassten.  Derselbe  erfloss  zu  Oeden- 
burg  am  20.  Juli  1463*  und  bedeutete  den  Dreissigsteinnehmern,  von  den 
Neustädtem  für  ihre  auf  dem  ungarischen  Boden  gebauten  Weine  keinen 
Dreissigst  mehr  einzuheben,  wie  zuvor  imberechtigter  Weise  geschehen 
sei ;  denn  die  Weinberge  der  Bürger  von  Wiener-Neustadt  in  Ungarn  seien 
von  dieser  Abgabe  zufolge  eines  Privilegiums  von  König  Ludwig  (dem 
Grossen)  befreit.  An  demselben  Tage  ergeht  auch  an  den  Bischof  von  Raab 
die  Weisung,  dass  er  von  den  Neustädtern  für  ihre  ungarischen  Bauweine 
keine  anderen  Abgaben  zu  erheben  habe,  als  von  seinen  inländischen  Unter- 
thanen.  Da  diese  beiden  Erlässe  schon  am  nächsten  Tage  nach  dem  end- 
giltigen  Abschluss  des  Friedens  zu  Oedenburg  zwischen  Kaiser  Friedrich  III. 
und  König  Mathias  ausgefertigt  wurden,  so  liegt  die  Vermutung  nahe,  dftös 
der  Kaiser  selbst  bei  den  Unterhandlungen,  die  bereits  1462  begonnen 
hatten,  die  Sicherung  der  Rechte  seiner  Unterthanen  in  Ungarn,  die  durch 
den  vorausgegangenen  Krieg  gefährdet  waren,  in  die  Hand  genommen  habe. 
Bei  dem  nächsten  Erlass  des  Ungarkönigs  für  Wiener-Neustadt  ist  dies  aus- 
drücklich hervorgehoben:  am  14.  November  1468  trägt  nämlich  König 
Mathias  von  Ofen  aus  den  ZoUeinnehmem  auf,  den  Bürgern  von  Wiener- 
Neustadt,  wenn  sie  ihre  auf  ungarischem  Boden  gebauten  Weine  abführen, 
keine  Abgaben  abzuverlangen,  wie  es  geschehen  sei;  nur  die  von  den 
genannten  Bürgern  in  Ungarn  gekauften  Weine  sollen  der  Besteuerung 
unterliegen.  Er  gestatte  jenes  aus  Ehrfurcht  und  aus  Gefälligkeit  (ob  respec- 

*  Es  findet  sich  im  hiesigen  Archiv  wohl  auch  ein  angeblicher  Befehl  des 
Königs  Mathias  Dienstag  nach  Lukas  1458  in  einer  Abschrift  aus  der  Mitte  des  17. 
Jahrhunderts.  Die  erste  Vergleichung  ergibt  sofort,  dass  derselbe  identisch  ist  mit  dem 
Befehle  vom  20.  Oktober  1478. 


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ÜltD  t)teB  CORVn^S-BfeCHÄÄ.  213 

tum  et  complacentiam)  gegen  den  Kaiser,  der  sieb  für  Wiener-Neustadt  ver- 
wendet habe.  Kaiser  Friedrich  residirte  ja  in  dieser  Stadt,  und  man  konnte 
sich  daher  gleich  direct  an  ihn  wenden.  Zehn  Jahre  später,  am  20.  October 
1478,  abermals  nach  Beendigung  eines  Krieges  mit  Kaiser  Friedrich  EI., 
ergeht  von  Ofen  aus  neuerdings  ein  königlicher  Befehl  an  den  Hauptmann, 
Bürgermeister,  Eichter  und  die  Geschwornen  zu  Oedenburg,  welcher  darauf 
hinweist,  dass  in  der  vergangenen  Weinernte  abermals  manche  Weine  von 
Wiener-Neustädter  Bürgern  angehalten  wurden,  und  der  den  Auftrag  gibt, 
dies  fürder  hintanzubalten. 


n. 


Das  letzte  Jahrzehent  der  Regierung  des  Königs  Mathias  ist  von  wie- 
derholten Kämpfen  gegen  Oesterreich  ausgefällt ;  in  diese  Zeit  fallt  auch  die 
zweimalige  Belagerung  von  Wiener-Neustadt  1486  und  1487  und  die  Ein- 
nahme der  Stadt  im  letzterwähnten  Jahre  zufolge  eines  Vertrages.  Da  näm- 
lich trotz  der  wiederholten  Zuschriften  und  Versprechungen  des  Kaisers 
und  seines  Sohnes,  des  römischen  Kaisers  Maximilian,  der  Entsatz  nicht 
eintraf,  und  Wiener- Neustadt  in  Hungersnot  geriet,  so  traf  der  Ungarkönig 
mit  der  Stadt,  vertreten  durch  ihren  kaiserlichen  Hauptmann  Hans  Wül- 
fenstorflfer,  durch  Bernhard  von  Westernach,  Karl  Augspurger,  Balthasar 
Hagen,  Siegmund  Wienberger,  Hans  Kunigsfelder,  sowie  durch  ihren  Bür- 
germeist-er  Jacob  Kelbel,  ihren  Stadtrichter  Wolfgang  Färstenberger  und 
den  Rat,  am  St.  Peter-  und  Paulstage  die  Vereinbarung,  dass  die  Stadt  nach 
Ablauf  von  sieben  Wochen  sich  ihm  ergeben  solle,  falls  es  während  dieser 
Zeit  nicht  dem  römischen  Kaiser  oder  seinem  Sohne  gelinge,  mit  3000 
Wehrhaften  den  ungarischen  Cordon  zu  durchbrechen,  und  ohne  Unter- 
stützung von  Seite  der  Belagerten  in  die  Stadt  zu  dringen.  Der  Besatzung 
und  ihrem  Hauptmann  und  wer  von  Geistlichen  oder  Weltlichen  mit  ihnen 
gehen  wolle,  wird  freier  Abzug  mit  Wehr  und  Waffen  gestattet;  doch  sollen 
sie,  was  des  Kaisers  sei,  weder  mit  sich  wegführen,  noch  vergraben,  ver- 
mauern oder  sonst  verbergen.  Die  Gerechtsame  der  Stadt  verspricht  der 
König  in  ganzem  Umfange  zu  belassen ;  und  was  den  Bürgern  oder  der 
Geistlichkeit  in  Wiener-Neustadt  Schadens  an  ihren  Häusern,  Weinbergen, 
Wiesen,  Aeckem  oder  anderem  liegenden  Besitze  in  diesem  Kriege  zugefügt, 
oder  was  anderen  gegeben  worden  seif  das  solle  ihnen  wieder  zurückersetzt 
werden.  Auch  wolle  er  sie  mit  ihrem  Gesuche  bezüglich  des  Ungelds  und 
bezüglich  der  Juden  fgnediglich  bedennckhen».  Der  Status  quo  solle  von 
deb  Belagerten  und  von  den  Belagerern  streng  eingehalten  werden. 

Die  Frist  lief  am  17.  August  ab,  ohne  dass  das  gehoffte  Entsatzheer 
sich  zeigte,  und  so  kam  die  Stadt  in  den  Besitz  des  Mathias  Gorvinus,  und  die 


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il4r  BEZIEHUNGEN  DBS  KÖNIGS  MATHIAS  CORVINUS  ZU  WlENER-NEUSTABf 

Bewohner  mossten  ihm  sofort  huldigen  und  schwören.  Boeheim  *  erzählt 
nach  Bonfin  sehr  ausführlich  die  darauf  folgenden  Feierlichkeiten,  darunter 
ein  Faradegefecht  auf  der  Haide.  Etwa  zwei  kleine  Wegstunden  nördlich 
von  Wiener-Neustadt,  in  der  Nähe  des  Dorfes  Sobnau,  ist  ein  derzeit  viel- 
leicht noch  2  M.  hoher  künstlicher  Hügel  auf  dieser  Haide,  der  nach  der 
Aussage  des  dortigen  Grundbesitzers  früher  etwa  doppelt  so  hoch  war,  in 
dessen  Innerem  sich  Quadern  vorfanden  und  noch  vorfinden  sollen.  Diese 
Erhöhung  heisst  noch  jetzt  Eönigshügel  und  würde  sich  zu  einer  Ueber- 
blickung  des  Steinfeldes  besonders  eignen.  Allerdings  lässt  sich  ein  Zusam- 
menhang mit  Mathias  Corvinus  und  seiner  Anwesenheit  in  Niederösterreich 
nicht  weiter  nachweisen,  und  von  den  über  diesen  Hügel  gehenden  Sagen, 
die  übrigens  sämmtlich  unhaltbar  sind,  erinnert  keine  an  die  fragliche  Zeit 

m. 

Nun  handelte  es  sich  darum,  die  in  den  üebergabsbedingungen  gege- 
benen Zusagen  zu  erfüllen.  Mathias  Corvinus  zeigte,  dass  es  ihm  Ernst  mit 
denselben  gewesen  war :  er  wollte  jedesfalls  die  Burger  von  Wiener-Neu- 
stadt, das  ihm  einen  wichtigen  Stützpunkt  an  dem  Westufer  der  Leitba  bil- 
dete, für  sich  und  seine  Herrschaft  gewinnen.  Daher  bestätigte  er  schon  am 
7.  September  1487  alle  Privilegien  der  Stadt,  die  sie  je  erhalten  hatte.  Wohl 
konnte  man  nicht  darauf  rechnen,  dass  die  Unterthanen  des  ungarischen 
Königs  in  den  Erblanden  des  Kaisers  der  Mautfreiheit,  einer  der  ältesten 
Begünstigungen  von  Wiener-Neustadt,  hinfür  werden  geniessen  können; 
dafür  wird  den  Neustädtem  diese  Freiheit  in  allen,  von  Mathias  beherrschten 
Landen  —  das  Privilegium  nennt  Ungarn,  Böhmen,  Mähren,  Schlesien  — 
für  alle  Zeiten  gewährleistet ;  auch  werden  ihnen  alle  Bechte  zugestanden, 
deren  die  freien  Städte  seiner  Lande  teilhaftig  sind.  Und  falls  etwa  ein 
Erlass  seiner  Vorgänger  auf  dem  Trone  hiemit  im  Widerspruch  stände,  so 
solle  derselbe  den  Neustädtern  kein  •  schaden,  abpruch  oder  Verletzung 
bringen.» 

Mathias  gieng  aber  noch  weiter.  Schon  vier  Tage  später  (am  11.  Sep- 
tember) vergünstigte  er  den  Bürgern  der  Stadt,  dass  sie  von  dem  Wein- 
gulden frei  blieben,  der  für  jeden  fDreiling»  Wein  bei  der  bevorstehenden 
Lese  eingehoben  werden  sollte ;  und  zwar,  i  damit  Sy  aus  dem  verderben 
darein  Sy  gesetzt,  widerumb  zu  aufnemen  komen»,  damit  sie  die  Türme, 
Mauern,  Stadtwehren,  die,  wie  der  König  selbst  in  der  vorerwähnten  Bestä- 
tigung aller  Privilegien  sich  ausdrückt,  mit  ciain  zerrüttet  und  verwüstet 
waren,  wieder  aufbauen  können».  Am  3.  October  trägt  er  dann  allen  unga- 

*  Ferdinand  Carl  Boebeims  Chronik  von  Wiener-Neustadt,  herausgegeben  von 
Wendelin  Boeheim.  I.  Band.  S.  150  tL 


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ÜKD  DER  CORViKüS-BfiCHBR.  215 

rifichen  Beamten,  Bebörden  und  ünterthanen  auf,  die  Neust&dter  wegen 
ihrer  Weinberge  nirgends  und  in  keiner  Weise  zu  belästigen.  Am  6.  Juni 
des  folgenden  Jahres  ei^eht  an  den  Vicegespan  des  Oedenburger  Gomitats 
Benedict  von  «Eysfalwd»  und  die  Geschworenen  wieder  eine  Weisung  zu 
Gunsten  der  Neustädter :  trotzdem  die  Bewohner  von  Wiener-Neustadt  gleich 
denen  von  Ofen  von  jeder  Zahlung  von  Steuern  (tributi  seu  thelonii)  durch 
seine  Huld  befreit  seien^  werden  sie  doch  an  manchen  Orten  des  Gomitats 
hiezu  verhalten,  worüber  sich  jene  beschwert  hätten.  Von  dieser  Bedrängung 
sei  unbedingt  abzustehen.  Am  13.  Dezember  1488  wird  Wiener-Neustadt 
neuerdings  ein  wichtiges  Privilegium  verliehen.  König  Mathias  statuirt,  dass 
die  Bürger  der  Stadt  nirgends  mit  Leib  oder  Gut  wegen  irgend  einer  Fropess- 
sache  angehalten  werden  dürfen.  Wer  eine  Forderung  an  einen  der  Neu- 
städter habe,  müsse  sich  an  den  Bürgermeister,  Richter  und  Bat  ihrer  Stadt 
wenden ;  alle  anderweitig  über  Leib  oder  Gut  derselben  geBchöpfte^  Urteile 
haben  nicht  Kraft  noch  Geltung. 

üebergehend  auf  die  Gutmachung  der  Verluste^  welche  Neustädter 
Bürger  durch  den  letzten  Krieg  erlitten  haben,  kommen  wir  zunächst  auf 
jene  Häuser,  welche  durch  die  Belagerung  der  Stadt  zerstört  worden  waren. 
Aach  in  dieser  Richtung  that  Mathias  Gorvinus  das  Seinige,  um  die  Nea- 
anterworfenen  für  sich  zu  gewinnen.  Schon  am  4.  September  1487  wurde 
Leopold  von  Wehing  auf  Befehl  des  Königs  für  ein  Haus  in  der  Neun- 
kirchnerstrasse an  Gewähr  geschrieben ;  am  16.  September  wurde  dem  Bür- 
germeister der  Ststdt,  Jacob  Kelbel,  für  seine  drei  abgebrochenen  (kleinen) 
Häuser  und  «von  Gnadenwegen»  das  Haus  des  Wilhelm  von  Auersperg 
überlassen.  Am  13.  März  1489  ergeht  dann  von  Wien  aus  eine  Zuschrift 
des  Königs  an  den  Rat  von  Wiener-Neustadt :  es  sei  sein  Wille,  dass  die 
Mitbürger  der  Stadt,  deren  Häuser  in  den  Vorstädten  i^gebrochen  wurden, 
und  die  jetzt  keine  Unterkunft  haben,  jene  Häuser  und  Gärten  erhalten 
sollen,  die  ihnen  auf  königlichen  Befehl  sein  Kämmerer  und  Burggraf  i  Jan 
Tartzay»  ausgezeigt  habe.  Darauf  hin  werden  am  18.  März  drei,  am  19.  März 
vier  Bürger,  am  20.  März  eine  Bürgersfrau  mit  ihren  Kindern  und  am 
5.  Mai  ein  Bürger  an  Gewähr  für  die  zugewiesenen  Häuser  geschrieben. 

Am  3.  März  war  der  Stadtgemeinde  selbst  ein  Haus  verliehen  worden : 
auch  sie  hatte  Verluste  in  den  Vorstädten  erlitten.  Einige  weitere  An- 
schreibungen  am  6.  und  am  15.  Mai  veranlasste  der  königliche  Stadthaupt- 
mann  «Fogam  Fetter».  Die  betrefifenden  Häuser  rührten  grösstenteils  von 
Männern  her,  die  mit  dem  kaiserlichen  Hof  in  Verbindung  standen,  so  z.  B. 
von  Georg  von  Herberstein,  Pfleger  zu  Stixenstein,  von  dem  Truchsess  Ritter 
Heinrieh  Himelberger;  und  es  kam  bei  diesem  Wechsel  der  Stadt  noch  der 
Umstand  zu  gute,  dass  Freihäuser,  die  von  den  Lasten  der  Gemeinde  aus- 
genommen waren,  ihrer  Sonderstellung  entkleidet  wurden.  Auch  die  Ver- 
leihungen des  Ungarkönigs  an  sein  eigenes  Hofgesinde  verwandelten  eine 


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21  ö  BEZrBHUNGEN  DBS  KÖNIGS  MATHIAS  OORVINÜS  Zu  WIENER-NEüSTADf 

Anzahl  Freihäuser  in  mitleidende  Häuser,  die  ins  Gewäbrbnch  eingelegt 
wurden,  und  gereichten  so  der  Stadt  zum  Vorteil.  So  wird  am  25.  Sep- 
tember 1487  der  königliche  Schatzmeister  «Bischof  Urban  zuErlacb»  für 
ein  ehemaliges  Freihaus  als  Besitzer  im  Gewährbuch  angeschrieben,  für 
ein  zweites  ebenderselbe  mit  seinen  Brüdern  Blasius  und  Hans  von 
« Nagluche t.  Am  16.  October  desselben  Jahres  weist  das  Gewährbuch  die 
Anschreibung  des  königlichen  Secretärs  Lucas  Snitzer  für  das  Freihaus  des 
•Gastelwartert,  dann  des  königlichen  Secretärs  Nicolaus  von  Fuechau  für 
jenes  des  Grafen  von  Mantfort  aus,  wofür  der  Befehl  am  11.  September 
ergangen  war.  An  dem  gleichen  Tage,  16.  October,  kommt  der  königliche 
Hauptmann  Jacob  Zeckler  mit  seinen  Brüdern  Nicolaus,  Hans  und  Bene- 
dict in  Gewähr  und  Besitz  des  Freihauses,  das  dem  Siegmund  von  Niedem- 
thor  gehört  hatte  (Befehl  des  Königs  vom  15.  October),  und  eben  so  wird 
am  29.  April  1488  der  Hauptmann  «Lassla  Graf  zu  Eanyscha»  an  Gewähr 
für  ein  Freihaus  geschrieben,  das  dem  Jacob  von  Emau  gehört  hatte.  Fs 
bleibt  einzig  die  Eintragung  des  Hans  Biedrer,  königlichen  Barbiers,  von 
11.  August  1489,  die  ein  Bürgerhaus  betraf. 

Was  die  Bemerkung  in  dem  Vertrag  anbelangt,  der  König  werde  der 
Stadt  wegen  des  Ungelds  (vielleicht  wegen  Pachtung  dieser  Abgabe)  und 
wegen  der  Juden  (vielleicht  zum  Zwecke  der  Einschränkung  derselben) 
gedenken,  so  können  wir  diesbezüglich  nichts  constatiren. 

IV. 

Mathias  Corvinus  soll  überdies  der  Stadt  Wiener-Neustadt  sein  eigenes 
Bildniss  und  einen  silbernen,  vergoldeten  Focal  geschenkt  haben.  * 

Bezüglich  des  ersten  Stückes  muss,  abgesehen  von  allen  berechtigten 
Bedenken  gegen  das  hohe  Alter  dieses  Oelgemäldes  auf  Leinwand,  das  im 
Museum  von  Wiener-Neustadt  sich  befindet,  insbesondere  betont  werden, 
dass  die  Schenkung  des  eigenen  Conterfeis  an  neugewonnene  ünterthanen, 
deren  Treue  gegen  die  angestammte  Dynastie  der  Eroberer  selber  rühmt, 
gar  nicht  grossköniglich  erscheint.  Daher  wollen  wir  dieses  Geschenk  nicht 
weiter  in  Betracht  ziehen.  Was  jedoch  die  Schenkung  des  erwähnten  PocaJs 
anbetrifft,  so  verdient  dieser  Punkt  einer  eingehenderen  Berücksichtigung, 
schon  wegen  des  Kunstwertes  des  Objectes.  Der  Pocal  ist  allgemein  unter 
der  Bezeichnung  iCorvinusbechert  bekannt.  Und  die  Meinung,  dass  er  von 
dem  Eroberer  Mathias  Corvinus  an  die  Gemeinde  Wiener-Neustadt  gekom- 
men sei,  lässt  sich  etwas  zurückverfolgen.  So  wird  bei  den  Vorkehrungen 
für  das  Friedensfest  vom  3.  October  1797  gesagt,  dass  bei  der  Tafel  die 
Gesundheit  Sr.  Majestät  des  Kaisers  «aus  dem  grossen  Silber-  und  vergol- 

*  Siehe  Boeheim,  Chronik,   L  Bd.  8.  153. 


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UND  bfiH  CORVlNüS-BECäßB.  5*1 1^ 

deten  Focal,  welcher  als  ein  Geschenk  des  Königs  Mathias  Corvinus  in  dem 
Stadtarchive  aufbewahrt  wird»,  getrunken  werden  soll.  Ebenso  heisst  es  bei 
dem  Feste,  welches  zur  Geburt  des  nachherigen  Kaisers  Josef  U.  gefeiert 
wurde,  *  dass  die  Gesundheiten  der  fürstlichen  Hoheiten  «aus  dem  von  dem 
Hungar :  König  Mathias  Corvinus  der  Statt  Neustatt  wegen  dem  Allerdurch- 
lauchtigsten  Erzhausz  von  Oesterreich  vnverbrüchlich  erzeigten  Treu  und 
Tapfrer  gegen wöhr  annoch  im  Jahr  1462  zum  ewigen  andenkhen  Verehrten 
Kostbahren  groszen  Silber  und  Vergolten  Pöcal,  dessen  Deckl  eine  Crone 
darstellet,  worinnen  dessen  Portrait  und  Jahreszahl  zusehen,  getrunkhen 
worden.»  Hier  erhalten  wir  zugleich  Einblick  in  die  Meinungen,  die  man 
sich  über  die  Formen  an  dem  Focale  damals  schon  gebildet  hatte. 

Wenn  sich  eine  Belegstelle  auch  nicht  weiter  nachweisen  lässt,  so  ist 
doch  so  viel  sicher,  dass  man  im  vorigen  Jahrhundert  ein  Trinkgefäss  von 
solchen  Dimensionen,  das  mehr  als  drei  Liter  fasst,  nicht  mehr  «Corvinus- 
becher»  genannt  hätte,  wie  ja  die  angezogenen  Notizen  zeigen.  Und  bei  dem 
Umstände,  dass  derartige  Zusammensetzungen  kaum  ein  Bestimmungswort 
abstossen,  um  ein  anderes  anzunehmen,  kann  die  Sache  viel  weiter  hinauf 
als  belegt  angesehen  werden,  gewiss  bis  in  die  Zeit  so  grosser  «Becher». 
Ueber  die  Abnahme  der  Grösse  der  Becher  schon  im  XVI.  und  noch  mehr 
im  XVn.  Jahrhundert  können  wir  uns  hier  als  zu  weit  ab  führend,  nicht 
einlassen. 

Und  nun  wollen  wir  an  die  Frage  herantreten,  ob  wirklich  Mathias 
Corvinus  den  Bürgern  von  Wiener-Neustadt  den  Becher  geschenkt  haben 
kann.  Wir  sind  hier  natürlich  bei  dem  Mangel  schriftlicher  Anhaltspunkte 
auf  blosse  Vermutungen  angewiesen  und  kommen  im  günstigsten  Falle  zu 
einer  Wahrscheinlichkeit.  Zu  diesem  Zwecke  wird  es  notwendig,  eine  kurze 
Beschreibung  des  Pocals  mit  allen  seinen  Schrift-  und  Wappenzeichen 
voranzuschicken. 

Der  Corvinusbecher  ist  ein  grosser,  etwa  80  Cm.  hoher  Silber-Pocal 
mit  Deckel,  stark  vergoldet,  voll  reich  aufgesetzter  Ornamentik  aus  vergol- 
detem Silberblech  und  mit  verschiedenfarbigem  Drahtemail.  **  Der  Fuss 
hebt  dreiteilig  an,  indem  die  Basis  einen  Sechspass  von  17  Cm.  Durch- 
messer bildet,  zieht  sich  sofort  ein,  zuerst  concav,  dann  vertical  aufsteigend, 
und  wird  in  diesem  letzteren  Teile  etwa  1*5  Cm.  breit  durch  ein  breites 
Emailband  bedeckt,  das  auf  dem  hellblauen  Grunde  an  einer  fortlaufend 
gewundenen  Draht-Banke  grüne  fünfblättrige  Blütenkelche  mit  rotem  stark 
hervortretenden,  etwas  gebogenen  Griffel  und  kleine  längliche  (grüne) 
Blätter  trägt. 


*  RaisprotokoU  741,  Pol.  73. 

**  Auf  die  einzelnen   zahlreichen    Abbildungen   des   Corvinus-Bechers   braucht 
wohl  nicht  verwiesen  zu  werden. 


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4l8  BEZIEHUNGEN  DES  KÖNIGS  MATÖIAÖ  CÖRVimJS  ZU  WlENteB-NEÜSTAl)t 

Von  den  sechs  Winkeln  der  Basis  legen  sich  Distelblätter  an  das  Ejmail 
herauf.  Oberhalb  dieses  Bandes  verengt  sich  der  Fuss  durch  sechs  Bund- 
buckel in  Form  von  Eugelsegmenten^  über  welche  von  innen  ausgehend  eine 
schmale,  steile  Erhöhung  nach  beiden  Seiten  fort-  und  hinablauft,  zu  dem 
eigentlichen  Ständer.  Zwischen  diesen  Buckeln  und  an  deren  innem  Enden 
sind  zwei  Beihen,  also  zwölf,  kleine  Drachengestalten  nach  Art  der  gothi- 
sehen  Wasserspeier  aufgenietet.  Der  Ständer  ist  14*5  Gm.  hoch,  anfänglich 
ebenfalls  sechsseitig  und  in  gleicher  Weise  emaillirt,  wie  früher  angedeutet ; 
er  geht  sodann  in  die  Kreisform  über,  innerhalb  welcher  er  einfach  durch 
blaues  Email  bedeckt  ist,  und  wird  unmittelbar  unter  dem  Wulst,  der  das 
Bindeglied  mit  dem  eigentlichen  Focalleib  bildet,  durch  ein  zweimaliges 
abwärts  fallendes  und  sich  erweiterndes  Distelomament  eingefasst,  das  den 
Knauf  des  Ständers  vertritt.  Das  obere  dieser  Blattomamente  zeigt  vier 
Kletten  und  bildet  so  den  Uebergang  aus  dem  dreiteiligen  in  den  vierteiligen 
Bhythmus,  welcher  den  Becher  selbst  beherrscht.  Der  eigentliche  Focal 
beginnt  mit  zweimal  acht  Buckeln  und  verengt  sich  im  Verlaufe  derselben 
etwas.  Die  unteren  sind  gehalten  und  verziert  wie  jene  am  Fusse,  die  oberen 
verflachen  sich  allmählich  nach  aufwärts  und  laufen  zu  einer  Spitze  zu,  so 
dass  von  der  Guppa  des  Bechers  acht  gleiche  Buckel  zwischen  dieselben  ein- 
laufen. Mit  diesen  beginnt  die  Ausweitung  des  Leibes,  die  sich  in  acht  neuen 
Buckeln  über  den  letzterwähnten  kräftig  fortsetzt  und  abschliesst.  In  den 
Vertiefungen  zwischen  den  Buckeln  dieser  vier  Reihen  der  eigentlichen 
Focalhöhlung  sind  selbstredend  wieder  Ornamente  sichtbar.  Bei  den  zwei 
unteren  und  der  ersten  oberen  Reihe  begegnen  wir  den  früher  erwähnten 
Drachengestalten;  zwischen  die  acht  obersten  Buckel  fallen  Distelblätter 
herab,  die  über  diesen  an  einem  mehrfachen  gedrehten  Silberdraht  sich  um 
die  Cuppa  ziehen  und  den  ornamentirten  Becher  von  jenem  Rande  trennen, 
der  den  Deckel  aufnimmt.  Die  oberste  Buckelreihe  ist  durch  eine  Emaillirung 
auf  eigenem  Grunde  überdeckt,  zwischen  welcher  die  vergoldete  Fläche 
glänzend  hervorblickt.  Dieses  Email  zeigt  in  der  Mitte  jedes  Buckels  einen 
grösseren  Blütenkelch  mit  fünf  Blättern  und  mit  sehr  starkem  Griffel,  rings 
um  denselben  kleinere  ähnlich  gestaltete  Blüten  und  Blätter.  Der  Kelch  der 
grossen  Mittelblumen  hat,  wie  es  scheint,  dunkelblaues  Email,  das  Centrum 
ist  entweder  blaugrün  mit  rotem  Griffel  oder  rot  mit  blaugrünem  Griffel ;  die 
Kelche  der  kleineren  Blumen  sind  dunkelgrün  oder  blaugrün,  der  Griffel  rot, 
die  Blätter  der  Pflanze  selbst  (natürlich)  grün. 

Der  Deckel  des  Pocals,  der  in  der  That  eine  Krone  bildet,  ist  zu  unterst 
zwischen  zwei  mehrfachen  Silberdrähten  wieder  von  einem  1*5  Cm.  breiten 
Emailband  umgeben,  gleich  jenem  am  Fusse,  nur  sind  die  Blätter  des  Blüten- 
kelches rot,  die  Griffel  blau.  Mitten  in  diesem  Email  sind  überdies  im 
ganzen  Umfange  sechs  Blüten  eingesetzt,  bestehend  aus  je  sechs  schmalen 
am  Ende  etwas  gefaserten  Blättern  von  SUberblech,  vergoldet.   Von  diesem 


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Xn^D  DiSR  CÖRVnJtJS-BECfifeR.  ^lö 

Bande  erhebt  sich  abermals  ein  Distelomament^  die  Krone^  ringsum  sechzehn 
grössere  und  dazwischen  sechzehn  kleinere  Ereuzformen  bildend ;  inmitten 
der  letzteren  begegnen  wir  je  einem  Blumenkelch  aus  Silberblech  mit  sechs 
Blättern  und  äberstarkem  Pistill.  Von  da  schliesst  sich  der  Deckel  durch 
zweimal  acht  Buckel  mit  denselben  steilen  Falten- Erhöhungen  wie  früher 
rasch,  wie  der  Fuss  zu  einem  Stengel  zusammen,  die  Vertiefungen  zwischen 
den  Buckeln  gleichfalls  mit  zwei  Drachenreihen  ausfüllend.  Der  schlank  auf- 
schiessende  kreisförmige  Stengel  23  Cm.  hoch,  wird  durch  einen  breit  vor- 
tretenden Wulst  in  zwei  Hälften  geteilt  und  durch  einen  eben  solchen  oben 
abgeschlossen.  Er  ist  einfarbig  dunkelblau  emaillirt.  Die  bekannten  Distel- 
omamente  umkleiden  die  untere  Hälfte,  nach  abwärts  fallend,  umfassen 
sechsstrahlig  von  unten  und  von  oben  den  Mittelwulst  und  breiten  sich  vor 
der  oberen  Hälfte  nach  der  Bildung  von  drei  Kletten  über  die  ünterfläche 
des  zweiten  abschliessenden  polsterartigen  Wulstes  aus,  denselben  in  sechs 
Zweigen  tragend,  so  dass  in  dem  obersten  Teile  das  Eunstgebilde  zu  dem 
dreiteiligen  Rhythmus  des  Fusses  zurückkehrt.  Die  Oberfläche  dieses  Polsters 
bedeckt  ein  Stern  mit  zehn  Strahlen,  auf  welchem  ein  Bitter  mit  blossem 
Haupte  kniet.  Stern  und  Ritter  möchten  wir  auf  ihre  Originalität  nicht  zu 
strenge  prüfen.  Die  Rittergestalt  hält  in  ihrer  Rechten  schief  aufwärts  ein 
gestieltes  Herz,  auf  dessen  einer  Seite  wir  die  Jahreszahl  1.  ^  6. 2.  erblicken, 
während  die  andere  halbgestielte  Seite  rechts  (heraldisch)  das  AEIOV  und 
den  Doppelaar  des  Kaisers,  links  den  Schriftzug  M  und  den  Raben  mit  dem 
Ring  im  Schnabel  zeigt.  Noch  bleibt  des  länglichen,  nach  unten  in  einem 
geschweiften  Bogen  endigendes  Schildes  zu  erwähnen,  der  im  Innern  an  dem 
Scheitel  des  Deckels  sich  vorfindet.  Dieser  Schild  in  kreisförmigem  Medaillon 
trägt  eine  bartlose  Heiligengestalt  (bis  zur  Brust),  mit  goldenem  Haar  und 
Heiligenschein ;  das  Gewand  und  der  Schildgrund  sind  von  rotem  Email.* 
Ueberdies  hat  der  unterste  Rand  des  Deckels  innen  die  Zeichen  FI  in  der 


nebenstehenden  Form.  |^^B  Diese  Zeichen  kehren  in  der  gleichen  Weise  an 


der  Innenseite  des  Fusses  wieder,  wo  wir  auch  nicht  weit  hievon  entfernt  eine 

Andeutung  über  das  Silbergewicht  des  Bechers  finden :  MR  XIII  %ül  XI.** 

Mit  der  Erwähnung  eines  Z,  das  in  nebenstehender  Form  am  äusser- 


^  Der  Annahme,  dass  hier  das  Porträt  des  Königs  Mathias  vorliege,  wie  die 
Noüz  von  1741  meint  (s.  o.),  fehlt  jede  Begründung,  und  der  Heiligenschein  spricht 
dagegen. 

**  Verfasser  sieht  sich  genötigt  nach  genauer  Untersuchung  der  betrefifenden 
Zeichen  sich  diesbezüglich  der  Meinung  Boeheims  (Chronik  I.  S.  154)  und  Dr.  Ho- 
mers (Arch.  Ert.  1869)  anzuschliessen,  im  Gegensatz  zu  einer  früher  abgegebenen 
(Correspondenzblatt  des  Vereins  f.  siebenb.  Landeskxmde  1889,  Nr.  2). 


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i^ 


BEZIEHUNGEN  DES  KÖNIGS  MATHIAS  COEVINUS  ZU  WIENEB-NÄUSTAbT 


sten  Uande  des  Fusses  eingeschlagen  ist^  sind  die  Schriftzeichen 
auf  dem  Corvinus-Becher  erschöpft;  die  im  Ratsprotocolle  von  1741 
(s.  o.)  erwähnte  Jahreszahl  im  Innern  des  Deckels  findet  sich  nicht* 
Am  Schlüsse  der  Beschreibung  müssen  wir  noch  bemerken,  dass  der 
Becher  mannigfach  schadhaft  ist.  So  fehlen  sämmtliche  Drachengestalten 
an  der  unteren  Hälfte  des  Pocalleibes,  so  ist  das  blaue  Email  (an  der  oberen 
Hälfte  des  Ständers,  an  dem  ganzen  Stengel  der  Krone,  in  den  Kelchblättern 
der  grossen  Blumen,  an  den  Buckeln  der  Cuppa)  zum  allergrössten  Teile  ver- 
schwunden. Die  übrigen  Emailfarben  haben  sich  besser  gehalten,  sind  jedoch 
auch  nicht  schadlos.  Das  gestielte  Herz  ist  ganz  neu,  eine  Arbeit  des  Gold- 
schmiedes F.  Beger,  doch  versicherte  dieser  dem  Verfasser  dieser  Zeilen, 
dass  er  die  Zeichen  genau  so  gemacht  habe,  wie  sie  auf  dem  alten  Herzen 
gewesen  seien.  Soweit  die  Ziffern  der  Jahreszahl  ein  Urteil  zulassen,  kann 
man  diese  Aussage  im  grossen  Ganzen  als  verlässlich  ansehen.* 


Nun  zur  Deutung.  —  Die  Buchstaben  und  Wappenzeichen  auf  dem 
Herzen  sprechen  für  sich  selbst.  Nach  denselben  muss  der  Becher  in  Berüh- 
rung stehen  mit  einer  Action,  welche  den  Kaiser  Friedrich  IH.  und  den 
König  Mathias  Gorvinus  zugleich  betrifft.  Schon  die  Deckelkrone  weist  auf 
derartiges  hin.  Und  für  diese  Action  gibt  uns  die  Jahreszahl  1462  den  Fin- 
gerzeig. In  diesem  Jahre  endeten  nämlich  die  Feindseligkeiten  der  beiden 
Fürsten.  Am  4.  März  1459  hatte  Friedrich  HI.  die  von  einer  Gegenpartei  des 
Mathias  ausgegangene  Wahl  zum  König  von  Ungarn  angenommen ;  die  St. 
Stefanskrone  war  noch  in  seiner  Hand.  Es  handelte  sich  somit  bei  den 
Friedensverhandlungen  des  erwähnten  Jahres  in  der  That  um  hochwichtige 
Angelegenheiten:  um  den  Verzicht  Friedrichs  HI.  auf  den  ungarischen 
Tron,  um  die  Herausgabe  der  Krone,  auch  um  die  Nachfolge  in  Ungarn, 
für  welche  ja  das  Haus  Habsburg  alte  Erbeinigungen  besass.  Ein  dauernder 
Friede  sollte  fortan  zwischen  beiden  Fürsten  herrschen ;  und  es  lässt  sich 
wohl  denken,  dass  man  den  Friedensschluss  durch  ein  Versöhnungsfest 
feiern  und  den  Umtrunk  halten  wollte,  zu  welchem  Zwecke  nur  ein  neuer 
prächtiger  Becher  dienen  konnte.  Wir  wollen  wenigstens  vorübergehend 
auch  auf  die  Pflanzensymbolik  aufmerksam  machen,  die  in  dem  ganzen 
Zierat  des  Bechers  zu  liegen  scheint,  und  die  im  Mittelalter  keine  geringe 
Bolle  spielt. 

Die  fünfblättrigen  Blüten  kelche  der  Emailbänder  sind  vielleicht 
durch  Nachbildungen  des  Jelänger-jclieber  (Solanum  dulcamara)    oder  des 


*  Wir  können  wohl   in  gleicher  Weise  annehmen,    dass  etwaige  frühere  Kepa- 
raturen  an  dem  Becher  die  Zeichen  nicht  geändert  haben  werden. 


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UND  DEB  CORVINÜ8-BECHBR.  221 

Johanneskrautes  (Hypericnm  perforatum)  entstanden.  Beide  sollten  gegen 
Zauberei  und  Anfechung  schützen,  weshalb  sich  die  weite  Verbreitung  der 
Floren  erklären  würde.  Die  Kletten  versinnbilden  die  Anhänglichkeit; ;  zwi- 
schen alle  anderen  Blumen  und  Ornamente  hinein  legt  sich  beherrschend 
die  männliche  Tüchtigkeit  der  Distel.  Manche  Formen  sind  wohl  allgemein ; 
einzelne  scheinen  jedoch  speciell  dem  Becher  angehörig  und  verdienen  wohl 
Beachtung.  Insbesondere  aber  predigt  der  heilige  Evangelist  Johannes,  als 
welcher  am  ehesten  jene  Figur  im  Innern  des  Deckels  aufzufassen  ist,  den 
Vertragschliessenden  die  Liebe. 

Die  vorausgegangenen  Erwägungen  als  richtig  angenommen,  gelangen 
wir  zu  dem  weiteren  Ergebnisse,  dass  einer  der  beiden  genannten  Herrscher 
die  Anfertigung  des  Pokals  veranlasst  habe.  Dieser  Auftraggeber  aber  ist  mit 
Wahrscheinlichkeit  an  dem  Kunstgegenstande  genannt :  er  findet  sich  auch 
bei  Kunstwerken  jeder  anderen  Art  aus  jener  Zeit  viel  regelmässiger  verewigt 
als  der  Künstler.  Erinnern  wir  uns  denn  des  F  I  im  Innern  des  Deckels  und 
des  Fusses  vollkommen  an  richtiger  Stelle,  so  können  wir  diese  Buchstaben 
nur  Fridericus  Imperator  lesen.  Dass  der  Kaiser,  der  höchste  aller  weltlichen 
Fürsten,  als  Auftraggeber  erscheinen  werde,  war  im  voraus  zu  vermuten. 
Man  kann  nicht  einwenden,  dass  Kaiser  Friedrich  ein  karger  Mann  war,  der 
eine  solche  Ausgabe  schwerlich  gemacht  hätte.  Ihn  auch  bei  aussergewöhn- 
lichen  Anlässen,  wie  bei  dem  vorliegenden,  eines  Aufschwunges  für  unfähig 
halten,  hiesse  ihn  vollständig  zum  Filz  stempeln,  und  das  war  er  wahrhaftig 
nicht.  Ueberdies  war  für  die  Auslieferung  der  ungarischen  Königskrone  ein 
hohes  Lösegeld  in  Aussicht  gestellt,  so  dass  auch  die  immerwährende  Geld- 
verlegenheit Friedrichs  HE.  hier  wegfällt.  Ist  der  Versöhnungspocal  auf 
Gebot  des  Kaisers  gefertigt,  so  ist  beinahe  selbstverständlich,  dass  derselbe 
in  der  Besidenz  Wiener  Neustadt  entstanden  ist,  wo  sich  damals  das  Gold- 
schmiedhandwerk einer  hohen  Entwicklung  erfreute,  wo  von  mehreren  Mei- 
stern dieses  Handwerkes  (z.  B.  Heinrich  Maierhirsch,  Wolfgang  Nachschuss) 
durch  vereinzelte  Urkunden  direct  bewiesen  werden  kann,  dass  sie  für  den 
Kaiser  gearbeitet  haben.  Es  bleibt  wirklich  an  dem  Becher  noch  ein  Zeichen 
für  den  Künstler  übrig,  wieder  an  richtiger  Stelle,  jenes  Z  nämlich  an  dem 
äusseren  Bande  des  Fusses.  Bei  der  Aufsuchung  des  Namens  müssen  wir  uns 
vergegenwärtigen,  dass  die  Technik  des  Pocals  mit  ungarischen  Schulen  jener 
Tage,  und  zwar  nach  Dr.  J.  Hampel  *  mit  der  oberungarischen  und  der  Press- 
burger Schule  eine  grössere  Gemeinsamkeit  hat.  Der  Forderung,  eine  solche 
herzustellen,  entspricht  einzig  der  Goldschmied  Wolfgang  Zulinger,  und  zwar 
in  folgender  Weise :  Seit  dem  Jahre  1431  wird  in  Wiener  Neustadt  ziemlich 


*  Siehe  dessen  eingebendes  interessantes  Büchlein  t  Das  mittelalterliohQ  Draht- 
email.» Dort  sind  auch  einzelne  Details  der  Ornamentik  des  Corvinus-Beohers  abge- 
büdet  (S.  23.) 


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222  BEZIEHUNGEN  DES  KÖNIGS  MATHIAS  CORVINUS  ZU  WIENER- NEUSTADT 

oft  ein  Goldschmied  Siegmund  Wallach  *  genannt,  der  hier  nach  und  nach 
eine  hochangesehene  Stellung  erreichte,  ein  bedeutendes  Vermögen  besass 
und  zu  Anfang  des  Jahres  1450  starb. 

Schon  sein  Name  lässt  auf  eine  rumänische  Abkunft  schliessen.  Durch 
eine  Sippschaftsweisung  seiner  Geschwisterkinder,  veranlasst  durch  die  Erb- 
schaft nach  Siegmund's  Tode,  wird  dies  auch  bestätigt :  er  bat  nämlich  diese 
Verwandten  in  Langenau,  Gimpolung  in  der  Walachei,  nicht  weit  von  der 
Grenze  Siebenbürgens,  und  mehrere  Zeugen  sagen  aus,  dass  daselbst  die 
Verwandtschaftsverhältnisse  des  verstorbenen  Wiener  Neustädter  Meisters 
hinreichend  bekannt  seien.  Es  mag  sich  Siegmund  auf  die  Wanderschaft 
begeben,  daselbst  die  ungarischen  Werkstätten  kennen  gelernt  und  sich  end- 
lich in  Wiener  Neustadt  dauernd  niedergelassen  haben.  Seine  erste  Frau  war 
Elisabeth,  und  ihre  Schwester  Ghristina  war  ebenfalls  mit  einem  Kunst- 
handwerker Hans  Schwertfeger  vermählt,  dessen  Sohn  Wolfgang  das  Gold- 
schmiedhandwerk erlernt.  Es  liegt  nahe  zu  glauben,  dass  dies  bei  dem 
Gemahl  seiner  Tante  geschah.  Obwohl  nun  zufallig  der  Familienname  dieses 
Wolfgang  nie  an  einer  solchen  Stelle  genannt  wird,  aus  welcher  sich  dessen 
Verwandtschaft  unmittelbar  festsetzen  liesse,  und  obwohl  in  der  zweiten 
Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  nicht  wemger  als  vier  Goldschmiede  mit  dem 
Namen  Wolfgang  in  Wiener  Neustadt  erwähnt  werden,  so  lässt  sich  doch 
durch  Verfolgung  aller  einschlägigen  Notizen  mit  Sicherheit  aussprechen,  dass 
der  Neffe  Elisabeth's  nur  Wolfgang  Zulinger  sein  kann.**  Auf  dem  gleichen 
Wege  lässt  sich  erweisen,  dass  Wolfgang  Zulinger  mit  der  Witwe  Anna,  der 
zweiten  Frau  des  Siegmund  Wallach,  sich  verheiratete.  Das  kann  als  ein 
Mitbeweis  dafür  dienen,  dass  er  in  der  Werkstätte  Siegmund*s  sein  Hand- 
werk erlernt  hat.  Wolfgang  Zulinger  war  schon  1457  Kirchmeister,  zu  wel- 
chem Amte  man  gern  tüchtige  Goldschmiede  nahm :  auch  Siegmund  Wal- 
lach war  viele  Jahre  Kirchmeister  von  Zemendorf,  einem  Vororte  von 
Wiener  Neustadt  gewesen. 

VI. 

Die  Friedensverhandlungen  zwischen  Friedrich  m.  und  Mathias 
gingen  nicht  so  rasch  von  statten,  als  vielleicht  zu  hoffen  gewesen  war ;  die 
Ungarn  wollten  dem  getroffenen  Vergleiche  ihre  Zustimmung  nicht  geben. 
So  verrauchte  die  Begeisterung,  und  ak  der  Friede,  erst  am  19.  Juli  1463, 
zu  Oedenburg  abgeschlossen  wurde,  fand  der  Frachtpocal  vielleicht  nicht 


*  Siehe  hierüber  den  Artikel  des  Verfassers  «Siebenbürger  in  Wiener  Neu- 
stadt .  .  .  .•  in  dem  Gorrespondenzblatt  des  Vereines  für  siebenbtlrgisohe  Landes- 
kunde 1889,  Nr.  2. 

**  Siehe  den  citirten  Artikel  des  Verfassers. 


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UND  DER  CORVINHö-BECHER.  22.^ 

einmal  die  ihm  zugedachte  Verwendung  —  war  ja  der  Kaiser  schon  wieder 
durch  andere  Sorgen  in  Anspruch  genommen.  Mochte  man  sich  desselben 
indees  bedient  haben  oder  nicht,  jedesfalls  kam  der  Pocal  in  die  Burg  zu 
Wiener  Neustadt  und  blieb  daselbst.  Und  als  Mathias  Gorvinus  im  Jahre  1487 
Herr  der  Ststdt  wurde^  musste  auch  der  Becher  in  seine  Oewalt  kommen. 
Wenn  der  König  denselben  —  etwa  bei  der  Huldigung  —  den  Bürgern  über- 
gab^ so  konnte  er  auf  die  vereinigten  Embleme,  auf  die  einstens  abgeschlos- 
sene dauernde  Versöhnung  hinweisen^  gemäss  welcher  ja  nach  dem  Tode 
des  Mathias  (ohne  Erben)  die  Dynastie  der  Habsburger  auf  dem  ungarischen 
Trone  folgen  sollte;  lauter  Momente,  welche  etwas  zur  Gewinnung  der 
Bürger  von  Wiener  Neustadt  für  seine  Herrschaft  beitragen  konnten.  Und 
damit  wäre  die  Bezeichnung  «Corvinus-Becher»  erklärt. 

vn. 

Was  die  Halskrause,  das  Barret,  den  Sattel  und  das  Reitzeug  des 
Königs  betrifft,  die  sich  gleichfalls  im  Museum  von  Wiener  Neustadt  befin- 
den, so  sind  diese  erst  im  vorigen  Jahrhundert  dorthin  gekommen.*  Sie  sol- 
len an  einem  ßeiterstandbilde  gewesen  sein,  mit  dem  der  siegreiche  Ungar- 
könig die  Kirche  der  Burg  in  Wiener  Neustadt  geziert  habe.  Dies  wäre 
zugleich  die  letzte  Beziehung,  die  Mathias  zu  Wiener  Neustadt  gehabt  -und 
zu  einer  dauernden  gemacht  hätte.  Vor  der  Frage,  wie  man  das  Standbild 
beinahe  drei  Jahrhunderte  in  der  Burg  zu  Wiener  Neustadt  stehen  lassen 
konnte^  eilischt  unsere  Aufgabe.  Dr.  Jos.  Mater. 


DER  URSPRUNG  DES  AR6IRUS-MÄRCHENS. 

Ea  ist  wohl  keine  seltene  Erscheinung,  dass  poetische  Producte  des 
einen  Volkes  zu  einem  anderen  hinwandem,  dort  durch  den  Zusammen- 
stoss  and  die  Berührung  verwandter  Bildungselemente  die  ursprüngliche 
Form  verlieren,  umgebildet,  verschmolzen  werden,  oder,  wenn  keine  ver- 
wandten Bildungselemente  vorhanden  sind,  der  entlehnte  Stoff  unverändert 
bis  in  die  untersten  Volksschichten  dringt.  Und  bei  Völkern,  welche  seit 
Jahrhunderten  auf  derselben  Erdscholle  zusammen  wohnen,  wie  Ungarn 
und  Rumänen,  ist  ein  gegenseitiger  Einfluss,  ja  ein  direktes  Entlehnen 
poetischer  Producte,  besonders  der  Volkspoesie,  etwas  fast  Selbstverständli- 
ches. Wenn  dann  der  Literarhistoriker  daran  geht,  eigenes  und  fremdes 

*  Boeheim,  Chronik  I.  S.  153. 


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224  DER   ÜB8PRÜNG   DES   ARGIRÜ8-MÄRCHBN8. 

Gut  ZU  unterscheiden,  so  stösst  er  oft  auf  Partien^  die  er  mit  einem  Frage- 
zeichen versehen  muss,  —  die  Literaturgeschichte  hat  eben  auch  ihre  Pro- 
bleme. Ein  solches  Problem  nun  bildet  auch  die  Geschichte  des  Argirus, 
welche  heute  ein  gemeinsames  Eigentum  des  rumänischen  und  ungarischen 
Volkes  ist.  Welches  hat  vom  andern  entlehnt  ? 

In  ungarischer  Sprache  erschien  die  Geschichte  des  tArgirus»  von 
Albert  Gergei  am  Anfange  des  XVIII.  Jahrhunderts  im  Druck;  in  rumäni- 
scher Sprache  dagegen  erst  am  Anfange  unseres  Jahrhunderts  von  loan 
Barac,  und  zwar  unstreitig  nach  Gergei  bearbeitet.  Nach  diesen  Thatsachen 
schien  die  Frage^  wie  die  Geschichte  des  «Argirus»  bei  den  Rumänen  popu- 
lär wurde,  eigentlich  von  selbst  gelöst:  durch  Barac's  Bearbeitung  des 
Gergei*schen  Stoflfes. 

Ganz  andere  Schwierigkeiten  dagegen  bot  die  Frage,  woher  Gergei 
den  Stofif  genommen  hat  ?  Er  selbst  gibt  an,  denselben  einer  italienischen 
Chronik  entlehnt  zu  haben,  wenigstens  kann  man  seine  Worte  so  verste- 
hen, denn  er  sagt  in  der  dritten  Strophe:  «Wo  die  Burg  des  Argirus  war, 
weiss  ich  nicht,  in  der  Chronik  aber  lese  ich,  dass  sie  im  Feenlande  gelten 
seL»  Welcher  Art  nun  die  Chroniken  waren,  die  er  las,  gibt  er  in  der 
ersten  Strophe  an,  er  wo  sagt :  «üeber  das  Feenland  habe  ich  Vieles  in  den 
itaUenischen  Chroniken  gelesen,  die  ich  ins  Ungarische  übersetzt  habe.» 
Aus  diesen  Aeusserungen  könnte  man  ohne  Weiteres  schliessen^  dass  auch  die 
Geschichte  des  «Argirus»  aus  einer  italienischen  Chronik  stamme.  Da  man  aber 
diese  Chronik  bis  heute  nicht  finden  konnte,  so  hegt  man  mit  Becht  Zweifel 
an  der  Richtigkeit  der  Aussagen  Gergei's.  Die  Frage  über  die  Quelle  des 
Argirus  in  der  ungarischen  Literatur  ist  somit  unentschieden,  und  ich 
glaube,  sie  wird  so  lange  unentschieden  bleiben,  als  man  die  Geschichte 
des  «Argirus»  nicht  näher  ins  Auge  fasst,  wie  dieselbe  im  Munde  des  rumä- 
nischen Volkes  lebt ;  aus  einem  Vergleiche  zwischen  dem  rumänischen  und 
ungarischen  Stofife  dürfte  man  eher  die  Quelle  dieses  Märchens  entdecken, 
als  durch  das  Suchen  nach  einer  italienischen  Chronik.  —  Wir  wollen  im 
folgenden  diesen  Versuch  anstellen. 

Im  Jahre  1856  erschien  in  Berlin  ein  Buch  von  Josef  Haltrich: 
«Deutsche  Volksmärchen  aus  dem  Sacbsenlande  in  Siebenbürgen.»  In  der 
Einleitung  äussert  sich  Haltrich  auch  über  die  rumänische  Volkspoesie  wie 
folgt:  «Es  ist  doch  merkwürdig,  dass  sich  kein  Rumäne  gefunden  hat,  die 
epische  Volkspoesie  zu  sammeln  und  die  grossen  geistigen  Schätze,  die  in 
der  rumänischen  Volkspoesie  verborgen  sind,  ans  TagesUcht  zu  fördern  und 
sie  vom  wissenschaftlichen  Standpunkte  zu  erläutern. »  Nun,  gesammelt  hat 
man  sie  wohl,  aber  sie  vom  wissenschaftlichen  Standpunkte  zu  erläutern, 
das  ist  schwieriger,  und  zwar  aus  folgenden  Gründen :  Wer  sich  nur  flüch- 
tig mit  der  epischen  Voikspoesie  der  Rumänen  befasst  hat,  der  muss  unbe- 
dingt   Eines    wahrgenommen  haben:   dass  die   epische   Volkspoesie   der 


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DER   URSPRUNG   DES   ARGIRUS-MÄROHBNS.  225 

Bumänen,  aIso  die  Märchen,  Erzählungeiii  Balladen,  besonders  aber  die 
sogenannten  «Colinde,»  d.  h.  Weihnachtslieder,  einen  eigentümlichen, 
dunklen,  mystischen  Gharakterzng  an  sich  tragen.  Schon  die  Namen  der 
einzelnen  Helden  klingen  höchst  merkwürdig,  z.  B.  «Serean  und  Diorean», 
«Fata  din  Daphin»  (das  Mädchen  aus  Daphin),  «ImperatulDaphin»  (Kaiser 
Daphin),  «Delia  Damian»,  «Beana  Sandiana»  oder  «Beana  Gosandiana», 
•Argir»  etc.  Man  wusste  schlechterdings  nicht,  was  man  mit  diesen  exoti- 
schen Namen  anfangen  solle,  woher  sie  stammen,  was  sie  bedeuten  ?  Und 
vielleicht  wäre  man  auch  heute  in  Bezug  auf  Vieles  im  Unklaren,  wenn 
nicht,  so  zu  sagen,  das  Volk  selbst  den  Gelehrten  Aufschluss  in  diesem  Punkt 
ertheilt  hätte.  Diese  Märchen  und  Erzählungen  haben  nämlich  die  Eigen- 
tümlichkeit, dass  sie  ausserordentlich  viele  Varianten  aufweisen,  so  dass 
z.  B.  unter  den  190  Märchen,  die  Dr.  Atanasie  Marienescu  gesammelt  hat, 
kaum  80  selbstständig  sind ;  die  übrigen  sind  alle  Varianten  der  einen  oder 
der  anderen  Erzählung.  Diese  Varianten  liefern  sozusagen  den  Schlüssel 
zum  Qeheimniss,  denn  wo  in  der  eigentlichen  Erzählung  vieles  dunkel  und 
unverständlich  ist,  darüber  erteilen  die  Varianten  oft  vollständigen  Auf- 
schluss. So  wurde  es  mögUch,  mittelst  dieser  Varianten  das  constitutive 
Element  der  rumänischen  Volksmärchen  festzustellen.  Dieses  Element  ist 
die  griechisch-römmhe  Mythe.  Nicht  nur  die  Bumänen,  auch  Fremde  haben 
dieses  erkannt.  Die  Brüder  Arthur  und  Albert  Schott  haben  im  Jahre  1845 
in  Stuttgart  ein  Werk  eben  drucken  lassen:  a  Walachische  Volksmärchen.» 
In  der  Einleitung  heisst  es:  «Die  uralten  Dichtungen  eines  Volkes,  dessen 
Schicksal  eng  verknüpft  ist  mit  dem  Schicksal  der  Brüder  in  Italien,  .... 
finden  Widerhall  in  den  Traditionen  über  die  Götter  des  Altertums.»  In 
diesem  Punkt,  kann  man  sagen,  ist  heute  jede  Discussion  ausgeschlossen, 
nur  über  die  Frage  können  die  Meinungen  auseinander  gehen,  welche 
Bolle  des  Helden  in  der  Mythologie  der  Bolle  des  Helden  im  Märchen 
entspricht  und  umgekehrt,  also  nicht  die  mythischen  Elemente  erst  con- 
statiren ,  sondern  diese  Elemente  richtig  anwenden,  das  ist  die  Aufgabe. 
Und  auf  diesem  Gebiete  hat  sich,  meines  Wissens,  Dr.  Atanasie  Marienescu 
vor  Allen  das  meiste  Verdienst  erworben.* 

Unter  den  zahlreichen  Märchen,  die  bis  jetzt  bei  den  Bumänen  gesam- 
melt wurden,  bildet  die  Geschichte  des  Argirus  und  der  Helena  den  Glanz- 
punkt, was  auch  daraus  zu  ersehen  ist,  dass  man  von  dieser  Geschichte  bis 
jetzt  nicht  weniger  alz  !21  Varianten  kennt,  die  im  Munde  aller  Bumänen 
leben :  in  Ungarn,  Bukowina,  Bumänien,  Macedonien.  In  allen  diesen  Va- 
rianten heisst  die  Heldin  Bena  oder  Jana,  mit  dem  Beinamen  Gosandiana 
oder  Sandiana,  der  Held  dagegen  Argir  oder  Fet  frumos  oder  Petrus.  Wie 
eine  und  dieselbe  Person  unter  verschiedenen  Namen  vorkommen  kann  und 

*  Siehe  die  diesbezügliohen  Publikationen  in  der  AWina,  1870 — TL 
Ungarische  Bem«,  XL  1891.  HL  HofL  ]5 


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22b  DER   UB8PBXJKO   DER   AROIRUS-MABCHENS. 

was  dieselben  bedeuten,  werden  wir  später  sehen.  Vorerst  ist  es  notwendig, 
den  Inhalt  dieses  Märchens,  wenn  auch  nur  in  allgemeinen  Zügen  kennen 
zu  lernen,  und  zwar  in  der  Gestalt,  wie  Gergei  und  Barac  uns  dasselbe 
überliefert  haben,  da  wir  von  ihnen  aus  unsere  weiteren  Untersuchungen 
anstellen  wollen. 

Argir  ist  der  jüngste  Sohn  eines  mächtige  Königs,  Namens  Adeton.  Im 
Feenlande  steht  sein  Reich.  Dieser  König  bekommt  plötzlich  in  seinem  Garten 
ein  seltsames  Wunder  zu  sehen :  einen  Apfelbaum,  der  am  Tage  blüht,  in  der 
Nacht  schon  goldene  Früchte  trägt,  die  aber  mit  dem  Morgengraaen  jedesmal 
spurlos  verschwinden.  Erbost,  dass  er  die  Aepfel  nie  zu  Gesicht  bekommen  kann, 
lässt  er  eines  Abends  Wächter  anstellen,  um  den  Bäuber  zu  ertappen.  Wie  erstaunt 
er  aber,  als  er  am  andern  Morgen  die  Wächter  alle  schlafend  findet.  Zur  Bede 
gestellt,  antworten  sie,  dass  gegen  Morgen  ein  Wind  gekommen  sei,  so  sanft  und 
berückend,  dass  sie  alle  todesähnlich  eingeschlummert  wären.  —  Nun  lässt  der 
König  einen  Hofwahrsager  holen,  der  ihm  das  Geheimniss  entdecken  soll.  Der 
Zauberer  verkündet,  dass  nur  des  Königs  8ohn  in  diese  Sache  licht  bringen  könne, 
er  solle  unter  dem  Baume  Wache  halten.  Dieses  geschieht ;  des  Königs  ältester 
Sohn  steht  Wächter,  aber  am  Morgen  findet  man  ibn  ebenfalls  schlafend.  Dasselbe 
geschieht  mit  dem  zweiten  Sohn.  Schon  hat  der  König,  ergrimmt,  den  Zauberer 
köpfen  lassen,  als  Argir,  der  jüngste  Sohn,  sich  die  Erlaubniss  erbittet,  auch  sein 
Glück  zu  versuchen.  Mit  Widerstreben  geht  der  König  auf  seinen  Wunsch  ein  und 
Argir  begibt  sich  in  den  Garten.  Er  sieht  den  Baum  grünen,  Knospen  treiben, 
sieht,  wie  die  Aepfel  schon  spriessen,  grösser  und  immer  grösser,  dann  dunkel- 
rot werden  —  als  plötzlich  sechs  Pfauen  herbeifliegen,  zuletzt  ein  siebenter,  der 
sich  zu  Argir's  Haupt  niederlässt.  Dieser  streckt  hastig  die  Hand  nach  ihm  ans, 
erfasst  ihn,  während  die  anderen  sechs  davonfliegen.  Plötzlich  schüttelt  der  Pfau 
sein  Gefieder,  ahmt  Menschenstimme  nach  —  und  vor  dem  erschreckten  Argir 
steht  ein  wunderschönes  Mädchen,  dessen  goldene  Haare  bis  zu  den  Füssen  herab- 
wallen. Das  Mädchen  erzählt  nun,  dass  sie  den  Baum  in  den  Garten  gepflanzt 
habe,  Argir  zu  Liebe,  und  dass  sie  aus  ihrem  fernen  Lande  gekommen  sei,  sich 
ihm  zum  Geschenke  zu  geben.  Unter  süssen  Worten  schlafen  sie  ein. 

Die  Königin  Mutter  indess,  vor  Begierde  brennend,  das  Besultat  ihres 
Sohnes  zu  erfahren,  schickt  schon  am  frühen  Morgen  eine  Dienerin  in  den  Garten, 
um  ihr  Nachricht  zu  bringen.  Als  die  Dienerin  die  goldenen  Haare  des  schlafen- 
den Mädchens  sieht,  schneidet  sie  hastig  ein  Büschel  ab  und  läuft  damit  athemlos 
zur  Königin.  Unterdessen  erwacht  die  Fee  und  als  sie  ihr  Haar  verunziert  sieht, 
bricht  sie  in  Wehklagen  aus ;  umsonst  sucht  sie  Argir  zu  besänftigen,  sie  kann  die 
Schande  nicht  vergessen  und  ist  fest  entschlossen,  ihn  wieder  zu  verlassen.  Da 
alle  Torstellungen  vergebUch  sind,  bittet  Argir  schUesslich,  sie  möge  ihm  ange- 
ben, wo  ihre  Burg  hege,  denn  er  will  sie  daselbst  aufsuchen.   Doch  sie  spricht: 

«Was  auch  nützt  dir's,  wenn  ich*s  sage? 
Da  kein  Mensch  es  anzufangen 
Wüsste,  dorthin  zu  gelangen. 
Denn  du  wirst  der  Schwarzburg  wegen, 


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DEi;  URSPRUNG   DEH   ARGIRUS-MÄRGHENS.  ^^7 

Die  gen  MiUernaoht  gelegen, 
Magst  da  dich  auch  no'ob  so  plagen, 
Jedermann  vergeblich  fragen ; 
Sollst  den  Ort  du  auch  ergründen, 
Eine  Sprache  dir  ihn  künden, 
Jeder  wüsst'  es  dort,  gelingen 
Kann  dir's  nicht,  zu  mir  zu  dringen.!* 

Und  damit  schwingt  sie  sich  von  der  SteUe.  Argir  zieht  nun  in  die  Welt 
hinaus,  seine  Braut  aufzusuchen.  (Bei  Gei-gei  geben  ihm  seine  Eltern  einen  Diener 
mit,  bei  Barac  lassen  sie  ihm  ein  mutiges  Pferd  satteln  ;  so  zieht  er  vom  Haus.) 

lieber  Berg  und  Tal  wandernd,  gelangt  er  nach  vielen  Drangsalen  in  eine 
Wildniss,  wo  ein  Biese  haust,  ein  einäugiges  Menschen -Ungeheuer.  Bei  diesem 
erkundigt  sich  Argir  nach  der  Schwarzburg.  Der  Biese  erwidert,  er  habe  nie  davon 
gehört,  doch  solle  er  bis  Morgen  warten,  es  kämen  zu  ihm  die  Zwerge,  einer  unter 
ihnen  müsse  ihm  sicherlich  Auskunft;  erteilen  können.  Bei  Oergei  erwartet  der 
Riese  nicht  die  Zwerge,  sondern  die  Feen,  und  als  diese  keine  Auskunft  erteilen 
können,  erscheint  zuletzt  ein  hinkender  Zwerg,  der  schon  von  Weitem  ruft,  er 
wisse,  wo  die  Schwarzburg  sei.  Auf  das  GeheisQ  des  Biesen  begleitet  der  Zwerg  den 
Eönigssohn  dahin ;  an  der  Grenze  des  Feenlandes  trennen  sie  sich.  Argir  und  sein 
Diener  nehmen  zuerst  Quartier  bei  einer  alten  Frau,  um  hier  nähere  Erkundi- 
gungen einzuziehen.  Die  AHe  erzählt  nun,  dass  in  der  Nähe  ein  ZauWrgarten 
liege,  darin  sich  jeden  Tag  die  Königin  der  Feen  ergehe.  Argir  ahnt  sogleich,  dass 
er  am  Ziele  sei.  Schon  ist  er  nahe  daran,  die  Jungfrau  wieder  zu  sehen,  als  durch 
den  Verrat  des  Dieners  und  der  Alten  die  beiden  Liebenden  für  unbestimmte  Zeit 
von  einander  wieder  getrennt  werden.  Nachdem  Argir  den  Diener  und  die  Alte' 
wegen  ihrer  Treulosigkeit  mit  dem  Tode  bestraft  hat,  zieht  er  aufs  Nene  in  die 
Welt  hinaus.  Obwohl  er  bereits  Länder  imd  Meere  hinter  sich  zurückgelassen  hat,' 
scheint  ihn  diesmal  das  Glück  verlassen  zu  haben.  Schon  will  er  verzweiflungs-* 
voll  Hand  an  sich  legen,  als  plötzhch  furchtbares  Gebrüll  an  sein  Ohr  dringt. 
Näher  in  die  Bichtimg  eilend,  gewahrt  er  drei  scheussliche  Dämonen,  die  mit  ein- 
ander in  wutentbranntem  Tone  z^iken.  Voll  Mut  tritt  Argir  zu  ihnen  und  fragt 
sie  nach  der  Ursache  ihres  Streites. 

f  Wisse,  dass  wir  Brüder  sind. 
Die  des  Vaters  Erbschaft  teilen 
Und  aus  diesem  Grund  uns  keilen  f 
Gegenstände  sind  es  drei,  f 

i  >  Die  vorhanden  sind,  und  fcei 

Sollst  du  deine  Meinung  sagen. 
Wem  dieselben  zuzuschlagen  ?  ^  .  . 
Eine  Schleuder,  ein  Paar  Schuh 
Macht  das  Erbe,  und  dazu 
Eine  Peitsche  derb  und  schUohj; ; 


*  Aus  dem  Bumanischen  des  Barac  von  L.  Vj  Fischer. 


15* 


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^^  DEB  UB8PBUNG   DES   ARGIBUS-MÄBCHENS. 

Wenn  man  dreimal  knallt  und  spricht : 
ccHip,  Hopf  trag'  mich  rasch  dahin, 
Wo  ich  weile  jetzt  im  Sinn  !•  • 
Ist  man  mit  Gedankenschnelle 
Fliegend  schon  an  Ort  and  Stelle !  .  .  . 
Unserm  mittlem  Bruder  doch 
Ward  dabei  die  Qabe  noch, 
Dass  er  den  herunterziehen 
Kann,  der  fliegend  will  entfliehen, 
Was  uns  andere  ärgern  thut!  — 
Fälle  nun  dein  ürtheil  gut  f  • 

Argir  besinnt  sich  nicht  lange  und  spricht : 

•Geht  auf  drei  verschiedene  Seiten, 
Wer  zuerst  zurück  dann  kehrt, 
Der  sei  auch  des  Erbes  wert  !i 

Jeder  läuft  ohne  Weile  davon.  Und  Argir  nimmt  sofort  die  Schleuder  um, 
zieht  die  Schuhe  an,  knallt  dreimal  mit  der  Peitsche  und  spricht : 

cHip,  hopl  bei  der  Liebsten  mein. 
Bei  der  Spröden  möcht'  ich  sein  !• 

Und  mit  Gedankenschnelle  fliegt  er  davon.  Als  die  geprellten  Dämonen 
zurückkehren,  führen  sie  aufs  neue  Streit,  besonders  der  mittlere  Dämon  sieht 
sich  arg  bedrängt  von  seinen  beiden  Brüdern,  da  er  eigentlich  an  dem  Unglück 
Schuld  sei.  Nur  dadurch  entgeht  er  dem  Tode,  dass  er  verspricht,  mittelst  seiner 
Qabe  den  Bäuber  aus  dem  Fluge  herabzuziehen.  Dies  geschieht,  und  Argir  fällt  aus 
den  Lüften  auf  ein  Gebirge,  dessen  Spitze  bis  zum  Himmel  emporzusteigen 
scheint  Er  entschliesst  sich,  hinaufsuklettem.  Unter  grossen  Beschwerlichkeiten 
erklimmt  er  die  Höhe,  und  was  er  hier  sieht,  erfüllt  ihn  mit  Staunen  und  Bewun- 
derung, —  eine  Burg,  deren  Zinnen  weithin  in  die  Feme  winken,  mit  Mauem  und 
prachtvollen  Gärten  umgeben.  Es  ist  der  Palast  der  Feenkönigin.  Während  er 
sich  derselben  nähert,  kommt  eine  Fee  des  Weges  gegangen.  Wie  sie  den  Jüng- 
ling erblickt,  läuft  sie  zurück,  um  Argir  bei  der  Königin  anzumelden.  Die  Königin 
jedoch  hält  dies  für  eine  Neckerei  und  gibt  der  Fee  einen  Streich  auf  die  Wange ; 
einer  zweiten  und  dritten  Fee,  die  mit  derselben  Meldung  eintreten,  ergeht  es 
nicht  besser ;  endlich  erscheint  Argir  selbst,  und  jauchzend  stürzen  die  Liebenden 
einander  in  die  Arme.  —  Mit  grossem  Aufwand  und  Pomp  wird  nun  Hochzeit 
gefeiert.  Da,  mitten  in  der  Fröhlichkeit  und  Lustbarkeit,  versetzt  Argir  seiner 
Braut  drei  Streiche  auf  die  Wange.  Beschämt  fragt  diese  nach  der  Ursache  und 
Argir  erwidert: 

•Was  musst'  Allee  ich  ertragen. 

Was  für  Schrecken,  was  für  Plagen, 

Dass  ich  könnt'  zu  dir  gelangen. 

Da  ich  hieher  eilte,  sahen 

Mich  drei  holde  Jungfraun  nahen, 

Die  dir  froh  die  Botschaft  brachten. 


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DBR  tJBSPRtmO   DBS  AfiOlBUS-MÄBOHflKS.  tl9 

Doch  da  sagteet  mit  Yeraohten, 
Soleher  Lüge  glaubst  du  nicht, 
Schlugst  dabei  sie  ins  Oesieht.  — 
Um  zu  mahnen  dich  daran, 
Und  dich  aus  dem  Zauberbann 
Zu  entreissen  für  das  Leben, 
Musst'  ich  dir  die  Streiche  geben.» 

Die  Braut  verzeiht  ihm,  und  von  nun  an  trübt  kein  Schatten  mehr  ihr 
Glück. 

Dies  ist  in  Kurzem  der  Inhalt 

Ich  glaube,  in  dieser  Gestalt,  wie  uns  Gergei  und  Barac  die  Geschichte 
überliefert  haben,  wird  schwerlich  Jemand  irgend  welche  mythische  Ele- 
mente erblicken  können.  Wie  kam  man  trotzdem  zu  dieser  Ueberzetigung? 
Das  Volk  selbst  spriclit  es  aus. 

In  den  sechziger  Jahren  hat  Atanasie  Marienescn  eine  Sammlung  rumä- 
nischer Yolksballaden  veranstaltet,  in  welcher  sich  eine  Ballade  befindet,  die 
auch  in  der  Alhina  1868  gedruckt  erschienen  ist,  unter  dem  Titel:  t Sonne 
und  Mondi  oder  t Jana  Cosandiana».  Es  wird  darin  erzahlt,  dass  sich  die 
Sonne  einst  in  den  Mond  verliebt  habe  und  ihn  zu  seinem  Weibe  machen 
wollte.  Der  Mond,  «Jana  Cosandiana»  genannt,  wollte  durchaus  nicht  ein- 
willigen, da  sie  ja  Geschwister  und  himmlische  Körper  wären.  Die  Sonne 
wollte  seine  Schwester  mit  Gewalt  entführen,  da  stürzte  sich  der  Mond  in 
das  Meer,  die  Sonne  ihm  nach,  und  seit  dieser  Zeit  sinken  Sonne  und  Mond 
in  das  Meer  hinab,  steigen  aus  demselben  empor  und  jagen  am  Himmel 
einander  nach.  Also  dieselbe  Idee,  die  wir  auch  bei  Ovid  in  seinem  L  Buche 
der  Metamorphosen  finden.  Was  aber  die  Ausführung  anbelangt,  gehört  diese 
Ballade  zu  dem  Schönsten,  was  rumänische  Volkspoesie  hervorgebracht  hat. 
Als  dieselbe  publicirt  wurde,  musste  es  selbstverständlich  sogleich  auffallen, 
dass  hier  der  Mond  unter  dem  Namen  «Jana»  mit  dem  Beinamen  «Cosan- 
diana» vorkommt,  also  unter  denselben  Namen,  unter  welchen  man  Argir's 
Braut  in  den  Volksmärchen  kennt. 

Es  fragt  sich  nun,  woher  hat  das  Volk  diese  Benennung  für  4en 
Mond  ?  —  Wenn  wir  die  Mythologie  aufschlagen,  so  sehen  wir,  dass  bei  den 
Bömem  der  Mond  thatsächlich  auch  «Dea  Jana»  oder  blos  «Jana»  genannt 
wurde,  auch  war  er  die  leibUche  Schwester  des  Sonnengottes  «Janus». 
Varro  I.  37,  sagt :  «Nunquam  rure  audisti  octavo  Janam  et  crescentem  et 
contra  senescentem.»*  Aus  «Dea  Jana»  wurde  später  «Dijana»  (Diana)  als 
Name  des  Mondes.  Durch  die  Berührung  mit  dem  griechischen  Cultus  wurde 
später  Diana  nicht  mehr  als  Mond-,  sondern  als  Jagdgöttin  gefeiert ;  für  den 

*  8.  At.  Marienesou :  Esplicativm  lal  Argir  si  Ilina  Cosamditma  in  der 
Albma,  1871. 


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-^  Dfift  tJl»PIlÜK6   DfiS  ABGmüS-MÄROHliNd. 

Mond  hingegen  wurde  bei  den  Bömem  allmälig  der  Name  tLuna»  gebräuch- 
lich, und  im  Rumänischen  kommt  der  Mond  nur  unter  diesem  Namen  vor. 
Der  ältere  Name  dagegen  (fJana»)  hat  sich,  wie  wir  aus  der  oben  ange- 
führten Ballade  sehen,  als  alte  Tradition  in  der  rumänischen  Volkspoesie 
bis  heute  erhalten. 

Aber  auch  der  Name  « Diana ■  zur  Bezeichnung  des  Mondes  kommt 
im  Bumänischen  vor.  Wir  haben  dafür  einen  eklatanten  Beweis,  unter  den 
yahireibhen  Varianten  des  Argirus  finden  sich  einige/ in  welchen  Argir's 
Braut  Ilona  den  Beinamen  fSandianat  führt.  Dieses  Wort  ist  entschieden 
aus  tSänt  und  Diana  zusammengesetzt;'  «Sani»  ist  das  lateinische  «San- 
ctus»,  denn  wir  haben  im  Bumänischen :  «San-Pfetru»  (heiliger  Petrus),  «San- 
Giorgiu»  (heiliger  Georg),  tSan-Mihaiut  (heiliger  Michael)  u.  s.  w.,  und 
San-Diana  (Sandiana)  muss  ohne  Zweifel  «heilige  Diana»  heissen.  Nun  sind 
San-Petru,  Sän-Giorgiu,  San-Mihaiu  u.  s.  w.  bestimmte,  von  der  Kirche 
eingesetzte  Feiertage,  zum  Andenken  an  diese  Heiligen.  Wie  ist  es  mit  Sän- 
Diana  ?  Dies  ist  ebenfalls  ein  Fieiertag,  der  auf  den  '24.  Juni  fällt.  Aber 
wem  zu  Ehren  ?  Wir  werden  sehen. 

«Sandiana»  nennt  man  im  Bumänischen  dine  gelbe,  wohlriechende 
Blume,  welche  besonders  auf  Waldwiesen  wächst,  deutsch :  «da^s  Labkraut» 
oder  «Waldmeister»  genannt.  Am  Vorabend  des  24.  Juni  nun  windet  das 
Volk  Kränze  ans  diesen  Blumen,  welche  dann  ,  in  d^t  Abenddämmerung, 
nachdem  die  Sonne  schon  untergegangen  ist,  auf  das  Hausdach  hinauf- 
geworfen werden.  Am  nächsten  Morgen,  bevor  noch  die  Sonne  aufgeht, 
werden  die  Kränze  einer  genauen  Besichtigung  unterzogen,  wobei  das  Volk 
allerlei  Betrachtungen  für  das  betreffende  Jahr  anstellt  Die  Jugend  dagegen 
schmückt  sich  mit  diesen  Blumen,  ja  selbst  das  Zugvieh  wird  damit  bekränzt 
Der  Name  «San  diana»  nun,  dann  der  Umstand,  dass  die  Kränze  nach 
Sonnenuntergang  auf  das  Dach  hinaufgeworfen  und  vor  Sonnenaufgang 
besichtigt  werden,  beweisen  deutlich,  dass  diese  Blumen  einstens  der  Diana 
als  Mondgöttin  geweiht  waren,  und  dass  wir  es  hier  mit  Beminiscenzen  des 
alten  heidnischen  Gultus  zu  thun  haben,  —  Die  christliche  Kirche  hat  dann 
auf  diesen  Tag  die  Geburt  Joh^nnis  des  Täufers  gesetzt  Dass  dies  nur  will- 
kürlich geschehen  ist,  leuchtet  ein :  es  ist  eben  der  übliche  Vorgang,  den 
die  Kirche  in  den  ersten  Jahrhunderten  stets  befolgt  hat,  wenn  es  sich  darum 
handelte,  den  heidnischen  Gultus  zu  verdränged.  So  ist  fast  alles,  was  wir  beim 
Volke  mit  dem  Namen  «Aberglaube»  bezeichnen,  bekanntlich  nichts  anderes, 
als  Beminiscenzen  des  alten  heidnischen  Gultus.  Wit  haben  demnach  nicht  nur 
in  der  Volkspoesie,  sondern  auch  in  den  Sitten  und  Gebräuchen  des  rumä- 
.  nischen  Volkes  Beweise  dafür,  dass  unter  «Jana»  und  «Sandiana»  der  Mond 
zu  verstehen  sei. 

Nun  kommt  Argir's  Braut  in  den  Varianten  auch  unter  dem  Namen 
«Ilena  Gosändiana»  vor.  Il^na  ist  hier  identisch  mit  der  Helena  aus  der 


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T>mt,  ÜRSPlttlKG  DfiS  ARGIBU8-MÄR0HBK8.  ^1 

Mythologie,  welche  ebenfalls  als  Mondgöttin  gefeiert  wurde ;  sie  hatte  a,uf 
dem  Berge  Therapne  einen  Opferaltar.  (Ovid,  Meth.  XII.)  Durch  die  Berüh- 
mng  mit  dem  römischen  Gultus  geschah  dann  eine  gewisse  Amalgamisi- 
mng :  beide  Namen  blieben  aufrecht  zur  Bezeichnung  des  einen  Begriffes, 
des  Mondes,  nämlich  Il^na  d.  h.  Helena,  und  Jana  oder  Sandiana,  und 
fanden  ihre  Weitererhaltung  in  der  Poesie,  in  den  Sitten  und  Gebräuchen 
des  rumänischen  Volkes.  Bezüglich  des  Namens  «Gosandiana»  ist  man  bis 
heute  zu  keiner  endgiltigen  Deutung  gelangt.  In  der  letzten  Silbe  jedoch  ist 
Diana  deutlich  zu  erkennen.  Wie  dem  auch  sein  mag,  aus  dem  bisher  Ge- 
sagten ist  ohne  Zweifel  zu  ersehen,  dass  unter  «Jana  Gosanidianai  oder 
•Ilena  Sandianat  der  Mond  zu  verstehen  sei.  Nun  ist  es  leicht  zu  erraten, 
wer  Argirus  sein  soll. 

Zuerst  gelangen  wir  auf  Grund  jener  Ballade  zu  dem  Schlüsse,  dass 
Argirus  die  Sonne  sein  müsse.  Aber  auch  der  Name  sagt  dieses.  Der  Sonnen- 
gott Apollo  hatte  auch  den  Beinamen  «Argirotoxos»,  also  Träger  eines  gol- 
denen Bogens,  und  wie  uns  Hesiod  versichert,  stammt  diese  Benennung 
von  den  leuchtenden  Strahlen  der  Sonne,  die  Pfeilen  verglichen  wurden. 
Nun  nehme  man  einmal  die  Varianten  zur  Hand  und  man  wird  sehen,  dass 
Argirus  stets  mit  Bogen  und  Köcher  bewaffnet  erscheint,  so  als  er  in  dem 
Garten  Wache  hält,  so  als  er  auszieht,  seine  Braut  aufzufinden.  Gewiss  ist  diese 
etymologische  Deduction  nicht  hinreichend  genug,  um  uns  diesbezüglich 
volle  Ueberzeugung  zu  gewähren.  Und  da  nehmen  wir  wieder  zu  den  Va- 
rianten unsere  Zuflucht.  Wie  bereits  erwähnt,  zieht  Argirus  bei  Barac  zu 
Pferd  in  die  Welt  hinaus.  In  anderen  Varianten  wird  nun  dieses  Pferd  näher 
beschrieben.  So  wählt  sich  Argirus  für  seine  Wanderung  ein  Pferd  aus,  wel- 
ches mit  Feuer  gefüttert  wird.  Dies  erinnert  an  die  vier  Pferde  des  Apollo, 
von  denen  das  eine  Pyrois  (Feuerpferd),  das  zweite  Aethon  (der  Leuchtende), 
das  dritte  Eos  (der  Dämmernde),  das  vierte  Phlegon  (d^r  Sprühende)  genannt 
wird.  Also  alle  sind  mit  dem  Feuer  in  Verbindung  gebracht,  weil  eben  die 
Sonne,  nach  der  Anschauung  der  Alten,  auf  einem  Feuerwagen  mit  vier 
Feuerpferden  dahinfährt.  Daher  lässt  auch  Argirus  sein  Pferd  mit  Feuer 
füttern.  In  einer  anderen  Variante  heisst  es,  dass  dieses  Pferd  von  sieben 
Jungfrauen  gepflegt  wird.  Dies  erinnert  an  die  sieben  Hören,  welche  nach 
der  Mythe  die  Pferde  Apollo 's  ein-  und  ausspannten.  In  einer  anderen  heisst 
es,  dass  der  Palast  der  Helena  auf  einer  Insel  im  Meere  gelegen  sei,  von 
wo  sie  auf  einem  zweispännigen  Wagen  ausfuhr.  Dies  erinnert  an  die  An- 
schauung der  Alten,  womach  alle  Gestirne  in  das  Meer  hinabsinken  und 
aus  dem  Meer  emporsteigen,  hier  aber  speziell  an  die  obenerwähnte  Ballade. 
Der  zweispännige  Wagen  dagegen  erinnert  an  die  Anschauung  der  Bömer, 
dass  nämlich  der  Mond  auf  einem  zweispännigen  Wagen  fahre.  tLunae  biga 
datur  semper,  solique  quadriga.»  Nach  einer  anderen  Variante  trifft  Argirus 
auf  seiner  Wanderung  einen  Greis  an,  der  über  einen  Schwann  Bienen 


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^32  D£^  ÜBSPBÜKG   Dfi8  A^GIBUB-BCÄBCHEKS. 

gebietet.  Diese  Bienen  schickt  der  Greis  aus,  um  die  Burg  der  Helena  aufzu- 
finden. Nur  eine  unter  ihnen,  die  als  die  letste  zurückgekehrt  ist,  hat  die 
Burg  aufgefunden.  Hier  ist  der  Greis,  nach  der  Anschauung  der  Alten,  die 
Personification  der  Nacht;  die  Bienen,  über  die  er  gebietet,  sind  die  Sterne.* 
Die  Biene,  die  als  die  letzte  zurückkehrt,  ist  der  Morgenstern,  denn  während 
die  anderen  Sterne  beim  ersten  Sonnenstrahl  sich  in  das  Meer  stürzen,  hat 
der  Morgenstern  allein  den  Mut,  der  Sonne  ins  Angesicht  zu  sehen,  er  weiss 
folglich  am  besten,  wohin  sich  der  Mond  versteckt  hai  (Ovid.  Met.  ü.  erkl.  von 
B.  Suchier).  Wir  sehen  also,  dass  diese  Varianten  sich  durchaus  nicht  auf 
Aeusserlichkeiten,  sondern  auf  sehr  wesentliche  Momente  beziehen.  Sie  allein 
geben  uns  vollständigen  Aufschluss  über  den  Ursprung  und  die  Bedeutung 
unserer  Erzählung,  sie  allein  bestätigen  auch  unsere  Behauptung,  dass  unter 
Argirus  die  Sonne  zu  verstehen  sei. 

Nun  kommt  in  einigen  Varianten  statt  Argirus  der  Name  Petrus  vor. 
Es  ist  schwer,  die  Ursache  anzugeben.  Indess  eine  Andeutung  zur  Lösung 
dieser  Frage  finden  wir  in  einem  rumänischen  Weihnachtsliede,  betitelt : 
«Der  Reiche  und  der  Arme».**  Dieses  Lied  ist  in  Allem  identisch  mit  der 
Mythe  von  Philemon  und  Baucis.  Zeus  pflegte  sich  nämlich  unter  allerlei 
Gestalten  zu  verbergen,  um  die  Menschen  besser  belauschen  zu  können.  So 
suchte  er  einst  in  Gesellschaft  seines  Sohnes  Hermes  eine  Gegend  Phry- 
giens  auf.  Beide  hatten  sich  als  Pilger  verkleidet,  die  eines  Obdachs  bedurf- 
ten. Ueberall  fanden  sie  die  Türen  der  Reichen  verschlossen;  nur  ein 
frommes  Ehepaar,  Philemon  und  Baucis,  gewährte  den  Unbekannten 
herzUche  GastfreundHchaft,  trotz  der  eigenen  Armut,  die  es  drückte.  Die 
beiden  Gatten  wurden  demzufolge,  als  die  Götter  von  ihnen  Abschied 
nahmen,  für  den  Beweis  ihrer  Nächstenliebe  in  einen  glückUcheren  Zustand 
versetzt,  die  reichen  Nachbarn  dagegen,  welche  den  Zorn  der  Himmlischen 
gegen  sich  heraufbeschworen  hatten,  büssten  unter  einer  sofort  über  sie 
hereinbrechenden  Wasserfluth.  Ganz  dieselbe  Geschichte  wird  nun  in  dem 
erwähnten  Weihnachtsliede  von  dem  Reichen  und  dem  Armen  wieder- 
gegeben. Die  Namen  aber  sind  unter  dem  Einflüsse  des  Christentums  durch 
andere  ersetzt.  Statt  Zeus  figurirt  Christus,  statt  Hermes  —  Petrus.  Warum 
gerade  Petrus  ?  Wahrscheinlich,  weil  Petrus  unter  den  Aposteln  als  der 
unzertrennlichste  und  intimste  Freund  an  der  Seite  Christi  erscheint ;  er 
hat  sich  sozusagen  zu  einer  zweiten  Person  nach  Christus  emporgeschwun- 
gen, zum  Apollo  neben  Zeus. 

Dass  diese  Deduction  nicht  allzu  gewagt  ist,  beweist  folgender  Um- 
stand. In  einer  Variante  aus  der  Bukovina  heisst  es,  dass  Petrus  im  Meere 

*  S.  Nork,  Mytholoffie  aus  den  VoUmnärchen,—  Friedreich,  SifmhoHk  imd  Mytho- 
logie der  Natur. 

**  S.  ColindSi  Nr.  23,  von  At.  Marieneson. 


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DER  ÜRÖPittmO   DB8   AftÖIRÜa-MARCHBNS.  ^33 

von  einem  Fische  geboren  wurde.  Wir  treffen  hier  deutlich  wieder  auf  jene 
Anschauung,  wonach  die  Sonne  und  alle  Gestirne  aus  dem  Meere  ent- 
stehen. Ovid,  Met.  V.  sagt:  «Venus  sub  pisce  latuit»,  Venus  war  in  Gestalt 
des  Fisches  verborgen,  d.  h.  Venus  wurde  aus  dem  Elemente  des  Baches, 
aus  dem  Wasser  geboren.  Petrus  ist  demnach  identisch  mit  Apollo,  mit  der 
Sonne,  mit  Argirus,  ist  eine  lAchtgoUheit,  die  nach  der  Mythe  alle  aus  dem 
Meere  geboren  werden. 

Endlich  treffen  wir  in  den  meisten  Varianten  statt  Argirus  den  Namen 
«Fet  frumos»  an.  «Fet»  ist  das  lateinische  «Fetus»  (das  Erzeugte),  im  Ru- 
mänischen speziell  auf  das  Kind  bezogen,  «frumos»  heisst  «schön»,  dem- 
nach «Fet  frumos»  das  schöne  Kind.  Dieser  «Fet  frumos»  i^t  die  wichtigste 
und  interessanteste  Gestalt  in  der  rumänischen  Volkspoesie.  Mit  äbematür- 
lichen  Kräften  geboren,  besiegt  er  Biesen,  Drachen  und  andere  Ungeheuer, 
und  befreit  die  Mensohhdt  von  ihnen.  Die  gefährlichsten  und  hidsbreche«- 
rischsten  Aufgaben,  die  man  ihm  stellt,  weiss  er  geschickt  zu  lösen.  Und 
wenn  wir  seine  Thaten  näher  ins  Auge  fassen,  so  werden  wir  nicht  eine 
einzige  finden,  die  nicht  ihren  Ursprung  in  der  griechisch-römischen  Mythe 
hätte.  Als  Beweis  mögen  hier  einige  der  auffallendsten  angeführt  werden. 
So  wird  dem  «Fet  frumos»  einmal  die  Aufgabe  gestellt,  er  solle  Wasser 
bringen  von  dort,  wo  zwei  gewaltige  Felsen  auf-  und  zuklappen.  «Fet  fru- 
mos» begibt  sich  zuerst  zur  heiligen  Venus —  «santa  Vinere»,  um  sich 
Bat  zu  holen.  Die  «santa  Vinere»  belehrt  ihn,  zuerst  einen  Vogel  durch- 
fliegen zu  lassen.  «Fet  frumos»  befolgt  ihren  Bat,  und  während  die  Felsen 
nach  dem  Zusammenklappen  beim  Durchfliegen  des  Vogels  wieder  aus- 
einandergehen, schöpft  «Fet  frumos»  Wasser  und  schwingt  sich  auf  sein 
geflügeltes  Boss.  Die  Klippen  rennen  sogleich  gegen  einander,  doch  konnten 
sie  nur  noch  die  Hinterfnsse  des  Pferdes  erreichen.  —  Wer  erinnert  sich 
hier  nicht  an  die  Argonauten  und  die  Symplegaden?  Auch  die  Argonauten 
lassen  zuerst  eine  Taube  durchfliegen,  auch  ihnen  wird  der  Hinterteil  des 
Schiffes  zertrümmert. 

Auch  die  Art  und  Weise,  wie  «Fet  frumos»  zu  dem  geflügelten  Pferde 
gelangt,  ist  echt  mythisch.  «Fet  frumos»  soll  einst  von  einem  Einsiedler 
einen  Halfter  als  Geschenk  bekommen  haben.  Wenn  er  den  Halfter  einmal 
schüttelte,  erschien  sofort  ein  geflügeltes  Boss,  das  sich  ihm  zu  Diensten 
stellte.  —  Dies  erinnert  an  den  Halfter,  den  Athene  dem  Korinthischen 
Sonnenhelden  Bellerophon  schenkte;  das  geflügelte  Boss  aber  an  den 
Pegasus,  der  nur  von  Bellerophon  gebändigt  werden  konnte,  auf  dem  dieser 
dann  gegen  Ungeheuer  kämpfte,  die  er  gewöhnlich  aus  den  Lüften  mit  einem 
Bogenschuss  eilegte.  Pegasus,  der  nach  dem  Schwertstreiche  des  Perseus 
aus  dem  Haupte  der  Medusa  entsprungen  war,  erhielt  später  bekanntlich 
seine  besondere  Bedeutung  als  Musenross. 

Ein  andermal  soll  sich  «Fet  frumos»  am  Hofe  eines  Königs  gerühmt 


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i^  f>fim  ÜftÖPRtmo   DfiS  ABGIRÜS-MABOHEKS. 

haben^  er  sei  im  Stande;  die  goldenen  Haare  der  «S6na  CJösändiaüat  m 
rauben.  Der  König  nimn(it  ihn  beim  Wort,  und  iFet  frumos»  geht  an  die 
Aasführung,  die  sehr  gefährlich  war,  denn  bis  zur  «Ilena  Goaandiana»  musste 
man  das  Grebiet  eines  neunköpfigen  Ungeheuers  passiren.  Doch  «Fet  ftumos» 
nimmt  Pfeil  und  Bogen,  schüttelt  seinen  Halfter,  das  Pferd  erscheint,  er 
schwingt  sich  auf  dasselbe  und  während  das  Ungeheuer  mit  furchtbarem 
Gebrüll  auf  sie  losstürzt,  schwingt  sich  das  Pferd  in  die  Lüfte  und  tFet 
frumos»  sendet  dem  Ungeheuer  einen  Pfeil  durch's  Herz.  HieY  haben  wir 
einen  Teil  der  Geschichte  des  Perseus,  Dieser  hat  sich  vor  dem  König  Poly- 
dektes  ebenfalls  gerühmt,  er  sei  im  Stande,  das  Haupt  der  Medusa  zu  holen. 
Der  König  nimmt  ihn  beim  Wort  und  Perseus  muss  sein  Versprechen  erfüllen. 
Der  andere  Teil  ist  wiederum  mit  der  Geschichte  des  Bellerophon  verwebt. 

Wie  diese  Yerwebung  möglich  wurde  und  warum  in  den  rumänischen 
Volksmärchen  fast  ein  und  dersiBlbe  Held  die  Thaten  verrichtet,  die  in  der 
Mythe  von  verschiedenen  Personen  ausgeführt  erscheinen,  ist  leicht  erklärlich. 
Die  meisten  mythischen  Namen  verdunkelten  sich  nämlich  im  Verlaufe  der 
Jahrhunderte,  auch  wurden  sie  direct  durch  christhche  Namen  verdrängt,  bis 
sie  sich  in  nebelhafter  Feme  verloren.  Die  Fabeln  und  Märchen  jedoch  blieben 
in  der  Erinnerung  des  Volkes  und  diejenigen,  welche  eine  gewisse  Aehn- 
lichkeit  mit  einander  hatten,  wurden  nun  Einer  Person  zugeschrieben,  die 
mittelst  Abstraction  vom  Volke  gebildet  wurde:  diese  Person  ist  tFet  frumos», 
der  als  das  Ideal  eines  Jünghnges,  wie  «U^na  Ciosandiana»  als  das  Ideal  einer 
Jungfrau  beim  rumänischen  Volke  erscheint.  Nun  können  wir  uns  auch  leicht 
erklären,  woher  die  zahlreichen  Varianten  stammen.  Jene  mythischen  Ele- 
mente, ihr  Sinn  und  Zusammenhang,  ihre  ursprüngUche  Bedeutung  ent- 
schwand dem  Volke  nach  und  nach,  die  Fabeln  und  Sagen  aber,  das  Material, 
vererbte  sich  von  Generation  zu  Generation  und  lieferte  Stoff  zu  den  mannig- 
faltigsten Gombinationen.  Solche  Combinationen  finden  sich  schon  im  Alter- 
tum und  nicht  nur  von  der  Volksphantasie,  sondern  auch  von  einzelnen 
Dichtern  ausgeführt.  Was  sind  Ovid's  Methamorphosen  anders,  als  eine 
Sammlung  von  Fabeln  und  Sagen  aus  der  griechisch-römischen  Mythologie, 
die  sich  auf  die  Verwandlungen  von  Menschen  in  Tiere,  Bäume,  Steine, 
Wasser,  Feuer  u.  s.  w.  beziehen,  und  die  Ovid  dichterisch  zu  einem  Ganssen 
zu  gestalten  suchte  ?  AUe  diese  Fabeln  und  Sagen  lebten  auch  im  Munde  des 
Volkes,  bildeten  einen  Teil  seines  Glaubens  und  hatten  ihren  Grund  in  der 
frühesten  Beobachtung  der  Verwandlungen  und  Veränderungen  in  der  Natur. 

Und  so  werden  wir  sehen,  dass  auch  die  Geschichte  deo.  Argirus  aus 
mythischen  Elementen  zusammengesetzt  ist,  die  ursprüngUch  gar  nicht  zu 
einander  gehörten,  und  die  nur  die  Volksphantasie  zu  einem  Ganzen  auf- 
gebaut hat.  Ich  meine  die  goldenen  Aepfel  und  die  sieben  Pfauen,  und  die 
Motive  mit  den  Flügelschuhen,  der  Peitsche  und  dem  Mantel.  Woher  stam- 
men sie  ?  Hören  wir,  was  uns  die  Mythologie  erzählt.   Zuerst  über  die  gol- 


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•deDen  Aepfel.  Als  Zeus  und  Hera  Hochzeit  feierten,  brachten  alle  Götter  ihre 
Geschenke  dar.  Gaia,  die  Mutter  der  Erde,  Hess  den  goldenen  Baum  wachseh, 
der  am  Ende  der  Welt  neben  Okeanos  steht  und  von  den  sieben  Hesperiden 
bewacht  wird.  Bezüglich  der  anderen  drei  Motive  erzählt  uns  die  Mythologie : 
•Als  Perseus  in  seinem  schwärmerischen  Ehrgeiz  jenes  Versprechen  abgab, 
das  Haupt  der  Medusa  zu  holen,  hatte  er  sich  unbewusst  in  eine  Gefahr 
gestürzt,  die  so  furchtbar  war,  dass  er  sie  ohne  götthche  Mitwirkung  nicht 
zu  überwinden  vermfocht  hätte.  Die  allen  Helden  geneigte  Athene  geleitete 
ihn  daher  zu  einem  Nymphengeschlechte,  das  von  Zeus  mit  der  Themis 
erzeugt  war.  Von  diesen  Nymphen  erhielt  Perseus  die  nötigen  Gegenstande, 
die  er  zur  Besiegung  der  Medusa  brauchte,  nämlich  ein  Paar  Flügelschuhe, 
•einen  unsichtbar  machenden  Helm  oder  eine  Nebelkappe  und  einen  Schnapp- 
sack. Ich  glailbe,  hiemit  haben  wir  die  Quelle  aller  jener  Elemente,  aus 
denen  unsere  Geschichte  zusammengesetzt  ist,  festgestellt :  Mythisch  ist  die 
Geschichte  an  sich  selbst,  und  ihren  eigentlichen  Kern  haben  wir  in  jener 
bereits  erwähnten  Ballade  kennen  gelernt;  mythisch  sind  die  Namen  Argi- 
rus,  d.  h.  Sonne  und  Helena,  d.  h.  Mond,  mythisch  sind  die  goldenen  Aepfel 
und  mythisch  sind  die  letzterwähnten  drei  Motive.  Nachdem  wir  so  die  Basis, 
auf  welcher  eigentlich  unsere  Geschichte  ruht,  festgestellt  haben,  wollen  wir 
nunmehr  an .  die  Beantwortung  der  Frage  gehen,  woher  Gergei  diese  Ge- 
schichte entlehnt  hat. 

Untersuchen  wir  zunächst  folgende  Frage:  hat  sich  diese  Geschichte 
unter  dem  rumänischen  Volke  durch  Barac's  Bearbeitung  des  Öergei'schen 
Stoffes  verbreitet,  oder  nicht  ?  Ist  es  einmal  constatirt,  dass  nicht  Barac  sie 
unter  die  Rumänen  gebracht  hat,  nun,  so  hat  es  auch  Gergei  nicht  gethan, 
denn  Gergei's  und  Barac's  Dichtung  ist  eins. 

Nehmen  wir  an,  Barac's  üebersetzung  hätte  den  denkbar  grössten 
Erfolg  unter  den  Rumänen  in  Ungarn  gehabt.  Aber  da  fragen  wir  uns,  wie 
ist  diese  Erzählung  zu  den  Bukovinem,  zu  den  Rumänen  in  der  Moldau  und 
Walachei,  zu  den  Macedo-Rumänen  gedrungen?  Sollte  E|arac's  Dichtung 
dies  Wunder  bewirkt  haben?  Femer,  da  die  rumänischen  Volksmärchen 
erwiesenermassen  als  mythische  Erinnerungen  von  Generation  zu  Generation 
sich  fortgeerbt  haben,  sollte  allein  die  Geschichte  des  Argirus  mit  ihrem 
mythischen  Inhalt  aus  einer  nicht  auffindbaren  italienischen  Chronik  durch 
Vermittlung  einer  ungarischen  Eunstdichtung  unter  die  Rumänen  gedrungen 
sein  und  sich  daselbst  den  ersten  Platz  errungen,  ja  eine  Menge  Varianten 
hervorgebracht  haben?  Warum  hat  das  ungarische  Volk  keine  Varianten 
hervorgebracht?  Und  wie  ist  es  zu  erklären,  dass  auch  diese  Varianten  lauter 
mythische  Elemente  in  sich  fassen  ?  Vor  Allem,  wie  ist  es  zu  erklären,  dass 
man  in  dieser  Oeschichte,  welche  die  Rumänen  nur  am  dem  Anfange  unseres 
Jahrhunderts  haben  sollen,  jene  uralten  Namen  für  den  Mond :  «Sandiana» 
und  cJana»  wiederfindet?  Sollte  dies  ein  Zufall  sein? 


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Wir  Beben,  auf  diesem  Weg  stossen  wir  auf  lauter  Unmöglichkeiten. 
Aber  nocb  viele  andere  Fragen,  die  bier  aufgeworfen  werden  müssen,  lassen 
sieb  bei  dieser  Annahme  soblecbterdings  nicht  erklaren«  So  wird  bei  Barac 
Argir*8  Braut  stets  Helena  genannt;  Oergei  dagegen  erwähnt  mit  keiner 
Silbe,  wie  sie  beisst,  er  nennt  sie  blos  «tünd^r  le&ny»  (tFeenmädebeni). 
Nun  ist  es  sehr  wichtig,  dass  auch  bei  ungarischen  Schriftstellern  Argims  mit 
Helena  in  Verbindung  gebracht  wird.  So  finden  wir  in  «DMalus  templomat 
(DaBdalus*  Tempel)  von  Gyöngyössi  folgende  Stelle :  «Auch  Argirus  erging  es 
so  mit  der  Fee  Helene,  t^  Es  fragt  sich  nun,  woher  weiss  Gyöngyössi,  dass 
Argirus  mit  der  Helena  in  Verbindung  zu  bringen  sei?  Von  Gergei?  Schwer- 
lich I  Denn  Gergei's  Argirus  ist  1763  erschienen ;  einer  älteren  Ausgabe  aus 
1749  wird  blos  Erwähnung  gethan.  «D^dalus  temploma»  aber  erschien  1727. 
Allerdings  spricht  Otroköcsy  schon  im  Jahre  1693  von  Gergei's  Argirus,  aber 
der  Helena  wird  nirgends  Erwähnung  gethan.  Demnach  müssen  wir  Gyön- 
gyössi's  Quelle  anderwärts  suchen.  Vorläufig  führen  wir  noch  eine  andere 
Stelle  aus  der  ungarischen  Literatur  an,  bevor  wir  irgend  einen  Scbluss 
ziehen.  In  einem  Gedichte  von  Abraham  Barcsay  heisst  es : 

Megbocsdss,  }6  n^näm,  ^n  ki  Däciäban 
Születtem,  Ilona  tündSr  orszdgdban  — 
Ämbiir  sz6p  olähnäk  hordoztak  pölyAban ** 

Auf  Grund  dieser  Stellen  fragen  wir  uns  nun,  ist  es  möglich,  dass 
Jemand  das  Land  Siebenbürgen  «Helene's  Feenlandt  nenne  auf  Grund  des 
Gergei'scheu  Gedichtes,  in  welchem  mit  keiner  Silbe  weder  das  Wort  Sieben- 
bürgen noch  Helene  vorkommt,  aber  auch  sonst  kein  anderes  Wort  existirt, 
aus  welchem  man  diesen  Scbluss  ziehen  könnte  ?  —  Ist  es  möglich,  dass 
Jemand  Argir's  Braut  Helene  nenne  auf  Grund  des  Gergei'schen  Gedichtes, 
in  welchem  dieser  Name  gar  nicht  vorkommt?  Nein,  Gergei's  Dichtung  gibt 
weder  in  der  einen  noch  in  der  anderen  Beziehung  Veranlassung  dazu.  Wo 
ist  also  die  Quelle  zu  suchen  ?  Etwa  unter  dem  ungarischen  Volke,  welches 
nur  die  Gergei'scbe  Dichtung  kennt,  oder  unter  dem  rumänischen  Volke, 
wo  die  Geschichte  des  Argirus  und  der  Helena  in  massenhaften  Varianten 
lebt,  wo  jede  schöne  weibliche  Person  in  seinen  Märchen  den  Namen  Helena 
führt  und  wo  diese  Helena  zu  einem  nationalen  Typus  geworden  ist  ?  Ich 
glaube,  Barcsay  spricht  deutlich  genug :  Rumänische  Frauen,  die  ihn  als 
Kind  auf  ihren  Armen  getragen,  haben  ihm  diese  und  ähnliche  Geschichten 
von  der  schönen  Uena  erzählt,  und  wie  er,  werden  hunderte  und  tausende 
Ungarn  gewesen  sein,  die  auf  diesem  Wege  oder  durch  täglichen  Umgang 


"^  Siehe  Gustav  Heiniich,  Argirus  in  Budapesti  Szemle  pro  Angnst  1890. 
**  D.  h.  Verzeih'  giite  Tante,   ich,  der  ich  in  Dacien,  im  Feenlande  der  lidme^ 
geboren  bin  —  obwohl  mich  schöne  Rumäninnen  in  den  Windehi  getragen. .... 


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DER  UBSPBÜNO   DES  ABOIBT78-MÄBOHEM6.  ^^7 

mit  Bumänen  solche  Feengeschichten  gehört  haben.  Nun  finden  wir  es  begreife 
lieh,  wenn  Otroköcsy  sagt :  tN41unk  Tünderorsz^  alatt  rendesen  Erdtiyt 
ertik».*  Aber  wir  finden  jetzt  auch  begreiflich,  warum  Barac  in  seiner  Dich- 
tung das  ergänzt,  was  (rergei  unterlassen  hat :  als  Barac  nämUch  den  unga- 
rischen Text  las,  erinnerte  er  sich  sogleich,  wie  diese  Geschichte  im  Munde 
des  rumänischen  Volkes  lebt,  und  sd  setzte  er  den  Namen  Helena  ein.  Dass 
er  sich  trotzdem  fest  an  Gergei  klammert,  hat  seinen  guten  Grund.  Barac 
wollte  diese  Geschichte,  die  im  Volke  in  Prosagestalt  lebt,  in  Verse  und 
Beime  umsetzen,  und  so  nahm  er  sich  Gergei's  Dichtung  zum  Muster,  denn 
Barac  spielt  als  Dichter  eine  ziemlich  untergeordnete  Bolle. 

Indess  weichen  sie  auch  wesentlich  von  einander  ab.  Und  gerade  in 
jenen  Punkten,  in  denen  sie  von  einander  abweichen,  erkennen  wir  ihre 
gemeinsame  Quelle.  Eine  kurze  Analyse  des  Gedichtes  wird  das  Gesagte 


Gergei  erzählt,  dass  der  Biese  den  Argirus  aufigefordert  hätte,  bis 
Morgen  zu  bleiben,  es  kämen  die  Feen,  die  müssten  über  die  Schwarzbuig 
Auskunft  erteilen  können.  Die  Feen  kommen  —  aber  keine  kann  Bescheid 
geben.  Da  sei  ein  hinkender  Zwerg  gekommen,  der  habe  Argirus  nach  der 
Schwarzburg  hingeleitei  Nun  fragen  wir  uns,  ist  es  möglich,  dass  die  Feen 
den  Aufenthalt  ihrer  Königin  nicht  wissen  sollten,  denn  Gergei  nennt  Argir's 
Braut  ausdrücklich  die  t Königin  der  Feen»  ?!  Und  dann,  wie  kommt  der 
Zwerg  in  die  Geschichte  hinein,  denn  wenn  der  Biese  die  Absicht  gehabt 
hätte»  auch  die  Zwerge  zu  sich  zu  citiren,  so  hätte  er  sie  alle  dtirt,  nicht 
nur  den  einen,  und  noch  dazu  den  hinkenden,  von  dem  am  allerwenigsten 
etwas  SU  erwarten  war?!  Wenn  wir  die  rumänischen  Varianten  zur  Hand 
nehmen,  so  erklärt  sich  die  Bache.  In  einigen  derselben  erscheinen  nämlich 
nur  die  Feen,  und  diese  erteilen  auch  Auskunft,  weil  eben  von  ihrer  Königin 
die  Bede  ist.  In  anderen  erscheinen  nur  die  Zwerge,  und  der  letzte,  der  hin- 
kend herankommt,  weiss  Bescheid.  Gergei  hat  nun  beide  Varianten  gekannt 
und  hat  von  beiden  etwas  genommen,  ohne  den  Widerspruch  zu  bemerken. 
Barac  ist  vorsichtiger  in  diesem  Punkt,  bei  ihm  erscheinein  nur  die  Zwerge, 
und  ohne  Zweifel  hat  er  sie  aus  einer  Variante  entnommen,  denn  sonst 
sehen  wir  wahrlich  keinen  Grund,  warum  er  gerade  in  diesem  Punkt  hätte 
von  Gergei  abweichen  sollen.  Ferner  spricht  Barac  von  sieben  Pfauen,  Gergei 
dagegen  von  sieben  Schwänen;  bei  Barac  ist  der  Aufenthalt  Argir*s  beim 
Biesen  mit  einigen  Episoden  verbunden,  Gergei  übergeht  diese  gänzlich. 
Auch  hier  sehen  wir  keinen  Grund,  warum  Barac  von  Gergei  hätte  abweichen 
sollen,  wenn  nicht  die  Varianten  ihn  dazu  getrieben  hätten,  denn  in  den* 
selben  wird  thatsächlich  bald  von  Pfauen,  bald  von  Schwänen,  bald  von 


*  Siehe  G.  Heinrich,  a.  a.  0.  (cBei  uns  versteht  man  unter  dem  Feenhmde  in 
der  Begel  Siebenbürgen.  •) 


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2^  DER  URSPRUNG  DES  AROIRUS-MÄRCHBNS. 

Tauben  und  bald  —  von  Sternen  gesprochen,  ein  Beweis  mehr,  dass  diese 
Geschichte  unter  den  Bumänen  vor  Barac  existirt  hat,  und  diese  Existenz 
kann  es  doch  unmöglich  dem  Gergei  verdanken,  da  (}ergei  erst  dureh  Barac. 
in's  Bumänische  äbersetzt  wurde. 

Dagegen  ist  dem  Barac  an  einer  anderen  Stelle  ein  Lapsus  widerfahren. 
Er  erzählt  nämlich,  dass  Argirus  zu  Pferd  ausgezogen  sei,  ohne  irgend  eine 
Begleitung.  Im  Verlaufe  der  Erzählung  scheint  er  dies  vergessen  zu  haben, 
denn  wir  hören  nichts  mehr  von  dem  Pferde.  Diese  Stelle  ist  lehrreich,  denn 
sie  zeigt  uns  zugleich,  wie  unsere  Geschichte  aus  verschiedenen  Elementen 
zusammengesetzt  ist.  Wir  haben  nämlich  Varianten,  wo  Argirus  zu  Pferde 
auszieht.  In  diesen  aber  fehlt  consequent  die  Greschichte  mit  den  drei  Wun- 
derdingen. Selbstverständlich^  denn  in  diesem  Falle  sind  sie  unbrauchbar; 
das  Pferd  hat  Flügel,  wird  mit  Feuer  gefüttert,  ist  ühernatürUch  und  weiss 
somit  wo  die  Schwarzburg  liegt,  nur  ist  der  Weg  dahin  mit  Gefahren  ver- 
bunden, und  diese  Gefahren  besiegt  AVgirus  eben  mit  seinem  Wunderpferde. 
In  anderen  Varianten,  wie  bei  Gergei,  fehlt  das  Pferd,  aber  da  treten  die  drei 
Wunderdinge  in  die  Composition  ein,  denn  anders  könnte  Argir  zu  seiner 
Braut  nicht  gelangen.  Sowohl  das  Wunderpferd  als  auch  die  drei  Wunder- 
dinge gehören,  wie  wir  gesehen  haben,  verschiedenen  Mythenkreisen  an.  Das 
Volk  aber,  das  sich  an  den  ursprünglichen  Sinn  und  Zusammenhang  dieser 
Sagen  nicht  mehr  erinnern  konnte,  hat  nun  diese  Elemente  in  geschickter 
Weise  zu  den  verschiedenartigsten  Varianten  verwendet  Es  ist  vielleicht 
nicht  uninteressant,  hier  über  die  Entstehungsweise  solcher  Varianten  etwas 
anzuführen.  Der  Ort,  wo  solche  Varianten  entstehen,  ist  gewöhnlich  die 
Spinnstube.  In  jeder  Gemeinde  existiren  während  des  Winters  mehrere  der- 
selben. Spinnen  und  Märchen  erzählen  bilden  daselbst  zwei  fast  unzertrenn- 
liche Begriffe.  Das  Märchenerzählen  geht  folgendermassen  vor  sich :  Jemand 
beginnt  mit  einem  Märchen.  Nach  einer  kurzen  Weile  wird  der  Name  irgend 
einer  der  anwesenden  Personen  aufgerufen  oder  man  wirft  ihr  irgend  ein 
Zeichen  zu.  Diese  muss  sogleich  in  der  Erzählung  fortfahren.  Wenn  sie 
glaubt,  genug  erzählt  zu  haben,  wirft  sie  das  Zeichen  einer  dritten  Person  zu 
u.  s.  w.  Auf  diese  Weise  dauert  ein  einziges  Märchen  oft  stundenlang.  Dasa 
dabei  die  verschiedenartigsten  Stoffe  unter  einander  gemengt  werden,  ist 
selbstverständlich.  Ja,  man  betrachtet  es  als  ein  Zeichen  des  Scharfsinnes 
und  der  Geistesgegenwart,  wenn  die  aufgeforderte  Person  an  die  begonnene 
Erzählung  sogleich  irgend  einen  verwandten  Stoff  anknüpfen  kann.  Es  lässt 
sich  somit  leicht  erklären,  woher  die  zahlreichen  Varianten  stammen.  Aber 
wir  haben  hier  zugleich  einen  Fingerzeig,  wie  rumänische  Märchen  auch 
unter  die  anderen  mitwohnenden  Nationen  dringen  konnten.  In  Gemeinden 
von  gemischter  Bevölkerung  nämlich  hat  die  Spinnstube  oft  einen  inter- 
nationalen Charakter,  der  Ungar  besucht  sie  ebenso  wie  der  Sachse.  Wir 
brauchen  uns  demnach  nicht  mehr  zu  wundem,  wenn  in  der  Samnüung 


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DBB  ÜB8PBUNO  DBS  AlCGIBUß-lCABCHENS.  ^^^ 

sächsischer  Volksmärchen  von  Halbrioh  nicht  weniger  als  fünfzehn  Stücke 
für  rumänisch  erkannt  wurden.* 

Sowohl  Gergei  als  auch  Barac  haben  mehrere  Varianten  des  « Argirus» 
gekannt,  aber  sie  schlecht  angewendet,  wie  wir  gesehen  haben,  denn  sonst 
hätten  sie  solche  Compositionsfehler  nicht  begehen  können,  und  dass  beson- 
ders Barac  mehrere  derselben  gut  gekannt  hat,  beweist  folgender  Umstand. 
Barac's  Dichtung  ist  um  Vieles  länger  und  breiter  als  die  Gergei's.  Dieses 
Plus  fallt  entschieden  auf  die  Ausschmückung  in  der  Erzählung.  Und  diese 
ist  sehr  schön :  einfach,  leichtdahinfliessend,  hie  und  da  schalkhaft  —  eine 
echte  volkstümliche  Darstellung.  Manche  Partien  finden  sich  wörtlich  in 
den  Varianten  wieder.  Nun  lese  man  von  demselben  Dichter  beispielsweise 
iDie  Zerstörung  Jerusalem  *si  in  neun  Gesängen.  Man  glaubt  einen  Menschen 
vor  sich  zu  sehen,  der  in  einen  lehmigen  Boden  gesunken  ist  und  nun  aus 
demselben  sich  herauszuarbeiten  sucht,  —  so  schwerfä,llig  und  unbeholfen 
ist  er  an  manchen  Stellen.  Natürlich,  hier  konnte  er  nicht  aus  dem  Volks- 
munde hören,  wie  man  erzählen  und  beschreiben  soll. 

Auch  die  drei  Wunderdinge  sind  in  unserer  Erzählung  von  der  Volks- 
phantasie der  Grundidee  entsprechend  umgeändert  worden.  In  der  Mythe 
hat  jedes  Ding  seinen  besonderen  Zweck,  ebenso  in  den  einzelnen  Varianten. 
Die  Kappe  macht  unsichtbar,  die  Schuhe  verleihen  Flugkraft,  die  Peitsche 
oder  Schleuder  verwandelt  nach  Wunsch  jeden  Gegenstand  sogleich  in  Stein. 
In  unserer  Erzählung  haben  alle  drei  Gegenstände  eine  und  dieselbe  Kraß : 
die  Weiterbeförderung  im  Fluge  an  den  gewünschten  Ort.  Und  dies  ent- 
spricht vollkommen  der  -Grundidee  in  der  Erzählung :  Argirus  wünscht  sich 
nichts  anders,  als  die  Burg  seiner  Braut  aufzufinden.  Diese  drei  Motive 
bekommen  in  den  Varianten  nur  dann  ihre  specielle  Kraft,  wenn  Argunis  mit 
Ungeheuern  su  kämpfen  hat 

Und  eben  auch  dieser  Umstand,  dass  diese  verschiedenartigsten  Va- 
rianten unter  den  Bumänen  vor  Barac  existirten,  lassen  keinen  Zweifel  dar- 
über, dass  Gergei  den  Stoff  zu  dieser  Geschichte  aus  dem  Bumänischen  ent- 
lehnt hat.  Diese  Behauptung  haben  wir  bisher  blos  auf  Deductionen  basirt. 
Nun  finden  sich  auch  im  ungarischen  Texte  einige  Ausdrücke,  die  entschieden 
zu  dieser  Annahme  hindrängen.  Dort,  wo  Gergei  von  den  drei  Wunderdingen 
spricht,  gebraucht  er  zur  Bezeichnung  der  Flugelschuhe  den  Ausdruck 
«bocskort.  Da  nun  das  ungarische  Volk  den  «bocskort  nicht  trägt,  so  muss 
Gergei  in  der  Quelle,  aus  der  er  geschöpft  hat,  Ursache  gefunden  haben, 
diesen  Ausdruck  zu  wählen.  Und  die  Ursache  kann  nur  darin  liegen,  dass 
Gergei  aus  einer  rumänischen  Quelle  geschöpft  hat,  denn  das  rumänische 
Volk  hat  nur  den  t bocskor»  und  in  seinen  Märchen  tragen  sogar  die  Königs- 
si^me  und  Prinzen  den  «bocskort.  Man  beachte  nur,  wie  diese  drei  Wunder- 

*  Siehe  Doi  fiU  ootofeU  von  At.  Marienescu  in  der  AUma,  1871. 


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DER  URSPRUNG   DBS   ARGIRUS-MARCHENS. 


dinge  bei  anderen  Völkern  vorkommen.  Der  Türke  z.  R  spricht  von  Turban, 
Pantoffeln  und  Teppich ;  die  Motive  sind  also  vorhanden,  aber  bei  der  Gon- 
cretisirung  wurden  sie  sozusagen  nationalisiri  Koch  deutlicher  spricht  eine 
andere  Stelle  im  ungarischen  Texte.  Es  heisst  daselbst :  tMonda  a  sz^p 
leäny:  t^r^ir^y  szerelmem!»  («Sprach  das  schöne  Mädchen:  Argire,  mein 
Liebster  !•)  Wie  wir  sehen,  ist  «Argire»  der  Vocativ.  Aber  in  welcher  Sprache? 
In  der  ungarischen  nicht !  In  der  italienischen  ?  Auch  nicht,  denn  im  Italie- 
nischen gibt  es  keinen  Vocativ,  es  müsste  also  der  Nominativ  sein.  Aber  da 
fragen  wir  uns,  warum  gebraucht  Gergei  diese  Form  des  Nomiilativs  nicht 
auch  an  anderen  Stellen?  er  wendet  fünfundzwanzigmal  den  Ausdruck 
«Argirusi  an,  warum  gebraucht  er  gerade  hier  diese  Form  des  Nominativs? 
Indess  der  Nominativ  kann  es  auch  nicht  sein,  denn  dieser  müsste  von 
Argirus,  nach  dem  Geiste  deir  italienischen  Sprache,  «Argiro»  lauten.  Es  ist 
eben  weder  eine  italienische,  noch  eine  ungarische  Form,  es  ist  der  reine 
rumänische  Vocativ,  der  von  «Argirus»  nicht  anders  als  «Argire»  lauten  darf, 
und  Gergei  hat  diese  Form  benützt,  weil  er  sie  so  gehört  hat  und  weil  sie 
ihm  in  das  Versmass  passte. 

Wie  steht  es  aber  mit  den  eigenen  Aussagen  Gtergei's,  dass  er  nämlich 
diese  Geschichte  aus  dem  Italienischen  übersetzt  habe?  Wir  haben  gesehen, 
dass  die  diesbezügliche  Stelle  dunkel  genug  ist.  Doch  geben  wir  zu,  Gergei 
habe  thatsächlich  sagen  wollen,  er  habe  die  Geschichte  des  Argirus  einer 
italienischen  Chronik  entnommen,  wie  gestaltet  sich  dann  die  Sache?  Wir 
müssen  in  diesem  Falle  folgende  Frage  untersuchen :  hat  Gergei  Ursache 
gehabt,  statt  der  rumänischen  Quelle  eine  itaUenische  anzugeben?  Auf  diese 
Frage  können  wir  mit  einem  entschiedenen  «Ja»  antworten.  Wir  dürfen 
dabei  nicht  etwa  an  politische,  sondern  an  rein  literarische  Beweggründe 
denken.  Seit  die  Ereuzzüge  die  Völker  des  Occidents  und  Orients  in  nähere 
Berührung  mit  einander  brachten,  begann  auch  der  Geist  orientalischer 
Volkspoesie  nach  Europa  zu  strömen.  Diese  Strömung  hatte  im  XV.  und 
XVL  Jahrhunderte  ihren  Höhepunkt  erreicht  und  die  Vermittlung  stellte 
Italien  her,  so  dass  dieses  Land  die  eigentliche  Heimat  der  Feenmärchen  in 
Europa  wurde.*  Alles,  was  in  diesem  Grenre  poetisch  bearbeitet  und  erzeugt 
wurde,  mochte  es  woher  immer  stammen,  führte  man  auf  Italien  zurück. 
Aus  einer  italienischen  Chronik  geschöpft  zu  haben,  war  das  beste  Empfeh- 
lungsschreiben, das  man  einem  derartigen  poetischen  Froduote  in  die  Welt 
mitgeben  konnte  —  gerade  so,  wie  man  in  Deutschland  im  XVIH.  Jahr- 
hunderte sogar  die  urgermanische  Geschichte  Siegfried's  für  französisch  aus- 
gab, um  ihr  die  grösstmögliche  Verbreitung  zu  verschaffen.  Nun  wissen  wir 
allerdings  nicht  genau,  wer  Gergei  war,  wann  und  wo  er  gelebt  hat  Die  all- 
gemein acceptirte  Ansicht  jedoch  ist  die,  dass  er  ein  Siebenbürger  war  und 

*  Siehe  Gustav  Heinrich,  a.  a.  O. 


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DIE   GBTKEIDB-VEBSORGUNG   OSTERKEICH- UNGARNS  UND   DEUTSCHLANDS. 


2U 


dass  sein  Leben  in  das  XVI.  Jahrhundert  fallt,  also  in  jene  Zeit,  wo  die 
obenerwähnte  Manie  so  mächtig  war,  dass  er  nur  dem  herrschenden  Zeit- 
geiste folgte,  wenn  er  die  Geschichte  des  Argirus  für  italienisch  ausgab.  Um 
dann  diese  seine  Aussage  halbwegs  glaubwürdig  zu  machen,  bediente  er  sich 
auch  in  der  Darstellung  solcher  Ausdrücke,  die  auf  Italien  hinweisen,  wie 
Cypressen,  Orangen,  Lorbeer  u.  s.  w.  Dass  es  sich  hier  aber  nur  um  einen 
ganz  unschuldigen  und  zeitgemässen  Kunstgriff  handelt,  und  dass  Gergei 
aus  einer  rumänischen  Quelle  geschöpft  hat,  ersieht  man  auch  daraus,  dass 
dieses  Märchen  unter  den  Magyaren  in  Ungarn  bei  Weitem  nicht  so  ver- 
breitet und  volkstümlich  ist,  als  unter  den  Magyaren  in  Siebenbürgen,  weil 
sie  eben  hier  in  grösserem  Gontacte  mit  den  Rumänen  leben,  als  im  eigent- 
lichen Ungarn. 

Auf  Grund  dieser  äusseren  und  inneren  Kriterien  glaube  ich  entschie- 
den annehmen  zu  dürfen,  dass  Gergei  den  Stoff  zur  Geschichte  des  Argirus 
aus  dem  Bumänischen  entlehnt  hat.  Georg  Popp.^ 


DIE  GETREIDMEESOKGÜNG  ÖSTERREICH-UNGARNS  UND 

DEUTSCHLANDS. 
Aus  dem  (^esiohtspmikte  des  abzuachliessenden  Handels-  und  ZoUvertrages.^ 

Der  Finanzminister  Busslands  befasste  sich  in  einer  vor  kurzer  Zeit 
erschienenen  sehr  interessanten  Publication,^  in  welcher  er  die  Stellung 
Busslands  auf  dem  internationalen  Getreidemarkte  untersucht,  auch  mit 
der  wichtigen  Frage,  ob  die  Agrar- Zölle,  mit  welchen  Deutschland  und, 
dessen  Beispiel  folgend,  die  meisten  europäischen  Staaten  ihre  Agricultur 
vor  der  Concurrenz  der  im  grossen  Maasse  Getreide  producirenden  Staaten 

^  VgL  zu  diesem  Artikel  den  Auszug  aus  einem  Vortrage  Gustav  Heinrich 's 
über  Argirus  in  dieser  Ungarischen  Revue  IX.,  1889,  S.  46  —  Die  obige  Darstellung 
wird  unstreitig  dazu  beitragen,  das  Dunkel  zu  lüften,  welches  auf  der  Frage  nach  dem 
Ursprünge  dieses  Märchens  lastet,  denn  —  hei  aller  Anerkennung  für  die  Umsicht 
und  den  Schar&lnn  des  Verfassers  —  darf  doch  behauptet  werden,  dass  seine  Folge- 
rungen über  die  Grenze  der  Wahrscheinlichkeit  nicht  hinausreichen.  D.  Red* 

*  Diese  Abhandlung  wurde  noch  im  vergangenen  Herbst  geschrieben  und 
erschien  im  Dezember-Heft  der  imgar.  Nationalökonomischen  Revue.  Was  seitdem 
geschah,  dient  zur  Rechtfertigung  der  hier  entwickelten  Ideen.  Die  Frage  ist  jedoch 
bisher  noch   nicht   gelöst,    demnach   diese  Abhandlung   auch  jetzt   noch  zeitgemäfi& 

D.Bed. 

*  Ein  weitläufiger  Auszug  hie  von  ist  im  April-Heft  vom  Jahre  1890  des  durch 
den  französischen  Ackerbau-Minister  herausgegebenen  « Bulletin  •  enthalten. 

UagftTtooh»  BeriM,  XI.  1891.  m.  Heft.  IQ 

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242  DIE   GETREIDB-VBRBOROÜNG 

schützen,  eigeDtlich  durch  die  Producenten  der  Export- Länder  oder  durch 
die  Consumenten  jener  Staa.ten  getragen  werden,  in  welchen  die  Schutzzölle 
in  Anwendung  stehen? 

Diese  Frage  ist  für  Bussland  von  grosser  Wichtigkeit,  denn  wenn  es 
wahr  wäre,  womit  man  die  (Getreide-Zölle  zu  begründen  pflegt,  dass  die- 
selben nämlich  ohnehin  durch  die  ausländischen  IVoducenten  bezahlt  wer- 
den, würde  Bussland  nur  in  dem  einen  Jahre  1888  an  Deutschland  12*5 
MilUonen,  an  Frankreich  11*8  Millionen«  an  Italien  aber  15  Millionen  Me- 
tallrubel Tribut  entrichtet  haben. 

Das  Ajüom  der  Schutzzölle  wäre  —  nach  dieser  Quelle  —  richtig, 
wenn  die  Production  der  importirenden  Staaten  die  zur  Ernährung  der 
Bevölkerung  erforderliche  Menge  an  Getreide  decken  würde;  denn  es  könnte 
in  diesem  Falle  fremdes  Getreide  nur  dann  auf  die  inländiscl^en  Märkte 
gelangen,  wenn  die  ausländischen  Exporteure  ihr  Getreide  um  den  ganzen 
Zollbetrag  billiger  als  die  Local- Marktpreise  anbieten  würden.  In  jenen 
Staaten,  in  welchen  Schutzzölle  bestehen,  ist  aber  der  Bedarf  factisch 
grösser  als  das  Angebot,  was  notwendigerweise  das  Steigen  der  Preise  ver- 
ursacht, wodurch  der  Zollertrag  so  ziemlich  ausgeglichen  wird. 

In  der  schon  erwähnten  Quelle  ist  ein  Vergleich  aufgestellt  zwischen 
den  Preisen  des  russischen  Getreides  auf  den  Märkten  jener  Staaten,  welche 
sich  durch  Zölle  nicht  schützen  und  den  Marktpreisen  derjenigen  Staaten, 
wo  Schutzzölle  bestehen,  und  das  Endresultat  dieser  Parallele  ist,  dass  der 
grösate  Teil  der  Getreidezölle  nicht  die  fremden  Producenten,  sondern  die 
inländischen  Consumenten  belastet.  Gleichzeitig  wird  die  Behauptung  auf- 
gestellt, dass,  in  welchem  Maasse  die  Nachfrage  in  jenen  Staaten,  deren 
Production  den  inneren  Gonsum  zu  decken  nicht  im  Stande  ist —  zunimmt,  ein 
umso  grösserer  Teil  an  Zollabgaben  auf  dieselben  ei^t&llt,  die  Getreide 
exportirenden  Länder  hingegen  von  den,  ihren  Export  belastenden  Tribut 
in  demselben  Maasse  befreit  werden. 

Diese  Schlussfolgerung  bestätigen  auch  andere,  auf  gleichen  Grund- 
lagen aufgestellte  Studien  und  es  steht  gegenwärtig  schon  fast  ganz 
ausser  Zweifel,  dass,  wenn  auch  von  den  deutschen  Agrar-ZöUen  für  die 
deutschen  Landwirte  einiger  Nutzen  sich  ergab,  dieselben  für  die  ganze 
Volkswirtschaft  der  deutschen  Nation  nur  mit  Schaden  verbunden  waren. 
Deutschland  beging  daher  auch  aus  dem  Gesichtspunkte  der  eigenen  Inter- 
essen einen  grossen  Fehler,  als  es  mit  den  Agrar-Zöllen,  welche  das  Land 
vor  der  Concurrenz  der  im  riesenhaften  Maasse  Getreide  billig  produzie- 
renden Staaten  zu  schützen  berufen  waren,  nicht  nur  diese  von  den  Märkten 
ausschloss,  sondern  auch  jene  Staa^n,  welche  weder  durch  die  Menge  noch 
die  Billigkeit  ihrer  Production  gefährliche  Gonourrenten  der  deutschen  Agri- 
eultur  waren. 

Wir  wollen  uns  keinen  Becriminationen  hingeben ;  die  gewonnenen 


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Ö8TBRREIC5H-UNGARN8   UND    DEUTSCHLANDS.  2i3 

Erfahrungen  jedoeh  müssen  in  der  Zukunft  nach  Möglichkeit  nützlich  ver- 
wertet werden.  Diese  Erfahrungen  sind  eben  gegenwärtig  von  grösstem 
Nutzen,  da  Deutschland  mit  der  bisherigen  engherzigen  Wirtschafts-Politik 
zu  brechen  und  mit  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie  einen  neuen 
Zollvertrag  zu  schliessen  beflissen  ist. 

Die  Verhandlungen  zwischen  der  ungarischen  und  österreichischen, 
sowie  der  deutschen  Regierung  haben  thatsächlich  begonnen^  und  man 
kann  dem  Abschlüsse  derselben  mit  Aussicht  auf  Erfolg  entgegensehen. 
Ein  sehr  günstiger  Umstand  ist  vor  allem  jene  Aufrichtigkeit  und  Innigkeit 
des  politischen  Bündnisses,  welche  so  den  Völkern  der  Monarchie  wie 
den  Bewohnern  Deutschlands  bereits  ins  Blut  übergegangen  ist.  Dieser 
Umstand  führt  die  Regierungen  der  verbündeten  Staaten  mit  der  Kraft  der 
logischen  Notwendigkeit  dem  Abschlüsse  eines  wirtschaftlichen  Bündnisses 
entgegen.  Ein  derartiger  Factor  ist  femer  die  Solidarität  der  Interessen 
beider  Staaten  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie,  welche  der  unga- 
rische Handelsminister^  als  er  sich  unlängst  im  Parlament  äusserte,  so 
beBttmnl»  so  überzeugend  und  mit  so  viel  staatsmännischer  Weisheit  betont 
hai  Die  SoUdarität  der  Interessen  wird  es  nicht  gestatten,  dass  das  in  Aus- 
sicht genonunene  wirtMhaftliche  Bündniss  mit  Deutschland  aus  kleinlicher 
Eifersüchtelei  oder  Selbstsucht  SchifiTbruch  leide.  Wahrscheinlich  aber  werden 
es  die  deutschen  Landwirte  auch  begreifen  —  in  dieser  Beziehung  kann 
oberwähnte  russische  Publication  als  überzeugendster  Beweis  dienen  — 
dasB  ihre  eigenen  Interessen  es  nicht  erheischen,  dass  die  österreichischen 
und  nngarischen  Producenten  von  den  Märkten  Deutschlands  femgehalten 
werden; 

Es  ist  kaum  glaublich,  dass  Deutschland  mit  der  bisherigen  SchutzzoU- 
Teüdenz  so  bald  brechen  werde,  um  den  Principien  des  Freihandels  zu  hul- 
digen. Jene  Staaten,  welche  Bohproducte  im  grossen  Maasse  erzeugen,  sind 
gegenwärtig  viel  mehr  zu  befürchten,  als  vor  der  Epoche  der  Schutzzölle, 
da  dieselben  eben  hiedurch  angeeifert,  ihre  Production  billiger  und  reich- 
licher gestalteten,  die  Beförderungsmittel  erstaunlich  entwickelten,  und  die 
Transportkosten  auf  ein  Minimum  reduoirten.  Wie  könnten  einer  derartig 
verstärkten  Goncurrenz  die  Landwirte  jener  Staaten,  bei  welchen  Schutz- 
zölle in  Anwendung  stehen.  Trotz  bieten,  da  die  Klagen  dieser  Glasse  im 
Qrunde  genommen  schon  früher  gerechtfertigt  waren,  obzwar  dieselben 
unleugbar  eiidgermassen  übertrieben  wurden  ? 

Die  deutschen  Märkte  beherrscht  gegenwärtig  das  russische  Getreide ; 
in  dem  freien  Verkehr  des  Jahres  1889  entstammten  von  Weizen  58*9  <>/o, 
von  Roggen  88-2  o/o,  von  Hafer  92*5  o/o,  von  Gerste  48-0  o/o  aus  Russland; 
von  den  wichtigeren  Getreidegattungen  war  die  nordamerikanische  Waare 
nur  bei  dem  Mais  im  Uebergewicht;  den  zweiten  Platz  nahm  aber 
Bxsxk  hier  Bussland  ein.  Dieses  Uebergewicht  Würde  Bussland  auch  nach 

16* 


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244  DIE   OETBEIDE-YER80ROUNO 

Abechaffung  der  Zölle  beibehalten^  sogar  vielleicht  noch  steigern,  und  es 
würden  die  deutschen  Landwirte  eben  den  im  grössten  Maasse  und  am  bil- 
ligsten producirenden  Concurrenten  schutzlos  gegenüberstehen,  lieber  die 
Productionskosten  liegen  keine  verlässlichen  Daten  vor,  können  auch  natur- 
gemäss  nicht  vorhanden  sein,  es  stehen  aber  mehr  oder  weniger  annähernde 
Schätzungen  zur  Verfügung^  und  die  schon  mehrmals  erwähnte  rus- 
sische Quelle  stellt  auch  einen  Vergleich  zwischen  den  Productions- 
kosten des  nordamerikanischen,  des  ostindischen  und  russischen  Weizens 
auf  und  gelangt,  auch  die  Transportkosten  in  Anbetracht  genommen,  zu 
der  Schlussfolgerung,  dass  der  Weizen  dem  russischen  Producenten  auf  dem 
Markt  in  London  per  Pud  (1  Pud  =16  Kilogramm)  um  2  Kopeken  billiger 
zu  stehen  kommt,  als  dem  ostindischen,  und  um  8  Kopeken  billiger,  als 
dem  nordamerikanischen  Producenten. 

Für  die  deutschen  Producenten  ist  daher  der  Schutz  vor  Bussland  eine 
Lebensfrage;  wenn  jedoch  die  allgemeinen  Interessen  des  Reiches  nicht 
geopfert  werden  sollen,  ist  es  notwendig,  mit  solchen  Staaten  in  2jollverband 
zu  treten,  deren  Productions*  Verhältnisse,  obzwar  dieselben  über  einen 
Ueberschuss  an  Getreide  verfügen,  nicht  stark  von  jenen  Deutschlands 
abweichen. 

In  dieser  Hinsicht  kommt  in  erster  Reihe  die  österreichisch-ungarische 
Monarchie  in  Betracht  Viele  behaupten,  dass  die  Monarchie  nur  noch  kurze 
Zeit  hindurch  unter  die  Getreide  exportirenden  Staaten  gereiht  werden 
kann,  und  dass  der  Zeitpunkt  nicht  mehr  ferne  ist,  in  welchem  die  Produc- 
tion  nicht  einmal  den  inneren  Bedarf  zu  decken  im  Stande  sein  werde. 
Die  Daten  über  den  Waarenverkehr  des  gemeinsamen  Zollgebietes  recht- 
fertigen diese  Behauptung  nicht  Es  ist  zwar  wahr,  dass  sich  die  Ver- 
kehrsbilanz vom  Roggen  meistenteils,  vom  Mais  aber  ständig  passiv  gestal- 
tet, von  den  übrigen  Getreidegattungen  jedoch  und  unter  diesen  von  dem 
Hauptproduot  Ungarns,  vom  Weizen,  nimmt  die  Exportfahigkeit  der  Mon- 
archie (besonders  wenn  auch  der  Mehlexport  in  Betracht  genommen  wird), 
nicht  nur  nicht  ab,  sondern  es  steigt  dieselbe,  und  es  gelangten  besonders 
während  der  letzten  Jahre  neuerlich  grosse  Mengen  auf  die  Weltmärkte. 

Was  speziell  die  Export&higkeit  Ungarns  betrifft,  so  sprach  Karl 
Keleti  in  seinem  ausgezeichneten  Werke  über  die  Pariser  Weltausstellung 
vom  Jahre  1878  die  Ansicht  aus,  wir  müssten  ims  mit  der  Idee  befreunden, 
dass  die  zweifelhaft  ruhmvolle  Rolle,  zu  Folge  welcher  wir  uns  als  einen 
Hauptverpfleger  Europas  und  als  einen  par  excellence  Getreide-Export-Staat 
betrachteten,  in  der  nächsten  Zukunft  aufhören  werde.  Die  früheren  Ergeb- 
nisse der  Production  Ungarns,  welche  damals  die  amtliche  Statistik  schon 
über  10 — 11  Jahre  constatirte,  in  Betracht  genommen,  konnte  diese  Behaup- 
tung mit  Recht  aufgestellt  werden ;  denn  wahrlich,  wenn  auch  Ungarn  in 
den  siebziger  Jahren  Brotfrüchte  exportirte,  so  war  dies  nur  so  möglich,  dass 


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OSTBBREIOH-tmÖAfiKS  tT^)   DfitJl^&LAKDS.  245 

das  Volk  das  zum  Verkaufe  bestimmte  Material  dem  eigenen  Munde  entzog, 
und  es  konnten  diejenigen,  die  an  der  Zukunft  der  Industrie  Ungarns  niobt 
zweifelten,  getrost  bebaupten^  dass  die  Bevölkerung  nur  ein  wenig  mebr 
Abwecbslung  in  ibrer  Bescbäftigung  und  im  Einklänge  biemit  nur  ein  wenig 
mebr  Woblstand  und  Woblbabenbeit  benötigt^  um  aucb  die  Production  der 
günstigeren  Jabre  selbst  consumiren  zu  können.  Seitdem  macbte  aber  die 
Agrioultur  Ungarns,  Dank  der  intellectueÜen  und  moraliscben  Kraft  der 
Bevölkerung,  riesenbafte  Fortscbritte.  Dies  ist  am  deutlicbsten  ersicbtlicb, 
wenn  ein  Vergleicb  aufgestellt  wird  zwischen  der  Production  der  unlängst 
verflossenen  Zeit.  Im  Jabre  1868,  welcbes  als  ein  sebr  reicblicbes  betrachtet 
wurde,  betrug  die  Weizen-Ernte  Ungarns  29*56  Millionen  Hectoliter,  im 
Jabre  1889  hingegen,  als  nicht  nur  unter  den  Froducenten  sondern  auch  in 
Handelskreisen  überall  im  ganzen  Lande  wegen  der  Missemte  Klagen  laut 
wurden,  betrug  die  Weizen-Ernte  32'96  Millionen  Hectoliter.  In  den  ver- 
gangenen Jahrzehnten  wurde  es  schon  als  eine  günstige  Ernte  betrachtet, 
wenn  die  Production  30  Millionen  Hectoliter  nahe  kam ;  die  günstigen  Fech- 
Bungen  der  letzteren  Jahre  producirten  sogar  mebr  als  50  Millionen  Hecto- 
Kter. 

Sämmtliche  Brotfrüchte  in  Betracht  genommen,  wurden  in  Ungarn 
allein  produdrt : 

Im  Dnrchscbnitte  der  Jahre  1869—73    31*78  Millionen  Hect. 

•  €  €       •       1874—78 39-61         •  • 

«  •  •       •       1879—83     47-22        t  t 

«  €  •       €       1884— 88. _.     ...  60-70        t  « 

Die  Menge  der  Brotfrüchte  sank  zwar  im  Jahre  1889  zu  Folge  der 
misslicben  Ernte  auf  4f8'00  Millionen  Hectoliter,  es  übertrifft  jedoch  diese 
Menge  noch  immer  mit  Ausnahme  des  letzteren,  alle  fünfjährigen  Durch- 
schnitte früherer  Jahre;  die  Abnahme  ersetzt  übrigens  reichlich  die  Ernte 
des  Jahres  1889  von  75*87  Millionen  Hectolitem.  Es  sei  hier  bemerkt,  dass 
diese  Daten  nur  die  Ernte-Ergebnisse  des  im  strengeren  Sinne  des  Wortes 
genommenen  Ungarns  repräsentiren ;  Kroatien- Slavonien  producirt  ausser- 
dem noch  jährlich  beiläufig  1*89  Millionen  Hectoliter  Weizen,  1*19  Millionen 
Hectoliter  Boggen  und  811,000  Hectoliter  Halbfrucht,  insgesammt  daher 
3*89  Millionen  Hectoliter  Brotfrüchte.  Der  Mais  wurde  weder  bei  Ungarn 
noch  bei  Eroatien-Slavonien  in  Bechnung  genommen ;  dieses  Product  spielt 
aber  in  vielen  Gtegenden  eine  wichtige  Bolle  in  dem  Gonsum  der  Bevölkerung. 

Mne  derartige  Menge  consumirt  das  Land  nicht,  nicht  einmal,  wenn 
der  Brotoonsum  Ghross-Britanniens  als  Bichtschnur  angenommen  wird,  und 
es  können  noch  immer  bedeutende  Mengen  für  den  österreichischen  oder  für 
den  übrigen  ausländischen  Ck>nsum  exportirt  werden. 

Der  Export  Ungaras  wird  weder  zu  Folge  natürlicher  Zunahme  der 


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^  blE  OBTIÜälDfi-Vk&SO&äüMÖ 

Bevölkerung,  noch  in  Folge  der  eventuellen  gunstigeren  Gestaltung  des  bA" 
gemeinen  Wohlstandes  abnehmen,  da  die  Production  die  Grenzen  ihrer  Ent- 
wickelunggfahigkeit  bei  Weitem  noch  nicht  erreicht  hat;  die  sich  fortwährend 
rationeller  entwickelnde  Gultur  wird,  wenn  auch  nicht  von  Jahr  zu  Jahr  — 
die  Agricultur  ist  stets  von  der  wechselhaften  Launenhaftigkeit  der  Witte- 
rung abhängig  —  so  doch  im  Durchschnitte  mehrerer  Jahre  noch  lange  Zeit 
hindurch  die  durchschnittliche  Production  steigern. 

Grosse  Ersparnisse  können  noch  ohne  Einschränkung  des  Consums 
erreicht  werden  bei  der  Aussaat  Heutzutage  geht  noch  sehr  viel  Aussaat  in 
Verlust.  Drill- Maschinen  stehen  nur  bei  den  Gross-Grundbesitiem  in  An- 
wendung, in  der  Classe  der  mittleren  Grundbesitzer  bloe  bei  sehr  wenigen,  bei 
den  Elein-Grundbesitzem  überhaupt  nicht.  Die  Säemaschinen,  bei  welchen 
übrigens  die  Erspamiss  nur  sehr  unbedeutend  ist,  stehen  in  noch  geringerem 
Maasse  in  Verwendung ;  bei  den  Mittel-  und  Eleingrundbesitzem  ist  der 
Anbau  mit  der  Hand  gebrauchlich.  Es  stehen  viele  Beispiele  zur  Verfügung, 
dass  bei  einem  Eleingrundbesitz  140—150  Liter  Weizen  auf  ein  ungarisches 
Joch  (1200  U  Klafter)  angebaut  werden ;  dies  entspricht  324—327  Litern 
per  Hectar ;  wogegen  in  Deutschland  vom  Winterweizen  durchschnittheh 
auf  einen  Hectar  170 — 172  Liter  gerechnet  werden«  Die  Weizenfläche 
Ungarns  beträgt  jährlich  beiläufig  3  Millionen  Hectare  und  es  wird  auf  einem 
bedeutenden  Teil  dieser  Fläche  die  Aussaat  maasslos  verschwendet.  Wenn 
aber  auch  diejuittleren  Besitzer  die  Drill-Maschinen  benützen  werden,  ja 
sogar  die  Eleingrundbesitzer  mit  einander  vereint  diese  ausserordentlich 
nützliche  Maschine  beschaffen  werden,  so  wird  eine  beträchtliche  Menge 
Getreide  für  den  Consum  oder  Export  erspart  werden  können ;  diese  Menge 
bleibt  stets  gleich,  so  unter  günstigen  als  auch  unter  ungunstigen  Verhält- 
nissen, da  die  Aussaat  auch  nach  einer  Missemte  erforderlich  ist,  und  soll  die 
zukünftige  Ernte  nicht  schon  im  voraus  vereitelt  werden,  so  ist  ebensoviel 
Saatkorn  notwendig,  als  nach  einer  günstigen  Ernte. 

Wenn  wir  den  Netto-Getreide-Export  Ungarns  seit  dem  Jahre  1882  (als 
die  neue  Waarenverkehrsstatistik  ins  Leben  trat)  betrachten,  ergibt  8i<^, 
dass  die  jährliche  durchschnittliche  Ausfuhr  (nach  Abrechnung  der  impor- 
tirten  Mengen)  von  Weizen  5*3  Millionen,  von  Boggen  1*31  Millionen,  von 
Gerste  2*64  Millionen,  vom  Hafer  0*91  Millionen,  von  Mais  0*78  Millionen 
und  von  Mehl  3*64  Millionen  Metercentner  betrug;  im  Jahre  1888  hingegen, 
als  das  meiste  exportirt  wurde,  zeigen  sich  folgende  Ergebnisse.  Weizen 
7*89  Millionen,  Mehl  4*65  Millionen,  Boggen  1*65  Million^,  Gterste  3*65  Mil- 
lionen, Hafer  905  Tausend  und  Mais  1*06  Millionen  Metercentner;  das  Mehl 
auf  Weizen  umgerechnet,  betrug  allein  der  Weizen-Export  dieses  Jahres 
13*95  Millionen  Metercentner.  Der  Export  des  laufenden  Jahres  (1890)  wird 
wahrscheinlich  auch  noch  diese  kolossale  Menge  übertreffen. 

Den  überwiegenden  Teil  der  Getreide- Ausfuhr  Ungarns  nimmt  jedoch 


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OSTEBBBICÄ-tJNGAKNB   tlND   D)SÜT8CmiA^D8. 


U^l 


der  Gonsum  Oesterreiohs  in  Anspmch ;  bei  dem  Zollbändniss  mit  Deutsch- 
land kann  daher  nur  der  Uebeirflusa  des  ganzen  dsterreichisoh-ungarischen 
Zollgebietes  in  Betracht  kommen.  Nach  dem  Durchschnitte  von  10  Jahren 
gestaltet  sich  die  jährliche  Mehrausfuhr  der  österreichisch-ungarischen  Mon- 
archie von  den  wichtigeren  Getreide-Gattungen  und  von  Mehl  folgeüder- 
massen: 

Weizen  ...    _ 1.222  Tausend  Meter-Centner 

Roggen       (— )     407 

Gerste     2.695 

Malz    959 

Hafer      363 

Mais    (--)  1.363 

Mehl       1.419 

Das  Mehl  auf  Weizen,  das  Malz  aber  auf  Gerste  umgerechnet,  betrug 
der  Ueberfluss  an  Weizen  3*19  Millionen,  an  Gerste  hingegen  3*91  li^ionen 
Meter-Centner.  Bei  diesen  beiden  wichtigen  Getreide-Gattungen  ze^  sich 
daher  ein  sehr  bedeutender  Ueberfluss,  beim  Hafer  hingegen  nur  mehr  ein 
massiger,  vom  Boggen  jedoch  und  besonders  von  Mais  weist  die  Waaren- 
Bilanz  einen  grossen  Abgang  auf. 

Um  die  Exportfähigkeit  der  Monarchie  beurteilen  zu  können,  musste 
der  Durchschnitt  mehrerer  Jahre  in  Betracht  genommen  werden,  damit  sich 
in  diesen  die  durch  günstige  und  missliche  Ernten  verursachten  extremen 
Ergebnisse  ausgleichen.  Während  der  zehn  Jahre,  deren  Durchschnitt  mit- 
geteilt ist,  gelangten  bei  dem  Gtotreide-Verkehr  auch  derartige  Momente  zur 
Geltang,  welche  nicht  mit  dem  Wanken  der  jährlichen  Production,  sondern 
mit  anderen  Ursachen  im  Zusammenhange  stehen.  So  war  die  Monarchie 
während  der  letzteren  Jahre  bei  Weitem  nicht  auf  eine  so  grosse  Menge  von 
Mais  angewiesen,  wie  in  früheren  Jahren,  die  Mehreinfuhr  betrug  hievon 
im  Jahre  1888  nur  mehr  385,000  Meter-Centoer,  im  Jahre  1889  hingegen 
74,000  Meter-Centner.  Die  nahmhafte  Einfuhr  von  Mds  sank  seit  dem  Zoll- 
kriege mit  Bumänien,  jedoch  nicht  nur  aus  diesem  Grunde,  sondern  auch 
in  Folge  Einschränkung  der  Branntwein-Production,  hauptsächlich  der 
industriellen  Branntwein-Production.  Als  nämlich  der  Branntwein-Etport 
in  Abnahme  begriffen  war  und  als  bei  dem  inneren  Gonsum  auf  Kosten  der 
industriellen  Branntweinbrennereien  die  grösstenteils  Elrdäpfel  aufarbeiten- 
den wirtschaftliehen  Branntweinbrennereien  immer  mehr  Terrain  eroberten, 
musste  notwendigerweise  der  Consum  von  Mais  abnehmen  und  wir  halten  es 
kaum  für  möglich,  dass  wenn  auch  der  Zollkrieg  mit  Bumänien  aufhört, 
neuerdings  solche  Mengen  Mais  eingeführt  werden  wie  früher. 

Die  Ein-  und  Ausfuhr  Deutschlands  (in  und  aus  dem  freien  Verkehr) 
gestaltet  sich,  ebenfalls  nach  dem  Durchschnitte  der  zehn  Jahre  1 880—  1889, 
fcd^ndermassen : 


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ä48 


DIE   GETBKTDB-VERSORGtKÖ 


Einfohrin 

Angfohr  in 

MehreinfnliT 

Metar-Centeern 

Meter-Oentnein 

in  Meter-Centeern 

4,923  Tausend 

438Taaaend 

4,485  Tausend 

Boggen 

7,347       . 

86       € 

7,261       . 

Gerate.. 

3,353      . 

622      € 

2,730       . 

Ma]ü 

...    ...           606      « 

63      € 

545       « 

Hafer  .. 

2,232      . 

201       f 

2,031       < 

Mais 

2,171       € 

f 

2,171       € 

Mehl    .. 

439      . 

1,182      • 

—      < 

Deutschland  bat  daher  nur  aus  dem  Mehl  eine  Mehrausfuhr  von 
742,000  Meter-Centner;  diese  Menge  auf  Weizen  umgerechnet*  und  von 
dem  Bedarf  an  Weizen  in  Abrechnung  gebracht,  sinkt  der  Netto-Bedarf  an 
Weizen  auf  3*58  Millionen  Meter- Centner,  der  Bedarf  an  Gerste  stieg  hin- 
gegen nach  Umrechnung  des  Malzes  auf  Gerste  auf  3*43  Millionen  Meter- 
Centner. 

Wenn  nun  zwischen  dem  üeberfluss  der  Monarchie  und  zwischen  dem 
Bedarf  Deutschlands  ein  Vergleich  aufgestellt  wird,  zeigt  sich  im  Durch- 
schnitte der  zehn  Jahre  ein  jährlicher  Abgang: 

beim  Weizen  von  ...    ...    0*48  Millionen  Meter-Gentner 

•  Boggen    €        7*67       t  t 

i     Mais        «  ...    3*53      <  « 

•  Hafer      •        ...        1*67       t  t 
hingegen  bei  der  Gerste  ein  Üeberfluss  von  484,000  Meter-Zentnern. 

Diese  Daten  beweisen  unzweifelhaft,  dass  im  Falle  einer  Zollvereini- 
gung  die  Monarchie  und  Deutschland  zu  den  auf  Getreide-Einfuhr  ange- 
wiesenen Ländern  gehören  würden.  Dies  wäre  für  Ungarn  gewiss  nur  ein 
Vorteil,  da  die  volkswirtschaftlichen  Verhältnisse  Ungarns  mit  dem  Auf- 
blähen der  Agrioultur  dermassen  eng  verbunden  sind,  dass  selbe  mit  dieser 
sich  entwickeln  oder  ungünstiger  gestalten ;  die  bedeutende  Zunahme  der 
Preise  würde  einen  allgemeinen  Aufschwung  bedeuten ;  jedoch  wäre  es  für 
die  in  Zollverband  tretenden  Staaten  im  allgemeinen  gar  nicht  wünschens- 
wert, wenn  nebst  dem  Steigen  der  Localpreise  der  Getreide-Gattungen  die 
im  grossen  Maasse  Getreide  producirenden  Staaten  auch  fernerhin  mit  meh- 
reren Millionen  Meter-Centnern  Getreide  das  Zollgebiet  überfluten  würden 
und  hiedurch  die  Zollgebühren  den  einheimischen  Consumenten  zu  Lasten 
fallen  würden.  Zwar  ist  es  unleugbar,  dass  für  die  Consumenten  Deutsch- 
lands auch  dieser  Zustand  einen  Fortschritt  bedeuten  würde,  da  nämlich  die 


*  Die  deutsche  landwirtschaftliohe  Statistik  nimmt  100  Kilogramm  Weizen  fär 
SQ  Kilogramm  Mehl;  es  wurde  bei  der  Umrechnung  dieses  Verhältniss  angenommen 
{abweichend  von  dem  bei  der  Ausfuhr  Oesterreich-Üngams  in  Anwendung  stehenden 
Verhältnisse,  welches  den  Productionsdaten  der  Budapester  Mühlen  entnommen  wurde. 


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OSTERRBIOH-imOABKS   UKD   DftÜtSOfiLANDÖ.  ^ 

GoDsnmenteD  Dentscblands  in  demselben  Maasse  von  den  sie  belastenden 
QetreidezöUen  befreit  würden,  in  welcbem  Grade  die  Getreide-Einfohr  die 
znr  Verfügung  stehenden  üeberflüsse  der  österreichisch-ungarischen  Mon- 
archie yermindem  würde. 

In  neuerer  Zeit  tauchte  die  Nachricht  auf,  und  es  besitzt  dieselbe  nicht 
wenig  Wahrscheinlichkeit,  dass  das  mit  Deutschland  abzuschliessende  Zoll- 
bündniss  auch  auf  Italien  ausgedehnt  wird.  Verwirklicht  sich  diese  Nach- 
richt, so  wird  dieselbe  all  jenen  Freude  verursachen,  denen  das  wirtschaft- 
liche Fortkommen  der  in  Verband  tretenden  Völker  am  Herzen  liegt.  Denn 
es  würde  auf  einem  so  grossen  wirtschaftlichen  Gebiete,  als  jenes  der  zu 
Stande  kommenden  neuen  wirtschaftlichen  Trippelallianz,  der  unbeschrankte 
richtigerweise  mit  weniger  Hindernissen  belastete  Verkehr  auf  die  vollstän- 
dige Entwiokelung  und  Geltendmachung  der  wirtschaftlichen  Kräfte  die  gün- 
stigste Wirkung  ausüben.  Was  jedoch  die  Versorgung  der  betreffenden 
Staaten  mit  Getreide  anbelangt,  wäre  hiezu  in  diesem  Falle  die  eigene  Pro- 
duction  des  Zollverbandes  noch  weniger  im  Stande.  Italien  ist  von  Weizen 
auf  einen  sehr  grossen  Import  angewiesen ;  im  Durchschnitte  von  10  Jahren 
(1880—1889)  betrug  die  Mebreinfuhr  4*93  Millionen  Meter-Gentner.  In  der 
ersten  Hälfte  des  Deoenniums  war  die  Mehreinfuhr  noch  massig,  seit  dem 
Jahre  1884  jedoch  erreichte  dieselbe  immense  Dimensionen  und  repräsen- 
tirte  die  Mehreinfuhr  im  Jahre  1886  7*11  Millionen,  im  Jahre  1886  9*29  Mil- 
lionen, im  Jahre  1887  10*11  Millionen,  im  Jahre  1888  6*67  Millionen  und 
im  Jahre  1889  8*72  Millionen  Meter  Centner.  Wenn  die  Mebreinfuhr  von 
Mehl  (346,000  Meter-Centner)  auf  Weizen  umgerechnet  wird,  so  beträgt 
der  gesammte  vom  Auslande  zu  deckende  Weizenbedarf  Italiens  5*28  Mil- 
lionen Meter- Gentner.  Von  den  übrigen  Getreide- Gattungen  ist  der  zu 
deckende  Bedarf  ein  viel  geringerer,  vom  Mais  durchschnittlich  nur  29,000^ 
vom  Hafer  19,000,  von  Gerste  nur  6000  Meter  Centner;  Italiens  Bedarf  an 
Boggen  ist  ein  sehr  geringer,  in  der  Waarenverkehrötatistik  ist  die  Ein-  und 
Ausfuhr  dieser  Getreide-Gattung  nicht  einmal  separat  ausgewiesen. 

Wenn  nun  auch  Italien  zu  dem  ZoUbündniss  gerechnet  wird,  so  ändern 
sich  die  oben  angeführten  Zahlen  insofeme,  dass  der  durchschnittliche  jähr- 
Uche  Bedarf  an  Weizen,  welcher  vom  Auslande  zu  decken  ist,  von  480,000 
Meter  Gentnem  auf  5*76  Millionen  Meter-Centner  steigt 

Wenn  uns,  wie  schon  früher  erwähnt,  egoistische  Gesichtspunkte 
leiten  würden,  könnten  wir  uns  über  eine  derartige  Gestaltung  der  Verhält- 
nisse niur  freuen,  weil  es  eben  Ungarns,  als  des  Landes  von  Bohproducten, 
Interesse  ist,  dass  auf  den  Märkten  der  verbündeten  Staaten  eine  je  grössere 
Nachfrage  auftrete,  und  dass  hiedurch  die  Preise  sich  je  höher  gestalten 
mögen.  Die  Stabilität  des  wirtschaftlichen  üebereinkommens  jedoch,  ja  sogar 
dessen  Zustandekommen  kann  nur  von  der  billigen  Befriedigung  aller  Inter- 
essen erhofft  werden.  Wären  vielleicht  Deutschland  und  die  Consumenten 


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^  t>lB  aSTBfilD»-7ttB8ÖBOÜK<;t 

Oesterreicbs  befriedigt^  wenn  die  Lage  aufrechterhalten  bliebe,  gegen  welche 
in  Deutschland  eine  so  grosse  Unzufriedenheit  herrscht,  und  welcher  der 
Getreide-Ueberfluss  Ungarns  nur  Linderung,  aber  nicht  Abhilfe  zu  bieten 
im  Stande  wäre  ? 

Unter  diesen  Yerhältnissen  ist  nur  eine  richtige  Losung  erdenklich, 
dass  nämlich  der  Zollverband  sich  auch  auf  andere  Staaten,  welche  zur 
Deckung  des  oben  ausgewiesenen  Abganges  einen  hinlänglichen  Ueberfluss 
an  Getreide  besitzen,  erstreckt  wird. 

An  Bussland  ist  natürlich  nicht  zu  denken»  teils  wegen  der  Verschlos- 
senheit dieses  Staates,  den  es  vergebliche  Mühe  wäre,  in  eine  bessere  Rich- 
tung zu  lenken;  teils  wegen  der  Billigkeit  und  immensen  Menge  der  russi« 
sehen  Getreide- Production,  wodurch  eben  —  wenn  üb^haupt  der  Schutz 
vor  den  im  grossen  Maasse  producirenden  Staaten  berechtigt  ist  —  in  erster 
Beihe  die  Agrarzölle  begründet  wird.  An  aussereuropäisehe  Staaten  ist  eben- 
falls nicht  zu  denken.  Es  wären  daher  allein  die  Balkan-Länder  berufen,  in 
der  Kette  der  wirtschaftlich  verbündeten  mitteleuropäischen  Staaten  die 
fehlenden  Glieder  zu  ersetzen.  Obzwar  auch  diese  Länder  billiger  prodnciren, 
als  Deutschland  und  als  Ungarn,  so  gleicht  die  höhere  Intelligenz,  das 
grössere  Capital,  mit  einem  Worte  die  höhere  Entwickehmg  d^  Agricultur 
ziemlich  jene  Vorzüge  aus,  welche  den  Balkan-Ländern  der  billigere  Boden, 
die  billigere  Arbeitskraft  und  die  extensivere  Landwirtschaft  zusichert. 

Von  diesen  Ländern  könnten  hauptsächlich  Rumänien  und  Bulgarien 
in  Betracht  kommen.  Griechenland  ist  selbst  ein  Import-Staat;  die  Türkei 
hingegen  müsste  wegen  der  Eigentümlichkeit  ihrer  Interessen  und  Verbind* 
lichkeiten  ausser  Acht  gelassen  werden.  Serbien  würde  naturgemäss  auch 
zu  diesem  Verbände  gehören,  obzwar  auch  auf  diesen  Staat  derzeit  kein 
grosses  Gewicht  gelegt  werden  kann,  da  hier  die  Netto- Weizen- Ausfuhr  im 
Durchschnitte  von  fünf  Jahren  kaum  350,000  Meter-Gentner  betrug,  die 
Ausfuhr  von  den  übrigen  Getreide-Gattungen  hing^en  ganz  unbedeu- 
tend war. 

Desto  wichtiger  ist  die  Rolle  Rumäniens  und  Bulgariens.  Das  neue  Bul- 
garien, welches  mit  seiner  grossen  Energie  und  politischen  Reife  die  gerechte 
Bewunderung  der  civilisirten  Welt  eroberte  —  macht  in  wirtschaftlicher  Hin- 
sicht rapide  Fortschritte.  Das  Umsichgreifen  der  Landwirtschaft  bekundet 
am  deutlichsten  die  fortwährende  Zunahme  der  bebauten  Flächen.  Das 
Weizengebiet  stieg  nämlich  während  der  Jahre  1881 — 1888  von  249,000 
Hectaren  auf  401,000,  das  Roggengebiet  von  61,000  auf  94,000,  das  Gerste- 
gebiet aber  von  299,000  auf  357,000  Hectare ;  der  Hafer  und  Mais  zeigt 
keine  derartige  Entwickehmg :  ersterer  stieg  von  91,000  Hectaren  auf  93,000, 
lelzterer  von  90,000  Hectaren  auf  ebensoviel ;  —  eine  grosse  Zunahme  zeigt 
aber  der  Weinbau  und  die  Tabakproduction :  das  Gebiet  und  die  Production 
verdoppelte  sich  bei  dem  Weinbau  und  verdreifachte  sich  fast  bei  dem  Tabak. 


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O8TEBilMl0&-UllGABH8  Ültb   bEDTBCfitAKD^. 


tei 


Auch  die  produoirte  Getreidemenge  nahm  im  grossen  Maasse  zu  und  es 
gewann  in  Folge  dessen  auch  die  Ausfuhr  einen  grossen  Aufsdiwung.  Im 
Jahre  1882  betrug  die  Weizen-Ausfuhr  nur  740,000  Meter-Gentner,  im 
Jahre  1889  hingegen  schon  3.215,000  Meter-Centoer';  während  derselben 
Zeit  stieg  die  Boggen-Ausfuhr  von  220,000  auf  527,000,  die  Hafer- Ausfuhr 
von  20,000  auf  93,000,  die  Mais- Ausfuhr  von  696,000  auf  778,000  Meter- 
Geutner.  Während  letzterer  Jahre  hatte  Bulgarien  sogar  schon  eine  Ausfuhr 
von  Mehl  beiläufig  40  bis  50,000  Mjöter-Gefitner.  Die  Ausfuhr  von  Gerste 
zeigt  einen  Verfall;  dieselbe  sank  ?on  431,000  auf  287,000  Meter-Gentn^. 
In  dieser  Bntwickelung  Bulgariens  spielt  unzweifelhaft  auch  die  Vereinigung 
mit  Ostnunelien  eine  Bolle.  Seit  der  Vereinigung  betrug  tlie  Ausfuhr  im> 
Durchschnitte  von  vier  Jahren  u.  z. : 

Weizen^ —  2*33  MiUionen  Meter-Gentner 

Epggen       0*32 

Gerste     Q19 

Hafer 0O3 

Mais       ...     ^ 0-61 

Mehl 0-04 

Da  aber  Bulgarien  keine  beachtenswerte  Getreide-Einfuhr  besitzt, 
können  diese  Mengen  als  Netto- Ausfuhr  betrachtet  werden«  —  Die  Ausfuhr 
Rumäniens  ist  noch  viel  grösser;  dieselbe  betrug  im  Durchschnitte  der 
JTahre  1879-^1888: 


Weizen 
Roggen 
Gerste 
Hafer  .. 
Mais 
Mehl   .. 


4*14  Millionen  Meter-Gentner 

0-94 

2-20 

0*31 

614 

0O9 


Wenn  wir  diese  Ergebnisse  mit  dem  früher  ausgewiesenen  unbedeckten 
Getreidebedarf  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie,  Deutschlands  und 
Italiens  vergleichen,  ergibt  sich,  dass  auf  dem  ganzen  Gebiete,  welches  wir 
uns  in  einem  ZoUbändniss  vereint  denken,  der  Ueberfluss  bei  der  Gerste  3  37 
Millionen,  bei  dem  Mais  3'32  Millionen,  bei  dem  Weizen  1*22  Millionen  Hecto- 
liter  betragen  würde,  hingegen  zeigt  sich  ein  unbedeckter  Abgang  beim  Bog- 
gen von  6*38  Millionen  und  beim  Hafer  von  1*25  MilUonen  Meter-Gentner, 
den  Ueberfluss  und  den  Abgang  separat  addirt:  7*91  Millionen  Meter-Gentner 
üeberfluss  und  7*63  Millionen  Meter-Gentner  Abgang,  was  sich  gänzlich  aus- 
gleicht. Wir  wollen  natürlich  nicht  behaupten,  dass  der  Bedarf  an  Boggen 
mit  Gerste  oder  Mais  gedeckt  werden  könnte ;  Thatsiche  ist  es  aber,  dass 
sieh  die  Production  bis  zu  einem  gewissen  Grade  dem  Bedarf  anbequemt 
und  dass  sich  die  Aufmerksamkeit  der  Landwirte  jener  Getreide-Gattung 
zuwendet,  welche   einträglicher  ist,   die  EinträgUchkeit  aber  bestimmt  in 


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erster  Reihe  der  Bedarf.  Dass  auch  unter  diesen  Umständen  Boggen  impor* 
tirt  wurde^  ist  unzweifelhaft ;  dies  wäre  jedoch  kein  Uebel,  dem  gegenüber 
bleibt  uns  der  Export  von  Qerste  und  Mehl.  —  Es  wäre  ein  grosser  Pehlar, 
eben  wegen  dieser  beiden  Waaren-Artikel  die  Handelsverbindung  mit  Eng- 
land abzubrechen ;  dies  würde  sich  in  einzelnen  günstigen  Jahren  bei  einem 
grösseren  üeberflusse  als  jener  der  Durohschnittsjahre  ernstlich  rächen. 

Der  Weizen  der  Balkan-Länder  dürfte  nicht  ohne  jedweden  Gegen- 
dienst zollfrei  oder  bei  ermässigtem  Zoll  auf  das  Gebiet  des  Zollverbandes 
eingeführt  werden.  Entweder  müssten  diese  Staaten  gänzlich  in  den  Zoll- 
verband einbezogen  werden^  oder  es  müssten  für  die  Industrie- Artikel  der  im 
2jollverbande  stehenden  Staaten  thunlichst  niedrige  Zollsätze  gesichert  wer- 
den, —  viel  massigere  als  allen  übrigen  Staaten  gegenüber  bestehen.  Die 
Balkan-Länder,  entschiedene  Länder  der  Bohproducte,  würden  sehr  viel 
gewinnen,  wenn  deren  Getreide  auf  nahen,  sicheren  und  hinsichtlich  der 
Preise  günstigen  Märkten  zum  Verkaufe  gelangen  würde  und  dieselben  nicht 
gezwungen  wären,  die  unsicheren  Märkte  Englands,  wo  die  Goncurrenz  der 
ganzen  Welt  zusammenwirkt,  um  die  Preise  herabzudrücken  —  aufzusuchen ; 
es  würde  aber  auch  Deutschland,  ebenso  Oesterreich,  ja  sogar  Ungarn 
gewinnen,  wenn  die  Balkan-Länder  als  vor  der  westeuropäischen  Goncur- 
renz gesicherter  Absatzort  für  die  Industrie-Artikel  der  erwähnten  Staaten 
erworben  werden  könnten.  Dies  wäre  ein  sehr  grosser  Erfolg.  Es  würde  sich 
verwirklichen,  —  wovon  so  lange  Zeit  hindurch  geträumt  wurde  und  was 
der  Handelsminister  Ungarns  mit  entschlossenem  Willen  und  selbstbewusster 
Thatkraft  zu  verwirklichen  bestrebt  ist  —  die  Eroberung  der  Märkte  des 
Ostens.  Es  wäre  dies  eine  Eroberung,  bei  welcher  sich  alle  Parteien  für  Si^er 
betrachten  könnten,  denn  es  würde  hiedurch  weder  die  wirtschaftliche  noch 
die  politische  Unabhängigkeit  der  Balkan-Länder  Abbruch  erleiden.  Und  den- 
noch würde  dieses  Handelsbündniss  neben  den  wirtschaftlichen  Vorteilen  auch 
zur  unschätzbaren  Quelle  der  politischen  Vorteile.  Die  Völker  des  Balkans  mit 
ihren  wirtschaftlichen  Interessen  dem  Westen  angewiesen  und  angereiht,  wür- 
den sich  unter  wohlthuender  Wirkung  der  westlichen  Givilisation  frei  und 
stark  entwickeln  -—  zum  Vorteil  der  ganzen  civilisirten  Welt;  die  Grenzen  des 
östlichen  Barbarentums  würden  durch  den  Westen  zurückgedrängt  werden. 
Und  Ungarn,  diese  grosse  Landstrasse  zwischen  Ost  und  West,  welches  Land 
nur  durch  die  umwälzende  Wirkung  der  türkischen  Eroberungen  dieser  Bolle 
verlustig  wurde,  würde  seine  frühere  Mission  neuerdings  aufnehmen,  um  der- 
selben mit  viel  grösserer  Fähigkeit  zu  entsprechen.  Auf  den  Eisenbahnen 
Ungarns  würden  sich  die  Bohproducte  des  Ostens  und  die  Industrie- Artikel 
des  Westens  kreuzen,  eine  reichliche  Verzinsung  des  in  den  Eisenbahnen  an- 
gelegten Gapitales  von  vielen  Hundert  Millionen  zusichernd;  die  Waaren- 
Artikel  würden  auf  den  Märkten  Ungarns  zum  Auslande  gelangen,  die  grossen 
Handelsgeschäfte  würden  die  mit  lebhaftem  Blute  gefüllten  Adern  des  Ver- 


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ÖSTEBBBICH-UNaARNS   UND   DEl/TSGHIiANDB.  ^^ 

kebree  in  regere  Girculation  bringen.  Und  andererseits  würde  diese  lebbafte 
GtfUinmg  auf  die  Landwirtscbaft  von  aufinuntemder^  auf  die  Industrie  von 
anspornender  Wirkung  sein.  Es  könnte  in  der  nächsten  Nacbbarscbaft  der 
östlicben  Märkte,  in  dem  gebirgigen  Siebenbürgen,  die  Industrie  aufblühen, 
und  die  entstehenden  Fabriksmittelpunkte  würden  zu  wirklichen  Schutz- 
mauem  der  gefährdeten  ungarischen  Nationalität.        Dr.  Julius  v.  Vabqha. 


XLIV.  JAHRESVERSAMMLUNG  DER  KISFALIJDY- 
GESELLSCHAFT. 

Diese  älteste  und  hervorragendste  belletristische  Gesellschaft  Ungarns  hielt 
ihre  diesjährige  Jahresversammlung  am  8.  Februar  im  Palaste  der  Ungar.  Akademie 
der  Wissenschaften,  in  Gegenwart  eines  ebenso  zahlreichen  als  distinguirteu  Pub- 
likums. Der  Präsident  Paul  Gyulai  eröffnete  die  Versammlang  mit  der  folgenden 
Bede,  deren  wesentlicher  Gegenstand  die  EntivuMung  der  ungarischen  Beredsam^ 

keit  ist: 

Geehrte  Versammlung ! 

Das  Arbeitsfeld  unserer  Gesellschaft  ist  die  Aesthetik  und  das  Gesammtgebiet 
der  redenden  Künste,  also  auch  die  Redekunst.  Sie  hat  auch  in  dieser  Hinsicht 
gethan,  was  in  ihren  Kräften  stand.  Sie  hat  die  rhetorischen  Werke  des  Aristoteles 
und  des  Anaximens  in  unsere  Sprache  übersetzt  und  Preisau|gaben  aus  dem  Bereiche 
der  Bedekunst  ausgeschrieben.  Ich  gehe  also  nur  von  den  Traditionen  der  Gesell« 
Schaft  aus,  wenn  ich  die  ungarische  poUtische  Beredsamkeit  zum  Gegenstande 
'meiner  Betrachtung  mache,  einen  flüchtigen  BUck  auf  ihre  jüngste  Vergangenheit 
werfe  und  einige  Ideen  in  Bezug  auf  ihre  Gegenwart  ausspreche.  Dazu  bestimmt 
auch  einigermassen  auch  die  Pietät.  Denn  auch  zwei  MitgUeder  unserer  Gesell- 
Schaft  haben  an  der  Begründung  der  neueren  ungarischen  politischen  Beredsam- 
keit lebhaften  Anteil  genommen :  Paul  Szemere,  dessen  sämmtliche  Werke  die 
Gesellschaft  jüngst  herausgegeben  hat,  und  Franz  Kölcsej,  dessen  hundertste 
Geburtstagswende  wir  im  August  des  vorigen  Jahres  gefeiert  haben. 

Paul  Szemere  war  kein  Bedner,  er  interessirte  sich  aber  fortwährend  für 
jedes  Moment  der  imgarischen  Literatur  und  Gultur.  Er  nahm  nut  Bedauern 
wahr,  dass  die  Veijüngung  des  Geschmacks  und  der  Kunst  des  Stils  zwar  in  der 
Entwicklung  unserer  Poesie  und  Kunstprosa  immer  grössere  Erobenmgen  mache, 
dagegen  die  kirchliche  Bednerkanzel  und  die  Tribüne  der  Beichstags-  imd  Com!- 
tatssäle  ziemlich  unberührt  lasse.  Als  er  in  den  zwanziger  Jahren  seine  Zeitschrift 
i^et  es  Literaturai  (Leben  und  Literatur)  begann,  wechselte  er  über  dieses  Thema 
wiederholt  Briefe  mit  Kölcsey.  Sie  kamen  d*  rin  überein,  dass  das  Publikum  auch 
auf  die  literarische  Seite  der  Beredsamkeit  aufmerksam  gemacht  werden  müsse. 
Aber  Kölcsey  glaubte,  dass  das  Beispielgeben  mehr  wert  sei  als  die  Theorie,  und 
wünschte,  dass  Jemand  mit  einem  auch  aus  Uterarischem  Gesichtspunkte  wertvol- 
len Werke  aus  irgend  einem  Zweige  der  bürgerUchen  Beredsamkeit  auftreten 


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^^  XLIV.  JAHKB8VER8AMMLUNO  DER   ÜSPALUDY-OBSELLSCHAFT. 

möchte.  Szemere  forderte  ihn  seihet  hiezn  auf  nnd  so  schrieh  Eölcsey  mehrere, 
niemals  vorgetragene  Beden,  von  welchen  einige  auch  in  f^et  6s  Litoratnrat 
erscbienen.  Es  ist  eigentümlich,  dass  Eölcsey  so  spät  zum  Bewusstsein  sdnes 
Bednertalents  kam,  dass  er  bis  zu  seinem  39.  Lebennjahre  öffentlich  nie  gesprochen 
hat  und  auch  als  Zuliörer,  wie  er  selbst  sagt,  blos  einmal  in  der  Generalversamm- 
lung des  Szatm4rer  nnd  zweimal  auf  der  Galerie  in  der  Generalversammlung  des 
Pester  Gomitats  Erschienen  war.  Aber  1829  trat  der  schreibende  Redner  im  Szat- 
märer  Gomitatssaale  und  1832 — 1836  im  Reichstage  auch  ab  sprechender  auf  und 
riss  nicht  blos  seine  Zuhörer  hin,  sondern  übte  auch  einen  entscheidenden  Ein- 
flufls  auf  die  Entwicklung  der  neueren  ungarischen  politischen  Beredsamkeit. 

In  den  ersten  Jahrzehnt^i  diesem  Jahrhunderts  stand  unsere  politische 
Beredsamkeit,  besonders  vom  Gesichtspunkte  der  ungarischen  Literatur  betrach- 
tet, auf  keiner  hohen  Stufe.  Die  Oberhausmitglieder  sprachen  grosMntoik  latei- 
nisch, die  Unterhausmitglieder  grossenteils  ungarisch,  aber  nicht  in  der  veijüng^ 
ten  ungarischen  Sprache  und  nicht  unter  dem  Einflüsse  unserer  sich  entwickeln- 
den Eunstprosa.  Auch  in  unserer  Literatur  selbst  war  die  rednerische  Prosa  am 
wenigsten  ausgebildet.  Faludy,  Bänöczy  und  Eazinczy  hauchten  unserer  Prosa 
gewfililte  Eleganz,  wendungsreidhe  Leichtigkeit,  Pracision  uq^d  Anmut  ein ;  aber  der 
re&orische  Schwung  ging  ihr  noch  immer  ab.  Diesen  versuchte  Eölcsey  mit 
Erfolg  und  verpflanzte  ihn  zugleich  aus  der  Literatur  in  die  Säle  des  Comitats  und 
des  Reichstags.  Die  verjüngte  ungarische  Sprache  und  die  kunstmässigere  Bered- 
samkeit feierten  gleichzeitig  ihren  Triumph,  als  Eölcsey  auf  dem  Pressburger  Reichs- 
tage erschien.  Die  jüngere  Generation  empfing  die  neue  Richtung  der  Beredsam- 
keit mit  Begeisterung.  Deäk,  der  ebenfalls  auf  diesem  Reichstage  zum  ersten  Male 
erschien  und  unter  den  Inspirationen  der  verjüngten  ungarischen  Literatur  aufge- 
wachsen war,  schloss  sich  ihm  an ;  Graf  Stefeui  Sz^chenyi,  der  früher  Schriftsteller 
als  Redner  war,  konnte  sich  seinem  Einflüsse  nicht  entziehen;  Eossuth,  dei; 
Während  dieses  Reichstages  eine  geschriebene  Zeitung  redigirte,  war  ein  Bewun- 
derer Eölcsey's  und  folgte  seinen  Fussstapfen  ;  Graf  Aurel  Deesewffy  und  Baron 
Josef  Eötvös,  die  inmitten  ihrer  literarischen  Versuche  eben  um  diese  Zeit  die 
politische  Laufbalm  betreten  wollten,  waren  ebenfalls  Anhänger  dieser  neueren 
Richtung  der  Redekunst. 

Es  vergingen  kaum  zwei  Jahrzehnte  und  die  ungarische  politische  Bered- 
samkeit war  ebenso  zur  Blüte  gelangt  wie  unsere  Dichtung,  und  beide  wetteifer- 
ten gleichsam  miteinander.  Die  wertvollsten  Producte,  welche  unsere  Literatur  in 
den  SOer  und  40er  Jahren  aufweisen  konnte,  waren  vornehmlich  poetische  und 
oratorische  Werke,  und  die  Hauptvertreter  der  neueren  Redekunst  blieben  diesel- 
ben, welche  diese  Eunst  gegründet  hatten,  wiewohl  sich  ihnen  auch  jüngere 
Talente  anschlössen.  Eölcsey  schwebten  die  Meisterwerke  der  klassischen,  vor- 
nehmlich der  griechischen  Redekunst  vor  Augen,  aber  er  drückte  moderne  Ideen 
nnd  Empfindungen  aus  imd  schöpfte  aus  der  Tiefe  seines  starken  Geistes  niid 
seines  weichen  Herzens  jene  Elemente  des  Pathos  und  des  Spottes,  der  Versen- 
kung und  Erhebimg,  welche  für  seine  Beredsamkeit  so  charakteristisch  sind.  Seine 
hervorragenderen  Genossen  überflügelten  ihn  in  Hinsicht  auf  Reichtum  an  poli- 
tischen Ideen  imd  auf  parlamentarische  Taktik,  aber  Formschönheit  und  Spmch- 


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XUV.    JAHRBSVERÖAMMLÜNO   DER   KISFALUpT-OBSELLSCHAPT.  ^55 

konst  lernten  Alle  von  ihm.  Sz^chenyi  war  gewissermassen  das  Gegenteil  Kölosey's; 
er  kümmerte  sich  wenig  um  die  Form,  aber  in  seinen  sohwerfälligrai  Sätzen  blitz- 
ten die  Funken  des  Genies  auf  und  so  impfte  er  unserer  Bedekunst  ein  neues 
Element,  den  Humor,  ein.  An  den  Eeden  Aurel  Dessewffy*s  und  Josef  Eötvös*  war 
auch  der  Einfluss  der  englischen  und  französischen  parlamentanschen  Beredsam- 
keit bemerkbar.  Aurel  DessewfiPy's  lebendige  Klarheit,  wendungsreiche  Leichtig- 
keit und  feine  Dialektik  bereicherten  die  ungarische  Beredsamkeit  von  einer  neuen 
Seite.  Eötvös  erschloss  uns  die  Schätze  seines  denkenden  Geistes  und  fohlenden 
Herzens,  indem  er  mit  der  ungarischen  Vaterlandsliebe  europäisobe  Ideen  ver- 
schmelzte. 

Indessen  ragten  aus  der  Gruppe  der  ausgezaichneten  Bedner  zwei  Gestalten 
empor,  nicht  blos  als  die  höchsten  Bepräsentanten  unserer  Beredsamkeit,  sondern 
zur  Zeit  auch  als  die  Verkörperungen  des  nationalen  Geistes :  Deäk  und  Eossuth. 
Dieser  erreichte  den  Höhepunkt  seiner  Wirkung  1848 — 1849,  jener  1861— J  876. 
Die  Beredsamkeit  Beider  hatte  grosse  Thaten  zur  Folge,  welche  ihre  Gestalt,  sowie 
das  Fiedestal  und  den  Hintergrund  derselben  noch  mehr  hervorhoben.  Ihr  Charak- 
ter, ihre  Bedekunst,  ihre  Politik  waren  gleicherweise  verschieden  von  einander, 
aber  eben  in  Folge  dieser  Verschiedenheit  wurden  sie  in  verschiedenen  Zeiten  zu 
Führern  der  Nation.  Ein  Hauptelement  der  Bedekunst  Deäk's  ist  das  st^ke  Urteil 
und  die  scharfe  Logik,  jener  Eossuth's  die  lebendige  Phantasie  und  flammende 
Leidenschaft;.  Deäk's  Stil  ist  einfach,  präzis,  aber  zugleich  plastisch,  jener  Eos* 
suth*s  bisweilen  in  IBombast  überschlagend,  aber  immer  klangvoll  und  Ranzend. 
Niemand  verstand  es  besser  alsDeäk  über  die  Verwicklungen  einer  Frage  licht  zu 
verbreiten,  die  Hörer  aufzuklären  und  zu  überzeugen ;  Eossuth's  Eunst  war  die 
Agitation  und  Begeisterung.  Deäk  schien  die  Bednerkunst  gleichsam  beiseite  zu 
lassen,  er  wollte  mehr  nur  den  Verstand  aufklären,  aber  erwärmte,  ohue  zu  wollen« 
auch  4as  Herz ;  seine  edle  Würde,  seine  aufrichtige  Ergriffenheit  hob  seine  Gedan- 
ken, machte  seine  Ausdrücke  wirkungsvoller,  und  er  drückte  die  Wahrheit,  von 
welcher  er  ausging  oder  welche  er  entwickelte,  in  so  vollendeter  Form  aus,  wie  die 
grossen  Glassiker  des  Altertums.  Eossuth  war  ganz  Bedner,  er  wollte  dies  auch 
bleiben  und  nahm  alle  Mittel  der  rednerischen  Eunst  in  Anspruch.  Er  war  ein 
Meister  in  der  Auseinandersetztmg  der  allgemeinen  Ideen,  in  der  Verkündigung 
der  Losungsworte  der  neuzeitlichen  Freiheit  und  in  der  Ausmalung  der  Licht- 
und  Schattenseiten  irgend  eines  Gegenstandes  oder  Factums,  aber  ein  noch 
grösserer  Meister,  wenn  er  die  Saiten  der  nationalen  Erinnerungen,  Wünsche  und 
Ho£Ennngen  anschlug  und  mit  einem  pathetischen  Aufschrei  oder  scharfen  Spott- 
wort den  Sturm  der  Leidenschaft  entfachte.  Hiezu  kam  noch  der  Wohlklang  und 
grosse  Umfang  seiner  Stimme,  der  Zauber  seines  fliessenden  und  abwechslungs- 
reichen Vortrags,  welcher  von  gewählten  und  doch  natürlichen  Gesten  begleitet 
war.  Alles  dies  fehlte  bei  Peak.  Dabei  war  Deäk  blos  Parlamentsredner,  Eossuth 
aber  gewissermassen  ein  Mittelding  zwischen  Parlaments-  und  Volksredner,  und 
diese  Eigenschaft  destinirte  ihn  gleichsam  zur  Bevolution. 

In  der  Bevolution  zeigt  unsere  Bedekunst  keine  neuere  Entwicklung.  Im 
Parlament  gab  es  kaum  einen  Eampf  der  Parteien  und  Eossuth's  Beredsamkeit 
erfüllte  das  Land  bis  zur  Eatastrophe.  Zwölf  Jahre  lang   waren  die  Säle  der 


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256 


XlilV.    JAHBB8VEB8AMMLUNG    DER   KISFALUDT-GESBLLSOHAFT. 


Landes-  nnd  Gomltatshäuser  geschlossen  and  als  sie  sich  wieder  anftaten,  begeg- 
nen wir  groesenteils  den  älteren  Rednern  in  denselben,  in  deren  Fassstapfen 
anch  die   neueren  traten.   Erst  nach    der  Wiederherstellang    unserer    Verfas- 
sung, als  unsere  älteren  Redner  nach  und  nach    abstarben    und    eine  neue 
Generation  auf  die  Bühne  trat,  gewahren  wir  eine  augenfälligere  Veränderong. 
Die  politische  Beredsamkeit  unserer    Tage   ist  in  der    That   nicht   mehr  die 
alte.  Und  dies  ist  auch  nicht  anders  möglich.  Die  alte  Beredsamkeit  schöpfte 
aus  zwei  Hauptquellen:  aus  den  Quellen  der  Oravamina    und    der    Reform- 
ideen. Der  factische  Zustand  der  Verfassung  stand  in  scharfem  Gegensätze  zu  den 
geschriebenen  Gesetzen,  und  die  Reformen,  selbst  die  minder  bedeutenden,  wurden 
unablässig  gehemmt.  Beide  Umstände  waren  eine  reiche  Quelle  der  pairiotiBchen 
Erregung  und  rednerischen  Inspiration.  Die  Verfassung  zu  verteidigen,  unsere 
Institutionen  umzugestalten,  die  Nation  zu  regeneriren,  das  war  die  grosse  Auf- 
gabe. Die  grossen  Erinnerungen  der  Vergangenheit,  die  kühnen  Hofihungen  der 
Zukunft  hoben  die  Geister  und  nährten  die  Begeisterung.  Jetzt  ist  der  factische 
Zustand  in  Einklang  mit  den  Gesetzen,  die  grossen  Principien  der  Reformen 
haben  gesiegt  and  auf  der  Tagesordnung  ist  mehr  nur  die  Ausführung  der  Detailst 
die  schwere  Arbeit  des  Ausbauens,  welche  viel  Fachkenntniss  erfordert,  aber  weni- 
ger auf  die  Phantasie  und  das  Gemüt  wirkt.  Deshalb  neigt  sich  unsere  Redekunst 
gewissermassen  dem  referirenden,  abhandelnden,  conversirenden  Stil  zu.  Dies  ist 
nicht  allein  bei  uns,  sondern  in  ganz  Europa  der  Fall.  Auch  Frankreich  und 
England  haben  heute  nicht  Redner  von  der  Art,  wie  in  der  ersten  Hälfte  unseres 
Jahrhunderts.  Dies  lässt  sich  auf  mehrere  Ursachen  zurückführen :  teils  auf  die 
Veränderung  des  Geschmacks,  dessen  Element  derzeit  in  geringerem  Maasse  das 
Pathos  ist,  teils  auf  den  Sieg  mancher  Principien,  welche  die  Geister  bis  zur 
Ermüdung  zu  grosser  Eraftanstrengung  gezwungen  hatten,  teils  auf  die  Enttäu- 
schung hinsichtlich  gewisser  Ideen,  welche    grosse  Redner  so  laut  verkündet 
hatten.  Ja  auch  die  Wohlredenheit  selbst  ist  in  Verruf  gekommen.   Es  gibt  im 
Auslande  und  anch  bei  uns  genug  Leute,  welche  die  Redekunst  überhaupt  für  ein 
theatralisches  Kunststück,  für  literarisches  Geistreichthun  halten,  das  eines  ernsten 
Politikers  nicht  würdig  sei.  Trotz  alledem  wird  die  Redekunst  ebenso  wenig  aas 
der  Welt  verschwinden,  wie  die  Dichtkunst.  Beide  wechseln  ihren  Gegenstand, 
ihre  Form,  geben  den  Schwankungen  des  Geschmacks  nach,  ja  schaffen  dieselben ; 
in  ihrem  Wesen  aber  bleiben  beide  unverändert.  In  den  öffentlichen  Verhandlun- 
gen wird  immer  Derjenige  am  meisten  Wirkung  erzielen  und  ein  wahrer  Redner 
sein,  der  die  Ideen  klar  zu  ordnen,  die  Beweise  wohl  zu  gruppiren,  die  Teile  zu 
proportioniren,  den  natürlichen  und  charakteristischen  Ausdruck  zu  finden,  über 
seinen  Gegenstand  die  Lebendigkeit  des  Geistes,  die  Wärme  des  Gemüts  ausza- 
giessen  versteht,  möge  er  sich  nun  in  das  Bereich  der  höheren  Redekunst  erbe- 
ben oder  zum  abhandelnden  und    conversirenden  Vortrage  herabsteigen.    Der 
Dichter  bleibt  immer  Dichter,  ob  er  nun  eine  Ode  oder  eine  Elegie  oder  ein  Lied 
oder  ein  Epigramm  schreibt.  Wie  in  der  Poesie,  hat  auch  in  der  Prosa  jede  Kunst- 
gattung, jode  Kunstform  ihre  eigene  Schönheit,  wenn  sie  aus  ihrem  Gegenstande 
hervorquillt,  ein  individuelles  Gepräge  trägt,  unsere  Aufmerksamkeit,  unser  In- 
teresse zu  erregen  weiss  und  auf  uns  zu  wirken  vermag. 


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XLIY.   JAHKB8VEBSAMMLUNG   DBB   KI8FALUDY-GBSELLB0HAFT.  ^7 

Es  ist  daher  nioht  ein  Niedergang  unserer  Bedekunst,  wenn  sie  unter  den 
veränderten  Verhältnissen  andere  Formen  sucht  und  findet,  als  die  alte.  Wir 
müssen  aber  ihre  Eigentümlichkeiten  prüfen  und  ihre  Qefahren  vermeiden.  Auch 
unsere  alte  Bedekunst  hatte  ihre  Schattenseiten.  Selbst  unsere  besseren  Bedner 
verfielen  leicht  in  Bombast,  und  die  klangvollen  Sätze,  welche  mehr  das  Qhr,  als 
die  Seele  erfüUen,  waren  in  der  Mode.  Unsere  jetzigen  Bedner,  selbst  die  besseren, 
werden  leicht  nachlässig,  und  der  oonversirdnde  Ton,  der  sorglos  sprühende  Witz 
passt  bisweilen  mehr  in  einen  vertraulichen  Kreis,  als  in  das  Parlament.  Die  For- 
cirung  der  Würde  und  des  Pathos  erzeugt  Gezwungenheit,  die  übertriebene  Zwang- 
losigkeit  wird  zur  Alltäglichkeit.  Es  ist  unleugbar,  dass  unsere  heutigen  Bedner  viel- 
seitigere Kenntnisse  haben,  als  die  alten ;  die  alten  waren  zumeist  im  Staats  imd 
Privatrecht  und  der  allgemeinen  PoUtik  bewandert ;  jetzt  nötigt  der  viel  umfang- 
reichere Wirkungskreis  unseres  Parlaments,  die  complicirtere  Organisation  des 
Staates  und  der  Gesellschaft  unsere  Bedner  zu  vielseitiger  Vorbildung.  Aber  es  ist, 
als  ob  die  Aelteren  das,  was  sie  wussten,  lebendiger  vorgetragen  hätten  und  weni- 
ger in  Trockenheit  verfallen  wären.  Wir  sprechen  viell^cht  übermässig  viele 
sogenannte  grosse  oder  grossangelegte  Beden,  welche  in  vielen  Fällen  blos  lang 
sind.  Dazu  kommt  noch  die  übertriebene  Mode  der  Polemik.  Das  Parlament  ist 
allerdings  der  Kampfplatz  der  Ideen,  der  Parteien,  ja  der  politischen  Leidenschaf- 
ten und  auch  die  persönliche  Polemik  ist  unvermeidhch,  aber  es  ist  etwas  ganz 
Anderes,  die  in  der  ZergUederung  oder  Verteidigimg  irgend  einer  Frage  vorge- 
brachten oder  möglichen  Einwürfe  gruppiit  und  in  ihrem  Wesen  zu  widerlegen, 
als  im  Einzelnen  bis  in  die  Kleinlichkeit  hinein  die  einzelnen  Bedner  zu  kritisiren, 
was  häufig  der  gehörigen  Beleuchtung  der  Hauptidee,  der  Abrundung  der  Bede 
Eintrag  thut  und  zu  Abschweifungen,  Gegenreden  und  Erläuterungen  Anlass  gibt, 
ludespen,  wie  immer  wir  hierüber  denken,  so  viel  ist  gewiss,  dass  aU  das,  was  den 
überflüssigen  Wortaufwand  befördert,  nicht  die  Quelle  der  wahren  Beredsam- 
keit ist. 

Zwischen  imserer  älteren  und  neueren  Bedekunst  besteht  auch  noch  ein 
anderer  beachtenswerter  Unterschied.  Unsere  ältere  Bedekunst  stand  in  engerem 
Zusammenhang  mit  den  literarischen  Studien,  ja  mit  der  Literatur  selbst.  Die 
ausgezeichnetsten  Beden  wetteiferten  zugleich  mit  den  besten  Producten  unserer 
Prosa.  Wir  haben  auch  jetzt  aiisgezeichnete  Bedner,  aber  dies  kann  von  ihren 
Beden  bei  aller  Anerkennung  nicht  behauptet  werden,  wenigstens  keinesfalls  in 
solchem  Maasse.  Es  ist  als  ob  der  Siim  für  die  literarischen  Formen  abgenommen 
hätte.  Wollten  sich  doch  unsere  Bedner  neben  ihren  Staats-  und  reohtswissenschaft- 
hchen,  finanziellen  imd  nationalökonomischen  Studien  mehr  mit  literarischen  Stu- 
dien befassen !  Ein  guter  Scliriftsteller,  ja  selbst  ein  guter  Verfasser  von  Beden  ist 
darum  noch  kein  guter  Bedoer  auf  der  Tribüne.  Das  Schreiben  und  das  Beden  sind 
zwei  vei^schiedene  Dinge ;  überdies  kann  der  Schriftsteller  ohne  die  Kunst  der  Bede 
bestellen,  der  Bedner  aber  ist  ohne  eine  gewisse  Kunst  des  Schreibens  nicht  denkbar. 
Das  wissenschaftUche  Buch  wendet  sich  an  die  Fachverständigen,  aber  die  Dich- 
tung, die  Literatur  im  engeren  Sinne  imd  die  Bedekunst  an  das  Publikum.  Mit  je 
mehr  Leichtigkeit,  Klarheit,  Lebendigkeit  der  Bedner  seine  Ideen  entwickelt,  je 
mehr  er  die  Wirksamkeit  des  Vortrages,  die  Feinheiten  der  Sprache  in  der  Gewalt 
hat,  desto  besser  dient  er  der  Sache,  für  die  er  kämpft,  desto  mehr  wirkt  er  nicht 

üngadMlM  BeTne,  XI.  1891.  IlL  Heft.  17 


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258  XLIV.   JAHRESVERSAMMLUNG   DER  KISFALÜDY-OBSBLLSCHAPT 

nur  auf  seine  Hörer,  sondern  anoh  auf  das  grosse  Publikum,  weil  in  unseren  Tagen 
eine  gesprochene  Bede  am  andern  Tage  bereits  in  allen  Teilen  des  Landes  gelesen 
werden  kann.  Alles  dies  kann  der  Redner  am  besten  aus  den  grossen  Dichtem 
und  Prosaikern  erlernen.  Ein  französischer  Kritiker  macht  die  richtige  Bemerkung, 
dass  die  Dichtkunst,  welche  der  höchste  Ausdruck  der  literarischen  Kirnst  ist, 
auch  die  Prosa  mit  sich  reisst  und  zur  Erhebung  zwingt;  wenn  die  Prosa  keine 
höhere  Kunst  vor  sich  sieht,  mit  welcher  sie  wetteifern  kann,  wenn  sie  nicht 
unentwegt  die  kritischen  BUcke  des  geübten  und  verfeinerten  Geschmacks  auf  sich 
geheftet  fohlt,  gibt  sie  ihrer  Natur  nach  und  fallt  in  die  Alltäglichkeit  zurück. 

Wenn  indessen  der  Unterschied  zwischen  der  älteren  und  neueren  Bede- 
kunst derart  gezogen  wird,  ist  diese  Charakteristik  mehr  nur  allgemein  zu  verstehen 
und  es  kann  nicht  geleugnet  werden,  dass  wir  auch  stürmische  Tage  haben,  wo  in 
unserer,  der  abhandelnden  und  conversirenden  Prosa  zuneigenden  Bedekunst  das 
Pathos  auflebt  Aber  der  Uebelstand  ist  der,  dass  dies  im  Yerhältniss  zum  Gegen- 
stande und  zur  Situation  selten  der  Fall  ist  und  bisweilen,  wie  Mirabeau  zu  sagen 
pflegte,  dem  Blitz  und  Donner  der  Oper  ähnelt.  Die  Bedekunst  ertragt,  ja  sie  liebt 
eine  gewisse  Uebertreibung,  eine  stärkere  Zeichnung  und  Farbengebung ;  aber 
wenn  wir  auch  die  Uebertreibung  übertreiben,  wenn  wir  die  starken  Züge  und 
Farben  forciren,  verirren  wir  uns  leicht  in  die  Karrikatur.  Wenn  wir  die  Gefahr 
des  Vaterlandes,  den  Verrat  an  den  Interessen  der  Nation,  den  Verfall  der  ö£Eent- 
lichen  Moral  sehr  oft  erwähnen ;  wenn  wir  auch  bei  den  verhältnissmässig  nicht 
eben  allerwichtigsten  Fragen  die  Sturmglocke  läuten,  verderben  wir  unsere  Bede, 
denn  da  die  Erregung  und  der  Ton  mit  der  Wirklichkeit  nicht  im  Einklänge  ist, 
ruft  er  mehr  oder  weniger  einen  komischen  Gegensatz  hervor ;  überdies  wenn  das 
Pubhkum  etwas  oft  hört,  gewöhnt  es  sich  so  sehr  daran,  dass  wir  vielleicht  gerade 
dann  keinen  Widerhall  finden,  wenn  wirklich  eine  Gefahr  im  Anzüge  ist.  Wenn 
wir  beim  Verluste  eines  uns  teueren  Tieres  imsere  Tränen  ausweinen  und  wehkla- 
gen, was  bleibt  uns  für  den  Fall,  wenn  uns  unser  teuerster  Freund  oder  unser  Kind 
stirbt  ?  Der  Bedner  hat  auch  noch  aus  anderem  Gesichtspunkte  die  Selbstbeherr- 
schung inmitten  der  Aufwallungen  der  Leidenschaft  nötig.  Das  Parlament  ist 
allerdings  kein  Salon  und  erträgt  bis  zu  einem  gewissen  Grad  den  Spott  und  die 
Schärfe,  aber,  euphemistisch  gesprochen,  nicht  die  Bohheit,  am  wenigsten  dann, 
wenn  dieselbe  beabsichtigt  und  berechnet  ist.  Die  Bauferei  in  Worten  verdirbt  die 
Bedekunst  ebenso,  wie  in  Griechenland  die  blutigen  Schauspiele  des  Gircus,  ab 
die  römischen  Eroberer  dieselben  dort  einführten,  die  dramatische  Kunst  verdar- 
ben. Aber  vor  der  bis  dahin  gehenden  Entartung  bewahrt  uns  die  Autorität  unse- 
rer Parteiführer,  das  Beispiel  unserer  hervorragenden  Bedner  und  auch  die  Macht 
der  öffentlichen  Meinung. 

Es  sind  nun  fünfzig  Jahre  dahingegangen,  seit  sich  unsere  neuere  politische 
Bedekunst  zu  entwickeln  begonnen  und  in  ihrer  Entwicklung  so  tiefe  Spuren  in 
der  Geschichte  unseres  öffentlichen  Lebens  und  unserer  Literatur  zurückgelassen 
hat.  An  sie  knüpfen  sich  die  grossen  Erinnerungen  unserer  Wiedergeburt,  unseres 
Buhmes  und  unseres  Leides,  unserer  Erhebung  und  unserer  Weisheit.  Gebe  Gott, 
dass  die  folgenden  fünfzig  Jahre  der  vorangegangenen  fünfzig  würdig  seien  und 
unsere  politische  Bedekunst  unseren  nationalen  Bestand  inmier  mehr  festige  und 
unsere  Literatur  bereicheret 


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XLIV.    JAHB£»VEB8AMMLÜNG   DER   EISFALUDY-GE^BLLSOHAFT.  ^^ 

Und  hiemit  erö£fne  ich  die  vierundvierzigste  feierliche  Jahressitznng  der 
Kisfialudy-Gesellschaft. 

Hierauf  las  der  Secretär  ZoltAn  Beötby  seinen  Bericht  über  die  Wirksam- 
keit der  Gesethchafi  im  Jahre  1890,  dem  wir  folgende  Daten  entnehmen :  < 

In  die  bescheidene  und  stille  Thätigkeit  der  Eisfaludy-Gesellschafb  drang 
auch  in  diesem  Jahre  mehrmals  das  begeisterte  Getöse  nationaler  und  literarischer 
Festlichkeiten.  In  Arad  feierte  die  Nation  ihre  Blutzeugen  durch  Aufstellung  eines 
Erzdenkmals  auf  dem  cPlatze  der  Märtyrer •.  Der  schöne  Tag  war  zugleich  ein 
Fest  der  ungaiischen  Bildhauerkunst.  Unsere  Poesie  und  Literatur  verdankt  ihre 
Wiedei^eburt  der  nationalen  Idee,  und  wie  die  ungarische  Schauspielkunst  ist 
auch  die  ungarische  Bildhauerkunst  im  und  zum  Dienste  dieser  Idee  geboren  wor- 
den. Auss^em  wurde  im  Yoijahre  eine  ganze  Beihe  literarischer  Gedenkfeste 
gefeiert.  Das  Comitat  Szatm4r  feierte  die  hundertste  Geburtstagswende  seines  gross- 
ten  Sohnes,  Franz  Eölcsey.  Debreczin  giündete  auf  den  Namen  und  zum  Andenken 
Michael  Cspkonai's  einen  Verein,  welcher  seine  Thätigkeit  mit  einer  Festsitzung 
eröfiEnete;  das  Comitat  Neograd  enthüllte  feierlich  das  Porträt  Emerich  Madäch's; 
das  evang.  Lyceam  in  Oedenburg  feierte  am  hundertsten  Jahrestage  der  Grründung 
seiner  ungarischen  Gesellschaft  das  Andenken  ihres  Gründers  Joh.  Kis.  An  allen 
diesen  Festen  nahm  unsere  Gesellschaft  durch  ihre  Vertreter  teil. 

Der  Erneuerung  des  Andenkens  unserer  ehemaUgen  Literaturgrössen  dien- 
ten auch  mehrere  Publicationen  der  Gesellschaft.  Sie  edirte  im  Yoijahre  in  drei 
grossen  Bänden  die  gesammelten  Werke  Paul  Szemere's,  des  Meisters  des  feinen 
Geschmacks,  unter  der  Bedaction  seines  gelehrten  Schülers  Josef  Szvorönyi ;  femer 
einen  weiteren  Band  der  Studien  Johann  Erdölyi's,  eines  jener  grossen  Kritiker, 
welche  wissen,  dass  die  Kunst  die  ewige  Verjüngung  des  Menschengeistes  ist. 

Hieran  reihen  sich  mehrere  PubUcationen,  welche  in  gelungenen  Uebersetzun- 
gen  klassische  Werke  fremder  Literaturen  der  unsiigen  aneignen.  Diese  sind:  der 
Kyklop  des  Euripides  in  der  preisgekrönten  Uebersetzung  Gregor  Csiky's ;  Göthe's 
Iphigenie  in  Tauris  in  der  trefflichen  Uebersetzung  Johann  Csengeri'^;  die 
Gedichte  Giacomo  Leopardi's  in  der  gelungenen  Uebersetzung  Anton  Bad6*s> 
endlich  Konrad  Ferdinand  Meyer's  historischer  Boman  cDer  Heiliget  in  der 
Uebersetzung  Eugen  Pöterfy's.  Ausserdem  veröffentlichte  die  Gesellschaft  im 
Vorjahre  den  M.  Band  ihrer  c  Jahrbücher  •,  welcher  unter  Anderem  eine  grössere 
Arbeit  über  die  rumänische  Volksdichtung  von  Oskar  Mailand  enthält,  dessen 
ethnographische  Studienreise  die  Gesellschaft  durch  eine  Subvention  gefördert 
hatte,  wie  sie  auch  im  Vorjahre  Julius  Sebesty^n  unterstützte,  der  eine  reiche 
Sammlung  ungarischer  Volksdichtungen  von  jenseits  dei  Donau  heimbrachte.  Wer 
die  Geringfügigkeit  der  Mittel  der  Gesellschaft  kennt«  wird  diese  ihre  Editionen 
und  Forschungen  nicht  geringachten. 

Eine  andere  Seite  der  Thätigkeit  derKisfaludy-Gesellschaft  waren  ihre  öffent- 
Uchen  Vorträge.  Ihre  zehn  monatlichen  Vortragssitzungen  versammelten  ein  distin- 
guirtes  und  zahlreiches  Auditorium.  An  den  daselbst  gehaltenen  Vorträgen  betei- 
ligten sich  16  Mitglieder  der  Gesellschaft  und  10  Gäste.  Die  Zahl  der  Vorträge 
belief  sich  auf  51,  wovon  15  in  Prosa  und  36  in  Versen ;  Originale  45,  übersetzte 
Dichtungen  6 ;  ästhetischen  und  literarhistorischen  Inhalts  10,  Prosaerzählungen 
5,  erzählende  Gedichte  7,  dramatische  4,  lyrische  20. 

17* 


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2W  XLIV.   JAHRBSVBRßABfMLüNG    DER   KISPALÜDY-OBSBLLSCHAFT. 

Aach  ausser  dem  zahlreichen  Aaditorium  ihrer  Yortragssiieimg^xi  erhielt  die 
Gesellschaft  ermunternde  Anerkennimg  imd  materielle  Unterstützong.  Die  Pester 
Erste  Yaterlfindisohe  Sparacsse  vermehrte,  wie  alljährlich,  auch  im  Vorjahre  mit 
200  fl.  das  Stammcapital  der  Gesellschaft,  welches  nunmehr  112.091  fl.  50  kr. 
beträgt.  Daro  trugen  im  letzten  Jahre  noch  bei :  Emerieh  Baghi  imd  der  Tordaer 
Frauenverein  je  100  fl.  als  Gründerbeiträge,  Ste&n  Balogh  100  fl.  und  Karl  Värady 
200  fl.  als  Legate.  Andererseite  erlitten  wir  durch  den  Tod  einen  schweren  Verlust. 
Es  veriiess  uns  einer  unserer  wertesten  Genossen :  Karl  P.  Szathm&ry,  der  in 
vielen  Zweigen  iet  Literatur  thätig  war,  besonders  aber  auf  dem  Felde  des  histo 
riechen  Romans  Werke  lieferte,  welche  den  Beifall  weiter  Kreise  fanden. 

Nach  diesen  officiellen  Enunoiationen  folgten  die  Vorträge.  Zuerst  las  Karl 
Szäsz  Erinnerungen  an  Michael  Tompa  vor  dessen  Bude,  welches  von  Ignaz 
Boskovits  im  Auftrage  der  Gesellschaft  gemalt,  auf  der  Estrade  des  Stales  auf- 
stellt war.  Der  Vortragende  wendete  sich  direct  an  das  vorzügliche  Porträt. 
In  diesem  meisterhaft  gelungenen  Bilde  —  dies  die  wesentlichsten  Züge  der 
künstlerisch  ausgeführten,  mit  voller  Wärme  geschriebenen  und  vorgetragenen 
Bede  —  steht  Michael  Tompa's  Antlitz  und  Gestalt,  wie  sie  sich  jenseits  des 
Lebensmittags,  auf  dem  Gipfel  des  Mannesalters  dem  Auge  präsentirte,  in  voller 
Wirklichkeit  vor  mir.  Aber  das  geistige  Auge,  unterstützt  von  Gedächtniss  und 
Phantasie,  ist  stärker  und  die  von  ihm  geschauten  Bilder  sind  lebendiger  und 
reicher,  als  die  vor  dem  leiblichen  Auge  stehende  Gestalt.  Ich  sehe  ihn  in  der  Fülle 
seiner  Manneskraft,  wie  ich  ihn  1851  —  den  33-jährigen  Mann  —  zum  ersten  Mal 
in  seiner  halbverfallenen  Nelem^rer  Pfarrerwohnung  besuchte,  die  er  mit  so  viel 
Humor  besungen  hat,  in  der  er  so  glücklich  war,  die  seine  herzensgute,  liebend- 
geliebte  Gemahlin  innerlich  und  äusserlich  mit  seinen  Lieblingen,  den  in  seinen 
«Blumenmärchen»  verherrlichten  Blumen  geschmückt  hatte.  Damals  fühlten  die 
glücklichen  Gatten  noch  nicht  jene  Schläge  des  Lebens,  welche  ihnen  später  so 
reichlich  zugemessen  wurden,  welche  Tompa*8  Leben  brachen  und  ihn  frühzeitig 
alt  machten :  den  Mhzeitigen  Tod  ihrer  Kinder,  das  langwierige  Kränkeln  der  zart- 
gebauten Frau,  sein  eigenes,  sich  rapid  entwickelndes  Herzleiden,  welche  ihn  der 
Welt  und  den  Menschen  gegenüber  krankhaft  empfindlich  machten  und  seinen 
gemütvollen  Humor  in  bittere  Satire  umschlagen  UessMi.  Aber  wenn  seine  Leiden 
sein  Cbmüt  auch  gewissermassen  verbitterten,  gruben  sie  seinen  Empfindungen 
nur  ein  desto  tieferes  Bett  und  gaben  seinem  poetischen  Geiste  eine  nur  noch 
potenzirte  Kraft.  Selbst  unter  unseren  Vortrefflichsten  haben  nur  Wenige  so  tief 
aus  sich  selbst  und  nur  aus  sich  selbst  geschöpft.  Auch  die  aus  der  Volksdichtung 
empfangenen  Stimmungen  läuterte  er  erst  durch  sein  eigenes  Gemüt,  wie  unter 
seinen  Volksliedern  die  wertvollsten  bezeugen.  Seine  Liebeslyra  hatte  wenige 
Saiten,  diesen  aber  wusste  er  wahrhafte  Töne  zu  entlocken.  Seine  patriotische 
Leier  vermochte  nicht  die  Begeisterung,  nur  den  Patriotenschmerz  ei^lingen  zu 
lassen.  In  den  Tagen  der  Revolution  und  des  Freiheitskampfes  gab  sie  kaum  einen 
Ton,  da  sein  zur  Betrachtung  hinneigender  Geist  zum  plötzlichen  Aufflammen 
minder  geeignet  war.  Aber  als  die  Nation  niedergeschmettert  schwieg  und  litt,  da 
schlug  er  in  seinen  Gedichten  cDer  Storch»,  tAuf  derPussta»,  tBrief  an  einen 
ausgewanderten  Freund»  Saiten  an,  welche  in  allen  Heizen  Widerball  weckten. 


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XlilV.   JaHBÜBVHBBAMMLUHO  DBB  KISFAtÜBY-ÖSSttLLSOHAFt.  ^^ 

indem  ae  dem  verbüllten  Qedanken  eibenao  wahren  wie  ergreifenden  AoBd^rock 
gaben.  Und  dennoch  erreicht  Tompa's  Dichtung  nicht  in  diesen  unmittelbaren 
Ansdrftcken  des  patriotischen  Schmerzes  ihren  Oipfelpankt.  Dieselbe  Phantasie, 
welche  die  reizenden  «Volksmärchen»  und  cBlumenmärchen»  geschaffen,  schuf  im 
Bunde  mit  dem  Hanptdiarakterzuge  seines  Oeistes,  der  sinnenden  Betrachtung, 
jene  Allegorien,  deren  tielian  Sinn  Jedermann  verstand  und  deren  Wirkung  sich 
Niemand  entziehen  konnte:  «Der  Vogel  an  seine  Jungen»,  «Der  yerfallende 
Wald»,  «Der  breitkronige  Bieeenbaum» ,  «Alte  Gtenchichte»,  «Der  verwundete 
Hirsch»,  «Bamaon»,  «Hebräische  Legende«,  «Herodes»,  «Ikarus»,  «Sturm», 
«Der  neue  Simeon».  Wer  erinnert  sieh  nicht  noch  heute  der  Wirkung,  welche 
diese  Allegorien  übten,  und  welche  er  auch  mit  seinen  Einkleidungen  ähnlicher 
Ideen  in  das  Qewand  der  Ode  nicht  überbie/en  konnte,  wiewohl  sich  auch  hier 
Meisterstücke  finlen,  wie:  «Im  Schlosse  zu  Pressburg»,  «Im  November»  und  vor 
Allem  «Erinnerung  an  Eazinczj».  —  Ich  kannte  ihn  in  dieser  vollen  Olanizeit 
seiner  Blüte,  besser  gesagt,  seines  geistigen  Fruchttragens,  und  h^ite,  wo  sein 
Bild  Tor  meinen  Oeistesaugen  wieder  lebendig  wird,  mein  Herz  vom  Zauber- 
hauche seines  Andenkens  wieder  erzittert,  weiss  ich  nicht,  ob  meine  liebe  oder 
meine  Verehrung  od^  meine  Bewunderung  für  ihn  grösser  gewesen. 

Als  ich  ihn  nach  Jahren  wiedersah,  lauerte  in  den  zahlreichen  Runzeln  seines 
Antlitzes,  den  tiefen  Furchen  seiner  Stime  und  im  matten  Lodern  seiner  Feuer- 
augen schon  jener  «böse  Geist»,  der  nach  Vernichtung  sehnsüchtige  Selbstmord- 
gedanke, vor  welchen  ihn  Johann  Arany  warnte.  Doch  war  derselbe,  wiewohl  et 
ihn  oft  quälte,  blos  der  Schatten  einer  vorüberziehenden  Wolke  auf  seinem  Geiste 
und  seinem  Antlitze.  Er  weist  ihn  zur  Buhe  in  den  herrlichen  Gedichten:  «Glaube», 
«Gottes  Wille»,  «Liebe»,  «Am  Grabe  des  Theuren»  (seines  kleinen  Sohnes)  und  den 
«Letzten  (Gedichten»  (an  seine  Frau).  —  Der  Mensch  krümmt  sich  bereits  unter 
den  Qualen  der  Auflösung,  dass  es  Qual  ist,  ihn  zu  sehen  —  ich  sah  ihn  — ,  aber 
der  Dichter  steht  noch  in  der  Fülle  seiner  Kraft  da ;  der  Körper  erkaltet,  die  Extre- 
mitäten erstarren  bereits,  aber  das  Gehirn  g^ht  noch,  das  Herz  ist  noeh  warm 
und  —  liebt  f 

Noch  drei  Bilder  drängen  sich  vor  mein  geistiges  Auge:  die  Bahre,  die 
Witwe,  das  Grab.  Die  beiden  ersten  führt  mir  blos  die  Phantasie  vor,  das  dritte  die 
Erinnerung.  Als  ich  es  sah,  ruhten  bereits  alle  Drei  darin :  das  teure  Kind,  der 
Dichter  und  die  Witwe.  Ihre  Hoffnung  auf  ein  Wiedersehen  in  der  Ewigkeit  ist 
bereits  in  Erfüllung  gegangen ;  trösten  auch  uir  uns  mit  dieser  Ho&ung,  und  bis 
sie  in  Erfällung  geht,  gedenken  wir  ihrer  f  Unser  Gedenken  nähren  jene  herrlichen 
Lieder  des  Patriotenschmerzes  und  der  patriotischen  Erlösungshoffhung,  welche 
Tompa  seiner  Nation  in  der  Periode  des  düstersten  Schmerzes  gesungen ;  dasselbe 
unterstützt  auch  dieses  Bildniss,  welches  sein  leibliches  Antlitz  uns  treu  vorstellt 
und,  um  seine  äussere  Gestalt  dem  Gemeinbewusstsein  einzuprägen  und  -darin  zu 
erhalten,  von  unserer  Gesellschaft  der  gegenwärtigen  und  den  künftigen  Genera- 
tionen hiemit  übergeben  wird. 

Hierauf  las  Victor  Dalmady  zwei  eigene  Gedichte  imter  dem  gemeinsamen 
Titel:  tin  Siebenbürgen^, you  denen  das  erste  «Mathias*  Geburtshaus»  angesichts 
des  Geburtshauses  des  grossen  Königs  in  Klausenburg,  seinem  Andenken  eine 
Lobeehymn^    singt,  während  das  zweite:    «Losungswort»  die   Losung  ausgibt, 


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*ßi  tlECAUfÖIS   OOPPiSe   über  UKÖAittßiiflft  LtTÄ&ATÜft. 

jede»  Herz,  das  noch  nicht  ungarisch  ist,  der  ungarischen  YaterlandsUebe  zn 
gewinnen. 

Nun  las  Karl  Yadnai  eine  längere  humorvolle  Geschichte :  Hymen,  Erzäh- 
lung von  einem  heiratsföhigen  Jimgling.  Der  Held  der  Erzählung  ist  ein  junger 
Huszaren-Iieutenant,  der  die  vom  Vater  ererbte  eine  halbe  Million  verschwendet, 
überdies  hunderttausend  Gulden  Schulden  macht,  deshalb  aus  dem  Militärverbande 
austreten  muss,  aber,  da  zu  jener  Zeit  die  Verfassung  Ungarns  suspendirt  ist,  von 
keiner  Verwandten-Clique  mit  einem  Comitatsamt  versorgt  werden  kann,  nach 
einigen  misslungenen  Versuchen,  sich  durch  Arbeit  seinen  Unterhalt  zu  erwer- 
ben, sich  schliesslich  einer  bejahrten  reichen  Witwe  an  den  Hals  wirft,  in  der 
Hofihung,  sie  binnen  zwei  Jahren  beerben  zn  können,  in  dieser  Hoffnung  jedoch 
arg  getäuscht  wird,  da  die  kränkelnde  Gattin  in  Carlsbad  volle  Genesung  findet, 
ihn  unter  steter  Vormundschaft  hält  und  schliesshch,  nachdem  er  sich  beim 
Jagdvergnügen  ein  Podagra  zugezogen,  ihn,  der  sie  zu  begraben  gehofft  hatte,  zu 
Gntbe  geleitet. 

Zum  Schlüsse  las  Anton  VArady  ein  Gedicht  Josef  L^vay*s :  tDer  alte  Nuss- 
baunf  vor,  welches  das  Lob  eines  alten  Nusnbaumes  singt,  der  einer  glücklichen 
armen  FamiHe  ein  schattiges  Obdach  und  labende  Früchte  spendet  und  dafür  ihres 
Segens  teilhaft  wird. 

Nun  folgte  noch  die  kurze  Meldung,  dass  die  letztjährigen  P^reisaussohrei- 
bungen  der  Gesellschaft  leider  resultatlos  geblieben  seien,  worauf  der  Präsident  Pftul 
Gyulai  mit  kurzem  Dankwort  an  das  zahlreiche  und  aufinerksame  Auditorium 
die  44.  feierliche  Jahressitznng  der  Gesellschaft  schloss. 


FRANCOIS  COPPlßE  ÜBER  UNGARISCHE  LITERATUR. 

♦ 

Fran9ois  Copp^e  hat  zu  der  von  Fräulein  E.  Hom,  der  Tochter  des  verewig- 
ten imgarischen  Staatssecretärs  Eduard  Hom,  herausgegebenen  französiscben 
Bearbeitung  Eoloman  Mikszäth'scher  Novellen  (Kdlmdn  de  Mikszäth,  Scenes  Hon- 
groises,  traduites  par  E,  Harn.  Prdface  de  Frangois  Copp^e  de  VAcaddmie  Fran- 
qaise,  Paris,  1890,  Quantin)  ein  Vorwort  geschrieben,  das  in  vollständiger  Ueber- 
setzung  folgendermassen  lautet : 

dm  Jahre  1885,  anlässlich  der  Budapester  Industrie-  und  Kunstausstellung 
habe  ich  eine  feenhafte  Beise  in  Ungarn  gemacht.  Wir  waren,  an  vierzig  Franzo- 
sen, die  Gäste  des  magyarischen  Volkes,  welches  in  uns  ganz  Frankreich  accla- 
mirte  und  festlich  bewirtete.  Für  mich  bleibt  es  eine  unvergessliche  Erinnerung. 
Ich  habe  nur  die  Augen  zu  schliessen,  um  sie  wiederzusehen,  die  illuminirten 
Städte,  die  geräumigen  Banketsäle,  wo  alle  Tokajergläser  sich  uns  zu  Ehren  erhe- 
ben, um  zu  hören,  wie  auf  den  tollen  Geigen  der  Zigeuner  die  Marseillaise  und  der 
Bäköczi-Marsch  losbrechen.  Ungarn  handelte  damals  in  sehr  edelmütiger  und  sehr 
rührender  Weise :  es  reichte  Besiegten  die  Hand.  Gewiss,  es  waren  uns,  auch  nach 
unserer  Niederlage,  sehr  wackere  Freunde  erhalten  geblieben.  Allein  zum  ersten 


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PRAN901Ö  OÖPP^  ijBHB  ÜNOABISÖHB  IJTBRATtJR.  ^^ 

Mal  seit  dem  verderblichen  1870-er  Krieg  fühlte  Frankreich  eine  Nation,  eine 
ganze  Nation  darch  einen  grossen  Zug  von  Sympathie  zu  sich  hingezogen.  Dieses 
Oeffthl  —  ich  mfe  meine  Beisegeföhrten  als  Zeugen  an  —  haben  wir  Alle  tief 
empfunden  und»  zu  wiederholten  Malen,  haben  wir  bei  diesen  enthusiastischen 
Manifestationen  zu  Gunsten  unseres  lieben  Vaterlandes  gefühlt,  wie  Tränen  der 
Dankbarkeit  und  Freude  uns  in  die  Augen  traten. 

Wenn  jedoch  diese  verzauberte  Excursion  durch  zahlreiche  Städte  im  Feet- 
gewand  mich  Ungarn  inniglich  lieben  lehrte,  so  kann  ich  nicht  sagen,  dass  sie 
mich  Ungarn  kennen  lernen  liees.  Ich  habe  dieses  schöne  Land  nicht  in  seinem 
normalen  Znstande  gesehen.  Ich  sah  es  zu  sehr  geschmückt,  sozusagen  zu  viel  in 
seinem  Sonntagsstaate.  Ich  bin  nicht  in  sein  intimes  Leben  eingedrungen.  cAuf 
Wiedersehen,!  sagte  ich  am  Tage  der  Abreise,  indem  ich  meinen  lieben  Gaatfreun- 
den  die  Hand  drückte.  Und  ich  nahm  den  lebhaften  Wunsch  mit  mir,  bald  wieder- 
zukommen, die  blonde  Donau  wiederzusehen  —  denn  sie  macht  dem  Strauss'schen 
Walzer  nicht  das  Vergnügen,  blau  zu  sein  — ,  meine  magyarischen  Freunde 
wiederzufinden,  mit  ihnen  die  vergoldeten  Tiefebenen  und  die  Akazienwälder  zu 
durchjagen  und  auf  dem  Osärdatische  jenen  Wein  zu  trinken,  von  dem  der  Dich- 
ter Pet6fi  sagt :  t Alt  wie  mein  Ahn'  und  warm  wie  meine  Liebstei,  während  der 
Zigeuner,  immer  näher  an  meinem  Ohr  geigend,  mir  jene  berückenden  Improvisa- 
tionen eingeschänkt  hätte,  die  uns  anfangs  in  so  süssen  Schlummer  wiegen  und 
Bchliesfllich  unsere  Nerven  bis  zum  Weinen  erschüttern. 

Ja,  ich  war  entschlossen,  dorthin  zurückzukehren.  Allein  es  ist  weit  vom 
Eelchesrand  bis  zu  den  Lippen,  es  ist  weit  vom  zärtlich  gehegten  Vorsatze  bis  zu 
dessen  Verwirklichung.  Zu  viele  Bande,  zu  viele  Pflichten  hielten  mich  in  Paris 
zurück,  und  fünf  Jahre  sind  verflossen,  ohne  dass  ich  ein  zweites  Mal  den  Orient- 
Expresflzug  hätte  besteigen  können,  um  Zigarretten  aus  türkischem  Tabak  auf  den 
Donanqnais  rauchen  zu  gehen,  angesichts  der  stolzen  und  pittoresken  Silhouette 
der  altehrwürdigen  Veste  von  Ofen. 

Nun  denn,  von  diesem,  fast  sehnsüchtigen  Bedauern,  dass  es  mir  nicht 
möglich  war,  Ungarn  wiederzusehen  und  besser  kennen  zu  lernen,  ward  ich  so- 
eben ein  wenig  getröstet,  nachdem  ich  ein  kurzes  und  köstliches  Buch  gelesen, 
«Scdnes  Hongroises»  von  Herrn  Eoloman  de  Mikszäth. 

Der  Herausgebcur,  Herr  L^grädy,  einer  unserer  liebenswürdigsten  Bewirter 
im  Jahre  1885,  bittet  mich  bei  her  Zusendung  der  französischen  Uebertragung  der 
«Seines  Hongroisest,  ich  möge  denselben  als  Einfnhrer  beim  französischen  Pub- 
likum dienen,  und  er  teilt  mir  einige  biographische  Notizen  über  den  Verfasser 
mit,  die  ich  vorerst  resumiren  werde,  da  sie  notwendig  sind,  um  den  Ursprung 
seiner  Inspiration  und  die  Natur  seines  Talents  zu  erklären. 

Der  Vater  Eoloman  de  Mikszäth's,  Johann  v.  Mikszäth  de  Kis-Gs61t6, 
gehörte  dem  Eleinadel  an,  der  auf  seinem  Grund  und  Boden  lebt  nach  Art  der 
Bauern,  die  Wände  seiner  Herrenwohnung  wohl  mehr  mit  Pfeifen  und  Jagd- 
gewehren, als  mit  Büchereien  ausschmückend,  welche  die  Fächer  einer  Bibliothek 
füllen  könnten.  Er  dachte,  sein  Sohn  werde  genug  wissen,  um  sein  Out  zu  bear- 
beiten, und  er  hielt  ihn  gar  nicht  zum  Studiren  an.  Wir  müssen  darob  dem  wür- 
digen Edelmann  Dank  wissen.  Nichts  ist  gefährlicher,  als  frühzeitiger  Unterricht 
Wenn  man  zu  früh  Bücher  liest,  wird  man  ein  Buchmensch,  «hvresque»,  wie 


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^ö*  PRAN9OIS   OOPPÄB   ÜBER   UNOARISCHB  LiTHRATtÄ. 

Montaigne  sich  atiadrüokt.  Man  denkt  nicht  mehr  ans  sieh  selbst  hiMraus ;  man 
abdicirt  von  seiner  ganzen  Persönlichkeit.  EolomaD  v.  Mikssäth  hatte  somit  eine 
freie  tmd  glückliche  Kindheit  und  verbrachte  seine  ersten  Jahre  in  voller  Natur 
mit  den  Baiiem.  Später  verpflichtete  ihn  zweifellos  seine  Mutter,  seine  Studien 
wieder  aufzunehmen  und  er  absolvirte  sogar  sein  Jus  ihr  zu  Qefalton ;  als  er  dieee 
jedoch  während  der  1873-er  Cholera-Epidemie  verloren  hatte,  wollte  der  junge 
Mann,  der  frei  handeln  konnte,  von  ^?ar  keiner  iutellectueUen  Arbeit  mehr  reden 
hören  und  nahm  seine  unabhängigen  Gewohnheiten  wieder  auf.  Er  blieb  auf 
seinem  Oütchen,  jagte,  ritt  und  brachte  mit  Schäfern  und  Feldhütern  seine  Tage, 
ja  sogar  seine  Nächte  zu.  Er  setsste  sich  an  ihre  Hirtenfeuer,  blieb  bei  ihnen  bis 
zum  Morgenrot  unid  hess  sich  ihre  Geschichten  erzählen.  Auf  diese  Art  lernte  er 
die  Charaktere  und  Sitten  dieser  von  der  westlichen  Civilisation  noch  unberührten 
und  noch  halb  barbarischen  Bevölkerung  kennen.  Mit  seinen  wilden  Freunden 
von  einer  zuweilen  bis  zur  Herrlichkeit  gehenden  Freigebigkeit,  verwaltete 
Mikszäth  seine  Besitzimgen  so  gut,  dass  er  sich  in  zwei  Jahren  bis  zürn  lösten 
Gulden  ruinirt  hatte,  und,  um  seinen  Lebensunterhalt  zu  gewinnen,  ward  der 
Landedelmann  zum  Schriftsteller.  Gleich  bei  seinen  ersten  Publicationen  war  der 
Erfolg  ein  enormer.  Ungarn  begriff  sogleich,  dass  eines  seiner  Kinder  für 
dieses  Land  dasselbe  zu  thun  im  Begriffe  sei,  was  Sacher-Masoch  för  GaU^ 
zien  und  Bret  Harte  für  Kalifornien  gethan;  es  erkannte  in  Mikszith  ein 
Talent  voller  Saft  und  Ursprünghchkeit ;  es  applaudirte  diesem  reisenden 
Erzähler,  diesem  wahren  Dichter,  den  der  nationale  Genius  so  wohl  inspirire. 
In  wenig^i  Jahren  wurde  er  volkstümlich ;  seine  Werke  wtirden  ins  Deutsche 
und  Bussische  übersetzt.  Ohne  das  literarische  Genre,  dem  er  seinen  Böhm 
verdankte,  zu  vernachlässigen,  leistete  er  auch  joumalistisohe  Kriegsdienste, 
nahm  an  der  Politik  Anteil  imd  wurde  ins  ungarische  Parlament  gewählt,  in 
dem  er  auch  heute  sitzt.  So  hatte  sich  endlich  der  ndnirte  Edelmann,  dei 
bizarre  und  vagabundirende  Familiensohn,  den  fr^iher  sidierlich  ibehr  als^ner 
als  schlechtes  Subjekt  behandelt  hatte,  mit  Hilfe  seiner  Feder  ein«  glückliche 
und  geehrte  Existenz  rekonstituirt. 

Ich  habe  soeben  Mikszäth's  «Sctoes  Hongroises»  gelesen  und  ich  bin  über- 
zeugt, dass  dieselben  für  das  französische  Publikum  eine  reizende  Enthüllung  bil* 
den  werden.  Es  sind  dies,  wie  der  Titel  zeigt,  nur  sehr  kurze  Scenen,  Bilder,  die 
ebenso  rasch  verschwinden,  wie  sie  erschienen  sind.  Der  Autor  liat  Novellen, 
Erzählungen  von  grösserer  Ausdehnung  veröffentlicht.  Hier  aber  hat  er  mit  künst- 
lerischer Kraftleistimg,  oder  vielmehr  mit  bewundernswertem  Dichterinstinkt,  alle 
seine  Eindrücke  concentrirt,  seine  Gedanken  in  einigen  wesenvoUen  Seiten  ver- 
dichtet. Es  sind  Erzählungen,  die  auch  Gedichte  sind.  Eine  jede  dieser  ländlichen 
Scenen  enthält  zugleich  ein  kleines  Drama,  ein  landschaftliches  Gem^de,  eine 
Charakterstudie  und  ein  Bild  localer  Sitten.  In  einigen  Worten  heben  sich  Per- 
sönlichkeiten voller  Wahrheit  und  Leben  empor,  die  Umgebung,  in  der  sie  sich 
bewegen,  wird  hervorgezaubert,  die  Handlung  gelangt  zum  Ausdruck  und  zu 
raschem  Ende.  Es  ist  Bapidität,  mit  Vollkommenheit  gepaart  Und  wenn  ich 
meine  Kritikerloupe  noch  so  sehr  ans  Auge  drücke,  vermag  ich  da  keine  Autoren- 
manier, keine  Künstlichkeit  zu  entdecken.  Man  beachte,  dass  ich  es  mit  einer 
Uebersetzung  zu  thun  habe.  Diese  verdankt  man  der  eleganten  Feder  einer  jongon 


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PlUK^OtS  OOPFlte   ÜBBB  üHOABtdOfilB  UTfiRATÜfi.  ^^ 

Ungarin,  fttr  welche  Frankreich  ein  zweites  Vaterland  ist,  und  die  alle  Feinheiten 
unserer  Sprache  besitzt.  Allein  eine  Uebersetzung  ist  bei  der  literarischen  Servor- 
bringong  das,  was  der  Qoss  bei  der  plastischen  Scböpfang  ist.  Wie  tren  und  ebr- 
förchtig  sie  auch  sein  möge,  so  drückt  eine  Uebersetzung  stets  das  Original  ein 
wenig  nieder  und  läset  die  Mängel  nur  mehr  zum  Vorscheine  gelangen.  Nun 
denn,  von  Mängeln  sehe  ich  gar  nichts  in  diesen  köstlichen  Eunstobjecten,  welche 
die  Ausdehnung  von  Miniaturen  haben,  obgleich  sie  mit  meisterlicher  Grosse  aus- 
geführt sind. 

Und  wie  man  sie  lieb  gewinnt,  nachdem  man  Mikszäth's  Buch  gelesen, 
diese  magyarischen  Bauern,  naive  Naturen,  abergläubisch,  sinnlich,  leidenschaft- 
lich, allein  mit  einem  Fond  von  Adel,  ja  sozusagen  Bitterlichkeit  f  Man  lese  die 
schöne  Oeschichte  von  Filcsik,  dem  c Heiden»,  und  seinem  alten  Pelz,  der  mit 
Tulpen  ans  roter  und  grüner  Seide  bestickt  ist.  Der  Mann  ist  voll  wilder  Grösse, 
wenn  er  über  die  unter  freiem  Himmel  eingesohlafene  Bettlerin  dieses  kostbare 
Gewand  wirft,  das  er  soeben  vom  Sterbelager  seiner  entehrten  Tochter  gerissen. 
Man  bewundere  Elisabeth  Vede*s  Unschuld  und  Bechtlichkeit  vor  dem  Richter,  da 
sie  sich  erbötig  macht,  die  Gef&ngnissmonate  zu  verbüssen,  zu  denen  ihre  Schwe- 
ster verurteilt  ist,  die,  ehe  sie  ihre  Strafe  überstanden,  gestorben.  Doch  nein,  ich 
will  mir  nicht  den  Anschein  geben,  unter  ^esen  ausgezeichneten  Erzählungen  zu 
wählen.  Alle  sind  gleich  vortrefflich,  und  wenn  man  dieses  kleine  Buch  begonnen 
haben  wird,  so  wird  man  es  in  einem  Zuge  bis  ans  Ende  lesen  und  es  dann  wieder 
lesen,  um  sich  darin  die  Seiten,  für  die  man  besondere  Vorliebe  gewann,  zu 
bezeichnen. 

Niemals  haben  wir  uns  in  Frankreich  so  viel  mit  fremden  Literaturen 
beschäftigt  wie  heute.  Wir  müssen  um  jeden  Preis  Neues  haben  und  wir  suchen 
dasselbe  im  Exotischen.  Dieser  Geschmack  —  für  Viele  ist  es  nur  eine  Mode  — 
macht  uns  zuweilen  ungerecht  gegen  uns  selbst  und  wir  sind  dahin  gelangt,  bei 
Anderen  das  zu  bewundem,  was  jene  Anderen  uns  entlehnt.  Um  nur  ein  Beispiel 
zu  citiren,  so  hat  uns  Bussland  gewiss  einige  Bücher  ersten  Ranges,  ja  ersten 
Genies,  in  den  letzten  zwanzig  Jahren  gegeben.  Allein  wer  würde  es  zu  behaupten 
wagen,  dass  Tolstoi,  indem  er  seine  Kriegsbüder  von  solch  ergreifendem  Realis- 
mus zeichnete,  sich  nicht  ein  wenig  der  bewundernswerten  Schlacht  von  Waterloo 
erinnerte,  welche  den  Roman :  tLa  Chartreuse  de  Panne»  erö&et.  Gewiss,  es  gibt 
keine  schmerzlichere  und  rührendere  Figur,  als  die  der  Sonia  aus  «Crime  et 
chätiment»,  allein  hat  unser  Mitleid  nicht  schon  auf  die  todte  Stime  Fantine's 
(in  Viktor  Hugo's :  «Les  Miserables»)  einen  Euss  des  Friedens  und  der  Vergebung 
für  alles  menschliche  Leiden  niedergelegt  ? 

loh  will,  Gott  behüte,  nicht  an  dem  grossartigen  Aufschwung  der  Meister 
des  zeitgenössischen  Russland  mit  meiner  Bewunderung  fbiischen.  Ich  sage  nur« 
dass,  insoweit  es  sich  um  Neues  handelt,  ich  ganz  Neues  haben  will ;  hinsichtlick 
des  Exotischen,  will  ich  ganz  exotisches.  Das  ist  die  Befriedigung,  welche  mir 
Mikszäih*s  «Sc^es  Hongroises»  gewährt  haben.  Dieses  kleine  Buch  ist  absolut 
originell,  es  verdankt  nichts  irgend  einer  anderen  Literatur.  Es  ist  magyarisch, 
exciusiv  magyarisch.  Ich  stelle  es  vertrauensvoll  den  französischen  Lesern  vor. 
Es  wird  ihnen,  Ich  bin  despen  sicher,  ein  Gefühl  exquisiter  Ueberraschung  geben, 
•und  sie  werden  sich  wollüstig  an  dem  Dufte  berauschen,  der  dieser  Garbe  frischer 


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iM  ÜKdAfilSOHlS  JOtJBKALtBTtK. 

Idyll^,  diesem  Feldstransse  entströmt,  der  aasseUiesslich  ansBlamen  der  ungari- 
schen Paszta  znsammengesetzt  ist. 


UNGARISCHE  JOURNALISTIK  IM  JAHRE  1891. 

Josef  Szinyei  veröffentlioht  in  der  Vasdmapi  Vjsdg  (Sonntags-Zeitung)  eine 
mit  ausserordentlichem  Fleisse  verÜEtöste  Uebersicht  über  den  Stand  der  ungari- 
schen Zeitungen  und  Zeitschriften  am  Beginne  des  Jahres  1891,  welcher  wir 
folgende  Daten  entnehmen. 

Es  erschienen  am  Beginne  der  letzten  beiden  Jahre  in  Ungarn : 


j^piftf^g 

1890 

1891 

Differeiui 

L  Politische  Tagesbl&tter 

23 

23 

— 

n.  Politische  "Woohenbl&ttor 

43 

41 

-  2 

m.  Vermischte  ülustrirte  Blätter 

3 

3 

— 

IV.  Kirchen-  tmd  Schtdbl&tter 

40 

39 

—  1 

V.  Belletristische  Blätter    

15 

17 

+   2 

VI.  Hmnoristisohe  Blätter        ...    ... 

13 

10 

—  3 

VU.  Fach-Jonnsle 

134 

137 

+  3 

VlU.  Nicht-politische  Provinzblätter... 

149 

147 

—  2 

IX.  Inseraten-Bl&tter    

5 

5 

— 

X.  Zeitschriften       

176 

187 

+  11 

XI.  Vermischte  Beilagen    

35 

36 

+  1 

Zusammen: 

636 

645 

+  9 

Im  Laufe  des  Jahres  1890  und  am  Beginne  des  Jahres  1891  gingen  zusam- 
men 92  Journale  ein  und  entstanden  75  neue  Zeitungen  und  Zeitschriften. 

Die  erste  ungarische  Zeitung  erschien  am  1.  Januar  1780  (der  «Magyar 
Hirmondö,»  herausgegeben  von  Mathias  Bäth  in  Pressburg) ;  in  Budapest  erschien 
die  erste  ungarische  Zeitung  am  8.  October  1788  (der  «Magyar  Merkuriust  im  Ver- 
lage von  Franz  Paczkö),  doch  erst  die  seit  dem  2.  Juli  1806  erscheinenden  «Hazai 
Tudösitiisok^  (Vaterländische  Nachrichten)  von  Stefan  Kulcsär  wussten  sich  län- 
gere Zeit  zu  erhalten.    - 

Der  erste  Aufschwung  der  ungarischen  Journalistik  beginnt  mit  dem  Jahre 
1830,  in  welchem  10  Zeitungen  und  Zeitschriften  erschienen.  Schon  1840  hatten 
wir  26,  1847 :  33  und  in  den  Sturmjahren  1848/9  plötzlich  86  ungarische  Journale. 
Die  Niederwerfang  des  Freiheitskrieges  vernichtete  auch  die  ungarische  Joumali- 

"^^  Wir  erinnern  hier  unsere  LeRer,  dass  ein  Band  ausgezeichneter  Mikszith'scher 
Skizzen  und  Erzählungen  auch  in  deutscher  Uebersetznng  vorliegt:  Die  guten  Hoch- 
länder, Ungarisclie  Dorfgescki^fiten  von  Kolommt  Mi-kszdth,  Uehertragen  durch  Dr.  Adolf 
Silbersiein.  Mit  28  Illustrationen.  Szegedin,  1884,  Druck  u.  Verlag  Von  L.  £ndr4nyi  & 
Comp.,  150  S.  D.  Bed. 


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RtmZft  6ItZUKG8fiftttT0»T£:.  ^7 

stik.  Im  Jahre  1850  hatten  wir  blos  9  nngarisohe  Blätter,  welche  Zahl  bis  1861  auf 
52  nnd  bis  1867  auf  80  stieg.  Der  Ausgleich  und  das  neu  erwachte  politische 
Leben  verliehen  der  Journalistik  einen  grossartigen  Aufschwung.  Schon  im  Jahre 
1868  betrug  die  Zahl  der  ungarischen  Journale  140,  1876:  240,  1880:  368,  1885: 
494,  1889 :  600  und  heute  645. 

Von  diesen  645  Zeitungen  und  Zeitschriften  erscheinen : 

in  der  Hauptstadt    298 

in  der  Provinz      346  (an  140  Orten) 

im  Auslande  (New- York) 1 

In  fremden  Sprachen  erscheinen  ausserdem  in  Ungarn  1 89  Zeitungen  und 
Zeitschriften  und  zwar: 

Anfang 


1890 

1891 

Difleiens 

in  dentsoher  Sprache    

110 

132 

+  22 

•  alavifloher      .      

32 

37 

+  5 

<  mmSiiiseher  » 

19 

15 

—  4 

•  itaUenisoher  «      

2 

2 



•  franisödsoher  < 

3 

3 



Zosammen: 

166 

189 

+  23 

Die  GFesammtzahl  der  in  Ungarn  in  ungarischer  oder  einer  anderen 
Sprache  erscheinenden  Journale  ist  demnach  derzeit  834  (Anfang  1890:  803. 
Differenz  -f  32). 


KURZE  SnZUNGSBERICHm 

—  Akademie  der  Wissenschaften.  In  der  Sitzung  der  I.  dasse  am  3. 
Februar  hielt  den  ersten  Vortrag  das  correspondirende  Mitglied  Ivan  T^liy  unter 
dem  Titel :  Karl  Kisfaludy*8  Elegie  ^Mohdcs*  griechisch.  —  Im  tEgyetemes  Philo- 
logiai  Eözlönyi,  Heft  9.,  1890,  erschien  Karl  KisfEdudy's  Elegie  tMohäcs»  von 
Gustav  Eassai  im  Originalversmass  (Hexameter  und  Pentameter)  ins  Griechische 
übersetzt.  Im  10.  Heffe  derselben  Zeitschrift  veröffentUcht  Dr.  Rudolf  Väri  kritische 
Bemerkungen  zu  dieser  Uebersetzung.  Vortragender  kritisirt  zuerst  diese  Kritik, 
hierauf  die  Uebersetzung  selbst  und  gibt  schliesslich  seine  eigene  Uebersetzung  der 
genannten  Elegie  in  griechischen  Distichen,  begleitet  von  Bemerkungen,  in  welchen 
er  jeden  gebrauchten  Ausdruck  durch  Citate  aus  der  Sprache  der  griechischen 
Epiker,  Elegiker  und  Dramatiker  rechtfertigt. 

Den  zweiten  Vortrag  hielt  das  Ehrenmitglied  Anton  Zichy  Ueber  einige  an 
den  Grafen  Stefan  Sz^chenyi  in  den  Jahren  1827 — 1886  gerichtete  Briefe,  Als  dem 
Grafen  Steüan  Sz^chenyi  seine  dem  Dienste  des  Vaterlandes  geweihte  Zeit  kost- 
barer wurde,  sah  er  sich  genötigt,  den  grössten  Teil  der  an  ihn  gelangenden  Briefe 
unbeantwortet  zu  lassen,  ja  ungelesen  zu  vernichten.  Wir  dürfen  daher  jene  wenigen 
(im  Ganzen  40)  Briefe,  welche  er  der  Aufbewahrung  in  einer  besonderen  Enveloppe 
würdig  erachtete,  nicht  gering  scliätzen.  Drei  darunter  stammon  von  zarter  Damen - 
band,  nämlich  von  der  Herzogin  L.,  von  der  Gräfin  E.,  welche  psychologisch  inter- 


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z^  KÜB2£  BITZÜK6SBfifiI0fil1S. 

essant  eind,  und  von  dar  Fnxx  v.  Petröoiy  geb.  Delevicz^nyL  Uoter  den  von 
Mftnnerhand  stammenden  behandelt  Vortragender  eingehender  den  Brief  dee  Su- 
perintendenten Johann  EIb,  welcher  sich  anf  die  von  der  Emancipation  der  EatlM>- 
Uken  liandekiden  und  von  ihm  teilweise  auch  übersetzten  Artikel  «Bidinbnigh  Be^ 
viewt  bezieht  und  von  den  aufgeklärten  liberalen  Ansichten  seines  Schreibers  ein 
schönes  Zeugniss  ablegt.  Hierauf  den  Brildf  des  ref.  Predigers  und  Dichters 
Gregor  ^es,  der  im  70.  Lebensjahre  seine  eigenen  Ideen  mit  Freuden  in  Sz4- 
chenyi*s  Werke  c Hitelt  (über  den  Credit)  abgespiegelt  sieht.  Aber  auch  katholische 
Priester  (Joh.  Tatay,  f  ranz  Somogyi  und  ein  Erlauer  Priester)  beeilten  sich,  ihrer 
Huldigung  Ausdruck  zu  geben.  Einer  der  interessantesten  indessen  ist  ein  ausführ- 
licher Brief  des  Orafen  Josef  Dessewfiy,  dessen  grössere  Hälfte  sich  mit  den  Aus- 
stellungen befasst,  welche  Sz^chenyi  an  der  äusseren  Form  der  Zeitschrift  tFelsd- 
magyarorszägi  Minerva»  (Oberungarische  Minerva)  machte.  Interessant  ist,  was  er 
vom  damaligen  geheimen  Spionirsystem,  den  t Spitzeln»,  sagt  Vor  diesen  förchtete 
sich  auch  Graf  Stefan  Fi^,  welcher  hoch  und  teuer  schwört,  daas  er  Sz6chenyi*8 
Antwort,  wenn  er  ihn  einer  solchen  würdige,  nie  einer  MensohdBBeele  seigen  werde. 
Dieser  Graf  sieht  übrigens  in  der  Urbarial- Ablösung,  einer  der  Gkundideen  Sz6- 
chenyi's,  wenn  sie  verwirklicht  würde,  den  Untergang  unseres  Yateriandes.  Ein 
Brief  Alexander  Bertha's  gibt  dem  Grafen  Nachricht  von  dem  Erscheinen  und  der 
grossen  Wirkung  des  Sz^chenyi'schen  «Stadium».  Manche  suchten  ihrer  Huldi- 
gung durch  Geschenksendungen  mehr  Nachdruck  zu  geben.  Georg  Chmel  sendet 
Gartenerde,  Johann  N(^meth  Yerpel^ter  Tabak,  unser  berühmter  Amerikareisender 
Wolfgang  Bölönyi  sechs  Bouteillen  feinen  Wein,  welcher  es  mit  dem  Madeira  auf- 
nimmt, Johann  Zeyk  seine  Gedichte  u.  s.  w.  Der  schönste  Brief  stammt  aus  der 
Feder  Nicolaus  Wessel^nyi's,  welchen  Vortragender  bereits  im  I.  Band  seines 
Werkes  über  Sz^chenyi's  Tagebücher  mitgeteilt  hat  Oberfeldwebel  Buzits  stellt 
sich  beiläufig  als  Tacitus-Uebersetzer  vor.  Den  Bchlnss  machen  zwei  Mitglieder  der 
damaligen  Bifliichstagsjugend :  Ste&n  Baksay  verwahrt  sich  gegen  den  von  ungefähr 
auf  ihn  gefallenen  Vorwurf  der  Unehrerbietigkeit  und  Anton  Noszlopy  sendet  ihm 
das  Poem  nach,  mit  welchem  er  den  aus  dem  Auslande  heimkelnrenden  Sz6chenyi 
in  Pressburg  im  Namen  der  Jugend  begrüsat  hatte.  —  Anknüpfend  an  diesen  Vor- 
trag liest  der  General-Secretär  Koloman  Szily  das  Antwortschreiben  Sz6chenyi*s 
ai\f  ein  Huldigungsschreiben  des  Ingenieurs  Johann  Gserna-Udvardy,  welches  sich 
im  Nachlass  des  Letzteren  vorfand. 

—  In  der  Sitzung  der  H.  Classe  am  9.  Februar  las  Franz  Pulszky  über  dir 
ungarischen  heidnischen  Oräberfunde.  Die  Gräberfunde  sind  die  einzigen  Denk- 
mäler, ans  welchen  wir  auf  die  Cultur  unserer  heidnischen  Vorfaliren  einiger- 
massen  Schlüsse  ziehen  können.  Deshalb  verdienen  sie  mit  Becht  das  Stadium  der 
Archäologen.  Vortragender  zählt  die  bisherigen  heidnisch-ungarischen  Gräberfunde 
in  der  chronologischen  Beihenfolge  ihrer  Auffindung  auf.  Sechzehn  dieser  Funde 
werden  im  Nationalmuseum  aufbewahrt;  andere  in  Provinzialsammlungen.  Die 
Funde  betreffen  ausschliesslich  Grabstätten  vornehmer  Personen.  In  diesen  Taj?en 
wurde  in  Szegedin  ein  reicher  Fund  gemacht,  den  Vortragender  später  besprechen 
will.  Pulszky  zählt  die  reichsten  Funde  auf,  bemerkt  jedoch,  dass  dieselben  an 
Wert  und  Interesse  weit  hinter  anderen  Völkerwanderungsfunden  zurückstehen. 
Die  Zahl  der  Gegenstände  ist  gering,  die  Kunst  daran  unbedeutend.  Zum  Schlüsse 


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KUBZB   BTTZUNOSBEBIGHTE.  ^^ 

sählt  der  VerÜBsser  der  Reihe  nach  die  (Gegenstände  der  eiozehien  heidnisoh-onga- 
nsohen  Gräberfunde  auf,  ohne  fär  jetzt  die  Ergebnisse  der  Untersnohnng  zu 
resnmiren. 

Hierauf  hielt  das  oorrespondirende  Mitglied  Alad4r  Ballagi  einen  Vortrag 
über  die  Eheschliessimgen  in  Ungarn  im  XVIL  Jahrhundert.  Für  die  damalige 
Unentwickeltheit  unseres  gesellschaftliohen  Lebens  spricht  nichts  so  sehr  als  die 
Ckeohiohte  der  Ehen.  In  den  höheren  Kreisen  kam  das  Princip  der  Erhaltung  des 
Geschlechtes  und  des  Vermögens  rückstohtsloe  zui  Geltung.  Da6  Abhangigkeits- 
yerhältniss,  in  welchem  die  su  Verheiratenden  zu  ihren  Eltern  standen,  vernichtete 
jedes  Becht  der  Individualität.  Zahlreiche  historische  Beispiele  beweisen,  dass  die 
beiden  gehorsamen  Geschöpfe  den  Willen  ihrer  Eltern  ab  Gesetz  ehren  und  mit 
ihrer  Wahl  ziemlich  im  Beinen  sind,  bevor  sie  einander  noch  gesehen  haben.  Das 
Uofiren  ist  ganz  dberflüssig :  die  die  äusseren  Umstände  erwägenden  Eltern  machen 
das  untereinander  aus,  was  eine  spätere  Zeit  durch  Salon-Eroberungamanöver 
erzielen  lässt.  Auch  die  einander  zugedachten  jungen  Leute  selbst  sind  reine  Skla- 
ven der  Präoocupation,  ihre  Neigung  lediglieh  atif  das  optbche  Moment  des  ersten 
Eindrucks  angewiesen.  Die  Brantschau  hat  kaum  einen  anderen  Zweck  ab  den, 
dass  die  einander  zugedachten  Parteien,  welche  in  der  Begel  einander  damab  zum 
ersten  Male  im  Leben  begegnen,  einige  Worte  mit  einander  wechseln,  um  nicht 
ganz  ohne  einander  gesehen  zu  haben,  den  ewigen  Bund  zu  schliessen.  Nach  statt- 
gehabter Brautschau  sendet  die  Familie  des  Jünglings  ein  angesehenes  Mitglied 
ab.  Werber  zur  Familie  des  Mädchens.  Im  Falle  günstigen  Bescheides  wird  der 
Zeitpunkt  der  «Handreichungt  oder  Verlobung  durch  Bingwechsel  festgesetzt,  bei 
welcher  Gelegenheit  der  Priester  die  Verlobten  einander  vermählt,  welche  von  da 
an  bereits  Ehegenossen  sind,  aber  nicht  die  Ehe  vollziehen.  Die  Braut  bleibt  näm- 
lich nach  der  Handreichung  noch  eine  geraume  Zeit,  bisweilen  auch  zwei  Jahre 
lang,  noch  daheim,  und  bt  zwar  Frau,  aber  im  Jungfranenstande.  Der  Bräutigam 
und  seine  Verwandten  setzen  den  Tag  der  Hochzeit  fest.  Diese  wird  bei  allen 
Ständen  mit  möglichst  grossem  Pomp  voUzogen  und  die  Neuvermählten  werden 
dadurch  dermassen  in  Unkosten  versetzt,  dass  z.  B.  dem  übrigens  wohlhabenden 
Grafen  Nioolaus  Bethlen  nach  seiner  Hochzeit  nicht  mehr  Geld  als  25  fl.  übrig 
blttbi  Die  Gäste  erscheinen  insgesammt  von  Dienertross  umgeben  mit  unzähligen 
Wagen.  Bei  der  Hochzeit  der  Gräfin  Barbara  Thurzö  mit  dem  Grafen  Ohristoph 
Erdödy  erschienen  die  hohen  Ctäste  mit  einem  (befolge  von  2621  Personen  und 
4324  Pferden.  Sie  vertilgen  40  Ochsen,  19  Kühe,  140  Kälber,  350  Lämmer,  200 
Schweine,  30  Auerochsen,  30  Bebe,  1400  Hühner,  6000  Eier  u.  s.  w.,  femer  650 
Eimer  Wein  und  295  Eimer  Her.  Die  glänzendste  Hochzeit  rüstete  die  Witwe  des 
Palatins  Georg  Thurzö,  Elisabeth  Czobor,  gelegentlich  der  Vermählung  ihres 
Sohnes  im  Jabre  1618  in  Helmecz,  welche  nur  in  Baargeld,  nach  heutigem  Wert 
berechnet,  mehr  als  hunderttausend  Gulden  kostete.  Vortragender  weist  schliesslich 
auf  Grund  ethnographischer  und  volkspoetischer  Studien  nach,  dass  der  grösste 
TeU  der  alten  Hochzeitsgebränche  hie  und  da  noch  heute  besteht,  mit  dem  Unter- 
schiede, dass  Dasjenige,  was  ehemals  in  den  höchsten  Kreisen  Sitte  war,  heute  nur 
noch  unter  dem  Volke  bräuchlich  ist,  welches  die  alten  Gebräuche  bis  heute 
bewahrt  hat. 

Naeh  Beendigung  der  Vorträge  kündete  der  Classen-Secretär  Emeriph  Pauer 


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270  KURZE   SITZUNOBBBRICHTE. 

an,  dass  am  1 1.  d.  eine  aiisserordentliche  Sitzung  der  zweiten  Classe  der  Akademie 
stattfindet,  deren  einzigen  Gegenstand  ein  Vortrag  des  ordentlichen  Mitgliedes 
Karl  Keleti  über  die  vorläufigen  Ergebnisse  der  1890er  Volkszählung  bildet.  Diesen 
Vortrag  teilen  wir  im  nächsten  Hefte  vollständig  mit. 

—  In  der  Plenarsitzung  am  23.  Februar  las  das  correspondirende  Mitglied 
Alexander  Matlekovits  eine  Denkrede  auf  das  ordenüiche  Mitglied  Stefan  Apdtky. 
Penkredner  schilderte  den  Lebenslauf  Apäthy's  und  würdigte  dessen  Thatigkeit 
als  Professor,  Codificator  und  juristischer  Schriftsteller,  insbesondere  auf  dem  Ge- 
biete des  Handels-  und  Wechselrechtes.  Die  Akademie  hatte  ihn  1873  zum  corre- 
spondirenden,  1885  zum  ordentlichen  Mitgliede,  der  ungarische  Juristentag  1889 
zum  Präsidenten  gewählt.  Apäthy  gehört  auf  literarischem  Gebiete  zu  den  Bahn- 
brechern unserer  rechts-  und  staatswissenschaftlichen  Literatur.  Ueber  die  Lebens- 
verhältnisse und  Werke  Apäthy's  s.  den  Nekrolog  in  dieser  tUngarischen  Bevue», 
1890.  S.  173. 

Hierauf  unterbreitete  der  Akademie-Präsident  der  Plenarsitzung  den  Plan 
einer  am  21.  September  1.  J.  durch  die  Akademie  zu  begehenden  Feier  des  hundert- 
jährigen Geburtstages  ihres  grossen  Gründers,  des  Grafen  Stefan  Sz6chenyi  und 
der  Verbindung  derselben  mit  der  Enthüllung  einer,  an  der  Stelle  des  leeren  Schluss- 
steines  am  Akademie-Palaste  anzubringenden  und  die  Beichstagsscene,  in  welcher 
Graf  Stefan  Sz^chenyi  zur  Gründung  der  Akademie  ein  Jahreseinkommen  anbot, 
darstellenden  Belief-Denktafel ;  femer  machte  er  Mitteilung  über  die  behufs  Ver- 
wirklichung dieses  Planes  bisher  unternommenen  Schritte,  respective  die  bezüg- 
lichen Beratungen  einer  gestern  von  ihm  zusammenberufenen  Commission.  Die 
Commission  schlug  vor,  zum  Zwecke  der  Zusammenbringung  der  auf  12,000  fl.  ver- 
anschlagten Kosten  der  auf  Grund  einer  Strobrschen  Skizze  aaszuführenden  Denk- 
tafel die  Unterstützung  jener  Factoren,  Körperschaften,  Inschriften,  Institute, 
Unternehmungen  anzusuchen,  welche  ihr  Aufblühen  der  Initiative  des  Grafen 
Stefan  Sz^henyi  verdanken,  so  der  Hauptstadt,  Donau-Dampfschififahrts-Gesell- 
schaft,  Walzmühle,  Kettenbrücken-Gesellschaft  u.  s.  w.,  deren  der  gestrigen  Com- 
missionssitzung  beigezogene  Leiter  in  dieser  Beziehung  die  günstigsten  Aussichten 
erö£fheten.  Präsident  beantragt,  die  Zustinmiung  des  Directionsrates  m  diesem 
Plane  einzuholen  und  die  Commission  aus  den  Beihen  der  Akademiker  durch  Fach- 
männer zu  ergänzen.  In  die  Commission  werden  Zoltdn  Beöthy,  Karl  Keleti,  Julius 
Pasteiner,  Karl  Pulszky  und  B^la  Czobor  entsandt  und  der  Präsident  mit  dem 
Arrangement  der  Denkfeier  betraut. 

Hierauf  meldete  der  General-Secretär  das  Ableben  des  correspondirenden 
Mitgliedes  Carl  Hofi&nann,  dem  er  einen  warmen  Nachruf  widmete.  Dann  verlas  er 
eine  Zuschrift  des  k.  u.  k.  Oberstkämmerer- Amtes  an  den  Akademie-Präsidenten, 
welche  die  Mitteilung  enthalt,  dass  Se.  Majestät  den  Auftrag  erteilt  habe,  das  für 
den  Porträtsaal  der  Akademie  bestimmte  Porträt  des  ehemaligen  Ehrenmitgliedes 
Kronprinzen  Erzherzogs  Budolf  durch  den  Meister  Julius  Benczur  anfertigen  zu 
lassen.  Dieses  neue  Zeichen  allerhöchster  Huld  wurde  zu  freudiger  Kenntniss 
genommen.  — Hierauf  unterbreitete  der  General-Secretär  der  Plenarsitzung  behufs 
Verhandlung  den  Conmiissionsvorschlag  betreffend  die  Abänderung  der  Geschäfts- 
ordnung in  Bezug  auf  die  Mitgliederwahlen.  Der  Vorschlag  zerfallt  in  zwei  Teile, 


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AX78  PBTOFI  S   GEDICHTEN. 


271 


von  denen  der  erste  die  Untergliederang  der  Glassen  in  je  zwei  Fachgruppen,  der 
andere  die  gelegentlich  der  Wahlen  seitens  jeder  dieser  Fachgruppen  vorzuneh- 
mende Wahl  eines  fünf-  bis  siebengliedrigen  Candidations- Ausschusses  empfiehlt. 
Nach  längerem  Ideen-Austausche  wurden  beide  Teile  des  Vorschlages  mit  geringen 
Amendements  in  der  Fassung  der  Gommission  mit  überwiegender  Stimmenmehrheit 
angenommen. 

Hierauf  machte  der  General-Secretär  betreffend  die  Vervollständigung  der 
Wandgemälde  des  Prunksaales  der  Akademie  die  Mitteilung,  dass  Meister  Karl  Lotz 
die  Ausführung  der  projeotirten  drei  Oruppenbilder  übernommen  und  die  Samm- 
lungen zur  Aufbringung  der  Kosten  (6000  fl.)  bereits  vor  einiger  Zeit  erfolgreich 
begonnen  haben,  indem  zu  diesem  Zwecke  der  verewigte  Fürstprimas  Simor  700  fl., 
Bischof  Baron  Hornig  500  fl.,  die  Bischöfe  Schuster  und  Lonhardt  je  200  fl«,  die 
Bischöfe  Zalka,  Bende,  DuUnszky  je  100  fl.,  und  andere  Spender  zusammen  1300  fl. 
beigetragen  haben. 


AUS  PETOFI'S  GEDICHTEN. 


L  Das  Lied  der  Hunde. 

Der  Winter  ist  des  Armen  Fluch, 
Wie  8türmt*s  so  eisig  kalt! 
Mit  weissem,  todtem  Leichentuch 
Bedeckt  der  Schnee  den  Wald. 

Was  kümmert*s  uns  ?  wir  liegen  weich 
In  warmer  Ecke  hier ; 
Denn  unser  Herr  ist  gnadenreich. 
Und  schenkt  uns  Frei-Quartier ! 

Dabei  ein  Fressen  sorgenlos, 
Aufschnappen  Stück  um  Stück ! 
Drum  sind  wir  auch  in  Treue  gross, 
Ein  wahres  Hundeglück ! 

Fnsstritte  gibt  es  freilich  auch. 
Doch  dulden  wir  sie  gern ; 
Die  Demut  ist  ja  Hundesbrauch, 
Und  Laune  ziert  den  Herrn. 

Schlägt  er  für  unsem  Unverstand 
Den  Bücken  uns  oft  wund : 
Dann  lecken  wir  ihm  hübsch  die  Hand, 
So  machVs  ein  braver  Hund  t 


n.  Das  Lied  der  Wölfe. 

Der  Winter  ist  des  Armen  Fluch, 
Wie  stürmt's  so  eisig  kaltt 
Mit  weissem,  todtem  Leichentuch 
Bedeckt  der  Schnee  den  Wald. 

Wir  streifen  hin  durch  Schilf  und  Rohr, 
Durch  Sumpf  und  Wäldermoos ; 
Wir  kauern  auf  dem  Haidemoor, 
Und  immer  obdachlos  f 

Wir  heulen  in  das  Sturmgebraus 
Vor  bittrer  Hungerqual, 
Verjagt  von  Hürde,  Hof  und  Haus, 
Veifolgt  durchs  Schluchtental. 

Wir  beissen  in  den  harten  Grund, 
Das  Lamm  ist  unser  Becht ; 
Doch  feindlich  ist  uns  jeder  Hund, 
Und  jeder  Hürdenknecht. 

Wir  tragen  wilden  Hungers  Weh, 
Uns  trifft  des  Jägers  Blei ; 
Eb  rötet  unser  Blut  den  Schnee : 
Doch  sind  wir  Wölfe  frei  f 

Stefan  Bönat. 


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272  UNGARISCHE   BIBLIOGRAPHIE. 


UNGARISCHE  BIBLIOGRAPHIE.* 

Band  Jozsef\  ütazds  ismei'eüen  dllomds  feU,  (Beise  nach  einer  anbekannten 
Station,  18i9— 185G.  Erinnerungen  von  Josef  Barsi.)  Budapest,  1890,  Franklin,  414  S. 

Bdnö  Jena.  ÜH  kdi^ek  Amerikäböl  (Reisebilder  aus  Amerika  von  Eugen  B&n6). 
Mit  fünfzehn  Hlustraiionen  und  zwei  Karten.  Budapest,  1890,  Nagel,  216  S. 

Cdky  Gerffely,  A  szokoH  urasdg  kdt  lednya.  (Die  beiden  Töchter  der  Sokoler 
Herrschaft.  Novelle  von  Gregor  Csiky.)  Budapest,  1890,  Franklin,  112  S. 

—  —  A  nagyraiermeU,  ( Grössen wahn.  Prei^ekröntes  Lustspiel  in  drei  Auf- 
zügen von  demselben.)  Das.,  175  8. 

Domarumzky  Endre,  A  renaismncie'kon  bölcadszet  törUnete,  (Geschichte  der 
Philosophie  im  Zeitalter  der  Renaissance  von  Andreas  DomanovszkL  Auch  unter  dem 
Titel:  Geschichte  der  Philosophie,  IV.  Band.)  Budapest,  1890,  Franklin,  492  S. 

Ember  öyörgy,  Csak  eyy  nun,  (Nur  ein  «auch»,  Roman  von  Georg  Ember.) 
Grosswardein,  1891,  Lang,  210  S.  

Euripidesy  Der  Oyclop,  ins  Ungarische  tibersetzt  von  Gregor  Csiky.  Von  der 
Kisfaludy-Gesellschaft  preisgekrönte  Uebersetzimg.  Budapest,  1890,  Franklin,  56  S. 

FrakncH  Vünios,  Mdtyde  kirdly,  (König  Matthias  Qorvinus  1440 — 1490,  von 
Wilhelm  Fraknöi.  Mit  zahlreichen  Blustrationen  im  Text  und  mehreren  Kunstbeila- 
gen.) Budapest,  1890,  Verlag  der  Historischen  Gesellschaft,  416  8. 

Goethe' 8  Iph'genie  auf  Taurüy  ins  Ungarische  tibersetzt  von  Johann  CsengerL 
Von  der  Kisfaludy-Gesellschaft  belobte  Uebersetzimg.  Budapest,  1890,  Franklin,  86  8. 

Qyulai  PdU  Arany  Jänos,  (Denkrede  auf  Johann  Arany  von  Paul  Gyulai.) 
Budapest,  1890,  Franklin,  56  S. 

Kenes^  B^la^  Kdivli-emlekkönyc  (Zur  Erinnerung  an  den  ersten  ungarischeii 
Bibeltibersetzer  Kaspar  K&roli  von  Adalbert  Kenessey),  Budapest,  1890,  Homyanszky, 
197  8. 

Kirdly  Pdl,  ülpia  TroQana,  (Ulpia  Trajana  Augusta  Colonia  Daciea  8armiz^ge- 
tusa  metropolis,  Daciens  Hauptstadt,  V4rhely  im  Komitate  Hunyad  in  Biebenbüigen, 
von  Paul  Kir41y.)  Budapest,  1891,  Athenäum,  178  S. 

Kis  Jdnos  sujtenntendens  emldkezdm,  (Erinnerungen  aus  dem  eigenen  Leben  von 
dem  8uperintendenten  Johann  Kis.)  2.  Auflage.  Budapest,  1890,  Franklin,  702  8. 

Kldn  Gyulu^  Emldkbeszed  Heer  ^  Oszcald  fököU  (Denkrede  auf  das  auswärtige 
Mitglied  der  Akademie  Oswald  Heer  von  Jtüius  Klein).  Budapest.  1890,  Akademie 
36  8eiten. 

Lubrich  AyosU  Tenndszetbölcselet,  (Naturphilosophie,  auf  Grund  der  neuesten 
Ergebnisse  der  im  Sinne  des  h.  Thomas  von  Aquino  geförderten  Forschungen,  von 
August  Lubrich.  HI.  Band:  Die  christlich-dualistische  Weltanschauung.)  Budapest, 
1890,  Selbstverlag,  712  8. 

Ungarn  in  Wort  und  Bild,  Bearbeitet  von  Bell  F.  A.,  Diaconovich  C,  Draga- 
lina  P.,  Gerlas  W.,  Imendörfler  A.,  Kenedi  G.,  Kraus  F.,  Plavsic  A.,  Römer  C.  J.,  Sieg- 
meth  K.,  Siegrus  E.,  Stemberg  A.,  Sziklay  J.  und  Weingärtner  C.  Mit  260  Dlustratio- 
nen  und  neun  Karten.  Ztirich,  1890,  (Budapest,  Grill),  534  8. 

*  Mit  AHSschiiiSB  der  mathematisch-natorwissenBchaftlichen  Literatur,  der  Sohnlbücher 
Erbanungsschriften  nud  Uobersetzungen  aus  fremden  Sprachen,  dagegen  mit  Berucksichti- 
'  gung  der  in  fremden  Sprachen  erschienenen,  aof  Ungarn  bezüglichen  Schriften. 


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GRAF  JULIUS  ANDßASSY. 


Graf  Julius  Andrässy  de  Osik-Szentkir&ly  und  Erasznahorka  wurde 
geboren  in  Easchau  am  3.  März  1823  als  Sprössling  des  älteren  Zweiges  der 
Familie  Andrässy.  Er  war  der  Sohn  des  Grafen  Karl  Andr&ssy  und  der 
Gräfin  Etelka  Szapäry.  Er  absolvirte  die  Mittelschule  in  Sätora^a-Ujhely 
und  Tata,  beendigte  seine  Universitätsstudien  in  Pest  und  bereiste  nachher 
Deutschland^  Frankreich,  Spanien  und  England.  In  die  Heimat  zurück- 
gekehrt, beschäftigte  er  sich  lebhaft  mit  öffentlichen  Angelegenheiten,  und 
obzwar  noch  ganz  jung,  stand  er  in  Folge  seiner  geistigen  Reife  dennoch 
alsbald  in  den  vordersten  Beihen.  Im  Frühling  des  Jahres  1846  schrieb  er 
als  S3-jähriger  junger  Mann  in  den  «Pesti  Hirlap»  einen  Artikel,  worin  er 
das  Syst'Cm  der  Obergespan-Stellvertreter,  der  sogenannten  Administratoren, 
welches  im  Lande  eine  fieberhafte  Erregtheit  hervorgerufen  hatte,  tadelte, 
gegen  die  Gonservativen  Stellung  nahm  und  gegen  die  Angriffe  derselben  die 
von  Franz  Deäk  in  der  Gravaminalfrage  in  der  Gongregation  des  Zalaer 
Comitates  beantragte  Adresse  in  Schutz  nahm.  Der  Zeitungsartikel  erregte 
Aufsehen,  und  Graf  Emil  Dessewffy  polemisirte  gegen  denselben  Wochen 
hindurch  im  iBudapesti  Hiradöi.  Mit  dieser  Arbeit  zog  Andrässy  die  Auf- 
merksamkeit Franz  Deäk's  auf  sich,  und  an  diese  knüpften  sich  die  ersten 
Fäden  ihres  Freundschaftsverhältnisses,  welches  in  der  Folge  von  epoche- 
machender Bedeutung  wurde  für  Ungarn  und  die  Monarchie.  Graf  Stefan 
Sz^henjd  kannte  Andrässy  schon  von  dessen  Eindeszeit  her,  er  gewann  ihn 
äusserst  li^b  und  hing  an  ihm  mit  der  ganzen  Innigkeit  seines  Herzens,  wo- 
von die  nachgelassenen  Tagebücher  Sz^chenyi's  in  rührendster  Weise  Zeu- 
genschaft ablegen.  Er  erblickte  in  Andrässy  den  Mann  der  Zukunft,  ausge- 
stattet mit  dem  Talente,  das  von  ihm,  Szechenjd,  begonnene  Werk  der  Be- 
form Ungarns  zu  glücklichem  Abschluss  zu  bringen.  Die  erste  Theissregu- 
lirungs-Gesellschaft  wählte  am  1.  Dezember  1845  den  22-jährigen  Andrässy 
auf  Vorschlag  Szechenyi's  zu  ihrem  Präsidenten  und  nahm  in  ihr  Sitzungs- 
protokoll die  folgenden  Worte  auf:  tZum  ordentlichen  Präsidenten  wurde 
mit  Stimmeneinhelligkeit  der  hochgeborene  Graf  Julius  Andrässy  gewählt, 
den  die  Gesellschaft  auch  bisher  schon  als  würdigen  Sprossen  seiner  ruhm- 
reichen Ahnen  und  als  neuen,  mit  leuchtendem  Glänze  aufsteigenden  Stern 

UngaiUchc  Ravao,  XI.  1891.  IV.  Heft.  lg 


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274  GRAF   JULIUS   ANDRiSSY. 

des  Vaterlandes  zu  kennen  so  glücklich  war.»  Es  war  um  diese  Zeit,  dass 
Szeebenyi  dem  Vicegespan  des  Szabolcser  Gomitates,  Ludwig  Eröss  sagte : 
•Nicht  ich  werde  dieses  Reguhrungswerk  durchführen,  sondern  der  Jüngling 
Julius  Andrassy.» 

Auf  dem  Reichstage  der  Jahre  1847 — 1848  wirkte  Andrassy  als  einer 
der  Ablegaten  des  Zempliner  Gomitates.  Am  2.  Februar  1848  schrieb  über 
ihn  Szechenjri  in  seinem  Tagebuche:  «AndrÄssy  ist  violleicht  der  Einzige, 
der  unsere  Angelegenheiten  von  einem  höheren  Gesichtspunkte  aus  be 
trachtet.»  Andrassy  unterwarf  sich  nicht  blindhngs  den  Ansichten  Sz6- 
chenjd's,  er  widersetzte  sich  in  jener  trüben  Zeit  mehr  als  einem  Plane  des- 
selben, in  noch  grösserem  Maasse  opponirte  er  aber  den  Uebergriffen  der 
Radikalen.  Ueber  die  Vorgänge  auf  diesem  denkwürdigen  Reichstage  sandte 
Andrassy  an  sein  Gomitat  regelmässige  Ablegatenberichte.  Wir  citiren  aus 
einem  dieser  Berichte,  der  das  Datum  des  9.  Mai  1849  trägt,  einige  Sätze, 
welche  die  politische  Richtung  des  nachmaligen  Ministers  des  Aeussem  bereits 
in  klaren  Umrissen  zeigen. 

«Wir  als  ehemalige  Schutzmauer  der  Christenheit»,  heisst  es  in  diesem 
Berichte,  «sind  die  unmittelbaren  Nachbarn  des  nordischen  Riesen,  und  es 
ist  vielleicht  unsere  Bestimmung,  dass  gleichwie  in  der  Vergangenheit  die 
Macht  des  Orients  an  unseren  Mauern  sich  brach,  so  in  der  Zukunft 
die  Macht  des  Nordens  sich  hier  breche.  Falls  das  Schicksal  uns  diese  Be- 
stimmung zugewiesen  hat,  dann  wollen  wir  dieselbe  mit  in  Grott  gesetztem 
Vertrauen  hinnehmen,  nicht  allein  darum,  weil  diese  Schicksalsfügung  eine 
grossartige  ist,  sondern  auch  deswegen,  weU  wir  in  dem  grossen  Kampfe, 
der  unserer  vielleicht  harrt,  auf  die  Sympathien  der  europäischen  dvilisirten 
und  freien  Völker  rechnen  können.  Wir  wollen  aber  dabei  bedenken,  dass 
wir  nur  dann  siegen  können,  wenn  wir  im  Kampfe  nicht  vereinzelt  dastehen. 
Ungarn  hat  durch  die  Ereignisse  der  jüngsten  Vergangenheit  eine  wichtige 
Position  in  der  Mitte  der  europäisch  gebildeten  und  freien  Nationen  einge- 
nommen. Damit  es  diese  seine  Stellung  behaupte,  bedarf  es  der  Eintracht 
und  der  Einigkeit,  wodurch  es  stark,  und  der  Sympathien,  von  welchen  es 
unterstützt  sei.  Das  Freiheitsgefühl  erweckt  diese  Sympathien,  und  diese 
werden  Nährung  und  Stärkung  finden  in  der  Interessengemeinschaft  zu- 
nächst mit  jenen  Völkern,  mit  welchen  wir  durch  die  pragmatische  Sanction 
und  durch  die  Geschichte  verknüpft  sind,  und  in  weiterer  Folge,  unter  Auf- 
rechthaltung unserer  nationalen  Selbstständigkeit,  mit  jenem  Volksstamme, 
welcher  die  Wiege  der  Civilisation  war  und  die  Buchdruckerkunst  und  das 
Schiesspulver,  diese  gewaltigsten  Waffen  des  menschlichen  Geistes,  unter 
seine  Erfindungen  zählt.» 

Das  erste  verantwortliche  Ministerium  ernannte  Andrassy  zum  Ober- 
gespan des  Zempliner  Gomitates.  Unterdessen  war  der  Bürgerkrieg  ausge- 
brochen und  auf  die  erste  Nachricht  von  der  organisirten  Erhebung  der 


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GRAF   JUIilüS   ANDRÄSSY.  275 

Kroaten  und  Serben  griflf  Andrässy  zum  Schwert.  Im  Juli  zum  Major  der 
Nationalgarde,  im  September  zum  Adjutanten  des  Generals  Moga  ernannt, 
nahm  er  an  der  Schlacht  bei  Päkozd,  welche  mit  der  Niederlage  Jellachich*s 
endigte^  theil ;  nicht  wenig  trag  zum  Erfolge  des  Tages  das  wirksame  Ein- 
greifen einer  Batterie  bei,  welcher  Andrässy  auf  eigene  Verantwortlichkeit 
die  Position  angewiesen  hatte.  Unter  den  Offizieren,  die  aus  Anlass  des 
Sieges  mit  besonderem  Lob  erwähnt  wurden  und  denen  das  Abgeordneten- 
haus in  seiner  Sitzung  vom  1.  Oktober  im  Namen  des  Vaterlandes  feier- 
lichen Dank  zollte,  befindet  sich  auch  der  Name  Andrässy's.  Auch  an  der 
unglücklichen  Schlacht  bei  Schwechat,  in  welcher  die  undisciplinirten,  in  der 
Eile  zusammengelesenen  ungarischen  Heerhaufen  den  feindlichen  Truppen 
nicht  Stand  zu  halten  vermochten,  war  Andrässy  betheiligt  und  hier  gab  er 
wiederholt  Proben  grossen  persönlichen  Muthes.  In  den  siegreichen  Schlach- 
ten von  Hatvan,  Täpiö-Bicske  und  Isaszeg  focht  Andrässy  als  Adjutant 
Görgey's.  Nun  wurde  aber  seiner  noilitärischen  Thätigkeit  ein  Ziel  gesetzt. 
Er  war  bereits  Honved- Oberst,  als  ihn  der  Minister  des  Aeussem  Graf 
Kasimir  Batthyäny  im  Juni  1849  in  diplomatischer  Mission  nach  Gonstan- 
tinopel  sandte.  Nur  zu  bald  hatte  er  Gelegenheit  seine  diplomatische  Geschick- 
lichkeit zu  bethätigen,  denn  mittlerweile  war  die  Katastrophe  von  Vilägos 
erfolgt  und  zahlreiche  ungarische  Patrioten  suchten  vor  der  Wärgarbeit 
Haynau*s  Zuflucht  auf  türkischem  Boden.  Auf  die  Entschiedenheit  der  Pforte, 
womit  diese  das  Verlangen  nach  Auslieferung  der  ungarischen  Emigranten 
zurückwies,  hatte  Andrässy's  Action  wesentlichen  Einfluss.  Von  Constan- 
tinopel  begab  sich  Andrässy  nach  London  und  zwei  Jahre  später  nach  Paris. 
Inzwischen  wurde  er,  nebst  35  seiner  Genossen,  als  Hochverräther  vom 
Pester  Militär- Gerichte  am  21.  September  1851  in  contumatiam  zum 
Tode  verurteilt  und  am  darauf  folgenden  Tage  auf  dem  Platze  hinter  dem 
Neugebäude  in  effigie  gehenkt.  Das  militärgerichtliche  Urteil  lautete 
wie  folgt : 

«Julius  Graf  Andrässy,  zu  Zemplin  geboren,  bei  26  Jahre  alt,  katho- 
lisch, ledig,. gewesener  Obergespan  des  Zempliner  Comitats  und  Mitglied  des 
Oberhauses,  am  1.  Januar  1850  wegen  angeschuldeten  Hochverrats  edicta- 
liter  citirt,  aber  nicht  erschienen,  ist  bei  gesetzlich  erhobenem  Thatbestande 
durch  rechtskräftige  Zeugnisse  überwiesen,  trotz  des  Allerhöchsten  Mani- 
festes vom  3.  Oktober  1848  als  Major  der  Nationalgarde  des  Zempliner  Co- 
mitats an  der  Schlacht  bei  Schwechat  am  30.  Oktober  1848  teilgenommen, 
das  schon  vorher  bekleidete  Amt  eines  Obergespans  des  besagten  Comitats  in 
revolutionärer  ßichtung  bis  Ende  März  1849  versehen,  darauf  von  der  revo- 
lutionären Begierung  in  der  Eigenschaft  eines  Agenten  die  Mission  nach 
Konstantinopel  angenommen,  als  solcher  auf  dem  Wege  dahin  im  Monate 
Juni  1849  die  Regierung  des  Fürstenthums  Serbien  zu  einer  feindseligen 
Haltung  gegen  Oesterreioh  und  vorläufigen  Bückberufung  der  Serben  und  des 

18* 


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276  GRAF  JXTL11I8   ANDRjtsST. 

Generals  Kniianin  zu  bewegen  gesucht  und  behufe  sicheren  Gelingens  dieses 
Planes  zur  Unterjochung  der  Serben  und  Kroaten  der  revolutionären  Regie- 
rung die  kühnsten  und  hinterlistigsten  Vorschläge  gemacht,  in  Eonstantinopel 
selbst  aber  bis  zur  Unterdrückung  der  Bebellion  Alles  angewendet  zu  haben, 
um  seine  officielle  Anerkennung  bei  der  ottomanischen  Pforte  durchzusetzen 
und  deren  Begierungsorgane,  wenn  nicht  anders,  so  durch  ihre  eigene  Gom- 
promittirung,  wozu  er  Mittel  der  verwerflichsten  Art  bei  der  revolutionären 
Regierung  in  Antrag  gebracht  hatte,  zum  feindseligen  Handeln  gegen  Oester- 
reich  zu  nötigen.» 

In  seiner  Verbannung  beobachtete  er  scharf  und  sammelte  wertvolle 
Erfahrungen  für  die  Zukunft.  Mit  klarem  Blicke  durchschaute  er  die  innere 
Hohlheit  des  glanzvollen  Empire  und  er  hielt  sich  fem  von  der  Conspiration 
der  Emigranten-Politik,  welche  auf  das  Eingreifen  Napoleons  zu  Gunsten 
des  niedergetretenen  Ungarn  ihre  Hoffnungen  baute.  In  Paris  befestigte  sich 
in  ihm  «immer  mehr  die  Ueberzeugung,  dass  Ungarns  Heil  nicht  von  einem 
Kampf  gegen  die  Dynastie,  sei  es  aus  eigener  Kraft,  sei  es  mit  fremder  Hilfe 
zu  erwarten  sei,  sondern  von  der  ehrlichen  Versöhnung  Ungarns  und  des 
Königshauses.  Darum  machte  er  auch  im  Jahre  1858  von  der  ihm  auf  Ver- 
wendung seiner  Mutter  gewährten  Amnestie  Gebrauch  und  kehrte  in  die 
Heimat  zurück.  Noch  in  Paris  vermählte  er  sich  mit  der  gefeiertesten  jungen 
Dame  Ungarns,  Gräfin  Katinka  v.  Kendeffy,  und  in  diesem  Herzensbupde, 
welchem  zwei  Söhne  und  eine  Tochter  entsprossen  sind,  fand  er  ein  beseli- 
gendes Glück  bis  ans  Ende  seines  Lebens. 

Mit  seiner  Heimkehr  aus  der  Emigration  beginnt  seine  eigentliche 
politische  und  staatsmännische  Thätigkeit,  welche  sich  fortschreitend  in  auf- 
steigender Linie  bewegte,  um  von  Erfolgen  gekrönt  zu  werden,  welche  in  der 
neueren  Geschichte  Ungarns  und  der  Habsburg'schen  Monarchie  ohne  Bei- 
spiel sind.  Nach  dem  italienischen  Feldzuge  wurde  die  ungarische  Frage 
akut.  Die  Notwendigkeit,  sich  mit  der  ungarischen  Nation  zu  verständigen, 
wurde  in  Wien  erkannt,  doch  scheute  man  vor  der  Wiederherstellung  der 
ungarischen  Verfassung  und  insbesondere  der  Gesetze  von  1848  zurück  und 
meinte,  Ungarn  als  einen  Teil  der  constitutionalisirten  Gesammtmonarchie 
behandeln  zu  können.  An  den  friedlichen  Verfassungskämpfen,  wie  an  den 
politischen  Gestaltungen,  welche  den  Dualismus  begründeten,  hatte  Andrässy 
nächst  Deäk  den  grössten  Anteil.  Der  Emigranten-PoUtik,  welche  eine 
grosse  Partei  zuhause  fortsetzen  wollte,  trat  er  mit  aller  Entschieden- 
heit entgegen,  er  strebte  mit  Deäk  den  «Ausgleich»,  aber  auf  jenen  histo- 
rischen und  verfassungsmässigen  Grundlagen  an,  wie  sie  durch  die  prag- 
matische Sanction  begründet  und  durch  die  Gesetzgebung  von  1848  weiter 
entwickelt  wurden,  ohne  dabei  die  Bedingungen  der  Grossmachtstellung  der 
Habsburg'schen  Monarchie  aus  dem  Auge  zu  verlieren.  Auf  dem  Beichstage 
von  1861,  wo  Andrässy  von  Deäk  zum  ersten  Vice-Präsidenten  vorgeschlagen 


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ÖftA^  JüIilÜB  AKDRitsST.  ^7? 

WQrde^  aber  dem  Führer  der  Bescblnss-Partei^  Eoloman  Tisza,  erlag,  war 
Ändrässy  in  diesem  Sinne  thätig.   Doch  dieser  Reichstag  wurde  bald  aufge- 
löst und  es  wurde  in  Ungarn  ein  militärisches  Provisorium  etablirt.  In  nutz- 
losen Experimenten  und  Versuchen,  Ungarn  für  den  Eintritt  in  den  Wiener 
Reichsrat  zu  gewinnen,  erschöpfte  Schmerling  seine  Staatskunst  bis  zum 
Jahre  1865.  In  diesem  Jahre,  am  16.  April,  erschien  der  berühmte  Osterartikel 
Franz  De&k's,  woran  Andr&ssy  abermals  wesentlichen  Anteil  hatte.   Der 
leitende  Gedanke  dieses  Artikels  war,  dass  Ungarn  seine  Hoffnungen  in  den 
König  setze  und  mit  unerschütterlichem  Vertrauen  von  ihm  sein  künftiges 
Heil  erwarte,  im  Uebrigen  jedoch  bereit  sei,  seine  historischen  Rechte  mit 
den  Bedingungen  der  Sicherheit  und  Grossmachtstellung  der  Monarchie  in 
Einklang  zu  bringen  und  der  Freiheit  und  dem  Gonstitutionalismus  der 
österreichischen  Kronländer  keinerlei  Hindernisse  zu  bereiten.   Die  nächste 
Folge  dieses  Artikels  war  der  Sturz  Schmerling's ;  der  Conservative  Georg  v. 
Majläth  wurde  zum  ungarischen  Hofkanzler,  der  ebenfalls  conservative 
Baron  Paul  Sennyey  zum  Tavernikus  Ungarns  ernannt,  der  ungarische 
Reichstag  wurde  einberufen.  Andrässy  wurde  zum    Vice-Präsidenten  des 
Reichstages  und  zum  Präsidenten  der  Adresscommission  gewählt.   Nun  galt 
es,  die  allgemein  gehaltenen  Ausgleichs-Ideen  in  concrete  Formeln  zu  fassen. 
Andrässy  hielt  dafür,  dass  die  friedliche  Wiederherstellung  der  1848er  Gesetze 
nicht  eher  möglich  ist,  als  eine  praktische  Lösung  gefunden  wird  für  die 
Frage :  in  welcher  Weise  die  gemeinsamen  Angelegenheiten  der  Monarchie, 
welche  schon  die  1848er  Gesetze  anerkannt  hatten,  von  den  beiden  Legis- 
lativen der  Monarchie  auf  verfassimgsmässigem  Wege  behandelt  werden 
sollten  ?  Es  stand  für  ihn  fest,  dass  Ungarn,  welches  auf  dem  historischen 
Rechtsboden  des  Dualismus  steht,  niemals  einer  Lösungsformel  beitreten 
werde,  welche  das  Princip  der  nationalen  Selbstständigkeit  und  des  Dualis- 
mus bis  auf  die  Person  des  Herrschers,  wo  der  Dualismus  selbstverständlich 
seine  Grenze  findet,  nicht  voll  zum]] Ausdrucke  bringt.  Ferner  müsse  die  Lö- 
sungsformel dem  Princip  der  Verfassungsmässigkeit  angepasst  werden,  weil 
sie  sonst  von  der  anderen  Hälfte  der  Monarchie  nicht  angenommen,  und 
endlich  den  Interessen  der  Grossmachtstellung  der  Monarchie  nach  aussen 
hin  Rechnung  tragen,  weil  sie  sonst  vom  Könige  zurückgewiesen  werden  würde. 
Die  Beweggründe  aller  drei  Factoren,  Ungarns,  Oesterreichs  und  8r.  Majestät, 
waren   in  gleicher  Weise  gerechtfertigt,  wenn  auch  ihrem  Ausgangspunkte 
nach   verschieden.    Andrässy    hielt  dafür,   dass  Niemand  berufener  sei 
Ungarns  staatsrechtliche  Forderungen  auf  historischer  Grundlage  darzule- 
gen und  mit  Nachdruck  zu  vertreten,  als  Franz  Deäk.   Andererseits  war 
aber  Andrässy  auch  davon  überzeugt,  dass  der  Nachweis  für  die  Berechti- 
gung der  ungarischen   Forderungen,   selbst   wenn    er    aufs    glänzendste 
geführt  wird,  allein  für  sich  zur  Ausgleichung  der  divergirenden  Gesichts- 
punkte  nicht   genüge,  so  lange    für    die  Behandlung  der  gemeinsamen 


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^?8  ÖRAl?   JÜLUTS   ANDRi(s8Y. 

Angelegenheiten  nicht  eine  Formel  gefunden  wird,  welche  dem  Dualis^ 
mus  und  der  Verfassungsmässigkeit  in  gleichem  Maasse  gerecht  wird.  In 
diesem  letzteren  Punkte  schienen  die  Hauptschwierigkeiten  für  eine 
gedeihliche  Lösung  der  obschwebenden  Fragen  zu  liegen,  darum  beschäf- 
tigte er  sich  hauptsächlich  mit  diesem  Punkte.  Andrässy  im  Vereine 
mit  Deäk  arbeitete  die  Lösungsformel  aus,  welche  dahin  ging,  dass  die 
gemeinsamen  Angelegenheiten  der  beiden  Staaten  7on  Delegationen,  die  sich 
als  vollständig  gleichberechtigte  Körperschaften  gegenüberstehen,  vertreten 
werden  müssten.  Der  ungarische  Reichstag  hätte  demnach  eine  bestimmte 
Anzahl  von  Delegirten  aus  seinem  Schosse  zu  wählen,  die  jedoch  keinerlei 
verbindliche  Instructionen  annehmen  dürften.  Jede  der  beiden  Delegationen 
bildet  für  sich  eine  selbstständige,  abgeschlossene  Körperschaft,  die  ihre  Be- 
ratungen gesondert  hält.  Dies  ist  der  Ursprung  der  Delegations-Institution,  die 
seither  fortbesteht  und  sich  im  Laufe  der  Jahre  nur  immer  besser  bewährt 
In  dem  67er  Ausschusse,  welchen  der  Reichstag  zur  Ausarbeitung  des  Aus- 
gleichs-Elaborats am  3.  März  1866  einsetzte  und  in  der  VQ^  diesem  Aus- 
schusse gewählten  engeren  Fünfzehner-Commission,  deren  Präsident  er  war, 
teilte  Andrässy  mit  Deäk  die  führende  Rolle.  Das  Elaborat  wurde  fertig, 
auch  vor  den  Reichstag  gebracht,  doch  war  mittlerweile  der  österreichisch- 
preussische  Krieg  ausgebrochen  und  der  Reichstag  am  26.  Juni  vertagt 
worden.  Nach  dem  böhmischen  Feldzuge  nahm  die  Ausgleichs-Action  einen 
raschen  Gang,  die  Lösung  der  ungarischen  Frage  war  nun  eine  brennende 
Notwendigkeit  geworden,  und  da  ist  es  bezeichnend,  dass  Deäk  und  Andrässy, 
weit  entfernt,  das  Missgeschick  des  Hofes  auszubeuten,  nur  die  nämlichen 
Forderungen,  wie  vor  dem  unglücklichen  Kriege,  geltend  machten.  Das 
erwähnte  Elaborat  der  Fünfzehner-Commission  wurde  in  Wien  als  Grund- 
lage des  Ausgleiches  angenommen,  Andrässy  am  17.  Februar  1867  zum 
Minister-Präsidenten  Ungarns  ernannt  und  mit  der  Bildung  des  verantwort- 
lichen Ministeriums  betraut.  An  diesem  denkwürdigen  Tage  sprach  Franz 
Deäk  in  Gegenwart  der  Partei  für  die  erfolgreiche  Vertretung  und  Verdol- 
metschung der  Wünsche  derselben  und  den  um  das  Zustandekommen  des 
Ausgleiches  bethätigten  Eifer  t  seinem  Freunde  Andrässy,  dem  uns  von  der 
göttlichen  Vorsehung  gegebenen  providentiellen  Manne,  seinen  Dank  ansi. 
Die  Situation,  welche  Andrässy  bei  der  Uebemahme  der  Regierung  vor- 
fand, war  eine  überaus  schvnerige.  Von  dem  ungarischen  Staatswesen  bestand 
nichts  als  die  Idee.  Der  Ausgleich  selbst  wurde  von  einer  starken  staatsrecht- 
lichen Opposition  heftig  angefochten.  Die  Nationalitätenverhältnisse  des 
Landes  waren  überaus  unerquicklich.  Die  Beziehungen  zu  Kroatien  sollten 
erst  geregelt  werden.  Binnen  kurzer  Zeit  jedoch  gelang  es  Andrässy,  den 
Staat  zu  organisiren^  die  ausgleichsfeindlichen  Elemente  zurückzudrängen, 
die  Einflüsse  der  österreichischen  Militärpartei,  welche  der  Selbständigkeit 
Ungarns  spinnefeind  war,  zu  paralysiren,  die  Militärgrenze  zu  entmilitari- 


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ÖRAB^  JtJLIXJS  ANDRASSY.  ^9^ 

siren,  die  Bewegung  der  Serben  und  Rumänen  zu  dämpfen,  die  kroatische 
Frage  zu  lösen.  Unter  seiner  glücklichen  Hand  bestanden  die  gemeinsamen 
Institutionen  die  erste  Probe.  Die  Armee  wurde  auf  Grundlage,  der  allge- 
meinen Wehrpflicht  organisirt  und  die  ungarischen  Honv^ds  atif  vollkom- 
men nationaler  Grundlage  wiederhergestellt  Andr^y  hat  das  Programm 
Szechenyi's  wiederbelebt :  er  schuf  die  vereinigte  Hauptstadt  und  legte  den 
Grundstein  zu  der  künftigen  Grösse  Budapests  nieder. 

Wichtiger  jedoch  für  die  allgemeine  europäische  Politik  und  für  die 
Geschicke  der  Monarchie  ist  die  Art  und  Weise,  wie  Andrässy  den  gesetz- 
Uchen  Einfluss  Ungarns  auf  den  Gang  der  auswärtigen  Angelegenheiten 
ausübte.  In  dem  entscheidungsschweren  Jahre  1870  war  es  Andrässy^  der 
gegenüber  den  abenteuerlichen  Plänen  Beust's  die  Neutralität  der  Monarchie 
verfocht  und  durchsetzte.  Die  Stellung  Beust's  war  durch  sein  Verhalten  in 
der  von  Bussland  aufgeworfenen  Pontusfrage  und  durch  seine  Zweideutig- 
keit gegenüber  den  föderalistischen  Experimenten  Hohenwarts,  welche  eben- 
falls von  Andrässy  zum  Scheitern  gebracht  wurden^  unhaltbar  geworden, 
und  Andrässy  wurde  am  13.  November  1871  zum  gemeinsamen  Minister 
des  Auswärtigen  und  des  kaiserlichen  Hauses  ernannt.  Auch  bei  Antritt 
dieser  Stellung  fand  Andrässy  eine  höchst  unerquickliche  Situation  vor.  Die 
Monarchie  war  vollständig  isolirt,  von  teils  misstrauischen,  teils  feindseligen 
Mächten  umgeben;  aus  der  alten  historischen  Position  in  Italien  und 
Deutschland  hinausgedrängt,  schien  sie  die  Grundlage  und  Ziele  ihres 
Bestandes  inmitten  der  neuen  Machtverhältnisse  verloren  zu  haben. 
Andrässy  hatte  den  Mut^  nicht  nur  an  der  Existenzberechtigung  Oester- 
reichs^  sondern  selbst  an  seiner  grösseren  Zukunft  nicht  zu  zweifeln.  Er  war 
vom  ersten  Augenblick  an  darüber  im  Klaren,  dass  dieselbe  nicht  im  Zurück- 
greifen nach  Verlorenem^  sondern  im  Ausgreifen  nach  dem  natürlichen 
Gravitationspunkt  der  Ostmark,  nach  dem  Osten  zu  suchen  sei.  Es  ist 
Andrässy's  Verdienst,  dass  die  Monarchie  vom  Jahre  1872  ab  auf  alle  deut- 
schen und  italienischen  Aspirationen  definitiv  verzichtet  und  eine  klare 
Orientpolitik  inaugurirt  hat,  ohne  in  einen  Conflict  mit  Bussland  zu  gera- 
ten, als  dessen  offener  Bivale  im  Orient  sie  mit  Erfolg  auftrat.  Andrässy 
war  es,  der  die  Orientpolitik  Oesterreichs  in  ganz  neue  Bahnen  lenkte,  indem 
er  als  Ungar  den  Mut  hatte,  sieh  von  dem  Dogma,  dass  die  Türkei  um 
jeden  Preis  zu  erhalten  sei,  loszusagen.  Er  trat  im  Verein  und  Wetteifer 
mit  Bussland  offen  als  Protector  der  Emancipation  der  christHchen  Balkan- 
völker auf,  welche  sich  bis  dahin  gewöhnt  hatten,  in  Oesterreich  den  prin- 
dpiellen  Feind  auch  ihrer  gerechtesten  Ansprüche  zu  sehen;  er  suchte 
aber  auf  demselben  Wege  auch  den  Verfall  der  Türkei  aufzuhalten,  indem 
er  ihr  zu  Beformen  riet,  welche  geeignet  waren,  jene  Völker  dem  russischen 
Einfluss  zu  entziehen.  Hierin  gipfelte  die  Politik,  welche  Andrässy  vom 
Anbeginn  bis  ans  Ende  seiner  Thätigkeit  als  Minister  des  Auswärtigen  ver- 


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^ÖO  OÄAP  itJUUS   AKDrIssY. 

folgte.  Seine  zweite  grosse  Idee,  an  der  er  in  allen  Phasen  seiner  Action 
unverbrüchlich  festhielt,  war  der  Gedanke  einer  Allianz  mit  Deutschland. 
«Die    klare    und  aufrichtige  Friedenspolitik •,   welche    er    in  seiner  Cir- 
culamote   bei  der  Uebemahme   der   auswärtigen   Geschäfte  proclamirte, 
machte  bald  genug  Eroberungen.  Allmälig  tritt  die  Monarchie  aus  dem  Zu- 
stande der  Isolirtheit  heraus.  Sollte  die  Annäherung  an  Deutschland  voll- 
zogen werden,  so  musste  man  auch  die  Entfremdung  zwischen  Oesterreicb- 
Ungarn  und  Bussland  überwinden,  denn  das  deutsche  Reich  stand  in  engen 
Beziehungen  zu  Bussland.  Im  Jahre  1872  kam  die  Drei-Eaiser-Entente  zu 
Stande,  welche  in  der  Folge  allerdings  nach  Aussen  den  Schein  gewann,  den 
russischen  Orientplänen  zugute  zu  kommen ;  allein  mit  der  Annäherung  an 
Bussland  war  der  erste  Schritt  zur  Anbahnung  des  freundschaftlichen  Ver- 
hältnisses mit  dem  deutschen  Beich  gethan.  1 875  wusste  Andrässy  den  Kaiser- 
König  Franz  Josef,  dessen  Heroismus  in  der  Pflichterfüllung  noch  keiner 
seiner  Minister  besser  erkannt  hatte,  zum  Besuche  Victor  Emanuels  in  Vene- 
dig zu  bestimmen.  Diese  Beise  legte  den  Grund  zur  späteren  Ausdehnung  des 
deutsch-österreichisch-ungarischen  Bündnisses  auf  Italien.  Bussland  gegen- 
über hat  Andrässy  nicht  nur  in  seiner  allgemeinen  Haltung,  sondern  auch  in 
den  auftauchenden  concreten  Fragen  der  allerkritischesten  Natur  jene  Stim- 
men Lügen  gestraft,  die  seinen  Amtsantritt  mit  der  Losung  «Bevanohe  für 
Vilägosi  begrüssten.  Er  hatte  in  allen  seinen  Handlungen  einzig  und  allein 
das  Interesse  der  Monarchie  vor  Augen.  Von  diesem  geleitet,  nahm  er  im 
serbisch-türkischen  Kriege  (1876)   eine  neutrale  Stellung  ein,  und  hinderte 
die  Bussen  nicht  an  dem  Kriege  gegen  die  Türkei.  Aber  die  vielfache  An- 
nahme, dass  in  Beichstadt  eine  Art  Teilung  der  Türkei  besprochen  wurde, 
ist  durch  die  Thatsachen  widerlegt.  Bussland  hätte  sich  auf  dem  Congresse 
gewiss  nicht  die  eroberten  Balkanländer  entreissen  lassen,  wenn  es  ein  von 
Deutschland  mitsignirtes  Versprechen  Oesterreich- Ungarns  besessen  hätte. 
Die  Mission  des  Generals  Sumarakoflf  (1877),  deren  Ziel  war,  Oesterreich- 
Ungam  zur  Cooperation  gegen  die  Türkei  zu  bewegen,  scheiterte  an  dem  Wider- 
stände Andrässy's,  der  es  hiebei  nicht  unterliess,  Bussland  vor  diesem  Kriege 
eindringlich  zu  warnen :  auch  dies  kann  als  Beweis  angesehen  werden,  dass 
in  Beichstadt  nichts  gegen  die  Türkei  beschlossen  wurde.  Wohl  aber  scheint 
Andrässy  seine  ganze  Politik  darauf  gerichtet  zu  haben,  dass  der  Orientkrieg 
sich  nicht  auf  Oesterreich-Ungam  entlade,  dass  aber  das  Habsburger  Beich 
seine  Orientinteressen  auf  politischem  Wege  zur  Geltung  bringe.  Diese  Politik, 
die  nach  Andrässy's  Auffassung  ebenso  gelten  musste,  wenn  Bussland  siegte, 
wie  wenn  es  unterlegen  wäre,  hatte  fast  die  gesammte  öffentliche  Meinung 
gegen  sich,  aber  den  Erfolg  für  sich.    Nach  dem  Fall  von  Plewna  dictirte 
Bussland  der  Türkei  bei  San  Stefano  Bedingungen^  die  Oesterreich-Ungam 
verwerfen  konnte :  denn  die  decimirte  russische  Armee  hatte,  sobald  sie 
Konstantinopel  occupirte,  die  englische  Flotte   vor   sich  und  die  intacte 


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GRAB*   JULIUS   ANDRASSY.  28l 

HeeresmachtOesterreich-Ungarns  hinter  sich.  Andrässy  widerstand  der  Versu- 
chung^ diese  Position  zu  einem  Kriege  auszunützen,  dessen  Erfolg  sicher  war; 
er  begnügte  sich  mit  dem  weniger  glänzenden,  aber  auch  weniger  gefährli- 
chen Erfolg,  Bussland  vor  das  europäische  Forum  zu  citiren.  Das  siegreiche 
Zarenreich  musste  der  Ladung  zum  Berliner  Gongress  folgen,  wo  Andrässy 
anscheinend  unter  deutscher  Patronanz,  die  leitende  Bolle  spielte.  Es  gelang 
ihm,  von  Europa  das  bedingungslose  Mandat  zur  Besetzung  Bosniens  zu 
erwirken,  während  sich  Bussland  verpflichten  musste,  die  von  ihm  besetzten 
Teile  der  Türkei  binnen  Jahresfrist  zu  räumen :  ein  Besultat,  das  überall 
mehr  gewürdigt  wurde,  als  in  Oesterreich-Ungam.  Hier  war  die  öflfentliche 
Meinung  nach  den  wiederholten  Versicherungen  der  offiziösen  Presse,  dass 
die  Occupation  Bosniens  nicht  der  Endzweck  der  österreichisch-ungarischen 
Politik  sei,  desorientirt,  durch  die  Schwierigkeiten  und  vielfach  überschätzten 
Opfer  der  Occupation  selbst  erbittert  und  durch  den  Wahn  erschreckt,  dass 
das  Ausgreifen  nach  slavischen  Gebieten  den  Dualismus,  die  Herrschaft  des 
deutschen  und  magyarischen  Elements,  bedrohe.  Andrässy  hatte  harte  par- 
lamentarische Kämpfe  zu  bestehen,  aus  denen  er,  unter  Aufopferung  seiner 
einst  unermesslichen  Popularität,  siegreich  hervorging,  allerdings  mit 
dem  Entschlüsse,  sich  solchem  Bingen  nicht  wieder  auszusetzen.  1879 
reichte  er  seine  Demission  ein  und  hielt  sie  trotz  des  Drängens  seines 
Monarchen  aufrecht.  Aber  noch  als  demissionirter  Minister  vollführte  er  die 
bedeutsamste  seiner  Thaten :  er  schloss  mit  Fürst  Bismarck,  der  auf  die 
Nachricht  von  Andrässy's  Bücktritt  nach  Gastein  geeilt  war,  das  deutsch- 
österreichisch-ungarische Bündniss.  So  hinterliess  er  die  Monarchie,  deren 
Eiistenz  bei  seinem  Amtsantritt  fraglich  schien,  in  einer  Position  neuen 
Ansehens  und  gemehrten  Prestiges. 

Er  selbst  trug  den  Keim  der  Krankheit,  die  ihn  zehn  Jahre  später,  am 
18.  Februar  1890,  dahinraffen  sollte,  bereits  in  sich.  Er  hörte  jedoch  nicht  auf, 
sich  als  Privatmann  und  Parlamentarier  an  den  öffentlichen  Angelegenheiten 
ratend  und  controllirend  zu  beteiligen.  Vieles,  was  seither  auf  dem  Gebiete 
der  äusseren  und  inneren  Politik  Oesterreich-Ungams  geschah,  vielleicht  noch 
mehr,  was  nicht  geschah,  ist  auf  seinen  Einfluss  zurück  zu  führen.  Sein 
Bücktritt  hat  ihm  nichts  von  seiner  Bedeutung  genommen  und  ihm  seine 
Beliebtheit  zurückgegeben.  Er  blieb  auch  seither  immerfort  der  Batgeber 
des  Königs  und  des  Landes,  und  in  kritischen  Augenblicken  war  sein  Wort 
entscheidend  für  die  Bichtung,  die  eingeschlagen  werden  sollte.  In  der  stür- 
mischen abgelaufenen  Wehrdebatte  vor  zwei  Jahren  war  es  Andrässy,  der 
die  Krone  über  die  Berechtigung  des  Wunsches  der  Nation  aufklärte,  wäh- 
rend er  zu  gleicher  Zeit  im  Oberhause  das  System  der  gemeinsamen  Armee 
verteidigte.  Nebstdem  hatte  er  stets  ein  reges  Interesse  für  unser  gesell- 
schaftliches und  Kunstleben,  für  jede  Bewegung  auf  dem  Gebiete  unserer 
Volkswirtschaft  und  unserer  Cultur,  —  für  die  Angelegenheiten  der  unga- 


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^^2  (j^AF  JttLItTR   ANDRjCsRt. 

rischen  Akadeniie  der  Wissenschaften  aber  ganz  besonders  ein  warmes 
Herz.  Unter  seiner  Premierschaft  hat  die  Gesetzgebung  die  Staatssnbvention 
für  die  Akademie  systemisirt.  Seine  am  10.  Juni  1876  erfolgte  Wahl  zum 
Directionsmitgliede  nahm  er  freudig  an,  und  nach  seiner  Heimkehr  aus 
Wien  liess  er  vielmals  in  den  Beratungen  der  Akademie  seine  entschei- 
dende Stimme  vernehmen.  Im  Jahre  1888  wurde  er  zum  Ehrenmitglied  der 
n.  Glasse  gewählt,  und  er  erschien  fleissig  zu  den  Classensitzungen.  Nach  dem 
Heimgänge  Treforts  wurde  er  1 889  für  die  Präsidentschaft  der  Akademie 
candidirt,  er  konnte  jedoch  aus  Bücksicht  auf  seinen  Gesundheitszustand 
diese  Würde  nicht  annehmen. 

Anlässlich  seines  Todes  bezeugte  die  Akademie  ihre  Verehrung  für  den 
Heimgegangenen  auch  dadurch,  dass  sie  ihre  Säulenhalle  für  die  Aufbah- 
ruDg  des  Leichnams  zur  Verfügung  stellte.  Von  hier  wurde  er  am  21.  Februar 
1890  zur  ewigen  Buhe  bestattet.  Seit  dem  Hinscheiden  Franz  Deäk's  gab  es 
keine  Trauerkundgebung,  die  derjenigen  glich,  mit  welcher  der  Verlust 
Andrässy's  beweint  worden  ist.  * 


VORLÄUFIGE  ERGEBNISSE  DER  VOLKSZÄHLUNG  1890. 

Gelesen  in   der   aiiflserordentlichen    Sitzung   der  ungarischen   Akademie  der  Wissen- 
schaften am  11.  Februar  1891. 

Wie  der  sorgsame  Landwirt  und  Kaufmann  von  Jahr  zu  Jahr  sein  In- 
ventar macht  und  sich  Klarheit  schafft  über  sein  Vermögen,  dessen  Hebung 
oder  Bäckgang  die  Bilanz  ausweist,  so  inventirt  auch  der  Staat  von  Zeit  zu 
Zeit  seinen  wertvollsten  Besitz,  die  Bevölkerung.  Was  jedoch  der  Einzelne 
von  Jahr  zu  Jahr  ausfährt,  vollbringt  der  Staat,  dem  ein  längeres  Leben  be- 
schieden ist,  nur  in  jedem  zehnten  Jahre.  Auch  Ungarn  macht,  getreu  den 
internationalen  Bestimmungen,  am  letzten  Tage  jedes  ablaufenden  Jahr- 
zehntes seine  Bevölkerungs-Bilanz ;  —  so  hat  es  auch  um  Mittemacht  des 
31.  Decembers  1890,  zum  dritten  Male  seit  Wiederherstellung  der  selb- 
ständigen ungarischen  Begierung,  gethan. 

Die  vorläufigen  Ergebnisse  der  Volkszählung,  welche  im  statistischen 
Landesbureau  zusammengestellt  werden,  habe  ich  zunächst  dem  mit  der 
Durchfährung  des  die  Volkszählung  verordnenden  Gesetzes  betrauten  Mini- 
ster in  amtlicher  Vorlage  mitgeteilt,   der  dieselben  wieder  Sr.  Majestät, 

*  Diesen  auf  den  verläaslichsten  Informationen  beruhenden  Nekrolog,  der  aus 
der  Feder  eines  Mannes  stammt,  der  dem  grossen  Staatsmann  nahegestanden,  ent- 
nehmen wir  dem  Feber  Hefte  des  «Anzeigerat  (Ertesitö)  der  Ungar.  Akademie.      D.  Bed. 


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VORLÄUFIGE   ERGEBNlBSfe   DER   VOLKSZÄHLUNG  1890.  ^S^i 

unserem  für  das  Glück  und  den  Fortschritt  seines  Volkes  warm  fühlenden 
gekrönten  Könige  unterbreitet  hat. 

Hier,  in  der  ungarischen  Akademie  der  Wissenschaften^  bringe  ich  nun 
diese  Elrgebnisse  zur  Eenntniss  der  ganzen  Nation,  welche  dieselben  gewiss 
mit  Freude  und  Genugthuung  empfangen  wird.  Denn  wir  haben  an  Zahl 
und  an  Kraft  zugenommen.  Die  Bevölkerung  des  ungarischen  Reiches  ist  in 
dem  verflossenen  Jahrzehnte  um  10  Percent  angewachsen,  d.  h.  die  Civil- 
bevölkerung  der  Länder  der  St.  Stefanskrone  hat  17  Millionen  überschritten! 
Wenn  wir  das  activ  dienende  k.  u.  k.  Militär  mit  91,396,  die  kön.  ungarische 
Honved  mit  16,074  und  die  kön.  ung.  Gendarmerie  mit  6306,  insgesammt 
mit  113,776  Mann  hinzurechnen,  so  hebt  sich  die  Zahl  der  thatsächlich  An- 
wesenden auf  17.449,705,  sie  beträgt  also  rund  17  Vi  Millionen. 

Diese  Ziffer  hat  eine  grosse,  eine  riesige  Bedeutung,  denn  darin,  dass 
die  Bevölkerung  unseres  Vaterlandes  um  mehr  als  anderthalb  Milhonen  zu- 
nahm, spiegeln  sich  sämmtliche  politischen,  volkswirtschaftlichen  und  sani- 
tären Errungenschaften  des  vergossenen  Jahrzehntes  wider.  Vergleichen  wir 
nur  die  jüngste  Vergangenheit  mit  der  Gegenwart  und  wir  werden  uns  von 
der  Wahrheit  meiner  Behauptung  überzeugen.  Mit  welch  drückenden,  ja 
niederschmetternden  Gefühlen  war  ich  gezwungen,  meinem  geehrten  Audi- 
torium vor  10  Jahren  von  derselben  Stelle  aus  zu  gestehen,  dass  Ungarns 
Bevölkerung  in  dem  Jahrzehnt  1870 — 1880,  ja,  richtiger  seit  1869,  also  in 
eilf  Jahren  von  15.417,000,  nur  auf  15.610,000  Seelen  gestiegen  ist,  so  dass 
der  Zuwachs  kaum  1 V*  Percent  betrug  und  einem  Jahresdurchschnitt  von 
kaum  0*1 1  Percent  entsprach.  Wohl  fallen  in  diese  traurigen  unvergesslichen 
siebziger  Jahre  ausser  der  Handelskrise  die  Cholera,  die  unfruchtbaren  Jahre, 
die  üeberschwemmungen  u.  s.  w.  und  alle  Kämpfe  und  Opfer  der  volkswirt- 
schaftlichen Beconstruction. 

Die  anwesende  bürgerliche  Bevölkerung  betrug : 

Im  Jahre  1890  Im  Jahre  1880  Also  im  Jahre  1890  mehr 

In  Ungarn 15.122,514  13.728,622     1.393,892  =  10-15  Vo 

In  Fiume  und  dessen  Gebiet                29,001  20,981           8,020  =  38-22  % 

In  Kroatien-Slavonien     2.184,414  1.892,499       291,915  =  15'42  7o 

Insgesammt  im  UDgsr.  Reich      17.335,929     15.642,102     1.693,827  =  10-82  Vo 

Es  ist  natürlich,  dass  die  Bevölkerungsverhältnisse  in  einem  so  grossen, 
ge<^raphisch  und  volkswirtschaftlich  so  verschiedenartigen  und  322,000 
Quadrat-Kilometer  übersteigenden  Staat  wie  Ungarn  weder  einen  gleichen 
Zustand,  noch  eine  gleiche  Zunahme  aufweisen  können.  Wir  können 
uns  also  besser  orientiren,  wenn  wir  das  ungarische  Mu